Monat: Mai 2014

Galgenvögel

HELL’S HEROES
USA 1929
Regie: William Wyler
Darsteller: Charles Bickford, Raymond Hatton, Fred Kohler, Fritzi Ridgeway, Joe De La Cruz, u.a.
Drehbuch: Tom Reed & C. Gardner Sullivan
Studio: Universal Pictures
Deutschsprachige Kinoauswertung: 1931 unter dem Titel Galgenvögel
Dauer: 68 min

INHALT:
Drei Bankräuber erschiessen bei einem Überfall im Western-Nest New Jerusalem einen Angestellten und flüchten mit der Beute in die Wüste. An einem Wasserloch entdecken sie einen verwaisten Planwagen, in welchem eine entkräftete Frau liegt. Sie gebiert ein Kind, und bevor sie stirbt, ernennt sie die drei „Galgenvögel“ zu Paten. Sie bittet sie, es sicher und heil zu ihrem Gatten nach – ausgerechnet – New Jerusalem zu bringen.
Wem diese Inhaltsangabe bekannt vorkommt, der hat wohl John Fords Three Godfathers (dt.: Spuren im Sand, 1948) mit John Wayne gesehen. Dort wurde der Stoff wieder verfilmt – zum wiederholten Mal. Ford selber setzte den Stoff – einen 1913 erschienen Roman von Peter B. Kyne –  bereits 1919 als Stummfilm um.  Dieser wiederum war ein Remake auf The Three Godfathers von 1916. Insgesamt existeieren sieben bis acht Filmversionen.
Eine davon – Hell’s Heros – war einer der ersten Tonfilme. Bis vor kurzen existierte nur die stumme Version, die im Übergang zwischen Stumm- und Tonfilmzeit für Kinos herausgebracht wurde, die noch nicht auf moderne Tonausrüstung umgestellt hatten. Die Tonversion galt als verschollen, wurde aber vor kurzem wiedergefunden.

REGIE:
Wiliam Wyler gilt als Perfektionist unter den Regisseuren. Wenn man Hell’s Heroes sieht, kommt man zum Schluss, dass dieses Attribut wohl schon in seiner Anfangszeit war. Dieser sein erster Tonfilm erstaunt durch den auf Anhieb perfekten Umgang mit dem neuen Medium. Obwohl Hell’s Heroes in einigen Sequenzen die Sprachlastigkeit aufweist, die für die damalige Tonfilmeuphorie typisch war, verfällt er doch kaum jemals ins starre Abfilmen von Dialogen, welches für jene Übergangszeit ebenfalls charakteristisch war und die zum Teil der starren Unbeweglichkeit der ersten Tonsysteme geschuldet war. Das bewegte, sprechende Bild steht für Wyler im Zentrum, mit viel Geschick fand er Wege, die Schwerfälligkeit der damaligen Tonsysteme aufzuheben. So erscheint Hell’s Heroes heute als seiner Zeit voraus.
Es gibt einige Anschlussfehler zwischen einigen Schnitten, doch die sind wohl den mörderischen Bedingungen beim Dreh in der glutheissen Wüste zu verdanken. Man konnte einzelne Takes nicht beliebig wiederholen (wie Wyler das in späteren Jahren gerne und exzessiv tat), denn der Kameraman steckte in einer schalldichten Kabine, in welcher die Hitze ins Unerträgliche gesteigert wurde.
Es gibt Sequenzen, die verblüffen, etwa jene lange Kamerafahrt, die Charles Bickfords Charakter über die Strasse zur Bank folgt und gleichzeitig eine Gegenbewegung im Hintergrund festhält, nämlich das Näherreiten seiner drei Kumpane aus dem Hintergrund. Das war mit damaligen Tonausrüstung kaum machbar, und ich vermute, dass einzelne Sequenzen im Nachhinein sychronisiert wurden. (An einigen Stellen ist das sogar ganz deutlich am nicht ganz lippensynchronen Dialog oder Gesang erkennbar.) Das Ausmass an Kamera-„Entfesselung“ ist für jene Zeit erstaunlich; Wyler zieht sie den ganzen Film lang durch. Sie ist wohl das grösste Verdienst dieses grandiosen Werks. Es erstaunt nicht, dass Produzent Darryl F. Zanuck von Warner Bros. mit diesem Film auf Wyler aufmerksam wurde.
Es gibt eine schöne Episode, die Wylers Fantasie und seinen inszenatorischen Einfallsreichtum verdeutlicht. In einer Szene sollte der verdurstende Charles Bickford, der mit dem Kind im Arm durch die Wüste stolpert, sein Gewehr fallen lassen, damit ihm seine letzte Kraft für das Kind bleibt. Bickford fing einen Streit mit Wyler an und weigerte sich, das Gewehr einfach fallen zu lassen. Er wollte es mit grosser Geste von sich schleudern – eine Unmöglichkeit für einen Verdurstenden. Wyler umging den Streit, indem er hinter dessen Rücken eine Alternativversion drehen liess: Die Kamera folgt den Fussspuren des Bickford-Charakters. An einer bestimmten Stelle gesellen sich die Schleifspuren des Gewehrkolbens zu den Fussspuren. Und schliesslich zieht die Kamera am im Sand liegenden Gewehr vorbei.
Dieser schnörkellose Lakonismus zieht sich durch den ganzen Film. Wyler umgeht damit Sentimentalitäten und die religiös verbrämte Melodramatik, die dem Stoff inhärent sind, und sich in John Fords 1948-er Version bisweilen störend auswirken.

