Bette Davis

Mädchen ohne Mitgift – The Catered Affair, 1956

Heute sinniert gabelingeber über das Schreiben von Film-Tipps: Bringt das überhaupt was? Zudem stellt er erstmals Filme vor, deren Sichtung er abgebrochen hat. Im Hauptbeitrag wird wieder ein vergessener Hollywood-Film aus der Versenkung geholt (diesmal einer von Richard Brooks), und zwei weitere US-Filme werden kurz vorgestellt.

THE CATERED AFFAIR
USA 1956
Mit Bette Davis, Ernest Borgnine, Debbie Reynolds, Barry Fitzgerald, Rod Taylor u.a.
Drehbuch: Gore Vidal nach einem Teleplay von Paddy Chayevsky
Regie: Richard Brooks

Wenn sich eine Film-Familie aus Bette Davis (Mutter), Ernest Borgnine (Vater), Debbie Reynolds (Tochter) und Barry Fitzgerald (Onkel) zusammensetzt – dann schaut man sogar gern zu, wenn der Film schlecht ist.
Nun, Richard Brooks The Catered Affair ist alles andere als schlecht ist! Und das macht die Sache so richtig interessant. The Catered Affair gehört zwar dank seines damaligen Misserfolgs zu den heute vergessenen Werken dieses ansonsten gefeierten Regisseurs, doch die Sichtung lohnt sich – und eine Neubewertung ist fällig.

Die Geschichte spielt im Arbeitermilieu New Yorks, wo Vater Tom Hurley (Borgnine) als Taxifahrer seine Familie mehr schlecht als recht durchbringt. Ende Monat ist die Haushaltskasse leer, aber Tom legt immer wieder etwas beiseite – bald hat er genug beisammen, um das eigene Taxi zu kaufen und mit seinem alten Kumpel zusammen ein eigenes Unternehmen zu gründen.
Da platzt Töchterchen Jane (Reynolds) mit der Nachricht ihrer geplanten Hochzeit ins Haus. Nur klein soll diese sein, im engsten Familienkreis, zehn Minuten höchstens soll sie dauern, und dann soll’s mit Ehemann Ralph (Taylor) ab in die Flitterwochen gehen.
Die Hochzeit wächst sich im Hause Hurley aber zum Politikum aus. Onkel Jack (Fitzgerald) ist beleidigt, weil er nicht zum „engsten Familienkreis“ gezählt wird, obwohl er schon seit 12 Jahren bei den Hurleys wohnt. Und für Mutter Aggie (Davis) kommt sowieso keine kleine Hochzeit infrage; aus Schuldgefühlen ihrer Tochter gegenüber modelliert sie das geplante Fest mit eiserner Fuchtel nach und nach zum kostspieligen 200-Gäste-Anlass um. Vater Tom sieht seinen Traum vom Taxi entschwinden.

Alle meinen es gut in dem Film. Aber alte Geschichten, Stolz und Enttäuschungen schaukeln die bevorstehende Hochzeit zur drohenden Katastrophe hoch. Bis der verständnisvollen Tochter der Kragen platzt. „Alles geht schief!“, brüllt sie ihre Eltern an. „Meine beste Freundin hat mich verlassen, Onkel Jack ist ausgezogen, und ihr beide streitet nur noch miteinander. Und alles wegen dieser verdammten Hochzeit!“

Am Ende kommt alles gut, aber bis dahin brechen alte Konflikte auf, alte Schuld zollt ihren Tribut, der Standesunterschied zwischen den reichen Eltern des Bräutigams und den Hurleys lastet – man kriegt als Zuschauer einen guten Einblick in den Alltag von Amerikas „working poor“ der 50er-Jahre.

The Catering Affair pulsiert vor Leben. Das Milieu und die Charaktere sind scharf gezeichnet, Charakterstudien fast allesamt, in denen Schauspieler zeigen können, was sie drauf haben. Es ist eine wahre Freude, der hier versammelten Truppe zuzusehen. Bette Davis als verbitterte, Arbeiterfrau brennt sich mit ihrem abgehärmten Ausdruck und ihrer Reibeisenstimme unauslöschlich ins Gedächtnis ein. Ihre schauspielerischen Zwischentöne, mit denen sie immer wieder kurz hinter die raue Fassade dieser Frau blicken lässt, machen ihre Aggie zur glaubwürdigen Figur. Borgnine, der während der Dreharbeiten den Oscar für die Titelrolle in Marty erhielt, erbringt hier eine ähnlich denkwürdige Leistung wie im preisgekrönten Vorgängerfilm. Und Debbie Reynolds, bis dahin Musical-Darling und fröhlicher Springinsfeld, überrascht in einer ernsten Rolle und einer soliden Leistung, die ihr nicht mal Regisseur Brooks zugetraut hatte: Er wollte die Reynolds eigentlich nicht im Team haben, aber weil er Bette Davis‘ Mitwirkung beim Produzenten durchdrückte, musste er bei Debbie Reynolds nachgeben. Er hatte es offenbar nicht bereut.

