Olivia De Havilland

Movie-Magazin 7: Auf der Kugel stand kein Name – 1959

NO NAME ON THE BULLETT
USA 1959
Mit Audie Murphy, Charles Drake, Joan Evans, Willis Bouchey, Warren Stevens, Edgar Stehli, u.a.
Drehbuch: Gene L. Coon nach einer Story von Howard Amacker
Regie: Jack Arnold
Dauer: 77 min
Der Film kam 1959 auch im deutschsprachigen Raum in die Kinos – unter dem Titel Auf der Kugel stand kein Name

Vorspann:
„John Gant“ – als die Bewohner des Städtchens Lordsburg den Namen hören, zucken sie angstvoll zusammen. Niemand weiss, was der berüchtigte Kontrakt-Killer im Städtchen will, und auf wen er es abgesehen hat. Hektische Nervosität bricht aus, denn John Gant (Audie Murphy) ist dafür bekannt, seinen Job sauber zu erledigen. Niemand konnte ihm bislang einen Mord nachweisen.
Der Dorfarzt Canfield (Charles Drake) begegnet dem Killer zunächst offen, nicht ahnend, wen er da vor sich hat, und es entwickelt sich sowas wie eine Freundschaft. Doch diese wird jäh zerstört, als Canfield feststellt, dass Lordsburg unter dem Druck und der Angst, die mit John Gant im Städtchen Einzug gehalten haben, auseinanderzufallen droht.

Der Film:
Regisseur Jack Arnold ist bei uns in den 80er-Jahren so richtig bekannt geworden, als die ARD eine umfangreiche Science-Fiction-Filmreihe ausstrahlte. Darunter Arnolds Klassiker Tarantula und The Incredible Shrinking Man (dt.: Die unglaubliche Geschichte des Mister C). Doch Arnolds Schaffen umfasst die ganze Bandbreite der Filmgenres – von der Bob Hope-Komödie bis zum Film Noir. Zu Beginn seiner Karriere drehte der frühere Assistent Robert J. Flahertys eine Reihe von Dokumentarfilmen, einer davon (With These Hands, 1950) brachte ihm seine einzige Oscar-Nominierung ein. In späteren Jahren arbeitete Arnold, wie viele seiner Kollegen, fürs Fernsehen. So drehte er zum Besispiel sechs Episoden der von Blake Edwards kreierten Krimi-Serie Peter Gunn (1959) oder 26 episoden der Comedy-Serie Gilligan’s Island (1964-1967).
Am meisten taucht der Western in seiner Filmografie auf.
No Name on the Bullett ist, wie die meisten von Arnolds Filmen, eine sogenannte B-Produktion.

Audie Murphys Karriere begann als Kriegsheld. Nach Ende des zweiten Weltkrieges erlangte Murphy Heldenruhm als meistdekorierter Soldat der US-Armee. Unter seinen 33 Auszeichnungen befand sich auch die Ehernmedallie, und auf seinem Ruhmesblatt stand unter anderen auch, dass er 250 Deutsche während Kriegshandlungen getötet hatte. Von Verwundeten und Gefangenen ganz zu schweigen. Murphys Heldentaten klingen so verwegen und todesmutig als stammten sie aus einem überkandidelten Hollywood-Blockbuster. Kein Wunder also, dass ihn James Cagney, dessen Filmfiguren mit Murphys real existierendem Charakter korrespondierten, zum Film holen wollte. Murphy, der mit einem gefälschen Pass mit 16 in die Armee eintrat, hatte zuvor keinen Beruf gelernt – und sagte Cagney zu. Die Sache mit der Schauspielerei sah zunächst allerdings nicht erfolgversprechend aus, die Schwierigkeiten begannen schon in der Ausbildung: Murphy musste u.a. lernen, zu singen und zu tanzen. Danach hielt sich der Kriegsheld A.D. mit kleinen Rollen über Wasser.
Erst die Hauptrollen in Kurt Neumanns Adoleszenten-Drama Bad Boy (dt.: Gefängnis ohne Gitter, 1949) und John Hustons Kriegsepos The Red Badge of Courage (dt.: Die rote Tapferkeitsmedallie, 1951) brachten den Durchbruch als Hauptdarsteller, obwohl letzterer an den Kinokassen floppte. Die Verfilmung von Murphys eigener Kriegsabenteuer, To Hell and Back (dt.: Zur Hölle und zurück, Jesse Hibbs, 1955) mit ihm selbst in der Hauptrolle, entwickelte sich dagegen zum grössten US-Box-Office-Hit für die nächsten 20 Jahre; dessen Einnahmen-Erfolge wurde erst von Spielbergs Jaws (1975) übertroffen. Nach 1955 spezialisierte sich Murphy auf Western. Insgesamt wirkte er in 44 Filmen mit.
Neben der Schauspielerei war Murphy als Geschäftsmann (Vieh und Landwirtschaft) und als Songwriter (u.a. für Dean Martin) tätig. Privat galt er als eher unangenehmer Zeitgenosse; seine Nerven waren – eine Folge des Krieges – stets zum Zerreissen gespannt und es war nicht vorherzusehen, wann er in die Luft ging. Er trug – auch am Filmset – stets eine geladene Waffe mit sich herum, weshalb niemand wirklich gerne mit ihm arbeitete. Während des Vietnamkriegs wies er als prominente Stimme auf die Probleme der Heimkehrer hin und setzte sich bei der Regierung für deren Betreuung ein – er wusste, wovon er sprach. In dem er seine eigenen Kriegstraumata öffentlich machte, brachte er ein Tabuthema auf dem Tisch und half so unzähligen psychisch Geschädigten. Audie Murphy kam 1971 bei einem Flugzeugunglück ums Leben.

