Deborah Kerr

Die Thronfolgerin- Young Bess, 1953

gabelingeber gräbt diese Woche einen sehenswerten, aber vergessenen Hollywood-Ausflug ins britische Königreich aus. Neben den üblichen „Filmschnipseln“ gibt es einen Gedankensplitter zum Thema „Kinokultur anderswo“. Viel Spass bei der Lektüre!

YOUNG BESS
USA 1953
Mit Jean Simmons, Stewart Granger, Deborah Kerr, Charles Laughton, Kay Walsh, Guy Rolfe u.a.
Drehbuch: Jan Lustig und Arthur Wimperis nach dem gleichnamigen Roman von Margaret Irwin
Regie: George Sidney
Der Film lief 1954 auch im deutschsprachigen Raum in den Kinos – unter dem Titel Die Thronfolgerin.

1953 blickte die Welt nach England – genauer: ins englische Königshaus. Damals wurde Elisabeth II zur Queen gekrönt – ein Ereignis, das schon Jahre voraus hohe Wellen warf. Hollywood sprang dankbar auf den „Royalty-Zug“ auf und verfilmte das Leben der jungen Queen Elisabeth I, Tocher Heinrichs des Achten und Anna Boleyn. Young Bess deckt die Zeitspanne von ihrer Geburt bis zum Moment ihrer Krönung ab.

Young Bess ist also ganz ein Kind seiner Zeit; heute gehört er zu den vergessenen Filmen MGM-Studios. Und trotzdem vermag er, 64 Jahre nach seiner Entstehung, noch immer zu packen und zu faszinieren.
Obwohl ihm keine besondere filmhistorische Bedeutung zukommt und er keine Botschaft transportiert, vermag er glänzend zu unterhalten. Sein Grundthema – die Liebe eines Mannes für zwei Frauen – gehört zudem seit der Erfindung des Kinos bis heute zu den Dauerbrennern der Traumfabrik.

Young Bess versammelt die damalige „Crème de la crème“ der britischen Schauspielergilde: Jean Simmons, Deborah Kerr und Charles Laughton führen ein Ensemble an, das bis in die hinterste Nebenrolle mit hervorragenden englischen Mimen besetzt ist. Stewart Granger ist der einzige, dem man das Attribut „gross“ absprechen könnte. Der gebürtige Brite hält mit dem Rest der Truppe allerdings überraschend gut mit! Der Mann war gar nicht so schlecht, wie ihm immer nachgesagt wird!
Der einzige Nicht-Brite im Film ist der damals elfjährige Rex Thompson, der den Part des kindlichen König Edward inne hat; der Kleine stellt den Rest der Crew fast in den Schatten: Sein britischer Akzent wirkt nicht nur täuschend echt, er schafft es sogar, seiner Sprachfärbung jene pompöse Umständlichkeit zu verleihen, die man vom einem Mitglied des Königshauses erwartet. Ich vermute, Charles Laughton hat ihm Schauspiel-Tipps gegeben, denn der Kleine agiert bisweilen wie eine Miniausgabe des großen Briten (der im Film dessen Vater spielt).
Jean Simmons ist schlichtweg brillant in der Titelrolle. Sie spielt den Part mit solcher Lebendigkeit, dass die Leinwand, bzw., der Bildschirm schier in Flammen steht. In ihrer großen Szene mit Laughton, wo sie sich dem König-Vater widersetzt, sprengen die beiden Vollblut-Mimen fast die Leinwand.

Dem Drehbuch wird zwar Geschichtsverfälschung vorgeworfen, doch sind Kritiker fast einhellig der Meinung, dass Jan Lustig und Arthur Wimperis derart gute Arbeit abgeliefert haben, dass man dies verzeihen könne. Ihre Dramatisierung des historischen Stoffes geht erzählerisch geschickt vor und reichert die Geschichte mit interessanten Nebenfiguren und geschickt eingeflochtenen Episoden zu einem schlüssigen Ganzen. Und Regie-Allrounder George Sydney („Sow Boat“, „Kiss Me, Kate“) bringt das alles mit sicherer Hand und Sinn für räumliche Wirkung zum Leben. Young Bess ist die beste Regieleistung, die ich von ihm bisher gesehen habe. Unterstützt wird er vom damals bei MGM omnipräsenten Cederic Gibbons, der für die grandiosen Bauten zuständig war und von Walter Plunkett, der die herrlichen Kostüme entworfen hat.

