Monat: August 2014

Hinter dem Horizont

WHAT DREAMS MAY COME
USA 1998
Regie: Vincent Ward
Darsteller: Robin Williams, Cuba Gooding, Jr., Annabella Sciorra, Max von Sydow, u.a.
Drehbuch: Ronald Bass nach einer Novelle von Richard Matheson
Studio: Polygram
Deutschsprachige Kinoauswertung 1998 unter dem Titel Hinter dem Horizont
Dauer: 113 min

DER FILM:
Für meine Wahl dieses Films gab es zwei aktuelle Anlässe. Der eine war der Tod von Robin Williams, der andere ein Todesfall in unserer Familie.
What Dreams May Come stand schon länger auf meiner Wunschliste; die negative Rezeption, die er hierzulande bei seiner Erstaufführung aus Kritikerkreisen erhielt, hatte mich aber immer wieder zögern lassen. Wieder einmal zu Unrecht, wie ich nun feststellen konnte.
Der Film ist eine geglückte Verfilung des gleichnamigen Romans von Richard Matheson. Matheson, der vor allem als Autor von Science-Fiction-Romanen mit Horrorelementen bekannt wurde (The Incredible Shrinking Man, I am Legend), war auch als als Drehbuchautor, u.a. für Roger Corman tätig. Er kehrte 1978 mit dem Roman What Dreams May Come, dem eine lange Beschäftigung mit dem Tod und verschiedenen Jenseitsvorstellungen voranging, seinem bevorzugten Genre den Rücken. Das Buch erschien im Goldmann-Verlag auch auf Deutsch, unter dem Titel Das Ende ist nur der Anfang.
What Dreams May Come passt insofern zum Tod von Robin Williams, als dass dieser darin einen Mann spielt, der zu Beginn des Film stirbt und sich darauf im Jenseits zurechtzufinden versucht. Zudem sind auch Depression und Selbstmord zentrale Themen des Werks.
Regie führte Vincent Ward, ein neuseeländischer Maler/Regisseur, der nur alle paar Jahre einen Film dreht.
What Dreams May Come erzählt im Grunde eine Liebesgeschichte. „Das Leben nach dem Tod“ ist das „Nebenthema“ des Films, allerdings ein ganz zentrales. Es wird jeweils sehr schnell zum zentralen Diskussionspunkt, wenn über den Film gesprochen wird, weil da ganze Weltauschauungen dran hängen. Wer den Gedanken an ein Jenseits ablehnt, wird auch diesen Film ablehnen (müssen). Dies ist wohl auch der Hauptgrund, weshalb er vom Gros der Kritik verdammt wurde. Doch gerade das Thema und vor allem dessen Umsetzung macht What Dreams May Come in meinen Augen zu einem der aussergewöhnlichsten US-Film der letzten zwanzig Jahre.

INHALT:
Mit Chris und Anna finden sich zwei verwandte Seelen. Die beiden heiraten, kriegen zwei Kinder – und dann bricht die Katastrophe über sie herein: Die Kinder werden bei einem Autounfall getötet. Zwei Jahre später kommt auch Chris bei einer Autokarambolage ums Leben. Anna bleibt allein zurück, versinkt in einer tiefen Depression – und nimmt sich schliesslich das Leben.
Das ist der eine, der „irdische“ Teil des Films.
Hinter dieser Handlung sehen wir, was Chris im Jenseits erlebt. Nur schon dieser lapidare Satz wird bei einigen negative Reaktionen wecken. What Dreams May Come ist ein Film, der sich eigentlich nur erleben lässt; erklären kann man ihn nicht, nicht ohne ständig falsche Assoziationen zu wecken. Er setzt ein offenes Publikum voraus – und mit „offen“ meine ich die Bereitschaft, sich auf einen Inhalt einzulassen, auch wenn er nicht dem eigenen Weltbild oder Glauben entspricht. Wer das nicht kann, dem entgeht ein wirklich grandioses und singuläres Stück US-Kino.
Das Jenseits entpuppt sich als der „gemeinsame Ort“, den sich Chris und Anna ausgemalt hatten, und den Anna, eine Kunstrestauratorin und Malerin auf ihren Gemälden festgehalten hatte. Das Jenseits sieht für jeden anders aus, gemäss den eigenen Vorstellungen und Phantasien – das erklärt Chris‘ Freund Albert, der ihn „drüben“ empfängt und ihn begleitet. Als Anna Selbstmord begeht, lernt Chris die dunkle Seite des „Himmels“ kennen. Denn wer sich vor der Zeit umbringt, wird für immer an einen finsteren Ort verdammt… Chris macht sich auf den Weg zur „Hölle“, um Annas Seele zu retten.

