Monat: Oktober 2012

Avantis Abenteuer auf dem Mars

HIMMELSKIBET
(dt.: Das Himmelsschiff)
Dänemark 1918
Mit Gunnar Tolnaes, Alf Blütecher, Nicolai Neiiendam, u.a.
Regie: Holger-Madsen
Dauer: 81 min
Die DVD mit diesem Film (und August Bloms Verdens Undergang) ist hierzulande über den Verlag Edition Filmmuseum zu beziehen.

Es verwundert nicht, dass in diesem Film ein Professor vorkommt. Wenn im Trivialfilm oder in der Unterhaltungsliteratur eine Erfindung im Zentrum der Handlung steht, gehört ein Professor einfach dazu. Irgendwer muss die Erfindung ja gemacht haben und wer eignete sich dazu besser als ein Professor?!
Wenn dieser Professor, wie im hier zu besprechenden Stummfilm Astronom ist und Planetaros heisst – als hätten seine Vorfahren seit Gererationen nichts anderes gemacht als den Himmel zu erforschen – dann ist jedem klar: Wir befinden uns in Phantasien. Mit Globi oder Familie Duck auf dem Mars. Des Professors Name signalisiert: Die Geschichte, der hier vorgeführt wird, soll nicht ernst genommen werden. Und mit diesem Wissen lässt sich Himmelskibet durchaus geniessen – trotz haarsträubender Hypothesen und dick aufgetragener Botschaft.

Noch heute gültig: Das Logo der Nordisk-Films.

Himmelskibet ist ein dänischer Science-Fiction-Film, aus einer fernen Zeit, als es noch dänische Science-Fiction-Filme gab. Als es überhaupt noch dänische Filme gab. Natürlich gibts die auch heute noch, doch Dänemark hat seinen Ruf als das wichtige Filmland, das es zu Zeiten des Stummfilms einmal war, längst eingebüsst.
Obwohl die Nordisk-Film, die damals kurzzeitig zu den führenden Filmgesellschaften der Welt zählte, noch heute existiert, findet selten noch ein dänischer Film seinen Weg in unser Kinoprogramm.

Regisseur Holger-Madsen: Vorzeit-Spielberg?

In den Kindertagen des Kinos verliess Wegweisendes die Produktionsstudios der Nordisk. Auch wenn das Wegweisende aus heutiger Sicht nur mehr schwer auszumachen ist. Aber auch ein leichter Unterhaltungsfilm wie Himmelskibet könnte im Science-Fiction-Genre Masstäbe gesetzt haben. Die Ausstattung ist für jene Zeit beachtlich, die Handhabung der filmischen Ausdrucksform ebenfalls.
Man ist fast versucht zu sagen, der Regisseur sei eine Art Frühzeit-Spielberg gewesen, denn wie in dessen Filmen findet man hier Unterhaltung gepaart mit gewissen cinéastischen Ansprüchen.

Der Plot ist hanebüchen: Professor Planetaros hat ein Himmelsschiff entwickelt, mit dem sein Sohn zum Mars fliegen soll. Das Ding, eine interessante Mischung aus Flugzeug, Betonmischer und Raumschiff trotzt jeglicher raumfahrttechnischer Logik, doch weil sein Kapitän Avanti heisst, Avanti Planetaros – mit einem solchen Namen schafft man im Trivialfilm alles – kommt das Ding nach einer langen Reise tatsächlich auf dem Mars an.

Elf Jahre vor der Frau im Mond reiste man in Dänemark ebenfalls schon durch den Raum, ohne sich um die Schwerelosigkeit kümmern zu müssen. Ein Vergleich beider Filme ist insofern interessant, als man festestellt, dass sich in der Zeit zwischen beiden Filmen punkto astronomischem Fachwissen offenbar nicht allzuviel getan hat. Auch bei Holger-Madsen geht es an Bord ähnlich zu wie in einem U-Boot, und die Flugmaschinerie besteht auch hier aus sporadisch austretenden Dampfschwaden und Hebeln, die angelegentlich umgelegt werden müssen. Atmen kann man sowohl auf Fritz Langs Mond als auch auf Holger-Madsens Mars. Warum nicht, auf der Erde geht das ja auch!