Der Kriegsheld war bestimmt kein grandioser Schauspieler. Doch führt man sich No Name on the Bullett vor Augen, kann man sich keinen besseren Darsteller in der Rolle des Killers vorstellen als Audie Murphy. Obwohl er gar nicht viel tut, evoziert er ein permanentes Gefühl von Gefahr und Unbehagen. Man glaubt sofort, dass dieser leise sprechende, kultivierte, permanent lächelnde Mann von einem Moment zum nächsten gefährlich werden kann. Es liegt in seinen Augen und in seiner permanent gespannten Haltung. Tatsächlich fühlt man sich immer wieder an den jungen James Cagney in seinen Gangsterrollen, dieses psychisch zerrüttete Nervenbündel, erinnert – kein Wunder, dass gerade jener Murphy zum Film holte. Im Gegensatz zu Cagney, der den Typus spielte, verkörpert Murphy ihn.
Der Rest der Schauspieler-Crew ist nicht grandios, aber solide. Jede(r) passt exakt in seine / ihre Rolle. Es sind viele aus diversen TV-Serien bekannte Gesichter dabei.

Vom TV ist auch der Drehbuchautor Gene L. Coon bekannt. So schrieb er mehrere Drehbücher für die originale Star Trek-Serie, bei der er übrigens auch als Produzent firmierte und massgeblich an der Entwicklung von dessen Mythos beteiligt war, aber auch Bonanza und Die Stassen von San Francisco verdanken ihm einige Episoden. Coon hat ebenfalls für eine von Blake Edwards aus der Taufe gehobene TV-Serie gearbeitet, für Mr.Lucky – für die Jack Arnold 15 Episoden inszenierte.
Fürs Kino arbeitete er genau sieben Mal, neben dem Drehbuch zum hier besprochenen Werk schrieb er u.a. noch The Killers (dt.: Der Tod eines Killers; Don Siegel, 1964) und einen weiteren Jack-Arnold-Western, Man in the Shadow (dt.: Des Teufels Lohn, 1957).

Coons Drehbuch zu No Name on the Bullett ist das Glanzstück eines Films, der sonst mit keinen grossen Leistungen aufwartet. Die Arbeit sämtlicher Mitwirkender ist solide – von den Darstellern über den Ausstatter bis zum Regisseur, so solide wie eine gute TV-Produktion aus jener Zeit. Ohne Coons vielschichtiges Drehbuch wäre der Film kaum der Rede wert. Ohne jede Action wird hier in spannungsgeladener Ruhe vorgeführt, was im weitgehend rechtsfreien Raum einer Kleinstadt des Westens geschieht, wenn plötzlich ein Auftrags-Rächer auftaucht. Plötzlich wird deutlich, dass fast jeder der ehrenwerten Bürger Dreck am Stecken hat und die Rache irgendeines Partners fürchtet. Denn John Gant ist im Auftrag hier – und er verrät weder den Namen seines Auftraggebers noch jenen des Opfers. Nun kommt Leben ins Kaff. Einer Versuchsanordnung gleich führen Coon und Arnold vor Augen, wie Leute funktionieren und reagieren und sich verändern, die von einem rabenschwarzen Gewissen und von Angst getrieben sind.
Interessant ist auch, dass die beiden Hauptfiguren nicht einfach in ein Gut-Böse-Schema gepresst werden. Zu Beginn erscheint Gant als Todesengel. Der Dorfarzt hingegen ist von Beginn weg der „good guy“. Doch je länger der Film dauert, desto unsicherer werden diese Zuordnungen. Gant tut nur seine Arbeit, darüberhinaus will er keiner Flige etwas zuleide tun. Der Arzt, der sich einzumischen beginnt ohne den geringsten Überblick zu haben, wird zusehends zu demjenigen, der Schaden anrichtet ohne es zu wollen.
Wer ist moralisch zu verurteilen?, diese Frage steht mit der letzten Einstellung im Raum. Der Killer, der nur seinen Job macht oder der Arzt, der mit seinem Eifer ein Leben zerstört?
Ein denkwürdiger Western mit philosophischen Dimensionen.