Das Ganze ist, in herrlichstem Technicolor, heute noch so lebendig wie damals, als Royalty Trumpf war.
In der Reihe „Warner Archive Collection“ ist Young Bess als „DVD on demand“ (DVD-R) in den USA erschienen (Kaufmöglichkeit siehe unten).

9 von 10

=> Die oben erwähnte DVD der Warner Archive Collection kann hier gekauft werden (Link führt zu meinem eBay-Angebot). Verkauft!

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Filmschnipsel:


SHAUN, DAS SCHAF – DER FILM
(OT: Shaun the Sheep Movie)
GB 2015
Drehbuch und Regie: Mark Burton und Richard Starzak
Eigentlich wollte ich in diesen Film nur mal kurz ‘reingucken. Aus Nostalgie, denn früher fand ich die Aardman-Filme («Wallace & Gromit») ganz toll. Ich erwartete nichts, denn Shaun, das Schaf ist doch eine Kinderserie, oder?
Der Film hatte mich im Nu erobert. Ich blieb hängen. Und nicht nur das: Nach und nach kamen weitere Familienmitglieder (mein erwachsener Sohn und meine Frau) herein – und verliessen den Filmraum bis zum Schluss nicht mehr.
Ein glänzender Animationsfilm! Dass Aardman in der Zeit der überbordenden, alles verschlingenden Computeranimation noch immer abendfüllende Plastilin-Filme macht, wusste ich gar nicht. Auf jeden Fall setzen sie hier ein brilliantes Gegengewicht. Shaun das Schaf – Der Film lebt von dem, was Aardmans Filme immer ausgemacht hat: Von unglaublich skurrilen, schrägen Einfällen, typisch britischem Understatement und liebevoller Handarbeit. Und von wegen «Kinderfilm»!
Die Schafe rund um Shaun langweilen sich, der Bauer langweilt sich, sogar die Spinne im Dachgebälk langweilt sich: Täglich der gleiche öde Trott. Die Schafe beschliessen, daraus auszubrechen und sich mal im Haus des Farmers eine Auszeit zu gönnen. Zu diesem Zweck wollen sie den «Herr und Meister» ausser Hauses locken. Diese Aktion aber geht schief und löst eine unglaubliche Verkettung von Unglücksfällen aus, an deren Ende alle in der Grossstadt landen, der Bauer sein Gedächtnis verliert und die Schafe vor einem rabiaten Tierfänger flüchten müssen.
Der verrückte Plot ist mit so vielen brillianten Einfällen und Gags aufgepeppt, dass es ein Fest ist. Unterhaltung vom Besten (obwohl kein Wort gesprochen wird)! Sehr zu empfehlen!
9 / 10


HIDDEN FIGURES

Mit Taraji P. Henson, Octavia Spencer, Janelle Monáe, Kevin Costner, Jim Parsons, Kirsten Dunst u.a.
Drehbuch: Allison Schroeder und Theodore Melfi
Regie: Theodore Melfi
Filme «Nach einer wahren Begebenheit» sind seltsamerweise oft unglaubwürdig. Weil die Tatsachen oft gestaucht und verkürzt werden, damit sie in die normale Kinolänge passen. Das ist auch hier der Fall. Die vier genialen «coloured Ladies», die zwar der NASA die Raumfahrt ermöglichten, deren Namen aber nie an die Oeffentlichkeit gelangten, werden von diesem Film zu Papiertigern gemacht. Hidden Figures wirkt wie eine filmische Pflichtübung, zu der niemand wirklich Lust hatte – ausser vielleicht die drei hervorragenden Hauptdarstellerinnen. Ohne ihr spürbares Engagement würde das Publikum in Langeweile versinken.
Weder ist beim Drehbuch irgendeine Inspiriertheit auszumachen, noch fällt Theodore Melfis Regie (St. Vincent) durch besonderes Inszenierungstalent auf.
Der Film zieht sich betulich bis zäh dahin, was daran liegt, dass die Heldinnen vom Drehbuch nicht mit genügend Fleisch ausgestattet wurden.
6 / 10

