Die Brücke am Kwai – 1957

Ein Filmklassiker auf dem Prüfstand
THE BRIDGE ON THE RIVER KWAI
GB 1957
Mit Alec Guinness, William Holden, Jack Hawkins, Sessue Hayakawa, James Donald, André Morell, u.a.
Drehbuch: Carl Foreman und Michael Wilson nach einem Roman von Pierre Boulle
Regie: David Lean
Studio: Columbia
Dauer: 161 min
Der Film lief 1958 unter dem Titel Die Brücke am Kwai auch in den deutschsprachigen Kinos

 

 

Der Film:
Der erste von David Leans berühmten „Monumentalfilmen“.
Der weltweite Erfolg von The Bridge on the River Kwai löste im britischen Kino eine wahre Welle von Grossproduktionen aus – nachdem dort zuvor eher intime und feine Kammerspiele um kleine Leute gepflegt wurden. Es ist kaum zu glauben, aber David Lean drehte mehr solche „kleine Filme“ als „grosse“, doch nur für letztere ist er heute berühmt. Zusammen mit The Bridge on the River Kwai waren es nur fünf Grossproduktionen, die auf sein Konto gingen und die seinen Nachruhm begründeten: Lawrence of Arabia, Doctor Zhivago, Ryan’s Daughter und A Passage to India. Mit diesen fünf hatte Lean die britische Filmproduktion nachhaltig verändert.

Es wurde und wird oft darüber gestritten, ob The Bridge on the River Kwai den Krieg eigentlich befürwortet oder dessen Sinnlosigkeit anprangert. Diese Fragestellung greift meines Erachtens viel zu kurz – im verengten Fokus auf die Kriegsthematik muss sie zwangsläufig offen bleiben. Leans Film ist kein Kriegsfilm im herkömmlichen Sinn; der Krieg steht darin vielmehr als Metapher für die menschliche Gesellschaft. Begreift man ihn so, dann gelangt man unweigerlich zu seiner eigentlichen, zutiefst pessimistischen Botschaft. Der Film dreht sich nicht um den Sinn oder Unsinn des Krieges, sondern um die Sinnlosigkeit überhaupt, um die Vergeblichkeit jeglichen menschlichen Strebens. Und in diesem Statement ist The Bridge on the River Kwai klar und unmissverständlich. In seinem Defätismus ist er so kompromisslos wie kaum ein Film jener Zeit.

Zunächst erleben wir den culture clash: Ein englisches Regiment zieht in ein japanisches Kriegsgefangenenlager ein. Der dortige Kommandant Saito (Hayakawa) schert sich einen Deut um die Genfer Konventionen und schickt auch die Offiziere an die Arbeit: Die gefangenen Engländer sollen den Japanern helfen, mitten im Dschungel eione stategisch wichtige Brücke zu errichten. Colonel Nicholson (Guinness) widersetzt sich Saito und bekommt darauf dessen harte Hand zu spüren: Mittels drastischer Bestrafung soll der Wille des Engländer gebrochen werden. Was allerdings nicht gelingt.
Nun kommt der Rassendünkel ins Spiel: Nicholson reisst die Bauleitung der Brücke an sich und ist fortan vom Ehrgeiz bessessen, es besser zu machen als die Japaner. In seiner nationalistischen Blindheit bemerkt er nicht, dass er mit dem Projekt dem Feind in die Hände spielt.

Etwa in der Mitte des Films setzt eine parallel geführte Handlung ein, welche sich langsam und mit tödlicher Sicherheit auf die erste zubewegt: Ein vor Saito geflüchteter amerikanischer Gefangener (Holden) wird von den Engländern dazu auserkoren, ein Sabotagekommando anzuführen, welches die Brücke am Kwai zum Zeil hat. Weil er die Umgebung von seiner Flucht kennt, soll der Amerikaner die von Major Warden (Hawkins) angeführten Saboteure zur Brücke führen – wobei keiner der Beteiligten etwas von der neuen Bauleitung ahnt.

