Monat: September 2016

Otto, zieh die Bremse an – 1937

OH, MR PORTER
GB 1937
Mit Will Hay, Moore Marriott, Graham Moffatt, Dave O’Toole, Sebastian Smith, Agnes Lauchlan u.a.
Drehbuch: J.O.C. Orton, Val Guest und Marriott Edgar nach einer Originalstory von Frank Launder
Regie: Marcel Varnel
Dauer: 82 min
Im deutschsprachigen Raum kam der Film erst 1950 in die Kinos, unter dem irreführenden Titel Otto, zieh die Bremse an

Vorspann:
Aus den Dreissigerjahren sind bei uns fast keine britischen Filme bekannt; dass auch in England in dieser Epoche Beachtliches hergestellt wurden, beweist die schrullige Komödie Oh, Mr Porter! mit dem hierzulande praktisch unbekannten Komiker Will Hay in der Hauptrolle. Der Streifen, der in England noch immer ein fester Begriff ist, zählt bei uns zu den vergessenen Filmen. Eine Neuentdeckung.
Inhalt: Der unbedeutende Bahnangestellte William Porter (Hay) will hoch hinaus. Da seine Schwester mit dem Eisenbahn-Präsidenten verheiratet ist, wird Porter vom „Zugrad-Klopfer“ zum Bahnhofstvorstand befördert. Allerdings teilt der Schwager dem unfähigen Potter einen winzigen Bahnhof im hintersten Irland zu. Buggleskelly heisst das Kaff, und der Bahnhof ist seit Jahren stillgelegt: Kein Zug hält mehr dort. Trotzdem treiben sich dort noch immer zwei Bahnhofsangestellte herum, und Mr Potter ist wild entschlossen, den beiden dubiosen Gestalten Arbeitsmoral beizubringen. Eine Gangsterbande und ein lokaler Fluch erschweren das Leben das Leben des frischgebackenen Stationsvorsteher zusätzlich…

Der Film:
„Buggleskelly“ ist in England ein Begriff, genauso wie dieser Film. Hierzulande ist weder der Name des Films noch der seines Hauptprotagonisten ein Begriff, obwohl Oh, Mr Porter in den Fünfzigerjahren in den deutschen Kinos gezeigt wurde – allerdings blieb dies der einzige von Will Hays Filmen, der den Weg zu uns gefunden hat. Der 1949 verstorbene Hay, in Grossbritannien eine nationale Institution wie etwa Margareth Rutherford, ist bei uns höchstens anglophilen Filmkennern bekannt. Dass es sich durchaus lohnt, dessen Komödien neu zu entdecken, zeigt dieser Film, der erfreulicherweise soeben im deutschsprachigen Raum auf DVD erschienen ist (s. unten).

Moffatt, Marriott, Hay und Varnel

Oh, Mr Porter steht den bekannteren und späteren Komödien der Ealing-Studios (Passport to Pimlico, Ladykillers, The Lavender Hill Mob u.a.) in nichts nach. Hier wie dort tun skurrile Figuren skurrile Dinge. Der Humor ist bisweilen absurd und wird mit einem Understatement durchgezogen, der ihn noch potenziert.
Schon in den Dreissigerjahren lagen die Stärken der britischen Komödie offenbar im Drehbuch und in der Wahl der Darsteller – jedenfalls legt Oh, Mr Porter diesen Schluss nahe. Der heilige Ernst, mit dem Hay Porters lächerliche Unternehmungen durchexerziert, ist zum Kringeln. Etwa, wenn er sich dranmacht, den verlotterten Bahnhof von Buggleskelly optisch zu verschönern, um die täglich durchratternden Schnellzüge zum Verweilen zu animieren. In einem der zu diesem Zweck neu angelegten Blumenbeete steht plötzlich der Name der Station – Jeremiah Harbottle, sein methusalemhafter Mitarbeiter hat ihn mit Steinen als Mosaik gelegt. Allerdings steht da „Buggleskkely“. „‚Buggleskelly'“ schreibt man mit zwei „L“, bemerkt Porter. „Das sind aber 13 Buchstaben“, gibt Harbottle zu bedenken, „das bringt Unglück.“ Porter: „Dann nimm ein „K“ raus, das merkt eh‘ kein Mensch.“
Porters Feldzug gegen die Bahnbürokratie und der konstante Kampf, seine beiden renitenten Mitarbeiter zu korrektem Handeln zu bewegen, wir mit ebensoviel Liebe zum Detail und ebenso wunderbaren schrulligen Einfällen erzählt, wie man das von den späteren Ealing-Comedies kennt.