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Gedankensplitter

Kino anderswo
Für schweizerische Filmfreaks gilt Deutschland nach wie vor als cinematografisches Entwicklungsland: Dort kommen die Filme nur in der deutschen Synchronfassung in die Kinos. Ein barabarischer Zustand! Wenn die deutschen Kollegen dann gar anfangen, die Synchronfassungen nach ihrer Güte zu bewerten und sie zu verteidigen, wird’s für die Schweizer vollends unverständlich. (Am Rand sei bemerkt, dass die Kinos, welche untertitelte Originalfassungen spielen, in der Schweiz inzwischen immer weniger werden.)
Handkehrum reagieren deutsche Kinofreunde fassungslos, wenn ihnen in der Schweiz mitten in einer dramaturgisch sensibeln Stelle des Films das Pausensignet aufs Cineastenauge gedrückt wird und darauf eine Eisverkäuferin mit Bauchladen den Saal betritt. Die Schweizer müssen grad‘ was sagen von wegen Barbarei!

Andere Länder, andere Sitten. Endlos sind die Streitgespräche über die Ethik der Filmsynchronisation oder der Pausenunterbrechung. Wer damit gross geworden ist, stösst sich lustigerweise weniger an einem „no-go“ als die anderen. Fazit: Man gewöhnt sich an jede Unsitte, man muss nur früh genug damit anfangen!

Natürlich gibt es immer auch noch krassere Beispiele, anhand deren man das eigene Weltbild wieder einigermassen geraderücken kann. In Honkong zum Besispiel werden die Filme jeweils mit drei Sets Untertiteln gezeigt: Mandarin, Kantonesisch und Englisch. Die chinesischen Schriftzeichen verdecken die Hälfte des Filmbildes. (Jedenfalls war das noch zur Zeit der britischen Regierung so; heute sind die englischen Untertitel ja möglicherweise verschwunden…)
Und im Fernsehen wird ein Film dauernd von irgendwelchen barbarischen Marktschreiern unterbrochen.
Seien wir also froh um unsere Kinokultur und geniessen sie – solange man sie uns noch geniessen lässt!

 

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Die Reise (1959)

THE JOURNEY
USA 1959
Mit Yul Brynner, Deborah Kerr, Jason Robards, Robert Morley, E.G. Marshall, Kurt Kasznar, Anouk Aimee, Gérard Oury, Siegfried Schürenberg, Maria Urban, Ron Howard, u.a.
Drehbuch: Georg Tabori
Regie: Anatole Litvak
Studio: Alby Pictures / MGM
Der Film kam im deutschsprachigen Raum 1959 unter dem Titel Die Reise in die Kinos.
Dauer: 126 min

Vorspann:
Eine Gruppe bunt durcheinandergewürfelter Individuen verschiedener Nationen reist aus Budapest aus und will die oesterreichische Grenze erreichen. Zunächst weiss niemand, dass unter ihnen ein lebensgefährlich verletzter ungarischer Aufständischer mitreist – ausser der englischen Lady Ashmore, die ihn – ihren Geliebten – aus dem sovjetischen Gebiet herausschmuggeln will. Nahe der ungarischen Grenze wird das Grüppchen durch den sovjetischen Grenzschutzmajor Surov angehalten – und festgehalten. In einem nervenaufreibenden, Tage dauernden Prozess kontrolliert der argwöhnische Major sämtliche Reisenden – er ahnt, dass sie etwas zu verbergen haben.

Der Film:
Ein Film, der fast bis zur letzten Nebenrolle mit klingende Namen besetzt ist. Yul Brynner in seiner wohl besten Rolle. Ein fürs damalige Hollywood ungewöhnlich direkt angesprochene, brisante Thematik. Eine Inszenierung, welche ihrer Zeit voraus war.
Und doch ist The Journey heute völlig vergessen. Woran das liegt, kann man nur vermuten. Vielleicht war der Ungarnaufstand, der dem Film seinen Rahmen gibt, zu fern von Hollywood. Vielleicht liegt es an den paar Unglaubwürdigkeiten im Handlungsverlauf. Oder an der bisweilen etwas holprigen Dramaturgie.
Die Stärken wiegen die wenigen „Aussetzer“ aber allemal auf, wie ich finde.