DIE UMSETZUNG:
Der neuseeländische Regisseur Vincent Ward setzt das Ganze mit phantastischen, starken Bildern um. In ihrer Ausdruckskraft und Originalität lassen sie sich stellenweise mit Terry Gilliams fiebertraumartigen Visionen vergleichen. Der Kitsch auf dem DVD-Cover scheint im Film nur selten auf. Wards eigenwillige Jenseits-Visionen faszinieren und packen, nicht zuletzt durch den Umstand, dass sie die Jahre (16 an der Zahl!) und den rasanten CGI-Fortschritt so überraschend gut überdauert haben. Die Sequenzen, in denen Robin Williams und Cuba Gooding Jr. durch gemalte Welten wandern, sind schlicht atemberaubend. Insgesamt bleibt der Film wegen Thema und Machart einzigartig in der US-Kinolandschaft.
In fast jeder Einstellung wird deutlich, dass der Regisseur nicht nur Filmer, sondern auch Maler ist. Bis vor Kurzem war Vincent Ward mit mehreren Multimedia-Ausstellungen seiner Arbeiten (Malerei, Fotografie und Video-Installationen) und zwei Buchprojekten beschäftigt, seit 2008 hat er keinen Film mehr gedreht. Zwischen seinen insgesamt acht Filmen, die zwischen 1978 und 2008 entstanden, lagen allerdings immer wieder zum Teil jahrelange Pausen.
Die Schauspieler sind ausnahmslos glänzend, ihrem verhaltenen und doch ausdrucksstarken Spiel ist es zu verdanken, dass der Film nie ins Rührselige abdriftet. Ganz besonders Robin Williams packt mit seinem leisen, aber intensiven Spiel, das – wie immer bei diesem Schauspieler – in jedem Moment wahr und authentisch, zutiefst menschlich bleibt. Dieser Film macht besonders deutlich, welch grosser Verlust Williams Tod für die Filmwelt bedeutet. Hier konnte er nicht nur sein Potential wunderbar entfalten, What Dreams May Come erscheint rückwirkend gar als eine Art Vermächtnis dieses grossen Schauspielers.

Meine Bewertung: ♥ ♥ ♥ ♥ ♥ ♥ ♥ ♥ ♥
Wer sollte sich den Film ansehen:
Leute, die eine originäre, poetische Bildsprache und bildnerisches Erzählen zu schätzen wissen; Leute, die dem Thema des Films mit Offenheit begegnen können; Leute, die Film nicht strikt als Abbildung der Realität begreifen.
Wer sollte sich den Film nicht ansehen: Leute, die finden, Film müsse die Realität abbilden; Leute, die ihren Standpunkt jeweils schnell gefährdet sehen; Zyniker.

DIE DEUTSCHE DVD:
Audio: Englische Orginalfassung; Synchronfassungen: Deutsch, Italienisch, Spanisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Extras: keine
Universal hat leider wenig Herzblut in die Produktion dieser DVD investiert – die Bildqualität lässt zu wünschen übrig, vor allem die Bildschärfe enttäuscht; die hätte bei dieser Bilderpracht schon besser ausfallen müssen! Extras sucht man vergebens. Das ist sehr schade – gerade bei einem so aussergewöhnlichen Film.
Alternative: Wer Wert darauf legt, diesen grandiosen Film in gebührender Qualität sehen zu können, sollte sich die Region-Free Blu-ray-Ausgabe aus den USA zulegen; sie wartet – neben exzellenter Bildqualität – mit einigen Extras auf, darunter u.a. ein Audiokommentar des Regisseurs, das alternative Ende des Films und Interviews mit den Schauspielern. Hier ein Artikel dazu vom DVD-Beaver…
Bei uns ist der Film leider ausschliesslich auf DVD zu haben. Die US-Blu-ray kann zur Zeit aber günstig via amazon.de bezogen werden.

