Die Katze auf dem heissen Blechdach – 1958

Wie bereits angekündigt, habe ich das Konzept meines Filmblogs erneut geändert; ich gehe damit auf das Nutzerverhalten meiner LeserInnen ein und lasse mangels Interesse den Blick in Nachbarblogs und die Rubrik „Augenfutter“ weg. Zudem gibt es nur noch eine grosse Filmbesprechung pro Mal – im Wechsel immer ein Klassiker und ein kaum bekannter älterer Film, den zu entdecken sich lohnen täte. Mit diesen Änderungen wird auch die Bezeichnung „Movie-Magazin“ hinfällig – ein Schritt zurück also, zum leicht angepassten alten Konzept.
Zudem habe ich mir die Frage gestellt, was ich mit meinen Filmtexten eigentlich erreichen will. Die Leute belehren? (Wer will denn schon belehrt werden?) Meine Sicht der Dinge darlegen? (Wen interessiert die schon?) Im Grunde geht es mir darum, Lust auf Filme zu wecken, zum Schauen zu animieren, den Wert auch älterer Filme aufzuzeigen und zu anzuregen, sich damit zu befassen. Diese Erkenntnis hat natürlich auch Auswirkungen auf mein Schreiben. Man wundere sich also nicht, wenn meine Texte ab sofort weniger klugscheisserisch daherkommen. (Falls sie es doch tun, kann ich möglicherweise einfach nicht anders!) Wer hier liest, soll Anregungen erhalten, keine filmhistorischen Abhandlungen und Hintergrundberichte. Schliesslich bin ich kein Filmspezialist, nur ein interessierter Laie.

HEUTE: EIN KLASSIKER
CAT ON A HOT TIN ROOF
USA 1958
Mit Paul Newman, Elisabeth Taylor, Burl Ives, Jack Carson, Judith Anderson u.a.
Drehbuch: Richard Brooks und James Poe nach dem gleichnamigen Bühnenstück von Tennessee Williams
Regie: Richard Brooks
Studio: MGM
Dauer: 108 min
Der Film kam 1959 auch in die deutschen Kinos – unter dem Titel Die Katze auf dem heissen Blechdach. In der DDR wurde er erst 1977 erstmals gezeigt – im Fernsehen.

Vorspann:
In einer Villa irgendwo im Süden der USA treffen sich die Mitglieder der Familie Pullitt, um den Geburtstag des Patriarchen „Big Daddy“ zu feiern. Dieser kehrt gerade strahlend von einer grösseren Untersuchung seines Gesundheitszustandes zurück: Doch kein Krebs, sagt der Doktor. Derweil die Gattin und Kinderschar des älteren Pullitt-Spross Gooper lärmend eine wahre Bühnenshow zu Ehren des Geburtstagskindes einstudieren, umschleichen sich Brick, der zweite Sohn „Big Daddys“ und seine kinderlose Gattin Maggie „the Cat“. Sie versucht ihren kalten, inaktiven und wegen eines in Suff praktizierten Beinbruchs an Krücken gebundenen Gatten zu verführen, doch der will nichts von ihr wissen; er verabscheut sie, ohne sie über den Grund zu informieren. Bricks Ekel – den er auch den anderen Familienmitgliedern gegenüber hegt – wird gespiegelt von der Abneigung, die „Big Daddys“ seiner ganzen Bande entgegenbringt.
Das Fest beginnt; Goopers Angehörige überspannen den Bogen bezüglich Einschleimen, die Emotionen kochen hoch, es kommt zu einer ersten Aussprache zwischen Maggie und Brick – und als „Big Daddy“, der „Übervater“ endlich erfährt, was längst alle wissen, nämlich dass ihn sein Arzt belogen hat und er nur noch kurze Zeit zu leben hat, da gibt es kein Halten mehr: Schonungslos gehen die Protagonisten aufeinander los, tobend, brüllend, weinend, trotzen sie sich Geständnisse ab. Die ganzen verdrängten Emotionen brechen hervor, das Kartenhaus der heilen Familie, gebaut aus Lügen und Verachtung, bricht zusammen. Die Katharsis ermöglicht einen neuen Anfang.