Wo beginnen?
Bei der Inszenierung. Anatole Litvak war selbst Ungar. In den Zwanzigerjahren floh er aus Russland nach Deutschland und kam von dort – erneut auf der Flucht, diesmal vor Hitler – nach Hollywood. Als er sich an The Journey machte, bestand er darauf, an authentischen Schauplätzen zu drehen – an der oesterreich-ungarischen Grenze – und die Rollen der Ungarn mit echten Landsleuten zu besetzen. Auch die Russen werden von Russen gespielt, und es gibt Sequenzen im Film, in denen nur russisch oder ungarisch gesprochen wird – kein pseudo-fremdländisches Kauderwelsch-Englisch wie es im damaligen US-Kino üblich war.
Der Film, der noch heute mit seinem authentischen Look verblüfft, entstand zu einer Zeit, in der Hollywood u.a. in Cinecittà exotische Schauplätze mit aufwändigen Studiokulissen künstlich herstellte. Litvaks Herangehensweise mit seinem Authentizitätsanspruch setzte sich im amerikanischen Film erst rund zehn Jahre später durch. Darüberhinaus ist die Regieführung stets effektiv, funktional, auf die Handlungsentwicklung und die Charaktere fokussiert. Die gesamte Schauspielercrew liefert unter Litvaks Anleitung Bestleistungen, allen voran Yul Brynner, dessen Major Surov unter die Haut geht. Von allen „Russkis“ des damaligen Hollywood ist Surov der wohl echteste weil vielschichtigste.

Viele Kritiker übersehen, dass im Zentrum des Geschehens nicht die Romanze mit Deborah Kerr steht – die im übrigen gar keine ist, da Kerrs Figur den ungarischen Widerstandskämpfer liebt – sondern das tragische Portrait eines Mannes, der im Sovjetregime Karriere gemacht hat und plötzlich feststellt, dass er in eine Sackgasse geraten ist – sowohl menschlich als auch moralisch – und dass er in einem goldenen Käfig sitzt. Die „Romanze“ mit der Kerr – eine Art Echo aus dem gemeinsamen Vorgängerfilm The King and I – ist vor diesem Hintergrund als verezweifelter Ausbruchsversuch des roten Majors zu verstehen. Brynner füllt die Rolle mit ungebremster, leinwandsprengender Energie – und lässt doch Raum für subtile, tragische Zwischentöne.

Auch das Drehbuch stammt von einem Ungarn: Von Georg Tabori (eigentlich Tabóri György), der nach einer Flucht vor den Nazis zwanzig Jahre lang in den USA lebte, bevor es ihn wieder in den Westen zog. Major Surovs Entwurzelung gleicht jener des Kosmopoliten Taboris. Der Russe Surov, so wird zumindest angedeutet, wurde gegen seinen Willen vom Sovjet-Regime ins besetzte Ungarn versetzt, wo er, als Fremder unter Fremden, als dessen Sprachrohr zu funktionieren hat. Damit bekommt der Kommunismus ein menschliches Gesicht – und das scheint mir für das Hollywood der späten Fünfzigerjahre einzigartig zu sein (Irrtum vorbehalten). Die UdSSR wurde damals vorzugsweise als Reich des Bösen dargestellt, seine Funktionäre als teuflische Intriganten.
Heute zeigen sich Rezensenten über den Ungarn-Fokus des Films erstaunt; dabei übersehen die meisten, dass das zentrale Anliegen von The Journey ist, dem Kommunismus ein Gesicht zu geben. Versteht man den Film so, dann funktioniert er hervorragend. Und Yul Brynner wird zum menschlichen Botschafter aus dem „Reich der roten Teufel“.

Das Drehbuch holpert an manchen Stellen ein wenig, nicht alles erscheint ganz logisch, doch aufgrund der überzeugenden Figurenzeichnung verzeiht man ihm das. Nicht nur Major Surov, auch der Rest des Personals ist interessant gezeichnet und lebendig geschrieben. Verkörpert werden sie allesamt von erstklassigen Darstellern, allen voran Robert Morley, Jason Robards (in seiner ersten Filmrolle, in den Credits als „Jason Robards, jr“ eingeführt), Deborah Kerr und Kurt Krasznar. Neben Jason Robards hat auch der heutige Regisseur und damalige Kinderdarsteller Ron Howard einen seiner ersten Filmauftritte (seinen zweiten, genau genommen).

