René Clair

Movie-Magazin 3: Pakt mit dem Teufel – 1950

LA BEAUTÉ DU DIABLE
Frankreich 1950

Mit Michel Simon, Gérard Philipe, Nicole Besnard, Simone Valère, Raymond Cordy u.a.
Drehbuch: René Clair und Armand Salacrou
Regie: René Clair
Dauer: 91 min

Der Film lief 1950 auch in den deutschen Kinos. Es existieren zwei alternative deutsche Titel: Die Schönheit des Teufels und Pakt mit dem Teufel.

 

Vorspann:
Die Faszination der Faust-Legende beschäftigte Filmemacher über alle Dekaden. Aus Frankreich kommt die Version von René Clair, über dessen Werk hier im Blog schon mehrfach beleuchtet wurde.
Der alte Magister Henri Faust (Simon) wird von Mephisto (Philipe) besucht und wieder ins Jünglingsalter zurückversetzt. Clairs Fassung wartet mit einem besonderen Twist auf: Sobald Faust oder Mephisto jung sind, werden beide Figuren von Gérard Philippe gespielt. Im Alter leiht ihnen Michel Simon das Gesicht.

Der Film:
René Clair folgt in groben Zügen der Faust-Sage. Allerdings verlegt er die Handlung nach Frankreich, in ein nicht näher bestimmtes Zeitalter, in dem Fürsten, Prinzessinnen, Zigeuner und Alchemisten in die Geschicke der Menschen eingriffen. Er baut eine Wendung ein, gemäss jener Faust von Mephisto die Jugend gratis und franko geliefert bekommt, zusammen mit Liebesglück und Reichtum, welche er ihm allerdings kurz darauf wieder wegnimmt, um deren Rückgabe an die Bedingung der „Seelenspende“ zu knüpfen. Diese soll bei Clair nach Fausts Tod vorgenommen werden.

Diese Wendung weist das Problem hin, das der Film hat: Es fehlt ihm eine geradlinige, schlüssige Narration. Immer wieder werden „Umleitungen“ in die Erzählung eingebaut, die an sich unnötig sind und die Zuschauer auf Fährten locken, die schon bald wieder verlassen werden oder die sich als unwichtig erweisen. Der Eindruck von Verzettelung und der Verwirrung wird noch verstärkt durch den befremdenden (oder respektvoller ausgedrückt: originellen) Einsatz bekannter filmischer Mittel, etwa der Überblendung. Clair überblendet immer wieder zu Szenen, die ein paar Sekunden dauern, dann wird zurück-überblendet zum Ausgangspunkt. Wieso? Für einen derart kurzen Exkurs wäre doch ein schneller Schwenk angebracht gewesen. Ein filmerfahrenes Publikum erwartet auf eine Überblendung den Beginn eines neuen „Aktes“. Schwenks werden von Clair auch eingesetzt, zum Überbrücken grosser Zeitsprünge, wo sie ebenfalls deplatziert wirken, da sie üblicherweise für schnelle Ortswechsel eingesetzt werden.
So unterläuft Clair nicht nur mit der Narration, sondern auch mit der Wahl der filmischen Mittel ständig die Erwartungen und Sehgewohnheiten der Zuschauer und entzieht ihnen ständig den Boden unter den Füssen. Absichtlich? In allen Filmen René Clairs (die amerikanischen ausgenommen) fällt der scheinbar deplatzierte Einsatz filmischer Mittel auf, in einigen das Fehlen eines narrativen Zentrums. Hat das mit seinen Anfängen als Avantgarde-Filmer in der Stummfilmzeit zu tun (eine Haltung, die er nie ganz aufgeben mochte)? Oder handelt es sich um Unvermögen?

