Mitchell Leisen

Tonfilm-Seitensprung: Noch ein Weihnachtsfilm

REMEMBER THE NIGHT
(Dt.: Die unvergessliche Weihnachtsnacht)
USA 1940
Mit Fred MacMurray, Barabara Stanwyck, Beulah Bondi, Sterling Holloway,
Regie: Mitchell Leisen
Dauer: 92 min.

Staatsanwalt John Sargent soll am Weihnachtsabend Lee Leander, eine kleine Ladendiebin ins Gefängnis bringen. Kurze Sache, denkt er, doch ihr Verteidiger ist ein ehemaliger Schmierenkomödiant, der mit seinen endlosen Monologen den Prozess immer mehr in die Länge zieht. Durch einen geschickten Schachzug erreicht Sargent eine Vertagung des Falls bis zum dritten Januar. So kann er rechtzeitig zur Weihnachtsfeier im Haus seiner Mutter nach Indiana abreisen. Vorher sorgt er noch dafür, dass die Ladendiebin über die Feiertage freikommt.
Irrtümlicherweise wird sie aber in seinem Apartement abgeladen.

Was darauf folgt, lässt sich an wie ein Aufguss von Frank Capras It Happened One Night: Das ungleiche Paar bricht zu einer gemeinsamen, pannenreichen Reise auf. Weil Lee unglaublicherweise aus einem der Nachbardörfer stammt, fährt John einen Umweg, damit sie ihre Familie besuchen kann. Und da sie dort nicht willkommen ist, nimmt er sie mit zu seiner. Und dort erlebt sie zum ersten Mal Liebe und familiäre Zuneigung.

Klingt nach Schnulze? Das Drehbuch stammt aber von Preston Sturges!
Regie führt allerdings Mitchell Leisen, und der hat an Sturges‘ Buch heraumgebastelt. Wegen seiner Kürzungen und Umschreibungen soll Sturges nicht glücklich mit dem Film gewesen sein (wieder einer, der mit Leisens Arbeit nicht glücklich war – siehe auch hier).
Sein nachfolgendes Drehbuch verkaufte Sturges für einen Dollar – unter der Bedingung, dass er es selbst inzenieren dürfe. Heraus kam dabei The Great McGinty, dem er in schneller Folge weitere grandiose, auf eigenen Drehbüchern basierende Regiearbeiten hinterherrreichte: Christmas in July, The Philadelphia Story, Sullivan’s Travels, Hail the Conquering Hero oder The Lady Eve, dessen Hauptrolle er auch mit Barbara Stanwyck besetzte; er hatte sie bei den Dreharbeiten zu Remember the Night kennengelernt und ihr versprochen, eine Rolle für sie zu schreiben.

Remember the Night weiss durchaus zu unterhalten – die Dialoge sind spritzig, es gibt einige äusserst schräge Begebenheiten, die Sturges‘ Handschrift verraten, die Schauspieler sind bis in die hintereste Nebenrolle hervorragend besetzt, die Charaktere sind stimmig bis skurril – und trotzdem fehlt „das gewisse Etwas“. Zu routiniert wirkt das Ganze (Regisseur Leisen hatte auch diesen Film Tage vor dem eingeplanten Zeitbudget fertig im Kasten ohne finanziell überzogen zu haben – dafür war er in Hollywood bekannt und beliebt), zu uninspiriert und glatt werden die einzelnen Sequenzen abgewickelt. Wer Sturges‘ eigene Regiearbeiten kennt, wird von diesem  Film enttäuscht sein. Für alle, die sie nicht kennen ist Remember the Night ein angenehmer, leicht schnulziger Unterhaltungsfilm aus der Glanzzeit Hollywoods, mit allen Ingredienzien, die eine Komödie jener Zeit auszeichnet: Schräge Figuren, verrückte Situationen, eine herzerwärmende Liebesgeschichte und eine liebevolle Zeichnung von Amerikas „kleinen Leuten“. Auch der stereotype unterbelichtete Schwarze fehlt nicht, der durch die Filme jener Zeit geistert und der heute vom US-TV oder aus DVD-Editionen schamhaft herausgeschnitten wird. Hier wird er von Fred Toons gespielt, dessen Name in den End-Credits unterschlagen und durch den Nickname „Snowflakes“ ersetzt wird. Ein Stück Zeitgeschichte, das in der kürzlich erschienen deutschen Ausgabe dieses Films intakt geblieben ist.