Schade, dass man den Film heute praktisch nicht mehr sieht. Er steht in einer Linie mit den berühmten Sozialdramen, die in den USA der späten Fünfzigerjahre in Mode kamen und die ein ganz anderes Amerika zeigten als die gloriosen Eskapismus-Orgien der Vierziger.
In der Reihe „Warner Archive Collection“ ist er als „DVD on demand“ (DVD-R) in den USA erschienen (Kaufmöglichkeit siehe unten).

8 / 10

 => Die oben erwähnte DVD der Warner Archive Collection kann hier gekauft werden (Link führt zu meinem eBay-Angebot).

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Filmschnipsel:

(500) DAYS OF SUMMER
USA 2009
Mit Zooey Deschanel, Joseph Gordon-Levitt, Geoffrey Arend u.a.
Drehbuch: Scott Neustader und Michael H. Weber
Regie: Marc Webb
Eine Liebesgeschichte? Naja – auf sowas steh‘ ich nicht besonders, aber dieser Film erreicht bei imdb.com immerhin eine Wertung von über 7. Kann man sich ja mal ansehen.
„Dies ist keine Liebesgeschichte!“, stellt der Off-Erzähler gleich zu Beginn des Films klar. Was dann folgt – ist der klassische Beginn einer Liebesgeschichte. Am Ende wird der Off-Erzähler Recht behalten.
Klingt verwirrend? Es wird noch besser: (500) Days of Summer hüpft wild zwischen den 500 im Titel besagten Tagen hin und her. Kaum haben sich Tom und Summer kennengelernt, wird zum Tag vorgespult, an dem ihre Beziehung in eine schwere Krise gerät. Um sogleich wieder zurückzuhüpfen.
Diese Erzählweise ist erfrischend anders – und längst nicht so chaotisch, wie es klingt, denn ein roter Faden ist immer da. Die Erzählweise entspricht dem sprunghaften Wesen der Titelheldin Summer, die von Zooey Deschanel („New Girl“) pefekt verkörpert wird.
Vieles an dem Film ist unkonventionell, obwohl er eine absolut konventionelle Geschichte erzählt (Boy meets Girl). Der Humor ist permanent schräg und man kommt aus dem Grinsen kaum heraus, die Hauptcharaktere sind so sympathisch gezeichnet und werden so gut gespielt, dass man sie gerne ein Stück auf ihrem Weg begleitet.
Insgesamt ein toll geschriebener, höchst unterhaltsamer, anregender Liebesfilm, (der gar kein Liebesfilm ist!), der immer wieder mit kreativen Ideen verblüfft. Letztlich ist er zwar recht belanglos, aber er unterhält hervorragend. Kann man sich gut und gern mal ansehen – hier in der englisch gesprochenen Originalversion (Stream).
7 / 10

THE NICE GUYS
USA 2016
Mit Russell Crowe, Ryan Gosling, Angourie Rice, Matt Bomer, Kim Basinger, u.a.
Drehbuch: Shane Black und Anthony Bagarozzi
Regie: Shane Black
NATÜRLICH – ich betone es gleich zu Beginn: The Nice Guys bringt nichts Neues. Aber erstens tun das die allerwenigsten Filme, und zweitens will er das gar nicht. Er will unterhalten – und das tut er auf hohem Niveau! Das hat seinen Wert, auch wenn nichts „Neues“ dabei ist. Im Thai-Restaurant schmeckt einem das Essen ja auch nicht nur, wenn der Koch „was Neues“ erfunden hat.
The Nice Guys blendet zurück in die 7oer-Jahre und erzählt die Geschichte eines Falls, ist also einerseits ein Krimi. Eine Darstellerin aus einem propagandistischen Pornofilm wird plötzlich von wütenden Killern gejagt – warum?
Im Mittelpunkt der Ermittlungen stehen zwei Privatdetektive (Crowe und Gosling), der eine gescheitert und ohne Lizenz, der andere ein versoffener Möchtegern. Die beiden bringen starke Elemente der Komödie in den Film, die Figurenkonstellation ist nicht ohne (komischen) Zündstoff. Das Drehbuch verwickelt als zusätzliche Würze noch die minderjährige Tochter des Möchtegern-Ermittlers in die Krimi-Handlung mit ein – und fertig ist ein Cocktail, der von A bis Z bei der Stange hält und einfach Spass macht.
Crowe spielt seine Rolle mit unglaublicher Präzision; bislang hielt ich von diesem Schauspieler nicht viel (aufgrund seiner Leistung in Les Miserables), ich hatte praktisch alle Filme von ihm ausgelassen. Hier ist er eine Bombe. Er erzählt zwischen den Zeilen, die Geschichte seiner Figur schwingt in seinem Spiel mit, ohne dass viele Worte darüber verloren werden. Das ist auch ein Verdienst des Drehbuchs, aber Crowe setzt das optimal um. Neben ihm glänzen Ryan Gosling als grossmäuliger Tollpatsch und die niedliche Angourie Rice als dessen Tochter. Matt Bomer (bekannt aus der Serie White Collar) überrascht mit einem Auftritt, der komplett gegen seinen Serien-Charakter gebürstet ist.
Und Shane Black, der Regisseur? Ein alter Hase im Filmbusiness. Von ihm stammt das Drehbuch zum ersten Lethal Weapon-Streifen und zum dritten Iron Man-Sequel. Der Mann kann sowohl Komödie als auch Action. Schreibender- und Inszenierenderweise. Anschauen und geniessen: Hier in der US-Originalfassung und hier in der deutsch synchronisierten Fassung (Stream).
8 / 10