Der Rest des Films erscheint sonst recht konventionell: Die Dekors, der Einsatz der Musik, das Personal. Der Humor. Drei Dinge machen die oben genannten Irritationen wett: Clairs bezaubernder, verspielter Charme, mit dem er alle seine Geschichten erzählt, sein untrüglicher Sinn für die richtige Portion Humor am richtigen Ort. Und die beiden Hauptdarsteller, denen der Regisseur hier eine Spielwiese bietet, auf welcher er sie zu Höchstform auflaufen lässt.
Michel Simon und Gérard Philipe waren damals die Stars des französischen Kinos – und auch des Theaters. Beide kamen sie von der Bühne und kehrten auch immer wieder dorthin zurück. La beauté du diable trägt dem durch seinen vom klassischen Theater inspirierten Ton Rechnung, indem er gerade den jungen Faust mit leicht pathetischem Tonfall sprechen lässt. Solche kleine ironische Spitzen durchziehen den ganzen Film und geben ihm sein Gesicht. Das ist typisch Clair – so unterschiedlich seine Filme über die verschiedenen Schaffensperioden auch sein mögen, dieser charakteristische heiter-ironische, manchmal leicht frivole Grundton in Bild und Dialog zieht sich unverwechselbar als sein Markenzeichen durch sein gesamtes Werk. Trotz einiger ernsten Sequenzen von Tod und Verderben, welche an atomare Verwüstung erinnern und die Folgen von wissenschaftlichem Grössenwahn illustrieren, bleibt der Grundton von La beauté du diable heiter und luftig.

Und wenn die geschliffenen Dialoge, die witzigen Kapriolen von zwei so grossartigen Theaterlöwen wie Michel Simon und Gérard Philipe gesprochen und ausgeführt werden, dann ist das ein Fest. Während der Visionierung dieses Films kommt man aus dem Grinsen und Staunen kaum heraus. Der Film amüsiert und unterhält von Anfang bis Schluss. La beauté du diable ist schön, solang er währt. Hinterher reibt man sich die Augen und fragt sich: Worum ging’s jetzt da genau? Ich konnte die Handlung seltsamerweise kaum mehr im Detail rekapitulieren.
Das hat stark mit dem bereits erwähnten Umstand zu tun, dass dem Film ein narratives Zentrum fehlt. Immer, wenn sich in La beauté du diable ein Thema herausgeschält hat (der Handel mit der Seele, das Herstellen von Gold und dessen Folgen, die Wissenschaft als Verursacherin von Tod und Zerstörung, das gegeneinander Ausspielen von Reichtum und Armut), hüpft er in eine unerwartete Richtung davon oder geht zum nächsten Thema über. Ein solch ausufernd assoziatives Erzählen verhindert nicht nur Tiefgang, es strapaziert bisweilen auch die Geduld der Zuschauenden.

Michel Simon und Gérard Philipe verstanden sich offenbar nicht besonders gut – Simon blickte auf den jüngeren Kollegen herunter. „Gérard Philipe? Ein Schauspieler? Gestatten Sie, dass ich lache!“, gab er in einem Interview von sich. Philipe sei vor der Kamera doch nur damit beschäftigt, sein Profil ins rechte Licht zu rücken. Da sprach wohl der Neid aus dem viel älteren Kollegen, denn beobachtet man Philipe im Zusammenspiel mit Simon, dann fällt auf, dass dieser erstens sehr wohl grosses schauspielerisches Talent besass und zweitens, dass sein Spiel um einiges bescheidener ausfiel als Simons. Von wegen Eitelkeit: Philipe stellte sich ganz in den Dienst der Inszenierung, während Simon offenbar immer wieder daraus ausbrach und sein eigenes Ding durchzog. Michel Simon macht, entgegen den Absichten des Regisseurs, aus Mephisto eine saftige komödiantische Nummer. So saftig war es von Clair wohl nicht geplant – aber wer widerspricht schon Michel Simon?! Zum Glück hat er ihn gewähren lassen, Simon ist das Herzstück des Films und seine Schmiere bekommt dem Film gut, da er ihm eine gewisse Richtung gibt.

