Diesen Film sollte man gesehen haben

Her (2013)

USA 2013
Mit Joaquin Phoenix, Scarlett Johansson, Amy Adams, Rooney Mara, Chris Pratt u.a.
Drehbuch und Regie: Spike Jonze

Spike Jonze hat mit Her einen klugen und feinfühligen Film über unsere Faszination für High-Tech-Geräte geschaffen. Unsere Welt voller Smartphones, Tablets und Videospiele macht menschliche Beziehungen scheinbar überflüssig. Ein Trugschluss, den uns Her in poetischer Weise vor Augen führt.
-Gaby Tscharner auf „cineman.ch“-

Inhalt:
Theodore Twombly (Joaquin Phoenix) arbeitet als Autor persönlicher Briefe, die in der nahen Zukunft eine Seltenheit geworden sind. Während er sein Geld also damit verdient, wildfremden Auftraggebern zu privatem Glück zu verhelfen, fühlt sich Theodore nach der Scheidung von seiner Frau Catherine (Rooney Mara) selbst allein und einsam. Beeindruckt von einer Werbung kauft er sich ein neues Betriebssystem, das mit einer artifiziellen Intelligenz ausgestattet ist und ihn von nun an auf allen seinen Geräten begleitet. Nachdem Theodore einige persönliche Fragen beantwortet hat, bekommt das Programm eine Stimme und einen Namen: Die charmante Samantha (Stimme: Scarlett Johansson) ordnet nicht nur Theodores Mails und sucht den besten Song für jede Stimmung aus, sondern entpuppt sich auch als perfekte Gesprächspartnerin, mit der Theodore über Gott und die Welt reden kann. Durch Samanthas humorvolle und einfühlsame Art beginnt der deprimierte Mann, langsam wieder Freude zu empfinden – und sich in das Programm zu verlieben…
(filmstarts.de)

Science-Fiction-Filme werden oft belächelt und als „zweitrangig“ eingestuft – kein Wunder, sind sie doch meist abgehoben, kindisch, belanglos, eskapistisch (jüngstes Beisipel: Luc Bessons Valerian). Selten bedient sich jemand des Genres in ernsthafter Art und Weise; dass dabei wahre Meisterwerke entstehen können, zeigt Spike Jonzes Film Her.

„Träumen Androiden von elektrischen Schafen“, so fragte noch 1968 der bekannte Science-Fiction-Autor Philip K. Dick im Titel seines Kult-Romans, der u.a. die verschwimmenden Grenzen zwischen Mensch und Maschine thematisierte. Ridley Scott hatte 1982 einen bahnbrechenden Film daraus gemacht: Blade Runner
In Her macht sich Regisseur Spike Jonze (Being John Malkovich) auf Dicks Spuren und fragt: „Können künstliche Intelligenzen lieben“?

In diesem seinem bisher letzten langen Film entwirft Jonze keine bizarren Zukunfts-Welten; die Protagonisten in Her befinden sich nur wenige Jahre oder Jahrzehnte von unserer Zeit entfernt, in einer städtischen Umgebung, die sich von den unseren nur minimal unterscheidet. Die „kleinen Unterschiede“ platziert Jonze klug und pointiert, als logische Fortsetzungen unseres heutigen Lebens, doch sie sprechen Bände über aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen und über eine durchaus vorstellbare künftige Welt.

Weitere Kommentare verkneift Jonze sich – wohltuenderweise! Her ist keine gallige Brandrede gegen die Entmenschlichung der modernen Welt à la Brazil, kein Zeigefinger schwingendes Aufklärungsstück eines intellektuellen Mahnapostels. Spike Jonze, der auch für das Drehbuch verantwortlich zeichnet, zeigt gänzlich unaufgeregt, mit der Ruhe eines Trauernden, in welche Katastrophe die menschliche Gesellschaft driftet. Seine Liebesgeschichte zwischen einem einsamen Mann und einer Computer-Intelligenz ist in ihrer schlichten Schönheit derart abgründig, in seiner Konsequenz derart erschreckend, dass einen das nackte Entsetzen packt, sobald man realisiert, worauf sie hinausläuft. Und es lässt einen nicht mehr los.

