Brigitte Helm

Das Wunder von Buenos Aires

METROPOLIS
Deutschland 1927
Regie: Fritz Lang
Mit Brigitte Helm, Gustav Fröhlich, Alfred Abel, Rudolf Klein-Rogge, Heinrich George u.a.
Dauer: 150 min

Metropolis gehört mit Kubricks 2001 zu den einflussreichsten Science-Fiction-Filmen überhaupt. Durch die gesamte Filmgeschichte hindurch lassen sich die Einflüsse von Fritz Langs Film nachweisen, der Roboter C3-PO aus George Lucas’ Serie Star Wars ist von allen Verneigung vor diesem Film die bekannteste und filmhistorisch die wohl aktuellste.

Metropolis ist einer der ganz wenigen Stummfilme, die  nicht nur bei einer bestimmten Gemeinde von Filminteressierten Kultstatus entwickelt haben (als weitere Beispiele lassen sich vielleicht noch Eisensteins Panzerkreuzer Potemkin und Murnaus Nosferatu anführen). Metropolis hatte auf dem Gebiet der Filmarchitektur, der Bildsprache und der filmischen Erzählung Maßstäbe gesetzt, die ihn noch heute als beispielhaft aus der Masse der Filme herausragen lassen. Man kann nicht behaupten, er sei nicht veraltet, aber seine Bilder, seine Bildgewalt und seine Special Effects vermögen auch ein heutiges Kinopublikum noch zu beeindrucken.

Dabei galt der vollständige Film lange Zeit als unwiederbringlich verloren. Metropolis wurde gleich nach seinem Erscheinen und seiner Uraufführung in Deutschland gekürzt, vermutlich wegen negativer Kritikerreaktionen; die geschnittenen Teile wurden vernichtet. Auch für den amerikanischen Markt wurde Metropolis gekürzt und umgeschnitten. Paramount glaubte nicht, dass ein 153-Minuten-Schinken in den USA Erfolg haben könnte und beauftragte Channing Pollock damit, Änderungen vorzunehmen.
Pollock ging dabei nach Kriterien vor, die heute seltsam anmuten. So entfernte er sämtliche Sequenzen, in welcher Hel erwähnt wurde, die verstorbene Gattin des Städtebauers Joh Fredersen. Die Angst, die Nähe des Namens zum amerikanischen Begriff hell (für Hölle) könne zu Problemen führen, liess Pollock die Schere ansetzen – dass damit ein grosser Teil des Films unverständlich wurde, schien ihn nicht zu kümmern. Auch andere Figuren fielen der Schere zum Opfer, der von Fritz Rasp gespielte Schmale etwa, was ebenfalls nicht zum besseren Verständnis der Geschichte beitrug.

Der Film war, zusammen mit Murnaus im Jahr zuvor entstandenen  Faust, ein Millionen teures Prestigeprojekt, mit dem die UFA dem deutschen Film den amerikanischen Markt erschliessen wollte; er floppte trotz allen Bemühungen gewaltig, in Deutschland wie in Übersee. Er ruinierte die UFA und kostete den Produzenten Erich Pommer, der seinen Regisseuren stets freie Hand liess, den Kopf. Unglücklicherweise wurde danach weltweit nur noch die US-Fassung für weitere Aufführungen beigezogen – auch in Deutschland. Die einzige Ausnahme, und auf die Bedeutsamkeit dieses Umstand wird weiter unten noch näher eingegangen, schien Argentinien zu sein.
Die Ur-Fassung jedenfalls ging verloren.

Über die Jahre wurden zahlreiche und immer neue Versuche unternommen, Metropolis zu rekonstruieren. Allein das Fragment zeugt schon von der Grösse dieses Werks, trotzdem oder gerade deshalb wurden alle Anstrengungen unternommen, die verlorenen Teile aufzutreiben. Man wollte den Film als Ganzes sehen – nicht zuletzt weil Pollock auch in die Rhythmisierung von Langs Erzählfluss eingegriffen hatte. In Deutschland, der DDR, in Russland und in den USA wurden unabhängig voneinander Rekonstruktionen probiert. Der Film blieb Fragment. Als man Gottfried Huppertz’ eigens für Metropolis geschriebene Partitur fand, war man anhand dieser und der Zensurkarten erstmals in der Lage, die ganzen 153 Minuten herzuleiten. So konnte erstmals eine vollständige rekonstruierte Fassung hergestellt werden, in welcher die fehlenden Filmteile durch Standbilder oder Texttafeln ersetzt wurden.

