Monat: November 2011

Tonfilm-Seitensprung: In einem kleinen Videoverleih…

BE KIND REWIND
(dt.: Abgedreht)
USA 2008
Mit Jack Black, Mos Def, Danny Glover, Mia Farrow u.a.
Regie: Michel Gondry
Dauer: 97 min

Be kind, rewind – welch passender Name für einen VHS-Verleih! In einer Zeit, in welcher die grossen Studios die Filmprojektion in den Kinos zunehmend digitalisieren und statt Filmrollen Festplatten in die Lichtspielhäuser liefern, dreht Michel Gondry (The Science of Sleep) einen Film, in denen – wie altmodisch! – Videobänder im Zentrum stehen. Und, es kommt noch besser, in welchem die Protagonisten die Hollywood-Blockbuster billig nachdrehen und so dem zunehmenden Technozwang im Kino eine verschmitzte Absage erteilen.

Mike und Jerry sind Freunde. Eine von Jerrys verrückten Ideen (ein Protest-Anschlag auf das örtliche Elektrizitätswerk) führt zur Löschung sämtlicher VHS-Bänder in Mr. Fetchers Videothek, welche Mike während dessen Abwesenheit hütet. Von verärgerten Kunden bedrängt, sucht Mike verzweifelt nach einer rettenden Idee.

Jerry hat sie, und was als Notlösung geboren wurde, um den Moment zu retten, entwickelt sich unfassbarerweise zum durchschlagenden neuen Erfolgskonzept: Jerry und Mike drehen die gelöschten Filme nach. Billigst, mit fantasievoll zusammengebastelten Requisiten von Jerrys Wohn- und Arbeitsort, dem Schrottplatz.

Sukzessive entsteht so eine Videothek trashiger Neuversionen altbekannter Blockbuster. Was mit Ghostbusters beginnt weitet sich über Rush Hour 2 bis zu Driving Miss Daisy aus und macht auch vor Kubricks 2001 und Jacques Demys Les parapluies du Cherbourg nicht Halt.
Mit zunehmendem Erfolg baut man auch die Kundschaft als Protagonisten in die Filme ein, und so entsteht eine sich immer mehr ausweitende Kultgemeinde, die Mr. Fletchers Videothek zu überrollen droht.

Gondry, der auch für das Drehbuch verantwortlich zeichnet, gelingt mit Be Kind Rewind nicht nur ein umwerfend lustiger Film, er liefert auch einen subtilen Kommentar zur Seelenlosigkeit der aktuellen amerikanischen Filmproduktion ab, indem er dem heutigen US-Kino entgegensetzt, was diesem fehlt: Spass, Freude und Engagement beim Machen. Selten kommt heute noch ein Film in die Kinos, dem derart deutlich anzusehen ist, mit wie viel Spass, Liebe und Engagement die Beteiligten zu Werke gegangen sind. Unnötig zu sagen, dass sich dies aufs Publikum überträgt. Man staunt und lacht gleichzeitig, wenn etwa die Sequenz im Gravitationsrad aus 2001 mit einer Waschmaschinentrommel und weissen Anzügen imitiert wird. Auch wenn man die von Mike und Jerry nachgedrehten Filme nie in den Originalversionen gesehen hat, tut das der Freude an Be Kind Rewind keinen Abbruch.

Aber nicht nur die Nachdreh-Sequenzen sind gelungen, auch die Handlung, die Dialoge, die schauspielerischen Leistungen überzeugen voll und ganz, auch der leicht trashige Look des Films und die verwackelte Kamera passen hervorragend ins Gesamtkonzept dieses unterschätzten Films, der sich zum Schluss aufschwingt zu einer fast manifesthaften Vision vom Rassen und Nationen einenden Volkskino.
Als man nämlich zuletzt einen vollkommen eigenständigen Film dreht, um damit den Baulöwen, die Mr. Fletchers Videothek abreissen wollen, ein Schnippchen zu schlagen, findet sich das halbe Quartier ein, um bei den Dreharbeiten mitzuhelfen, und das ganze, als der fertige Film vorgeführt wird. Es ist ein Film über Mr. Flechters Idol Fats Waller, zu dessen Geburtshaus die Videothek durch den Film erklärt werden soll. Die letzte Szene erklärt die Kunstform Film zum Sprachrohr des kleinen Mannes gegen die Mächtigen der Welt. Gegen die Baulöwen – und die in Hollywood ansässigen Zerstörer der Kinokultur.

Auch der seelenlose Machtapparat Hollywoods kriegt in Gondrys Film ein Gesicht – jenes von Sigourney Weaver (ausgerechnet!). Sie verkörpert in einem Cameoauftritt eine Plagiatsanwältin, welche die Kreativität Mikes und Jerrys buchstäblich plattwalzt.