Abspann:
No Name on the Bullett lohnt durchaus einen Blick – der Film ist im deutschsprachigen Raum sogar auf DVD erhältlich. Koch Media brachte ihn bereits 2010 auf den Markt, in der Original- und in der deutschen Synchronfassung. Bestellbar hier.

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Film-Schnipsel

Filmklassiker auf dem Prüfstand:

Sichinin no samurai (dt.: Die sieben Samurai; Akira Kurosawa, Japan 1954) Mt Toshiro Mifune, Takashi Shimura, Keiko Tsushima u.a.
Der beste Film, den ich nie gesehen habe!
Neulich habe ich erneut versucht, mir diesen grossen, vielgelobten Klassiker des japanischen Kinos zu Gemüte zu führen. Und habe habe den Versuch einmal mehr abgebrochen.
Es mag ja sein, dass er zu „den besten“ gehört. Das wage ich gar nicht zu bezweifeln. Ich kann nur einfach nichts damit anfangen. Die Bilder – grossartig! Die Schauspieler – für unsere Sehgewohnheiten grenzwertig!
Das permanente Geschrei und Gehampel der Hauptakteure – allen voran Toshiro Mifune – wird mir bereits nach 15 Minuten zuviel. Ich kann also im Grunde nichts über den Film sagen. Er ist und bleibt mir fremd. Seine Symbolik bleibt mir ein Rätsel. Die Schauspiel-Tradition ebenfalls. Ich finde nicht hinein in diese versunkene Welt des alten Japan.
Eine oberflächliche Sichtweise? Eben gerade nicht! Indem ich meinen fehlenden Zugang zugebe, mir eingestehe, dass mir die fernöstliche Symbolik, Erzählweise, Spielweise, Musik fremd bleibt und ich den Film aus diesem Grund gar nicht wirklich bewerten kann, gehe ich tiefer als jene, die den Film einfach abnicken („ein anerkanntes Meisterwerk“). Die wenig verstehen, es dabei belassen und so tun, als könnten sie das Ganze beurteilen.
Ich könnte natürlich in die Tiefe gehen und mich mit der Thematik, Symbolik, Kultur usw. näher befassen, wie seriöse Filmjournalisten und -historiker das tun – könnte alles unternehmen, damit ich Die sieben Samurai tatsächlich verstehen und bewerten kann. Doch dafür fehlt mir neben meinem Job schlicht die Zeit.
Genau gleich geht es mir übrigens mit afrikanischen, arabischen, chinesischen Filmen. Mit Filmen aus Kulturen, die der unseren im Grunde fremd sind – fremd im Sinne von „anders“. So anders, dass man sie nicht einfach – oder einfach nicht – versteht. Spannend, sich daran abzuarbeiten.
Die meisten mir bekannten „Weltkino-Freunde“ belassen es allerdings dabei, „wissend“ zu tun. Schliesslich sind wir multikulti, wir sollten schon nur aus Solidarität wertschätzen, was an „Weltkino“ zu uns kommt, solange es keine „Amifilme“ sind. „Wertschätzen“ heisst aber nicht einfach vorbehaltlos gut finden. Es kann auch bedeuten, seine Ratlosigkeit offenzulegen und auf eine Beurteilung zu verzichten. Ich kann einen chinesischen, argentinischen, indischen Film interessant finden, bildgewaltig oder anderes – ihn in seiner Gesamtheit zu beurteilen, traue ich mir nicht zu. Dazu bräuchte ich mehr Zeit.
Generalisieren mag ich das oben Geschriebene allerdings nicht; es gibt Kurosawa-Filme, die ich sehr schätze, und Ikiru (dt.: Einmal richtig leben, 1952) zählt gar zu meinen zehn absoluten Lieblingsfilmen.