Abgebrochenene Filmsichtungen:


RED RIVER
USA 1948
Mit John Wayne, Montgomery Clift, Walter Brennan,
Drehbuch: Borden Chase
Regie: Howard Hawks
Ein bedeutender Western, bedeutend dank der Tatsache, dass erstmals in einem Film eine echte Rinderstampede inszeniert wurde. Sie wurde von in den Boden eingelassenen Kameras gefilmt, die mit Panzerglas abgedeckt waren. Zudem wurde hier erstmals in einem US-Film eine Handkamera eingesetzt.
Die Stampede ist eindrücklich. Trotzdem hat mich der Film kalt gelassen. Ich habe nach einer Stunde aufgegeben, nachdem ich einfach nicht ‚reinkam. John Wayne spielt ein selbstgerechtes Arsch; ich hatte erwartet, dass er sich im Verlauf der Handlung zum üblen, despotischen Rinderbaron entwickeln wird, so ist die Rolle angelegt, aber nein: Etwa in der Mitte des Films wird unterstrichen, dass er eigentlich ein guter Kerl ist. Passt einfach nicht!
Der Film zieht sich wie Kaugummi, und obwohl ich ihm als Howard Hawks-Fan alle Chancen gegeben hatte, strich ich nach 60 Minuten die Fahnen. Das Drehbuch ist alles andere als pointiert und verliert sich in schier uferlosen Episoden, deren Zweck man nicht wirklich erkennt. Und John Wayne spielt schlecht, furchtbar; meine Güte, war das ein mieser Schauspieler!
Nee, das ist einer jener „bedeutenden Filme“ auf deren „Genuss“ ich verzichten kann. Ansehen im Stream in der US-Originalfassung: Hier.
(Keine Wertung – abgebrochen)

GHOST IN THE SHELL
USA 2017
Mit Scarlett Johansson, Pilou Asbaek, Takeshi Kitano, Juliette Binoche u.a.
Drehbuch: Jamie Moss, William Wheeler und Ehren Krueger
Regie: Rupert Sanders

Ich war im Kino… und bin in der Pause gegangen.
Zuerst muss ich anmerken, dass ich Anime-Vorlage nicht kenne.
Ich fand den Film eigentlich sehr gut inszeniert, der Look ist gewaltig, das Drehbuch, naja, schlecht fand ich es nicht, aber auch nicht besonders gut. Man merkt schon, dass da gerafft und gestaucht werden musste.
Die Schauspieler hatten angesichts der geballten Ladung an CGI und Action keinerlei Chance, irgendwas zu zeigen ausser Gehetztheit und Drohgebärden.
Was mir absolut nicht gefallen hat, mich sogar richtiggehend abgestossen hat, war der „Cyberpunk-Effekt“. Ich konnte deshalb schon die Bücher von William Gibson und Co. nicht lesen – diese Koppelung von Mensch und Maschine, die das bionische Prinzip praktisch umdreht und den Menschen nach dem Vorbild von Maschinen optimiert, das behagt mir irgendwie nicht. Und Bilder von verkabelten Wesen sind für mich schlimmer als irgendeine Splatter-Szene.
Fragt mich nicht, weshalb…
(Keine Wertung – abgebrochen)

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Gedankensplitter

Schreiben über Film
Seit Jahren führe ich diesen Blog, seit Jahren hege ich Zweifel daran, ob das Schreriben über Film dem Medium überhaupt gerecht wird. Immer wieder legte ich längere Pausen ein, weil ich von der Sache einfach nicht überzeugt war. Film ist Bild, Ton, Schauspiel, Bewegung, Musik und, und, und…
Text hingegen ist… einfach Text.
Mein Bedürfnis war immer, auf gute Filme aufmerksam zu machen, andere zum Sehen zu animieren. Doch die Blogsphäre ist derart voll mit Filmseiten, dass ein einzelner Text in der Menge schlichtweg verloren geht.
Am liebsten würde ich den jeweils besprochenen Film auf meinem Blog zugänglich machen. Damit man die Anregung, die der Text hoffentlich bietet, gleich ins Seh-Erlebnis umsetzen kann.
Seit Jahren suche ich nach einer Möglichkeit. Bei drei der hier besprochenen Filme habe ich mal versuchsweise Links  zu Steamingseiten eingefügt. Schauen wir mal, was passiert…

Movie-Magazin 10: Die kleinen Füchse (1941) & Der einzige Zeuge (1985)

THE LITTLE FOXES
USA 1941
Mit Bette Davis, Herbert Marshall, Theresa Wright, Charles Dingle, Dan Dureya, Patricia Collinge, Carl Benton Reid, Richard Carlson u.a.
Drehbuch: Lillian Hellman nach ihrem gleichnamigen Theaterstück; zusätzliche Szenen und Dialoge: Dorothy Parker, Arthur Kober und Alan Campbell
Regie: William Wyler
Studio: RKO Radio Pictures
Dauer: 116 min
Der Film lief damals nicht in den deutschsprachigen Kinos. Das deutsche Fernsehen stahlte ihn 1974 erstmals aus, unter dem Titel Die kleinen Füchse