DIE SCHAUSPIELER/INNEN:
Die drei „Galgenvögel“ sind schlicht grandios besetzt! Charles Bickford kam direkt vom Broadway, ein Star mit entsprechenden Allüren, die dann auch prompt zu Streitereien am Set führten. Raymond Hatton war ein Nebendarsteller, der später bevorzugt in Western eingesetzt wurde. Die Rolle in diesem Film ist eine der Glanzpunkte seiner Karriere. Er ist trotz seiner rauhen Schale die Seele des Films. Fred Kohler verstarb leider viel zu früh – er war ein Schauspieler mit grossem Potential, wie man hier erkennen kann. Sein Charakter macht die grösste Wandlung durch und er spielt das ganz natürlich und absolut glaubhaft.
Fritzi Ridgeways Darstellung der sterbenden Kindsmutter enthält etwas zu viel „stummfilmmässiges“ Overacting. Ihr Auftritt ist allerdings kurz, der Rest des Films gehört ganz den drei grossartigen „Galgenvögeln“.

DEKOR & KOSTÜME:
Dekor und Kostüme passen perfekt zum Stil des Films; sie unterstreichen durch ihre Authentizität den Realismus, den Wyler anstrebt.
Gedreht wurde im Städtchen Bodie, in der Mojave-Wüste und im Panamint-Valley in Kalifornien.

FAZIT:
Ein grossartiger, dank starker Bilder und sicher geführter Darsteller unvergesslicher Film mit einigen wenigen Schwachpunkten, die aber alle mit der frühen Tontechnik zu tun haben. Schaut man sich andere Filme aus demselben Erscheinungsjahr an, dann staunt man, wie wenig es sind. Wyler etablierte sich mit diesem Film als nicht nur zuverlässiger, sondern auch fähiger und künstlerisch begabter junger Regisseur.
9/10

DIE DVD:
DVD der Warner Archive Collection aus den USA (Regionalcode 0). Die Reihe bringt vergessene Filme „printed by demand“ auf DVD-R heraus, die eine reguläre Veröffentlichung nicht lohnen. Es gibt in der Regel keine Extras.
Bei der vorilegenden DVD handelt es sich um ein „Doppelpack“, welche zwei Verfilmungen desselben Stoffs – des Romans von Peter P. Kyne – herausbringt: Die hier besprochene und jene unter der Regie von Richard Boleslawkski aus dem Jahr 1936, die ich in diesem Blog demnächst auch noch vorstellen werde.

Die DVD kann als Neuware in meinem eBay-Shop gekauft werden; zusätlich ist Richard Boleslawskis 1936-Verfilmung desselben Stoffes auf der DVD mit drauf.

