Monat: Mai 2016

Nacht der tausend Sterne (1943)

THOUSANDS CHEER
USA 1943
Mit Kathryn Grayson, Gene Kelly, José Iturbi, John Boles, Mary Astor, Mickey Rooney, Judy Garland, Frank Morgan, Red Skelton, Margaret O’Brien, Lena Horne u.v. a.
Drehbuch: Paul Jarrico und Richard Collins
Regie: George Sidney
Studio: MGM
Dauer: 125 min
Der Film kam spät in den deutschsprachigen Kinos an. Erst 1954 wurde er dort gezeigt, unter dem Titel Nacht der tausend Sterne.

Vorspann:
Die Sängerin Kathryn Jones (Grayson) soll ihren Vater, Colonel Jones (Boles) in Trainingscamp der US-Armee begleiten und dort eine Show zur Hebung der Truppenmoral auf die Beine stellen. Sie verliebt sich in den Soldaten Eddie Marsh (Kelly), der zunächst desertieren will, dank Kathryn aber doch einen Sinn in der militärischen Ausbildung findet und ihr mit der Show hilft. Das letzte Drittel des Films zeigt schliesslich die geplante Show und ist eine Abfolge von Shownummern mit Gastauftritten zahlreicher Hollywood-Stars.

Der Film:
Diesmal gibt der „Klassiker der Woche “ nicht viel Anlass zur Begeisterung. Wie die hier bereits vorgestellten Filme The Human Comedy und The Caterville Ghost wurde er 1943, mitten im Krieg der USA mit Deutschland, gedreht und wie diese diente er zur Hebung der Truppenmoral. Dabei ist Thousands Cheer propagandistisch der direkteste der drei- hier steht das Militär und der einzelne Soldat gänzlich im Zentrum der Handlung.

Thousands Cheer zerfällt in zwei ziemlich desparate Teile: Zwei Drittel des Films gehören der Liebesgeschichte um Kathryn Jones und Private Marsh, der eigentlich Hochseilartist ist. Dieser Teil ist mässig interessant, einerseits wegen der Farblosigkeit sämtlicher Charaktere, andererseits weil diese von völlig uncharismatischen Schauspielern verkörpert werden. Mit Ausnahme von Gene Kelly (der allerdings schauspielerisch sichtlich überfordert ist) und José Iturbi bleibt kein einziger der Akteure und Aktricen der Spielhandlung in Erinnerung. Augenfällig wird dies am Beispiel der Hauptdarstellerin. Judy Garland führt in ihrem Kurzauftritt am Ende des Films in drei Minuten vor, was Charisma und Leinwandpräsenz bedeutet und macht damit augenfällig, wie sehr diese Qualitäten Kathryn Grayson abgehen.

Das letzte Drittel, die grosse Bühnenshow, setzt abrupt ein und wirkt lieblos an den Film drangeklebt. Kein Wunder, griff man dafür zum Teil auf Sequenzen aus zwar fertiggestellten, aber nicht veröffentlichten Filmen zurück, die deutlich sichtbar von anderen Units gefilmt wurden. Der Auftritt von Eleanor Powell etwa wirkt wie eine in einem Take rasch durchfilmte Testaufnahme. Auch Lena Hornes Auftritt wirkt deutlich wie ein Fremdkörper. Auch dass bei fast jeder Musikeinlage wieder ein anderes Orchester zu Gange ist, trägt stark zum Eindruck von Flickschusterei bei, den der Film gegen Schluss stark erweckt.
Weil die Spiel-Handlung mit dem Beginn des Show-Segments jäh wegbricht und nicht wenige der dort gezeigten Nummern zu lang oder zu uninteressant – oder beides – sind , verliert der Zuschauer bald jegliche Geduld. Auf eine zusätzliche Probe wird diese von Mickey Rooneys sowohl angestrengter als auch anstrengender Moderation gestellt. Einzig der vom Pianisten / Dirigenten José Iturbi am Klavier begleitete witzige Song Judy Garlands und Red Skeltons Sketch mit der kleinen Margareth O’Brien glänzen als Perlen aus dem Mittelmass heraus.

