Fritz Lang

Tonfilm-Seitensprung: Hölle auf Erden

Endlich: Meine vor Monaten angekündigte Review von Fritz Langs Tonfilmschaffen ist einen Schritt weitergekommen. Ich kann nicht versprechen, dass sie in Zukunft schneller voranschreitet – es gibt auch von anderen Regisseuren einfach zu viele interessante Filme!

YOU ONLY LIVE ONCE
(dt.: Gehetzt)
USA 1937
Mit Henry Fonda, Sylvia Sidney, Barton MacLane, u.a.
Regie: Fritz Lang
Dauer: 86 min

In Fritz Langs zweitem im US-Exil gedrehtem Film gibt es, neben den beiden Hauptfiguren nur gerade drei mit positiven Eigenschaften besetzte Charaktere: Der Gefängnispater Dolan (William Gargan), der Anwalt Steven (Barton MacLane) und der Gefängnisinsasse Buggsy (Warren Hymer). Der grosse Rest, die ganze „Belegschaft“ der Nebenfiguren ist seelisch verkommen, fies, selbstgerecht, egoistisch, dumm und in der Gesamtheit seines Auftretens hässlich. Es ist, als wolle der gerade aus Deutschland geflüchtete Regisseur Fritz Lang zeigen, dass die Welt nichts anderes sei als die von der Kirche beschworene Hölle, von der uns nur der Tod erlösen könne, der seinerseits den Eintritt ins Paradies bedeute. Als der von allen irdischen Mächten gehetzte und schliesslich tödlich verwundete Ex-Sträfling Eddie (Henry Fonda) mit seiner toten Frau im Armen schliesslich stirbt, hört er eine himmlische Stimme, die ihn mit den Worten zu sich ruft: „Eddie! The gates are open, Eddie! You’re free!” Expliziter geht es nicht.

Lang selbst bezeichnete You Only Live Once als „ein bisschen zu sehr konstruiert“. In der Tat krankt das Drehbuch von Gene Towne und C. Graham Baker stark an einer ständig sicht- und spürbaren Konstruiertheit; Langs meisterhafte Inszenierung lässt dies zwar bisweilen vergessen, nach Filmende sass zumindest ich mit einem bitteren Nachgeschmack da.

Henry Fonda spielt den Ex-Sträfling Eddie Taylor, der mit seiner Verlobten Joan (Sylvia Sidney) ein bürgerliches Leben anfangen will.
Schon sehr schnell wird klar: Die Gesellschaft wird dies nicht zulassen. Eddie wird im Honeymoon-Hotel erkannt, worauf das frisch getraute Brautpaar brutal auf die Strasse gesetzt wird. Dann verliert er seine Arbeit – ein Ex-Sträfling kann sich keine Fehler leisten. Ohne Job kann Eddie die Raten am Haus nicht mehr bezahlen.
So geht das weiter und immer weiter. Eddie hat keine Chance. Ständig trifft er auf bornierte, hässliche, bösartige Bürger oder Gesetzesvertreter, die ihm seine Vergangenheit vorhalten und seinen guten Willen ignorieren, kurz, die ihm genüsslich übel wollen. Alle haben sie sich gegen ihn verschworen. Zuletzt sitzt er wieder im Gefängnis – unschuldig zum Tod verurteilt.

Parallelen zu Langs Vorgängerfilm Fury bieten sich geradezu an: Ein Unschuldiger wird von der Gesellschaft verurteilt und in die Rolle des Bösewichtes geradezu gedrängt. Entlud sich in Fury der Hass der Bürger in einem einzigen unheilvollen Moment, zieht sich der Hass in You Only Live Once über einen Zeitraum von mehreren Monaten und über den ganzen Film hinweg. Wo er sich auch hinwendet, Eddie trifft nur auf Hass und Borniertheit.

Gegen eine solche Aussage wäre nichts einzuwenden. Die grosse Schwäche des Films ist aber die: Man glaubt diese konstante Folge von üblem Willen nicht, weil sie in dieser Häufung und in der gezeigten Konstellation schlicht nicht möglich ist. Ein Beispiel von (zu) vielen: Eddie bricht aus dem Todestrakt auch (wie er das tut ist schon unglaubwürdig genug); er nimmt den Gefängnisarzt als Geisel und bahnt sich einen Weg zum Gefängnistor. „Wenn ihr schiess, stirbt der Arzt“, schleudert er der bewaffneten Polizistenmeute entgegen. Die Atmosphäre ist zum Zerreissen gespannt. Und genau in diesem Moment – nach monatelanger Wartezeit – trifft das Begnadigungsschreiben ein. Natürlich glaubt der zum Letzten entschlossene Eddie kein Wort, erschiesst den sich nährenden Pfarrer – und hat sich damit erstmals eines wirklichen Verbrechens schuldig gemacht, das ihn nun zum Gejagten macht.