TRAILER:

VORHER – NACHHER:
Vincent Ward ist wahrlich kein Vielfilmer. Seine letzte Regiearbeit vor der hier besprochenen lag sechs Jahre zurück und hiess Map of the Human Heart (dt.: Flucht aus dem Eis, 1992); seinen nächsten Film drehte er sieben Jahre nach dem hier Besprochenen, nämlich River Queen (2005). Sein bekanntestes Werk bislang ist The Navigator: A Medieval Odyssey (dt.: Der Navigator, 1988). („Hauptsache (Stumm) Film“ wird sich diesem Film demnächst annehmen.)
Robin Williams spielte im Jahr zuvor in Gus van Sants Good Will Hunting (1997), im Jahr darauf in Tom Shadyacs Patch Adams (1998).
Annabella Sciorra war ebenfalls 1998 in Abel Ferraras Science-Fiction-Thriller New Rose Hotel zu sehen. Ihr nächster Film liess zwei Jahre auf sich warten; es war Above Suspicion (dt.: Ketten der Vergangenheit; Stephen La Rocque, 2000).
Cuba Gooding Jr. stand zuvor for As Good as it Gets (dt.: Besser geht’s nicht; James L. Brooks, 1997) vor der Kamera; sein „Film danach“ hiess A Murder of Crows (dt.: Diabolische Versuchung; Rowdy Herrington, 1998).
Max von Sydow ist inzwischen 85 und filmt immer noch. Vor dem besprochenen Film war er in der Bibelverfilmung Solomon von Roger Young (dt.: Die Bibel – Salomon) als alternder König David zu sehen. Danach kam eine weitere tragende Nebenrolle in Scott Hicks Snow Falling on Cedars (dt.: Schnee der auf Zedern fällt, 1999). Zur Zeit steht von Sydow für Star Wars Episode VII vor der Kamera.
Ronald Bass schrieb das Drehbuch zum zuvor gedrehten Film How Stella Got Her Groove Back  (dt.: Stella’s Groove: Männer sind die halbe Miete; Kevin Rodney Sullivan, 1998), danach verfilmte Chris Columbus sein Drehbuch Stepmom (dt.: Seite an Seite, 1998)

VORSCHAU:
Als nächstes plane ich eine Rezension von Il sorpasso (dt.: Verliebt in scharfe Kurven, Italien 1962) von Dino Risi.

Argo

ARGO
USA 2012
Regie: Ben Affleck
Darsteller: Ben Affleck, Bryan Cranston, Alan Arkin, John Goodman, u.a.
Drehbuch: Chris Terrio
Studio: Warner Bros
Deutschsprachige Kinoauswertung 2012 unter dem Titel Argo
Dauer: 115 min

DER FILM:
Manchmal ist es ganz gut, einen Film aus zeitlichem Abstand zu betrachten – wenn der ganze Hype vorbei ist. Ben Afflecks Argo lief vor zwei Jahren in den Kinos und wurde allseits in den höchsten Tönen gelobt. Warum, das erschliesst sich mir nicht.
Der Film folgt den Ereignissen eines Geiseldramas in Teheran im Jahr 1979, beruht also auf einer wahren Begebenheit. Dieser Umstand ist im Titelvorspann erwähnt. Der Film wird von einer kurzen geschichtlichen Abhandlung zur politischen Geschichte des Iran ab 1953 eingeleitet, die dem Zuschauer klar macht: Jetzt wird ein Kapitel Geschichte aus dem vergangenen Jahrhundert aufgerollt. Geschichtsunterricht! Aufgepasst!