Die „mise en scène“ ist Clair pur. Die bereits erwähnte alles durchziehende Heiterkeit trägt unverkennbar seine Handschrift – Simons entfesselter Mephisto passt da gut hinein. Auch die vielen Effekte und Kameratricks gehörten seit seinem ersten Werk, dem Stummfilm Entr’Acte (siehe unter „Augenfutter“) zu Clairs Markenzeichen. Die Sequenz, in welcher Mephisto dem jungen Faust in einem Salonspiegel die Zukunft zeigt, gehört dabei zu den ausgeklügeltsten Tricksequenzen des Films, vielleicht des französischen Kinos jener Tage überhaupt.

Abspann:
René Clair filmte ab den Fünfzigerjahren immer weniger. Sein folgender Film, Les belles du nuit (dt.: Die Schönen der Nacht, 1952) wieder mit Gérard Philippe in der Hauptrolle, gilt als sein letztes bedeutendes Werk. Bis 1966 stellte er noch vier weitere Filme fertig, wirkte an zwei Episodenfilmen mit und inszenierte eine Folge der TV-Serie Les fables de Lafontaine, dann zog er sich aus dem Filmgeschäft zurück, schrieb und inszenierte Opern und Theaterstücke. 1960 wurde er als erster Filmemacher in die Académie Française gewählt.
Gérard Philipe wurde leider nicht alt, im Jahr 1959 bricht sein Filmschaffen ab. Er hat heute den Stempel des „Schönlings“, weil er in Filmen oft in solchen Rollen besetzt worden war. Dabei trat er im Theater in Stücken von durchaus ernst zu nehmenden zeitgenössischen Autoren wie Albert Camus und Jean Giraudoux, aber auch mit einem klassischen Répertoire auf. Auf der Bühne führte Philipe immer wieder auch selbst Regie. Durch sein anti-amerikanisches Engagement, das sich vor allem auf den kulturellen Bereich bezog, kam er in den „Genuss“ eines Empfangs in der DDR, denn dort wurde sein politischen Engagement ausdrücklich begrüsst und gelobt. Philipe hätte ein Angebot der DEFA nach eigener Aussage nicht ausgeschlossen.
1959 erlag Philipe im Alter von nur 37 Jahren einem Krebsleiden.
Michel Simon war ein Schweizer, der es in Frankreich als Schauspieler zum kaum überbietbarem Ruf brachte. Obwohl er eine Abneigung gegen das Kino hatte und Dreharbeiten hasste, trat er in vielen bekannten Filmen der meisten grossen französischen Regisseure von 1928 bis Anfang der Siebzigerjahre auf. La beauté du diable entstand noch vor seiner Gesichtslähmung, die er sich kurz danach dank der Verwendung eines aggressiven Schminkmittels zuzog. Nach La beauté du diable drehte Simon mit Sacha Guitry den hier im Blog bereits besprochenen La poison (1951).

La beauté du diable war trotz seines relativ geringen Bekanntheits- und Popularitätsgrades im deutschsprachigen Raum auf DVD erhältlich (inzwischen ist sie nicht mehr lieferbar, aber noch gebraucht erhältlich), und zwar in sehr guter Qualität, sowohl in der in Originalsprache mit zuwählbaren deutschen Untertiteln als auch in deutscher Synchronisation.

Rezeption:
Der Film wurde von Kritik und Publikum wohlwollend aufgenommen, verschwand aber nach seiner Erstaufführung in der Versenkung. Die Geringschätzung, die Clair und seinen Werken von einigen Exponenten der „nouvelle vague“ ab Ende der 50er-Jahre öffentlich entgegengebracht wurde, blockierte möglicherweise das Interesse an seinem Werk, das plötzlich als „rückständig“ galt, auf längere Zeit.

