Monat: Dezember 2013

Verlorene Seelen

THE LAST FLIGHT
USA 1931
Mit Richard Barthelmess, David Manners, Helen Chandler, Johnny Mack Brown, Elliott Nugent u.a.
Drehbuch: John Monk Saunders
Regie: William Dieterle

Die Sinnlosigkeit und die Leere nach dem ersten Weltkrieg, die Seelenlosigkeit des American Dream nach einer Zeit der Not und des Grauens – der berühmteste Chronist dieser Zeit und dieses Lebens war F. Scott Fitzgerald. The Great Gatsby wurde eben neu verfilmt, Parallelen ins Heute sind unübersehbar.
The Last Flight, ein heute gründlichst vergessener Film, beleuchtet dieselbe Epoche und zeigt denselben „Ennui“ der Zwanzigerjahre. Interessanterweise ist das Bindeglied zwischen The Last Flight und The Great Gatsby der Schauspieler/ Regisseur Elliott Nugent. Nugent spielt hier einen Vertreter der sog. „verlorenen Generation“, während er in der 1949-er Verfilmung von The Great Gatsby Regie führte.

Geschrieben wurde The Last Flight von John Monk Saunders, einem ehemaligen Piloten im ersten Weltkrieg. Sein berühmtestes Drehbuch verfasste Saunders für Howard Hawks‘ Film Dawn Patrol, und William Wellmans berühmter Stummfilm Wings basiert auf Saunders Kurzgeschichten.
Regie führte bei unserem „vergessenen Film der Woche“ der deutsche Schauspieler und Regisseur Wilhelm Dieterle, The Last Flight war seine erste Regiearbeit für Hollywood.

Der Film ist hervorragend inszeniert – obwohl Dieterle zurückhaltend bleibt, fällt eine hohe Meisterschaft in der Bildsprache und der psychologischen Schauspielerführung auf. Die Isoliertheit der Figuren wird räumlich immer wieder, in verschiedenen Variationen sichtbar gemacht, sie wird zum tragenden Element der Inszenierung. Auch die extrem „künstlichen“, fast hölzernen Dialoge zielen auf diese Wirkung ab: Jede Figur scheint mit sich selbst allein zu sein, wie Mantras werden die Namen der Angesprochenen fast in jedem Satz ausgesprochen – ohne dass die Betreffenden im Bild sichtbar sind. Was zunächst irritierend wirkt, unterstreicht die Leere, in der sich sämtliche Protagonisten befinden.

Eine Handlung existiert praktisch nicht. The Last Flight zeigt das ziel- und richtungslose Leben von fünf physisch und psychologisch malträtierten Fliegerkameraden nach dem Ende des ersten Weltkriegs. Ohne Perspektive treibt die Gruppe, lachend und scherzend von einer Bar zur nächsten, von Paris nach Lissabon; der Alkohol scheint ihr Hauptnahrungsmittel zu sein. In einem Lokal gabelt man die wohlhabende Nikki auf, eine weitere „verlorene Seele“, welche kurzerhand in den Männerbund aufgenommen wird. Nichts wird von den Freunden ernst genommen, nicht einmal der eigene Tod. Im Gegenteil, im letzten Drittel des Films wird deutlich, dass dieser sogar herbeigesehnt wird. Der Tod Sheps auf dem Rummelplatz wirkt wie eine Metapher auf das Leben, welches die Kameraden führen. Inmitten rauschenden Lebens sterben die fünf einen langsamen seelischen Tod, der von dreien schliesslich aktiv, auf fast absurde Weise vollzogen wird. Die Rummelplatz-Sequenz, in welcher Shep zu quirliger Karussellmusik stirbt, erinnert frappant an Hitchcocks Strangers on A Train. Dort wird eine Protagonistin auf einem Rummelplatz ermordet – den musikalischen Hintergrund dazu bildet eine Karussellorgel. Da The Last Fligt damals in England zu sehen war (im Gegensatz zu Deutschland), fällt die Hypothese der Inspiration Hitchcocks durchaus in den Bereich des Möglichen.

Ein toller Film. Offenbar verschwand er kurz nach der Erstaufführung in den Tiefen der Archive, nicht zuletzt, weil offenbar kaum Werbung dafür gemacht wurde. Dank der Warner Archive Collection, die ihn vor drei Jahren wieder ans Licht brachte, ist er heute zumindest in den USA wieder zu einer gewissen Bekanntheit gekommen.
Anzumerken bleibt, dass es sich hier um die bislang die einzige mir bekannte WAC-Ausgabe handelt, an deren Bildqualität ich etwas zu bemängeln habe – offenbar liess sich von diesem gründlich vergessenen Film keine gut erhaltene Kopie mehr auftreiben.

Drei kurze Anmerkungen noch zu drei am Film Beteiligten:
Helen Chandler, die in diesem Film schlichtweg grossartig ist, kämpfte zeitlebens tatsächlich mit einem schweren Alkoholproblem, das ihrer Filmkarriere 1938 ein Ende setzte. Ihre bekannteste Rolle war die der Mina in Tod Brownings Dracula-Verfilmung.
Auch Richard Barthelmess, ein grosser Star der Stummfilmzeit, drehte nur noch bis 1942. Obwohl er einer jener Stummfilmschauspieler war, die auch im Tonfilm Erfolg hatten, zog er sich vom Filmgeschäft zurück und lebte von seinem beträchtlichen Vermögen.
Drehbuchautor John Monk Saunders beging 1939 Selbstmord.
8/10