Und dann 2008, geschah, das „Wunder von Buenos Aires“. Im dortigen Filmmuseum fand sich eine 16mm-Kopie des Originals von 1927. Sie lag seit 1927 zuerst in der Sammlung eines Fans und später im Museum – ohne dass jemand auf die Idee kam, hinter der Katalognummer mit dem Titel Metropolis etwas anderes als die bekannte Rumpffassung zu vermuten.

In der Tat kaufte ein argentinischer Filmverleih Langs Film im Jahr 1927, vor der ominösen Kürzung durch die Amis. Die Argentinier dürften somit neben den Deutschen die einzigen gewesen sein, die das Werk in der Originalfassung zu sehen bekamen.

„Das Wunder von Buenos Aires“ wies allerdings verheerende Gebrauchspuren auf, und man überlegte ursprünglich, ob man diese minderwertigen Filmsequenzen wirklich neben das perfekt restaurierte und digitalisierte Material des Fragments stellen konnte/sollte.
Zum Glück überwog der gesunde Menschenverstand. Der Film hatte schliesslich 80 Jahre auf dem Buckel, weshalb sollte man das nicht sehen dürfen – jedenfalls in einzelnen Sequenzen?
Wenn man die Neu-Fassung von Metropolis anschaut, dann überwiegt die Freude an der Vollständigkeit einzelner Sequenzen über die Irritation über das Hin-und-Her von exzellentem und „verregnetem“ Bildmaterial. Mich hat das in der Tat bereits nach einigen Minuten nicht mehr gestört.

Und damit sind wir bei der Rezeption des Films angelangt.
Im letzten September wohnte ich einer öffentlichen Vorführung der neu restaurierten Fassung bei – und bin in der Pause geflüchtet. Mein Verdikt damals:

Metropolis gleicht einem Amoklauf – in schauspielerischer, ausstattungstechnischer und drehbuchtechnischer Hinsicht. Die Story ist derart flach und die darin enthaltene Sozialkritik derart dick aufgetragen, dass es (mir) weh tut. Die Reichen residieren in himmlischen Gefilden, die ausgebeuteten Arbeiter vegetieren tief unter der Erde. Zu dem plumpen Sozialkitsch gesellt sich ein sakraler Unterton und eine pompöse architektonische Ästhetik, die einige Jahre später im Dritten Reich wieder aufgegriffen wurden.“

In der Tat empfand ich auch bei dieser erneuten Visionierung den ersten Teil – den 70-minütigen sogenannten Auftakt – als ziemlich schwer verdaulich. Was ich vor fast einem Jahr schrieb, möchte ich heute jedoch abmildern. Denn – und das ist entscheidend: Inzwischen habe ich den Film zu Ende geschaut. Und ich muss sagen, dass alles, was nach dem Auftakt kommt, den Eindruck, den dieser erweckt, relativiert. Und: Die originale Filmmusik verleiht dem Film eine Dimension, die bei der Kinovorführung damals wegfiel.

Zunächst zur Filmmusik: Gottfried Huppertz schrieb eine Orchestermusik, die ganz genau zum Pomp und zur Überspanntheit der Bilder passt. Seltsamerweise macht dies die Visionierung erträglicher, weil so der ganze Wahnsinn in einen passenden Klangteppich eingebettet wird. Wenn die irre Gestik eines Rudolf Klein-Rogge von entsprechend aufpeitschender Musik begleitet wird, dann wirkt sie sie adäquat, authentisch: So sah der expressionistische Stil von damals aus und so klang er. Der Science-Fiction-Film Metropolis wird mit Huppertz‘ Untermalung zum Zeitbild von 1927.
Fällt Huppertz‘ Klangteppich weg, liegt der Wahsinn nackt da und ist nicht mehr so leicht zu begreifen und zu verdauen; eine „einfache“ Klavierbegleitung ist zu sehr Kontrast, die expressionistische Überspanntheit fällt dann umso mehr ins Auge und stört.