Marcel Varnel

Die Drehbuchautoren, zu denen auch der spätere Regisseur Val Guest (The Quatermass Xperiment; dt: Schock, GB 1955) gehörte, sorgen für eine konstante Folge von absurd-komischen Dialogperlen: Sehr oft wird eine komische Situation von einer verbalen Pointe noch verdelt. Das hat in Grossbritannien Tradition – die heimlichen Stars der klassischen britischen Komödien waren die Autoren, nicht die Regisseure. Letztere machten praktisch alle absolut hervorragende Arbeit und wussten genau, wie Komödie am besten funktioniert, waren aber im Grunde (auf hohem Niveau) austauschbar. Der Regisseur von Oh, Mr Porter (und mehreren weiteren Will Hay-Vehikeln), Marcel Varnel, war zwar gebürtiger Franzose, doch auch auf ihn trifft die obige Beschreibung zu. Er weiss die skurrile Geschichte perfekt ins Bild zu rücken und jeder Pointe zu ihrer maximalen Wirkung zu verhelfen. Mehr nicht; aber auch nicht weniger! (Wieviele Regisseure standen der Entfaltung einer Pointe nicht schon im Weg!)

Obwohl Will Hay komödiantisch mit den Grossen des britischen Kinos mithalten kann (Guinness, Rutherford, Holloway etc), ist sein Stern bei uns nie richtig aufgegangen. Hay war nicht nur Filmkomödiant, sondern kurioserweise auch noch ein bekannter und allseits respektierter Amateur-Astronom mit eigenem, selbst konstruiertem Observatorium im Garten! So konnte er etwa die Entdeckung des grossen weissen Flecks auf Saturn für sich in Anspruch nehmen, ein Phänomen, das 1933 für ein paar Monate zu beobachten war und darauf verschwand. Mit einem selbstgebauten Mikrometer vermass Hay die Positionen verschiedener Kometen. Und 1935 verfasste er ein Buch mit dem Titel Through my Telescope.
Oh, Mr Porter ist heute sein – innerhalb Grossbritannien – bekanntester Film. Ob es sein bester ist, darüber streiten sich die englischen Filmkenner. Er ist aber derart gut, dass er eine Visionierung lohnt. Die anderen Hay-Werke gilt es für uns noch zu entdecken… Auch ohne Teleskop und Mikrometer!

Nachspann:
Der Film wurde im Deutschsprachigen Raum vor kurzem auf DVD veröffentlicht, mit der original englischen Tonspur und der deutschen Synchronisation aus den 50er-Jahren, die erstaunlich gut gelungen ist. Hier geht es zum Angebot.

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Film-Schnipsel

Vorschau:
Eines Tages lässt sich aus heiterem Himmel am Radio die Stimme Gottes vernehmen – auf sämtlichen Radiostationen weltweit. Handelt es sich um einen Scherz oder ist ER es wirklich?
Aus dieser höchst interessanten Prämisse hat MGM 1950 einen Film gemacht – Regie: William A. Wellman. Das Werk heisst The Next Voice You Hear und ist heute völlig vergessen. Ob gerechtfertigt oder nicht, das ist demnächst hier nachzulesen…

Die 42. Strasse – 1933

Ein Filmklassiker
42ND STREET

USA 1933
Mit Warner Baxter, Bebe Daniels, Ruby Keeler, George Brent, Ginger Rogers, Una Merkel, Dick Powell, Guy Kibbee u.a.
Drehbuch: Rian James, James Seymour und Whitney Bolton (uncredited) nach einem Roman des Broadway-Tänzers Bradford Ropes
Regie: Lloyd Bacon
Choreografie: Busby Berkeley
Studio: Warner Bros.
Dauer: 88 min
Der Film kam in Oesterreich 1934 unter dem Titel Die 42. Strasse in die Kinos, im übrigen deutschsprachigen Raum hingegen nicht; in Deutschland bekam man ihn erst 1970 im Fernsehen zu sehen.