Jonze kleidet seine Gesellschaftskritik ins schöne Gewand des Liebesdramas und konterkariert das Entsetzliche, das er zu erzählen hat (anfänglich) mit dem Glück der Protagonisten und der Schönheit der Bilder. Nebenbei wirft er eine ganze Reihe ernsthafter Themen auf, wie etwa jenes der reinen, nicht an einen Körper gebundenen Liebe. Auch das Nachdenken über die Frage, was denn wahre Liebe ausmache, wird angeregt. Die Einsamkeit des modernen Menschen wird behandelt.
Für all das braucht Jonze Bilder statt Worte – eindringliche Bilder, die liebevoll und behutsam eingestreut werden – und nachwirken, viel stärker als elaborierte Thesen, weil über ihnen die Trauer liegt über den Wandel, den Jonze beobachtet, den Wandel der zwischenmenschlichen Beziehungen. Was den Film über allem anderen auszeichnet, ist seine Unaufdringlichkeit; wer sich darauf einlässt, entdeckt unter der schönen Oberfläche eine Dringlichkeit, die im Kino Seltenheitswert hat. Ein Widerspruch? Man muss es erleben.

Her ist von einer seltenen Stimmigkeit. Jonzes Konzept überzeugt bis ins kleinste Detail – man glaubt, was man sieht („Genauso könnte unsere Zukunft aussehen!“). Die Wahl der Schauspieler ist grandios – allen voran jene Scarlett Johanssons, die körperlich im Film nicht präsent ist. Sie spricht „Samantha“, die künstliche Intelligenz und hat die schwierige Aufgabe, allein durch ihre Stimme ein (artifizielles) Wesen zu erschaffen, mit dem man mitfühlt. Es ist erstaunlich, wie sie kraft ihrer Stimme sämtliche Schattierungen der menschlichen Emotionen auf den Zuschauer überträgt und das Publikum schliesslich zu Tränen rührt!

Fazit: Her gehört zu den Werken der jüngeren US-Filmproduktion, die man gesehen haben sollte.

Die Regie: 10 / 10 
Das Drehbuch:  10 / 10 
Die Schauspieler: 10 / 10 
Gesamtnote: 10 / 10

Verfügbarkeit: Her gibt es im deutschsprachigen Raum auf DVD und auf Blu-ray. Gestreamt werden kann er zudem bei amazon, iTunes, Google Play, Rakuten TV, Microsoft und Videoload. Streaming in der Schweiz: amazon prime video (Deutsch/Englisch mit dt. Untertiteln), Hollystar.ch (nur Deutsch), Teleclub Play (nur Deutsch), iTunes (Deutsch/Englisch mit dt. Untertiteln), Google Play.
Wer den Film gerne in der Originalfassung mit (oder ohne) dt. Untertiteln sehen möchte (dringend empfohlen!), besorgt sich am besten die DVD oder die Blu-ray – oder sieht ihn sich bei iTunes an. amazon und Videoload bieten den Filme alle auch in der Originalfassung an (allerdings ohne dt.Untertitel).

