Monat: September 2013

Intellektuelle Ensemblekiste

Und hier kommt der nächste „vergessene Film“ aus der amerikanischen DVD-Reihe Warner Archive Collection:

THE MADWOMAN OF CHAILLOT
(dt.: Die Irre von Chaillot)
USA 1969
Mit Katharine Hepburn, Richard Chamberlain, Yul Brynner, Paul Henreid, Danny Kaye, Edith Evans, Donald Pleasance, Oskar Homolka, Giulietta Masina, Charles Boyer u.a.
Drehbuch: Edward Anhalt
Regie: Bryan Forbes

Ein weiterer „vergessener Film“, der sich sehen lassen kann und an den sich einige der älteren Semester möglicherweise erinnern, denn Die Irre von Chaillot lief 1969 auch in den deutschen Kinos.
Ich für meinen Teil erinnere mich an eine Fernsehausstrahlung in den Achzigerjahren, möglicherweise im ORF und in der englischsprachigen Originalfassung. Auf DVD gab es den Film bislang weder im deutschsprachigen noch im englischsprachigen Raum; dort war er vor Jahren immerhin einmal auf VHS erhältlich.
Dank der Warner Archive Collection taucht dieser erstaunliche Film nun wieder aus der Versenkung auf. Zum Glück!

La folle de Chaillot hiess ein Theaterstück aus der Feder des französischen Autors Jean Giraudoux, geschrieben und uraufgeführt 1943.
26 Jahre später wurde es für den Film adaptiert – von Hollywood. Mit einem beispiellosen Staraufgebot wurde das Stück 1969 ins damalige „Heute“ versetzt – und floppte an der Kinokasse.
Und so haben wir einen grossartigen Film mehr, der in der Versenkung verschwunden ist. Den Amis war er wohl zu intellektuell, und weil die anspruchsvollen Themen in märchenhafte Bilder verpackt daherkommen, irritierte The Madwoman das Publikum mehr, als dass er es zur Reflexion anregte.

Mich hat der Film – mit einigen wenigen Abstrichen – vollkommen überzeugt. The Madwoman of Chaillot ist verfilmtes Theater, das wird sympathischerweise nie verleugnet, und das mag ihn für heutige, actiongeprüfte Sehgewohnheiten zeitweise etwas gewöhnungsbdürftig machen. Eine höchst sensible Regieführung, die allesamt grossartigen Darstellerinnen und Darsteller und ein grandioses Kostüm- und Kulissenkonzept holen aber das denkbar Beste aus dem Theater heraus!
Entstanden ist ein Ensemblefilm, der mit zahlreichen denkwürdigen und berührenden Momenten aufwartet. Katharine Hepburn ist schlicht grossartig als die alternde Verrückte; ihr ebenbürtig sind u.a. Danny Kaye – in seinem letzten Leinwandauftritt – als Lumpensammler, der vor dem Gericht der Verrückten die Rolle des Verteidigers übernimmt; oder Donald Pleasance als machtgeiler Prospektor, der eine Ölquelle im Pariser Untergrund entdeckt und diese wirtschaftlich erbarmungslos ausschlachten will. Edith Evans hat einen unvergesslichen Auftritt als selbsternannte Richterin. Aber auch alle anderen Beteiligten glänzen, keiner der Stars hat nur eine kleine Rolle, The Madwoman of Chaillot ist eine Ensemblekiste, und als das wird sie hier auch – bestens – verkauft.

1969 wurde Giraudoux‘ Stück dank der Jugendunruhen wieder hochaktuell, denn es geht darin um das Missverhältnis zwischen den zerstörungswütigen Mächtigen und den „kleinen Leuten“. Ursprünglich waren damit die deutschen Besetzter und die französische Volk gemeint. Forbes‘ Film transponiert die Geschichte allerdings geschickt in den zeitgeistigen Kontext von ’68 und setzt der lebensfeindlichen Raffgier der Mächtigen die Menschlichkeit und Wärme der einfachen, armen Leute entgegen. So entsteht ein Klassenkampf, in dem die „Normalen“ die Welt ins Verderben treiben und die „Verrückten“ sie davon abzuhalten versuchen.

Ein Prospektor entdeckt Öl im Pariser Untergrund und trommelt einige mächtige und reiche Männer aus Politik, Wirtschaft, Militär und Kirche zusammen, um sich mit deren Hilfe an den Schätzen zu bereichern. Als die „Irre von Chaillot“ erfährt, dass ihrem alten Paris die Zerstörung droht, ja, dass der Menschlichkeit an sich ein vernichtender Schlag bevorsteht, heckt sie einen Plan aus, der den Mächtigen ein für allemal das Handwerk legen soll. Dazu schart sie ihre Freundinnen – drei weitere „Madwomen“ – und die Menschen aus den untersten Gesellschaftsschichten um sich, um die Welt „ein für allemal von dem Bösen zu befreien“.