Solche Momente vermitteln den Zuschauenden deutlich das Gefühl, dass die Welt, die Menschheit, das Schicksal von den Filmemacher mit allen Mitteln als ungerecht und böse hingebogen werden soll, nur damit die Aussage des Film am Schluss aufgeht. An jeder Handlungs-Kreuzung wählen die Drehbuchautoren den schlimmstmöglichen Weg. Eddie hat soviel Pech wie Donald Duck, und es gibt Momente, da wähnt man sich in einem billigen B-Movie.
Vergleiche mit John Fords vier Jahre später entstandenem Meisterwerk The Grapes of Wrath drängen sich auf – interessanterweise lieh auch dort Henry Fonda der geschundenen Hauptfigur seine Duldermiene. Auch bei Ford treten abscheuliche Figuren auf – aber auch das Gute hat dort – wie in der Realität auch – seinen Platz.

Die positiven Figuren bei Lang handeln bei näherer Betrachtung entweder unglaubwürdig (der Mit-Sträfling Buggsy, der dem Todeskandidaten kurz vor der Exekution zu einer Waffe verhilft), dumm oder schwach (der Gefängnispfarrer redet zwar edelmütig, verschuldet aber durch sein Handeln Eddies Mordtat; Eddies der Anwalt kann trotz aller Anstrengung nichts zum Positiven richten, jedenfalls bleiben seine Taten folgenlos angesichts der Übermacht der niederen Instinkte).

So mag der Film zwar Langs Weltsicht durchaus wiedergeben – weitere grundpessimistische Werke sollten folgen – zu seinen Meisterwerken zähle ich You Only Live Once jedoch nicht, denn das würde ein gutes Drehbuch einschliessen.

Man muss dem Regisseur Fritz Lang aber zugute halten, aus dem schwachen Stoff das denkbar Beste gemacht zu haben – Kraft seiner Bilder und der stringenten Inszenierung. Die ständigen verbalen Anspielung auf das bittere Ende wirken penetrant und angesichts der Bilder unnötig, die Lang findet, um dasselbe auf wesentlich subtilere Weise zu bewirken, indem sie das Unterbewusstsein des Betrachters darauf vorbereiten: In einem Teich wird das Spiegelbild des glücklichen Paares von Wellen ausgelöscht; eine Kinderschaukel im Regen kündet das Zerbrechen des Traumes vom bürgerlichen Leben an. Solche Metaphern wirken heute zwar auch etwas aufdringlich, doch lassen solche Bilder erkennen, dass die Stummfilmzeit 1937 noch nicht weit zurück lag. Lang wurde mit seinen Stummfilmen gross und legte auch in Hollywood noch immer deutlich mehr Wert auf die Bildsprache, als den Worten zu vertrauen.

Und darin liegt nach meiner Ansicht der Wert dieses eher schwachen Films: In der Kraft der Bilder und im Vertrauen auf deren narrative Qualität. Sie sind in der Tat so stark, dass man sich die Löcher im Drehbuch und in der Logik gefallen lässt. Dies war ja bereits in Metropolis der Fall – doch dem lag das deutlich bessere Drehbuch zugrunde.
7/10

You Only Live Once ist im deutschsprachigen Raum auf DVD erhältlich und kann bei amazon.de bestellt werden.

Das Wunder von Buenos Aires

METROPOLIS
Deutschland 1927
Regie: Fritz Lang
Mit Brigitte Helm, Gustav Fröhlich, Alfred Abel, Rudolf Klein-Rogge, Heinrich George u.a.
Dauer: 150 min

Metropolis gehört mit Kubricks 2001 zu den einflussreichsten Science-Fiction-Filmen überhaupt. Durch die gesamte Filmgeschichte hindurch lassen sich die Einflüsse von Fritz Langs Film nachweisen, der Roboter C3-PO aus George Lucas’ Serie Star Wars ist von allen Verneigung vor diesem Film die bekannteste und filmhistorisch die wohl aktuellste.