In einem einzigen kurzen Schlag wird alles zunichte gemacht, was vorher als gross und wichtig erschien: das Leben von Menschen, die zuvor unmenschlichen Qualen und widrigsten Bedinungen standgehalten hatten; die Kooperation zweier verfeindeter Völker; und natürlich die Brücke. Das monumentale Bauwerk steht als Symbol für menschliche Grösse und Überwindungskraft über dem ganzen Film. Was ist Baukunst und Heldentum angesichts der Zerstörungswut und der Irrationalität des Menschen, fragt der Film? Und gibt die Antwort in den letzten beiden Filmminuten: Nichts!

Lohnt sich der Film?
Unbedingt! Nicht nur, weil er ein gefeierter Klassiker ist; er hält tatsächlich, was er verspricht. Er ist tiefgründig, spannend, abenteuerlich, ist brilliant aufgebaut und erzählt, dazu hervorragend gespielt (einzig William Holden fällt gegenüber den durchs Band exzellenten Briten etwas ab) und eindrücklich gefilmt.

Wo finde ich ihn?
The Bridge on the River Kwai ist auf Netfilx abrufbar – wahlweise in der Originalfassung mit zuschaltbaren Untertiteln oder in der deutschen Synchronfassung. Auch auf Amazon Video ist er erhältlich, dort allerdings nur in der deutschen Synchronfassung.
Es gibt den Film natürlich auch auf DVD und auf Blu-ray.

Weitere Infos:
– Drehbuchautor Carl Foreman schrieb einige weitere hochkarätige Drehbücher, so für High Noon (dt.: Zwölf Uhr Mittags, Fred Zinneman, 1952), The Guns of Navarone (dt.: Die Kanonen von Navarone, J. Lee Thompson, 1961) oder Mackenna’s Gold (J. Lee Thompson, 1969); von seinem Co-Autor Michael Wilson stammen u.a. die Drehbücher zu Friendly Persusaion (dt.: Lockende Versuchung, William Wyler, 1956) und Lawrence of Arabia (dt.: Lawrence von Arabien, David Lean, 1962).
– Beide Drehbuchautoren wurden in den Credits der Erstaufführung nicht genannt, dafür der Autor der Romanvorlage. Inzwischen ist dieses Versäumnis korrigiert worden, in den Wiederaufführungskopien sind ihre Namen in den Credits zu sehen.
– Ursprünglich war Charles Laughton für die Rolle des Colonel Nicholson vorgesehen. Als Laughton wegen der vorhersehbaren Strapazen auf die Rolle verzichtete, kam Alec Guinness ins Spiel, der allerdings vom Regisseur nicht favorisiert wurde.

 

BFG: Big Friendly Giant – 2016

Ein verkannter zeitgenössischer Film
The BFG
USA 2016
Mit Mark Rylance, Ruby Barnhill, Penelope Wilton,
Drehbuch: Melissa Mathison nach einem Buch von Roald Dahl
Regie: Stephen Spielberg
Studio: Amblin / Disney
Dauer: 115 min
Der Film startete 2016 auch in den deutschsprachigen Kinos – unter dem nicht besonders deutschen Titel BFG: Big Friendly Giant

Vorspann:
Es gibt Filme, deren Untergang ist vorhersagbar. Das sind jene, die derart ausserhalb des Mainstreams liegen, dass sie vom durchschnittlichen Kinogänger, der gern in Schubladen denkt, nicht erkannt werden können. Spielbergs The BFG ist einer davon.
Inhalt: Sophie (Barnhill) schleicht nach Mitternacht im Waisenhaus herum und kann nicht schlafen. Da sieht sie vom Balkon aus einen Riesen (Rylance), der die Strassen Londons entlang wandert. Bei sich hat er etwas, das aussieht wie ein seltsames Blasinstrument. Der Riese bemerkt, dass er entdeckt ist, und um sein Geheimnis zu wahren, entführt er Sophie kurzerhand ins Land der Riesen. Dass dort nicht alle nur freundlich sind, wird Sophie bald erfahren…

Der Film:
Mit wüsten Worten wurde dieser Film von der versammelten Filmkritik bedacht – es gab zwar auch Ausnahmen, doch die gingen im Chor der Nachplapperer unter. Die Quintesszenz der unisono erklungenen Schmährede: The BFG sei bislang Spielbergs schwächster Film. Er ist „herzlos“, „seelenlos“ und auch sonst aller Art von „-los“.
Wohl aufgrund der allgemeinen Verdammung fiel der Film bei uns durch und verschwand schon nach kürzester Zeit wieder aus den Kinos. A forgotten film is born.