 

Kurzrezensionen – diese Woche gesehene Klassiker:

My Cousin Rachel (dt.: Meine Cousine Rachel, Henry Koster, USA 1952) Mit Richard Burton, Olivia De Havilland, u.a.
Atmosphärische Verfilmung einer Mystery-Story aus Daphne Du Mauriers Feder – mit Richard Burton in seiner ersten Hauptrolle und seinem ersten Hollywood-Film. Der Film hat das Pech, gegen Hitchcocks vergleichbaren Rebecca (ebenfalls Du Maurier) antreten zu müssen – und da zieht er trotz hervorragender darstellerischer Leistungen deutlich den Kürzeren. Die Frage, ob Rachel ihren Gatten umgebracht hat und nun dasselbe mit dessen Mündel vorhat, hält die Spannung der Geschichte leidlich aufrecht und das Interesse des Publikums wach, auch wenn rein gar nichts geschieht. Doch der Haupt-Plot-Twist bleibt unglaubwürdig und damit droht das Interesse des Betrachters immer wieder zu erlahmen. Gnadenlos wird einem im Vergleich bewusst, dass Henry Koster einfach nicht Alfred Hitchcock ist; letzterer vermochte die Spannung allein auf der Bildebene am Kochen zu halten. Koster lässt die meisten Gelegenheiten dafür versteichen.

Kurzrezensionen – diese Woche gesehene zeitgenössische Filme:

Le tout nouveau testament (dt.: Das brandneue Testament; Jaco Van Dormael, Belgien 2014) Mit Benoit Poolvoerde, Pili Groyne, Catherine Deneuve u.a.
Gott lebt. Er wohnt in Belgien. Und er sieht aus wie Benoit Poolvoerde.
Der belgische Filmemacher Jaco Van Dormael hat wieder mal einen überbordend spinnerten Film gedreht, voller poetischer Momente, voll clownesker Ideen – aber im Grunde voll depro.
Gott lebt mit Frau und Tochter in einer engen Wohnung in einem Hochhaus. Den ganzen Tag hockt er am Computer und denkt sich hässliche Gesetze aus, mit denen er die Menschen bis aufs Blut quält. Seiner Tochter Ea geht der Alte schon lang auf den Wecker, sie hackt seinen Computer und verschwindet. Als Folge des Hacks erfahren sämtliche Erdenbewohner ihre Todeszeit. Gott tobt und verfolgt Ea. Diese sucht sich sechs Apostel und schreibt mit ihnen das „brandneue Testament“, in der Hoffnung, die Erde zu einem besseren Ort zu machen.
Ein komplett eigenständiger, höchst origineller und unterhaltsamer Film, der allerdings komlett an der Oberfläche bleibt. Seine philosophischen Gedanken und Einfälle (wie das Bekanntwerden der Todesdaten) werden nicht in ihre Tiefe verfolgt, sondern dienen nur der kurzzeitigen Unterhaltung. Das wirkt auf die Dauer etwas billig. Dafür macht er Statements wie „Gott ist ein Arschloch“, die auf einer zutiefst negativen Sichtweise beruhen.
Le tout nouveau testament ist in erster Linie die Verkündung der Weltsicht Jaco Van Dormaels – wen’s interessiert…! Dass er dies auf höchst unterhaltsame, kreative und teilweise poetische Weise tut, macht ihn überhaupt erst geniessbar.

Vorschau:
Im Zentrum des nächsten Movie-Magazins steht Richard Brooks‘ erster Spielfilm Crisis (dt.: Hexenkessel; USA 1950), in dem ein amerikanischer Arzt (Cary Grant) einen verhassten südamerikanischen Diktator (José Ferrer), gegen den ein Volksaufstand schwelt, von einem tödlichen Hirntumor befreien soll.

Forgotten Films: Kavalier nach Mitternacht

IT’S LOVE I’M AFTER
USA 1937
Mit Leslie Howard, Bette Davis, Olivia de Havilland, Eric Blore, Patric Knowles, George Barbier, Bonita Granville u.a.
Drehbuch: Casey Robinson, nach der Story „Gentlemen After Midnight“ von Maurice Hanline
Regie: Archie Mayo
Deutschsprachige Erstaufführung gemäss imdb.com nur in Österreich (wahrscheinlich im TV); imdb.com führt zwei deutschsprachige Titel auf: Kavalier nach Mitternacht und Romeo – privat
Dauer: 90 min