Vorspann:
Der Film, der das Musical-Genre revolutionierte und die Karrieren von gleich vier Zelluloid-Stars startete: Busby Berkeleys, Dick Powells und Ruby Keelers und Ginger Rogers‘.

Die Besprechung dieses Films ist Teil meiner kurzen Reihe über frühe amerikanische Film-Musicals:
Golden Dawn (1930)
Love Me Tonight (1932)
– 42nd Street (1933)

Inhalt:
Der berühmte, aber dank der grassierenden Depression mittellose Regisseur Julian Marsh (Baxter) will noch einmal eine letzte Broadway-Show herausbringen, um finanziell wieder auf die Beine zu kommen. Sie muss ein Erfolg werden, und deshalb ist er bei den Proben besonders unnachgiebig und hart. Weil sämtliche der zahlreich benötigten Tänzerinnen ebenfalls unter der Depression leiden, kann sich Marsh während der endlosen Proben fast alles erlauben, niemand murrt über seine Zumutungen und Grobheiten.
42nd Street zeigt den Weg einer Broadway-Musicalproduktion vom Casting bis zur Aufführung, wobei er fast kein Cliché auslässt; auch die Cinderella-Story vom namenlosen Chorusgirl, das zum Broadwaystar aufsteigt, fehlt nicht.

Der Film:
Die Clichés sind das Erste, was einem heute als Betrachter dieses bald fünfundsiebzigjährigen Films ins Auge sticht. Man sollte sich nicht weiter damit aufhalten – dafür hat 42nd Street viel zu viele Vorzüge zu bieten! Zum einen ist er filmhistorisch von grosser Bedeutung. Und zum anderen ist er derart packend geschrieben und gemacht, dass er auch heute noch zu fesseln vermag.

Er schlug 1933 ein wie eine Bombe – zu einer Zeit, als das Publikum musical-müde geworden war. Mit dem Aufkommen des Tonfilms produzierten die grossen Studios ein Musical nach dem anderen, Filme, welche in der Regel die simpel und meist schnittlos abgefilmten Darbietungen bekannter Tänzer und Sängerinnen einfach aneinanderreihten – manchmal wurden diese von einer fadenscheinigen „Handlung“ notdürftig zusammengehalten. (Es gab seltene Ausnahmen wie Rouben Mamoulians innovativer Love Me Tonight).
Indem die Macher von 42nd Street das Musicalbusiness selbst thematisierten und hinter dessen Kulissen leuchteten, schlugen sie zwei Fliegen mit einer Klappe: Einerseits hatten sie damit gleich mehrere starke Storylines und die Thematik ermöglichte es, Song- und Tanznummern „natürlich“ einzubauen. Als Dreingabe funktionierte der Film zudem als Zeitbild: Die Depression, welche nicht nur die Arbeiterklasse schwer beutelte, wurde thematisch in den Film aufgenommen.
Die Leute bekamen so ein Stück Eskapismus, das zudem auf ihrer harten Alltags-Realität beruhte und welches die bisher bekannten und ausgeleierten Grenzen des Musicalgenres  sprengte und es cinématografisch erheblich erweiterte. Das Wagnis und die Innovationen zahlten sich aus: 42nd Street wurde zum gigantischen Erfolg und rette das Warner-Studio vor dem Ruin. Zudem begründete es den Ruhm des Choreografen Busby Berkeley (der in der Folge mehrere noch gigantischere Musical-Kisten fabrizierte und später auch die Regie ganzer Filme übernahm), Ruby Keelers und Dick Powells. Für Keeler war dies die erste Filmrolle. Auch Ginger Rogers Karriere bekam mit diesem Streifen gehörig Schub: Neun Monate danach trat sie erstmals mit Fred Astaire zusammen in Flying Down to Rio auf. Astaire wurde neben Berkeley die zweite Grösse im Filmmusical der Dreissigerjahre.

