Walt Disney

Walt Disneys Geheimnisse (1941)

USA 1941
Mit Robert Benchley, Frances Gifford, Buddy Pepper, Nana Bryant, Clarence Nash, Florence Gill, Alan Ladd, u.a.
Drehbuch: Ted Sears, Al Perkins, Larry Clemmons, William Cottrell und Harry Clork
Regie: Alfred E. Werker

Im Jahr 1941 begannen für Walt Disney die Probleme.
Natürlich nicht nur für ihn; der Eintritt der Vereinigten Staaten in den Krieg gegen Nazideutschland wurde für die gesamte US-Filmindustrie schwierig: Plötzlich brachen die lukrativen Absatzmärkte in Europa weg und wichtige Mitarbeiter wurde von der Army zum Dienst am Vaterland eingezogen.
Bei Disney hingegen drohte ein veritables Finanzdebakel: Angespornt vom weltweiten Riesenerfolg des ersten abendfüllenden Animationsfilms, Snow White and the Seven Dwarfs (1937), liess Walt in Burbank ein nach neusten architektonischen Konzepten geplantes, luxuriöses und sehr kostspieliges neues Studio aus dem Boden stampfen. Nicht eingeplant im Budget war der mässige finanzielle Erfolg des Folgefilms Pinocchio, der wegen der plötzlich fehlenden Absatzmärkte die Bilanz erheblich belastete. Fast zugleich liess Disney auch noch einen „Risikofilm“ vom Stapel: Den in jahrelanger Vorarbeit teuer und  aufwändig produzierte experimentelle Musiktrickfilm Fantasia; dieser geriet schon auf dem heimischen Markt zum eklatanten Misserfolg.

Die Arbeiten an den nächsten Projekten, Dumbo (ebenfalls 1941) und Bambi (1943) waren bereits weit fortgeschritten, kamen nun aber wegen kriegsbedingter Abwesenheiten wichtiger Zeichner ins Stocken. So griff Disney zu einer Notlösung und schlug ein kostengünstiges Interims-Projekt vor: Einen Realfilm mit wenigen kurzen Zeichentrickelementen. Der Film trug den Titel The Reluctant Dragon und kam im Juni 1941 in die amerikanischen Kinos.
Bei dessen Premiere hatte Disney bereits den nächsten Rückschlag hinter sich, wahrscheinlich den schlimmsten in der Geschichte des Studios: Einen wochenlangen, von der Gewerkschaft der Animatoren angezettelten Mitarbeiter-Streik, der den Weggang einiger der wichtigsten Künstler zur Folge hatte und der das Studio praktisch lahm legte; es sollte sich nie wieder ganz erholen davon.

The Reluctant Dragon war der erste von Disneys „Kompilationsfilmen“; nach dem Streik konnte er für mehrere Jahre keine Langfilme mehr produzieren und stellte als Notlösung mehre gleichzeitig hergestellte Kurzfilme zu Abendfüllern zusammen (Saludos Amigos, Make Mine Music, Melody Time etc.); einer davon, Three Caballeros (dt.: Drei Caballeros, 1944), gehört zu den erstaunlichsten Werken, die dass Studio je verlassen haben (hier geht es zu meiner Rezension desselben) – ein eindrückliches Zeugnis davon, dass Disney auch in der Not das Beste aus seinen Leuten herausholen konnte.

Mit Three Caballeros kann The Reluctant Dragon zwar in keiner Weise mithalten, doch ist der Film in mehreren Aspekten höchst interessant und sehenswert. Obwohl auch ihm kein finanzieller Erfolg beschieden war und er heute ausserhalb der einschlägigen Fankreise kaum mehr bekannt ist, lohnt sich ein Blick.
The Reluctant Dragon zeichnet eine Tour durch das damals gerade fertiggestellte neue Disney-Studio nach und gibt so einen spannenden Einblick hinter dessen Kulissen und in die Kunstform des handgefertigen Zeichentricks, der heute dank der Computeranimation praktisch verschwunden ist und zu den aussterbenden Künsten gezählt werden muss.
Der Autor und Schauspieler Robert Benchley wurde als Hauptdarsteller engagiert; im Film gerät Benchley eher wider Willen ins Disney-Studio und wird dort durch die verschiedenen Abteilungen geführt. So bekommt man als Publikum interessante Einblicke in die Arbeit der Zeichner (wer wusste etwa, dass diese bei Disney regelmässigen Kunstunterricht in extra dafür kreierten Atelierräumen genossen?), in die Farbabteilung, wird Zeuge einer Trickfilm-Vertonung und kriegt drei fertige Filme zu sehen; einer davon trägt den Titel The Reluctant Dragon.