Bewegte Bilder

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Das Cabinet des Dr. Caligari (1920)

Deutschland 1920
Mit Werner Krauss, Conrad Veidt, Friedrich Fehér, Lil Dagover u.a.
Drehbuch: Carl Mayer und Hans Janowitz
Regie: Robert Wiene

Das phantastische Filmspiel „Das Kabinett des Dr. Caligari“, das im Marmorhaus über die Leinwand rollt, ist ein Experiment, das man bis in die kleinsten Kleinigkeiten als gelungen bezeichnen darf. Richard Oswald versuchte das Spukhafte im Film in seinen „Nachtgestalten“ im naturalistischen Milieu zu schildern, Robert Wiene nimmt den Expressionismus zu Hilfe und untermalt die Handlung im Verein mit seinen vortrefflichen künstlerischen Beratern Hermann Warm, Walter Reimann und Walter Röhrig sehr stark. -Der Abend, Berlin, Februar 1920-

Es ist natürlich noch nicht denkbar vollkommener Expressionismus, der zur Anwendung kam. Die ausführenden Maler, Hermann Warm, Walter Reimann, Walter Röhrig, mußten — Film ist auch Industrie — vorsichtig bleiben. Sie haben aber, wenigstens in der Darstellung der Landschaft, der Architektur, der Kulisse (mit Ausnahme der Möbel), auch nicht kompromisselt.-BZ am Mittag, Berlin, Februar 1920-

Die Geschichte des expressionistischen Films in Deutschland ist die Geschichte einer Reihe von Wiederholungen. Der Anfang ist nicht übertroffen worden… In ‚Caligari‘ ist ein Akkord angeschlagen, dessen Klangfülle durch seine Nachfolger nicht reicher, nicht kraftvoller geworden ist.-Rudolf Kurtz, 1926

Inhalt:
Die Binnenhandlung dieses expressionistischen Stummfilmklassikers erzählt die Geschichte des wahnsinnigen Dr. Caligari, der mit Hilfe eines Somnambulen (Schlafwandler) namens Cesare eine kleine norddeutsche Stadt in Angst und Schrecken versetzt. Tagsüber präsentiert Caligari den an einer merkwürdigen, tranceartigen Krankheit leidenden Cesare auf dem Jahrmarkt. Dort sagt der hochgewachsene, dürre und blasse Somnambule den Schaulustigen die Zukunft voraus. Des Nachts aber schleicht dieser Sklave Caligaris durch die Stadt und begeht unter dem Einfluß seines Herrn furchtbare Morde. Als eines Nachts ein junger Mann ermordet wird, dem Cesare den nahen Tod prophezeit hatte, ahnt Francis, ein Freund des Toten, daß Dr. Caligari mit der Sache zu tun hat. Als Francis´ Freundin Jane von Cesare bedroht und entführt wird, wird der Verdacht zur Gewißheit. Eine aufgebrachte Menge macht sich auf die Jagd nach dem flüchtenden Doktor. In einem Irrenhaus scheint Francis den Schausteller in die Enge getrieben zu haben, da muß er eine furchtbare Entdeckung machen: der wahnsinnige Dr. Caligari ist der Direktor der Anstalt…
-murnau-stiftung.de-

Was ist nicht schon alles gerätselt, gestritten und gedeutet worden um diesen neben Metropolis berühmtesten und bekanntesten aller deutschen Stummfilme! Was ist von den Urhebern nicht alles behauptet, wiederrufen und von Neuem behauptet worden, was später von den einen Filmhistorikern bekräftigt, von anderen bezweifelt wurde.
Stammt die Rahmenhandlung nun tatsächlich von Fritz Lang oder nicht? Wurde sie tatsächlich erst nachträglich und gegen den Willen der Drehbuchautoren eingefügt? Unterläuft sie wirklich, wie der bekannte Filmsoziologe Siegfried Kracauer (1889 – 1966) behauptet, die Originalintention des Films?
Welch grosse Verwirrung! Sie passt ganz gut zum Film!
Was da nun wer gesagt, geplant, verworfen und gewollt hat, lässt sich offenbar nicht mehr nachvollziehen – obwohl die Herstellung des Film in keine Zeit fiel, in der schriftliche Überlieferungen unbekannt waren. Aber da die Nazis Caligari als entartet bezeichneten und verboten, zerstörten sie möglicherweise auch damit im Zusammenhang stehende Produktions-Aufzeichnungen. Aber auch das ist nur eine Vermutung.