Der eigentliche Star zumindest der beiden ersten Filmdrittel ist José Iturbi; die beiden Hauptakteuere Grayson und Kelly hatten erst in wenigen Filmen mitgespielt, sie in fünf, er in vier, und waren noch kaum bekannt. Iturbi dagegen schon. Allerdings nicht vom Kino. Der geborene Spanier war in den 20er-Jahren als pianistisches Wunderkind bekannt. In Amerika feierte er grosse Erfolge und machte ab 1933 auch als Dirigent von sich reden. Obwohl er heute praktisch vergessen ist, zur Zeit der Dreharbeiten war der klassisch ausgebildete Musiker wahrscheinlich bekannter als die beiden Hauptdarsteller; Thousands Cheer war sein erstes Filmengangement, das im Anfangstitel wie ein Grossereignis zelebriert wird. Entsprechend seines Status räumte man ihm viel Platz im Film ein: Man sieht ihn mehrmals ganze Stücke entweder dirigieren oder auf dem Klavier spielen. Die Handlung ruht in diesen Momenten (und nicht nur in diesen!).

Thousands Cheer ruhte bisher auch – in einem Studioarchiv. Das darf er getrost weiterhin tun.

Abspann:
Gene Kelly nachfolgender Film war Tay Garnetts Anti-Nazi-Film The Cross of Lorraine (keine deutsche Veröffentlichung bekannt) von 1943, in welchem er einen Franzosen spielen musste. Wie der Vorgängerfilm zu Thousands Cheer, Georg Sidneys Pilot #5 (ebenfalls 1943) enthielt auch dieser keine Tanzszene. Immerhin gibt es eine solche in Thousands Cheer, doch diese ist eigentlich viel zu kurz. Erst zwei Jahre später kam dann mit Anchors Aweigh (dt.: Urlaub in Hollywood, 1945) Kellys Durchbruch als Tänzer. Regisseur George Sidney, Kathryn Grayson und José Iturbi waren erneut mit von der Partie. Und ein junger Sänger namens Frank Sinatra.
Kathryn Grayson, eine ausgebildete Koloratursopranistin, wurde 1941 für den Film entdeckt. Gemäss ihrer Profession wurde sie in erster Linie in Musicals eingesetzt. Vor Thousands Cheer war sie in Frank Borzages Musical (!) Seven Sweethearts (dt.: Sieben junge Herzen, 1942) als Holländerin zu sehen, danach spielte sie, erneut an der Seite von Gene Kelly im bereits erwähnten Anchors Aweigh. Ihr bis heute bekanntestes Musical ist Show Boat (dt.: Mississippi-Melodie, George Sidney, 1951).
José Iturbi trat nach seinem ersten Leinwandauftritt in Thousands Cheer bis 1951 noch in 9 weiteren Filmen auf, immer als er selbst. Grosse Freude hatte er allerdings nicht an der Filmerei, und so tourte er bis in die 80er-Jahre weiter erfolgreich als Dirigent durch die Welt.
George Sidney drehte vor dem hier rezensierten Musical das bereits erwähnte Kriegsdrama Pilot #5, danach die Musicalkomödie Bathing Beauty (dt.: Badende Venus, 1944) mit Esther Williams und Red Skelton.

Rezeption:
Der Film wurde ein voller Erfolg und brachte dem Studio Einnahmen von über 2 Mio Dollar. Das Presse-Echo schwankte zwischen Begeisterung und lauwarmer Zustimmung. Immerhin wurde der Film für drei Oscars nominiert: Beste Kameraarbeit, beste Filmmusik und beste Art Direction. Er ging in allen Sparten leer aus.

Thousands Cheer ist im deutschsprachigen Raum weder auf DVD noch auf Blu-ray-veröffentlicht worden. Er war auch nicht auf VHS erhältlich.
In den USA erschien er als “DVD on demand” innerhalb der Reihe Warner Archive Collection – mit sehr gutem Bildtransfer (siehe Screenshots).

Der klassische Film diese Woche – Blick in andere Film-Blogs:
Lawrence of Arabia (David Lean, 1962) wird von Film im Dialog diskutiert – zur Sprache kommt auch, weshalb man das imposante Werk auf der grossen Leindwand sehen sollte und weshalb es so schwierig ist, das auch zu tun, wenn er da schon mal gezeigt wird…
Schmutziger Engel (1958), der Erstlingsfilm des Regisseurs Alfred Vohrer, wird im Blog Grün ist die Heide ausführlich vorgestellt.

Mein Bruder, ein Lump (1962)

ALL FALL DOWN
USA 1962
Mit Brandon De Wilde, Warren Beatty, Angela Lansbury, Eva Marie Saint, Karl Malden, Barbara Baxley u.a.
Drehbuch: William Inge nach einem Roman von James Leo Herlihy
Regie: John Frankenheimer
Studio: John Houseman Productions / MGM
Dauer: 110 min
Der Film lief im deutschsprachigen Raum 1962 unter dem abenteuerlichen Titel Mein Bruder, ein Lump in den Kinos.

