Monat: November 2013

Buster Keatons tiefer Fall

DOUGHBOYS
(USA 1930)
Mit Buster Keaton, Sally Eilers, Edward Brophy, Cliff Edwards, Arnold Korff u.a.
Buch: Al Boasberg und Richard Schayer
Regie: Edward Sedgwick

Ein Jahr nach seinem letzten Stummfilm Spite Marriage war Buster Keaton auf seinem künstlerischen Tiefpunkt angekommen. Der Abstieg vollzog sich nicht etwa langsam und schleichend – er kam wie ein Schock von einem Film auf den nächsten. Obwohl Doughboys besser ist als der Vorgängerfilm Free and Easy bietet er ein trauriges Bild: Buster Keaton in einer groben, uninspirierten Militärklamotte an der Seite eines fürchterlich chargierenden, pausenlos herumbrüllenden Edward Brophy zu sehen – das tut weh! Obwohl in den Credits zu lesen ist, dass es sich bei Doughboys um eine „Buster Keaton Production“ handelt, wird schnell deutlich, dass er selbst nicht viel zur Produktion beisteuern konnte. Er musste sich ins MGM-System einfügen, und dieses sah totale Kontrolle über alle seine Produkte vor. Ein starrer Drehplan sorgte für die Einhaltung des veranschlagten finanziellen und zeitlichen Budgets, vom Drehbuch durfte nicht abgewichen werden, für Improvisationen war kein Platz, keine Zeit, kein Geld. Keaton konnte und wollte so nicht arbeiten, und das merkt man sowohl Free and Easy als auch Doughboys, seinen ersten beiden Tonfilmen, deutlich an. Beide Filme sind schlecht, wirklich schlecht – und es sollten weitere ähnliche Tiefschläge bei MGM folgen, an deren zunehmenden Misserfolgen Keaton schliesslich zerbrach.

Die Warner Archive Collection macht einige der Filme aus Keatons berüchtigter Zeit bei MGM nun wieder zugänglich und man kann die Legende vom tiefen Fall des Komödienkönigs nun endlich aus „erster Hand“ überprüfen.
Ich kannte von Keatons Tonfilmschaffen bislang nur die Kurzfilme, die er Ende der 30er-Jahre für Columbia gedreht hatte. Diese sind gar nicht so schlecht, und so fand ich immer, die Chronisten hätten Keatons Tonfilmschaffen schlechter geredet, als es wirklich ist. Seit ich Doughboys und Free and Easy kenne, verstehe ich ihren Standpunkt.

Doughboys beginnt eigentlich vielversprechend, wie ein klassischer Keaton-Film: Elmer Stuyvesant (Keaton), ein weltfremder, reicher Schnösel sucht, um seiner Angebeteten zu imponieren, in einem Stellenbüro nach einer Arbeit. Dummerweise ist das vermeintliche Arbeitsamt ein Rekrutierungsbüro der Armee. Ehe er sich’s versieht, steckt Elmer in Uniform und untersteht dem Kommando des cholerischen Sergeant Brophy. Was folgt, ist eine öde, episodenhafte Militärklamotte mit ein paar raren komödiantischen Glanzlichtern, die alle Keaton zu verdanken sind.

Ansonsten wirkt Keatons Figur völlig verloren in diesem lauten, unpassend undifferenzierten Klamauk. Die „Handlung“ beschränkt sich auf Liebesmissverständnisse zwischen Elmer und seiner Angebeteten und auf einigen dümmliche Querelen mit dem nervtötenden Sergeanten.

Fazit: Doughboys ist wohl nur gerade für Keaton-Fans interessant – traurig, aber interessant. Ansonsten empfehle ich den Film niemandem (man könnte daraus vielleicht einen Zusammenschnitt der zwei, drei gelungenen Sequenzen herstellen; den Rest des Films sollte man für immer in den Archiven vergraben und der Vergessenheit überlassen).
4/10

Ein vergessener Film von John Ford

THE RISING OF THE MOON
Irland 1957
Mit Tyrone Power, Cyril Cusack, Dennis O’Dea, Donal Donnelly, u.a.
Drehbuch: Frank S. Nugent
Regie: John Ford

Ein unbekannter Film des grossen John Ford? Das gibt’s!
Ohne die Warner Archive Collection hätte ich dieses filmische Kleinod wohl nie entdeckt. Die in den USA sich grosser Popularität erfreuender DVD-R-Serie, welche „vergessene“ Filme „on demand“ zugänglich macht, entpuppt sich mehr und mehr als unverzichtbar. Auch der hier vorliegende Titel beweist, dass längst nicht alle vergessenen Filme zu Recht vergessen sind.