Produziert wurde The Journey von Alby Pictures.  „Alby“ ist ein Kürzel für „Anatole Litvak“ und „Brynner Yul“. The Journey blieb ihr einziger Film.

Nachspann:
Yul Brynners nächster Film war das von Martin Ritt inszenierte und ebenfalls 1959 herausgebrachte Gesellschaftsdrama The Sound and the Fury. Unter dem Titel Fluch des Südens erschien er damals auch in westdeutschen Kinos. Vor The Journey war Brynner als Buccaneer in dem von Anthony Quinn inszenierten gleichnamigen „Swashbuckler“ zu sehen – bei uns als König der Freibeuter bekannt.
Deborah Kerr war nach dem hier besprochenen Film in Jean Negulescos lauen Komödie Count your Blessings (dt.: Französische Betten) von 1959 zu sehen, neben Maurice Chevallier und Rossano Brazzi. Vor The Journey trat sie neben Burt Lancaster, Rita Hayworth und David Niven in Delbert Manns grandiosem, 1958 fertiggestelltem Drama Seperate Tables (dt.: Getrennt von Tisch und Bett) auf.
Anatole Litvak nächste Regiearbeit kam 1961 heraus, hiess Goodbye Again (dt.: Lieben Sie Brahms?) und vereinigte Ingrid Bergman, Yves Montand und Anthony Perkins. Zuvor drehte er, ebenfalls mit Yul Brynner und Ingrid Bergman das Kostümdrama Anastasia (1956).
Georg Tabori schrieb vor The Journey zwei Drehbücher für zwei Episoden unterschiedlicher Fernsehserien. Für den Film schrieb er 1953 zusammen mit William Archibald Hitchcocks I Confess (dt.: Ich beichte), nach The Journey kam wieder eine Episode einer TV-Serie, und dann der Fernsehfilm The Emperors Clothes, inszeniert 1961 von Boris Sagal. Tabori inszenierte in den Achzigerjahren einige Theaterklassiker fürs deutsche Fernsehen, Warten auf Godot etwa, oder Shakespeares Othello.

The Journey ist ein nicht nur vom historischen Standpunkt höchst interessanter Film, der durchaus eine deutsche DVD- oder Blu-ray-Veröffentlichung verdient hätte. Hierzulande war er nicht mal auf VHS erhältlich, im TV wurde er ebenfalls ewig nicht mehr gezeigt.
In den USA erschien er als “DVD on demand” innerhalb der Reihe Warner Archive Collection.

 

Der klassische Film, anderswo gebloggt
Da ich mich ganz dem klassichen US-Kino (Stummfilmzeit bis ca. 1969) verschrieben habe – Ausflüge in europäische Filmländer nicht ausgeschlossen – und wegen Zeitmangels nie alles besprechen kann, was es auf diesem Gebiet an Interessantem zu besprechen gibt, starte ich hiermit eine Sparte, in der ich auf besonders gelungene Beiträge zum Thema aus anderen Blogs hinweise. Diese Woche auf
Michael (Carl Theodor Dreyer, 1924), einen Stummfilm des Dänen Carl Theodor Dreyer, dem Cameron von Drei Cinéasten eine ausführliche und erhellende Analyse widmet, die so richtig Lust auf das Werk macht.
The Jungle Book (Wolfang Reitherman / Walt Disney, 1967) lässt Marco von Duoscope aus aktuellem Anlass (die Neuverfilmung) mit reichhaltigem Hintergrundwissen und äusserst lesenswert wiederaufleben.