Himmelskibet macht durchaus Spass, der Film ist irgendwie drollig und bestimmt nicht langweilig. Die Marsbewohner sind ein friedliches, von Priestern geleitetes Volk von vegetarischen Pazifisten (der Film wurde 1918 gedreht!), die zunächst über die Rohheit der Erdlinge vor Entsetzen erstarren. Man fühlt sich an Georges Pals Klassiker The Time Machine erinnert, dessen Zeichnung der zukünftigen Erdbewohner duchaus hier ihre Inspiration gehabt haben könnte.
Die Erdlinge lassen sich von der feierlichen Friedfertigkeit der Marsianer anstecken und geben so der Hoffnung jener Zeit auf ein friedliches Zusammenleben der Völker Ausdruck. Avanti nimmt sogar die Tochter des marsianischen Oberpriesters  zum Weib und bringt sie mit zur Erde.

Es wird deutlich: Himmelskibet ist – mit seiner ganzen altmodischen Theatralik – ein Zeitbild und gibt interessante Einblicke in die Gemütslage am Ende eines verheerenden Weltkrieges.  Die Unschuld, die der Welt damals abhanden kam, wird hier noch einmal inständig- und wie man weiss, vergeblich – beschworen.

Avanti Planetaros…

… und sein Raumschiff.

Die Daheimgebliebenen: In düsterer Besorgnis.

Katastrophe an Bord: Beten hilft!

Die Marsbewohner: Pazifistische Vegetarier.

Reigen seliger Marsgeister.

Wie in Hollywood: Familienglück beschliesst den Film.

Wer neugierig geworden ist und sich den aussergewöhnlichen Film in seiner vollen Länge und in der hier besprochenen Fassung anschauen möchte, kann dies hier tun:

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Tonfilm-Seitensprung: Mel Gibson und die Handpuppe

Nach einer schönwetterbedingten (fast) filmabstinenten Sommerpause nehme ich die Arbeit an meinem Blog wieder auf. Ich hoffe, der eine oder andere Stammleser erinnert sich noch an mich…
Es wird wohl, soviel kann ich für die neue Saison voraussagen, grössere zeitliche Abstände zwischen meinen Beiträgen geben als noch vor der Pause, aber da die Filmblogs allenthalben spriessen, wird dieses dem Lesestress entgegenwirkende Vorhaben wohl eher positiv aufgenommen – so hoffe ich jedenfalls.
Den Wiederbeginn wage ich mit einem Film, den ich schon lange gern sehen wollte, mit

THE BEAVER
USA 2011
Mit Mel Gibson, Anton Yelchin, Jodie Foster, Jennifer Lawrence u.a.
Regie: Jodie Foster
Dauer: 91 min
Die DVD zum Film ist im deutschsprachigen Raum erschienen.

Mel Gibson redet einen ganzen Film lang mit einem Biber – diese Prämisse hätte nach Wunsch der Produzenten massenweise neugieriges Publikum anlocken sollen. Doch die Aushangfotos in den Kinos zeigten deutlich, dass es sich beim titelgebenden Biber nicht um eine computeranimierte Figur, sondern um eine Handpuppe handelt. Das hat wohl die meisten abgeschreckt, was dazu führte, dass der von Jodie Foster inszenierte Film an der Kinokasse floppte. Wer will denn im Kino schon ein Kasperltheater sehen?

Natürlich ist The Beaver weit davon entfernt und die Handpuppe hat ihren festen Platz in der Dramaturgie, die nicht, wie fälschlich erwartet werden kann, den Mustern der Komödie folgt, sondern ein zunehmend komplexeres Drama entrollt. The Beaver erzählt die Geschichte einer Depression, die sich zur Schizophrenie entwickelt. Klingt interessant – und man hätte daraus einen aussergewöhnlichen Film machen können.

Das Drehbuch stammt von Kyle Killen, einem Kino-Newcomer, der bislang als Produzent und Autor der Fernsehserien Lone Star und Awake in Erscheinung getreten ist.
Das lässt aufhorchen. Unverbrauchte Talente geniessen in Hollywood manchmal erstaunliche Freiheit. Hier war dies leider nicht der Fall. Nach interessanten siebzig Minuten kippt The Beaver im letzten Drittel und versimpelt zur eintönigen Hollywood-Seifenoper, in der die Werte der Familie abgefeiert werden. Dass dabei die Plausibilität der Geschichte leidet und die guten Absichten des Autors, ernsthafte gesellschaftliche Probleme zu thematisieren und einem breiten Publikum verständlich zu machen, bachab geschickt werden, vergällt einem den Film und desavouiert dessen positiven Ansätze.