Vorspann:
„Fangt uns die Füchse, die kleinen Füchse, die uns die Weinberge verderben; denn unsere Weinberge sind in der Blüte!“ Mit diesem titelgebenden Zitat aus dem Hohelied (2,15) beginnt The Little Foxes, eine Südstaaten-Familiensaga der etwas anderen Art. Anders als in vergleichbaren Hollywood-Filmen jener Zeit wird hier nicht die familiäre Zusammgehörigkeit, die Familie als werterhaltende Institution gefeiert, das genaue Gegenteil wird gezeigt: Die Zerstörung einer Familie durch den Egoismus und die Gier ihrer Mitglieder.
Um 1900: Regina, Ben und Oscar, drei Geschwister, die zusammen mit ihren Familien auf dem herrschaftlichen Hubbard-Landsitz hausen, planen einen lukrativen Deal mit einem befreundeten Geschäftsmann: Sie wollen im Ort eine Baumwoll-Spinnerei errichten, welche die sich die örtlichen Ressourcen in ausbeuterischer Weise zunutze machen wird. Ben und Oscar, denen noch 75’000 Dollar fehlen, bohren ihre Schwester (Davis) an, welche sofort Feuer und Flamme für die Sache ist. Endlich sieht sie eine Chance, auch als Frau zu Wohlstand und Macht zu gelangen, sie, die nur mit einem kränklichen Bankier (Marshall) verheiratet ist. Doch der Deal wird ohne den Ehemann nichts, weil er das Geld seiner Familie verwaltet. Da er von Frau und Tochter getrennt lebt – sein schwaches Herz braucht Ruhe – sendet Regina Tochter „Zan“ aus, den von ihr geliebten Papa zurückzuholen. Als dieser sich weigert, bei dem Geschäft einzusteigen, schlägt Oscars Sohn Leo (Dureya) vor, die Wertpapiere von Reginas Gatten zu „leihen“, um das benötigte Geld zusammenzubekommen. Dieser entdeckt den Diebstahl und droht den Spiess umzudrehen. Am Schluss wird allerdings Regina triumphieren – über alle anderen.

Der Film:
Die Inhaltsangabe klingt eher langweilig. Die trockende Materie der Geschäftsgründung ist nur der notwenige Rahmen, innerhalb dessen die eigentliche Geschichte ihren Lauf nimmt: Die Geschichte von drei geldgierigen Geschwistern, die mit ihrer Masslosigkeit ihre Familien zerstören. Besonders der weibliche Part des „trio infernal“ erweist sich in ihren Ambitionen als alles zerstörende destruktive Kraft: Schwester Regina will um jeden Preis, was für eine Frau in jener Zeit schwierig zu erreichen war: Reichtum und Macht. Sie intrigriert so lange, bis sie ihr Ziel erreicht hat – auf Kosten der anderen.
Der Film kreist um den Familienkosmos der Hubbards / Giddens, der dank der Gewinnsucht der drei Geschwister langsam mit Mann und Maus untergeht. Im Gegensatz zur Mehrheit der damaligen amerikanischen Filme, die sich mit Familien beschäftigen, thematisiert The Little Foxes die Zersetzung der Familie und deren Werte durch den „american dream“ von Geld und Erfolg. Unaufhaltsam wie in einem Drama von Ibsen oder Strindberg, schreitet das Zerstörungswerk voran. Man sieht es kommen und schaut fasziniert zu. Damit stand The Little Foxes quer in Amerikas Kinolandschaft.
Dass die Vorlage von der Bühne stammt, ist zwischendurch nicht zu übersehen. Doch dank der hervorragenden Leistungen sämtlicher Schauspielerinnen und Schauspieler und dank der versierten und einfallsreichen Regie hat man diesen Umstand rasch vergessen.

Obwohl jede Rolle sehr gut bis hervorragend besetzt ist, gehört der Film Bette Davis. Ihre Darstellung der Regina ist sein böses Herzstück. Dank ihres auffallenden Make-Ups sticht sie aus jeder Einstellung heraus. Davis‘ Regina ist dank kalkweisser Schminke schon auf den ersten Blick als Megäre zu erkennen. Regisseur Wyler hingegen meinte, sie sähe damit aus wie eine Figur des Kabuki-Theaters und bestand auf Änderung.
Die Schminke war nur einer der Streitpunkte, über die sich der Regisseur und seine Star-Darstellerin während der gesamten Dreharbeiten in den Haaren lagen. Die Meinungsverschiedenheiten eskalierten derart, dass Davis davonlief und für die nächsten 21 Tage nicht mehr am Set erschien. Der Vertrag zwang sie schliesslich zur Rückkehr. Nach der Premiere war das einstige Paar Wyler & Davis so zerstritten, dass der Regisseur fortan keinen Film mehr mit der Davis drehte. Dies, nachdem er sie zuvor in drei seiner Filme in Folge besetzt hatte.
Schaut man sich The Little Foxes heute an, kommt man nicht um die Feststellung herum, dass Davis punkto Schminke Recht hatte. Das weisse Gesicht unterstreicht die Un-Menschlichkeit ihres Charakters und entrückt sie damit auf erträgliche Distanz. Anders wäre sie kaum auszuhalten. Wyler wollte sie sogar „weicher“, menschlicher zeichnen als das Stück dies vorsah. Auch dagegen wehrte sich die Davis – und behielt ebenfalls Recht. Die schreckliche Schlusssequenz, in der sie ihren Gatten qualvoll zu Grunde gehen lässt, wäre sonst unglaubwürdig geworden, und das hätte dem ganzen Film geschadtet. In dieser Szene bleibt sie völlig reglos, starr, nur aus ihrem Gesicht spricht der blanke Wahnsinn – es läuft einem dabei kälter über den Rücken als in jedem Horrorfilm jener Zeit. In dieser Szene zahlt sich Davis Beharrlichkeit aus – sie gehört für mich zu den eindringlichsten Momenten der Kinogeschichte; dass sie so funktioniert wie sie funktionniert, ist allein Bette Davis‘ Verdienst.