Schwarze Narzisse

BLACK NARCISSUS
England 1947
Regie: Michael Powell & Emeric Pressburger
Darsteller: Deborah Kerr, Kathleen Byron, Sabu, David Farrar, Flora Robson, Jean Simmons, u.a.
Drehbuch: Michael Powell & Emeric Pressburger
Deutschsprachige Kino-Auswertung 1948 unter dem Titel Schwarze Narzisse
Dauer: 101 min

INHALT:
Fünf Nonnen werden von ihrem Orden in den Himalaya geschickt, um dort in einem alten Palast eine Schule und ein Spital zu eröffen. Die junge Schwester Clodagh (Kerr) wird mit der Leitung betraut. Der Palast entpuppt sich als ehemaliger Konkubinen-Wohnsitz eines früheren Herrschers. Die erotischen Wandmalereien, die Verwunschenheit des Ortes, der permanente Wind, die Exotik des Landes und der Dorfbewohner und deren Lebenssicht setzten den Nonnen zu und rütteln heftig an ihrem streng christlichen Glaubensgefüge. Die Anwesenheit eines jungen englischen Verwalters erschweren die Umstände für mindestens eine von ihnen – sie verliebt sich in Mr. Dean, den Verwalter – eine Liebe jedoch, die im Wahn enden muss.

DER FILM:
Das klingt nun alles etwas schwülstig, und aus diesem Grund ich hatte lange die grössten Vorbehalte dem Film gegenüber.
Glücklicherweise gehört Black Narcissus aber zu jenen seltenen Werken, die künstlerisch derart grandios konzipiert und ausgeführt sind, dass der Inhalt nur noch eine sekundäre Rolle spielt. Genau wie in Murnaus Sunrise ist in Black Narcissus das Konzept alles. Es ist ein Film, der durch den künstlerischen Willen und die Vision des Regisseurs lebt, ganz unabhängig von seinem Inhalt. Was den Film gross macht, sind die Bilder, die Visionen, durch welche sich die Figuren bewegen und welche die Figuren und ihre innere Welt spiegeln. Es entsteht eine überirdische Stimmung, die ganz und gar künstlich erzeugt wird und dies auch keinen Moment leugnet. Das ist für mich Film: Wenn der Regisseur zur Künstlichkeit des Mediums steht und gar nicht versucht, Realismus vorzulügen. In Black Narcissus resultiert daraus seltsamerweise ein Gefühl von „Echtheit“: Man wähnt sich und die Filmcrew tatsächlich im Himalaya.
Black Narcissus entstand nach einem Roman der in Indien aufgewachsenen englischen Autorin (Margaret) Rumer Godden („The River“). Sie war mit der Verfilmung offenbar nicht zufrieden.
Black Narcissus erhielt bei der Oscarverleihung 1948 in den Kategorien „Beste Kamera / Farbfilm“ (Jack Cardiff) und „Bestes Szenenbild / Farbfilm“ (Alfred Junge) je einen Oscar. Jack Cardiff erhielt zudem einen Golden Globe für seine damals revolutionäre Arbeit an der Technicolor-Kamera. Cardiff, der von sich sagte, er wäre gern Maler geworden, orientierte sich für Black Narcissus an den Bildern Vermeers und trug Wesentliches zum Aussehen des Films bei.
Deborah Kerr erhielt für ihre Rolle in dem Film die Auszeichnung als beste Hauptdarstellerin des New York Film Critics Circle.