 

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Film-Schnipsel

Kurzrezensionen – diese Woche gesehene zeitgenössische Filme:
Danny Collins
(Dan Fogelman, USA 2015) Mit Al Pacino, Annette Bening, Bobby Cannavale, Jennifer Garner, Christopher Plummer, u.a.
So langsam komme ich auf den Geschmack, übersehene Filme auch im zeitgenössischen Filmschaffen aufzuspüren. Dass sich auch da Perlen finden, beweist diese wunderbare geschriebene und gespielte erste Regiearbeit des Drehbuchautors Dan Fogelman („Crazy, Stupid, Love“, „Cars“). Bei uns kam der Film nicht in die Kinos, er wird voraussichtlich im August direkt auf DVD und Blu-ray (unter dem Titel „Mr. Collins‘ zweiter Frühling“) lanciert. Was angesichts der Star-Häufung und der Qualität erstaunt.
Danny Collins (Pacino) ist ein verlebter, abgehalfterter ehemaliger Songwriter/Sänger, der seit Jahren kein neues Lied mehr geschrieben hat und sein Leben mit alten Hits anderer Sänger bestreitet. Er säuft, kokst und ist mit einer viel jüngeren Frau liiert, die ihn mit anderen Männern betrügt. So weit, so bekannt. Eines Tages im Jahr 2014 erhält Collins einen Brief, der sein Leben verändert hätte, wäre er damals (1971) tatsächlich bei ihm angekommen. Geschrieben hat ihn John Lennon. Dieser Brief und seine verspätete Zustellung bewirkt, dass Collins entsetzt realisiert, was er aus seinem Leben gemacht hat. Und vor allem: Was hätte sein können. Zum Leidwesen seines Managers (Plummer) sagt er die geplante Abschiedstournee ab, fährt nach New Jersey und checkt dort in ein teures Hotel ein. Trifft neue Leute. Knüpft neue Bande.
Fogelmans Film schält behutsam und mit viel Feingefühl das Portrait eines scheinbar gescheiterten Menschen heraus, der seine wahre Grösse hinter der Maske des Egoismus verbirgt, der selbst kein Bein auf die Erde bekommt, für andere aber zum Fels in der Brandung wird. Danny Collins ist ein grossartiger Film, hervorragend geschrieben und grandios gespielt, eine Achterbahnfahrt der Gefühle, die in keinem Moment billig wirkt. Ein Film, der den Mut hat, Gefühle zuzulassen und der ganz ohne falsche Töne auskommt.

Augenfutter:
Entr’Acte (René Clair, Frankreich 1923) Mit Eric Satie, Francis Picabia, Man Ray, u.a.
Hier geht es zu meinem Artikel über René Clairs 20-minütigem surrealem Erstlingswerk. Und unten kann er in voller Länge angeschaut werden.

Der klassische Film diese Woche – Blick in andere Film-Blogs:
-Den deutschen Horrorfilm Die Schlangengrube und das Pendel (Harald Reinl, 1967) stellt der Blog Schattenlichter vor und entdeckt die charmant-naive Seite dieses Films. Mit Drehort-Special!
-Und noch ein deutscher Grusel: Die toten Augen von London, Alfred Vohrers Erstlingsfilm, eine Edgar-Wallace-Verfilmung von 1961, beleuchtet von Splattertrash.
-Und gleich nochmals Alfred Vohrer und Edgar Wallace: Schlombies Filmbesprechungen stellt den Hund von Blackwood Castle aus dem Jahr 1968 vor.
L’amore in città betrachtet Mario Monicellis Casanova ’70 aus dem Jahr 1965 – eine absurde „commedia all’italiana“, welche die männlichen Reaktionen auf die damals neue weibliche Selbstbestimmung ad absurdum führt.

Vorschau:
Im Zentrum der nächsten Ausgabe steht eine Art Unterwasser-Kammerspiel: Der britische Klassiker Morning Departure (dt.: Die Nacht begann am Morgen, Roy Ward Baker, 1950) berichtet von einer U-Boot-Crew, die nach einem Unfall auf dem Meeresgrund festsitzt und auf Rettung wartet. John Mills, Richard Attenborough und James Hayter glänzen in ihren Rollen.