Man kann Robert Wienes Film aber auch schätzen, ohne genaustens über die Absichten der Macher Bescheid zu wissen. Was da zu sehen ist und spürbar wird, die Angst, der Horror (Caligari gilt als der erste Horrorfilm), das gibt eine Ahnung von der Atmosphäre jener Zeit, aus der er stammt. Vom noch nicht verarbeiteten und ausgestandenen Horror des ersten Weltkrieges, von der Unsicherheit und der Aufruhr der Weimarer Republik. Kracauer sagt explizit, es sei auch die Ahnung des künftigen Horrors, der am Horizont bereits aufschien, der sich in Caligari (und somit in der Weimarer Zeit) manifestierte.
Sieht man sich den Film heute an, bekommt man das Gefühl: Die Atmosphäre muss furchtbar gewesen sein.

Der Expressionismus ist in Caligari Mittel zum Zweck: Die Atmosphäre des Irren sollte mit bildnerischen Mitteln sichtbar gemacht werden. Dass dazu die gerade vorherrschende Stilrichtung in der bildnerischen Kunst beigezogen wurde, ist das eigentlich Geniale und Bahnbrechende an dem Film. Es war ein Experiment.
Damit wird klar, dass das Ziel der Macher nicht ein expressionistischer Film war; der Expressionismus stellte vielmehr das Mittel zum Zweck dar. In der kürzlich restaurierten Fassung des Films ist deutlicher sichtbar als bisher, dass nicht nur die Gesichter des Akteure, sondern in hohem Masse auch die Kulissen und teilweise auch die Kostüme dick bemalt sind. Andere Expressionismus-Elemente wie die Zweidimensionalität oder der konsequente Verzicht auf eine konventionelle Dramaturgie, sind in Caligari kaum zu finden. Die (aufwändigen) Kulissen betonen die Räumlichkeit entgegen der damals gängigen Doktrin extem, allerdings auf eine grotesk verzerrte Art, und die Spannungsdramaturgie des Krimis oder des Horrorfilms beherrscht das Geschehen ab der zweiten Filmhälfte deutlich.
Am Rande sei bemerkt, dass der einzige explizit expressionistische Film, Karlheinz Martins Von morgens bis mitternachts (ebenfalls 1920), der die Grundsätze der Kunstrichtung ungleich konsequenter filmisch umsetzt als Wienes Caligari, zum totalen Publikums-Misserfolg wurde.

Caligari ist im Vergleich zu Martins Film gefälliger, obwohl er noch heute die Sehgewohnheiten bisweilen strapaziert. Da ist allerdings nicht zuletzt die zeitliche Distanz „schuld“. Die Akteure spielen, den damaligen Gepflogenheiten des deutschen Theaters gemäss, „expressionistisch“, d.h. sie übertreiben in Gestik und Mimik – schamlos aus heutiger Sicht. So ist es beinahe unmöglich, zu sagen, ob sie gut sind oder schlecht. Zudem harzt die Dramaturgie in der ersten Hälfte beträchtlich. Ständig wird da der Handlungsfluss mit ellenlangen Zwischentiteln gestoppt, die im Schneckentempo über die Leinwand kriechen.
Nicht zuletzt ist Wienes Regie alles andere als grandios. Er platziert die Kamera an einem bestimmten Punkt, wo sie starr und ohne jedes Eigenleben das Geschehen abfilmt, obwohl man das 1920 schon anders konnte. Ob dies ebenfalls dem expressionistischen Konzept des Films geschuldet ist, entzieht sich allerdings meiner Kenntnis; möglich wäre es zumindest. Auch das Drehbuch kann nicht ganz abschliessend beurteilt werden, da die Urheberschaft der Rahmenhandlung nicht geklärt ist. Es darf aber bestimmt zu den stärksten Beiträgen an dieses Werk gezählt werden.