DIE REGIE:
Die treibende kreative Kraft hinter „Powell & Pressburger“ war zweifellos Michael Powell. Obwohl die beiden eng zusammenarbeiteten, am selben Strick zogen, gut harmonierten und in den Credits immer zusammen genannt wurden, war Powell der Visionär des Duos. Emmerich Pressburger war ein brillianter und versierter Autor und mehr für die Handlungsstränge und die Dialoge verantwortlich. Es war Powell, oder besser seine Begabung der künstlerischen Gesamtsicht, die Black Narcissus und andere Filme – wie etwa The Red Shoes (dt.: Die roten Schuhe) oder A Matter of Life and Death (dt.: Irrtum im Jenseits) – zu spektakulären cinematografischen Meisterwerken machte.
Schaut man sich Black Narcissus unvoreingenommen an, ist man bald überzeugt, die Filmcrew hätte in Indien gedreht – obwohl das Bergpanorama des Himalaya erkennbar gemalte Kulisse ist. Tatsächlich entstand der Film ausnahmslos in den Londoner Pinewood-Studios. Genau wie Murnaus erster amerikanischer Film, Sunrise, den Eindruck erweckt, als sei er in Deutschland gedreht worden, entsteht hier trotz (oder dank?) Kulissen, künstlichem Licht und spektakulärer Farbdramaturgie ganz stark die Atmosphäre von echt asiatischer Exotik.
Powell erwog zunächst tatsächlich, nach Indien zu fahren. Was ihn zurückhielt, war der Bruch, der entsteht – und den man in vielen Filmen jener Zeit beobachten kann – wenn unterschiedliche oder unterschiedlich belichtete Filmmaterialien zusammengefügt werden. Die in Indien gedrehten Aussenaufnahmen und die Innenaufnahmen, die in den Pinewoodstudios geplant waren, hätten farblich nicht zusmmengepasst, weil man nicht auf dasselbe Rohmaterial hätte zurückgreifen können. Es wäre ein störender Bruch innerhalb des Films entstanden.
Zum Glück hat Powell das verhindert – der Film hätte viel von seiner künstlerischen Kompaktheit eingebüsst. Die Episode zeigt, wie klar und umfassend Powells Vorstellung des fertigen Films war, wie genau er jedes Detail kontrollierte. Er betonte zwar bis an sein Lebensende – und vollkommen zu Recht – immer wieder die Leistungen seiner Teams, doch er hatte die Vision, arrangierte die Details und fügte alles zum einen Film zusammen, der aus einem künstlerischen Guss zu sein scheint.
Bleibt zu erwähnen, dass das Black Narcissus-Team aussergewöhnliche Arbeit leistete! Jack Cardiffs Lichtdramaturgie lässt einen immer wieder sprachlos, Alfred Junges Sets sind atemberaubend, Hein Heckroths Kostüme eine Augenweide. Alle zusammen lassen ein Studio-Indien erstehen, das absolut glaubhaft erscheint, das aber in Michael Powells Kopf entstand. Parallelen zu den Filmen Friedrich Wilhelm Murnaus werden wach; dessen grösste Werke wurden ebenfalls ausschliesslich im Studio gedreht und zeigten Welten, die durch und durch künstlich und bis ins hinterste Detail durchkontrolliert waren. Black Narcissus ist ein Film wie ein Gemälde: Von der Beleuchtung über die Farbzusammenstellung wurde alles detailliert durchdacht und kontrolliert – teils im Voraus, teils während des Entstehungsprozesses.

DIE SCHAUSPIELER:
Schauspielerisch überzeugt Black Narcissus nur partiell – nicht zuletzt, weil er ganz klar kein Schauspielerfilm ist. Die Hauptaufgabe der Aktricen und Akteure ist es, zum bildnerischen Gesamteindruck beizutragen. Deborah Kerr bleibt maskenhaft-steif, allerdings, weil das in ihrer Rolle steht; David Farrar allerdings wirkt als machohafter Verwalter heute ziemlich lächerlich, wodurch ein guter Teil der Handlung unglaubwürdig wird und vom heutigen Publikum kaum mehr nachvollzogen werden kann (weshalb verlieben sich zwei Nonnen in diesen Doofmann?).
Kathleen Byron als nervlich überreizte Schwester Ruth beitet andererseits eine unvergessliche Leistung, ebenso Sabu, der den jungen General mit derart viel liebenswerter Kindlichkeit gibt, dass man ihn knuddeln möchte. Jean Simmons, Esmond Knight werden mit braunem Make-Up zugekleistert und müssen die Inder geben, was heute ebenfalls merkwürdig anmutet, als Erscheinung der damaligen Zeit aber goutiert werden kann / muss.

FAZIT:
Inhaltlich kann ich dem Film nur wenig abgewinnen. Er thematisiert indirekt den britischen Kolonialismus und ist für mich als Schweizer heute im besten Fall historisch relevant. Trotzdem zähle ich ihn zu meinen Lieblingsfilmen, zu den grandiosesten Filmen, die ich kenne. Black Narcissus ist Film pur, selten fügen sich sämtliche Beiträge der Beteiligten derart stimmig, ja zwingend zu einem derart atemberaubenden künstlerischen Ganzen wie hier.

