Monat: April 2014

Heiteres mit Lana Turner

THESE GLAMOUR GIRLS
USA 1939
Mit Lana Turner, Lew Ayres, Richard Carlson, Jane Bryan, Marsha Hunt, Ann Rutherford, u.a.
Drehbuch: Jane Hall und Marion Parsonnet
Regie: S. Sylvan Simon
Studio: Metro-Goldwyn-Mayer (MGM)
Deutschsprachige Kinoauswertung: nein

Der nächste „vergessene Film“ ist eine US-College-Komödie vom Ende der Dreissigerjahre. Die Studentinnen und Studenten sehen aus wie Erwachsene, von Auflehnung gegen Elternhaus und Gesellschaft, von Jugendkultur ist noch kaum etwas zu spüren. Als Gesellschaftsbild ist These Glamour Girls also ganz interessant – als Film weniger.

Er handelt von einem Arbeitermädchen, das in die erlauchte Gesellschaft reicher Collegegirls gerät und dort ihre Frau steht. Jane Thomas (Lana Turner in ihrer ersten Hauptrolle), die als „Taxi Dancer“ in einer Tanzhalle arbeitet, wird vom sturzbetrunkenen College-Boy Philipp Griswold III (Lew Ayres) zum Ball ins rennomierte Kingston-College eingeladen. Als sie dort eintrifft, erkennt sie der inzwischen ausgenüchterte junge Mann nicht wieder und kann sich auch nicht an das Techtelmechtel in der Tanzbude erinnern. Immerhin gefällt sie ihm, und es knistert erneut zwischen den beiden. Doch die Upper-Class-„Glamour Girls“ des Colleges machen Jane den Aufenthalt zunächst schwer. Sie beweist aber, dass sie „a swell guy“ ist und bleibt sich treu.

Am besten funktioniert der Film dort, wo er sich in der Charakterstudie versucht. Immer wenn die titelgebende Mädchengruppe in den Fokus gerät, wird’s interessant, denn hier gelingen dem Team um Regisseur S. Sylvan Simon einige durchaus tiefgründige Momente. Die „Girls“ sind lebendig gezeichnet, ausnahmslos treffend besetzt und hervorragend gespielt. Leider stehen nicht sie im Zentrum, das werdende Liebespaar Jane und Philipp war den Machern wichtiger. Immerhin überzeugen auch die beiden, zumindest schauspielerisch. Lana Turner überrascht mit einer natürlichen Leichtigkeit und Heiterkeit, die ich ihr nicht zugetraut hätte. Und Lew Ayres gibt den Upper-Class-Snob überzeugend als liebenswert-verschrobenes Grossmaul. Von der kultivierten Verrücktheit bekannter Oberklass-Screwball-Figuren jener Zeit ist er allerdings weit entfernt.

Und genau das fehlt dem Film: Der Schwung und der freche Witz der damals populären Screwball-Comedies. Aber will er überhaupt Komödie sein? Das ist nicht wirklich klar, denn gegen Schluss werden noch rasch zwei handfeste menschliche Dramen eingebaut, die wohl als Kritik an der upper class zu verstehen sein wollen. Oder haben die Autorinnen gemerkt, wie flach ihre Geschichte ist und versucht, durch Drama noch etwas Tiefe hineinzubekommen? Wer weiss?!
Das Drehbuch schrieb die damals vor allem durch die Zeitschrift Cosmopoitan bekannte Kurzgeschichtenautorin Jane Hall, zusammen mit Marion Parsonnet. Regisseur S. Sylvan Simon setzte es solide, aber etwas einfallslos um. So entstand ein Film, der kein grosser Kassenerfolg war, einen Verlust $33 000 einbrachte – und dann sanglos verschwand. Sehenswert ist er dank einer sympathisch aufspielenden Lana Turner und dank der Frauenriege, bestehend aus Marsha Hunt,Mary Beth Hughes, Ann Rutherford und Jane Bryan – Nebendarstellerinnen, die mehr Aufmerksamkeit verdient hätten, als ihnen heute zuteil wird!
6/10