VORHER-NACHHER:
William Wyler drehte zuvor den Stummfilm The Love Trap (1928), danach den Tonfilm The Storm (1930). Hell’s Heroes war Wyler erster Tonfilm. Seine bekanntesten Werke waren The Desperate Hours (dt.: An einem Tag wie jeder andere, 1955) und Ben-Hur (1959).
Charles Bickford drehte vorher den Tonfilm Dynamite (Regie: Cecil B. DeMille, 1929), nachher war er im Greta Garbo-Vehikel Anna Christie (Regie: Clarence Brown, 1930) zu sehen. Hell’s Heroes war Bickfords dritte Filmrolle. Bickfords bekannteste Filme waren The Song of Bernadette (dt.: Das Lied von Bernadette, Henry King, 1943) und Duel In The Sun (dt.: Duell in der Sonne, King Vidor, 1946).
Raymond Hattons „Film davor“ war bereits ein Tonfilm und hiess The Mighty (dt.: Der Kampf um die Macht, John Cromwell, 1929), der Film danach war Murder on the Roof (George B. Seitz, 1930). Er spielte später Nebenrollen in zahllosen heute vergessenen Westernfilmen.
Fred Kohler war vor Hell’s Heroes in einer Nebenrolle im Al Jolson Vehikel Say it with Songs (dt.. Sag es mit Liedern, Lloyd Bacon, 1929) zu sehen, danach in Roadhouse Nights (Hobert Henley, 1930). Kohler starb viel zu früh (1938, mit 51) an Herzversagen; er ist heute komplett vergessen.
Tom Reed (Drehbuchautor) schrieb zuvor die Zwischentitel zum Film Broadway von Paul Fejös (1929), danach die Dialoge für Night Ride (dt.: Vampyre der Grossstadt, John S. Robertson, 1930).

 


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Eine Sommernachts-Sexkomödie

A MIDSUMMERNIGHT’S SEX COMEDY
(dt.: Eine Sommernachts-Sexkomödie)
USA 1982
Regie, Drehbuch und Hauptrolle: Woody Allen
Dasteller: Woody Allen, Mary Steenburgen, Mia Farrow, José Ferrer, Julie Haggerty, Tony Roberts
Deutschsprachige Kinoauswertung: 1982 unter dem Titel Eine Sommernachts-Sexkomödie
Dauer: 88 min
Bewertung: * * * * *

INHALT:
Drei Paare im ausgehenden 19. Jahrhundert auf Urlaub in freier Natur. Der Erfinder Andrew und seine Frau Adrian, die gerade in einer sexuellen Krise stecken, laden einen befreundeten ältlichen Professor und dessen zukünftige junge Frau und Andrews Freund Maxwell in ihr Landhaus ein. Womanizer Maxwell – er ist Arzt – schleppt noch die sexy Praxishilfe Dulcy mit – und fertig ist der Mix: Unter dem Einfluss vollmondbeschiener Sommernächte geraten die Pärchen auseinander, durcheinander, jede(r) guckt ein bisschen über den Gartenzaun des anderen, man möchte gern fremd gehen, tut es zum Teil auch – und das alles ist ein bischen verklemmt und verschämt.
Dabei wird vor allem über Sex geredet – witzig, intelligent und sarkastisch.

REGIE:
A Midsummernight’s Sex Comedy war einer der ersten Ausflüge des „Stadtneurotikers“ in die freie Natur. Er fängt sie mit wunderschönen Bildsequenzen ein, die er mit Orchestermusik von Felix Mendelssohn unterlegt. Doch als wäre es ihm bei der Natur-Inszenierung nicht ganz wohl, beginnt er mittendrin, sich darüber lustig zu machen, indem er plötzlich nur noch Bilder von niedlichen Waldtieren aufeinanderfolgen lässt. Es folgen weitere solcher mit Mendelssohn unterlegter Natur-Sequenzen, welche die Funktion von Zwischenakten übernehmen und die unsere Protagonisten in die Natur einbetten – meist auf komödiantische Weise. Sie sind als Parodien auf Renoir-Idyllen gestaltet. Das Stichwort „Zwischenaktmusik“ weist auf die Bühnenhaftigkeit des Films hin. Dialoge stehen klar im Zentrum des Films, der tatsächlich wirkt wie eine Theaterverfilmung. Doch Allen bricht das Theaterhafte mit hübschen visuellen Ideen immer wieder auf, so, dass das statisch-bühnenhaftige nie zuviel Gewicht bekommt.