DIE HANDLUNG:
Teheran, Iran 1979. Ayatollah Komeini ist an der Macht, die Massen sind fanatisiert. Das macht gleich die erste Szene der eigentlichen Spielhandlung klar. Aufgebrachte Studenten stürmen die US-Botschaft in Teheran und nehmen sämtliche Mitarbeiter (52) in Geiselhaft. Sechs Botschaftsmitarbeiterinnen und -mitarbeiter können allerdings unbemerkt durch einen Hinterausgang fliehen. Sie finden im Haus des kanadischen Botschafters Asyl, d.h., sie werden dort versteckt gehalten. Diese Sechs bilden fortan das Zentrum der Handlung, ja ihren eigentlichen Motor, denn die US-Regierung muss sie so schnell wie möglich aus Teheran herausholen – bevor die Geiselnehmer ihr Fehlen bemerken und ihrer Spur folgen. Das hätte deren sicheren Tod bedeutet.
Angeheuert wird der CIA-Mann Tony Mendez (Affleck), der auf Geiselnahmen spezialisiert ist. Er ist es denn auch, der die einzig brauchbare Idee einbringt, wie die sechs an den Revolutionswächtern vorbeigeschleust und aus dem Land herausgelotst werden können. Er stellt ein Team aus Hollywood-Leuten zusammen und fingiert einen Science-Fiction-Film, der im Iran gedreht werden soll. Die sechs Diplomaten sollen sodann als Filmleute getarnt werden – und so schnell wie möglich unbemerkt ausreisen.
Der Plan, so irrwitzig er klingt, kommt durch. Mendez rekrutiert den bekannten Make-Up-Spezialisten John Chambers (John Goodman) und einen abgehalfterten Regisseur (Alan Arkin). Die iranischen Behörden fallen auf das Theater herein – doch schaffen es die sechs Botschaftsmitarbeiter, im entscheidenden Moment nicht aus ihren Rollen zu fallen?
Argo hat durchaus Ähnlichkeiten mit The Great Garrick, den ich letzte Woche vorgestellt hatte. Auch dort ging es um ein gewitztes theatralische Täuschungsmanöver. Afflecks Film ist allerdings absolut nicht lustig – trotz der komödiantisch klingenden Ausgangslage.

DIE REGIE:
Affleck tut, was im heutigen Kino üblich ist, wenn Authentizität erreicht werden soll: Er macht fleissig Gebrauch von der wackeligen Handkamera. Auch schnelle, harte Schnitte sind ein gängiges Mittel, Doku-Charakter zu erreichen. Ständige Bewegung (der Kamera, der Schauspieler) soll die Spannung und das Interesse des Publikums aufrechterhalten. Die Dialoge und die Bilder korrespondieren oft nicht miteinander, so dass in gewissen Sequenzen Bild und Ton je verschiedene Informationen liefern. Ruhige Sequenzen sind selten – Argo trägt ganz deutlich die Insignien des Thrillers. Der Authentizitätsanspruch des Regisseurs geht soweit, dass reale Bilder, die man aus den Nachrichten kennt, im Film nachgestellt werden. Daraus ergeben sich allerdings einige Probleme…

DIE PROBLEME:
Argo kommt, wie gesagt, authentisch daher. Er ist es aber nur in bestimmten Teilen. In anderen Teilen wird der Wahrheitsanspruch dem Spektakel geopfert. Das letzte Drittel etwa, die heimliche Ausreise der befreiten Diplomaten über den Teheraner Flughafen, ist im Film rasend spannend – mehrere wichtige Aktionen geschehen in allerletzter Sekunde. In Wirklichkeit hat sich die Ausreise ganz anders abgespielt: Die Gruppe ist in Ruhe und völlig unbehelligt durch die Passkontrolle und ins rettende Flugzeug spaziert. Es gibt andere Sequenzen, die ebenso publikumsgerecht und effekthascherisch fingiert wurden. Darunter leidet aber der ganze Film. Wer die Geschichte und Hintergründe nicht kennt – und das dürfte das Gros des Publikums sein – tappt im Dunkeln darüber, wo die Wahrheit aufhört und die Dichtung beginnt. Respektive: Der unvoreingenommene Zuschauer glaubt den realitätsnahen Bildern – weil sie so „echt“ sind.
Ebenso unklar wie der Wahrheitsgehalt der Geschichte bleiben die politischen Hintergründe. Wer war dieser Ayatollah Khomeini, der im Hintergrund immer mal wieder auf Plakaten in Erscheinung tritt? Worauf gründete er sein Regime genau? Welche Parallelen zum heutigen islamischen Fundamentalismus lassen sich ziehen? (Die Parallelen stehen greifbar im Kino-Raum) Und welche Rolle spielte die USA bei der ganzen Geschichte? Dass sie eine gewichtige Mitschuld an der Machtübernahme Khomeinis und somit am Ausbruch der „islamischen Revolution“ trägt, unterschlägt der Film.
Ein weiteres Problem ist die Darstellung der Iraner. Sie erscheinen im Film fast ausschliesslich als fanatisierte Masse – und als solche aggressiv, hässlich und gewalttätig. Die Amerikaner auf der anderen Seite sind ausnahmslos gut: Tapfer, besonnen, mutig – oder duldsam Leiden ertragend.