Seelenlos? Spielbergs schwächster? Was zum Teufel haben die Leute gesehen – oder geraucht?
Mir fiel während des Betrachtens das Fehlen von Action-Sequenzen (angenehm) auf. Aber: Ein 3D-CGI-Film ohne Action? Da liegt doch der Hase im Pfeffer! Man will von einem CGi-Film ordentlich bespasst werden – es muss krachen, rummsen, die Fetzen müssen fliegen, sonst beginnt das Hirn zu arbeiten, und das macht müde. Also schaltet man das Hirn wieder aus. Dafür kapiert man dann das Besondere dieses Werkes nicht.

Bich zu böse? Vielleicht. Als selbsternannter Retter vergessener (uralt-)Filme macht es mich besonders sauer, zuzusehen, wie ein guter Film versenkt wird.
Im Vergleich zum üblichen CGI-Krachbumm-Kino à la Marvel & Cie. glänzt The BFG einerseits durch hohes inszenatorisches Raffinement, eine hervorragende Dramaturgie und visuelle Schönheit. Anders gesagt: Regie und Drehbuch sind erstklassig!
Natürlich sind die bösen Riesen eher dämlich denn bedrohlich – das ist dem Umstand geschuldet, dass The BFG auch für Kinder taugen soll. Ob  einem das nun passt oder nicht, es macht den Film weder besser noch schlechter. Trotzdem kommt dieser Umstand in Kritiken als den Film abwertender Negativpunkt immer wieder zur Sprache. Was sagt das über die betreffenden Kritiker aus? Dass sie einen Film dann gut finden, wenn er ihren Vorlieben gemäss gestaltet ist. Und sonst nicht. Diese Haltung – ein Film gefällt mir, wenn’s darin rummst / expoldiert / knutscht / blödelt / etc. – passt fürs reguläre Kinopublikum; aber nicht für Kritiker!

Ich fing den Film mit Vorbehalten zu schauen an und mit dem Vorsatz, sofort auszuschalten, sobald er langweilig, uninspiriert, unengagiert, kalt oder plump wird. Trotz der eher negativen Erwartungshaltung (bedingt durch die schlechten Kritiken) packte mich The BFG von Beginn weg und liess mich bis zuletzt nicht mehr los. Die vielen bildnerischen Spielereien, die Spielberg zum Themenkreis „gross – klein“ einbaut! Die inszenatorische Meisterschaft des Regisseurs, der während Dialogsequenzen auf der Bildebene die Handlung weiterführt, mit kleinen Details einen Charakter vertieft, die Atmosphäre verdichtet! Die durchs Band begeisternden schauspielerischen Leistungen – allen voran jene von Mark Rylance und der kleinen Ruby Barnhill! Die märchenhaft-zarten Sequenzen um den Traumbaum! Es ist schlichtweg fantastisch! Von wegen „lieblos“ – der Film und die ausgefeilte Detailarbeit ist so liebevoll wie man dies im Kino selten sieht!
The BFG gehört mit zu den besten Familienfilmen, die ich kenne, ich zähle ihn sogar zu Spielbergs besten Werken! Was für ein krasser Wiederspruch zur vorherschenden Meinung!