Metropolis ist einer der ganz wenigen Stummfilme, die  nicht nur bei einer bestimmten Gemeinde von Filminteressierten Kultstatus entwickelt haben (als weitere Beispiele lassen sich vielleicht noch Eisensteins Panzerkreuzer Potemkin und Murnaus Nosferatu anführen). Metropolis hatte auf dem Gebiet der Filmarchitektur, der Bildsprache und der filmischen Erzählung Maßstäbe gesetzt, die ihn noch heute als beispielhaft aus der Masse der Filme herausragen lassen. Man kann nicht behaupten, er sei nicht veraltet, aber seine Bilder, seine Bildgewalt und seine Special Effects vermögen auch ein heutiges Kinopublikum noch zu beeindrucken.

Dabei galt der vollständige Film lange Zeit als unwiederbringlich verloren. Metropolis wurde gleich nach seinem Erscheinen und seiner Uraufführung in Deutschland gekürzt, vermutlich wegen negativer Kritikerreaktionen; die geschnittenen Teile wurden vernichtet. Auch für den amerikanischen Markt wurde Metropolis gekürzt und umgeschnitten. Paramount glaubte nicht, dass ein 153-Minuten-Schinken in den USA Erfolg haben könnte und beauftragte Channing Pollock damit, Änderungen vorzunehmen.
Pollock ging dabei nach Kriterien vor, die heute seltsam anmuten. So entfernte er sämtliche Sequenzen, in welcher Hel erwähnt wurde, die verstorbene Gattin des Städtebauers Joh Fredersen. Die Angst, die Nähe des Namens zum amerikanischen Begriff hell (für Hölle) könne zu Problemen führen, liess Pollock die Schere ansetzen – dass damit ein grosser Teil des Films unverständlich wurde, schien ihn nicht zu kümmern. Auch andere Figuren fielen der Schere zum Opfer, der von Fritz Rasp gespielte Schmale etwa, was ebenfalls nicht zum besseren Verständnis der Geschichte beitrug.

Der Film war, zusammen mit Murnaus im Jahr zuvor entstandenen  Faust, ein Millionen teures Prestigeprojekt, mit dem die UFA dem deutschen Film den amerikanischen Markt erschliessen wollte; er floppte trotz allen Bemühungen gewaltig, in Deutschland wie in Übersee. Er ruinierte die UFA und kostete den Produzenten Erich Pommer, der seinen Regisseuren stets freie Hand liess, den Kopf. Unglücklicherweise wurde danach weltweit nur noch die US-Fassung für weitere Aufführungen beigezogen – auch in Deutschland. Die einzige Ausnahme, und auf die Bedeutsamkeit dieses Umstand wird weiter unten noch näher eingegangen, schien Argentinien zu sein.
Die Ur-Fassung jedenfalls ging verloren.

Über die Jahre wurden zahlreiche und immer neue Versuche unternommen, Metropolis zu rekonstruieren. Allein das Fragment zeugt schon von der Grösse dieses Werks, trotzdem oder gerade deshalb wurden alle Anstrengungen unternommen, die verlorenen Teile aufzutreiben. Man wollte den Film als Ganzes sehen – nicht zuletzt weil Pollock auch in die Rhythmisierung von Langs Erzählfluss eingegriffen hatte. In Deutschland, der DDR, in Russland und in den USA wurden unabhängig voneinander Rekonstruktionen probiert. Der Film blieb Fragment. Als man Gottfried Huppertz’ eigens für Metropolis geschriebene Partitur fand, war man anhand dieser und der Zensurkarten erstmals in der Lage, die ganzen 153 Minuten herzuleiten. So konnte erstmals eine vollständige rekonstruierte Fassung hergestellt werden, in welcher die fehlenden Filmteile durch Standbilder oder Texttafeln ersetzt wurden.

Und dann 2008, geschah, das „Wunder von Buenos Aires“. Im dortigen Filmmuseum fand sich eine 16mm-Kopie des Originals von 1927. Sie lag seit 1927 zuerst in der Sammlung eines Fans und später im Museum – ohne dass jemand auf die Idee kam, hinter der Katalognummer mit dem Titel Metropolis etwas anderes als die bekannte Rumpffassung zu vermuten.

In der Tat kaufte ein argentinischer Filmverleih Langs Film im Jahr 1927, vor der ominösen Kürzung durch die Amis. Die Argentinier dürften somit neben den Deutschen die einzigen gewesen sein, die das Werk in der Originalfassung zu sehen bekamen.