Und der zweite Teil des Films – auch er besänftigt, weil er in seinem klaren Action- und Abenteuergestus die Ebene der Sozialkritik unterläuft und desavouiert. Je länger der Film dauert, desto mehr nimmt die Lust der Macher am spinntisieren, am Eskapismus überhand. Metropolis findet auf den Boden zurück, wir erdiges Spektakel und da fasziniert und fesselt er auch heute noch, mit unverbrauchten Bildern und Schnittfolgen. Das pompös-lächerliche Gehabe und der esotherische Ernst des Auftakts verliert an Bedeutung und man stellt erleichtert fest, dass es den Machern damit wohl doch nicht ernst war.

Es gibt keinen Zweifel: Der Film hat seine deutlichen Mängel; neben dem bereits erwähnten pompösen und wirren sozialkritischen Überbau, an dem Experten schon seit Jahrzehnten herundeuteln etwa die schröckliche Schauspielerei Gustav Fröhlichs, den Thea von Harbou offenbar aus der Masse der Statisten spontan für die Hauptrolle kürte, weil er so ein Hübscher war, nachdem der dafür vorgesehene Darsteller wegfiel. Die Schauspielerführung lässt überhaupt zu wünschen übrig – ausser im Falle Brigitte Helms, die in ihrer Doppelrolle als Maria und als Maschinen-Mensch erstaunliches leistet. Eine starke Ambivalenz ist den ganzen Film über in verschiedenen Komponenten deutlich spürbar und macht die Rezeption nicht eben einfach.
Was aber umhaut – und das hatte ich ja damals schon geschrieben, sind die Bilder und die Schnittfolgen. Auch da grenzt der Film an einen Amoklauf – einen architektonisch-filmtechnisch-filmsprachlichen. Da berauscht er – im wahrsten Sinn des Wortes – mit perfekt orchestrierten Massenszenen, mit rhythmisch geschnittenen Szenenfolgen, die an Eisenstein und Pudowkin gemahnen, mit Bildern, die die Welt bis heute nicht vergessen hat, die in aktuellen Science-Fiction-Filmen immer wieder aufs Neue rezikliert werden. In Metropolis verwirklichte Fritz Lang möglicherweise sein cinéastisches Credo von der Filmsprache als allgemein verständliche, allen Verständigungsschwierigkeiten unter den Völkern der Erde trotzende, verbindende Ausdrucksform. Dass er dazu Themen wählt, die damals brannten  – etwa die soziale Ungleichheit zwischen „oben“ und „unten“, die Entmenschlichung der „modernen Zeiten“, die freud’sche Sichtweise auf soziale Probleme (Vater-Sohn-Konflikt) macht Metropolis ganz stark zum Film über das Jahr 1927.

Kein Zweifel: Metropolis ist ein Meilenstein, nicht nur des Science-Fiction-Films, sondern des Kinos. Und wenn ich dies in meinem ersten Visionierungsversuch nicht erkannt hatte, leiste ich hier Abbitte und gebe zu: Metropolis ist grandios. Ein Meisterwerk.
10/10

Die vorliegende Rezension entstand aufgrund der Sichtung der Metropolis-DVD der englischen Firma Eureka – Masters of Cinema (MoC). Noch immer ist die Neufassung auf dem deutschsprachigen Markt nicht greifbar – immerhin ist eine DVD inzwischen angekündigt.
Die MoC-DVD ist uneingeschränkt zu empfehlen, sie zeigt den Film in der bestmöglichen Bildqualität und mit der Orchesterfassung von Huppertz‘ Originalfilmmusik. Ausführliche und vorbildliche Ausstattung mit Extras und den originalen deutschen Zwischentiteln. Erhältlich auch als BluRay.
Bestellbar ist der Film in der MoC-Ausgabe zur Zeit bei amazon.co.uk (siehe hier).


Ein Beitrag im Rahmen der Aktion Zeit für DÖS.