Immer wieder scheinen Parallelen zu Michael Endes Roman Momo auf: Die grauen Herren haben deutliche Ähnlichkeit mit den hier auftretenden „Mächtigen“; hier wie dort stehen ihnen die „einfachen Leute“ entgegen; angeührt werden sie dort von einem Kind, hier von einer Verrückten. Und hier wie dort herrscht eine Atmosphäre des Märchenhaften, Unwirklichen, des Zaubers, wie ihn nur Kinder und Verrückte wahrzunehmen scheinen…
Es würde mich nicht wundern, wenn dieser Film Ende zu seiner Geschichte inspiriert hätte.
9/10

Packender Anti-Nazi-Film

Ich habe kürzlich die amerikanische Version der Warner Archive Collection für mich entdeckt. Es gibt darin einige sehr schöne Titel, klassische amerikanische Spielfilme – die mag ich sowieso – Werke die nie auf DVD erschienen sind, vergessene Perlen des US-Kinos von den Zwanzigerjahren bis heute, zum Teil obskure Titel, hinter denen sich wer-weiss-was verstecken kann – vielleicht eine wertvolle Entdeckung. Die Collection ist inzwischen auf über 500 Titel angewachsen – was für mich eine Herausforderung darstellt, sie zu erkunden.
Die Warner Archive Collection , das sind DVDs „on demand“ – auf DVD-R. Die DVDs der Collection sind alle R0 – auf allen Playern weltweit spielbar. Hier ist der Link zur Collection: Warner Archive Collection

Die Filme werden nicht digital aufbereitet – was mir persönlich sehr sympathisch ist, denn so stellt sich echtes „Kinofeeling“ ein. Es gibt also hie und da kleinere Verunreinigungen (besonders an den Aktenden), bislang habe ich in dieser Hinsicht aber nie etwas wirklich Gravierendes festgestellt! Die Bildschärfe und -auflösung war bei allen Scheiben bislang top.

Nun begebe ich mich hier also auf Entdeckungstour durch die Tiefen der Warner Archive Collection – solange es mir Spass macht. Ich bin gespannt, was ich da so zu Tage fördere…
Den Anfang macht ein völlig vergessener Hollywood-Film, in dem zahlreiche deutsche Schauspieler-Emigranten mitspielen:

ESCAPE
USA 1940
Mit Robert Taylor, Norma Shearer, Conrad Veidt, Philip Dorn, Felix Bressart, Alla Nazimova, Albert Bassermann, Elsa Bassermann, Ernst Deutsch, u.a.
Buch: Arch Oboler und Marguerite Roberts nach dem gleichnamigen Roman von Grace Zaring Stone (publiziert unter dem Pseudonym Ethel Vance)
Regie: Mervyn LeRoy

Schon meine erste DVD der Warner Archive Collection enthält eine Entdeckung. Escape scheint weder in deutschsprachigen Kinos gelaufen noch scheint er hier je im TV gezeigt worden zu sein – ein vergessener Film. Dabei gehörte Escape zu den ersten Anti-Nazi-Filmen Hollywoods, welche die Schrecken der Konzentrationslager thematisierten. Hier geschieht dies zwar nur am Rand und auf „verharmlosende“ Art (hauptsächlich, weil sich das echte Grauen im Amerika des Jahres 1940 niemand vorstellen konnte), trotzdem bleibt das Konzentrationslager für die Handlung zentral.
Robert Taylor spielt Mark Preysing, einen amerikanischen Staatsbürger mit deutschen Wurzeln, der auf der Suche nach seiner verschollenen Mutter nach Nazi-Deutschland reist. Schon bald wird klar, dass diese, eine einst berühmte Schauspielerin (Alla Nazimova) in einem Konzentrationslager auf ihre Exekution wartet.

Preysing übernimmt die Rolle der Identifikationsfigur und ist deshalb mit unglaublicher Naivität ausgestattet – einer der Schwachpunkte des Films, jedenfalls aus heutiger Sicht. Damals galt es, den unbescholtenen amerikanischen Kinogänger an die Hand zu nehmen und ihn in das Grauen der Nazidiktatur einzuführen. Und diese Rolle kam Preysing zu; heute erscheint es nicht mehr glaubhaft, dass ein Mann mit deutschen Wurzeln so gar nichts davon ahnt, was sich seit der Machtübernahme Hitlers in seinem Mutterland getan hat.