Das Cabinet des Dr.Caligari ist einer der wenigen Filme, die fast ausschliesslich aufgrund seiner Bild-Konzeption und dank des Bühnenbildes Meisterwerk-Status erlangt hat, Komponenten, die noch heute stark wirken und zutiefst beeindrucken. Man kann, etwas überspitzt, sagen, dass es nicht primär die dem Film immanenten Mittel sind, welche den Film zum dem Kunstwerk erheben, sondern die Malerei und die Kunstrichtung des Expressionismus.
Daraus folgt: Caligari trägt den Status des grossen expressionistischen Films allen Vorbehalten zum Trotz zu Recht.

Die Regie: 8 / 10
Das Drehbuch:  10 / 10
Die Schauspieler: 8 / 10
Gesamtnote: 10 / 10 (der hohe Punktestand wird in erster Linie durch die grandiosen Kulissen und die expressionistische Malerei erreicht)

Verfügbarkeit: Das Cabinet des Dr.Caligari gibt es bei uns in restaurierter Fassung auf DVD und auf Blu-ray. Gestreamt werden kann er bei keinem der deutschen Anbieter.

Bewegte Bilder

Ein kurzer Einblick in die Restaurationsarbeiten am Film (mit Ausschnitten).

 

 

Wonderstruck (2017)

Die drei hier erwähnten Filme habe ich am Filmfestival in Locarno gesehen – was nun auch schon wieder fast zwei Wochen her ist. Aus dem riesigen Programm wählte ich fünf Filme, drei davon kommen hier zur Sprache – alle fünf liefen ausserhalb des Wettbewerbs.

FILM DER WOCHE

Mit Oakes Fegley, Millicent Simmonds, Julianne Moore, Tom Noonan, Michelle Williams, u.a.
Drehbuch: Brian Selznick nach seinem gleichnamigen Roman
Regie: Todd Haynes
Musik: Carter Burwell
Für Wonderstruck ist im deutschsprachigen Raum bislang noch kein Kino-Starttermin festgelegt.

Wonderstruck war der erste Film, den ich anlässlich meines Locarno-Besuches gesehen hatte. Danach hätte ich eigentlich nach Hause gehen können: Ich wusste, etwas Besseres kriege ich hier nicht mehr zu sehen. Und genauso war es auch!

Todd Haynes neuster Film gehört zu den raren Werken, wie es sie nur alle paar Jahre einmal gibt. Er ist ein Gesamtkunstwerk. Regie, Drehbuch, Kamera, Ausstattung, Musik – brilliant. Praktisch kein Teilbereich, der gegenüber den anderen abfällt; jeder Beitrag passt perfekt ins Gesamtbild. Die schauspielerische Leistung des Kinderdarstellers Oakes Fegley wirkt gegenüber dem Rest zwar etwas schwach, doch das spielt angesichts des Gestaltungsaktes, der dem Film zugrunde liegt, kaum eine Rolle.

Das Drehbuch stammt von Brian Selznick, dem Autor der Romanvorlage zu Martin Scorseses ebenso mirakulösen Film Hugo (2011). Auch Wonderstruck liegt ein Roman Selznicks zugrunde, und diesmal schrieb er das Drehbuch gleich selbst.
Der Film erzàhlt die Geschichten zweier Kinder. Ben (Fegley), dessen Mutter bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist, lebt im Jahr 1977 bei der Familie seiner Tante. Die Geschichte der gehörlosen Rose (Simmonds) hingegen spielt 1927. Nun hüpft der Film permanent zwischen den Zeiten hin und her, zwischen Rose und Ben, zwischen Schwarzweissfilm und Farbfilm, zwischen Stummfilm und Tonfilm. „Hüpfen“ ist allerdings das falsche Wort – es ist zu hart. Die Übergänge sind oft wunderbar fliessend und geschehen manchmal fast unmerklich.
Beide Epochen werden mit bemerkenswerter Akribie und Genauigkeit lebendig gemacht, man reibt sich immer wieder die Augen ob der „Echtheit“ der Bilder.