DIE SCHAUSPIELER:
Ben Affleck tut nicht viel, sein Spiel bleibt ruhig und cool – das tut ganz gut in der ganzen Hektik. Der Rest der Crew ist gut gewählt, sie funktioniert hervorragend als Ensemble. Für die Amerikaner in Teheran wurden fast ausnahmslos unbekannte Darstellerinnen und Darsteller gewählt. „Hollywood“ hingegen wird von zwei altgedienten „Schwergewichten“ grandios repräsentiert: Alan Arkin und John Goodman sind für die komischen Szenen zwischendurch zuständig und machen ihre Sache mit sichtlichem Vergnügen.

FAZIT:
Ich kann die Begeisterung, die Argo in der Filmwelt ausgelöst hat, nicht teilen. Nachvollziehen schon eher, denn dessen Wirkung ist beeindruckend, er ist handwerklich sehr gut gemacht, aber wenn man genauer hinschaut, hinterlässt er mit seinem simplen Schwarz-Weiss-Gut-Böse-Schema einen schalen Nachgeschmack.
Stellt sich die Frage: Was will Argo eigentlich?
Will er Geschichte aufarbeiten? Dazu kommt er zu reisserisch daher und jongliert zu leichtfertig mit Fakten, die er sich filmgerecht passend hinbiegt. Will er die beiden Sub-Themen Film im Film und Facts und Fiction ausloten? Dazu ist er zu humorlos und zu actionlastig, zu realistisch in der Machart. Oder will er zeigen, dass der gute amerikanische Held in der CIA zu finden ist? Ich habe den dringenden Verdacht, dass es genau das ist! Argo ist ein verkappter, im Grunde seines Herzens reaktionärer Propagandafilm, der zeigt, dass die islamische Welt schon immer böse und barbarisch war. Und die amerikanische schon immer gut und edel.
Es ist wohl kein Zufall, dass Regisseur und Hauptdarsteller Ben Affleck demnächst die ur-amerikanische Comic-Figur Batman verkörpert – in einem Film, der vom Argo-Drehbuchautor geschrieben wurde.

Meine Bewertung: ♥ ♥ ♥ ♥ ♥ ♥
Wer sollte sich den Film ansehen:
Leute, die einen gut gemachten Unterhaltungsfilm (Thriller) schätzen und sich nicht daran stören, dass politische Sachverhalte grob vereinfacht werden.
Wer sollte sich den Film nicht ansehen: Leute, die sich daran stossen, dass politische Sachverhalte grob vereinfacht werden; Handkamera-Hasser.

DIE DEUTSCHE DVD:
Die Bildqualität ist ganz gut, die Tonqualität auch. Zu bemängeln sind einmal mehr die Untertitel: Auf deutsch gibt es – wie so oft bei Warner – mal wieder nur die Untertitel für Hörgeschädigte, die einfach die deutsche Synchro vertextlichen. Von einer guten Übersetzung des Originaldialogs sind wir damit weit entfernt. Im Gegenteil: Wer einigermassen Englisch versteht, dem kommen die unstimmigen Untertitel ständig in die Quere.
Audio:
Englische Orginalfassung; Synchronfassungen: deutsch, spanisch
Untertitel: Englisch für Hörgeschädigte, Deutsch für Hörgeschädigte, Dänisch, Schwedisch, Finnisch, Isländisch, Norwegisch, Spanisch, Portugiesisch
Extras: Dokumentarfilm Wir waren dort. Der 15-Minütige Film berichtet recht oberflächlich über die Hintergründe der Geiselnahme. Zur Illustration werden immer wieder Bilder aus Afflecks Film eingeblendet, was ich aus oben genannten Gründen deplaziert finde. Die Doku ist als Propagandamaterial für Afflecks Film zu verstehen.