„Das Wunder von Buenos Aires“ wies allerdings verheerende Gebrauchspuren auf, und man überlegte ursprünglich, ob man diese minderwertigen Filmsequenzen wirklich neben das perfekt restaurierte und digitalisierte Material des Fragments stellen konnte/sollte.
Zum Glück überwog der gesunde Menschenverstand. Der Film hatte schliesslich 80 Jahre auf dem Buckel, weshalb sollte man das nicht sehen dürfen – jedenfalls in einzelnen Sequenzen?
Wenn man die Neu-Fassung von Metropolis anschaut, dann überwiegt die Freude an der Vollständigkeit einzelner Sequenzen über die Irritation über das Hin-und-Her von exzellentem und „verregnetem“ Bildmaterial. Mich hat das in der Tat bereits nach einigen Minuten nicht mehr gestört.

Und damit sind wir bei der Rezeption des Films angelangt.
Im letzten September wohnte ich einer öffentlichen Vorführung der neu restaurierten Fassung bei – und bin in der Pause geflüchtet. Mein Verdikt damals:

Metropolis gleicht einem Amoklauf – in schauspielerischer, ausstattungstechnischer und drehbuchtechnischer Hinsicht. Die Story ist derart flach und die darin enthaltene Sozialkritik derart dick aufgetragen, dass es (mir) weh tut. Die Reichen residieren in himmlischen Gefilden, die ausgebeuteten Arbeiter vegetieren tief unter der Erde. Zu dem plumpen Sozialkitsch gesellt sich ein sakraler Unterton und eine pompöse architektonische Ästhetik, die einige Jahre später im Dritten Reich wieder aufgegriffen wurden.“

In der Tat empfand ich auch bei dieser erneuten Visionierung den ersten Teil – den 70-minütigen sogenannten Auftakt – als ziemlich schwer verdaulich. Was ich vor fast einem Jahr schrieb, möchte ich heute jedoch abmildern. Denn – und das ist entscheidend: Inzwischen habe ich den Film zu Ende geschaut. Und ich muss sagen, dass alles, was nach dem Auftakt kommt, den Eindruck, den dieser erweckt, relativiert. Und: Die originale Filmmusik verleiht dem Film eine Dimension, die bei der Kinovorführung damals wegfiel.

Zunächst zur Filmmusik: Gottfried Huppertz schrieb eine Orchestermusik, die ganz genau zum Pomp und zur Überspanntheit der Bilder passt. Seltsamerweise macht dies die Visionierung erträglicher, weil so der ganze Wahnsinn in einen passenden Klangteppich eingebettet wird. Wenn die irre Gestik eines Rudolf Klein-Rogge von entsprechend aufpeitschender Musik begleitet wird, dann wirkt sie sie adäquat, authentisch: So sah der expressionistische Stil von damals aus und so klang er. Der Science-Fiction-Film Metropolis wird mit Huppertz‘ Untermalung zum Zeitbild von 1927.
Fällt Huppertz‘ Klangteppich weg, liegt der Wahsinn nackt da und ist nicht mehr so leicht zu begreifen und zu verdauen; eine „einfache“ Klavierbegleitung ist zu sehr Kontrast, die expressionistische Überspanntheit fällt dann umso mehr ins Auge und stört.

Und der zweite Teil des Films – auch er besänftigt, weil er in seinem klaren Action- und Abenteuergestus die Ebene der Sozialkritik unterläuft und desavouiert. Je länger der Film dauert, desto mehr nimmt die Lust der Macher am spinntisieren, am Eskapismus überhand. Metropolis findet auf den Boden zurück, wir erdiges Spektakel und da fasziniert und fesselt er auch heute noch, mit unverbrauchten Bildern und Schnittfolgen. Das pompös-lächerliche Gehabe und der esotherische Ernst des Auftakts verliert an Bedeutung und man stellt erleichtert fest, dass es den Machern damit wohl doch nicht ernst war.