Vorspann:
Hiermit nehme ich einen schon vor längerer Zeit verlorenen Faden wieder auf und setze meine Besprechungen vergessener Filme, meist aus „good old Hollywood“, fort. Als Grundlage dafür dient mir die in den USA erscheinende Warner Archive Collection, welche Hollywoods Archive durchforstet und die Werke auf gebrannten DVDs „on demand“ verkauft. Inzwischen sind es über 1800 Titel! Diesmal ist eine Screwball-Komödie an der Reihe, die sich zwar nicht mit den Grossen des Genres messen kann, die aber doch von Anfang bis Ende restlos überzeugt und noch heute zu begeistern weiss.
Inhalt: Basil (Leslie Howard) und Joyce (Bette Davis) sind ein Paar – auf den Brettern, die die Welt bedeuten feiern sie mit Shakespeare Erfolge, im Privatleben herrscht Krieg und Frieden, Streit und Versöhnung. Immer wieder versprechen die beiden Egomanen sich, zu heiraten, bislang wurde nie etwas draus.  Als eines Abends die junge Marcia West (Olivia de Havilland), Tochter aus neureichem Haus und dem gutaussehenden Henry Grant (Patric Knowles) versprochen, Basil als Romeo auf der Bühne sieht, ist sie hin und weg. Sie dringt in seine Garderobe ein und überhäuft ihn mit Liebesbezeugungen – was dem Ego des Mimen gehörig schmeichelt. Nachdem ihm seine Partnerin darob die Hölle heiss gemacht hat, fasst er, zusammen mit Miss Wests Verlobtem, den Plan, anlässlicher eines Dinners im Haus ihrer Eltern als Ekel aufzutreten und sie so von ihrer Verliebtheit zu kurieren…

Der Film:
Ich kann immer wieder nur staunen, welche Filmperlen völlig von der cinéastischen Bildfläche verschwunden sind. Auch It’s Love I’m After gehört dazu, eine vor Dialogwitz und Spielfreude überbordende Screwball-Komödie aus der Frühzeit Hollywoods. Sie mag vielleicht nicht so elegant sein wie vergleichbare Filme George Cukors oder Howard Hawks‘, aber allein schon das Zusammenspiel der vier Hauptdarsteller ist unbezahlbar, vom pointiert-treffenden, rasanten Dialogwitz ganz zu schweigen!

Zur Abwechslung Komödie
Treibende Kraft hinter dem Film war der damals in den USA gefeierte britische Schauspieler-Star Leslie Howard. Nach dramatischen Filmen wie Of Human Bondage und The Petrified Forest (beide ebenfalls mit Bette Davis) wollte er Hollywood auch sein komödiantisches Talent beweisen. Dem Produzenten Hal Wallis gefiel die Idee, und Howard schlug die Story „Gentlemen After Midnight“ des heute kaum mehr bekannten Autors Maurice Hanline vor. Als weiblichen Co-Star wollte Howard ursprünglich die komödienerprobte Bühnenaktrice Gertrude Lawrence, die aber im Film keine besonders gute Figur machte. Wallis engagierte Bette Davis, weil er fand, auch ihr würde eine Image-Erweiterung ins Komödienfach gut tun. Nach einigem Kaprizieren (u.a. passte es der Davis nicht, dass ihr Name an zweiter Stelle neben Howards stehen sollte) sagte sie trotz Arbeitsüberlastung zu (es war ihr viertes Filmprojekt 1937). Die Zusage war ein Glück für die Filmwelt – denn die komödiantische Chemie zwischen Howard und ihr ist in diesem Film geradezu elektrisierend! Sowohl Howard als auch die Davis entpuppten sich als hervorragende Komödianten – und Olivia de Havilland, deren Stern gerade am steigen war, fügte sich ihrerseits wunderbar ein.

Grandiose Schauspielkunst
Howard brilliert als egomanischer Tragöde mit Hang zum Schmierentheater, Davis als egomane Tragödin mit Hang zu bissigem Sarkasmen. Eric Blore, der „ewige Butler“ Hollywoods, stiehlt als Vogelstimmen imitierender „Sidekick“ Howards den beiden fast die Show. Und Olivia de Havilland spielt – sofern das bei so viel grosser Schauspielkunst überhaupt noch möglich ist – den Rest der Crew glattweg an die Wand; sie verblüfft als hyperaktiver, im Furor der Verehrung richtiggehend hysterischer Fan, der seine Sätze in der schieren backfischhaften Aufregung wie Maschinengewehrsalven von sich gibt. Alle vier Mimen scheinen grossen Spass an ihren Rollen zu haben. Kommt dazu, dass jede Nebenrolle perfekt besetzt ist – der Film ist ein Fest für Freunde der Schauspielkunst. Blore notabene ist der einzige Schauspieler in diesem Film, der eine echte „ham performance“ abgibt („ham“ = eine Rolle schauspielerisch übertreiben, overacting). Die anderen spielen ihr „ham acting“ nur. Blore geht in seiner Rolle aber erstens mit soviel Gusto und Witz auf, dass es eine Freude ist; zudem lässt das Drehbuch den Schluss zu – und die Regie unterstützt dies mit subtilen Mitteln – dass all die Jahre im Dienst eines „ham actors“ auf den Butler abgefärbt haben.