Be Kind Rewind kann somit auch als Hommage an die Anfänge und Ursprünge des Kinos gelesen werden, wo Film noch Innovation und  Kreativität bedeutete und somit näher bei der Kunst als beim Kommerz lag. Damit macht er schmerzhaft deutlich, wie unendlich weit sich das US-Mainstreamkino von diesem Zustand entfernt hat.
9/10

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Auf dem Weg zum Superstar

GRANDMA’S BOY
(dt.: Grossmutters Liebling)
USA 1922
Regie: Fred C. Newmeyer
Mit Harold Lloyd, Anna Townsend, Mildred Davis, Charles Stevenson, Noah Young u.a.
Dauer: 56 min

Holterdipolter stolpere ich durch Harold Lloyds Filmografie – nun kommt nach der sechsten Film-Besprechung auch endlich sein erster Langfilm an die Reihe.

Nachdem er in einer ganzen Reihe von Drei- und Vieraktern erfolgreich war – üblich waren zu dieser Zeit Kuzfilmkomödien mit ein bis zwei Akten – brachte Produzent Hal Roach seinen Star 1922 erstmals in einem Fünfakter heraus, die damals als „Abendfüller“ galten. Das war die vorletzte Stufe von Harold Lloyds Weg zum Superstar (die letzte war sein übernächster Film: Safety Last).

Bereits in Grandma’s Boy zeichnet sich überdeutlich ab, weshalb Lloyd derart grossen Erfolg hatte. Der Film ist einfach gut! Sehr, sehr gut.
Es ist erstaunlich, wie harmonisch die Handlung entwickelt ist. Jeder Gag wird minutiös vorbereitet, aus den meisten Gags entwickeln sich neue Handlungsoptionen, überraschende Wendungen oder Auswege aus aussichtslos erscheinenden Situationen. Das ist Lloyds Markenzeichen, man kann es in praktisch allen seinen Stummfilmen (mit Ausnahme vielleicht von Dr. Jack) beobachten: Die unendliche Sorgfalt, mit welcher die Handlung entwickelt wird. Mit welcher er die Handlung entwickelt, müsste man eigentlich sagen. Denn obwohl Lloyd nie als Regisseur seiner Filme fungierte, hatte er doch sämtliche Fäden seiner Produktionen in der Hand.

Was Chaplin manchmal Monate kostete, nämlich den richtigen Dreh bei einer schwierigen Handlungs – oder Figurenkonstellation zu finden, wirkt bei Lloyd wie aus dem Ärmel geschüttelt und doch absolut natürlich und organisch. In dieser Kunst wird er heute leider unterschätzt. Lloyd zählt zwar zu den „grossen Drei“ (Chaplin, Keaton, Lloyd) der amerikanischen Stummfilmkomödie, wird aber immer nur an dritter Stelle erwähnt. Dabei steht er – jedenfalls in meinen Augen – seinen berühmteren Kollegen in nichts nach. Von den anderen beiden unterscheidet er sich in gleichem Masse, wie sich Keaton von Chaplin und Chaplin von Keaton unterscheidet.

Obwohl Grandma’s Boy noch nicht mit so waghalsigen und haarsträubenden Stunts wie etwa Safety Last oder Girl Shy aufwartet, vermag er auch ein heutiges Publikum noch vollständig zu fesseln (eine Behauptung, die ich an einer Schulklasse voller actiongewohnter Elfjähriger verifizieren konnte). Die Spannung wird perfekt aufgebaut, unterschwellig ist sie stets präsent, während die leichteren Sequenzen von zum Teil umwerfenden Gags getragen werden.

Lloyd spielt hier ein Muttersöhnchen, das bei seiner Oma auf dem Land aufwächst und vor allem und jedem Angst hat. Er ist in die hübsche Mildred verliebt, doch sein Nebenbuhler lässt ihn bei dieser kaum zum Zuge kommen.
Als ein streunender Gauner im Kaff während eines Raubs einen Mann erschiesst, formiert sich unter er Leitung des Sheriffs ein Trupp Männer, die den bösen Buben einzufangen versuchen. Auch Harold wird eingezogen – und muss einsehen, dass er ein heilloser Feigling ist. Da greift seine Oma zu einer List…

