Werner Krauss

Das Cabinet des Dr. Caligari (1920)

Deutschland 1920
Mit Werner Krauss, Conrad Veidt, Friedrich Fehér, Lil Dagover u.a.
Drehbuch: Carl Mayer und Hans Janowitz
Regie: Robert Wiene

Das phantastische Filmspiel „Das Kabinett des Dr. Caligari“, das im Marmorhaus über die Leinwand rollt, ist ein Experiment, das man bis in die kleinsten Kleinigkeiten als gelungen bezeichnen darf. Richard Oswald versuchte das Spukhafte im Film in seinen „Nachtgestalten“ im naturalistischen Milieu zu schildern, Robert Wiene nimmt den Expressionismus zu Hilfe und untermalt die Handlung im Verein mit seinen vortrefflichen künstlerischen Beratern Hermann Warm, Walter Reimann und Walter Röhrig sehr stark. -Der Abend, Berlin, Februar 1920-

Es ist natürlich noch nicht denkbar vollkommener Expressionismus, der zur Anwendung kam. Die ausführenden Maler, Hermann Warm, Walter Reimann, Walter Röhrig, mußten — Film ist auch Industrie — vorsichtig bleiben. Sie haben aber, wenigstens in der Darstellung der Landschaft, der Architektur, der Kulisse (mit Ausnahme der Möbel), auch nicht kompromisselt.-BZ am Mittag, Berlin, Februar 1920-

Die Geschichte des expressionistischen Films in Deutschland ist die Geschichte einer Reihe von Wiederholungen. Der Anfang ist nicht übertroffen worden… In ‚Caligari‘ ist ein Akkord angeschlagen, dessen Klangfülle durch seine Nachfolger nicht reicher, nicht kraftvoller geworden ist.-Rudolf Kurtz, 1926

Inhalt:
Die Binnenhandlung dieses expressionistischen Stummfilmklassikers erzählt die Geschichte des wahnsinnigen Dr. Caligari, der mit Hilfe eines Somnambulen (Schlafwandler) namens Cesare eine kleine norddeutsche Stadt in Angst und Schrecken versetzt. Tagsüber präsentiert Caligari den an einer merkwürdigen, tranceartigen Krankheit leidenden Cesare auf dem Jahrmarkt. Dort sagt der hochgewachsene, dürre und blasse Somnambule den Schaulustigen die Zukunft voraus. Des Nachts aber schleicht dieser Sklave Caligaris durch die Stadt und begeht unter dem Einfluß seines Herrn furchtbare Morde. Als eines Nachts ein junger Mann ermordet wird, dem Cesare den nahen Tod prophezeit hatte, ahnt Francis, ein Freund des Toten, daß Dr. Caligari mit der Sache zu tun hat. Als Francis´ Freundin Jane von Cesare bedroht und entführt wird, wird der Verdacht zur Gewißheit. Eine aufgebrachte Menge macht sich auf die Jagd nach dem flüchtenden Doktor. In einem Irrenhaus scheint Francis den Schausteller in die Enge getrieben zu haben, da muß er eine furchtbare Entdeckung machen: der wahnsinnige Dr. Caligari ist der Direktor der Anstalt…
-murnau-stiftung.de-

Was ist nicht schon alles gerätselt, gestritten und gedeutet worden um diesen neben Metropolis berühmtesten und bekanntesten aller deutschen Stummfilme! Was ist von den Urhebern nicht alles behauptet, wiederrufen und von Neuem behauptet worden, was später von den einen Filmhistorikern bekräftigt, von anderen bezweifelt wurde.
Stammt die Rahmenhandlung nun tatsächlich von Fritz Lang oder nicht? Wurde sie tatsächlich erst nachträglich und gegen den Willen der Drehbuchautoren eingefügt? Unterläuft sie wirklich, wie der bekannte Filmsoziologe Siegfried Kracauer (1889 – 1966) behauptet, die Originalintention des Films?
Welch grosse Verwirrung! Sie passt ganz gut zum Film!
Was da nun wer gesagt, geplant, verworfen und gewollt hat, lässt sich offenbar nicht mehr nachvollziehen – obwohl die Herstellung des Film in keine Zeit fiel, in der schriftliche Überlieferungen unbekannt waren. Aber da die Nazis Caligari als entartet bezeichneten und verboten, zerstörten sie möglicherweise auch damit im Zusammenhang stehende Produktions-Aufzeichnungen. Aber auch das ist nur eine Vermutung.