Die restliche Besetzung rekrutierte sich teilweise direkt von der noch laufenden Bühnenproduktion, die ihre Tournee für drei Monate zugunsten der Dreharbeiten unterbrach. Für drei der Bühnendarsteller, Dan Dureya, Patricia Collinge und Carl Benton Reid wurde The Little Foxes zum Filmdebut; auch Theresa Wright war hier zum ersten Mal auf der Leinwand zu sehen; sie erhielt, zusammen mit Patricia Collinge und Bette Davis eine Oscar-Nomination. Neben Bette Davis geben vor allem Collinges und Herbert Marshalls Leistungen Anlass zu Begeisterung. Beide spielen bemitleidenswerte Angeheiratete, sie dem Alkohol verfallen, er schwer Herzkrank, die an der destruktiven Dynamik der Hubbard-Familie zerbrechen.

Lillian Hellman

Lillian Hellmans Stück ist deutlich das schwächste Glied der Kette – es wird allerdings derart meisterhaft umgesetzt, dass die Schwächen wettgemacht werden. So operiert Hellmann mit simplen Schwarz-Weiss-Kontrasten, die Figuren sind entweder nur schlecht oder nur gut, wobei die Guten allzu pathetisch überzeichnet werden. Offenbar sollten letztere das Mitleid der Zuschauer wecken und damit den moralischen Kontrast zu den bösen Hubbards bilden. Damit entband sich die Autorin von der Verwendung moralingetränkter Dialoge, wie man sie vom Hollywood-Kino dieser Zeit kennt – ein durchaus geschickter „Schachzug“ also, auch wenn die Figuren heute doch etwas gar penetrant pathetisch wirken.
Hellmann schrieb übrigens später ein „Bühnen-Prequel“, das untersucht, wie Regina, Ben und Oscar zu dem geworden sind, wofür sie in The Little Foxes stehen. Es wurde 1948 unter dem Titel Another Part of the Forrest von Michael Gordon verfilmt.
Weitere Filme nach Stücken / Drehbüchern von Lillian Hellman sind etwa These Three (dt.: Infame Lügen, 1936), Dead End (dt.: Sackgasse, 1937) The Children’s Hour (dt.: Infam, Remake von These Three, 1961); alle drei entstanden ebenfalls unter der Regie William Wylers, deer eine Affinität zu Hellmans Stoffen gehabt zu haben schien.

William Wyler mit Bette Davis

Und damit zurück zur eigentlichen Hauptperson: Dem Regisseur William Wyler, oder „90-Takes-Wyler“, wie er aufgrund seiner (über-)perfektionistischen Arbeitsweise von genervten Mitarbeitern genannt wurde. Er mag die Film-Crew mit seiner Manie, den perfekten Take zu erreichen, jeweils in den Wahnsinn getrieben haben – herausgekommen ist dabei eine lange Reihe von grandiosen Filmen von unübertroffener Stimmigkeit. Er verlangte von seinen Schauspielern das Beste – und bekam es auch. Er wusste genau, wie er eine Szene haben wollte und wie sie am besten wirkte, und zwar in Bezug auf alles: Akteure, Kamerawinkel und -bewegung, Ausstattung, Beleuchtung usw. Kameramann Greg Toland wurde von Wyler ermuntert, seine in Citizen Kane begonnenen Deep-Focus-Experimente fortzusetzen, was in The Little Foxes zu Bildern von atemberaubender Tiefenschärfe führte.Wylers wunderbare Inszenierung neutralisiert im hier besprochenen Film die Schwächen der Vorlage; wenn er ein wirklich gutes Drehbuch hatte, konnte er Wunder wirken.
In The Little Foxes stimmt praktisch alles, der Film zeugt von einem grossen Gestaltungswillen; auch wenn man in Wylers Filmen auf den ersten Blick keine eigene Handschrift entdecken kann, so lässt sich doch sagen: Seine Filme sind jene, die bis ins Detail perfekt sind. Wenn er mit seinen Ansichten im Unrecht war – wie in den beiden oben erwähnten Streitpunkten mit der Davis – so liess er am Ende doch die stimmigste Entscheidung gelten, auch wenn es nicht die seine war.
Vielleicht sah er ein, dass Davis mit ihren Ideen Recht hatte, vielleicht tat er es dem Frieden zuliebe – wer weiss? Aktenkundig ist, dass Davis und Wyler grossen Respekt vor der Professionalität des jeweils anderen hatten (Davis nannte Wyler später den „grössten amerikanischen Filmregisseur“, und auch „die Liebe meines Lebens“).