Leider merkt man dem Film seinen „zwischen-Stuhl-und-Bank-Status“ an. Disney hatte wohl nicht wirklich viel Zeit dafür übrig. So sind die Trickfilmsequenzen auf der Handlungs- und Charakterebene zu wenig ausgereift, was einen deutlichen Rückschritt zu den vorangegangenen Werken bedeutet. Am überzeugendsten ist der Realfilmteil, obwohl auch dieser eklatante Schwächen aufweist: Robert Benchly etwa ist eine totale Fehlbesetzung, und die Disney-Zeichner sind als Schauspieler sichtlich überfordert. Doch die Art, wie die Arbeitsweise des Studios zu Gunsten der Verständlichkeit vereinfacht und gleichzeitig mystifiziert wird, hat etwas Faszinierendes. Wie etwa der Vorgang der Trickfilmvertonung gleichzeitig auf das Wichtigste reduziert, somit simplifiziert und gleichzeitig auf höchster Unterhaltungsstufe präsentiert wird, ist bewundernswert (siehe Filmbeispiel unten).

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass The Reluctant Dragon, der erst 1952 als Walt Disneys Geheimnisse den Weg in die deutschen Kinos fand, der wahrscheinlich schwächste der zu Lebzeiten des Meisters hergestellten Langfilme ist. Gleichzeitig ist er aber doch sehr unterhaltsam und als Dokument eines aussterbenden Kunsthandwerks von nicht zu unterschätzedem Wert.

Die Regie: 8 / 10 
Das Drehbuch:  5 / 10 
Die Schauspieler: 6 / 10 
Gesamtnote: 6 / 10

Verfügbarkeit: The Reluctant Dragon ist der einzige von den zu Walt Disneys Lebzeiten entstandene langen Disneyfilmen, der bislang nicht auf DVD Blu-ray oder VHS erhältlich war. Ein Misstand, dem Abhilfe zu schaffen wäre!

Bewegte Bilder:
Dieser Filmausschnitt zeigt die gelungene Sequenz um die Filmvertonung; zwecks besserer Verständlichkeit wurden Abläufe zusammengefasst, die sonst gesondert durchgeführt werden. Somit ist die Vorgang stark vereinfacht, dies aber auf eine unglaublich effektvolle und unterhaltsame Weise. Leider ist das Bild dieses youtube-Clips braun eingefärbt.

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Tonfilm-Seitensprung: Disney auf Drogen

THE THREE CABALLEROS
(dt.: Drei Caballeros)
USA 1943
Mit Aurora Miranda, Carmen Molina, u.a.
Regie: Norman Ferguson (Gesamtleitung), Clyde Geroninmi, Jack Kinney, Bill Roberts und Harold Young
Dauer: 71 min

Keine Angst, ich überschwemme diesen Blog nun nicht mit Inhalten aus meinem inzwischen wiederbelebten Zweitblog Trickfilmzeit. Es gibt aber exzeptionelle Animationsfilme, die ich meiner filminteressierten Leserschaft unbedingt bekannt machen möchte. The Three Caballeros ist einer davon.

Man muss somit auch nicht befürchten, dass ich hier Walt Disneys Werk Stück für Stück durchexerziere – über die meisten dieser Filme wurde und wird genug gesagt und geschrieben. Ausser über Three Caballeros, den ich als Disneys unterschätztes Meisterwerk bezeichnen möchte (im Gegensatz zu Fantasia, der den semi-offiziellen Titel „Disneys anerkanntes Meisterwerk“ trägt).
Tatsächlich sticht Three Caballeros bereits auf den ersten Blick aus dem Gros von „Uncle Walts“ familientauglichen animierten Abendfüllern heraus: Durch seine Aufmachung, seinen Inhalt, sein Artwork und seinen sexuellen Unterton.

Wir haben es hier mit einem Epiosodenfilm zu tun, dem zweiten aus Disneys Schaffensbereich, der sich mit den „südamerikanischen Freunden drüben“ befasst. Bereits ein Jahr zuvor entstand der ähnlich gelagerte Saludos Amigos, quasi als Nebenprodukt einer politisch motivierten „Good Neighbours“-Tour  des Studiochefs und einiger Mitarbeiter nach Südamerika (man suchte nach Einigkeit gegen Hitlerdeutschland).

Einer Not folgend verlegte man sich während des Krieges auf die Prodktion von Episodenfilmen. Viele wertvolle Mitarbeiter waren eingezogen worden, zudem brach der europäische Markt weg – das Studio sah sich aus personellen und finanziellen Gründen ausserstande, weiter Langfilme im Stil von Pinocchio zu produzieren. Ein Episodenfilm brachte den Vorteil, dass mehrere kleine Teams gleichzeitig an je einem Kurzfilm arbeiten konnten und der immense Koordinationsaufwand der Langfilme wegfiel. So konnte innert nützlicher Frist ein „neuer Disney“ in die Kinos gebracht werden.