DREHBUCH:
Woody Allen konzipiert den Film als Romantik-Idylle: Eine kleine Gesellschaft begibt sich in die Natur und erliegt ihrem Zauber. Das magisch-animistsche ergreift Besitz von den Menschen und transformiert sie. Diese romantische Idee untergräbt Allen schalkhaft, indem er die Protagonisten über nichts anderes als Sex reden lässt. Die Natur transformiert die Menschen – insbesondere die Männer – insofern, indem sie das Tier in ihnen herauslockt.
Das setzt Allen in bisweilen witzig-ironischen Dialogen um, die nie plump oder peinlich wirken. Die Protagonisten sind, wie es sich für eine solche „Versuchsanordnung“ gehört, Prototypen: Ein pompöser Professor, ein sexbesessener Arzt, ein ungeschickter Erfinder, eine (vermeintlich) dümmliche Krankenschwester, eine frustrierte Ehefrau, eine Frau von Welt. Die Frauenrollen sind eher blass und bleiben daher etwas hinter den scharf gezeichneten Männern zurück.

DIE SCHAUSPIELER/INNEN:
Gut. Nicht grossartig, aber gut. Gefällig.
Allen ist und bleibt ein Kasper – in jeder Rolle immer gleich. Definitiv kein Schauspieler. Der Rest der Crew: Passabel. Mia Farrow überrascht in einer eher erdigen Rolle (obwohl sie im Film Ariel heisst – noch so ein querer Scherz!), sie wurde dafür allerdings für den „Razzie“ als schlechteste Schauspielerin des Jahres nominiert. José Ferrer überzeugt als professoraler Wichtigtuer. Julie Hagerty, Mary Steenburgen und Tony Roberts verblassen daneben.
Im Casting liegt der Schwachpunkt des Films. Der einzige.

DEKOR & KOSTÜME:
Man fand ein wunderschönes altes Haus in den Pocantico Hills, in der Nähe New Yorks, inmitten von Wäldern und Auen. Der Drehort wurde auf „Wende zum 20. Jahrhundert“ von Speed Hopkins und Carol Joffe zurechtgemacht, was einige sehr schöne Totalen ergibt. Die Kostüme (Santo Loquasto) sind schön, aber unspektakulär – genau passend zum Ton des Films und zur gezeigten Gesellschaft.

FAZIT:
Ein amüsantes Nichts, das sich im Grunde selbst genügt, dabei aber sehr gut und auf hohem Niveau unterhält.

DIE DEUTSCHE DVD:
Die DVD von MGM ist leider nicht das Gelbe vom Ei. Das Positive zuerst: Der Film ist in seiner englischen Originalfassung betrachtbar sowie in deutscher, französischer, italienischer und spanischer Synchro. Freundlicherweise gibt es diesmal auch deutsche Untertitel (für Hörgeschädigte) – anders als in einigen anderen alten Woody Allen-Filmen dieses Herausgebers, wo man ohne deutsche Untertitel auskommen muss.
Die Bildqualität lässt zu wünschen übrig: Das Bild ist leicht schwummerig und nicht wirklich scharf.
Und an Extras magelt es ebenfalls: Nur gerade der Trailer zum Film ist vorhanden.
Schade! Der Film hätte eine liebevollere Edition verdient!

VORHER-NACHHER:
Woody Allen drehte vor diesem Film Stardust Memories (1980), danach folgte sein Meisterwerk Zelig (1983).
Mia Farrows „Film davor“ war die Liebesschnulze Hurricane, entstanden 1979 unter der Regie von Jan Troell. In dem Film nach A Midsummernight’s Sex Comedy war sie nur zu hören, sie lieh ihre Stimme dem Last Unicorn  im 1982 entstandenen gleichnamigen Zeichentrickfilm von Jules Bass und Arthur Rankin Jr. (dt: Das letzte Einhorn). A Midsummernight’s Sex Comedy war Mia Farrows erster Film mit ihrem späteren Partner Woody Allen – der erste von insgesamt dreizehn.
José Ferrer war vor diesem Film in einer kleinen Rolle im 1981 gedrehten Horrorfilm Bloody Birthday (dt.: Angst) von Ed Hunt zu sehen. Danach trat er, ebenfalls 1982, in einer Hauptrolle in einem weiteren Horror-Streifen auf: Blood Tide (dt.: Das Monster aus der Tiefe) von Richard Jeffries. Ferrers berühmtesten Rollen waren Cyrano De Bergerac im gleichnamigen Film von Michael Gordon (1950) und Toulouse Lautrec in John Hustons Moulin Rouge (1952). José Ferrer führte in sieben Filmen selbst Regie.