Abspann:
– Für diesen Film schrieb Melissa Mathison (E.T., Kundun) das Drehbuch – ihr erstes nach einer Pause von 19 Jahren. Sie verstarb, bevor der Film fertiggestellt war.
– Die wunderbare Filmmusik stammt einmal mehr von John Williams.
– Die Riesen wurden alle von Schauspielern verkörpert und mittels des Motion Capture-Verfahrens in den Film integriert.
– Bei uns ist The BFG auf DVD und auf Blu-ray erhältlich.

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Film-Schnipsel

Kurzrezensionen:

Ein aktueller Film:

Fantastic Beasts and Where to Find Them (dt.: Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind; USA 2016) Regie: David Yates; mit Eddie Redmaine, Katherine Waterston, Dan Fogler, Colin Farrell u.a.
Von allen Harry-Potter-Fans sehnsüchtig erwartet, ist Fantastic Beasts, eine Art Prequel zu Rowlings Roman-Serie, nun endlich gestartet. Erstmals versucht sich Frau Rowling hier als Drehbuchautorin. Versucht. Sie muss noch üben. Aber dazu bekommt sie demnächst ja viel Gelegenheit, denn die Kinoserie um die Fantastic Beasts ist auf fünf Teile ausgelegt. Und sie wurde für alle als Drehbuchschreiberin verpflichtet.
Der erste Film ist dramaturgisch ziemlich schwach. So stagniert die Handlung immer wieder zu Gunsten der zahlreichen computeranimierten Beasts. Die Autorin schien von ihren eigenen Kreationen derart angetan zu sein, dass sie darob eine kohärente Dramatugie und die Charaktere sträflich vernachlässigte. Letztere bleiben eindimensional und vermögen nicht zu berühren. Im erzählerischen Bereich wird auf billige Publikums-Irreführung gesetzt oder es tauchen erzähltechnische Widersprüche auf.
Im Gegenzug wird das Spektakel grossgeschrieben, es kracht und knallt und rummst, halb New York wird in Schutt und Asche gelegt und danach wieder zusammengesetzt. Das schaut zwar sensationell echt aus, entbehrt aber jeglichen Sinns.
Klar, Fantastic Beasts will nur unterhalten und das darf ja auch sein. Aber offenbar reich es, wenn sich die Computeranimation auf hohem Niveau befindet; dass der ganze Rest dem deutlich hinterherhinkt, scheint dem grossen Publikum herzlich egal zu sein. Und wenn’s mal umgekehrt ist, hagelt’s Schimpf und Schande _ siehe The BFG.
Schade!

An einem Montag wie jeder andere – 1952

Ein vergessener Film:
HOME AT SEVEN
UK 1952
Mit Ralph Richardson, Margaret Leighton, Jack Hawkins, Campbell Singer, Michael Shepley, Meriel Forbes, u.a.
Drehbuch: Anatole de Grunwald nach einem Theaterstück von R.C. Sherriff
Regie: Ralph Richardson
Studio: British Lion Film Corp.Dauer: 82 min
Home At Seven ist 1962 deutsch synchronisiert worden, wie die Synchrondatenbank bestätigt. Der deutsche Titel lautete An einem Montag wie jeder andere. Der Film lief 1962 erstmals im deutschen Fernsehen (ARD).

Vorspann:
Ein weiterer lohnenswerter, heute völlig vergessener Film aus den Fünfzigerjahren, der mit brillianten schauspielerischen Leistungen und einem packenden Plot zu faszinieren weiss.
Inhalt: David Preston (Richardson) kommt, wie jeden Tag, um sieben Uhr Abends nach Hause – und findet seine Frau (Leighton) in völlig desolatem Zustand vor. Sie wirft sich ihm schluchzend um den Hals und sagt, sie hätte sich solche Sorgen um ihn gemacht. Der brave, seit Jahrzehnten pünktliche Ehemann versteht die Welt nicht mehr. Was hat sie denn? Er sei doch gleich nach der Arbeit nach Hause gekommen – wie jeden Werktag! 24 Stunden lang sei er weg gewesen, antwortetet sie. Wer von beiden hat Recht? Beide wirken in ihren Äusserungen vollkommen authentisch.
Mit dieser Ausgangslage beginnt ein Film, der seinem Publikum mehr als einmal den Boden unter den Füssen wegzieht, ein Film, über dessen Handlung nicht zuviel verraten werden sollte. Nur soviel noch: Anhand des Datums der Tageszeitung merkt Preston, dass seine Frau wohl Recht hat. Und es mehren sich die Indizien, dass er tatsächlich 24 Stunden wie vom Erdboden verschwunden war – und einige davon wollen so absolut gar nicht zu dem anständigen Bankangestellten passen…