Der Regisseur
Hinter der Kamera stand Archie Mayo, unter dessen 87 Filme zählendem Lebenswerk sich einige sehr solide und bemerkenswerte Streifen befinden. Heute ist er vielleicht noch bekannt für The Petrified Forest, in dem Humphrey Bogart erstmals Gelegenheit hatte, als Gangster zu zeigen, was wirklich in ihm steckte, und A Night in Casablanca mit den Marx Brothers. Mayo war ein solider Handwerker, der gute Drehbücher zum glänzen bringen und Schauspieler zu Bestleistungen antreiben konnte, als Künstler aber durch keine persönliche Handschrift auffiel. Er muss gegen Ende seiner Karriere (er hörte 1946 mit der Filmerei auf) ein ziemlicher Despot gewesen sein. Seine zunehmende Ungeduld mit den Schauspielern scheint ihn zur Konsequenz des Ausstiegs geführt zu haben.

Abspann:
Leslie Howard war im Jahr zuvor in George Cukors Version von Shakespeares Romeo and Juliet zu sehen – eine freche Parodie darauf wurde in It’s Love I’m After eingebaut. Danach spielte er in Tay Garnetts Komödie Stand-In, erneut an Humphrey Bogarts Seite. Nach Ausbruch des zweiten Weltkrieges kehrte Howard nach England zurück und führte dort in drei Filmen Regie. 1943 kam er ums Leben, als ein deutscher Bomber das Passagierflugzeug, in welchem Howard und 17 andere Zivilisten von Lissabon nach Bristol flogen, abschoss.
Bette Davis‚ Vorgängerfilm war Edmund Gouldings That Certain Woman, danach kam (1938) Jezebel von William Wyler. In beiden war ihr männlicher Partner Henry Fonda.
Olivia de Havilland war zuvor in Call it a Day zu sehen (ebenfalls unter der Regie von Archie Mayo), danach in James Whales The Great Garrick (Besprechung in diesem Blog > hier). Alle drei Filme entstanden 1937.
-Der deutsche Titel „Kavalier nach Mitternacht“ gibt Rätsel auf. Er ist eine fast wörtliche – und ziemlich ungeschickte – Übersetzung der Buchvorlage. War das Buch also hierzulande so bekannt, dass der Filmtitel Assoziationen hätte hervorrufen sollen – sofern er überhaupt in den Kinos lief? Eine Internet-Suche führt allerdings zum Schluss, dass im deutschsprachigen Raum nie ein Buch aus Hanlines Feder erschien.

Der grosse Garrick

THE GREAT GARRICK
USA 1937
Regie: James Whale
Darsteller: Brian Aherne, Olivia de Havilland, Edward Everett Horton, Melville Cooper, Lionel Atwill, Lana Turner, u.a.
Drehbuch: Ernest Vajda
Studio: Warner Bros
Deutschsprachige Kino- oder TV-Auswertung: keine
Dauer: 89 min

DER FILM:
Theaterverfilmungen gibt es viele: Ein Theaterstück wird mit filmischen Mitteln zu filmischer „Realität“ verarbeitet. Der Bühnenraum wird geöffnet, er weitet sich, wird zur Welt in Leinwandformat – im besten Fall; manchmal gelingt es nicht, die Einheit des Ortes aufzubrechen, dann bleibt der Bühnenraum als solcher auf der Leinwand sicht- oder spürbar.
Dann gibt es Filme über das Theater. Die Theaterwelt wird zum Thema, die Kamera taucht in die Welt der Bühne ein. In der Regel weitet sich der Raum auch hier – zumindest auf einen Blick hinter die Kulissen.
Und es gibt Filme – wenige – da übernimmt das Theater die Rolle der „Realität“ und täuscht – den Zuschauer und / oder die Protagonisten, indem es „Realität“ vorspielt. George Roy Hills Klassiker The Sting (dt.: Der Clou) ist wohl das Paradebeispiel für diese Art Film. The Great Garrick, ein heute vollkommen vergessener Film, gehört auch zu letzterer Sorte. Hier täuscht eine Truppe französischer Schauspieler einem englischen Kollegen eine falsche Realität vor, um ihn zu blamieren. Drehbuchautor Ernest Vajda baute aber noch einen zusätzliche Wendung ein: Das Opfer weiss um die Täuschung und spielt mit.
Leider wurde der wunderbare Film ein Flop und ist deshalb heute vergessen.
„A play for the screen by Ernest Vajda“ – diese Formulierung in den Anfangstiteln weist schon augenzwinkernd auf die Theaterwelt hin, bevor die Handlung beginnt. Vajda, ein talentierter ungarischer Autor, der als Drehbuchautor in Hollywood in den Dreissiger- und Vierzigerjahren erfolgreich war, nannte sein Drehbuch hier „Theaterstück für die Leinwand“. Er adaptierte ein eigenes Stück namens „Ladies and Gentlemen“. Ebenfalls ironisch gemeint dürfte der Credit „personally supervised by Mervyn LeRoy“ sein; hier wird der Produzent (LeRoy) für einmal zum Intendanten.