Vorspann:
Clinton Willart (De Wilde), ein Student aus Ohio reist nach Florida, um seinen älteren Bruder Berry-Berry (Beatty) zu besuchen. Von diesem hatte die Familie schon lange kein Lebenszeichen mehr erhalten. Schnell wird deutlich, dass Clinton den älteren Bruder vergöttert; die Nachricht, dass Berry-Berry im Knast sitzt, steigert Clintons Bewunderung für den „Outcast“ noch um ein paar Grade.
Die Eröffnungssequenz in Key West, Florida, skizziert die Qualität der brüderlichen Beziehung: Der jüngere Clinton nimmt sich den grossen Bruder als mögliches Vorbild mit auf dem Weg zum Erwachsenwerden, bewundert dabei vor allem dessen vermeintliche innere Freiheit, dank der sich Berry-Berry auch von zwischenmenschlichen Konventionen losgesagt hat.
Im zweiten „Akt“ lernen wir das Elternhaus kennen. Clinton ist zurück in Ohio, wo er versucht, sein Verhalten dem des grossen Bruders anzugleichen und – allerdings zaghaft – „den Aufstand“ zu proben. Die Eltern, ein derangiertes Mittelschicht-Paar, taugen nicht als Vorbilder. Mutter Annabelle (Lansbury) ist neurotisch, besitzergreifend und dominant, Vater Ralph (Malden) zum resignierten Trinker geworden. „Der verlorene Sohn“ Berry-Berry wird auch von den Eltern idolisiert, allerdings blenden sie dessen Verhaltensschwierigkeiten vollständig aus.
Als mit Echo O’Brien (Saint) eine Freundin der Willarts zu Besuch kommt, zu der sich Clinton emotional stark hingezogen führt, bahnt sich eine Katastrophe an – denn auch Berry-Berry ist auf dem Weg ins Elternhaus…

Der Film:
Ich bin echt kein Freund psychologisierender Kinodramen, ganz besonders nicht, wenn sie dazu auch noch mit Symbolik aufgeladen sind. Es gibt aber Ausnahmen, und die finden sich allesamt im amerikanischen Kino der Fünfziger- und Sechzigerjahre. Die Amis können das einfach – meist steht bei ihnen nicht „das Leiden“ als solches im Zentrum, wie das im europäischen Film oft der Fall ist, sondern die Figuren und deren Beziehungsgeflecht. Und wenn diese Figuren dann auch noch mit derart starken Schauspielern besetzt sind wie im vorliegenden Film und auch die Dialoge stimmen, dann hat man mich „im Boot“.

All Fall Down ist wieder mal einer dieser geschmähten und deshalb vergessenen Filme, deren Neuentdeckung ich mir auf die Fahnen geschrieben habe. Von diesem hier bin ich fast restlos begeistert!
Er steht ganz in der Tradition der Tennessee-Williams-Verfilmungen und -stücke jener Zeit, in welchen die Handlungen der Figuren oft aus ihren familiären Hintergründen heraus psychologisch „erklärt“ werden. Auch hier geschieht dies, allerdings auf angenehm unaufdringliche Weise: Die Hinweise und psychologischen Zusammenhänge sind da, für jene, die sie zu erkennen vermögen. Diese Ebene wird nie überstrapaziert, die „Botschaft“ wird dem Zuschauer nicht mit dem Zeigefinger ins Auge gedrückt. Man kann die subtil platzierten Hinweise und Zusammenhänge sehen oder nicht. Wer sie sieht, der wird den Tiefgang des Films bemerken. Die anderen nicht.
Die Symbolik ist manchmal etwas stark präsent, aber ebenfalls ohne sich plump in den Vordergrund zu spielen. Drehbuchautor William Inge – wie Tennessee Williams ursprünglich ein Theaterautor – hat eine hervorragende Arbeit abgeliefert. Ebenso der Regisseur. Das familiäre Geflecht der Willarts wird im Roman ausführlich ausgebreitet. Der Film muss mit viel weniger auskommen. Inge und Frankenheimer gelingt das Kunststück, mit knappsten Mittel alle nötigen Hinweise zu geben. Es ist alles da – mal ist es ein Satz, mal ein Blick, mal ein Kamerawinkel – man muss es nur beachten. Die Zeit war damals allerdings noch nicht reif für dieses feinsinnige Drama, der Film wurde ein Flop (zur Rezeptionsgeschichte siehe letzter Abschnitt).
Die Romanvorlage stammt übrigens von James Leo Herlihy, dem Autor des Romans Midnight Cowboy, der 1969 mit Dustin Hoffman und Jon Voight verfilmt wurde.