 

Beau Brummel – Glück und Ende des englischen Casanova

BEAU BRUMMEL
USA 1924
Mit John Barrymore, Mary Astor, Willard Louis, Alec B. Francis, Carmel Myers u.a.
Drehbuch: Dorothy Farnum
Regie: Harry Beaumont
Studio: Warner Bros.
Deutschsprachige Kinoauswertung: nur in Österreich, dort lief der Film 1925 in den Kinos, unter dem ebenso pompösen wie irreführenden Titel Beau Brummel – Glück und Ende des englischen Casanova
Dauer: 125 min

Ein Film mit John Barrymore ist eigentlich immer ein Fest. Der Akteur, der als jugendlicher Liebhaber bekannt war und oft im selben Atemzug mit Rudolf Valentino genannt wurde, konnte mehr als nur schöne Frauen anschmachten. Viel mehr! Für mich ist er einer der grössten Filmschauspieler aller Zeiten. Dieser Stummfilm zeigt exemplarisch, was Barrymore so draufhatte.
Als George Bryan „Beau“ Brummel darf er sein schauspielerisches Spektrum so richtig ausbreiten. Es ist eine Freude, ihm dabei zuzusehen, wie er sich vom verzweifelten Liebhaber zur Karikatur des modebewussten Dandys wandelt, von dort zum verbitterten Alten, um zuletzt als irrer Greis zu verblüffen.
Schon die Vorlage, ein 1889 verfasstes Bühnenstück des amerikanischen Dramatikers Clyde Fitch, ist als schauspielerisches Schaustück angelegt. Fitch schrieb es dem damals in den USA gefeierten deutsch-britischen Akteur Richard Mansfield auf den Leib, der in der Rolle des affektierten Dandys Furore machte. Wie Barrymore glänzte auch Mansfield als Robert Louis Stevensons Dr. Jekyll And Mr. Hyde – allerdings im Theater. Zur Zeit der Dreharbeiten an diesem Film waren Mansfield und sein Brummel zumindest im Showbusiness noch immer ein Begriff. Einige der Kostüme, die im Film vorkommen, soll Mansfield in der Bühnenfassung getragen haben.

George Bryan Brummel war ein Emporkömmling niederer Herkunft. Im Film fasst er den Entschluss, sich über die Adeligen seiner Zeit zu erheben, weil ihm ein solcher durch eine arrangierte Ehe seine Geliebte wegschnappt. Dank seiner (erschlichenen) Freundschaft mit dem Prinzen of Wales, dem späteren König George IV., gelangt er mittels dreistem Gebahren und kluger Ränkeschmiede am Hof zu Ruhm und Einfluss. Sein Mode-Diktat gilt in der feinen gesellschaft als höchstes Gebot; Brummel schafft die Puder-Perücken ab, führt lange Hosen und die Kravatte ein. Dem pompösen Königsanwärter klopft er auf die Schulter und erlaubt sich ihm gegenüber einige Respektlosigkeiten.

Ungestraft – bis er eines Tages zu weit geht. Und da sieht eine fallengelassene Geliebte die Gelegenheit zur Rache an dem Beau: Zusammen mit anderen betrogenen Adligen bringt sie den Prince of Wales gegen den Dandy auf und leitet dessen tiefen Fall ein. Brummel wird als englischer Konsul nach Frankreich „starfversetzt“, wo er isoliert zunehmender Armut anheim fällt. Er stirbt schliesslich mittellos und in geistiger Umnachtung in einem Armenhaus.