Vorher-nachher:
S. Sylvan Simon drehte vor These Glamour Girls im selben Jahr The Kid From Texas, eine Sozialkomödie ähnlichen Inhalts, danach, ebenfalls im Jahr 1939, Dancing Co-Ed, ebenfalls mit Lana Turner in der Hauptrolle. Simon schien ein Vielfilmer zu sein: Allein im Jahr 1939 drehte er vier Spielfilme.
Seine heute bekannteste Regiearbeit ist wahrscheinlich The Fuller Brush Man, eine Krimikomödie von 1949 mit Red Skelton.
Lana Turner drehte vorher, im selben Jahr, Calling Dr. Kildare, ebenfalls zusammen mit Lew Ayres, in welchem sie eine Nebenrolle innehatte. Danach entstand der bereits erwähnte Dancing Co-Ed – ihre zweite Hauptrolle. Lana Turners bekannteste Filme sind The Postman Always Rings Twice (Regie: Tay Garnett, 1946) und Imitation of Life (Regie: Douglas Sirk; 1959).
Lew Ayres spielte zuvor im bereits erwähnten Calling Dr. Kildare, danach im selben Jahr The Secret of Dr. Kildare. Ayres bekannteste Filme sind All Quiet On The Western Front (Im Westen nichts Neues, Regie: Lewis Milestone,  1930) und Johnny Belinda (Regie: Jean Negulesco, 1948).
Für Jane Hall blieb These Glamour Girls das einzige Drehbuch. Zuvor arbeitete sie an einer Komödie namens Hold That Kiss mit (Regie: Edwin L. Marin, 1938) und danach entstand It’s A Date (William A. Seiter, 1940) nach einer Story von ihr. Das Drehbuch dazu verfasste Norman Krasna.
Ihre Kollegin Marion Parsonnet verfasste 1938 zusammen mit zwei Kollegen das Drehbuch zu dem Tod Browning-Film Miracles For Sale, 1940, wieder in Zusammenarbeit mit zwei anderen, das Drehbuch zu The Golden Fleecing (Regie: Leslie Fenton).

„Die weisse Schwester“ – zum Zweiten

THE WHITE SISTER
(dt.: Die weisse Schwester)
USA 1933
Mit Helen Hayes, Clark Gable, Lewis Stone, Louise Closser Hale, Edward Arnold, u.a.
Drehbuch: Donald Ogden Stewart
Regie: Victor Fleming

Im letzten Warner Archive-Beitrag stellte ich den Stummfilm The White Sister von 1923 vor. Nun ist, wie angekündigt, das Remake von 1933 dran.
Es ist, zuerst einmal, wesentlich kürzer als der Vorgänger. Dann wurde der Aetna, dessen Ausbruch in der 1905 erschienen Romanvorlage zum Höhepunkt führt, hier gänzlich aus der Geschichte verbannt; dafür wurde die Ur-Katastrophe des 20. Jahrhunderts, der erste Weltkrieg, als einleuchtender und zeitgemässer Ersatz beigezogen. Giovanni Severini ist hier ein Offizier, der in ebendiesen Krieg ziehen muss, dem er am Schluss zum Opfer fällt.
Ein weiterer, vielleicht der augenfälligste Unterschied: Das Italien von 1933 besteht zur Gänze aus Kulissen – keine Originalschauplätze mehr. Aber da Cedric Gibbons für die Bauten zuständig war, kann sich das Ganze durchaus sehen lassen!

Überhaupt muss man diesem Film auf verschiedenen Ebenen hohe Qualität attestieren – auch wenn die Bewertung auf imdb.com nichts Grossartiges erwarten lässt. Der Film ist jedoch derart wenig bekannt, dass nur gerade 149 Stimmen für den Film abgegeben wurden.
Zunächst die Schauspieler: Helen Hayes und Clark Gable harmonieren hervorragend zusammen, und es erstaunt, dass die beiden nicht mehr zusammen gedreht haben (der einzige weitere mir bekannte gemeinsame Film ist der ebenfalls 1933 entstandene Night Flight von Clarence Brown, in welchem die beiden allerdings keine gemeinsamen Szenen haben). Überhaupt: Helen Hayes! Sie ist hervorragend! Warum ist sie nicht wirklich bekannt geworden? Ihr wenig glamouröses Auftreten hätte ihr den Erfolg gekostet, heisst es, und das stimmt wohl. Sie wirkt sehr natürlich. Ungekünstelt, echt. Das macht sie in dieser Rolle ungeheuer sympathisch. Doch damals waren Stars gefragt – überlebensgrosse Identifikationsfiguren – keine echten Menschen. Sie zog sich zwei Jahre nach The White Sister vom Film zurück auf die Theaterbühne, wo sie grosse Erfolge feierte. Nach zahlreichen Fernsehauftritten erlebte sie 1970 ihr Leinwand-Comeback mit dem Film Airport.
The White Sister verdankt Hayes‘ natürlicher Leinwandpräsenz einen Grossteil seiner Glaubwürdigkeit. (Das Entdecken von vergessenen Schauspiel-Talenten ist übrigens ein schöner Nebeneffekt meiner Warner-Archive Grab-Aktion!)