Tonfilm-Seitensprung: Die moderne Welt als Gefängnis

A NOUS LA LIBERTÉ
Frankreich 1932
Mit Henri Marchand, Raymond Cordy, Rolla France, Paul Ollivier u.a.
Regie: René Clair
Dauer: 90 min.

In meiner Reihe mit Filmen des französischen Regisseurs René Clair bin ich nun beim Tonfilm angelangt. A nous la liberté ist allerdings nicht Clairs erstes klingendes Filmwerk, sondern sein drittes, es war jedoch das einzige, das für mich auf DVD zur Zeit greifbar war.

Einen gewissen Bekanntheitsgrad hat dieser Film heute noch, hauptsächlich deshalb, weil er Ursache einer Plagiatsklage von René Clairs Produktionsfirma Tobis gegen Charles Chaplin war. Die berühmte Fliessband-Sequenz aus dessen fünf Jahre später entstandenem Film Modern Times hätte Chaplin bei Clair abgekupfert, liess Tobis verlauten.

In der Tat sind die Parallelen augenfällig. Man könnte durchaus glauben, Chaplin hätte Clairs Idee aufgenommen und in höherem Tempo durchgespielt. Hier wie dort sieht man eine Reihe Fabrikarbeiter, die auf einem Fliessband vorbeiziehende Teile um jeweils eine Komponente ergänzen müssen; dabei hat jeder einen einzelnen, immer gleichen Handgriff auszuführen. Beide Szenen wollen die Stumpfheit der Massenproduktion verdeutlichen.

Es könnte durchaus sein, dass Chaplin die Idee bei Clair abgeguckt hat, obwohl er vor Gericht beteuerte, A nous la liberté nie gesehen zu haben.
Was bei Clair mit anarchischem, durchaus charmantem Witz „nur“ die Absurdität der maschinellen Produktion vorführt, gerät bei Chaplin zur galligen Anklage der Entmenschlichung der Fabrikarbeit. Die Idee, dass am Fliessband mal einer in Rückstand gerät, hat bei Clair eine wachsende Menschenansammlung zur Folge, die dem einen Teil am Fliessband folgt, welches durch den Rückstand nicht korrekt zusammengesetzt werden konnte. Bei Chaplin führt dasselbe menschliche Versagen direkt in den Bauch des Molochs Maschine – eine Idee, die er wiederum bei Fritz Langs Metropolis abgekupfert haben könnte.

Könnte, hätte, würde… Möglicherweise ist der Plagiatsvorwurf hinfällig – eine Diskussion darüber erscheint mir müssig: Chaplin, Clair und Lang haben in ihren Filmen Bilder verwendet, die sich den Menschen jener Zeit geradezu aufdrängten. Der Moloch Maschine, der Mensch am Fliessband – sie waren von Anfang an Symbole des Industriezeitalters, Chiffren für die Mechanisierung des Produktionsvorganges. Sie lagen quasi „in der Luft“.
René Clair selbst distanzierte sich von Tobis‘ Plagiatsklage. Er hatte nach eigenen Aussagen grosse Hochachtung vor Chaplin.

Man könnte den Plagiatsvorwurf auch umdrehen: In A nous la liberté steckt sehr viel Chaplin. Überdeutlich wird dies in der Figur des Émile, der in seiner poetisch naiven Gewitztheit wie eine französische Version des Tramps wirkt. Henri Marchand, der mit diesem Film auf der Leinwand debütierte und danach nur noch Nebenrollen bekam, verschmilzt praktisch mit dieser Rolle und prägt den Film mit seiner staunenden Kindlichkeit.