Der Film:
Wie William Wylers Film The Little Foxes, den ich letzte Woche besprochen hatte, handelt auch dieses Kinowerk von einer desolaten Südstaatenfamilie und beruht auf einem Theaterstück. Im Gegensatz zu Lillian Hellman, der Autorin von The Little Foxes, ist Tennessee Williams noch heute ein fester Begriff; er war einer der grössten und einflussreichsten Dramatiker Amerikas. Im letzwöchig besprochenen Film strich ich Hellmans Theatervorlage als schwächsten Beitrag zum Ganzen heraus. Bei Cat on A Hot Tin Roof ist das Gegenteil der Fall. Das Stück ist derart stark, dass wohl auch weniger talentierte Leute einen guten Film hätten daraus machen können!
Hier war aber mit Richard Brooks einer der talentiertesten und eigenwilligsten Regisseure des damaligen Hollywood am Werk – er schrieb (zusammen mit James Poe) auch die Adaption des Stücks, welche grosse Dialogstrecken intakt liess und vornehmlich filmspezifisch örtliche Anpassungen vornahm – mit Ausnahmen, auf die ich noch zu sprechen komme und die sich nicht zum Vorteil des Ganzen auswirkten.

Auch die Schauspielerinnen und Schauspieler sind ausnahmslos erste Sahne. Wenn ich also behaupte, das Stück sei der stärkste Beitrag zum Ganzen, muss ich fairerweise anfügen „ganz dicht gefolgt von der Besetzung, der Regie und dem ganzen Rest“.

Brooks‘ Film erhielt sieben Oscar-Nominationen – unter anderem für Paul Newman, Liz Taylor und Burl Ives, zwei für Richard Brooks (Regie und Drehbuchadaption), William Daniels (Kamera) und einen in der Sparte „bester Film“. Er gewann keinen einzigen – aber das will ja nichts heissen (der grosse Gewinner der damaligen Oscar-Night war Vincente Minellis Musical Gigi). Immerhin wurde der Film in die Top Ten-Liste 1958 des „National Board of Reviews“ aufgenommen; zudem ist das Stück dekoriert worden – mit dem Pulitzer-Preis.
Punkto Publikumsgunst schnitt die Filmversion von Cat on A Hot Tin Roof hervorragend ab, wohl auch dank dem Umstand, dass Williams‘ skandalumwittertes Stück noch relativ frisch war – die Premiere lag nur drei Jahre zurück – und nun war man auf die filmische Umsetzung neugierig. Paul Newman wurde damit zum Star, Liz Tylor konnte ihre Popularität festigen, und Richard Brooks etablierte sich nach Blackboard Jungle (dt.: Die Saat der Gewalt, 1955) mit diesem Film endgültig als ernst zu nehmende kreative Kraft im US-Filmbusiness.

Was macht denn nun die Qualität des Stücks aus, was die Qualität der filmischen Umsetzung?
Zunächst zum Stück / Drehbuch: Williams baut eine desolate, auf Lügen basierende Familienkonstellation auf, die mittels prägnanter, treffsicherer Dialogen offengelegt, durchgekaut und schliesslich mittels mehrerer Eklats aufgelöst wird. Das Stück ist hervorragend durchdacht und solide konstruiert, und es bietet Schauspielern die Gelegenheit, zu zeigen, was sie können – fast jede Figur hat eine grosse Szene.
Der Film stellt die Dysfunktionalität der Familie von Beginn weg klar, noch bevor ein Wort gesprochen wurde, und zwar mittels der dissonaten, von Schwägerin Mae angeführten  Kinderband, die sich marschierend zum rechten Bildrand bewegt. Die Misstöne sind präsent, bevor überhaupt alle Familienmitglieder erschienen sind. Während Mae mit der Band aus dem Bild marschiert, fährt Maggie in der genau entgegengesetzten Richtung ins Bild hinein. Die beiden Gegenbewegungen weisen auf den innerfamiliäre Konflikt hin.
Es liessen sich noch viele ähnliche inszenatorische Feinheiten anführen, sie kommentieren, nehmen Späteres vorweg, unterstreichen Gesprochenes auf der Bildebene. In dieser Verfilmung stimmt praktisch alles, vom dezenten Einsatz der Musik über die Ausstattung und Kostüme bis zur Wahl der Schauspieler.
Es gibt nur eine Irritation, eine kleine Unstimmigkeit, die auf einer Auslassung basiert. Die Drehbuchautoren waren gezwungen, die Anspielungen an Bricks Homosexualität aus dem Skript zu verbannen. Und da fehlt nun ein wichtiger Part in Bricks und Maggies Aufarbeitung der Geschichte Skippers, des grossen Abwesenden und dessen Selbstmordes, der die Beziehung der beiden derart beherrscht. Wie Brick von seinem damals besten Freund und seiner Beziehung zu ihm erzählt, taucht der Gedanke an Homosexualität zwar auf, aber man reagiert als heutiger Zuschauer eher verunsichert, weil man sich fragt, ob dieses Thema in den USA der späten Fünfzigerjahre wirklich im Bereich des Möglichen lag. Auf der Bühne ja, aber nicht bei MGM. Möglicherweise erkannte das damalige Publikum die Anspielungen viel klarer als wir, die wir in diesem Bereich bereits Abstumpfungserscheinungen aufweisen.