Victor Fleming (der seltsamerweise in den Credits nur als Produzent, nicht aber als Regisseur erwähnt wird) und Drehbuchautor Donald Ogden Stewart gebührt der Verdienst, die doch recht schwulst-gefährdete Geschichte schlank und entschlackt auf die Leinwand gebracht und sie temporeich vorwärtsgetreiben zu haben. Für zusätzliches Pathos wird kein Platz gelassen, und das ist genau richtig so, denn dieses ist ja in der Handlung ausreichend vorhanden. Der Film wäre sonst unerträglich geworden. Am Schluss kommt’s zwar doch etwas dick, das lässt sich aber mit etwas gutem Willen gerade noch wegblinzeln.
Fleming und Stewart bringen vor allem im ersten Teil viel Schwung und Witz in die Geschichte, und die Hauptcharaktere sind so gut gezeichnet, dass sie den Film zu tragen vermögen. Das lässt sich von einem Leinwand-Liebespaar selten behaupten!

Abgesehen von einigen Änderungen gibt es in einem Punkt eine verblüffende Übereinstimmungen der beiden Schwester-Filme von 1923 und 1933: Angelas Profess und die Rückkehr des totgeglaubten Giovanni werden hier wie dort parallel geschnitten. Ich vermute, die Version von 1933 nimmt hier ganz konkret Bezug auf Herny Kings Vorgängerfilm – zumal die Parallelmontage an dieser Stelle des Films nicht wirklich zwingend erscheint. Sinnvoll ist sie auf jeden Fall, aber nicht zwingend; es liesse sich auch eine ganz konventionelle Darstellungsweise denken. Wahrscheinlich hinterliess die Sequenz in der King-Verfilmung beim damaligen Publikum einen derart starken Eindruck (sie tut es noch heute!), dass Victor Fleming sich zu einer Reminszenz animiert fühlte. Dafür spricht die Tatsache, dass Kings 1923er-Version bei der Premiere 1933 noch immer in bester Erinnerung war.
7/10

Vorher-Nachher:
Victor Fleming drehte vor The White Sister den Film Red Dust (1932, ebenfalls mit Clark Gable) und nachher, ebenfalls 1933, Bombshell mit Jean Harlow. In beiden Filmen erschien er ebenfalls nicht als Regisseur in den Credits.
Flemings berühmteste Filme sind The Wizard of Oz (Der Zauberer von Oz) und Gone With The Wind (Vom Winde verweht).
Helen Hayes spielte vor The White Sister an der Seite von Ramon Novarro eine Chinesin im Film The Son-Daughter (1932, Regie: Clarence Brown) und danach, auch 1933, mit Robert Montgomery in Another Language.
Hayes bekannteste Filmrolle ist wohl die der alten Mrs. Steinmetz, deren Häuschen im 1974 erschienen Disney-Film Herbie Rides Again (Herbie gross in Fahrt) von einem Baulöwen abgerissen werden soll.
Clark Gable spielte vor The White Sister an der Seite von Carole Lombard einen Trickbetrüger im Film No Man Of Her Own (1932, Regie: Wesley Ruggles), danach, wieder 1933, zusammen mit Jean Harlow in Hold Your Man, wo er unter der Regie von Sam Wood ebenfalls einen Trickberüger spielte.
Gables berühmteste Filme sind It Happened One Night (Es geschah in einer Nacht, Regie: Frank Capra), Gone With The Wind (Vom Winde verweht; Regie: Victor Fleming), Mutiny On The Bounty (Meuterei auf der Bounty; Regie: Frank Lloyd).
Drehbuchautor Donald Ogden Stewart arbeitete vor und nach The White Sister interessanterweise an zwei bereits genannten Filmen mit, nämlich an Red Dust, wo er als Co-Autor noch während der Dreharbeiten beigezogen wurde, und an Another Language, zu dem er zusammen mit Herman J. Mankiewicz das Drebuch verfasste.
Die bekannteste Filme nach Drehbüchern Stewarts sind The Philadelphia Story (Die Nacht vor der Hochzeit; Regie: George Cukor), That Uncertain Feeling (Ehekomödie; Regie: Ernst Lubitsch) und Life With Father (Unser Leben mit Vater; Regie: Michael Curtiz).