Betrachtet man A nous la liberté als Beitrag zu einer Kunstform, die gerade einen tiefgreifenden Wandel durchmachte, dann stellt man fest, wie experimentierfreudig und innovativ sein Regisseur von der neuen Tontechnik Gebrauch machte.
Im Prinzip tut er hier nichts anderes als in seinen frühen Stummfilmen Entr’acte und Paris qui dort, wo er mit den filmischen Mitteln experimentierte: Er probiert aus und erweitert dabei die Grenzen der filmischen (hier: der tonfilmischen) Mittel. Wie seine Kollegen Fritz Lang und Alfred Hitchcock begegnet Clair dem Ton im Film mit innovativer Neugierde und nimmt in einigen seiner Experimenten dessen Zukunft vorweg – dies zu einer Zeit, wo „Tonfilm“ weitgehend „talking heads“ bedeutete; Publikum und Produzenten genügte es in der Anfangszeit, sprechende Schauspieler zu zeigen.

Es gibt in A nous la liberté Sequenzen, wo der Regisseur mit Geräuschen, die scheinbar aus dem Nichts kommen, Spässe mit dem Publikum treibt, oder Stellen, wo die Protagonisten ihren Text plötzlich singen. Die Musik spielt sogar eine tragende Rolle in diesem Film, denn immer wieder begleitet und kommentiert sie die Handlung – eine Rolle, mit der sie sich erst einige Jahre später im Film etablieren sollte (die ersten Tonfilme verzichteten weitgehend auf Musik, da dem gesprochenen Wort eine Wirkung beigemessen wurde, die es, wie man bald merkte, auf der Leinwand einfach nicht hatte).
Das Bild ordnet sich immer mal wieder der Musik unter, nämlich dann, wenn sich die Figuren in witzigen Choreografien zum Takt bewegen.

Gesprochen wird nach wie vor wenig, und auch da tanzt Clair aus der Reihe: Statt dem Wort vorbehaltlos Platz einzuräumen, liefert er einen Stummfilm mit Musikbegleitung und Geräuscheffekten ab – jedenfalls streckenweise. Einen musikalischen Geräuschfilm – oder einen geräuschbegleitetes Musical.

Die Handlung dreht sich rund ums Thema Gefängnis, das der Film richtiggehend auslotet. Zwei Freunde unternehmen einen Ausbruchsversuch aus dem Knast, den allerdings nur der eine, Louis schafft. Émile bleibt zurück, weil die Wache die beiden zu früh entdeckt hat.
Im Zeitraffer wird gezeigt, wie Louis sich zum Konzernchef hochgaunert. Seine Firma stellt übrigens Schallplatten her, womit sich Clairs Tonfilm gleich selbst thematisiert (die ersten Filmtöne kamen ab Schallplatte).

Als Emile entlassen wird, findet er ausgerechnet in der Firma seines Freundes Arbeit. Doch zu seinem Schreck muss er feststellen, dass Louis‘ Fabrik nur ein weiteres Gefängnis ist, in dem sogar das Mittagessen vom Fliessband gegessen wird. Sogar die Liebe erscheint als ein Gut, das unerreichbar weggesperrt ist – verkörpert von der von Émile angehimmelten Jeanne, die von ihrem Onkel auf Schritt und Tritt wie von einem Gefängniswärter bewacht wird.

Schliesslich appelliert Émile an die menschliche Seite Louis‘ und überredet ihn am Schluss zu einer weiteren, endgültigen Flucht in die Freiheit. Zuvor aber gibt dieser auch seinen Arbeitern die Freiheit zurück, die er ihnen mit seiner Fabrik zuvor genommen hat: Indem er den Produktionsvorgang vollständig automatisiert und so den Menschen überflüssig macht. Die Schlusssequenz zeigt eine heile Welt von massenweise am Fliessband vorbeiziehenden Grammophonen, glücklichen, angelnden Arbeitern – und Paul und Emile, die als Landstreicher das Weite suchen. Wie einst Charlie Chaplin in seinem Kurzfilm The Tramp.