Saludos Amigos verband seine vier „Shorts“ mehr schlecht als recht, indem man alle unter das gleiche Motto (Südamerika) stellte. Hüben wie drüben hatt der Film Erfolg, und so beschloss man, nachdem sich die Arbeitssituation im folgenden Jahr noch nicht verbessert hatte, mit Three Caballeros nochmals aufs selbe Pferd zu setzen. Doch irgendwie geriet das Projekt aus der vorgegebenen Fassung; die Episoden begannen zu wuchern, es wurden viel mehr als vier und die Übergänge wurden so fliessend, dass das Etikett „Episodenfilm“ dem fertigen Film gar nicht mehr gerecht wird.

Three Caballeros beginnt mit einem riesigen Geschenk, das Donald Duck aus Südamerika erhält. Im Paket befindet sich ein Filmprojektor, der den Zuschauer mitnimmt ins amerikanische Nachbarland. Es folgen zwei Kurzfilmepisoden und man wähnt sich im gleichen Konzept, das bereits im Vorgängerfilm angewendet wurde. Doch dann wird einem buchstäblich der Boden unter den Füssen weggezogen. Mit dem Auftauchen des brasilianischen Papageis José Carioca, der bereits in Saludos Amigos einen denkwürdigen Auftritt hatte, kippt der Film in den Surrealismus, der für die restliche Filmdauer mit überraschender Konsequenz durchgehalten wird. Da wird ein animationstechnisches Feuerwerk abgebrannt, das es in dieser psychedelischen Abgefahrenheit bei Disney vorher und nachher nie mehr gab – der Folgefilm Alice in Wonderland und der sich „seriöser“ gebende Fantasia kommen dem noch am nächsten, doch dort scheint der Irrsinn immer nur partiell und in eher abgemilderter Form auf.

In Three Caballeros vervielfältigt sich eine Figuren plötzlich zu einem aus ihr selbst bestehenden Chor, um sich gleich darauf zu einer riesenhaften Ausgabe seiner selbst wieder zu vereinen, da geraten Charaktere in die Tonspur, werden von ihr „eingesogen“, grotesk deformiert und wieder ausgespuckt, da rast die verliebte Zeichentrickente Donald wie ein Verrückter an der Copacabana hinter echten Mädchen her, die ob seiner Liebestollheit kreischend die Flucht ergreifen, Züge rasen in irrem Tempo über absurd geführte Schienenstränge, die ein verrückter Vogel vorneweg in die Landschaft malt, die realen Schattenrisse tanzender Männer verwandeln sich in jene kämpfender Zeichentrick-Hähne, und immer wieder tauchen Real-Life-Schauspielerinnen auf (u.a. die bezaubernde Aurora Miranda, Schwester der bekannten gleichnamigen Carmen), die von einem weibstollen Donald durch die surrealen Dekors gejagt werden, bis auch letztere nicht mehr bleiben, was sie waren und anfangen, in immer wilderem Reigen zu mutieren. Das alles verbindet sich nach den beiden noch recht konventionellen Anfangsepisoden zu einem visuellen Wahnsinnstrip, wie er im Populärfilm selten oder gar nicht zu sehen ist. Three Caballeros, das ist „Disney auf Drogen“. Kaum zu glauben, aber wahr.
Die visuelle Fantasie, die hier aufgewendet und von „Uncle Walt“ zugelassen wurde, scheint grenzenlos, und so ist Three Caballeros vor allem ein Fest fürs Auge, das von exzellenten Ohrwürmern aus der Feder des mexikanischen Komponisten Manuel Esperon angeheizt wird. Ward Kimball, einer der Chefzeichner des Disney-Studios, gab zu Protokoll, dass Three Caballeros der einzige Film sei, mit dessen er Ergebnis er vollkommen zufrieden sei.

Ein Unikum im Werk des globalen Märchenonkels; es erstaunt nicht, dass Three Caballeros die wahrscheinlich am wenigsten populäre Trickfilmschöpfung Walt Disneys ist. Er wurde als einziger Disney-Film nach seiner Uraufführung später nicht mehr als Re-Edition in den Kinos gezeigt.
Gleichzeitig ist der Film aber ein eindrückliches Zeugnis – das letzte – für Disneys ursprüngliche Experimentierlust, die nach vielversprechenden Anfängen (von der Silly Symphony-Serie über den ersten langen Animationsfilm Snow Withe und den singulären Fantasia bis zu den Three Caballeros) nach dem Misserfolg der beiden letztgenannten endgültig dem Hang zur Popularisierung gewichen ist.
10/10

Der Film ist bei Disney auf DVD erschienen. Erhältlich u.a. bei amazon.de

http://www.amazon.de/Drei-Caballeros-Aurora-Miranda/dp/B00005UOJG/ref=sr_1_1?s=dvd&ie=UTF8&qid=1315307587&sr=1-1