Was macht den Film denn nun zum Klassiker? Sicher seine durchwegs hohe Qualität in allen Bereichen und die Zeitlosigkeit seines Themas, das menschliche Zusammenleben und die Spuren, welches dies im Einzelnen hinterlässt, und wie diese wiederum auf das Gefüge einwirken. Die dramaturgische Form des „gegenseitigen Auskotzens“, deren sich Tennessee Williams bediente, hat bis heute keinen Staub angesetzt. Die Idee, dass nur durch schonungslosen Dialog und offenlegen eigener Emotionen die Wahrheiten ans Licht kommen und so alles wieder an den rechten Platz gerückt werden kann, kommt aus der Psychologie, und Tennessee Williams hat dafür die ideale dramaturgische Form gefunden. Seine Stücke wirken wie Muster-Sitzungen beim Psychiater; Cat on A Hot Tin Roof jedenfalls ist bis heute ein Vorbild dafür, wie mit konstruktiv Konflikten umgegangen werden kann. Die fantastische Verfilmung von Richard Brooks führt uns Heutigen das über die Jahrzehnte hinweg eindrücklich vor Augen.

Abspann:
Der Film wurde ein beachtlicher Publikumserfolg, was Richard Brooks Karriere sehr förderlich war. Es gibt ihn im deutschsprachigen Raum schon länger auf DVD – am letzten Donnerstag ist er auch auf Blu-ray erschienen (Warner Home Video).

Vorschau:
Was haben eigentlich Norman Panama und Melvin Frank ausser dem zeitlosen Hit The Court Jester (dt.: Der Hofnarr, USA 1955) sonst noch für Filme gedreht? Die meisten davon sind heute vergessen; im nächsten Beitrag stelle ich einen vor: Callaway Went Thataway (dt.: Der Cowboy, den es zweimal gab; USA 1951)

 

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3 Kommentare

  1. Ich habe Deine Texte nie als klugscheißerisch oder belehrend empfunden, von daher würde ich mir wünschen, dass sich an Deinem Stil nicht zu viel verändert. Mach doch einfach das was Du für richtig hälst und orientier Dich nicht so an angeblichen Publikumswünschen. Ich fand das Konzept der letzten Ausgaben gut, fand es nur schade dass der Blick auf andere Blogs früh wegfiel und habe sehr interessiert die Kurzkommentare zu neueren Filmen verfolgt. Konzipier und schreib wie Du es magst. Ein (Stamm-)Publikum ergibt sich auf kurz oder lang immer. Fühl Dich wohl mit Deinem Blog. Das ist doch das wichtigste.

  2. Und Deine Sicht der Dinge interessiert mich schon. Dieser subjektive Blick ist es doch was einen persönlichen Filmblog ausmacht und der sich von der glattgebügelten, formelhaften und gerne überheblichen „professionellen“ Filmrezension abhebt.

    1. Danke, Schlombie! Keine Angst, meine Schreibe wird nicht anders – wie ich beim Verfassen der neusten Rezi gemerkt habe. Meinen subjektiven Blick werde ich Euch weiterhin mitteilen – ich kann einfach nicht anders… 😉
      Und die Kurzkommentare werden bleiben, keine Angst. Ich habe sie für den nächsten Beitrag aufgehoben, da dort die Hauptfilmbesprechung etwas kürzer werden wird.

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