The Little Foxes ist ein ungemütlicher, bitterböser Film mit glänzender Oberfläche. Er ist nicht leicht zu goutieren. Der damals allgegenwärtige Kritiker Bosley Crowther schrieb zur Premiere, The Little Foxes werde die Bewunderung der Zuschauer für die Menschheit bestimmt nicht steigern. Da hat er Recht: wären da nicht die superbe Regieführung, die fantastische Kameraarbeit und die herausragenden darstellerischen Leistungen – ich hätte mich etwa in der Hälfte aus dieser äzenden Familiensaga verabschiedet.

Abspann:
Dem Film war in den USA ein beachtlicher Publikumserfolg beschieden, was wohl zum Teil der Popularität und der Neuheit des Bühnenstücks geschuldet war. Obwohl er nach dem Krieg in Teilen Europas in die Kinos gelangte, war er in Deutschland nur im Fernsehen zu sehen – und das erst in den 70er-Jahren. Er ist hierzulande weder auf DVD, Blu-ray noch auf VHS erschienen. Wer ihn trotzdem sehen will (was ich unbedingt empfehlen möchte), muss auf die amerikanische DVD (Regionalcode 1) zurückgreifen, die via amazon.co.uk für einen vernüftigen Versandkostenpreis bestellt werden kann.

 

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Film-Schnipsel

Filmklassiker auf dem Prüfstand:

Witness (dt.: Der einzige Zeuge; Peter Weir, USA 1985) Mit Harrison Ford, Kelly McGillis, Josef Sommer, Lukas Haas, Danny Glover u.a.
Man kann sich fragen, ab wann man einen Film zu den „Klassikern“ zählen soll / darf. Ist für diese Auszeichnung ein gewisses Alter erforderlich (welches)? Muss der Film einen bestimmten Popularitätsgrad erreicht haben? Es gibt eine klare Definition für „den Klassiker“ (siehe u.a. Wikipedia), deshalb ist es sicher statthaft, auch ein „neueren“ Film wie Peter Weirs Witness dazuzuzählen. Er glänzt zwar nicht unbedingt durch Innovation, doch wird ihm von vielen Filmkennern hohe Qualität zugestanden und die Zeitlosigkeit seines Grundthemas macht ihn noch heute sehenswert. Obwohl ich für die Hauptartikel dieses Blogs die zeitliche Trennlinie für den Begriff „Klassiker“ (willkürlich) im Jahr 1969 gezogen habe, möchte ich sie in der Sparte „Filmklassiker“ gerne für Werke neueren Datums öffnen.
Witness gehört zu den Filmen, deren Kinoerstaufführung ich selbst miterlebt habe, die ich mehrmals hintereinander angesschaut hatte, an die ich mich immer gerne erinnerte, die ich seither aber nie wieder gesehen habe – wohl aus Furcht vor einer Enttäuschung.
Peter Weirs erster in den USA gedrehter Film hält der Erinnerung jedoch stand: Auch heute noch weiss er mich zu begeistern – vor allem mit seinen herrlichen Bildern, den hervorragenden darstellerischen Leistungen und seiner konsequenten Haltung dem Sujet gegenüber. Wie so oft in Weirs Schaffen wird hier das Thema des „Fremd-Seins“ thematisiert. Ein Amish-Junge beobachtet auf einem Ausflug mit seiner Mutter auf einem Bahnhofsklo einen brutalen Mord. Weil er der einzige Zeuge der Tat ist und den Mörder möglicherweise identifizieren kann, tritt die fremde, moderne Welt im Form des Polizisten John Book in sein abgeschottetes Leben. Aber auch das Umgekehrte passiert: Book gerät dank seiner Ivestigationen in Lebensgefahr und muss sich bei den Amishen verstecken – in einer „rückständigen“ archaischen Welt, deren Regeln er nur schwer versteht.
In diesem Spannungsfeld lassen die für Witness mit dem „Oscar“ ausgezeichnten Drehbuchautoren eine Liebesgeschichte zwischen Book und der Mutter des kleinen Zeugen explodieren – oder besser: implodieren, denn der Film bleibt konsequent und macht anhand der beiden unglücklich Liebenden klar, dass beide Welten nicht zusammenkommen können, ohne dass Schaden entstünde. So bleiben begehrliche Blicke, eine wunderbar zarte Tanzsequenz in der Scheune und ein eruptiver Filmkuss die einzigen „Zeugen“ der versteckten Gefühle. Überhaupt funktioniert in diesem äusserst ruhig geführten Film vieles über den Austausch von Blicken; gesprochen wird nur wenig.
Und wenn am Schluss die Moderne wie das jüngste Gericht über die Amish-Siedlung hereinbricht, so ist dies nicht als Zugeständnis an Hollywoods Spannungs-Konventionen zu verstehen, wie oft zu lesen ist, sondern als Kommentar über die Entmenschlichung (und somit über die Ent-Fremdung zu allem Menschlichen) unserer Zeit.
Ein grosser Wurf – auch noch aus heutiger Sicht!