Das Thema Schwächling durchlebt eine Wandlung und wächst über sich hinaus wurde in der Stummfilmzeit immer wieder gern durchexerziert (von Lloyd selbst, mit Vorliebe aber auch von Buster Keaton), doch selten so exemplarisch und gekonnt wie hier. Punkto Einfallsreichtum und Originalität reicht Lloyd hier noch nicht ganz, aber doch schon sehr nahe an vergleichbare Werke Keatons heran. Die Einladung bei seiner Geliebten, zu welcher Harold in einem total altmodischen Anzug erscheint, und zu dem auch sein Rivale eingeladen ist, gehört dabei mit zu Lloyds schönsten Momenten.
Der Film ist auf der auch hierzulande erhältlichen DVD mit einer hervorragenden Begleitmusik von Robert Israel unterlegt, der einmal mehr das Kunststück fertigbringt, zum Wesen des Filmes vorzudringen und ihn so richtig funkeln zu lassen.
Grandma’s Boy findet sich als Bonus auf der im deutschsprachigen Raum erschienen DVD Safety Last oder im Box Set Harold Lloyd Edition, die sämtliche Stummfilme Lloyds enthält.
9/10

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Ein unbekannter deutscher Stummfilm

VOM REICHE DER SECHS PUNKTE
Deutschland 1927
Mit Lotte Kleinschmidt, Robert Wirz, Hubert Horbach u.a.
Regie: Hugo Rütters
Dauer: 95 min

Im Zuge meiner Bemühungen um Filme zur Aktion Zeit für DÖS bin ich auf ein filmgeschichtlich unbekanntes Stummfilmwerk, das abseits der deutschen Filmmetropolen entstand, gestossen. Es handelt sich dabei um keinen Spielfilm im herkömmlichen Sinn, sondern um einen Dokumentarfilm mit Rahmenhandlung – um einen sogenannten „Aufklärungsfilm“.
Vom Reiche der sechs Punkte ist ein Film, über dessen Entstehung wenige bis gar keine keine Informationen mehr vorliegen; auch Kritiken oder Pressehinweise wurden keine gefunden. Man vermutet daher, dass der vom Rheinischen Blindenfürsorgeverein gesponsorte Film damals nicht im regulären Kinoprogramm, sondern nur vor „interessiertem Publikum“ gezeigt wurde.

Aufgeklärt wird hier das Publikum von 1927 über den „Blindenfürsorgeverein“ Düren und dessen Errungenschaften auf dem Gebiet der Blindenbetreuung. Doktor Hugo Rütters, dessen einziges cinématografisches Werk dies ist, zog mit einem Kamerateam und einer Schauspielerin nach Düren und filmte dort den Heimalltag, der dann mit einer Spielhandlung in eine Form geschnitten wurde: Einem erblindenden Architekten, dem keinerlei Aussicht auf Heilung attestiert wird, kommt nach Düren und lernt sich dort in die Gemeinschaft der Blinden einzufügen, wobei er zum Korbflechter ausgebildet wird. Seine Freundin begleitet ihn durch die verschiedenen Stationen seines Leidenswegs, mit ihr zusammen gründet er am Ende eine Familie und eine kleine Korbmanufaktur.

Von Reiche der sechs Punkte – der Titel bezieht sich auf die Braille-Schrift – ist ein Film, der ohne grosse künstlerische Amitionen entstand.
Die Bilder bleiben auf der funktionalen Ebene und geben dokumentarische Einblicke in die Institution des Blindenfürsorgevereins. Somit haben sie heute vor allen Dingen historischen Wert, denn sie geben das Leben und den Geist der damaligen Zeit exakt wieder. Der damalige Stand der Medizin und der Pädagogik wird detailliert gespiegelt – diese Sequenzen sind auch für den jeweiligen Laien interessant. Der gönnerhafte Ton, mit welchem da von „unseren Blinden“ gesprochen wird, lässt den Geist jener Zeit genauso erahnen wie die Bilder von grob zupackenden Ärzten, welche „unsere Blinden“ und ihre Gebrechen für den interessierten Zuschauer mitleidlos vor das Auge der Kamera zerren.

Insgesamt ist der Film zu lang und zu gleichförmig, um das Interesse eines heutigen Publikums über seine gesamte Spiellänge aufrechterhalten zu können. Zu vieles wiederholt sich und scheint für heutige Sehgewohnheiten zu sehr und zu unnötig in die Länge gezogen.
Auch das Klavierspiel Joachim Bärenz’, der sonst für seine höchst interessanten und abwechslungsreichen  Stummfilmbegleitungen bekannt ist, bezieht aus den Bildern hörbar weniger Inspiration als üblich.

So bleibt, diesen Film für historisch Interessierte zu empfehlen; wer Handlung vorzieht, dem sei vom Kauf dieser DVD eher abgeraten.
5/10


Ein Beitrag im Rahmen der Aktion Zeit für DÖS.

http://www.amazon.de/Reiche-sechs-Punkte-Lotte-Kleinschmidt/dp/B001B3IM64/ref=sr_1_1?s=dvd&ie=UTF8&qid=1321012869&sr=1-1