Das Famose an 42nd Street ist der Umstand, dass er den filmhistorisch relevanten Uebergang vom statischen Frühton-Musical zum kamera-entfesselten Spektakel in sich vollzieht. Für uns wird somit einigermassen gut nacherlebbar, wie Bacons und Berkeleys Films damals gewirkt haben muss. Die Tanz- und Gesangsnummern während der Proben sind im statischen Stil der alten Musicals gehalten. In den letzten fünfzehn Minuten geschieht die Wandlung: Die eigentliche Bühnenshow sieht inszenatorisch gänzlich anders aus – für die damaligen Zuschauer muss das wie eine Explosion der Leinwand gewirkt haben. Plötzlich öffnen sich die Kulissen zu neuer Grösse, und die Kamera fährt sie unentwegt ab, begleitet die Tänzer, umkreist sie, fängt sie aus der Vogelperspektive ein. Sie wird selbst zum Protagonisten des Tanzes.
Möglich wurde dies dank einer rasanten Verbesserung am Tonaufnahme-System, das zu Beginn der Tonfilmzeit noch starr und unbeweglich war, jetzt aber immer agiler wurde und dadurch auch eine beweglichere Kamera zuliess. Das Bild wurde wieder zum bestimmenden Faktor des Films, nachdem es von der Tontechnik jahrelang zur Starrheit verdammt worden war. Das war zwar schon vor 42nd Street der Fall, doch hier wurden diesbezüglich neue Massstäbe gesetzt. Das Film-Musical, wie es jahrzehntelang en vogue war, war geboren.

Fred Astaire verfolgte in den Dreissigerjahren parallel dazu eine andere, weniger bombastische Richtung, die sich gegenüber Berkeleys zunehmend entpersönlichten Monumentalsequenzen schliesslich durchsetzen sollte. Berkeley hatte bald einmal die Spitze der Extravaganz erreicht – noch grösser und ausgefallener ging dann irgendwann nicht mehr, zumal der zunehmende Gigantismus der berkeley’schen Choreografie-Delirien die Substanz der Vorlage, so denn überhaupt noch eine solche vorhanden war, unter sich begrub.
In 42nd Street war dies noch nicht der Fall, weil einerseits der Film dank einem hervorragenden Drehbuch vor Leben sprüht und andererseits weil Berkeleys Choreografie sich hier noch wohldosiert in den Dienst der Sache stellt.

Zu vermerken wäre auch noch Lloyd Bacons Regieleistung. Sie ist beachtlich; sie ist für mich die eigentliche Entdeckung des Films! Bacons temporeiche, ihrer Wirkung permanent bewusste Regie hilft dem Stoff dort, wo Berkeleys Choreografie noch nicht einsetzt. Mit viel Geschick fächert er das kaleidoskopartige Geflecht der einzelnen Bühnen-Schicksale auf, fängt mit viel Liebe zum Detail und mit viel Energie das Leben und die Atmosphäre auf und hinter der Bühne ein und macht sie auch für ein heutiges Publikum zugänglich und nachvollziehbar.
Den vom Drehbuch vorgegebenen schwierigen Balanceakt zwischen Ernst und Witz begeht er mit der dafür nötigen Leichtigkeit, und die technischen Neuerungen beherrscht mit einer an Routine grenzenden Sicherheit.
Ich müsste mehr Filme dieses Regisseurs sehen, um mit Sicherheit behaupten zu können, dass da ein unterschätztes Talent zu entdecken ist.

Nachspann:
42nd Street erhielt eine Oscar-Nomination in der damals noch gängigen Sparte „Outstandig Production“, ging aber gegenüber dem von Frank Lloyd inszenierten Drama Cavalcade (dt.: Kavalkade) leer aus.
Hierzulande erschien er auf DVD; die Scheibe ist inzwischen vergriffen und zu überteuerten Sammlerpreisen leider nur noch gebraucht erhältlich.

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Film-Schnipsel

Kurzrezensionen – Ein zeitgenössischer Film

The Way (dt.: Dein Weg; Emilio Estevez; USA 2010) Mit Martin Sheen,
„Prädikat: Besonders wertvoll“ steht da auf dem DVD-Cover.
Warum?? Einfach, weil ein Pilgertrip nach Santiago De Compostela zur Zeit hip ist? Besonders viel Wertvolles hat Estevez‘ Film wirklich nicht zu bieten. Ein Vater, der sich an Stelle des verstorbenen Sohnes auf den Pilgerweg macht – das ist die Ausgangslage. Unterwegs trifft er auf die merkwürdigsten Gestalten, an vier davon bleibt er irgendwie hängen, sie begleiten ihn schliesslich auf seinem Weg der Trauer. So etwas wie eine Freundschaft entsteht.
Die fünf Hauptfiguren bleiben seltsam blass; ihr andauerndes Gerede bleibt permanent an der Oberfläche. Die Figurenkonstelation wäre an sich interessant, nur weiss Estevez, der auch das Drehbuch verfasst hat, nicht viel mit ihnen anzufangen. Obwohl unermüdlich marschiert wird, tritt der Film von Beginn weg an Ort.