DIE HANDLUNG:
David Garrick hat tatsächlich existiert. Er galt als der grösste englische Schauspieler seiner Zeit (1717 bis 1779). Im Film wird er vom Engländer Brian Aherne verkörpert.
Der „grosse Garrick“ hat eine Einladung der Comédie-Française nach Paris erhalten und verabschiedet sich vom englischen Publikum nach einer Hamlet-Aufführung. Ein betrunkener Zuschauer versteigt sich zur Bemerkung, Garrick gehe den Franzosen das Theaterspielen beibringen.
Bei den Schauspielern der Comédie-Française kommt dieser Spruch als „Beleidigung aus Garricks Mund“ an, man schwört auf Rache und beschliesst, dem „aufgeblasenen Typen“ eine Lektion zu erteilen. Zu diesem Zweck mietet die französische Theatertruppe die Herberge, in der Garrick auf seiner Reise nach Paris nächtigen wird. Man verkleidet sich als Herbergen-Personal und bereitet sich darauf vor, ihm ein Theater vorzuspielen und ihn mittels schauerlicher Ereignisse und verrückter Charaktere das Fürchten zu lehren.
Garrick weiss allerdings bereits von dem Plan, als er in der Raststätte ankommt, lässt sich aber nichts anmerken. Er spielt seinen französischen Kollegen seinerseits ein Theater vor. Mitten in den entstehenden Trubel platzt ein unvorhergesehener Gast: Die Contesse de la Corbe (Olivia De Havilland), auf der Flucht vor ihrem Vater. Sie ist die einzige, die „echt“ ist in dem ganzen Theater, wird aber von Garrick auch für eine Schauspielerin gehalten – für eine schlechte. So umschleichen sich die beiden Parteien gegenseitig, und vor lauter Theater merkt keiner, dass in der Mitte reale Liebe keimt.
Vajda gelang hier nicht nur ein hervorragender Handlungsaufbau, seine Dialoge glänzen zudem mit feiner Ironie.

DIE REGIE:
James Whale ist heute ausschliesslich für seine Verdienste im Horror-Genre bekannt – für vier Filme, um genau zu sein (Frankenstein, The Old, Dark House, The Invisible Man, Bride of Frankenstein). Er zählt zu den wenigen Regisseuren, dessen berühmteste Werke innerhalb von vier Jahren entstanden, und von dessen anderen 19 Werken heute kaum jemand auch nur einen Titel nennen kann.
Whale, dessen gesamtes Werk in den wenigen Jahren zwischen 1929 und 1941 entstand, soll also Komödien gedreht haben, fragt der Filmkenner ungläubig? Doch, er hat! Wer den überkandidelten Bride of Frankenstein oder The Invisible Man mit seinen Slapstick-Einlagen kennt, kann sich das sogar vorstellen. The Great Garrick, Whales siebentletzter abendfüllender Film zeigt: Der Mann war sogar ein Komödienregisseur par excellence!
Er versteht es meisterhaft, die Figuren in ihrer ganzen Lächerlichkeit zu zeigen, indem er sämtliche Schauspieler, die Schauspieler spielen, die harmlosesten Dialoge in schwülstigem Pathos deklamieren lässt. „Ham“ nennt man das in England, „schmieren“ auf Deutsch. (Der eingangs gezeigte Hamlet ist voll beabsichtigt!) Damit erscheinen sämtliche Vertreter dieser Zunft als überkandidelte Egomanen. Und trotzdem bleiben sie liebenswert. Whale leitet seine Akteure und Aktricen mit sicherer Hand zu einem Übertreiben an, das zwar pompös und somit komisch ist, aber er findet das genau richtige Mass, um ein Kippen ins Nervig-Bemühende zu vermeiden. Unterstützt wird er dabei von einem hervorragenden Drehbuch, das mit immer neuen Wendungen und Dialogperlen geistreich sprüht.
Es gelingt Whale, dessen Stärken zu maximaler Geltung zu bringen – indem er auf inszenatorischen Extravaganzen und exzentrische Bildeinstellungen, wie man sie aus seinen Horrofilmen kennt (und die dort absolut passend sind), weitgehend verzichtet und ein perfektes inszenatorisches Timing enthüllt, das sich vollkommen in den Dienst der Komödie stellt.
Whale führt die Schauspieler als gleichberechtigte Mitglieder von Gruppen – auf der einen Seite „die Franzosen“ (sehr zahlreich), auf der anderen „die Engländer“ (zu zweit). Und gerade in den Gruppenszenen vollbringt er Grossartiges! Es gibt sehr viele Sequenzen in diesem Film, in der Massen von Menschen sich durch die Räume des Gasthauses bewegen – schreitend, schleichend, wuselnd. Diese Sequenzen sind von ausserordentlicher Lebendigkeit, weil jeder Einzelne in der Masse als Individuum verbleibt und als solches jederzeit erkennbar ist. Zudem sind diese Sequenzen von verblüffend tänzerischer Leichtigkeit. Whale muss sie genaustens choreografiert haben, und jeder einzelne Akteur muss detaillierte Regieanweisungen bekommen haben, was er mit seinem Charakter während dieser Gruppenszenen zu tun hat. Ein Filmkritiker verglich diese Massenszenen gar mit jenen in Tatis Meisterwerk Playtime – und man muss dem eine gewisse Berechtigung attestieren! Jedenfalls erreicht The Great Garrick dadurch eine Lebendigkeit und eine Leichtigkeit, die einen für 90 Minuten vollkommen in den Bann schlägt!