Kurzrezensionen – diese Woche gesehene klassische Filme:

Romancing the Stone (dt.: Auf der Jagd nach dem grünen Diamanten; Robert Zemeckis, USA 1984) Mit Michael Douglas, Kathleen Turner, Danny DeVito u.a.
Wesentlich schlechter gealtert als der oben besprochene Witness ist dieser Film! Zemeckis erster Kinohit, eine Abenteuerschnurre, wirkt heute ziemlich lahm und konventionell. In diesem Genre hat das Kino inzwischen gewaltig an Tempo zugelegt. Da wirkt die „Jagd nach dem grünen Diamanten“ wie eine Schnitzeljagd. Vieles liegt am Drehbuch, das einfach nicht richtig in die Gänge kommt, platte Dialoge abliefert und seine Klischees mit zuwenig Schmackes serviert. Wäre es weniger „krampfig“, würde das fehlende Tempo keine Rolle spielen. So aber scheint immer wieder die Leere durch, die den Film im Grunde beherrscht. Es blieb Diane Thomas erstes und einziges Drehbuch: Sie verstarb kurz nach ihrem Erfolg an den Folgen eines Autounfalls, den sie in dem ihr von Michael Douglas geschenken Porsche erlitt.

Vorschau:
Das Blog-Konzept wird voraussichtlich wieder anders – das „Magazin“-Format hat sich nicht bewährt; die Links zu benachbarten Blog werden laut wordpress-Statistik nicht genutzt, ebensowenig Klicks (nämlich 0) verzeichnete die Rubrik „Augenfutter“. Wozu also daran festhalten? Es schwebt mir ein Konzept vor, das je einen kaum bekannten alten Film und einen Klassiker vorstellt – ganz klar bin ich mir noch nicht darüber.
Ganz sicher zur Sprache kommt das nächste Mal Richard Brooks‘ Tennessee Williams-Verfilmung Cat on A Hot Tin Roof (dt.: Die Katze auf dem heissen Blechdach; USA 1958).

Forgotten Films: Kavalier nach Mitternacht

IT’S LOVE I’M AFTER
USA 1937
Mit Leslie Howard, Bette Davis, Olivia de Havilland, Eric Blore, Patric Knowles, George Barbier, Bonita Granville u.a.
Drehbuch: Casey Robinson, nach der Story „Gentlemen After Midnight“ von Maurice Hanline
Regie: Archie Mayo
Deutschsprachige Erstaufführung gemäss imdb.com nur in Österreich (wahrscheinlich im TV); imdb.com führt zwei deutschsprachige Titel auf: Kavalier nach Mitternacht und Romeo – privat
Dauer: 90 min

Vorspann:
Hiermit nehme ich einen schon vor längerer Zeit verlorenen Faden wieder auf und setze meine Besprechungen vergessener Filme, meist aus „good old Hollywood“, fort. Als Grundlage dafür dient mir die in den USA erscheinende Warner Archive Collection, welche Hollywoods Archive durchforstet und die Werke auf gebrannten DVDs „on demand“ verkauft. Inzwischen sind es über 1800 Titel! Diesmal ist eine Screwball-Komödie an der Reihe, die sich zwar nicht mit den Grossen des Genres messen kann, die aber doch von Anfang bis Ende restlos überzeugt und noch heute zu begeistern weiss.
Inhalt: Basil (Leslie Howard) und Joyce (Bette Davis) sind ein Paar – auf den Brettern, die die Welt bedeuten feiern sie mit Shakespeare Erfolge, im Privatleben herrscht Krieg und Frieden, Streit und Versöhnung. Immer wieder versprechen die beiden Egomanen sich, zu heiraten, bislang wurde nie etwas draus.  Als eines Abends die junge Marcia West (Olivia de Havilland), Tochter aus neureichem Haus und dem gutaussehenden Henry Grant (Patric Knowles) versprochen, Basil als Romeo auf der Bühne sieht, ist sie hin und weg. Sie dringt in seine Garderobe ein und überhäuft ihn mit Liebesbezeugungen – was dem Ego des Mimen gehörig schmeichelt. Nachdem ihm seine Partnerin darob die Hölle heiss gemacht hat, fasst er, zusammen mit Miss Wests Verlobtem, den Plan, anlässlicher eines Dinners im Haus ihrer Eltern als Ekel aufzutreten und sie so von ihrer Verliebtheit zu kurieren…

Der Film:
Ich kann immer wieder nur staunen, welche Filmperlen völlig von der cinéastischen Bildfläche verschwunden sind. Auch It’s Love I’m After gehört dazu, eine vor Dialogwitz und Spielfreude überbordende Screwball-Komödie aus der Frühzeit Hollywoods. Sie mag vielleicht nicht so elegant sein wie vergleichbare Filme George Cukors oder Howard Hawks‘, aber allein schon das Zusammenspiel der vier Hauptdarsteller ist unbezahlbar, vom pointiert-treffenden, rasanten Dialogwitz ganz zu schweigen!