John Frankenheimer war beim Dreh 31 Jahre alt. Nach einigen aufsehenerregenden Arbeiten für das Fernsehen war All Fall Down sein dritter Kinofilm – und der erste von drei Spielfilmen, die er alle 1962 drehte (die anderen beiden waren The Birdman of Alcatraz und The Manchurian Candidate). Zusammen mit Kameramann Lionel Lindon und den Art Directors E. Preston Ames (An American in Paris) und George W. Davis (The Time Machine) schafft Frankenheimer im Haus der Willarts eine beklemmende, beengende Atmosphäre, welche die Derangiertheit der Familie über die verdrehte Architektur und die chaotische Einrichtung sicht- und spürbar macht.
Und er findet Bilder, die einen noch heute treffen wie ein Schlag aus heiterem Himmel. Etwas wie die Liebessequenz zwischen Berry-Berry und Echo etwa habe ich zuvor noch nicht gesehen: Sie ist gleichzeitig zärtlich-berührend, fiebrig-delirierend und jagt einem doch Schauer des Entsetzens über den Rücken. Wie sein Kollege Elia Kazan arbeitet Frankenheimer mit extremen Nahaufnahmen von Gesichtern, ein Stilmittel, das den Schauspielern alles abverlangt.

Und die geben alles!
Die gesamte Crew ist hervorragend – ausnahmslos. Das Talent, das hier versammelt wurde, ist geradezu atemberaubend. Keiner fällt auch nur im Geringsten ab – All Fall Down gehört für mich zu den Filmen mit der kompaktesten Ensembleleistung.
Allen voran muss Angela Lansbury erwähnt werden – sie gibt die neurotische Annabelle geradezu beängstigend echt. Da ist jede Gesichtsmuskelzuckung am richtigen Platz. US-Kritiker bemängeln Lansburys überangestrengten Südstaaten-Slang. Natürlich ist die britische Mimin vom linguistischen Standpunkt aus gesehen eine merkwürdige Wahl für diese Rolle; doch wir Europäer bemerken eventuell falsche Betonungen nicht und können uns ganz auf die grandiose Leistung der Aktrice konzentrieren – und darüber staunen. Annabelle ist die zentrale Figur des Dramas, um sie, die Monster-Mutter, dreht sich im Grunde alles, sie ist der Ursprung des Tragödie. Alle anderen Familienmitglieder reagieren auf ihre Weise auf ihre psychischen Übergriffigkeiten: Der ältere Sohn Berry-Berry, indem er vor ihr in die Unerreichbarkeit flüchtet; die psychische Unabhängigkeit jedoch erreicht er nie, und so ist er ein Zerrissener zwischen Flucht und unstillbarer Sehnsucht nach der Mutter, eine Zerrissenheit, die ihn zum Getriebenen macht. Warren Beatty schafft in diesem seinem dritten Kinofilm das Kunststück, die Zerrissenheit spürbar zu machen, er spielt Berry-Berry mit unstetem Blick, als gehetzten, im Innersten verletzlichen Halbstarken, der nicht weiss, wohin er gehört und was er in der Welt soll. Vater Ralph flüchtet ebenfalls vor Annabelle, allerdings in die psychische Isolation und in den Alkohol. Ralph ist die Figur, die am einfachsten gestrickt ist, auch die liebenswerteste. Karl Malden spielt ihn, als hätte er nie andere Rollen gespielt. Er verschmilzt derart mit Ralph Willart, dass man glauben möchte, er spiele sich selbst. Der jüngere Sohn Clinton, die eigentliche Hauptfigur des Films, hat die höchste Präsenzzeit im Film. Clinton wird gerade erwachsen und sucht seine Rolle im Leben. Ihm leiht der früh verstorbene Brandon De Wilde sein Gesicht. Er spielt Clinton mit einen erstaunlichen Mischung aus Unsicherheit und Gefestigtheit. Man zweifelt keinen Moment daran, dass Clinton als einziger „gesund“ aus dem Drama hervorgeht und seinen Platz im Leben findet. Im Grunde steckt der ältere Bruder Berry-Berry genau im selben Prozess wie Clinton. Doch im Gegensatz zu diesem steckt Berry-Berry darin fest – seit Jahren, und es gibt keine Hoffnung für ihn, da jemals heraus zu kommen.

All Fall Down ist ein bitterer Film über die fragilität menschlicher Beziehungen. Ich halte ihn für ein Meisterwerk, das im Schatten von Frankenheimers anderen Filmen schmählich vergessen worden ist.