Eine Paraderolle in der Tat! Doch nicht nur Barrymore glänzt, auch seine Mitstreiter spielen hervorragend, und sie sind hervorragend besetzt. Der heute vergessene Willard Louis als Prince of Wales könnte das Schauspieler-Vorbild Peter Ustinovs gewesen sein. In der Rolle des Prince of Wales erinnert er – so paradox das klingt –  an den späteren Star, der zudem in der Neuverfilmung des Stoffes 1954 tatsächlich die Rolle des Prinz of Wales besetzte. Auch kleine Nebenrollen, Brummels Diener, oder dessen adelige Entourage sind glänzend besetzt und prägen sich dank ihrer prägnanten Physiognomien beim Zuschauer ein.

Und dann die Regie: Formal wenig spektakulär, doch in Konzept und Ausstattung grandios. Mit dicker Schminke und lächerlichen Accessoirs nimmt Harry Beaumont Fellini vorweg. Er zeigt den höfischen Adel als eine Bande eitler, äffischer, bisweilen hässlicher Popanzen, deren einzige Themen die neuste Mode und ihre Vorreiter darstellen. Beaumont lässt die Akteure hier bewusst übertreiben, ohne allzu heftiges Chargieren zuzulassen. Barrymore ist in diesen Sequenzen von einer wahrhaft grandiosen Lächerlichkeit – erhaben und zugleich aufs Höchste affektiert. Ein schauspielerisches Meisterstück, das ihm so schnell keiner nachmacht!
So ist dieser Beau Brummel in erster Linie ein Fest der Schauspielkunst und der Karikatur – filmisch kein grosses Werk, doch eins, das dank seinem Hauptdarsteller in bester Erinnerung bleiben wird.
9/10

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Vorher-nachher:
Regisseur Harry Beaumont drehte vor Beau Brummel die Komödie Don’t Doubt Your Husband (1924) und nachher Babbitt (1924, nach Sinclair Lewis) mit Willard Louis in der Hauptrolle. Seine Regiearbeiten sind heute weitgehend unbekannt.
John Barrymore stand zu jener Zeit hauptsächlich auf der Bühne; der Film, den er vor Beau Brummel drehte, war Sherlock Holmes (1922). Seine nächste Filmrolle hatte er im Folgejahr: Er war ganz kurz in Fred Niblos Ben Hur zu sehen – als Zuschauer beim Wagenrennen. Sein berühmtester Film war wohl Grand Hotel (dt.: Menschen im Hotel, Regie: Edmund Goulding), wo er an der Seite von Greta Garbo auftrat, und die Howard Hawks-Komödie Twentieth Century (dt.: Napoleon vom Broadway), den er an der Seite von Carole Lombard drehte.
Mary Astor spielte im selben Jahr in nicht weniger als sechs Filmen die weibliche Hauptrolle – mit erst siebzehn Jahren. Vor Beau Brummel war sie in The Fighting Coward (Regie: James Cruze) an der Seite von Ernest Torrence und Noah Beery zu sehen, danach in The Fighting American (Regie: Tom Forman) an der Seite von Pat O’Brien. Ihre bekanntesten Filme sind The Maltese Falcon, wo sie 1941 an Bogarts Seite die weibliche Hauptrolle spielte (dt.: Der Malteser Falke; Regie: John Huston), und an der Seite von Bette Davis und Olivia DeHavilland in Hush, Hush, Sweet Charlotte (dt.: Wiegenlied für eine Leiche; Regie: Robert Aldrich; 1964).
Willard Louis, Schauspieler und Regisseur, verstarb bereits 1926, im Alter von 44 Jahren an Typhus – das erklärt seinen geringen Bekanntheitsgrad. 1924 war er in elf Filmen zu sehen; vor Beau Brummel im bereits erwähnten Don’t Doubt Your Husband (Regie: Harry Beaumont), danach in Broadway After Dark (Regie: Monta Bell).
Dorothy Farnum hörte 1934 mit dem Verfassen von Drehbüchern auf. 1924 abeitete sie an nicht weniger als acht Filmen mit. Vor Beau Brummel schrieb sie die Story zur Bebe Daniels-Komödie Daring Youth (Regie: William Beaudine), danach drehte Harry Beaumont nach ihrem Drehbuch Babitt. Der bekannteste Film aus ihrer Feder dürfte Bardelys the Magnificant mit John Gilbert sein.