VORHER-NACHHER:
Ben Affleck, der Regisseur drehte vor Argo den Thriller The Town (2011), zu dem er auch das Drehbuch verfasste.
Ben Affleck, der Schauspieler spielte zuvor in seinem eigenen Film The Town (s.oben) mit, danach war er in Terrence Malicks Film To The Wonder (auch 2012) in der Hauptrolle zu sehen.
Chris Terrio schrieb zuvor das Buch zu dem Kurzfilm Book of Kings, in dem er selbst Regie führte. Sein nächstes Drehbuch wird gerade verfilmt: Batman v Superman: Dawn of Justice – mit Ben Affleck als Batman.
Alan Arkin war zuvor in einer winzigen Rolle im Film The Muppets (James Bobin, 2011) zu sehen, danach in einer Hauptrolle neben Al Pacino und Christopher Walken in Fisher Stevens Komödie Stand Up Guys (2012), die im deutschsprachigen Raum nicht im Kino zu sehen war. Seine nächste Filmrolle wird in Sue Kramers Film The Locals sein.
John Goodman trat zuvor in The Campaign (dt.: Die Qual der Wahl, Jay Roach, 2012) auf, danach drehte er mit Clint Eastwood Trouble With The Curve (dt.: Back in the Game, Robert Lorenz, 2012); in beiden Filmen spielte er kleinere Nebenrollen. Im Moment steht er für den Film Trumbo von Jay Roach vor der Kamera.

VORSCHAU:
Im Zentrum der nächsten Filmrezension steht What Dreams May Come (dt.: Hinter den Horizont, 1998) ein Film über das Leben nach dem Tod mit dem kürzlich verstorbenen Robin Williams.

Der grosse Garrick

THE GREAT GARRICK
USA 1937
Regie: James Whale
Darsteller: Brian Aherne, Olivia de Havilland, Edward Everett Horton, Melville Cooper, Lionel Atwill, Lana Turner, u.a.
Drehbuch: Ernest Vajda
Studio: Warner Bros
Deutschsprachige Kino- oder TV-Auswertung: keine
Dauer: 89 min

DER FILM:
Theaterverfilmungen gibt es viele: Ein Theaterstück wird mit filmischen Mitteln zu filmischer „Realität“ verarbeitet. Der Bühnenraum wird geöffnet, er weitet sich, wird zur Welt in Leinwandformat – im besten Fall; manchmal gelingt es nicht, die Einheit des Ortes aufzubrechen, dann bleibt der Bühnenraum als solcher auf der Leinwand sicht- oder spürbar.
Dann gibt es Filme über das Theater. Die Theaterwelt wird zum Thema, die Kamera taucht in die Welt der Bühne ein. In der Regel weitet sich der Raum auch hier – zumindest auf einen Blick hinter die Kulissen.
Und es gibt Filme – wenige – da übernimmt das Theater die Rolle der „Realität“ und täuscht – den Zuschauer und / oder die Protagonisten, indem es „Realität“ vorspielt. George Roy Hills Klassiker The Sting (dt.: Der Clou) ist wohl das Paradebeispiel für diese Art Film. The Great Garrick, ein heute vollkommen vergessener Film, gehört auch zu letzterer Sorte. Hier täuscht eine Truppe französischer Schauspieler einem englischen Kollegen eine falsche Realität vor, um ihn zu blamieren. Drehbuchautor Ernest Vajda baute aber noch einen zusätzliche Wendung ein: Das Opfer weiss um die Täuschung und spielt mit.
Leider wurde der wunderbare Film ein Flop und ist deshalb heute vergessen.
„A play for the screen by Ernest Vajda“ – diese Formulierung in den Anfangstiteln weist schon augenzwinkernd auf die Theaterwelt hin, bevor die Handlung beginnt. Vajda, ein talentierter ungarischer Autor, der als Drehbuchautor in Hollywood in den Dreissiger- und Vierzigerjahren erfolgreich war, nannte sein Drehbuch hier „Theaterstück für die Leinwand“. Er adaptierte ein eigenes Stück namens „Ladies and Gentlemen“. Ebenfalls ironisch gemeint dürfte der Credit „personally supervised by Mervyn LeRoy“ sein; hier wird der Produzent (LeRoy) für einmal zum Intendanten.