Abspann:
-Brandon De Wilde
kennen Westernfreunde als Junge Joey aus George Stevens Shane (dt.: Mein grosser Freund Shane, 1953). Vor und nach All Fall Down war er in Philip Dunnes Blue Denim (dt.: Die Unverstandenen, 1959) mit Carol Lynley zu sehen und in Martin Ritts Hud (dt.: Der Wildeste unter tausend, 1963) an der Seite von Paul Newman. De Wilde verstarb 1971 im Alter von 30 Jahren an den Folgen eines Autounfalls.
Warren Beatty trat zuvor in José Quinteros Film The Roman Spring of Mrs. Stone (dt.: Der römische Frühling der Mrs. Stone, 1961) auf, einer Tennessee Williams-Verfilmung mit Jante Leigh in der Hauptrolle. Danach hatte er die männliche Hauptrolle in Robert Rossens Lilith (1964), neben Jean Seberg und Peter Fonda.
Angela Lansbury war zuvor 1961 an der Seite von Elvis Presley im Kino zu sehen – in Norman Taurogs Musical-Comedy Blue Hawaii! Nach All Fall Down arbeitete sie erneut mit John Frankenheimer zusammen und spielte in dessen The Machurian Candidate (dt.: Botschafter der Angst, ebenfalls 1962) eine ähnliche Rolle wie im Vorgängerfilm.
Karl Malden drehte im Vorjahr mit Delmer Daves Parrish (dt.: Sein Name war Parrish), wo er einen Bösewicht spielte. Nach All Fall Down arbeitete er im selben Jahr gleich nochmals mit John Frankenheimer zusammen und spielte den Gefängniswärter in The Birdman of Alcatraz (dt.: Der Gefangene von Alcatraz).
John Frankenheimer drehte im Jahr zuvor The Young Savages (dt.: Die jungen Wilden) mit Burt Lancaster. 1962 drehte er hintereinander drei Meisterwerke: All Fall Down, The Birdman of Alcatraz und The Manchurian Candidate.
William Inge war Theaterautor, mehrere seiner Stücke wurden von anderen Autoren für den Film bearbeitet, z.Bsp. Come Back, Little Sheba (dt.: Komm zurück, kleine Sheba), oder Bus Stop. Fürs Kino schrieb er lediglich drei Drehbücher: Splendor in the Grass (dt.: Fieber im Blut, Elia Kazan, 1961, ebenfalls mit Warren Beatty), All Fall Down (1962) und Bus Riley’s Back in Town (dt.: Widersteh, wenn du kannst, Harvey Hart, 1965), letzteres allerdings unter dem Pseudonym Walter Gage. Fürs Fernsehen schrieb Inge wesentlich mehr Originalrehbücher.
Sein Drehbuch zu Splendor in the Grass gewann 1961 den Oscar.
1973 setzte der depressive Autor seinem Leben ein Ende.

Rezeption:
All Fall Down kam bei seinem Kinostart nicht gut an. Bosley Crowther von der New York Times verdammte den Film in Bausch und Bogen, schimpfte Warren Beattys Figur einen Unsympathen, der den ganzen Film kaputt mache. Völlig unglaubwürdig fand er deshalb die Zuneigung, die ihm von praktisch allen anderen Filmfiguren entgegengebracht wird. „Deshalb funktioniert der ganze Film nicht“, lautete sein Fazit. Warren Beatty bezichtigte er, Marlon Brando und James Dean zu kopieren.
Auch das Publikum mochte Frankenheimers Film offenbar nicht – an den Kinokassen erlitt er einen Verlust von über 1 Million Dollar. Immerhin war er 1962 anlässlich der Filmfestspiele in Cannes für die goldene Palme nominiert (gewonnen hatte dann das brasilianische Drama O Pagador de Promessas (dt.: Fünfzig Stufen zur Gerechtigkeit) von Anselmo Duarte.

Ich behaupte, der Film war seiner Zeit voraus und wurde nicht verstanden. Aus meiner Sicht kann Berry-Berrys Verhalten, das im Film nie erklärt wird, erst heute zumindest ansatzweise interpretiert werden, nachdem viele Erkenntnisse der Psychologie ins Allgemeinwissen übergegangen sind. Sein dysfunktionaler Charakter kann heute definitiv als krank und somit tragisch erkannt werden. Das damalige Publikum scheint er hauptsächlich verunsichert zu haben. Der äusserst merkwürdige Name „Berry-Berry“ weckt Assoziationen zur Krankheit „Beri-Beri“, die unter anderem emotionale Störungen und sensorische Aussetzer auslöst – also genau Berry-Berrys Hauptprobleme. Dieser Umstand ist m.E. ein sicherer Hinweis für die Richtigkeit der „Krankheits-Theorie“.

