Cate Blanchett

Tonfilm-Seitensprung: …Vater sein dagegen sehr!

THE LIFE AQUATIC WITH STEVE ZISSOU
USA  2004
Mit Bill Murray, Owen Wilson, Cate Blanchett, Anjelica Huston, Willem Dafoe, Michael Gambon, Jeff Goldblum, Bud Cort u.a.
Regie: Wes Anderson
Dauer: 119 min

Ich habe The Royal Tenenbaums angefangen und abgebrochen. Im Kino bin ich aus The Darjeeling Limited herausgelaufen. Mit Wes Andersons Filmen, so kam ich zur Ueberzeugung, kann ich nichts anfangen.
Aber darf man einen Regisseur nach der Sichtung zweier Filme schon abschreiben? Nicht, wenn er eine so grosse Anhängergemeinde hat wie dieser. Also wagte ich einen weiteren Versuch. Mit The Life Aquatic with Steve Zissou.

Ich zähle mich nach dieser Erfahrung zwar nicht zur Anderson-Fangemeinde, doch ich muss zugeben, froh um diesen „weiteren Versuch“ zu sein – dieser Film gefällt mir vorzüglich! Und er hat mich dazu bewogen, den anderen Anderson-Filmen eine zweite Chance zu geben.
Zuallererst hat mich Anderson mit der Art seines Humor gepackt, er entspricht ziemlich gut dem, was ich mir unter Komik vorstelle: Unaufdringlich und auf möglichst humorlose Art eingestreute „Gags“. Es gibt Einstellungen in diesem Film, über die ich mich totlachen könnte. Wer kommt denn auf die Idee, einen dunkelhäutigen Sänger (Seu Jorge) im Smoking und einer roten Mütze vor ein klassisches italienisches Gemälde zu setzen und ihn einen Bowie-Song auf Brasilianisch vortagen zu lassen?

Gut. Der Film ist also lustig, zumeist unterschwellig, aber konstant.

So langsam kam im Verlauf der Handlung aber doch die Frage auf, wohin das Ganze eigentlich führen soll – zunächst stellte ich mir die Frage gespannt, dann immer banger, an einem Punkt gar entnervt. Immer neue Episoden tauchen auf, der rote Faden wird bisweilen doch gar dünn. Doch Andersens Humor und die konstante Schrägheit des Films trug mich über diese Momente des Zweifels.
Und dann, ganz zum Schluss, erkannte ich plötzlich das eigentliche Thema des Films; es war die ganze Zeit da, unaufdringlich, und ich muss den Film jetzt noch ein zweites Mal sehen, um all die Verweise festzustellen, die Anderson eingebaut hat. Anderson-Kenner werden das Thema wahrscheinlich sofort erkannt haben, denn offenbar ist es ein zentrales Thema dieses Regisseurs.
In der allerletzten Szene, wenn schon die Abspanntitel durchs Bild rollen, marschiert das Team um den Tiefseetaucher Steve Zissou, angeführt vom Meister persönlich, auf ihr Schiff, die „Belafonte“ zu, verteilt sich darauf, jeder begibt sich an seinen Platz. Das Schiff wird zum Symbol für die Familie. Und Steve Zissou, dieser einsame, verlorene Kerl, der früher im Film sagte, er könne mit Vätern nichts anfangen, wird erkennbar als Vaterfigur für seine Truppe. Ausgerechnet er, der die ganze Zeit über nicht recht weiss, ob er den hergelaufenen Piloten Ned nun als seinen Sohn anerkennen soll oder nicht, war den ganzen Film über schon Vater, ohne dass er es gemerkt hat. Am Schluss, nachdem er zwei ihm sehr nahestehende „Familienmitglieder“ verloren hat, akzeptiert er die Rolle und findet Erlösung.

Wenn mich etwas an diesem Film begeistert, ist es seine Unaufdringlichkeit. Alles, vom leisen Humor über die fantastischen Sets (u.a. ein Querschnittmodell des Schiffes), die subtile, durchdachte Kadrage, die animierten Szenen bis zum tieferen Sinn der Geschichte wird mit entwaffnend unverkrampfter Beiläufigkeit serviert. Kein mir bekannter zeitgenössischer amerikanischer Regisseur besitzt eine derart traumtänzerische Leichtigkeit der Inszenierung wie sie Wes Anderson mit diesem Film vorführt. Man könnte dieser Leichtigkeit noch lange zusehen; ich bin sicher, dass ich, wenn ich The Life Aquatic zum zweiten Mal anschauen werde, einen anderen Film sehe als bei der ersten Visionierung.
8/10

Der Film kann über amazon.de bezogen werden.