Ben, der Nachts des öfteren von immer demselben Alptraum geplagt wird – er wird im Wald von einem Wolfrudel verfolgt – will gern wissen, wer sein Vater war. Dass ihm das niemand sagen will oder kann, wird für ihn zunehmend zur Belastung. Als er eines Tages in den Sachen seiner Mutter einen Hinweis auf den Vater findet, haut er ab und fährt per Greyhound nach New York. Kurz vorher wird er durch einen Blitzschlag taub.
Die etwa gleichaltrige Rose tut 1927 dasselbe, aus anderem Grund: Sie flüchtet vor ihrem überstrengen Vater und dem neuen Gehörlosen-Lehrer – ebenfalls in die grosse Stadt. Dort will sie die berühmte Stummfilmschauspielerin Lillian Mayhew (Moore) finden.
Von da an verdichtet sich Wonderstruck immer mehr. Die Wege der beiden Kinder kreuzen sich permanent – zu verschiedenen Zeiten, an denselben Orten. Ganz nebenbei wird so, anhand der unverrückbaren und unveränderlichen Schauplätze und Dinge, die Vergänglichkeit des menschlichen Lebens thematisiert.
Die Geschichten von Ben und Rose kommen sich räumlich immer näher, bis sie im New Yorker im Museum of Natural History eine Art Endstation erreichen. Von dem Moment an werden sie, wie in einem Kaleidoskop umgedreht, die Zeitebene faltet sich auseinander und die Bewegung der beiden Schicksale setzt sich weiter fort, was schliesslich zu einer Art Verschränkung führt.
Das klingt schwer verständlich, ich weiss, doch zuvieles darf nicht verraten werden.

Die Erzählstruktur von Haynes‘ neustem Film ist höchst ungewöhnlich, vom Film-Ende her gesehen aber einleuchtend und bewunderungswürdig konsequent. Was da im letzten Drittel kommt, erwartet man nicht. Es ist mehr als eine Antwort auf die während der ersten zwei Drittel sporadisch auftauchende Frage, was „das“ eigentlich soll.
Wonderstruck ist, wie der Titel passend suggeriert, ein Film über die Wunder der Welt und des Lebens. Dabei lässt er eine Kino-Magie entstehen, welche dieses Wunder mittels unerhörten Bildern und Klängen greifbar und glaubhaft macht. Und das ist mehr, als was das Gros der Filme üblicherweise zu erreichen imstande ist.
Bleibt zu hoffen, dass dieses ungewöhnliche Werk hierzulande einen Verleih findet!

Die Regie: 10 / 10
Das Drehbuch: 10 / 10
Die Schauspieler: 9 / 10
Die Filmmusik: 10 / 10
Gesamtnote: 10 / 10