Zur Abwechslung Komödie
Treibende Kraft hinter dem Film war der damals in den USA gefeierte britische Schauspieler-Star Leslie Howard. Nach dramatischen Filmen wie Of Human Bondage und The Petrified Forest (beide ebenfalls mit Bette Davis) wollte er Hollywood auch sein komödiantisches Talent beweisen. Dem Produzenten Hal Wallis gefiel die Idee, und Howard schlug die Story „Gentlemen After Midnight“ des heute kaum mehr bekannten Autors Maurice Hanline vor. Als weiblichen Co-Star wollte Howard ursprünglich die komödienerprobte Bühnenaktrice Gertrude Lawrence, die aber im Film keine besonders gute Figur machte. Wallis engagierte Bette Davis, weil er fand, auch ihr würde eine Image-Erweiterung ins Komödienfach gut tun. Nach einigem Kaprizieren (u.a. passte es der Davis nicht, dass ihr Name an zweiter Stelle neben Howards stehen sollte) sagte sie trotz Arbeitsüberlastung zu (es war ihr viertes Filmprojekt 1937). Die Zusage war ein Glück für die Filmwelt – denn die komödiantische Chemie zwischen Howard und ihr ist in diesem Film geradezu elektrisierend! Sowohl Howard als auch die Davis entpuppten sich als hervorragende Komödianten – und Olivia de Havilland, deren Stern gerade am steigen war, fügte sich ihrerseits wunderbar ein.

Grandiose Schauspielkunst
Howard brilliert als egomanischer Tragöde mit Hang zum Schmierentheater, Davis als egomane Tragödin mit Hang zu bissigem Sarkasmen. Eric Blore, der „ewige Butler“ Hollywoods, stiehlt als Vogelstimmen imitierender „Sidekick“ Howards den beiden fast die Show. Und Olivia de Havilland spielt – sofern das bei so viel grosser Schauspielkunst überhaupt noch möglich ist – den Rest der Crew glattweg an die Wand; sie verblüfft als hyperaktiver, im Furor der Verehrung richtiggehend hysterischer Fan, der seine Sätze in der schieren backfischhaften Aufregung wie Maschinengewehrsalven von sich gibt. Alle vier Mimen scheinen grossen Spass an ihren Rollen zu haben. Kommt dazu, dass jede Nebenrolle perfekt besetzt ist – der Film ist ein Fest für Freunde der Schauspielkunst. Blore notabene ist der einzige Schauspieler in diesem Film, der eine echte „ham performance“ abgibt („ham“ = eine Rolle schauspielerisch übertreiben, overacting). Die anderen spielen ihr „ham acting“ nur. Blore geht in seiner Rolle aber erstens mit soviel Gusto und Witz auf, dass es eine Freude ist; zudem lässt das Drehbuch den Schluss zu – und die Regie unterstützt dies mit subtilen Mitteln – dass all die Jahre im Dienst eines „ham actors“ auf den Butler abgefärbt haben.

Der Regisseur
Hinter der Kamera stand Archie Mayo, unter dessen 87 Filme zählendem Lebenswerk sich einige sehr solide und bemerkenswerte Streifen befinden. Heute ist er vielleicht noch bekannt für The Petrified Forest, in dem Humphrey Bogart erstmals Gelegenheit hatte, als Gangster zu zeigen, was wirklich in ihm steckte, und A Night in Casablanca mit den Marx Brothers. Mayo war ein solider Handwerker, der gute Drehbücher zum glänzen bringen und Schauspieler zu Bestleistungen antreiben konnte, als Künstler aber durch keine persönliche Handschrift auffiel. Er muss gegen Ende seiner Karriere (er hörte 1946 mit der Filmerei auf) ein ziemlicher Despot gewesen sein. Seine zunehmende Ungeduld mit den Schauspielern scheint ihn zur Konsequenz des Ausstiegs geführt zu haben.

Abspann:
Leslie Howard war im Jahr zuvor in George Cukors Version von Shakespeares Romeo and Juliet zu sehen – eine freche Parodie darauf wurde in It’s Love I’m After eingebaut. Danach spielte er in Tay Garnetts Komödie Stand-In, erneut an Humphrey Bogarts Seite. Nach Ausbruch des zweiten Weltkrieges kehrte Howard nach England zurück und führte dort in drei Filmen Regie. 1943 kam er ums Leben, als ein deutscher Bomber das Passagierflugzeug, in welchem Howard und 17 andere Zivilisten von Lissabon nach Bristol flogen, abschoss.
Bette Davis‚ Vorgängerfilm war Edmund Gouldings That Certain Woman, danach kam (1938) Jezebel von William Wyler. In beiden war ihr männlicher Partner Henry Fonda.
Olivia de Havilland war zuvor in Call it a Day zu sehen (ebenfalls unter der Regie von Archie Mayo), danach in James Whales The Great Garrick (Besprechung in diesem Blog > hier). Alle drei Filme entstanden 1937.
-Der deutsche Titel „Kavalier nach Mitternacht“ gibt Rätsel auf. Er ist eine fast wörtliche – und ziemlich ungeschickte – Übersetzung der Buchvorlage. War das Buch also hierzulande so bekannt, dass der Filmtitel Assoziationen hätte hervorrufen sollen – sofern er überhaupt in den Kinos lief? Eine Internet-Suche führt allerdings zum Schluss, dass im deutschsprachigen Raum nie ein Buch aus Hanlines Feder erschien.