Es gibt keinen Zweifel: Der Film hat seine deutlichen Mängel; neben dem bereits erwähnten pompösen und wirren sozialkritischen Überbau, an dem Experten schon seit Jahrzehnten herundeuteln etwa die schröckliche Schauspielerei Gustav Fröhlichs, den Thea von Harbou offenbar aus der Masse der Statisten spontan für die Hauptrolle kürte, weil er so ein Hübscher war, nachdem der dafür vorgesehene Darsteller wegfiel. Die Schauspielerführung lässt überhaupt zu wünschen übrig – ausser im Falle Brigitte Helms, die in ihrer Doppelrolle als Maria und als Maschinen-Mensch erstaunliches leistet. Eine starke Ambivalenz ist den ganzen Film über in verschiedenen Komponenten deutlich spürbar und macht die Rezeption nicht eben einfach.
Was aber umhaut – und das hatte ich ja damals schon geschrieben, sind die Bilder und die Schnittfolgen. Auch da grenzt der Film an einen Amoklauf – einen architektonisch-filmtechnisch-filmsprachlichen. Da berauscht er – im wahrsten Sinn des Wortes – mit perfekt orchestrierten Massenszenen, mit rhythmisch geschnittenen Szenenfolgen, die an Eisenstein und Pudowkin gemahnen, mit Bildern, die die Welt bis heute nicht vergessen hat, die in aktuellen Science-Fiction-Filmen immer wieder aufs Neue rezikliert werden. In Metropolis verwirklichte Fritz Lang möglicherweise sein cinéastisches Credo von der Filmsprache als allgemein verständliche, allen Verständigungsschwierigkeiten unter den Völkern der Erde trotzende, verbindende Ausdrucksform. Dass er dazu Themen wählt, die damals brannten  – etwa die soziale Ungleichheit zwischen „oben“ und „unten“, die Entmenschlichung der „modernen Zeiten“, die freud’sche Sichtweise auf soziale Probleme (Vater-Sohn-Konflikt) macht Metropolis ganz stark zum Film über das Jahr 1927.

Kein Zweifel: Metropolis ist ein Meilenstein, nicht nur des Science-Fiction-Films, sondern des Kinos. Und wenn ich dies in meinem ersten Visionierungsversuch nicht erkannt hatte, leiste ich hier Abbitte und gebe zu: Metropolis ist grandios. Ein Meisterwerk.
10/10

Die vorliegende Rezension entstand aufgrund der Sichtung der Metropolis-DVD der englischen Firma Eureka – Masters of Cinema (MoC). Noch immer ist die Neufassung auf dem deutschsprachigen Markt nicht greifbar – immerhin ist eine DVD inzwischen angekündigt.
Die MoC-DVD ist uneingeschränkt zu empfehlen, sie zeigt den Film in der bestmöglichen Bildqualität und mit der Orchesterfassung von Huppertz‘ Originalfilmmusik. Ausführliche und vorbildliche Ausstattung mit Extras und den originalen deutschen Zwischentiteln. Erhältlich auch als BluRay.
Bestellbar ist der Film in der MoC-Ausgabe zur Zeit bei amazon.co.uk (siehe hier).


Ein Beitrag im Rahmen der Aktion Zeit für DÖS.

Tonfilm-Seitensprung: Fritz Lang dreht jetzt in Hollywood

Fritz Lang ist vor allem für sein Stummfilmschaffen und für den frühen Tonfilm M – eine Stadt sucht einen Mörder bekannt – kurz: für seine in Deutschland gedrehten Filme.
In deren Schatten standen und stehen immer noch die Filme, die er nach seiner Emigration in den USA gemacht hat. Ich zumindest, so wurde mir plötzlich bewusst, kenne die wenigsten davon. Das soll sich nun ändern; ich habe mir vorgenommen, das gesamte amerikanische Werk Langs zu sichten und zu besprechen. Soweit ich feststellen konnte, ist es vollständig auf DVD greifbar – das Meiste davon tatsächlich in Deutschland.
Ich versuche, bei meiner in unregelmässigen Abständen voranschreitenden Erkundungstour chronologisch vorzugehen und beginne mit dem ersten Film, den Fritz Lang drehte, als er nach der „Zwischenstation“ in Frankreich in den USA Fuss zu fassen suchte. (Seinen einzigen französischen Film Liliom werde ich noch aufzutreiben versuchen).

FURY
(dt.: Blinde Wut)
USA 1935
Mit Spencer Tracy, Sylvia Sidney, Bruce Cabot, Walter Brennan, u.a.
Regie: Fritz Lang
Dauer: 85 min

Fritz Langs erster amerikanischer Film (von 1935) gehört, obwohl heute fast vergessen, zu den stärksten und eindrücklichsten Werken seiner langen Regiekarriere. Vordergründig thematisiert er das in den USA damals noch immer grassierende Übel der Lynchjustiz: Ein unbescholtener Mann (Spencer Tracy) wird aufgrund einer Übereinstimmung im Täterprofil (Vorliebe für gesalzene Erdnüsse) für einen gesuchten Kindsentführer gehalten und in einer amerikanischen Kleinstadt zwecks späterer Untersuchung über Nacht inhaftiert. Im Nu verbreitet sich unter den Kleinstädtern das Gerücht, der wahre Verbrecher sei gefasst worden. Bis zum Abend hat sich unter der Leitung eines zwieliechtigen Windbeutels ein Mob gebildet, der randalierend zum Gefängnis marschiert. Der Widerstand des Sheriffs stachelt die Meute zusätzlich auf, das Gefängnis wird in Brand gesteckt und schliesslich in die Luft gejagt.