Man kann Robert Wienes Film aber auch schätzen, ohne genaustens über die Absichten der Macher Bescheid zu wissen. Was da zu sehen ist und spürbar wird, die Angst, der Horror (Caligari gilt als der erste Horrorfilm), das gibt eine Ahnung von der Atmosphäre jener Zeit, aus der er stammt. Vom noch nicht verarbeiteten und ausgestandenen Horror des ersten Weltkrieges, von der Unsicherheit und der Aufruhr der Weimarer Republik. Kracauer sagt explizit, es sei auch die Ahnung des künftigen Horrors, der am Horizont bereits aufschien, der sich in Caligari (und somit in der Weimarer Zeit) manifestierte.
Sieht man sich den Film heute an, bekommt man das Gefühl: Die Atmosphäre muss furchtbar gewesen sein.

Der Expressionismus ist in Caligari Mittel zum Zweck: Die Atmosphäre des Irren sollte mit bildnerischen Mitteln sichtbar gemacht werden. Dass dazu die gerade vorherrschende Stilrichtung in der bildnerischen Kunst beigezogen wurde, ist das eigentlich Geniale und Bahnbrechende an dem Film. Es war ein Experiment.
Damit wird klar, dass das Ziel der Macher nicht ein expressionistischer Film war; der Expressionismus stellte vielmehr das Mittel zum Zweck dar. In der kürzlich restaurierten Fassung des Films ist deutlicher sichtbar als bisher, dass nicht nur die Gesichter des Akteure, sondern in hohem Masse auch die Kulissen und teilweise auch die Kostüme dick bemalt sind. Andere Expressionismus-Elemente wie die Zweidimensionalität oder der konsequente Verzicht auf eine konventionelle Dramaturgie, sind in Caligari kaum zu finden. Die (aufwändigen) Kulissen betonen die Räumlichkeit entgegen der damals gängigen Doktrin extem, allerdings auf eine grotesk verzerrte Art, und die Spannungsdramaturgie des Krimis oder des Horrorfilms beherrscht das Geschehen ab der zweiten Filmhälfte deutlich.
Am Rande sei bemerkt, dass der einzige explizit expressionistische Film, Karlheinz Martins Von morgens bis mitternachts (ebenfalls 1920), der die Grundsätze der Kunstrichtung ungleich konsequenter filmisch umsetzt als Wienes Caligari, zum totalen Publikums-Misserfolg wurde.

Caligari ist im Vergleich zu Martins Film gefälliger, obwohl er noch heute die Sehgewohnheiten bisweilen strapaziert. Da ist allerdings nicht zuletzt die zeitliche Distanz „schuld“. Die Akteure spielen, den damaligen Gepflogenheiten des deutschen Theaters gemäss, „expressionistisch“, d.h. sie übertreiben in Gestik und Mimik – schamlos aus heutiger Sicht. So ist es beinahe unmöglich, zu sagen, ob sie gut sind oder schlecht. Zudem harzt die Dramaturgie in der ersten Hälfte beträchtlich. Ständig wird da der Handlungsfluss mit ellenlangen Zwischentiteln gestoppt, die im Schneckentempo über die Leinwand kriechen.
Nicht zuletzt ist Wienes Regie alles andere als grandios. Er platziert die Kamera an einem bestimmten Punkt, wo sie starr und ohne jedes Eigenleben das Geschehen abfilmt, obwohl man das 1920 schon anders konnte. Ob dies ebenfalls dem expressionistischen Konzept des Films geschuldet ist, entzieht sich allerdings meiner Kenntnis; möglich wäre es zumindest. Auch das Drehbuch kann nicht ganz abschliessend beurteilt werden, da die Urheberschaft der Rahmenhandlung nicht geklärt ist. Es darf aber bestimmt zu den stärksten Beiträgen an dieses Werk gezählt werden.

Das Cabinet des Dr.Caligari ist einer der wenigen Filme, die fast ausschliesslich aufgrund seiner Bild-Konzeption und dank des Bühnenbildes Meisterwerk-Status erlangt hat, Komponenten, die noch heute stark wirken und zutiefst beeindrucken. Man kann, etwas überspitzt, sagen, dass es nicht primär die dem Film immanenten Mittel sind, welche den Film zum dem Kunstwerk erheben, sondern die Malerei und die Kunstrichtung des Expressionismus.
Daraus folgt: Caligari trägt den Status des grossen expressionistischen Films allen Vorbehalten zum Trotz zu Recht.