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Kurzkritiken

JULES ET JIM
(dt.: Jules und Jim)
Mit Oskar Werner, Jeanne Moreau, Henri Serre, Bassiak, u.a.
Drehbuch: François Truffaut und Jean Gruault nach dem Roman von Henri-Pierre Roché
Regie: François Truffaut
Musik: Georges Delerue
Truffauts dritter Spielfilm (nach Les 400 coups und Tirez sur le pianist), den ich nun auch endlich gesehen habe – in Locarno wurde er anlässlich des Todes von Jeanne Moreau kurzfristig ins Programm aufgenommen und leider in einer ziemlich miesen 35mm-Kopie der schweizerischen „Filmcoopi“ gezeigt.
Ein gleichzeitig faszinierender und enervierender Film! In der Rückschau gewinnt er zwar (er setzt sich wie ein Puzzle im Kopf zusammen), doch ich ertappte mich während der Vorführung mehrmals beim auf-die-Uhr-gucken. Richtiggehend nervig ist der Schnitt und die (Hand-)Kameraführung; das Bild wackelt und rüttelt, schwebt und kippt, die einzelnen Kameraeinstellungen dauern jeweils nur Sekunden oder gar Bruchteile davon – verhackstückt am Schneidetisch. Das war eben die Doktrin der „nouvelle vague“ – anders sein um jeden Preis. Truffaut entsagte ihr zum Glück später.
Auch inhaltlich irritiert Jules et Jim. Die Hauptfigur ist im Grunde Catherine, ein schwieriger, kaum begreifbarer Charakter. Ihre freigeistige Haltung könnte man als Vorwegnahme der freien Liebe schubladisieren, doch der Film will viel mehr als das. Jules et Jim ist in seiner ganzen thematischen, dramaturgischen und inszenatorischen Sperrigkeit ein Diskurs über die Natur der Liebe und deren gesellschaftliche Verwaltung, bezw. der Ausbruch aus dieser „Verwaltetheit“. Und als solcher ist er höchst anregend.
Aber dann wieder der Schluss… Schwer zu verdauen, rätselhaft.
Jules et Jim, ein Liebesreigen im Paris der Jahrhundertwende, erzählt von den zwei titelgebenden Freunden, deren Leben von der Liebe zur unkonventionellen Catherine durcheinandergewirbelt werden – bis die Heirat des einen und der erste weltkrieg der Unschuld ihrer Beziehung ein jähes Ende setzt.
Die Regie: 9 / 10
Das Drehbuch: 8 / 10
Die Schauspieler: 8 / 10
Die Filmmusik: 10 / 10
Gesamtnote: 9 / 10

THE BIG SICK
USA 2017
Mit Kumail Nanjiani, Zoe Kazan, Holly Hunter, Ray Romano, Anupam Kher, Adeeel Akhtar u.a.
Drehbuch: Emily V. Gordon und Kumail Nanjiani
Regie: Michael Showalter
Musik: Michael Andrews
Auf der Piazza Grande lief am Donnerstag Abend die Vorpremiere dieser US-Komödie. Da ich den hierzulande kaum bekannten Regisseur Michael Showalter wegen seines präzisen komödiantischen Timings sehr schätze, musste ich da einfach hin. Ich wude nicht enttäuscht: The Big Sick ist, wie erwartet, eine leicht schräge Komödie um einen pakistanischen Möchtegern-Entertainer (Nanjiani), der sich gegen den Willen seiner Familie in eine Amerikanerin (Kazan) verliebt.
Genau als man denkt „ah ja, bekannte Muster, alles klar“, schlägt der Film eine völlig andere Richtung ein: Die Geliebte erkrankt schwer und muss ins künstliche Koma versetzt werden. Nun bekommt es Kumail mit deren höchst seltsamen Eltern zu tun – als hätte er mit seinen eigenen Erzeugern nicht schon genug Kummer…
Kein Meisterwerk, aber The Big Sick ist auch ohne Tiefgang ein gut gemachter, angenehm frischer Off-Hollywood-Streifen mit einigen Glanzmomenten.
Einer davon ist Ray Romano, der in der Rolle des humorlosen College-Lehrers und „Vaters der Braut“ zum schreien komisch ist. Dicht gefolgt von Holly Hunter, welche seine bärbeissige Gattin gibt.
Die Regie: 8 / 10
Das Drehbuch: 8 / 10
Die Schauspieler: 9 / 10
Die Filmmusik: 8 / 10
Gesamtnote: 8 / 10

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Vorschau

Die folgenden drei Filme werden im nächsten Blog-Beitrag vorgestellt. Einer davon wird zum „Film der Woche“ gekürt…

The Night my Number Came Up (dt.: Sie waren 13; England 1955)

Butterfly on a Wheel (dt.: Spiel mit der Angst; UK, Canada, USA 2007)

Viceroy’s House (dt.: Der Stern von Indien; UK, Indien, Schweden 2017)