Monat: Dezember 2018

Shoplifters – Familienbande (2018)

Japan 2018
Mit Lily Franky, Sakura Andô, Kirin Kiki, Jyo Kairi, Miyu Sasaki u.a.
Drehbuch & Regie: Hirokazu Kore-eda
Dauer: 120 min

„Was zum Kuckuck schwafeln die denn da für einen Unsinn?“, dieser Gedanke ging mir in der ersten Hälfte dieses Films wiederholt durch den Kopf.
Eines der Probleme, die der fremdländische (d.h. nicht-europäische und nicht-englischsprachige) Film mit sich bringt, ist die Sprache. Schaut man sich solche Filme in der Originalfassung mit deutscher Untertitelung an, kann man die Untertitel nicht mit dem Gesagten vergleichen, weil man der Sprache nicht mächtig ist. Somit ist in diesem Fall nicht eruierbar, wo der oben zitierte unsinnige Dialog herrührt; ich kann nur vermuten: Er geht wahrscheinlich aufs Konto der Untertitel, die stehende japanische Redewendungen wörtlich übersetzen.
Es wird somit in den ersten Filmminuten klar, dass uns europäischen Filmeguckern ein grosser Teil der Bedeutung durch die Lappen geht – nicht nur auf der sprachlichen Ebene, auch gewisse Handlungsweisen und Symbole entziehen sich unserem Verständnis. Da stellt sich die Frage, ob wir (damit meine ich all jene, die mit der japanischen Kultur nicht vertraut sind) diesen Film wirklich beurteilen können.

Vieles bleibt fremd und rätselhaft, anderes wirkt vertraut. Die zugrunde liegende Geschichte ist sicher allgemeingültig: Im Zentrum steht eine etwas seltsame Familie; die Männer betreiben Ladendiebstal, die Frauen arbeiten, alle leben sie bei der Oma. Eines Abends klauen die beiden Männer ein kleines Mädchen, weil es von seinen Eltern im Winter auf den Balkon gesperrt wurde. Die Frauen sind zwar zuerst dagegen, doch als man an der Kleinen Spuren von körperlicher Misshandlung entdeckt, wird sie kurzerhand in die Familie integriert. Sie wird liebevoll ins Diebeshandwerk eingeführt und beginnt, sich in der fröhlichen Gemeinschaft wohl zu fühlen.
Das Leben in Omas kleinem Häuschen geht seinen beschaulichen Gang, bis ein misslungener Diebstahl die Polizei auf die Spur der Entführer lenkt…

Mehr darf eigentlich nicht verraten werden, denn das letzte Drittel des Film bringt eine überraschende Wendung. Sie kündigt sich zwar schon vorher in Ahnungen und Andeutungen an, trifft einen am Ende aber wie ein Schlag in den Magen.

Hirokazu Kore-eda leuchtet in seinem neuesten Film „die Familie“ nicht aus, wie in einigen Rezensionen behauptet wird – er demontiert sie regelrecht: Was ist eine Familie?, fragt er. Ist Blutsverwandtschaft gleichbedeutend mit Glück? Die Antwort, die er gibt, ist für uns Westler klar und somit banal. Aber vielleicht gilt diese Klarheit nur für unsere Kultur. Vielleicht ist diese Antwort in Japan ein Tabu. Dann wäre Shoplifters ein wichtiger Denkanstoss.
Und schon sind wir wieder bei der Schwierigkeit, einen solchen Film zu beurteilen: Ist Shoplifters nun banal oder ein wichtiger Denkanstoss?

Bestimmt ist er interessant, schön anzusehen, hervorragend gespielt, gut aufgebaut. Ich könnte mit dem Gros der Filmjournalisten mitheulen und Shoplifters in den höchsten Tönen loben; damit läge ich bestimmt nicht falsch. Schliesslich hat der Film in Cannes die goldenene Palme gewonnen. Ehrlich ist ein solches Verhalten allerdings nicht, und ich will meine Leserinnen und Leser nicht vergackeiern.
So bleibe ich lieber bei meinen Leisten und beim englischsprachigen Film. Ich habe es wieder einmal mit einem Film aus einer uns fremden Kultur versucht und bin an meinem mangelnden Verständnis für diese Kultur gescheitert.