Vorschau:
Das britische Kino der Fünfzigerjahre ist, insbesondere im Komödiensektor, im deutschsprachigen Raum hinlänglich bekannt. Ganz anders schaut es mit den englischen Filmen der Dreissiger- und frühen Vierzigerjahre aus – abgesehen von den frühen Werken Alfred Hitchcocks natürlich.
Dass auch aus dieser Epoche beachtliche Filme ihrer Entdeckung harren, beweist die schrullige Komödie Oh, Mr Porter! (dt.: Otto, zieh‘ die Bremse an; Marcel Varnel 1937) mit dem hierzulande vergessenen Komiker Will Hay in der Hauptrolle. Der Streifen, der in England noch immer ein fester Begriff ist, zählt bei uns zu den vergessenen Filmen. Eine Neuentdeckung in der nächsten Blog-Ausgabe!

Oh, what a lovely War – 1969

EIN VERGESSENER FILM:
OH, WHAT A LOVELY WAR

GB 1969
Mit John Mills, Corin Redgrave, Paul Shelley, Malclom McFee, Maggie Smith, Laurence Olivier, Michael Redgrave, Vanessa Redgrave, John Gielgud, Ralph Richardson, Susannah York, Dirk Bogarde u.a.
Drehbuch: Len Deighton
Regie: Richard Attenborough
Studio: Accord Productions
Dauer: 138 min

Vorspann:
Der Kriegsfilm als Musical – Richard Attenboroughs Regieerstling ist die Verfilmung der gleichnamigen Bühnenshow von Joan Littlewood und Charles Chilton. Bei uns ist Oh, What a Lovely War praktisch vergessen, doch in England gehört das Werk zum Kanon der britischen Filmklassiker. Kann man es heute, 47 Jahre danach, noch sehen? Unbedingt!
Inhalt: Der erste Weltkrieg als grosse Entertainment-Kiste,  the „ever popular war games – songs, battles and a few jokes“. Wir sind mit dabei, von der Ermordung des serbischen Thronfolgers bis zu bitteren Ende des Krieges. Die Smith-Family erscheint im Film stellvertretend für den britischen „everyman“, sämtlich Smith-Männer werden eingezogen und in irgendeiner Weise trans- oder deformiert von der Vernichtungsmaschinereie des Kriegs wieder ausgespuckt. Das Ganze ist als „grand guignol“aufgezogen, mit brilliant choreografierten Musicalnummern; diese basieren auf authentischen Songs, welche bei den britischen Soldaten damals populär waren.

Der Film:
Oh, What a Lovely War konzentriert sich ganz auf die britische Seite und Sicht des ersten Weltkrieges – vielleicht ein Grund, weshalb Attenboroughs Film bei uns nie so richtig Fuss fassen konnte. Vielleicht war es aber auch der spezifisch britische Humor, der damals gerade eine kräftigen Dreh‘ ins Absurde vollführte, für den bei uns die Zeit damals noch nicht reif war. Oh, What a Lovely War ist mit seinem Surrealismus und der Vermengung von Horror und Frohsinn streckenweise nah an Monty Python’s Flying Circus dran, deren lengendäre Fernseh-Serie ein paar Monate nach der Erstaufführung dieses Filmes im britischen TV Premiere hatte. Der „Python-Geist“ war in Grossbritannien allerdings schon ein Weilchen vor der eigentlichen Python-TV-Show präsent: John Cleese, Graham Chapman und Marty Feldman hatten 1967 die Sendung At Last the 1948 Show, Terry Jones, Michael Palin und Eric Idle alberten im selben Jahr in Do Not Adjust your Set in ähnlicher Weise herum. Die Vorlage des Films, die Bühnenshow von Joan Littlewood und Charles Chilton, feierte allerdings bereits vier Jahre davor, im Jahr 1963, Premiere. Es ist deshalb denkbar, dass sie eine der Inspirationsquellen der späteren Monty Phythons war. Das ist allerdings nur Spekulation.