Der Film:
Zunächst ein paar Worte zum Drehbuchautor: R.C. Sherriff schrieb die Drebücher zu einigen der bekanntesten von James Whale inszenierten Filme (Journey’s End, The Invisible Man, The Bride of Frankenstein, The Road Back) aber auch anderer Klassiker wie etwa Alexander Kordas That Hamilton Woman (dt.: Lord Nelsons letzte Liebe, UK 1941) oder Carol Reeds Odd Man Out (dt.: Ausgestossen, UK 1947).
Sherriff war ursprünglich Bühnenautor. Doch gleich nach dem grossen Erfolg seines ersten Stücks, Journey’s End wurde er von Regisseur James Whale zum Film geholt, zunächst in England, wo Whale Sherriffs eigene Leinwandadaption Journey’s End fürs Kino umsetzte, danach in Hollywood, wo sich Sherriff ganz aufs Drehbuchschreiben konzentrierte. In den Vierzigerjahren kehrte der Autor nach England zurück, wo er weitere Drehbücher und Bühnenwerke verfasste. Einige der letzteren machten den Sprung auf die Leinwand, so auch Home at Seven, das vom bekannten englischen Filmproduzenten Anatole de Grünwald fürs Kino adaptiert wurde. Zur hochkarätigen Vorlage gesellte sich eine hochkarätige Darsteller-Crew; Ralph Richardson, der in der Rolle des David Preston bereits auf der Bühne Erfolge feierte, übernahm neben der Hauptrolle im Film auch die Regie – es sollte seine einzige Arbeit hinter der Kamera bleiben. Sie kann sich sehen lassen.

Der Film hat einen vom ersten Moment an fest im Griff: Preston marschiert bestens gelaunt nach Hause – Feierabend. Als er das Haus betritt, bemerkt man einige harmlose, seit Jahren eingespielte Gewohnheitsgesten. Und dann heult seine Frau und fragt, wo er bloss die letzten 24 Stunden gewesen sei. Von dem Moment an lässt einen der Plot nicht mehr los – kein Wunder war die Londoner Theateraufführung 1950 ein Riesenerfolg. Was Home At Seven aber von einem herkömmlichen Mystery-Thriller vollkommen unterscheidet – und darin liegt wohl auch der Grund für sein Versinken im Nebel der cinèastischen Vergessenheit – ist der Umstand, dass nicht das Verbrechen im Zentrum steht, sondern die Charaktere. Der Film fliesst eher ruhig dahin, es gibt keine aufregenden Höhepunkte, Gewaltszenen und wilde Jagden. Home At Seven ist eine Charakterstudie, die um die Frage kreist, wie sich ein harmloser Bürger verhält, wenn er sich an nichts erinnern kann und schlimmster Verbrechen beschuldigt wird. Dabei hält er die Spannung permanent am köcheln, er packt und lässt darin in keinem Moment nach. Richardsons Regieführung mag im Vergleich zu Regiearbeiten anderer Schauspielerkollegen unauffällig, ja fast beiläufig erscheinen, und doch schafft sie eine hohe Intensität und erhält diese bis zuletzt aufrecht. Das erreicht er in erster Linie durch eine stringente, sichere Schauspielerführung.