DIE HANDLUNG:
David Garrick hat tatsächlich existiert. Er galt als der grösste englische Schauspieler seiner Zeit (1717 bis 1779). Im Film wird er vom Engländer Brian Aherne verkörpert.
Der „grosse Garrick“ hat eine Einladung der Comédie-Française nach Paris erhalten und verabschiedet sich vom englischen Publikum nach einer Hamlet-Aufführung. Ein betrunkener Zuschauer versteigt sich zur Bemerkung, Garrick gehe den Franzosen das Theaterspielen beibringen.
Bei den Schauspielern der Comédie-Française kommt dieser Spruch als „Beleidigung aus Garricks Mund“ an, man schwört auf Rache und beschliesst, dem „aufgeblasenen Typen“ eine Lektion zu erteilen. Zu diesem Zweck mietet die französische Theatertruppe die Herberge, in der Garrick auf seiner Reise nach Paris nächtigen wird. Man verkleidet sich als Herbergen-Personal und bereitet sich darauf vor, ihm ein Theater vorzuspielen und ihn mittels schauerlicher Ereignisse und verrückter Charaktere das Fürchten zu lehren.
Garrick weiss allerdings bereits von dem Plan, als er in der Raststätte ankommt, lässt sich aber nichts anmerken. Er spielt seinen französischen Kollegen seinerseits ein Theater vor. Mitten in den entstehenden Trubel platzt ein unvorhergesehener Gast: Die Contesse de la Corbe (Olivia De Havilland), auf der Flucht vor ihrem Vater. Sie ist die einzige, die „echt“ ist in dem ganzen Theater, wird aber von Garrick auch für eine Schauspielerin gehalten – für eine schlechte. So umschleichen sich die beiden Parteien gegenseitig, und vor lauter Theater merkt keiner, dass in der Mitte reale Liebe keimt.
Vajda gelang hier nicht nur ein hervorragender Handlungsaufbau, seine Dialoge glänzen zudem mit feiner Ironie.

DIE REGIE:
James Whale ist heute ausschliesslich für seine Verdienste im Horror-Genre bekannt – für vier Filme, um genau zu sein (Frankenstein, The Old, Dark House, The Invisible Man, Bride of Frankenstein). Er zählt zu den wenigen Regisseuren, dessen berühmteste Werke innerhalb von vier Jahren entstanden, und von dessen anderen 19 Werken heute kaum jemand auch nur einen Titel nennen kann.
Whale, dessen gesamtes Werk in den wenigen Jahren zwischen 1929 und 1941 entstand, soll also Komödien gedreht haben, fragt der Filmkenner ungläubig? Doch, er hat! Wer den überkandidelten Bride of Frankenstein oder The Invisible Man mit seinen Slapstick-Einlagen kennt, kann sich das sogar vorstellen. The Great Garrick, Whales siebentletzter abendfüllender Film zeigt: Der Mann war sogar ein Komödienregisseur par excellence!
Er versteht es meisterhaft, die Figuren in ihrer ganzen Lächerlichkeit zu zeigen, indem er sämtliche Schauspieler, die Schauspieler spielen, die harmlosesten Dialoge in schwülstigem Pathos deklamieren lässt. „Ham“ nennt man das in England, „schmieren“ auf Deutsch. (Der eingangs gezeigte Hamlet ist voll beabsichtigt!) Damit erscheinen sämtliche Vertreter dieser Zunft als überkandidelte Egomanen. Und trotzdem bleiben sie liebenswert. Whale leitet seine Akteure und Aktricen mit sicherer Hand zu einem Übertreiben an, das zwar pompös und somit komisch ist, aber er findet das genau richtige Mass, um ein Kippen ins Nervig-Bemühende zu vermeiden. Unterstützt wird er dabei von einem hervorragenden Drehbuch, das mit immer neuen Wendungen und Dialogperlen geistreich sprüht.
Es gelingt Whale, dessen Stärken zu maximaler Geltung zu bringen – indem er auf inszenatorischen Extravaganzen und exzentrische Bildeinstellungen, wie man sie aus seinen Horrofilmen kennt (und die dort absolut passend sind), weitgehend verzichtet und ein perfektes inszenatorisches Timing enthüllt, das sich vollkommen in den Dienst der Komödie stellt.
Whale führt die Schauspieler als gleichberechtigte Mitglieder von Gruppen – auf der einen Seite „die Franzosen“ (sehr zahlreich), auf der anderen „die Engländer“ (zu zweit). Und gerade in den Gruppenszenen vollbringt er Grossartiges! Es gibt sehr viele Sequenzen in diesem Film, in der Massen von Menschen sich durch die Räume des Gasthauses bewegen – schreitend, schleichend, wuselnd. Diese Sequenzen sind von ausserordentlicher Lebendigkeit, weil jeder Einzelne in der Masse als Individuum verbleibt und als solches jederzeit erkennbar ist. Zudem sind diese Sequenzen von verblüffend tänzerischer Leichtigkeit. Whale muss sie genaustens choreografiert haben, und jeder einzelne Akteur muss detaillierte Regieanweisungen bekommen haben, was er mit seinem Charakter während dieser Gruppenszenen zu tun hat. Ein Filmkritiker verglich diese Massenszenen gar mit jenen in Tatis Meisterwerk Playtime – und man muss dem eine gewisse Berechtigung attestieren! Jedenfalls erreicht The Great Garrick dadurch eine Lebendigkeit und eine Leichtigkeit, die einen für 90 Minuten vollkommen in den Bann schlägt!