Obwohl der Fokus des Films auf Britannien liegt, und obwohl er dort zu den grossen nationalen Errungenschaften zählt, bleibt Oh, What A Lovely War in seinen Aussagen universell und kann als Antikriegsfilm überall gesehen und verstanden werden.
Die Grunddramaturgie des Films ist so simpel wie frappant: Sämtliche Sequenzen, in denen höhere Militärs und Politiker involviert sind, spielen in einer Art wolkigen Fantasy-Zwischenwelt. Ebenso das erste Drittel des Films, in dem die Soldaten angeworben werden. Gemäss der damals allgemeinen Euphorie zu Kriegsbeginn spielt es auf einem Jahrmarkt, der den Krieg als Abenteuer anpreist, als eine Art Spiel für grosse Kinder. Die darauf folgenden Schlachtfeld-Sequenzen mit den einfachen Soldaten dagegen sind dem harten Realismus verpflichtet. Oft führen harte Schnitte von der einen Ebene in die andere, und erst im Gänsehaut erzeugenden Finale gehen beide ineinander über.

Innerhalb dieser beiden Ebenen gibt es Szenen von z.T. haarsträubender Diskrepanz: Die Musik, die wir hören, passt absolut nicht mit dem Inhalt der gezeigten Bilder überein – und doch ist das Geschehen so choreografiert, dass es mit der Musik korrespondiert. Da erklingen frohsinnige Songs zu erschütternden Bildern; einem Feldgottesdienst zur Hebung der Truppenmoral wird ein Songtext von absoluter Hoffnungslosigkeit unterlegt, welcher dem künstlichen Optimismus diametral entgegensteht und diesen als heuchlerisch entlarvt. Durch diese permanente Diskrepanz erschafft der Film eine weitere Ebene, welche für sich selbst spricht und jegliche Antikriegs-Rhetorik überflüssig macht. Im ganzen Film wird der Krieg verbal kaum je in Zweifel gezogen – eher ist das Gegenteil der Fall. Das in vielfältiger Weise angewandte Prinzip der Diskrepanz zwischen Bild und Ton ergibt die pazifistische Botschaft des Films und erzielt eine Wirkung, die unter die Haut geht. Und das tut es noch immer, auch 47 Jahren danach!

Obwohl der Film weit über zwei Stunden dauert und weder eine richtige Handlung noch eine zentrale Hauptfigur hat, lässt er einen nicht los – auch nach seinem Ende nicht. Zum einen sind die einzelnen Episoden derart abwechslungsreich und originell, dass keine Langeweile aufkommt, zum anderen ist Attenboroughs Regie bisweilen atemberaubend. Er findet Bilder, die durch ihre Direktheit, ihre Frische und Originalität, ihre Doppeldeutigkeit verblüffen und die sich – zusammen mit den unterlegten Songs – ins Gehirn einbrennen. Attenboroughs Bilder packen mit ihrer durchdachten, oftmals schwerelosen Choreografie, durch ihre Beredtheit, durch ihre innere Gestaltung; nicht selten auch durch die schiere Wucht ihrer Ausstattung. Der Film war teuer, und dass Attenborough Massenszenen liebte, sieht man schon an diesem seinem Erstling. Das Geld floss nicht zuletzt dank der grossen Namen, die der Schauspieler/Regisseur für dieses Projekt aufbieten konnte. Als Laurence Olivier zugesagt hatte – trotz gerade abgeschlossener kräftezehrender Krebsbehandlung – gab es kein Halten mehr: Gielgud sagte zu, Ralph Richardson, Michael und Vanessa Redgrave, Dirk Bogarde, John Mills, um nur einige zu nennen. Der versammelte Adel der englischen Bühne, sie alle wurden im Film als – Adlige eingesetzt. Der von John Mills grandios verkörperte Feldmarschall Sir Douglas Haigh – so etwas wie die zentrale Figur des Films – verkauft zunächst auf dem Jahrmarkt Karten für das Spektakel „erster Weltkrieg“, um dann mit zunehmender Filmdauer vom Aussichtsturm des Badepavillions in Brighton aus die Toten zu zählen und diese als „notwendige Verluste“ zu deklarieren.
Das „gemeine Volk“ wird von kaum bekannten Akteuren verkörpert.