Die Regie: 8 / 10
Das Drehbuch:  10 / 10
Die Schauspieler: 8 / 10
Gesamtnote: 10 / 10 (der hohe Punktestand wird in erster Linie durch die grandiosen Kulissen und die expressionistische Malerei erreicht)

Verfügbarkeit: Das Cabinet des Dr.Caligari gibt es bei uns in restaurierter Fassung auf DVD und auf Blu-ray. Gestreamt werden kann er bei keinem der deutschen Anbieter.

Bewegte Bilder

Ein kurzer Einblick in die Restaurationsarbeiten am Film (mit Ausschnitten).

 

 

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Der Film, der ohne Freud entstand

GEHEIMNISSE EINER SEELE
Deutschland 1925
Regie: G.W. Pabst
Mit Werner Krauss, Ruth Weyher, Pavel Pavlov, Jack Trevor u.a.
Dauer: 75 min

Ein deutscher Stummfilm, restauriert von der deutschen Transit Film und vom Filmmuseum München  – und doch ist Geheimnisse einer Seele in Deutschland nicht auf DVD erhältlich. In den USA und in Spanien hingegen ist die Restaurierung aus Deutschland auf Silberscheibe erschienen. Man mag sich über diese Tatsache wundern – oder ärgern – wirklich erklärbar ist sie nicht, zumal nicht nur mit diesem Film so verfahren wurde: Eine ganze Reihe deutscher Stummfilme, die in Deutschland nicht auf Silberling zu haben sind, bekomt man im Ausland auf DVD. Immerhin! (Mehr zum Thema siehe auch hier.)
Abstriche muss der auf Vollständigkeit bedachte Stummfilmfreund allerdings bei den Ausgaben aus den USA machen, denn die originalen Zwischentitel werden dort gemeinhin durch englische ersetzt. Offenbar hat man sich in der Branche darauf geeinigt, dass untertitelte ausländische Zwischentitel dem Geschäft nicht zuträglich sind.

Zum Film: Geheimnisse einer Seele ist eine populäre Veranschaulichung von Sigmund Freuds damals noch junger Psychoanalyse. Hans Neumann, Leiter der UFA-Unterabteilung Kulturfilm stiess auf der Suche nach modernen Sujets auf diese Thematik; nach historischen Projekten wie I.N.R.I. und Raskolnikov befand er wohl, die Kulturfilm müsse sich ein etwas zeitgenössicheres Image zulegen. Und da die Psychoanalyse gerade in aller Munde war, bot sie sich für seine Zwecke geradezu an.
Neumann fragte bei Professor Freud um Mitarbeit an. Dieser wollte jedoch von der Filmwelt nichts wissen; kurz zuvor erhielt er das für ihn merkwürdige Angebot, als Berater bei einer Serie von amerikanischen Liebesfilmen mitzuwirken, das er entrüstet ablehnte.
Zwei Psychiater aus Freuds engstem Kreis konnten schliesslich für Geheimnisse einer Seele gewonnen werden; ihre Furcht, weniger Berufene könnten sich des Filmprojekts bemächtigen und die Psychoanayse in Misskredit bringen führte zu ihrer Zusage, für die Drehbuchentwicklung und die Dreharbeiten als Berater zur Seite zu stehen.
Freud selbst war weiterhin nicht zur Mitarbeit zu bewegen. Er distanzierte sich im Zug der Filmarbeiten wegen interner Unstimmigkeiten von den beiden Beratern. Die Medien verkündeten indessen, der Meister selbst arbeite am Projekt; aus den USA tönte es, er führe selbst Regie.
Schliesslich drohten Kontroversen um den Film gar, den inneren Kreis der Freud-Anhänger zu spalten.

Als heutiger Betrachter wundert man sich etwas über den Rummel, den Geheimnisse einer Seele damals in Psychologenkreisen damals offenbar auslöste. Der Film bietet praktisch keine Angriffsfläche. Es handelt sich um eine relativ glatte, völlig kritiklose Dramaturgie der freudschen Traumdeutung.
Damit kein Missverständnis entsteht: Der Film vermag durchaus zu faszinieren, und das auf mehreren Ebenen; doch als Zeitdokument bezüglich Freuds Theorie ist er doch etwas zu vage und unverbindlich um von grossem Nutzen zu sein.

Pabsts Film überzeugt vollständig mit seinen Traumsequenzen und den Erinnerungsrückblenden. Da gelingen den Filmemachern unvergessliche, an den Expressionismus angelehnte Bilder von grosser suggestiver Kraft. Durch sie ist diser Film noch heute bekannt, sie werden oft zitiert und reproduziert. Das Aus-den-Boden-Wachsen einer italienischen Kleinstadt samt Turm, der sich phallisch aus der Erde in die Höhe schraubt ist eine Sequenz, wie sie in dieser Kühnheit ausserhalb der engen Welt des Animationsfilms nur im Stummfilm möglich war. Die Nachtmahre der von Werner Krauss gespielten Hauptfigur wird man dank ihrer eigenwilligen Konzeption kaum je vergessen. Hier verlässt der Film denn auch das ständig spürbare enge Korsett, das ihm der Legitimationswahn der Freud-Anhänger aufoktroyiert hatte.