Da wäre zuvorderst Richardson selbst zu loben: Er spielt den harmlosen Bürger schlichtweg grossartig. Sein David Preston gehört mit Sicherheit zu den liebenswertesten Figuren des britischen Kinos. Und doch lässt sein Spiel den Zweifel des Zuschauers zu. Verstellt sich dieser harmlose Mann etwa nur? Gleichzeitig fiebert man mit ihm, weil es einfach nicht sein darf, dass dieser nette, fürsorgliche, etwas einfältige Bankangestellte ein Verbrecher ist. Die Divergenz zwischen Richardsons Charakter und dem Verbrechen, das nach und nach aufgedeckt wird, macht die permanente Spannung des Films aus.
Aber auch sämtliche anderen Figuren werden von hervorragenden Darstellern verkörpert, der Film ist ein Fest für Freunde der Schauspielkunst. Und nicht nur das: Die von ihnen gespielten Typen sind allesamt scharf gezeichnete Charaktere, die man nicht so schnell vergisst.
So lässt sich der Film schwer in eine Genre-Schublade pressen – was ihm wohl nach der Premiere zum Verhängnis wurde. Thriller-Fans dürften enttäuscht sein, weil er sich an keine der gängigen Konventionen dieser Filmsparte hält. Zudem sind sämtliche Charaktere – der ermittelnde Inspektor mit eingeschlossen – durchwegs sympathisch. Ein Krimi ohne Bösewichte? Wo gibt’s denn sowas?

Home At Seven ist eine Freude für Leute, die einen guten Plot mögen (bei aller Ausgeklügeltheit bleibt er stets glaubhaft und in der Realität verhaftet) und tollen Schauspielern gern bei der Arbeit zuschauen. Man könnte seine Wortlastigkeit kritisieren; doch wie bereits erwähnt ist Sherriffs Vorlage derart stark im Aufbau, der Durchführung und in den Dialogen, dass die spürbare Bühnenherkunft keineswegs negativ ins Gewicht fällt.
Ein Film, den es definitv wiederzuentdecken gälte!

Abspann:
Home at Seven, der in den USA unter dem verräterischen Titel Murder on Monday lanciert wurde, erschien hierzulande weder auf DVD, Blu-ray noch auf VHS. In England wurde er von Network auf einer punkto Bild- und Tonqualität hervorragenden DVD herausgebracht, die hier bestellt werden kann.

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Film-Schnipsel

Kurzrezensionen:

Ein Klassiker auf dem Prüfstand:

The Princess Bride (dt.: Die Braut des Prinzen; USA 1987) Regie: Rob Reiner; mit Cary Elves, Robin Wright, Mandy Patinkin, Chris Sarandon, u.a.
Die zahlreichen Fans dieser gefeierten Verfilmung eines Fantasy-Romans von William Goldman lesen jetzt besser nicht mehr weiter – ich kann ihre Begeisterung nämlich nicht ansatzweise verstehen. Für eine Parodie ist er zuwenig komisch und als ernsthafte Fantasy-Verfilmung ist er zu uninteressant und zu langsam. Die Handlung wird permanent durch ärgerliches, gehaltloses Geschwätz in die Länge gezogen. Angesichts der temporeichen, actiongesättigten Fantasy-Streifen neueren Datums sieht The Princess Bride aus wie ein alter, abgenagter Knochen.
Das Schlimmste sind aber die Schauspieler! Cary Elves, Robin Wright und Chris Sarandon haben die Ausstrahlung von Heuhaufen, Wallace Shawn und Andre the Giant dagegen sind so richtig grausig schlecht. Einzig Mandy Patinkin vermag die Leinwand jeweils mit seinem Charisma zu entzünden. Seine Auftritte und die kurzen Szenen, die Peter Falk hat, bilden die Lichtblicke in diesem trüben Theater.
Und Rob Reiners Regie? Nichts, aber gar nichts Besonderes. Der Regisseur wurde in den Achtzigerjahren aufgrund einiger Kassenhits haushoch überschätzt.
Und wer jetzt denkt, der Schreibende hätte bei der Visionierung wohl einen schlechten Tag erwischt, den muss ich enttäuschen: Ich hatte den Streifen bei seiner Erstaufführung schon einmal gesehen; so wenig wie damals ist mir von einem Film kaum je in Erinnerung geblieben – nämlich gar nichts.