DIE DVD:

Die DVD ist die Nummer 95 (von inzwischen über 700) der rennomierten Criterion Collection. Sie bringt herausragende Filme restauriert und in vorbildlicher Aufmachung heraus, und die Extras sollen einen vertiefenden Einblick in die Entstehungsgeschichte geben und die Bedeutung der jeweiligen Werke filmhistorisch erhellen.
Bild- und Tonqualität sind hervorragend und lassen nichts zu wünschen übrig!
Die Extras:
Das x-seitige Booklet ist schlicht, aber schön aufgemacht und mit mehreren farbigen Filmstills versehen. Es beinhaltet einen ausführlichen, informativen und lesenswerten Artikel von Filmkritiker Kent Jones. Dass er so informativ ist, hat den Nachteil, dass, liest man ihn zuerst, man danach von den restlichen Extras praktisch nichts Neues mehr erfährt.
Einführungen von Bertrand Tavernier. Sie sind sehr lebendig und informativ. Als Freund des Regisseurs Michael Powell weiss er einige zuvor nicht bekannte Details zu berichten. Er tut dies mit sichtlicher Freude und Engagement.
Profile of „Black Narcissus“: Dieser englische Dokumentarfilm aus dem Jahr 2000 hat den Vorteil, dass man Kameramann Jack Cardiff und Schauspielerin Kathleen Byron über ihre Arbeit mit Powell sprechen sieht und hört. Vom Informationsgehalt her bringt er nichts Neues.
Painting with Light: Eine Kurzdoku über den Kameramann Jack Cardiff und seine Arbeit für diesen Film. Teilweise recht informativ, teils Wiederholung von bereits Gehörtem.
Audiokommentar: Michael Powell höchstselbst und Martin Scorsese sprechen über Black Narcissus, wobei der zur Zeit der Aufnahme greise Powell verblüffend wenig Interessantes beisteuert; zudem ist sein Gebrabbel bisweilen kaum verständlich. Interessanter sind da die (wenigen) Wortmeldungen Scorseses, der Parallelen zu eigenen Filmen zieht.

Im deutschsprachigen Raum ist Black Narcissus auch auf DVD erschienen – sogar in zwei Editionen. Keine davon ist zu empfehlen (eine bringt den Film sogar in schwarzweiss!). Einzig die Blu-ray-Ausgabe vermag laut den Kundenrezensionen auf amazon.de einigermassen zu überzeugen, doch sie bringt den Film in einer um 15 Minuten gekürzten Fassung.
10/10

VORHER-NACHHER:
Michael Powell und Emeric Pressburger drehten ein Jahr vorher A Matter of Life and Death (dt.: Irrtum im Jenseits, 1946), im Folgejahr kam dann ihr wohl bekanntestes Werk, The Red Shoes (dt.: Die roten Schuhe) in die Kinos.
Deborah Kerr drehte vor Black Narcissus unter der Regie von Frank Launder den englischen Thriller I See a Dark Stranger (GB, 1946), danach kam mit The Hucksters (dt.: Der Windhund und die Lady; Jack Convay, 1947), ihr erstes Engagement in den USA. Ihr bekanntesten Filme neben Black Narcissus sind die Schnulzen An Affair to Remember (dt.: Die grosse Liebe meines Lebens, Leo McCarey, 1957) und From Here to Eternity (dt.: Verdammt in alle Ewigkeit, Fred Zinneman, 1953).
Sabus Vorgängerfilm war der US-Abenteuerfilm Tangier von George Waggner (1946), danach kam The End of the River (dt.: Abenteuer in Brasilien, Derek N. Twist, 1947). Sabu drehte nur 29 Filme, bevor er mit 39 Jahren überraschend an einer Herzattacke starb.
Kathleen Byron war im Jahr vor Black Narcissus in einer kleinen Rolle als Engel in A Matter of Life and Death (dt.: Irrtum im Jenseits; Powell & Pressburger, 1946) zu sehen, zwei Jahre später drehte sie, wieder unter der Regie von Powell & Pressburger The Small Back Room (dt.: Experten aus dem Hinterzimmer). Die Rolle in Black Narcissus machte sie zwar auf einen Schlag bekannt, legte sie aber einseitig auf derangierte Charaktere fest.