Keine Wertung

Verfügbarkeit:
Der Film läuft zur Zeit in den Kinos

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Mary Poppins‘ Rückkehr (2018)

USA 2018
Mit Emily Blunt, Pixie Davis, Nathanael Saleh, Joel Dawson, Lin-Manuel Miranda, Ben Whishaw, Emily Mortimer, Julie Walters, Colin Firth, Meryl Streep u.a.
Drehbuch: David Magee nach den Romanen von P.L. Travers
Regie: Rob Marshall
Dauer: 130 min

Seit ein paar Jahren arbeiten die Disney-Studios die Klassiker vergangener Tage filmisch neu auf. Zeichentrickfilme wie „Cinderella“, „Die Schöne und das Biest“ oder „Das Dschungelbuch“ wurden durch die Remake-Mühle gedreht und mit den Mitteln der Computeranimation auf die Sehgewohnheiten heutiger Kinogänger zurechtgetrimmt. Dabei durften die Macher recht frei und kreativ mit den alten Vorlagen umgehen, was den Neuverfilmungen gut tat. Bei Mary Poppins Returns war der Ansatz allerdings nicht ganz derselbe…

Rob Marshalls Film setzt einige Jahre nach Mary Poppins‘ Abschied ein, Jane und Michael Banks sind inzwischen erwachsen. Michael (Ben Whishaw) wohnt noch immer im Haus an der Cherry Tree Lane, hat drei Kinder, Schulden und betrauert den frühen Tod seiner Frau. Zudem hat er nur noch ein paar wenige Tage Zeit, ein Darlehen zurückzuzahlen, bevor die Bank des verstorbenen Vaters ihm das Haus wegnimmt. Michaels ledige Schwester Jane (Emily Mortimer) versucht zu helfen, doch auch aus ihr wurde kein Finanzgenie. Zeit für Mary Poppins, wieder einmal nach dem Rechten zu sehen…
Man verrät nicht zuviel, wenn man sagt, dass sich zuletzt alles in Minne auflöst; das verstand sich bei einem Disney-Familienfilm schon immer von selbst. Der Weg zum Happy End ist hier gespickt mit schmissigen Musical-Nummern, schrägen Figuren, irren Begebenheiten und schrägen Abenteuern. Genauso, wie man das vom Originalfilm kennt.

Dieser wurde, wie erwähnt, nicht neu verfilmt: Mary Poppins Returns ist eine Fortsetzung. Eine Fortsetzung im Geist des Originals. Vor so etwas hatten sich Disneys Erben bislang wohlweislich gehütet. Dass ihre bisherigen Neu-Editionen andere Wege gingen als die Originalvorlagen hatte einen guten Grund: An einem zeitlosen, längst etablierten Filmklassiker gibt es nichts mehr zu rütteln. Will man einen solchen optisch aufpeppen, muss man gleichzeitig etwas Neues daraus machen. Von Fortsetzungen solcher zeitlich weit zurück liegender Klassiker sollte man besser die Finger lassen; es gibt in der Filmgeschichte genügend misslungene Beispiele für solche Unternehmungen, die regelmässig auch finanziell nicht reüssierten (Chinatown, The Blues Brothers, Grease, um nur einige wenige zu nennen).

Das Team um den Choreographen und Regisseur Rob Marshall (Chicago, Into the Woods) tat es trotzdem, obwohl dies in den Augen vieler Disney-Fans ein Sakrileg darstellt.
Wie der Film bei den anderen Hardcore-Fans ankommt, weiss ich nicht. Da ich selbst einer davon bin, kann ich aber meine eigenen Eindrücke beschreiben.