All Fall Down ist ein meisterhafter, vielschichtiger Schauspielerfilm, der durchaus eine deutsche DVD- oder Blu-ray-Veröffentlichung verdient hätte. Hierzulande war er nicht mal auf VHS erhältlich.
In den USA erschien er als “DVD on demand” innerhalb der Reihe Warner Archive Collection.

 

Der klassische Film, anderswo gebloggt
A Modern Hero, G.W. Pabsts einziger, 1934 in den USA gedrehter Film bespricht Patrick Holzapfel innerhalb der Pabst-Reihe des Blogs Jugend ohne Film.
Macbeth (USA 1948) von Orson Welles widmet Hoffmann von den Drei Cinéasten einen kurzen Artikel.
L’amore difficile (dt.: Erotica, 1968) ist ein italienisch-deutscher Episodenfilm mit erotischen Geschichten. Der Blog L’amore in Citá widmet ihm eine azsführliche Beschreibung.

Menschen am Sonntag (1930)

MENSCHEN AM SONNTAG
D 1930
Mit Erwin Splettstößer, Brigitte Borchert, Wolfgang von Waltershausen, Christl Ehlers, Annie Schreyer u.a.
Drehbuch: Billy Wilder nach einer Reportage von Kurt Siodmak
Regie: Robert Siodmak  und Edgar G. Ulmer
Studio: Filmstudio Berlin
Dauer: 74 min

Vorspann:
Fünf Menschen in Berlin, in der Zeit zwischen der Wirtschaftskrise und dem Aufkommen des Nazionalsozialismus‘: Ein Taxifahrer, eine Schallplattenverkäuferin, ein Weinhändler und eine Filmkomparsin. Zwei von ihnen, ein Mann und eine Frau, finden einigermassen zufällig zusammen und verabreden sich fürs Wochenende. Mit der jeweils besten Freundin / dem besten Freund im Schlepptau trifft man sich zur Fahrt ins Blaue. Nach einem frivolen Bäumchen-wechsle-dich-Spiel geht man danach wieder auseinander – der Alltag lauert bereits wieder hinter der nächsten Ecke.

Der Film:
Keine Action. Keine monumentalen Kulissen. Und vor allem: Keine Stars. In einer Zeit, da die UFA-Studios mit teuren und ambitionierten Grossproduktionen wie Metropolis, Faust oder Die Frau im Mond die Leute bis ins ferne Amerika in die Kinosäle lockten, setzte ein Grüppchen gewitzter, filmbegeisterter Jungspunde einen Kontrapunkt mit einem No-Budget-Stummfilm. So ist es und nicht anders sollte er ursprünglich heissen und die überbordenden UFA-Fantastereien mit nackter Realität kontrastieren. Er sollte „on location“ in Berlin und Umgebung gedreht werden und ohne Schauspieler auskommen. Genauer: Ohne Stars. Man engagierte Laien, die sich quasi selbst spielen sollten und die man nach ein paar Drehmonaten wieder ins Zivilleben entliess. Die Ironie der Geschichte ist, dass der Film sehr wohl seine Starpower hatte, nämlich die vier Leute hinter der Kamera. Das wurde allerdings erst im Lauf der Jahre manifest: Jeder einzelne der am Film beteiligten Autoren ist heute sogar für Cinéasten-Anfänger ein Begriff: Robert und Curt Siodmak, Edgar G. Ulmer, Fred Zinnemann und Billy Wilder. Die Prämisse „keine Stars“ wurde vom Fortgang der Geschichte quasi rückwirkend unterlaufen! Aber das konnte damals ja keiner der fünf ahnen.
Auch dass der Film auf Anhieb ein Erfolg wurde, ahnte keiner der Beteiligten. Ja, nicht mal zu hoffen hatten sie das gewagt.