Den absolut denkwürdigsten Auftritt – der „Jaw-dropper“ unter den zahlreichen „Jaw-droppern“ dieses Werks – hat Maggie Smith. Sie tritt auf, wie man sie wohl noch nie gesehen hat: Unvermittelt, inmitten einer Tingeltangel-Revue, erscheint sie als vulgäre Night-Club-Sängerin und lockt mit einem sexy und lasziv vorgetragenen Lied junge Männer an, sich freiwillig für den Krieg zu melden. Eine wahrhaft grosse Szene!

Attenboroughs Erstling müsste bei uns eigentlich bekannter sein. Nicht nur die inszenatorische Meisterschaft des Regisseurs gleich in seinem ersten Film verblüfft; nicht nur die hervorragend orchestrierte Musik begeistert, die subtile Choreografie, die grandiosen Schauspieler. Oh, What A Lovely War ist ein Gesamtkunstwerk, das uns ohne einen falschen Ton konstant erstaunt, überrascht und überrumpelt. Ein „Antikriegs-Gesamtkunstwerk“ sondergleichen. Es wird überall auf der welt verstanden und hat nichts von seiner Brisanz eingebüsst.

Abspann:
Oh, What A Lovely War ist trotz seiner universell gültigen Aussage im deutschsprachigen Raum nie auf DVD, Blu-ray oder VHS erschienen – dem Missstand müsste unbedingt Abhilfe geschaffen werden!

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Film-Schnipsel

Kurzrezensionen – Ein Filmklassiker auf dem Prüfstand

Lust for Life (dt.: Vincent van Gogh – Ein Leben in Leidenschaft; Vincente Minelli, USA 1956) Mit Kirk Douglas, Anthony Quinn, u.a.
Vincente Minellis vielgepriesener van Gogh-Film ist eigentlich die Verfilmung von Irving Stones Biografie – und das merkt man leider. Die Buchstabentreue und die Verkürzung auf das Wichtigste steht einer lebendigen Schilderung im Weg. Man bekommt das Gefühl des Abschreitens verschiedener Stationen in einem van Gogh-Museum, denn von einer lebendigen Künstler-Biografie. Und das, obwohl Kirk Douglas seine Sache sehr gut macht; seine van Gogh-Interpretation hat dem Lauf der Zeiten standgehalten – Minellis Regie leider nicht! Man merkt dem Film immer wieder an, aus welchem Studio er kommt; immer wieder schleichen sich MGM-Standards ein, es gibt Tableaus, die schreien geradezu „MGM“. Dieser Film hat mir deutlich gemacht, dass in diesem Studio eine Formelhaftigkeit vorherrschte, die bis zu Personen-Arrangements und einzelnen Gesten ging. Es gibt Figuren-Anordnungen, die ich bereits in anderen MGM-Filmen gesehen zu haben glaubte. Somit verunglücken die Liebesszenen zu Kitsch-Tableaus und wenn sich dann auch noch überdeutlich die für dieses Studio typischen bonbonfarbenen Studiokulissenlandschaften bemerkbar machen, ist es mit der Authentizität aus. Zudem neige ich nach der Sichtung einmal mehr zum Verdacht, dass der vielgepriesene Vincente Minelli überschätzt wurde.
Was den Film verstaubt wirken lässt, ist der zeitlich Abstand: Der Authentizitätsanspruch an das biografische Kino ist seit 1956 erheblich höher geworden. Heute gilt: Wenn schon kitschig, dann gleich richtig. Und sonst bitte gar nicht! Lust for Life wirkt heute wie ein seltsames Zwischending zwischen diesen zwei Sichtweisen.

Vorschau:
Den Abschluss meiner kleinen Reihe über die Entwicklung der frühen Film-Musicals macht eine Besprechung des vielzitierten Klassikers 42nd Street (dt.: Die 42. Strasse; Lloyd Bacon, USA 1933), mit welchem der grosse Choreograph Busby Berkeley berühmt wurde. Ein Meilenstein des Musicalfilms, dessen riesiger Erfolg Warner Bros. kurz vor knapp vor dem Ruin rettete. Mal sehen, wie das Werk heute wirkt…