DIE SCHAUSPIELER:
James Whale hat mit The Great Garrick einen Ensemblefilm im besten Sinn gedreht – von den Akteuren und Aktricen sticht keine(r) heraus – ausser vielleicht Olivia De Havilland, aber nur, weil sie die einzige Figur spielen muss, die nicht zum Theater gehört. Jede(r) ist aber perfekt besetzt und das Ensemble funktioniert erstklassig. Es ist eine Freude, ihm „bei der Arbeit“ zuzusehen!

FAZIT:
The Great Garrick beweist eindrücklich, dass ein vergessener Film nicht automatisch schlecht sein muss. Und dass es berühmte Regisseure gibt, die man zu kennen glaubt, deren verborgenes Werk einen überrascht. The Great Garrick zeigt Aspekte, die ich nie mit Whale in Verbindung gebracht hätte, allen voran die meisterhafte und leichthändige Handhabung von Massenszenen.
Der Film ist „a fluff“, leicht wie ein Souflée, ohne tieferen Sinn, aber mit hoher Meisterschaft gebacken, ein Glücklichmacher, der dem Zuseher ein Dauergrinsen ins Gesicht zaubert.
Das schreit nach mehr – aber leider sind die allermeisten Filme von Whale nicht auf DVD greifbar.
9/10

DIE DVD:
Audio: Englischsprachige Originalfassung
Untertitel: keine
Extras: der Original-Kinotrailer zum Film
Im deutschsprachigen Raum ist der Film leider nicht auf DVD erschienen. In den USA gibt es ihn als „video on demand“ auf einer DVD-R der Serie Warner Archive Collection. Die Bild- und Tonqualität ist leider nicht ganz auf der Höhe der Serie, die Bildauflösung ist nicht ganz befriedigend und der Ton ist stellenweise etwas verrauscht; aber das Ganze hält sich in durchaus annehmbaren Grenzen!
Die besprochene DVD kann über amazon.de als Neuware bestellt werden.

VORHER-NACHHER:
James Whale führte im selben Jahr Regie in der Remarque-Verfilmung The Road Back (dt.: Der Weg zurück); im Jahr darauf folgte das Plane-Crash-Drama Sinners in Paradise.
Ernest Vajdas Drehbuch zu Personal Property (dt.: Der Mann mit dem Kuckuck) wurde vor The Great Garrick von W.S. Van Dyke verfilmt, danach schrieb er mit Preston Sturges zusammen Port of Seven Seas (1938), eine Pagnol-Verfilmung, die ebenfalls von James Whale inszeniert wurde.
Brian Aherne war im Vorjahr in einer Hauptrolle in H.C. Potters Beloved Enemy (dt.: Geliebter Rebell) zu sehen, im Folgejahr in Norman Z. McLeods romantischer Komödie Merrily We Live (dt.: Uns geht’s ja prächtig!).
Olivia de Havilland war zur Zeit von The Great Garrick gerade mal 21 Jahre alt. Ihr Vorgängerfilm war Archie Mayos It’s Love I’m After (1937), zufälligerweise ebenfalls eine Theaterkomödie, wo sie neben Bette Davis die weibliche Hauptrolle inne hatte. („Hauptsache (Stumm) Film“ wird sich diesem Film demnächst annehmen.) Im Jahr drauf trat sie als leading Lady in Michael Curtiz‘ Western Gold Is Where You Find It (dt.: Goldene Erde Kalifornien) auf.
Edward Everett Horton war im Jahr 1937 in nicht weniger als zehn Filmen zu sehen. Vor The Great Garrick in Michael Curtz‘ The Perfect Specimen (dt.: Ein Kerl zum Verlieben), einer Komödie mit Errol Flynn, danach in Raoul Walshs Musical Hitting a New High.