Die beiden in den Credits unter „Regie“ aufgeführten Jungkünstler hatten bereits ihre Erfahrung im Filmgeschäft: Robert Siodmak hielt sich bei seinem Onkel Heinrich Nebenzahl bei der Produktion von dessen Harry Piel-Filmen mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Und Edgar G. Ulmer, der aus Amerika „zu Besuch“ war, hatte bei an den Sets von Murnaus Sunrise (dort als Assistent von Art Director Rochus Gliese) und bei Cecil B. DeMilles King of Kings (als Assistent von Art Director Mitchell Leisen) zu tun gehabt.
Roberts Bruder Kurt (später Curt) Siodmak legte die Grundlage zu Menschen am Sonntag mit einer Reportage, die fünf jungen Menschen an einem Wochenende auf ihren Streifzügen durch Berlin folgte. Billy (damals noch „Billie“) Wilder verfasste das Skript („sieben Seiten“). Und Fred „High Noon“ Zinneman war der Kameramann.
Wer von den fünf eigentlich was zum fertigen Film beigetragen hat, ist heute kaum noch zu eruieren. Ziemlich sicher ist der Beitrag von Kurt Siodmak, die Reportage. Gemäss Robert Siodmaks Memoiren, welche 1980 erschienen, sprangen praktisch alle ausser ihm nach kurzer Zeit vom Projekt wieder ab; er will Menschen am Sonntag quasi im Alleingang fertiggestellt haben. Gemäss Siodmak soll etwa Billy Wilder genau einen Gag beigetragen und während den Drehvorbereitungen und der Drehzeit mit permanenter Abwesenheit geglänzt haben.
Auf der anderen Seite existieren zwei Artikel von Billy Wilder, die ein gänzlich anderes Bild ergeben. Der erste der beiden Text wurde während den Dreharbeiten verfasst, der andere kurz nach der gloriosen Premiere. Gemäss Wilders Bericht war der Film sehr wohl ein Kollektivwerk, das alle fünf fast an den Rand des Nervenzusammenbruch und des Ruins getrieben haben soll.
Kurt Siodmak bestätigt die Version seines Bruders Robert, während Laiendarstellerin Brigitte Borchert in einem Interview von 2000 aussagte, dass Billy Wilder während dem Dreh immer die Blenden halten musste, er also keineswegs „mit Abwesenheit geglänzt“ hatte.

Unbestritten ist, dass Robert Siodmak die treibende Kraft hinter Menschen am Sonntag war. Auch wenn die Grundidee hinter dem neuartigen Projekt vielleicht nicht von ihm stammte (was aber auch nicht sicher ist), so hat er den Film doch im Laufe der Drehs zu seiner Sache gemacht. Die Desillusionierung lauerte stets hinter der nächsten Ecke – chronischer Geldmangel, wochenlange ungünstige Wetterverhältnisse, ein wankelmütiger Produzent und eine unprofessionelle Darstellertruppe liessen das Projekt immer wieder stagnieren.  Doch Siodmak trieb seine Crew an, er hatte die Vision und glaubte an das Vorhaben. Ihm und seinen Beziehungen ist wohl auch zu verdanken, dass Menschen am Sonntag nicht in einem popeligen Kleinkino, sondern im Ufa-Palast am Ku’Damm Premiere hatte.

Gefilmt wurde ohne Drehbuch. Man setzte sich am Anfang des Drehtags in ein Café, die vier Hauptdarsteller und die vier Autoren an verschiedenen Tischen, und dann besprachen Siodmak, Ulmer und Wilder den nächsten Dreh. Nach einigem hin und her wurde der Entschluss dem Nebentisch mitgeteilt und los ging’s. Zum Wannsee. In die Stadt. Ins Studio (die Innenaufnahmen im Studio wurden alle am selben Tag gedreht). Während dem Dreh entstanden neue Ideen, die gleich eingebaut wurden. Die Darsteller agierten dank der lockeren Planung oft spontan, was manchmal zu neuen Szenen und Wendungen führte.
In den Pausen der Darsteller wurden das Treiben am See gefilmt, der Trubel der Stadt, dokumentarisches Material, das heute Zeugnis ist über das Leben im noch unbeschwerten und ungeteilten Berlin vor Hitlers Machtübernahme. Das war neu und frisch an Menschen am Sonntag: Die enge Verzahnung von Spielfilm und Dokumentation, die so weit geht, dass man das eine streckenweise nicht vom anderen unterscheiden kann. Die Darsteller werden bei der Ausübung ihrer Arbeit gezeigt; diese Szenen scheinen nicht gestellt zu sein, sie wirken dokumentarisch. Dann gibt es auf der anderen Seite dokumentarisch anmutende Sequenzen, die aber ganz klar inszeniert, „gestellt“ sind.
Die beiden Filmsparten wurden völlig sorglos verquickt und durcheinandergewirbelt, ihre jeweiligen Regeln und Konventionen über Bord geworfen. Dieselbe Sorglosigkeit ist auch im Grundton des Films zu finden: Menschen am Sonntag ist ein unbeschwerter, heiterer Film, der die Sonnenseiten des Berliner Lebens zeigt. Darin liegt wohl auch sein märchenhafter Erfolg begründet.