DIE SCHAUSPIELER:
James Whale hat mit The Great Garrick einen Ensemblefilm im besten Sinn gedreht – von den Akteuren und Aktricen sticht keine(r) heraus – ausser vielleicht Olivia De Havilland, aber nur, weil sie die einzige Figur spielen muss, die nicht zum Theater gehört. Jede(r) ist aber perfekt besetzt und das Ensemble funktioniert erstklassig. Es ist eine Freude, ihm „bei der Arbeit“ zuzusehen!

FAZIT:
The Great Garrick beweist eindrücklich, dass ein vergessener Film nicht automatisch schlecht sein muss. Und dass es berühmte Regisseure gibt, die man zu kennen glaubt, deren verborgenes Werk einen überrascht. The Great Garrick zeigt Aspekte, die ich nie mit Whale in Verbindung gebracht hätte, allen voran die meisterhafte und leichthändige Handhabung von Massenszenen.
Der Film ist „a fluff“, leicht wie ein Souflée, ohne tieferen Sinn, aber mit hoher Meisterschaft gebacken, ein Glücklichmacher, der dem Zuseher ein Dauergrinsen ins Gesicht zaubert.
Das schreit nach mehr – aber leider sind die allermeisten Filme von Whale nicht auf DVD greifbar.
9/10

DIE DVD:
Audio: Englischsprachige Originalfassung
Untertitel: keine
Extras: der Original-Kinotrailer zum Film
Im deutschsprachigen Raum ist der Film leider nicht auf DVD erschienen. In den USA gibt es ihn als „video on demand“ auf einer DVD-R der Serie Warner Archive Collection. Die Bild- und Tonqualität ist leider nicht ganz auf der Höhe der Serie, die Bildauflösung ist nicht ganz befriedigend und der Ton ist stellenweise etwas verrauscht; aber das Ganze hält sich in durchaus annehmbaren Grenzen!
Die besprochene DVD kann über amazon.de als Neuware bestellt werden.

VORHER-NACHHER:
James Whale führte im selben Jahr Regie in der Remarque-Verfilmung The Road Back (dt.: Der Weg zurück); im Jahr darauf folgte das Plane-Crash-Drama Sinners in Paradise.
Ernest Vajdas Drehbuch zu Personal Property (dt.: Der Mann mit dem Kuckuck) wurde vor The Great Garrick von W.S. Van Dyke verfilmt, danach schrieb er mit Preston Sturges zusammen Port of Seven Seas (1938), eine Pagnol-Verfilmung, die ebenfalls von James Whale inszeniert wurde.
Brian Aherne war im Vorjahr in einer Hauptrolle in H.C. Potters Beloved Enemy (dt.: Geliebter Rebell) zu sehen, im Folgejahr in Norman Z. McLeods romantischer Komödie Merrily We Live (dt.: Uns geht’s ja prächtig!).
Olivia de Havilland war zur Zeit von The Great Garrick gerade mal 21 Jahre alt. Ihr Vorgängerfilm war Archie Mayos It’s Love I’m After (1937), zufälligerweise ebenfalls eine Theaterkomödie, wo sie neben Bette Davis die weibliche Hauptrolle inne hatte. („Hauptsache (Stumm) Film“ wird sich diesem Film demnächst annehmen.) Im Jahr drauf trat sie als leading Lady in Michael Curtiz‘ Western Gold Is Where You Find It (dt.: Goldene Erde Kalifornien) auf.
Edward Everett Horton war im Jahr 1937 in nicht weniger als zehn Filmen zu sehen. Vor The Great Garrick in Michael Curtz‘ The Perfect Specimen (dt.: Ein Kerl zum Verlieben), einer Komödie mit Errol Flynn, danach in Raoul Walshs Musical Hitting a New High.