Fazit: Kein It’s a Wonderful Life, kein Film, der lange haften bleibt. Eine nette Ablenkung und Entspannung vom Weihnachtsrummel.
Mehr nicht.
7/10

http://www.amazon.de/Die-unvergessliche-Weihnachtsnacht-Barbara-Stanwyck/dp/B005M2A2FY/ref=sr_1_1?s=dvd&ie=UTF8&qid=1324902119&sr=1-1

Tonfilm-Seitensprung: Mitchell Leisen – eine Antwort

HANDS ACROSS THE TABLE
(dt.: Liebe im Handumdrehen)
USA 1935
Mit Carole Lombard, Fred MacMurray, Ralph Bellamy, Marie Prevost, William Demarest, u.a.
Regie: Mitchell Leisen
Dauer: 85 min

Diese Review versteht sich als Antwort auf diesen Artikel meines schweizer Blog-Kollegen Whoknows Best. Ich war damals so dreist, seine – und Billy Wilders – Einschätzung der Regieleistungen des Regisseurs Mitchell Leisens in Zweifel zu ziehen. Da ich aber keine verlässlichen Erinnerungen (eigentlich überhaupt keine!) an jene Filme Leisens hatte, die ich damals, in den Achtigerjahren im Fernsehen gesehen hatte, nahm ich mir vor, einen aufzutreiben.

Tja, und da krieche ich nun zerknirscht zu Kreuze, und gebe Whoknows  – und Billy Wilder – Recht.
Ich weiss, man soll nicht aus einem Film auf alle anderen schliessen; doch der in Whoknows Blog festgehaltene Befund (von Whoknows und Wilder) trifft auch auf Hands Across the Table so genau zu, dass sich eine vorsichtige Verallgemeinerung wohl doch vertreten lässt. Dem Film liegt ein wunderbares Skript von Norman Krasna zugrunde, welches das Zeug zu einem Screwball-Komödien-Klassiker gehabt hätte – wäre es von einem anderen Regisseur umgesetzt worden.

Leisen filmt die (Steil-)Vorlage ziemlich uninspiriert und mit wenig Sinn für effektive Dramaturgie einfach ab. Wie ein Theaterstück. Das plätschert mal einfach so dahin, mal packen einen die herrlichen Dialoge oder die gut aufgelegte Schauspielertruppe. Aber zum durchgängigen, uneingeschränkten Vergnügen schwingt sich Hands Across the Table nicht auf. Immer wieder ertappte ich mich beim Gedanken: Gut, nun wissen wir’s – cut! Viele Szenen ziehen sich über Gebühr in die Länge – bei einer Scrwball-Komödie ist das eine Todsünde. Das Genre lebt unter anderem von Tempo – und das wird von Leisen immer wieder abgebremst.

Schade! Die Geschichte um die kleine Maniküre Regi Allen (Carole Lombard), deren Credo es ist, dereinst ausschliesslich des Geldes wegen zu heiraten, ist frisch und unverbraucht. Als der leicht verrückte und ziemlich eingebildete Millionärssohn Theodore Drew III (Fred MacMurray) für sie Interesse zeigt, sieht sie ihre Chance für gekommen. Nie hätte sie sich für diesen unmöglichen Typen interessiert, wäre er ihr nicht als „gute Partie“ vorgestellt worden.
Im Verlauf eines chaotischen ersten Dates erfährt sie allerdings, dass Drew III sich dasselbe Credo auf die Fahnen geschrieben hat wie sie – nur des Geldes wegen zu heiraten – und dass er genauso mittellos ist. Weil er zu besoffen ist, um nach Hause zu finden, wird er von einem Taxifahrer in Regies Appartement zwischengelagert – und bleibt fortan dort wohnen.

Die Wohngemeinschaft der beiden mittellosen Geldgierigen gestaltet sich äusserst unkonventionell und witzig. Von Regis Wohnung aus planen die beiden gemeinsam Teodore Drews einträgliche Zweckheirat in die Familie eines einflussreichen Ananasimporteurs; es ist jedoch von vonherein klar, dass Regie und Theodore ihre Prinzipien am Schluss über Bord werfen und zusammenfinden.

Genauso, wie Billy Wilder sich darüber ärgerte, dass Leisen, sein schönes Drehbuch für Midnight vergeigt hatte, so könnte man sich als Zuschauer über das Vergeigen des schönen Drehbuchs zu Hands across the Table ärgern.
Und seltsam: Schon am Morgen danach konnte ich mich nur noch schwach an den Film erinnern…
6,5/10
PS: Ich werde Leisen eine weitere Chance geben, keine Angst! So schnell schreibe ich keinen Regisseur ab, es sei denn, sein Stil geht mir total gegen den Strich (so, wie es etwa bei Theo Angelopoulos der Fall ist; doch auch von ihm hatte ich mir mehrere Filme anget… angeschaut).

Hand across the Table ist im Deutschsprachigen Raum nicht erschienen. Er kann über amazon.co.uk von Privatanbietern bezogen werden, in einer DVD-Box mit fünf weiteren Filmen mit Carole Lombard (Achtung RC1!).