Monat: Februar 2012

Surrealismus und Slapstick

THE HAUNTED HOUSE
USA 1920
Mit Buster Keaton, Virginia Fox, Joe Roberts u.a.
Regie: Buster Keaton und Edward F. Cline
Dauer: 20 min.

Buster arbeitet am Schalter einer Bank. Als diese überfallen wird, steht er dank einer Verkettung unglücklicher Umstände als der Schuldige da und muss flüchten.
Auf der Flucht befindet sich auch eine Theatertruppe – und zwar vor dem tobenden Publikum; ihre Aufführung des „Faust“ musste Hals über Kopf abgebrochen werden. Beide, der Bankangestellte und die noch kostümierten Theaterleute finden Zuflucht in einem alten, leer stehenden Haus. Nur das Publikum weiss, dass die Bankräuber dieses Haus besetzt halten und es zwecks Abschreckung Neugieriger als Spukhaus getarnt halten.

Das Spukhaus war zur Stummfilmzeit ein beliebtes Sujet für ausgelassene Komödien. Keatons Version ist besonders wild und überschreitet immer wieder die Grenze zum Surrealismus. Luis Buñuel dürfte da einiges an Inspiration hergeholt haben. Es gibt eine denkwürdige Sequenz, in der zwei als Skelette maskierte Gestalten einen Raum betreten und aus lauter Einzelteilen einen Menschen zusammensetzen, welcher nach seiner Fertigstellung munter davonspaziert. Oder die Traumsequenz, in welcher Keaton als Engel eine endlos lange Treppe zum Himmelstor hoch rennt, oben von Petrus aber abgewiesen wird, welcher darauf einen Hebel umlegt, der bewirkt, dass die Treppenstufe einklappen. Die Treppe verwandelt sich in eine riesige Rutschbahn, die Keaton direkt in die Hölle führt, wo der Teufel nach seiner Ankunft ein Schild aufhängt: „Keaton – in“.

The Haunted House ist voll von solchen Surrealismen: Wenn Keaton die Bank betritt, hängt er seinen Stock einfach umgekehrt herum an die Wand, nur um den Griff als Hutständer zu benutzen. Weshalb der Stock an der Wand kleben bleibt, weiss niemand. Im Spukhaus tritt plötzlich eine derart hohe Frequenz von „Gespenstern“ auf, dass Keaton mitten in der Verfolgungsjagd inne hält, um „den Verkehr“ zu regeln. Als ihn einer der „Geister“ während der Flucht am Hemd festhält, verwandelt sich der Platz, auf dem Buster steht in eine rotierende Drehscheibe.

Es wird immer wieder moniert, The Haunted House zerfalle in zwei disparate Hälften, in die Bank-Sequenz und in die Spukhaus-Sequenz. In Wahrheit hängen beide Teile narrativ eng zusammen, denn die Bank bildet den Angelpunkt der Story. Dort treffen Buster und die Bankräuber erstmals aufeinander. Dass er sich auf seiner Flucht ausgerechnet in deren Unterschlupf versteckt, ermöglicht ihm, ihnen am Schluss das Handwerk zu legen. Nur die Theatertruppe wirkt etwas aufgeklebt; sie dient eigentlich nur dem Zweck, zusätzlich noch einen Theaterteufel im Spukhaus unterzubringen. Letzterer tritt übrigens in Keatons Langfilm Go West erneut in Erscheinung.

The Haunted House, Busters fünfter Film in Eigenregie, etabliert den Surrealismus vollends als festes Stilmittel der keaton’schen Slapstick-Komödie. Bereits die beiden Vorgängerfilme One Week und The Scarecrow wiesen surrealistische Elemente auf, doch hier treibt er es damit erstmals auf die Spitze (weitere „Eskapaden“ sollten folgen) und beeinflusst führende europäische Künstler wie Buñuel, Dalí und die Dadaisten.
8/10

The Haunted House scheint im deutschsprachigen Raum nur in der Buster Keaton-Box von Arte greifbar zu sein. Eine echt Alternative dazu ist die Keaton-Kurzfilm-Box von Kino International aus den USA – bessere Bildqualität und weitaus bessere Begleitmusik.

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Ein Oscar für den Hund!

THE ARTIST
Frankreich 2011
Mit Jean Dujardin, Berenice Bejo, John Goodman, James Cromwell u.a.
Regie und Drehbuch: Michel Hazanavicius
Dauer: 100 min

Dass ich in diesen Film gehe und hier berichte, war ja abzusehen. Ein neuer, ein „moderner“ Stummfilm! Ehrensache, dass gabelingeber sich damit befasst.
Um es gleich vorwegzunehmen: The Artist hat mir absolut nicht gefallen. Ich fand ihn ärgerlich. Blendwerk. Und gleich erkläre ich, weshalb.