Lang, der hier auch für das Drehbuch verantwortlich zeichnet, führt hier exemplarisch und absolut glaubhaft vor, wie es zu dem Ausbruch kommen konnte, indem er die Zuschauer durch sämtliche Stadien der Eskalation führt, vom harmlosen Versprecher des Hilfssheriffs (Walter Brennan) über den volksfest-ähnlichen Marsch zum Gefängnis bis zum Verschmelzen der Individuen zum zähnebleckenden Mob im Akt der Gewalt. Spätestens da wird klar, dass Lang, der zwei Jahre zuvor aus Deutschland flüchtete, Geschehnisse verarbeitet, welche die Weimarer Republik seit Ende des ersten Weltkrieges beutelten, und welche durch die Machtübernahme der Nazis noch an Aktualität gewannen.

Gelungen ist ihm dabei ein in allen Teilen stimmiger, atmospährisch dichter Film, der von der ersten Minute an eine unglaubliche Sogwirkung ausübt, und der bis heute nichts an Aktualität eingebüsst hat. Fury fokussiert mit kühlem, fast forscherhaftem Blick zwei miteinander verknüpfte, ebenso rätselhafte wie erschreckende menschliche Ur-Phänomene, jenes der scheinbar bedingungslosen Gewaltbereitschaft,  und jenes des ebenso bedingungslosen Mitläufertums. Lang gibt dem Mob ein Gesicht, in dem er einige der darin aufgehenden Individuen bewusst aus der Masse  hervorhebt und ihre Reaktionen studiert. Keiner von ihnen – bis auf den „Anführer“ vielleicht – wäre auf sich allein gestellt zu jener grausamen Tat fähig gewesen. Fury rückt „die Masse“ als Katalysator für Impulse, die das Individuum wohl verspürt, aber unterdrücken kann, ins Zentrum und gibt damit zu denken.

Joe überlebt den Anschlag wie durch ein Wunder. Doch nachdem er, halb wahnsinnig vor Todesangst in jener Zelle unentrinnbar der „Bestie Mensch“ ausgeliefert war, ist er nicht mehr derselbe. Er sei tot, sagt er, und nicht einmal mehr seine Verlobte Katherine (Silvia Sidney) kann ihn ins Leben zurückholen. Joe wird von Rachegefühlen zerfressen. Er will seine Henker am Galgen sehen, und so lässt er seine beiden jüngeren Brüder ein Gerichtsverfahren  gegen die Bürger jener Kleinstadt eröffnen, während er selbst im Schatten bleibt und sich tot stellt. Auch Katherine lässt er im Glauben, er weile nicht mehr unter den Lebenden, doch diese kommt dem Geheimnis langsam auf die Spur…

Fritz Lang und sein Co-Autor Bartlett Cormack rollen die Thematik mit all ihren Schattierungen auf und handeln sie in einem hervorragend durchdachten, für jene Zeit erstaunlich nuancierten Plot exemplarisch ab. Wenn der Racheengel am Schluss zur Vernunft gebracht wird und von seinem Plan absieht, dann ist dies ebensowenig hollywoodmärchenhaft wie der ganze Rest des Films, den man wohl zum realistischsten aller bis dahin erschienenen Lang-Werke zählen muss.
Dabei behält er seine in Deutschland entwickelte Handschrift bei, die sich hervorragend in den amerikanischen Film jener Zeit einfügt: Die Charaktere sind nicht nur psychologisch sehr scharf und differenziert gezeichnet, und erstaunlicherweise gleichzeitig oft an der Grenze zur Karikatur, sie sind auch in sich stimmig und werden mit einigen kleinen, skizzenhaften Gesten vollständig charakterisiert. Und auch die originelle Handhabung des Tons lässt den Regisseur deutlich erkennen: Auch hier – wie bereits in M und im Testament des Dr. Mabuse – werden Dialoge über Szenenwechsel hinweg geführt; die Begleitmusik einer Szene entpuppt sich als Radioübetragung…
10/10

Fury erschien im deutschsprachigen Raum auf DVD, ist aber inzwischen „out of print“. Er kann aber bei privaten Anbietern via amazon noch bezogen werden.