The Rising of the Moon wurde vollständig in Irland gedreht. Regisseur Ford gedachte damit nicht zum ersten Mal seiner irischen Herkunft (zuvor entstanden die ungleich bekannteren Irland-Filme The Informerund The Quiet Man). Mit The Rising of the Moon wollte Ford das Filmemachen in Irland vorantreiben. Später sagte er, er hätte diesen Film „just for fun“ gemacht und hätte es sehr genossen. Das merkt man: Der Spass überträgt sich auf die Zuschauer!

Die Schauspieler sind (oder waren damals) alle unbekannt, samt und sonders Iren, die meisten von der renommierten Abbey Theatre Company in Dublin, die heute noch existiert. Ein Star wurde, wohl zu Marketingzwecken, trotzdem eingebaut, nämlich Tyrone Power, der den Erzähler gibt. The Rising of the Moon besteht aus drei Episoden, verfasst von drei verschiedenen irischen Autoren, und Power verbindet diese mit kurzen Kommentaren.

Episode eins, The Majesty of the Law ist die verhaltenste der drei – aber trotzdem höchst vergnüglich! Darin begibt sich ein Polizeiinspektor (Cyril Cusack) auf einen schweren Gang: Er soll den alten Gutsbesitzer Dan O’Flaherty wegen tätlichen Angreifens eines Nachbarn festnehmen. Dabei wird er vom Delinquenten mit soviel ehrlicher Herzlichkeit empfangen und bewirtet, dass er sich kaum mehr traut, auf den Zweck seines Besuchs zu sprechen zu kommen.
One Minute’s Wait berichtet vom kurzen Aufenthalt eines vollbeladenen Personenzugs in einem kleinen Bahnhof, der sich wegen zahlreicher lächerlicher Zwischenfälle immer mehr in die Länge zieht und immer turbulenter wird. Hier zieht John Ford meisterhaft die Register seines komödiantischen Talents, das in seinen bekannten Filmen immer wieder durchscheint. One Minute’s Wait ist eine wunderbare Farce mit köstlichen Chargen – zum Quietschen komisch!
Die letzte Episode, 1921, erzählt eine Geschichte aus der Zeit der englischen Besetzung. Der junge irische Nationalist Sean Curran soll gehängt werden. Er hat noch eine Stunde zu leben, als er von zwei Nonnen besucht wird. Danach ist er verschwunden. Die Engländer suchen die ganze Stadt ab ohne zu ahnen, was ihnen die pfiffigen Iren da für einen Streich gespielt haben.

The Rising of the Moon wirkt trotz seiner Episodenhaftigkeit wie aus einen Guss. Das ist einerseits dem Drehbuchautor Frank S. Nugent zu verdanken, der einige der besten Filme Fords mitgeprägt hat (u.a. das ein Jahr zuvor entstandene Meisterwerk Der schwarze Falke), andererseits Fords prägnanter Regie-Handschrift, welche den Film durch wunderbar durchkomponierte Einstellungen zum Seh-Genuss werden lässt. Und in allen drei Episoden wird die „typisch irische“ Pfiffigkeit zelebriert, die dem ganzen Film ihren Stempel aufdrückt und den Grundton bestimmt.
Von den zwei mir bekannten Irland-Filmen Fords gefällt mir The Rising of the Moon deutlich am besten – obwohl er kaum bekannt ist und in Deutschland, wie’s aussieht, noch nie zu sehen war!

Soviel zum Thema „Qualität unbekannter Filme“! Ich bleibe auf jeden Fall dran an der Warner Archive Collection und werde weiter berichten…
9/10