Michel Hazanavicius‘  Film befasst sich mit einem von Douglas Fairbanks inspirierten Stummfilmstar, der am neu aufkommenden Tonfilm zerbricht.
Gedreht wurde er – als Stummfilm. Mit Begleitmusik und Zwischentiteln – ohne Dialoge und Geräuscheffekte. Fragt sich nur, weshalb.
Den einzigen Gewinn, den ich darin erkennen kann, ist der des Sensations-Effekts: Hey, Leute, da hat einer einen Stummfilm gedreht. Wow, endlich mal wieder was anderes! Und dieser Effekt lockt das Volk denn auch prompt ins Kino.
Es ist ja nicht so, dass ich generell gegen Stummfilme bin – gell?! Aber während zwei Dritteln dieses Films ist das Fehlen von Ton schlicht sinnlos.
Im ersten Drittel, welcher den Artist während der Stummfilmzeit zeigt, ist es ein netter Effekt, eine schöne Abwechslung. Aber dann wird das Aufkommen des Tonfilms gezeigt. Und The Artist bleibt stumm. Es wirkt etwas läppisch, wenn sich die Protagonisten einen Tonfilm ansehen und man dabei nix hört.

Wenn Hazanavicius und seine Mitstreiter wenigstens eine Hommage an den Stummfilm gemacht hätten – aber das ist The Artist ganz klar nicht, allerhöchstens eine Hommage an die späten Zwanzigerjahre.

Dieser Film hätte die Chance gehabt, einem heutigen Publikum den Stummfilm näher zu bringen. Aber er geht weder auf die damals gepflegte Art des pantomimischen Schauspiels noch auf die dem Stummfilm eigene Bildsprache ein. Er benützt beides nicht und er thematisiert beides nicht. So ist The Artist eine Art Retorten-Stummfilm, ein künstliches Gebilde, das nirgends richtig verankert ist, ausser im Kommerzdenken des heutigen Kinos.

Weder sind die Zwischentitel in irgendeiner Form originell – platt wäre der passende Ausdruck – noch überzeugen die Hauptdarsteller. Dujardin und Bejo sind in ihren Rollen sogar schlichtweg schlecht. In keinem Moment erreichen sie jene mimische Ausdruckskraft, mit denen die Protagonisten der Stummfilmzeit noch heute zu bezaubern vermögen. Ihr angestrengte Grimassieren ist nur hilflos und wirkt bisweilen peinlich.

Einzig John Goodman kommt mit seinen Gesichtsverrenkungen der mimischen Beredtsamkeit jener vergangenen Kunst am nächsten. Aber leider auch nur annähernd. Am überzeugendsten ist noch der Hund.

Thematisch hat man ein durchaus interessantes Feld gewählt – die Übergangszeit von Stumm- zum Tonfilm. Dieses wird aber einerseits emotional überstrapaziert und andererseits historisch unterbelichtet. Man erfährt nichts, rein gar nichts darüber, weder über diesen Übergang, noch weshalb der Artist derart daunter leidet, dass er vor die Hunde geht. Dafür wird sein Leiden aufgeblasen, zu sehr, um noch goutierbar zu sein. Der Film badet förmlich in der Gefühls-Sülze des Selbstmitleides. Erst ganz zum Schluss, als endlich der Ton eingeschaltet wird, erfährt man – gewissermassen als „Schlussgag“ – warum er nicht am Erfolg des Tonfilms partizipieren wollte/konnte/durfte. Diese Wendung verstehen allerdings nur Eingeweihte.

Ich verstehe den Hype um diesen Film nicht. Aber wahrscheinlich verhält es sich etwa so, dass er einfach oberflächlich genug ist, um die Massen anzuziehen. Dass er gleich für zehn Oscars nominiert wurde, darunter in den wichtigsten Sparten, ist für mich ein Argument mehr für die Wertlosigkeit dieser Auszeichnung. Ich hoffe innständig, dass Scorseses um Längen besserer Hugo Cabret die wichtigsten Goldstatuen einheimsen wird. Der macht ebenfalls einen Ausflug in die Stummfilmzeit; allerdings mit den modernsten Mitteln, die das heutige Kino zu bieten hat – und mit viel mehr Liebe, Tiefgang und Detailfreude.
Alles andere wäre schlichtweg lächerlich! Gut – den Hund dürfen sie auszeichnen. Und die Art Direction.
4/10

Die Visualisierung der Angst

NOSFERATU – EINE SINFONIE DES GRAUENS
Deutschland 1922
Mit Max Schreck, Gustav von Wangenheim, Alexander Granach, Greta Schröder u.a.
Regie: Friedrich Wilhelm Murnau
Dauer: 94 min

Es gibt zwei Filmgenres, mit denen ich mich trotz mehrfacher Versuche einfach nicht anfreunden kann: Der Gangster- und der Horrorfilm. Ich weiss zwar um die Beiträge zur Filmgeschichte gerade des klassischen Horrorfilms, trotzdem muss ich gestehen: Man kann mich damit jagen.
Als Betreiber eines Stummfilmblogs komme ich allerdings um eine Besprechung von Nosferatu, dieser Mutter aller Vampirfilme, nicht herum. Und weil F.W. Murnau zu meinen Lieblingsregisseuren gehört, war ich doch gespannt auf eine erneute Sichtung dieses Klassikers.