Der Film war Stadtgespräch, die Zeitungen voll des Lobs über die jungen Filmer. Noch heute hat seine Reputation nicht nachgelassen, er wirkt noch heute frisch und aufregend. Filmhistoriker sehen darin die Vorwegnahme der nouvelle vague, des neorealismo. Die Zeit war damals nicht reif, diese neue Art Film setzte sich nicht durch. Die Nazis mit ihrem Kulturfundamentalismus räumten mit solch abartigem Ideengut schlagartig auf. Sie räumten auch mit den Filmemachern auf, die allesamt nach Amerika flohen. Mit bekannten Folgen…

Abspann:
– Alle Laiendarsteller – ausser Brigitte Borchert – wirkten dank des grossen Erfolges von Menschen am Sonntag noch in ein paar Filmen mit. Taxifahrer Erwin Splettstößer plante sogar eine Karriere als Filmkomödiant, die aber mangels schauspielerischem Talent vorbei war, bevor sie richtig begonnen hatte: In den zwei Folgefilmen Robert Siodmaks war er in Nebenrollen zu sehen, danach erlosch sein Stern am Filmhimmel.
Robert Siodmak wurde gleich nach der gefeierten Premiere seines Erstlings Menschen am Sonntag von der UFA als Regisseur engagiert. Sein erster Film war ein Kurzfilm mit Hedwig Wangel und Felix Bressart. Er trug den bemerkenswerten Titel: Der Kampf mit dem Drachen oder: Die Tragödie des Untermieters. Nach der Machtübernahme der Nazis floh er zunächst nach Frankreich, wo er einige Filme drehte, bevor er sich 1941 endgültig in den USA niederliess. Siodmak ist heute für seine film noir-Beiträge, u.a. The Spiral Staircase (dt.: Die Wendeltreppe, 1945) berühmt.
Curt Siodmak ist für seine Beiträge zum klassischen Horror- und Science-Fiction-Film bekannt. So schrieb er das Drehbuch zu Genre-Klassikern wie Tourneurs I Walked With A Zombie (dt.: Ich folgte einem Zombie, 1943), Waggners The Wolf Man (dt.: Der Wolfsmensch, 1941) oder Sears‘ Earth vs. the Flying Saucers (dt.: Fliegende Untertassen greifen an, 1956).
Edgar G. Ulmer war derjenige der Truppe, der sich zuerst in Amerika ansiedelte. Obwohl er zunächst immer wieder für Filmarbeiten nach Deutschland zurückkehrte (u.a. als Set Designer für Fritz Langs M), blieb er nach der Machtergreifung der Nazis drüben; seine Karriere als US-Filmregisseur begann 1933 mit dem Dokumentarfilm Mussolini Speaks. Heute ist er als Regisseur zahlreicher kultiger B-Filme ein Begriff, allen voran The Black Cat (dt.: Die schwarze Katze, 1934) mit Boris Karloff und Bela Lugosi.
Billy Wilders nächstes verfilmtes Drehbuch wurde zum UFA-Tonfilm Ein Burschenlied aus Heidelberg (D 1930, Regie: Karl Hartl). Vor Menschen am Sonntag verfilmte Ernst Laemmle bereits ein Wilder-Drehbuch, Der Teufelsreporter, das allerdings nichts mit dem späteren Klassiker Reporter des Satans gemein hatte.

Menschen am Sonntag ist hierzulande auf DVD, nicht jedoch auf Blu-ray erschienen.
Die amerikanische Reihe Criterion Collection hat den Film in restaurierter Fassung in einer sehr schön ausgestatteten Ausgabe sowohl auf DVD als auch auf Blu-ray herausgebracht.

>Auf youtube.com kann man den ganzen Film in HD-Fassung mit der Filmmusik von Elena Kats-Chernin ansehen.

Der klassische Film, anderswo gebloggt
Hell Drivers (dt.: Duell am Steuer, GB 1957) Herr Nolte vom Blog Die seltsamen Filme des Herrn Nolte scheint ebenso wie ich ein Faible für vergessene, unterbewertete Filme zu haben. Seine Rezension des britischen Action-Vehikels Hell Drivers macht jedenfalls Lust, den Film zu sehen!
To Kill A Mockingbird (dt.: Wer die Nachtigall stört, USA 1962) gehört zu den Klassiker, die schon länger ganz oben auf meiner Liste stehen. Bianca von Duoscope stellt ihn und seine Geschichte detailliert vor und zeigt auf, weshalb er als Beispiel für die menschliche Moralentwicklung gelten kann.
The Glass Key (dt.: Der gläserne Schlüssel, USA 1942), ein früher film noir mit Alan Ladd und Veronika Lake, der kürzlich bei Koch Media erscheinen ist – in einer ausführlichen Besprechung von Ansgar Skulme auf Die Nacht der lebenden Texte.