A nous la liberté ist ein charmantes Stück poetischer Realismus aus Frankreichs früher Klangfilmzeit und besticht – wie eigentlich alle Filme dieses unterschätzten Regisseurs – durch seine liebevoll-charmante Charakterzeichnung und durch die hohe Originalität, mit der seine Geschichte erzählt wird.
9/10

A nous la liberté ist bei Criterion Collection in den USA erschienen, bestellbar ist er u.a. über amazon. com.

http://www.amazon.com/Nous-Liberte-Criterion-Collection/dp/B000067IY4/ref=sr_1_1?s=movies-tv&ie=UTF8&qid=1320147679&sr=1-1

Bilder wie aus einer anderen Welt

LA TOUR
Frankreich, 1928
Mit dem Eifelturm
Regie: René Clair
Dauer: 15 min

…und weiter geht’s mit meiner kleinen René Clair-Retro.
Der letzte Stummfilm, der von ihm erhältlich und somit allgemein zugänglich ist, enthüllt ihn als eigentlichen Eiffelturm-Fetischisten. Die verwegene Konstruktion spielte ja bereits in Clairs drei Jahre früher entstandenem Science-Fiction-Kurzfilm Paris qui dort eine prominente Rolle. Dort passte die Architektur des Turms wunderbar zur futuristisch angehauchten Geschichte um eine Maschine, welche die Zeit stillstehen lassen konnte.

Hier nun füllt Der Turm den ganzen Film. Clair setzt ihm mit seiner Dokumentar-Fantasie, die einen Aufstieg zum und einen Abstieg vom Turm beinhaltet, ein Denkmal und findet gewagte Bilder und Kameraperspektiven, die noch deutlicher als im anderen Film ans Science-Fiction-Genre gemahnen. Man fühlt sich zeitweise an Fritz Langs im Vorjahr entstandenes Werk Metropolis erinnert. Jedenfalls versetzt La Tour den Betrachter in eine scheinbar fremde Kultur mit einer Architektur, in welcher sich Strenge der Konstruktion, Phantasie und anmutige Verspieltheit die Waage halten.

Absolut folgerichtig, dass die Macher dieser DVD auf die Musik Johann Sebastian Bachs als Untermalung verfielen. In der Tat ist der Effekt dieser Symbiose erstaunlich und ich bin versucht zu sagen, dass sich hier die Musik und das Bild gegenseitig unterstützen und befruchten: Die Konstruktion von Bachs Musik wird durch das Bild versteh- ja geradezu erlebbar, Clairs Bilder erstrahlen durch die Musikbegleitung erst in ihrer wahren Aussagekraft. Der etwas metallische Cembaloklang passt zudem hervorragend zum „Stilleben in Metall“, als welches man Clairs Film auch bezeichnen könnte. Film und Musik verschmelzen hier zu einem einzigartigen Kunstwerk.

Somit gebe ich zu Protokoll, dass ich Neil Brands Cembalobegleitung für La Tour zu den  passendsten und besten Musikbegleitung halte, die ich je zu einem Stummfilm erklingen gehört habe. Geschrieben von einem Komponisten, der den Film nie gesehen hat, der ihn aber bestimmt zu schätzen gewusst hätte. Den Film – oder den Eiffelturm.
9/10

Die DVD: Die Bildschärfe und der Kontrast sind sehr gut; das Bild ist gelb eingefärbt.

Die Musikbegleitung wurde von Neil Brand eingespielt (Cembalostücke von Johann Sebastian Bach).

Der Film befindet sich als Extra auf der DVD mit dem Stummfilm Un chapeau de paille d’Italie von René Clair.

Reginalcode: 0

Verfügbarkeit:
USA: Der Film wird von Flicker Alley angeboten. Man bekommt ihn bei amazon(dort gibt’s den Film ab und zu gebraucht für weniger Geld).
Deutschsprachiger Raum: Nicht erhältlich.
Für Preisvergleiche, evtl. preisgünstigere Angebote und andere Fragen im Zusammenhang mit DVD-Bestellungen aus dem Ausland siehe auch die Tipps zur DVD-Bestellung im Ausland.

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