Die Sichtung konnte mich nicht zum Horrorfilm bekehren. Ich fand es zwar hochinteressant, Murnau zwei Jahre vor dem letzten Mann zu sehen, doch als besonderes Sehvergnügen kann ich Nosferatu nicht bezeichnen.
Am verblüffendsten war für mich die Entdeckung, dass Murnau von 1922 bis 1924, von Nosferatu bis Der letzte Mann regelrechte Quantensprünge in Sachen Bildsprache und Handhabung der filmischen Mittel gemacht hat. Er hat in dieser kurzen Zeit zu seiner genuinen Filmsprache gefunden. Von 1924 an schuf Murnau seine eigenen Welten im Studio, während Nosferatu an originalen Schauplätzen gedreht wurde und so trotz seiner abstrusen Story viel realer anmutet als die lebensnahe Erzählung vom letzten Mann.
Filmspezialisten argumentieren damit, dass gerade diese Realitätsnähe das beabsichtige Grauen noch verstärke, und damit haben sie natürlich Recht. Murnau zeigt, dass er die äusseren Bedingungen optimal für seine filmische Zwecke zu nutzen wusste – damals schon.
Der Kontrast des idyllischen Biedermeier-Städtchens zur expressionistisch verfremdeten, insektenhaften Figur des Grafen Orlock, der dieses mit einem Sarg unterm Arm durchmisst, ist auch heute noch schockierend; und die Sequenzen, in denen Murnau die Stop-Motion-Kamera einsetzt oder im Zeitraffer filmt und damit erreicht, dass sich Figuren durch ihre groteske Bewegungsart plötzlich aus der realistischen Umgebung herauslösen und sich von ihr abheben, muss damals als etwas Erschreckendes empfunden worden sein.

Es sind die Bilder, die Nosferatus Status als erster und als einer der grössten Horrorfilme aller Zeiten rechtfertigen, Bilder, die in ihrer alptraumartigen Qualität noch heute unmittelbar wirken. Das Drehbuch von Henrik Galeen weist einige grobe Schnitzer und logische Lücken auf, doch Murnau lässt keinen Zweifel daran, dass es hier um Bilder geht – um Bilder des Grauens, um die Visualisierung von Angst. Wenn Graf Orlock den armen Hutter nachts in seinem Zimmer heimsucht und glotzäugig durch die sargartige Tür hereingleitet, dann  sträuben sich auch heute noch Nackenhaare. Oder die irreale Art, wie er im Schiff aus seinem Sarg herauskippt, von der Bodenlage in den Stand; oder die Art, wie Murnau bestimmte, vom Vampir besetzte Orte filmte, das Schiff etwa, oder das verfallene Haus – diese Bilder beinhalten das Grauen, ohne dass man zu sagen vermöchte, weshalb.

Der Film war eine Auftragsarbeit für Murnau; es blieb der einzige Film der Produktionsfirma Prana-Film, die sich mit diesem Projekt finanziell völlig übernommen hatte. Bram Stokers Witwe erreichte mit einer Plagiatsklage sogar ein Gerichtsurteil, das die Vernichtung des Werkes gebot, da die Produzenten die Rechte auf der Vorlage – denn auf nichts anderem als auf Bram Stokers Roman Dracula basierte der Film – nicht besassen. Von Nosferatu existierten allerdings bereits so viele semi-offizielle Kopien, Teil-Kopien und Zusammenschnitte, dass der Film vor einigen Jahren wieder in den Originalzustand zurückrestauriert werden konnte. Sogar die Partitur von Hans Erdmanns Original-Begleitmusik konnte gefunden und wiederhergestellt werden.

Nosferatu gilt als einer der ersten genuinen Horror-Filme der Geschichte; einer der ersten, der die Angst personifiziert hat und das Publikum Bildern aussetzte, die es beunruhigte und noch nächtelang verfolgte. Der das Grauen bildlich auszudrücken vermochte und mit diesen Bildern Generationen von Künstlern inspirierte und beeinflusste.
Würde ich das Horrorfilmgenre mehr schätzen, wüsste ich auch die Wichtigkeit dieses Werks gebührend zu würdigen. Aber das haben Legionen von Filmspezialisten bereits getan.
8/10

Nosferatu ist – mit der Originalmusik von Hans Erdmann – im deutschsprachigen Raum in der hervorragend restaurierten Fassung von Transit-Film auf DVD erhältlich, u.a. bei amazon.de.