Sie lauten folgendermassen:
Die Handlung: Rubbish! Sie ist allzu deutlich nur Vorwand! Mary Poppins kommt, um Michael und Jane zu helfen, kümmert sich aber eigentlich nur um Michaels Kinder und unternimmt mit ihnen fantastische Ausflüge. Die Handlung kommt dank der zahlreichen Musikeinlagen lange Zeit nicht vom Fleck und geht bisweilen fast vergessen
Die Schauspieler: Durchwachsen. Emiliy Blunt und die drei Kinder sind prima besetzt, Ben Wishaw, Emily Mortimer und Lin-Manuel Miranda dagegen sind blass; am besten sind die alten und die uralten Hasen: Julie Walters, David Warner, Maryl Streep, Colin Firth, Dick van Dyke und Angela Lansbury sind mit sichtlichem Vergnügen bei der Sache.
Die Regie: Sobald es nichts zu choreografieren gibt, fällt Rob Marshalls Regie auf durchschnittliches Niveau zurück. Die Choreografien hingegen sind hervorragend!
Das Drehbuch: Ebenfalls eher durchschnittlich. Zu eng ist das Korsett, innerhalb welchem David Magee (Finding Neverland) seine Leinwand-Anleitung schreiben musste.
Denkt man sich Mary Poppins Returns ohne die Musik, die Choreografie und das Production-Design, dann bleibt ein schaler Eindruck von Durchschnittlichkeit. Dass der tatsächliche Eindruck aber ein ganz anderer ist, lässt sich folglich auf die drei oben erwähnten Elemente zurückführen: Die Musik, die Tanzsequenzen und der „Look“ des Films tragen Wesentliches dazu bei, dass diese Fortsetzung zu begeistern vermag. Und es sind genau diese drei Elemente, die auch den Erfolg des Originals ausmachten (plus der ganz charakteristische Disney-Zauber, den die Fortsetzung an einigen Stellen ebenfalls erreicht).

Die Lieder sind der Originalmusik der Gebrüder Sherman nachempfunden – ohne deren Qualität ganz zu erreichen (die Shermans waren im Hintergrund auch mit im Spiel,  als „musikalische Berater“). Marc Shaiman sind einige zeitlose, mitreissende Musik-Nummern gelungen, die zudem mit Zitaten an den bekannten Songs von 1964 anknüpfen. Auf zeitgeistgemässes, gesichtsloses massenkonformes Musik-Gepansche wurde glücklicherweise verzichtet – die üblichen, angeblich Erfolg generierenden Anleihen bei Rock und Rap konnten sich die Macher verkneifen.

Der Film ist eine einzige gelungene Abfolge von Musik- und Tanznummern, die von einem dünnen Handlungsfaden zusammengehalten werden. Fast schamlos wiederholt Mary Poppins Returns dabei die verschiedenen Elemente des Originals: Eine Zeichentrick-Realfilm-Mischsequenz ist dabei, statt des Kaminfegerballetts gibt es hier ein Lampenanzünder-Ballett, Mary Poppins gibt ein weiteres herzwärmendes Gutenacht-Lied zum besten, der an der Decke schwebende Onkel wird hier zur Cousine, deren Wohnung auf dem Kopf steht, und so weiter.

Für mich als Hardcore-Fan stellt sich das Mary-Poppins-Feeling durchaus ein, der Ton des Originals wird erstaunlich gut getroffen und ich kann das Experiment als „geglückt“ bezeichnen, auch wenn dabei natürlich kein eigenständiges Werk herausgekommen ist. Ob das aber genügt, ob Rob Marshalls Film gut genug ist, um auch ein junges, mit Disneys Original nicht vertrautes Publikum zu begeistern, wird sich erst weisen.
Ich hoffe, dass Mary Poppins Returns ein Riesenerfolg wird. Denn dann würden die Studiobosse ihren Komponisten vielleicht endlich erlauben, etwas anderes, etwas Zeitloseres und Originellers zu schreiben als das unsäglich seichte Pop-Gedudel, welches die Filmmusicals heute samt und sonders kontaminiert.

Die Regie: 8 / 10 
Das Drehbuch: 6 / 10 
Die Schauspieler: 7 / 10
>Zusatzressorts, für diesen Film unerlässlich:
Musik: 9 / 10
Choreografie: 9 / 10

Gesamtnote: 8 / 10

Verfügbarkeit:
Der Film läuft zur Zeit in den Kinos

Das Philadelphia-Experiment (1984)

USA 1984
Mit Michael Paré, Nancy Allen, Bobby di Cicco, Eric Christmas, Stephen Tobolowsky, Louise Latham u.a.
Drehbuch: Michael Janover und Willam Grey nach einem Buch von Charles Berlitz und William L. Moore
Regie: Stewart Rafill
Dauer: 102 min

Das „Philadelphia-Experiment“ ist ein sagenumwobenens Geheimprojekt aus dem Amerika der Vierzigerjahre, das sich damit befasst hatte, Kriegsschiffe für den Radar des Feindes unsichtbar zu machen. Dabei soll ein ganzes Schiff plötzlich verschwunden sein. Diese Legende gab immer wieder Anlass zu Spekulationen. Die wildeste stammt aus der Feder des Bermuda-Dreieck-Erfinders Charles Berlitz und liegt diesem Film zugrunde.