Trotzdem ist auch jener Teil des Films, der in der Realität spielt, durchaus sehenswert – dank Pabsts Regie. Er lässt die Schauspieler nüchtern und zurückhaltend agieren und erzeugt gerade dadurch eine ständig präsente unterschwellige Spannung. Er bildet damit einen scharfen Kontrast zur expressionistisch angehauchten Traumsequenz; der Expressionismus dient dort unter anderem dazu, die Sequenzen, die in der Realität spielen durch den Kontrast glaubhafter, realistischer wirken zu lassen.
Und die effektvolle Lichtregie hilft mit, den Streifen über jeden Durchschnitt zu erheben und ihn zu einem eindringlichen Erlebnis zu machen.

Mit den höchst interessanten und ausführlichen Produktionsnotitzen, mit denen Kino International die DVD ausgestattet hat, wird der Film sehr gut ergänzt. Gerade diese Ergänzung bettet den Film in seinen historischen Kontext und erhebt ihn dadurch doch noch zum interessanten Zeitdokument.

8/10

Die DVD stammt von Kino International. Der Film wurde vom sorgfältig restauriert – mit sehr schönem Resultat. Die originalen deutschen Zwischentitel wurden allerdings durch englische ersetzt – für Puristen sicherlich ein Minus.
Die qualitativ wohl gleichwertige Ausgabe des spanischen Anbieters Divisa schafft da Abhilfe. Sie scheint in jeder anderen Hinsicht (Lizenzgeber, Musikbegleitung usw.) mit der hier besprochenen DVD identisch zu sein.

Die Begleitmusik stammt von Ekkehard Wölk (Klavier) und begleitet das Geschehen angemessen.

Regionalcode 0

Verfügbarkeit
USA: Die Film hier erwähnte DVD stammt aus dem Stummfilm-Sortiment von Kino International und kann auch dort bezogen werden. amazon.com bietet den Film ebenfalls an.
Europa: Divisa in Spanien bietet den Film ebenfalls an – mit den originalen deutschen Untertiteln. Hier gibt’s ihn günstig zu kaufen.
Für Preisvergleiche, evtl. preisgünstigere Angebote und andere Fragen im Zusammenhang mit DVD-Bestellungen aus dem Ausland siehe auch die Tipps zur DVD-Bestellung im Ausland.

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OTHELLO (1922)

Deutschland 1922
Regie: Dimitri Buchowetzki
Mit Emil Jannings, Werner Krauss, Lya De Putti, Ica von Lenkeffy u.a.
Dauer: 80 min

Shakespeare im Stummfilm – ist das nicht ein Wiederspruch in sich? Dimitri Buchowetzkis Othello beantwortet die Frage nicht, regt aber zu Gedanken zum Thema Literaturadaptionen an.

Der Stummfilm Othello benützt zwar Textpassagen Shakespeares als Zwischentitel, notwendigerweise fällt aber das Gros des Textes untern (Schneide)Tisch. Es bleibt das Gerüst der Handlung – und daraus haben Buchowetzki und sein Mit-Drehbuchautor Carl Müller-Hagen etwas Neues, Eigenes gemacht: Ein neues Kunstwerk, das Shakespeares Verse durch starke Bilder ersetzt; durch schöne Tableaus, durch Bewegungen, welche mittels raffinierter Choreographie von Bewegung und Schnitt harmonisch und fliessend erscheinen. Die Bilder und die Bewegungen der Akteure durch diese Bilder lassen eine ganz eigene, cinématografische Poesie entstehen und setzen sie jener des fehlenden Worten entgegen – ob dies gewollt ist oder nicht, sei dahingestellt. (Am Rande sei bemerkt, dass mich die Texttafeln mit der Zeit sogar stören, weil sie bisweilen etwas ungeschickt zwischengeschnitten sind.)