Der Film vermittelt allerdings auf subtile und absolut wirkungsvolle Weise die klaustrophobische Stimmung unter der Naziherrschaft. Niemand will mit Preysing reden, alle wenden sich verschämt ab, nachdem er sein Anliegen vorgebracht hat. Bis er auf die Gräfin von Treck (Norma Shearer) trifft, die zufällig auf die Spur von Preysings Mutter kommt. Da die Gräfin aber mit einem Nazigeneral (Conrad Veidt) liiert ist, wird ihre Hilfestellung zum Drahtseilakt…

Der Film glänzt in allererster Linie mit durchs Band hervorragenden schauspielerischen Leistungen und einer packenden Dramaturgie. In der Tat habe ich weder Robert Taylor noch Norma Shearer je so gut wie hier gesehen – ganz zu schweigen von den Nebendarstellern, praktisch allesamt deutsche Emigranten. Besonders Felix Bressart und der Deutsch-Holländer Philip Dorn, der später unter dem Namen Frits van Dongen in Filmen wie Der träumende Mund (D 1953) mitwirkte, prägen sich mit ihrem intensiven Spiel ein.

Escape mag nicht der beste Anti-Nazi-Film aus dem klassischen Hollywood sein, doch seine Dramaturgie und die schauspielerischen Leistungen machen ihn noch heute trotz einiger Schwächen zu einem packenden Seh-Erlebnis!
7,5/10

Lubitsch live in Berlin

Lang ist’s seit meinem letzten Blog-Eintrag her. Pausen müssen sein, der selige Whoknows hatte sie mir immer wieder empfohlen.
Nun nehme ich den Faden wieder auf, in der Hoffnung (nicht im Versprechen), dranzubleiben. Vielleicht finden ja einige meiner einst regelmässigen Leser wieder zu meinem Blog zurück – was mich sehr freuen würde – und vielleicht entdeckt ihn der eine oder andere Neuankömmling mit dem Neustart.
Zuerst muss ich allerdings ein bischen aufräumen. Ich musste feststellen, dass in meiner Pause Bilder aus meinen Artikeln verschwunden sind. Die wollen neu draufgeladen sein, eine öde Arbeit, die wohl ihre Zeit dauern wird.
Die nächsten Artikel werden sich zur Hauptsache mit Filmen der amerikanischen Warner Archive Collection (kurz WAC) befassen. Die WAC, das sind Filme, die vergessen oder verschwunden sind, die es nie auf DVD gegeben hat, oder die wieder aus dem Katalog verschwunden sind – mein Steckenpferd zur Zeit. Das wird sich auch hier bemerkbar machen. Das bedeutet aber weniger Stummfilme in nächster Zeit.

Anfangen möchte ich meine Blog-Wiedereröffnung aber trotzdem mit einem Stummfilm, mit einem kurzen Bericht über ein Werk, das ich im Juli „life“ gesehen hatte: mit Ernst Lubitschs

CARMEN
Deutschland 1918
Mit Pola Negri, Harry Liedtke, Leopold von Lebedur, Grete Dierks, u.a.
Drehbuch: Norbert Falk und Hanns Kräly
Bauten: Karl Machus und Kurt Richter
Kamera: Alexander Hubert
Regie: Ernst Lubitsch

Titel

Obwohl Carmen in der Lubisch-DVD-Box fehlt, kann er innerhalb meiner kleinen Lubitsch-Reihe trotzdem zur Sprache kommen: Ein glücklicher Zufall wollte es, dass ich just zur Vorführung des Films in Berlin weilte, wo er im legendären Kino Babylon gezeigt wurde. Das Kino, eingefleischte Stummfilmfans wissen es, besitzt eine echte Kino-Orgel aus Stummfilmtagen, die zur Projektion tonloser Preziosen regelmässig zum Einsatz kommt. Am Register sass an diesem Dienstag Anna Vavilkina.

Weshalb Carmen in der Lubitsch-Box fehlt, ist nicht klar. Ich vermute einerseits den relativ schlechten Zustand – im Vergleich zu den anderen Werken machen sich trotz Restauration deutliche, grobe Bildsprünge und fehlende Szenen-Enden bemerkbar. Andererseits muss ich festhalten, dass Lubitsch und sein Co-Autor Hanns Kräly deutlich bessere Filme gedreht haben! Carmen fällt qualitativ gegen sämtliche in der Lubitsch-Box enthaltenen Stummfilme ab.
Aus heutiger Sicht wirkt das Werk realtiv unoriginell und leicht überkandidelt. Das dick aufgetragene spanische „Flair“, die bis zur Karikatur folklorisierten Kostüme und die „leidenschaftliche“ Spielweise der Akteure, all das wirkt auf einen heutigen Zuschauer allzu plump. Und doch gebührt dem Film Respekt. Woher etwa hatten Lubitsch und sein Produzent Paul Davidson die immer wieder durchs Bild defilierenden Komparsenheere? Der erste Weltkrieg war gerade vorbei, Männer waren in Deutschland Mangelware. Und woher kam das Geld für die wirkungsvollen Kulissen?

Carmen war ein Film, der die Massen damals begeisterte; Lubitsch bot mit seinen exotischen Filmspektakeln willkommene Ablenkung in Elend und Not (siehe auch Sumurun, Die Augen der Mumie Ma oder Anna Boleyn) und brachte einen Hauch von Hollywood in deutsche Lande.
Carmen wirkt auf mich heute wie eine Fingerübung für diese Werke.