Es ist schwierig, nachzuvollziehen, wo das Problem zu orten ist; die Macher hüllen sich in Schweigen. Dass der Haken beim Originaldrehbuch liegt, legt die Tatsache nahe, dass The Beaver ursprünglich eine Komödie mit Steve Charell hätte werden sollen. Obwohl es komödiantische Passagen gibt, ist der fertige Film davon meilenweit entfernt. Der Weg in Richtung Seriosität, den die Macher schliesslich einschlugen, wird aber nicht konsequent abgeschritten; bei der nächstbesten Biegung hauen sie  mit ihrem Stoff ab in Richtung simplifizierenden Mainstream.

The Beaver handelt von Walter Black, Spielzeugfabrikant und Familienvater, der für alle unerklärlich, in einer tiefen Depression versinkt. Der Film setzt ein, als Walter sich längst abhanden gekommen ist, schildert kurz das Ausmass seiner Krankheit und stellt sein Umfeld vor: Die Ehefrau Meredith, die sich mit Arbeit von der Ehekrise ablenkt, den älteren Sohn Porter, der gegen hohe Summen seinen Mitschülern die schriftlichen Aufgaben abnimmt und Listen anlegt mit Eigenschaften, die er an seinem Vater hasst, den jüngeren Sohn Henry, den des Vaters Veränderung verstört zurücklässt. Auch in die Firma erhält man kurz Einblick, die ihren Chef still und leise durch die Vizedirektorin ersetzt hat.
Nach der Trennung von seiner Familie entdeckt Walter die Handpuppe, den titelgebenden Biber. Er streift sie sich über die Hand – und sie spricht zu ihm. Mit australischem Akzent.

Natürlich ist es Walter selbst, der redet; die Puppe gibt ihm Gelegenheit, sich indirekt zu äussern. Er redet mit verstellter Stimme und fremdem Akzent und äussert sich über sich selbst – kurz: Er wird zum Biber und betrachtet sein Leben „von aussen“. Das hat therapeutische Wirkung: Der Biber übernimmt und Walter lebt auf. Er kehrt zu seiner Familie und in die Firma zurück. Walters Umwelt akzeptiert den Biber zunächst als therapeutisches Mittel. Als aber klar wird, dass Walter ohne seine Handpuppe nicht mehr existieren kann, bahnen sich neue Konflikte an. In der stärksten Szene des Films fordert Gattin Maredith Walter bei einem tête-à-tête auf, die Handpuppe wegzulegen und als ihr Ehemann mit ihr zu kommunizieren. Diese Forderung löst bei Walter eine Panikattacke aus, entsetzt flüchtet er aus dem Restaurant. Er erkennt mit einem Schlag, dass eine Persönlichkeitsspaltung stattgefunden hat. Walter ist sozusagen zur Handpuppe des Bibers geworden.

Wie Gibson das spielt, ist schlichtweg hervorragend! So gut hat man den australischen Schauspieler nie gesehen. Sein Spiel ist – und da kommen wir zum Kernpunkt dieser Rezension – das Einzige, was diesen Film lohnt.
Die Geschichte ist -trotz guter Ansätze – „soap“. Der Rest der schauspielerischen Crew bleibt blass. Die Regie ist brav und kaum ambitioniert. Aber Gibson haut den Film ‚raus, er spielt auf Teufel komm ‚raus den psychisch Abstürzenden mit einer fast beängstigenden Glaubhaftigkeit und dem Mut des Gefallenen. Nach seinen antisemitischen, frauenfeindlichen und homoophoben verbalen Ausschreitungen zur persona non grata erklärt und für fünf Jahre aus der Filmwelt verbannt, hat er nichts mehr zu verlieren und spielt gegen sein früheres Helden-Image an.

Was den Film zum Absturz bringt, ist wie bereits erwähnt, unklar. Haben die Produzenten im Drehbuch herumgepfuscht? Hat der Autor selbst Angst vor seinem Mut bekommen und das zunächst eindrückliche Psychogramm eines Schizophrenen selbst zum Feelgood-Familienfilm verwässert? Oder war es in seiner ursprünglichen Komödienform von Beginn weg so angelegt gewesen? Es lässt sich momentan nicht eruieren. Erst wenn genügend Zeit verflossen ist äussern sich die Beteiligten machmal zu den wahren Hintergründen einer Filmproduktion. Doch dann wird The Beaver wohl bereits der Vergessenheit anheim gefallen sein.