Es gibt Leute, die von cinémathografischen Literaturadaptionen absolute Buchstabentreue fordern. Da dies in einem Stummfilm von vornherein nicht möglich ist, stellt sich die Frage nach dem Sinn dieser Forderung. Sie stellt sich nicht nur im diesem besonderen Fall, auch allgemein wird immer wieder darüber diskutiert, wobei literarisch Beflissene oft zu anderen Ergebnissen gelangen als cinématografisch Angehauchte. Ich kann sie nur für mich beantworten: Jene sklavischen Literaturadaptionen, die ich kenne, sind gleichzeitig blutleer und dürr. Und ich kenne einige. Ich sehe keinen Grund, weshalb aus einer Vorlage nicht was Neues entstehen soll/ darf. Die hier diskutierte Othello-Adaption jedenfalls weckt Lust, das Stück zu lesen – und das ist das höchste Lob, das man einer Literaturverfilmung aussprechen kann. Werktreue Umsetzungen wie etwa Schlöndorffs Stiller hingegen bewirken oft das Gegenteil.

Wie bereits angetönt, glänzt Buchowetzkis Othello durch herrlich arrangierte Tableaus und grandiose Bauten und Dekors. Die Schauspielerleistungen hingegen sind umstritten: Die Frauen bleiben blass, ebenso Theodor Loos’ Cassio. Die Darbietungen von Emil Jannings und Werner Krauss sorgen da für mehr Diskussionsstoff. Die beiden „Giganten“ der deutschen Schauspielergilde sind selten zusammen im selben Film zu bewundern.

Während Jannings, schwarz bemalt, seltsam blass bleibt, bis die Eifersucht an ihm zu nagen beginnt, überzeugt Krauss vom Beginn weg mit katzenhafter Geschmeidigkeit und Verschlagenheit. Er liefert seinen Part, den intriganten Iago mit sichtlicher Lust am Spiel ab; ich wurde das Gefühl nicht los, als Vorbild hätte ihm irgendein fetter Kater gedient, eine These, die zumindest durch die grotesken Schnurrhaare, die ihm an der Oberlippe kleben, untermauert wird. Jedenfalls ist es eine Freude, ihm beim Spielen zuzuschauen.
Neben ihm wirkt Jannings hölzern und plump, erst recht, als er den Eifersüchtigen mimen muss, ein Gemütszustand, den er mit rollenden Augen, aufgeblasenen Backen, gebleckten Zähnen und krampfhaften Zuckungen auszudrücken versucht. Jannings spielt den Othello wie ein Theaterschauspieler, der sich bemüht, bis zur letzten Reihe durchzudringen. Wenn wir es nicht besser wüssten, würden wir ihn aufgrund dieses Films für einen Schmierenkomödianten halten.

Egal. Seine mimischen Entgleisungen können dem Film nichts anhaben. Die Bauten von Karl Machus und Fritz Kraencke, Krauss’ Spiel und Buchowetzkis Regie fesseln den Zuschauer von der ersten Minute weg. Auch wenn Othellos Ruf eher zweifelhaft ist, ich kann ihn fast vorbehaltlos empfehlen!

Die DVD-Ausgabe: Othello ist einer jener Klassiker des deutschen Stummfilms, die in Deutschland nie auf DVD erschienen sind. Kino on Video hat den Film in seiner amerikanischen Verleihfassung von damals herausgebracht, deshalb sind die Zwischentitel in Englisch. Das Bild stammt von einer 35mm-Kopie mit einigen Alterserscheinungen (Laufstreifen, Schmutzpartikel), die mich aber gemeinhin nicht zu stören pflegen. Die Bildqualität ist sehr gut, scharf und klar, und die Tiefenschärfe ist auch zufrieden stellend.

Die Musikbegleitung von Jon G. Mirsalis ist angemessen, aber etwas repetitiv, und mit zunehmender Filmdauer erweist sie sich als nicht besonders packend. Daran ändern auch die Schumann-Zitate nichts (aus dem Klavierkonzert), die aus mir unerfindlichen Gründen immer wieder erklingen.

Extras: Kino hat die DVD mit den enthaltenen Extras thematisch zu einer Shakespeare-Scheibe gemacht. So gibt es als Zugabe vier weitere Stummfilme, die einen Stoff des englischen Barden behandeln, Kurzfilme, die zwischen 1904 und 1911 entstanden sind; einer von D.W. Griffith (The Taming of the Shrew), einer von August Blom (Desdemona), und einen Pathécolor-Film mit Max Linder (Roméo se fait bandit).

Reginalcode: 0

Bestellung: Bestellen kann man den Film direkt beim Hersteller (Versandkosten nach Europa: $11). Für Preisvergleiche, evtl. preisgünstigere Angebote und andere Fragen im Zusammenhang mit Auslandbestellungen siehe auch die Tipps zur DVD-Bestellung im Ausland.