Eines der oben erwähnten Radar-Experimente hat zur Folge, dass sich in Stewart Rafills Film die USS Eldridge samt seiner gesamten Mannschaft vor den Augen der versammelten Honorabilien langsam in Luft auflöst.
An Bord bricht die Hölle los. Zwei der gepeinigten Matrosen (Michael Paré und Bobby di Cicco) gelingt während der Katastrophe der Sprung über Bord, der sie ins Nichts befördert. Sie stürzen in ein Zeitloch, welches durch das Experiment und den Umstand, dass im Jahr 1984 eine ähnliche Versuchsanordnung durchgeführt wurde, entstanden ist. So fallen die beiden Besatzungsmitglieder im Jahr 1984 am Rande der Wüste Nevada aus dem Loch heraus, ohne freilich zu ahnen, wo – und vor allem wann – sie da gelandet sind.

Indes wütet das Zeitloch als elektrischer Sturm über Nevada und droht alles einzusaugen. Da ist guter Rat teuer; der Leiter des Nevada-Experiments, derselbe der schon das Schiff zum Verschwinden brachte, ahnt allerdings so langsam, was da vorgefallen sein könnte. Als er von den seltsamen zwei Männern hört, die in der Nähe von sich reden machen, setzt er das Militär auf sie an.

Der Film (…) zeigt was passieren kann, wenn man an der Zeit herumdoktort – so der Kommentar eines amazon-Users. Also, Leute, seid ja vorsichtig damit!
So ernst wie der amazon-Kunde darf man den Streifen natürlich nicht nehmen. Die ihm zugrunde liegende Story ist nichts als ein hanebüchender, an den Haaren herbeigezogener Schmarren. Wie ich hier schon mehrmals festgehalten, scheuen sich die Amis nicht, die abgefahrensten, kindischsten Vorlagen umzusetzen. Manchmal zahlt sich das aus – hier zum Beispiel!

Die Crew um Regisseur Rafill nehmen Berlitz‘ verschwurbelten Quark zum Anlass, einen interessanten Science-Fiction-Film zu drehen, der trotz aller Logiklöcher fesselt und der trotz des weitgehend fehlenden Humors sympathisch ist. The Philadelphia-Experiment ist für mich ein ebenso unerklärliches Phänomen wie das darin vorkommende Zeitloch: Er hat vor allem auf der Handlungsebene Voraussetzungen für eine „goldene Himbeere“, ist aber so gradlinig geschrieben und inszeniert (nach dem Motto „Augen zu und durch“), dass er wider Erwarten funktioniert. Er wirkt auf mich wie eine auf Kinoformat erweiterte Folge der Serie The Twilight Zone: Auch dort wurden den TV-Zuschauern jeweils hanebüchene Storys aufgetischt, die dazu animierten, die Fantasie walten zu lassen ohne den Verstand abzuschalten. Genauso funktioniert das hier. „Was wäre, wenn…“ steht wie ein Motto über dem Film, der dann geschickt alle Register des Spannungskinos und des fantastischen Films zieht, die man aber nur geniessen kann, wenn man bereit ist sich auf die Fantasiereise mitnehmen zu lassen.

Die Regie: 7 / 10 
Das Drehbuch: 7 / 10 
Die Schauspieler: 7 / 10 
Gesamtnote: 7 / 10

Verfügbarkeit:
The Philadelphia Experiment kam 1985 auch in die deutschsprachigen Kinos.
Der Film ist hierzulande auf DVD erhältlich (deutsche Synchro / englische Originalfassung mit deutschen UT).
Im Stream zu finden ist er bei Watchbox (nur Deutsch; kostenlos).