Versteckte Filmperlen: Zwei in einem Stiefel

Ab sofort gibt es hier eine neue Sparte: „Versteckte Filmperlen“. Sie soll auf wenig bis gar nicht bekannte Filme hinweisen, die im deutschsprachigen Raum auf DVD oder Blu-ray greifbar sind, dort aber eher ein Nischendasein fristen. Also nicht die n-te Besprechung von Casablanca, Singin‘ in the Rain oder Rio Bravo ist hier zu finden, sondern Werke, von denen der eine oder andere Filmfreund nicht mal ahnt, dass sie bei uns auf Scheibe erhältlich sind. Den Anfang macht eine wunderbare comedia all‘ italiana.

IL FEDERALE
Italien 1961
Mit Ugo Tognazzi, Georges Wilson, Stefania Sandrelli, u.a.
Drehbuch: Castellano & Pippolo (Franco Castellano & Giuseppe Moccia), Luciano Salce
Regie: Luciano Salce
Deutschsprachige Kino-Erstaufführung 1962 unter dem Titel Zwei in einem Steifel
Dauer: 87 min
Im deutschspachigen Raum auf DVD verfügbar

Manchmal staunt man: Plötzlich taucht ein alter italienischer Film aus den frühen Sechzigerjahren auf dem deutschsprachigen DVD-Markt auf, dessen Regisseur nicht mal eingefleischten Cinéasten bekannt sein dürfte und dessen bekanntester Schauspieler, Ugo Tognazzi, gerade mal bei der älteren Generation unter den Filmfreunden Assoziationen weckt. Weshalb zum Teufel ausgerechnet dieser Film bei uns auf DVD veröffentlicht wird, bleibt ein Rätsel. Aber eigentlich ist der Grund egal, denn hier handelt es sich um einen Glücksfall!

Il Federale, wie der Film im italienischen Original heisst – und in Italien ist der Film absolut nicht vergessen – spielt 1944, während weite Teile Italiens noch von den Wehrmacht besetzt waren. Innerhalb des Irrsinns, den die Nazis anrichten, enspinnt sich eine kleine menschliche Komödie um zwei völlig gegensätzliche Individuen, einen Humanisten und einen Faschisten, die eine Reise zusammen antreten, die quer durch ein vom Krieg malträtiertes Land und tief ins innere der italienischen Seele führt.

Primo Arcovazzi (Tognazzi), ein einfach gestrickter, aber im Grunde herzensguter Soldat Mussolinis, soll den geflüchteten Professor Bonafé, vorgesehenes Mitglied der künftigen (hoffentlich) demokratischen Regierung in Gewahrsam nehmen und ihn von den Abruzzen ins faschistische Zentrum nach Rom verfrachten. Als Belohnung soll er zum Provinzsekretär (Federale) befördert werden. Ein Motorrad mit Seitenwagen dient als Transportmittel – jedenfalls zu Beginn. Der schlaue Professor büxt aber immer wieder aus oder hält den armen Primo sonstwie auf Trab, jedenfalls wird die Reise zur ausgewachsenen Odysee, auf der die beiden ungleichen Gefährten die Nöte und Schutzmechanismen einer vom Wahnsinn des Krieges gebeutelten Bevölkerung kennenlernen. Das ergibt Momente von schönstem filmischem Aberwitz, aber auch leise, berührende Episoden, die allerdings nie ins Pathos abgleiten.

Regisseur Salce setzt das wunderbar kauzige und untergründig witzige Drehbuch genau richtig um: Mit trockenem Understatement und sicherem Gespür für die Figuren. Bonafé und Arcovazzi sind zwei unvergessliche, komplett gegensätzliche Figuren, die sich auf dem Weg nach Rom annähern und sich gegenseitig respektieren lernen. Die beiden werden von Tognazzi und Wilson grandios verkörpert, wobei sich Wilsons stoischer Lakonismus komplementär vom hyperaktiven Machismo Tognazzis abhebt.

Luciano Salce, ein heute völlig vergessener Regisseur, hat insgesamt 36 Filme gedreht und wirkte als Schauspieler in Filmen seiner Kollegen mit. Il federale lässt den Schluss zu, dass er ein guter Handwerker war, der ein gutes Drehbuch adäquat umsetzen und seine Schauspieler zu Bestleistungen animieren konnte. Bekannt ist der 1989 verstorbene Salce – zumindest in Italien – heute noch für seine beiden Fantozzi-Verfilmungen mit Paolo Vilaggio in der Titelrolle.
Der bekannteste Name, der in den Credits auftaucht, ist jener Ennio Morricones. Er schrieb die vollschräge und höchst vergnügliche Filmmusik zu Il Federale. Damals war Morricone der Filmwelt noch völlig unbekannt. Die Musik zu diesem Film war die erste, für die sein Name in den Credits erschien. Zuvor komponierte er noch – ohne im Vorspann genannt zu werden – die Musik zum 1959 erschienen Film Morte di un amico von Franco Rossi. Danach kamen – bis heute – 526 weitere Scores. Der Mann ist heute 87!
Übrigens weckt Il federale Assoziationen zu Martin Brests Midnight Run. Beide Filme haben praktisch dieselbe Ausgangslage; ersetzt man „die Nazis“ im einem Film mit „der Mafia“ im anderen, wird es augenfällig. Hat Hollywood sich da einmal mehr bei der commedia all‘ italiana bedient?

Erstaunlich, dass so ein alter, kaum mehr bekannter italienischer Film überhaupt den Weg auf den deutschsprachigen DVD-Markt findet. In der Serie „Kriegsfilm-Klassiker“ veröffentlichte die MIG Filmgroup diese Perle in einer Edition, die zwar ohne Extras daherkommt, dafür aber sonst vorbildlich ist: Die Bildqualität ist hervorragend, es gibt sowohl eine deutsche Synchron- als auch die italienische Originalfassung, die Untertitel sind zuschaltbar (wahlweise weiss oder gelb), die Übersetzung ist akkurat und stimmig.
Und der Film ist hervorragend! Eine commedia all‘ italiana, deren skurriler, schlitzohriger Witz eine wahre Freude ist! Zwei in einem Stiefel ist ein DVD-Glücksfall für Freunde und Sammler von Filmklassikern. Mein Tipp: Zugreifen – solange die DVD noch erhältlich ist!

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