Advertisements

Tonfilm-Seitensprung: Eine ideale Verfilmung

AN IDEAL HUSBAND
England 1999
(dt.: Ein idealer Ehemann)
Mit Jeremy Northam, Rupert Everett, Cate Blanchett, Julianne Moore, Minnie Driver, John Wood u.a.
Regie: Oliver Parker
Dauer: 93 min

Oliver Parker scheint ein wahrer Oscar Wilde-Verehrer zu sein: Er bereitete bereits drei Werke des britischen „Skandalautors“ für die Leinwand auf: The Importance of Being Ernest, The Picture of Dorian Gray und An Ideal Husband, Wildes fünftes Theaterstück.

An Ideal Husband beginnt in Minne, schrammt knapp am Disaster vorbei und endet glimpflich, mit einer Lektion für alle Beteiligten.
Sir Robert Chiltren und seine Gattin Gertrude (Jeremy Northam und Cate Blachett) gelten in der feinen britischen Gesellschaft als das perfekte Paar, Sir Robert, Mitglied des Unterhauses, wird gar als halber Heiliger verehrt. Kein Makel befleckt seine weisse Weste; er ist gerecht, loyal, treu und hat einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Doch nun taucht eine ehemalige Schulkollegin Lady Gertrudes auf, Mrs. Laura Chiveley (Julianne Moore) und erpresst Sir Robert auf übelste Weise. Er soll im Unterhaus seine Ablehnung eines betrügerischen Projektes in Zustimmung umwandeln, sonst werde sie eine düstere Polit-Affäre aus seiner Vergangenheit ans Licht bringen.

Sir Robert strampelt – den dunklen Punkt in seiner Vergangenheit konnte er bislang erfolgreich vertuschen. Mehr noch als den Gesichtsverlust in der Gesellschaft fürchtet er jenen vor der geliebten Ehefrau, die ihn idealisiert.
Zu Hilfe kommt ihm ausgerechnet Lord Goring (Rupert Everett), der faule, selbstgefällige Upper-Class-Nichtsnutz, der durch diese Affäre plötzlich seine Nächstenliebe entdeckt…

Man muss Oliver Parkers Verfilmung als geglückt bezeichen, wenn nicht sogar als Glücksfall. Beglückend ist er auf alle Fälle. Der Regisseur/Drehbuchautor bringt Wildes Stück, seine Dialoge und Bonmots so richtig zum Funkeln. Es wurde ein Zeit- und Sittenbild, das eine Zeit und eine Gesellschaft lebendig werden lässt, in welcher die Konvention und der Schein alles galt, wo Eheleute sich mit „sie“ anredeten und wo artig und gepflegt parliert wurde. Das alles lässt er in erlesenen Dekors und geschmackvollen Kostümen geschehen, dargeboten von einer erstklassigen Schauspielertruppe, die bis in die kleinste Nebenrolle ideal besetzt ist. Da zählt jedes Stirnrunzeln, jeder Seitenblick, und die Darsteller platzieren die kleinen Gesten mit einer Leichtigkeit, die zu Herzen geht.

An Ideal Husband, Version 1999, ist nicht einfach abgefilmtes Theater. Parker hat daraus einen bewegten und beschwingten Film gemacht, in dem das Bild neben dem Wort zu seinem Recht kommt, indem es das Geschehen immer wieder kommentiert, ironisch infrage stellt oder kommende Ereignisse erahnbar macht. Von Theater ist da fast nichts mehr zu spüren.
Neben der Offenlegung der menschlichen Schwächen und Fehler, die heute noch dieselben sind wie zur Entstehungszeit des Stücks (1894), enthält der Film kaum Aktualität. Aber: Indem er diese, in die Konventionen von damals gekleidet, in unsere Zeit hinüberblendet, präsentiert er Stoff, an dem wir geistig zu arbeiten haben.

8,5/10



Der Film ist als DVD bei amazon bestellbar.