L’ARGENT (1928)

Frankreich 1928
Regie: Marcel l’Herbier
Mit Pierre Alcover, Mary Glory, Brigitte Helm, Alfred Abel u.a.
Dauer: 165 min

Bankier Saccard (Pierre Alcover) ist ein Spieler; Geld ist für ihn allmächtig, für seinen Gott setzt er Intrigen in Gang, kauft sich die Loyalität und die Liebe anderer Menschen, zerstört, was andere aufgebaut haben, lügt, betrügt und unterschlägt.

Damit ist ein aktueller Bezug gegeben ins Heute, zur aktuellen Finanzkrise und seinen Protagonisten. Emile Zola, von dem die Vorlage zum Film stammt, hat das Gebaren der Finanzkaiser seiner Zeit minuziös beschrieben, heute stellen wir fest, dass die Menschheit nichts dazugelernt hat. Regisseur Marcel l’Herbier transponierte Zolas Vorlage ins damalige Heute, was der zugrunde gelegten Geschichte aus heutiger Sicht umso mehr Aktualität verleiht: Sie ist aktuell geblieben, durch zwei Jahrhunderte hindurch.

L’Argent war der teuerste französische Film jener Zeit, und das sieht man in fast jeder Einstellung: Die Innenräume, die hier in üppiger Art-deco-Ausstattungspracht ohnegleichen zu maximaler Geltung gebracht werden, bringen einen regelrecht ins Schwelgen und versetzen einen wie mit einer Zeitmaschine in die Zwanzigerjahre. Da wurde punkto Ausstattung an nichts gespart, die Kulissen sind angefüllt mit Luxusartikeln von damals.

Ich muss zugeben, dass mir der Film vor allem dank dieses Aspekts gefallen hat – mit vielen anderen Komponenten konnte ich mich trotz aktuellem Bezug zur Finanzkrise nicht wirklich anfreunden: Weder mit der spröden Geschichte, den distanzierten Charakteren oder der mehr als gewöhnungsbedürftigen Schnitttechnik.

L’Argent gilt als Meisterwerk des französischen Stummfilms. Diesem Prädikat stimme ich zu, wobei ich präzisieren muss: L’Argent ist ein Meisterwerk der Ausstattungskunst und der Kameratechnik. Da hat er wirklich viel zu bieten, sehr viel, mehr als manch anderes zeitgenössisches Werke. Die hohen, nach oben endlos erscheinenden Räume lassen die darin agierenden Menschen ganz klein erscheinen; da sagt das Bild oft mehr aus als die zugrunde liegende Geschichte. Ein grosses Hoch auf die Bauten von Lazare Meerson und André Barsacq!

Aber auch kameratechnisch weist der Film Eindrückliches auf. L’Herbier und sein Kameramänner Louis Berte, Jules Kruger, Jean Letort lassen die Kamera praktisch ruhelos mitagieren; ständig befindet sie sich in Bewegung. Es gibt zahllose, für jene Zeit teilweise spektakuläre Kamerafahrten in alle Richtungen (auch nach oben oder nach unten); die Protagonisten werden von der Kamera regelrecht verfolgt. Die Fahrten und Schwenks geben dem Film etwas ruheloses, fiebriges, womit wiederum wichtige innere Vorgänge der Protagonisten auf die Bildebene transferiert werden.

Mit einmal anschauen wird man L’Argent nicht gerecht. Es gibt vieles darin zu entdecken, vor allem in seinen berauschenden Bildern. So wäre es interessant, einmal zu untersuchen, wie oft der Aspekt des Spielens bildnerisch in die Geschichte eingewoben wurde.

Ich will hier aber keine Analyse des Films liefern, das sei anderen, berufeneren überlassen. Das Ziel dieses Blog ist, Filmerlebnisse zu teilen, mitzuteilen und Appetit darauf zu wecken.

Die DVD-Ausgabe: Ich habe mir den Film in der Ausgabe von Eureka (Masters of Cinema) zugelegt. Die Bildqualität ist hervorragend; Unschärfen sind vorhanden, aber auf die damalige Kameratechnik zurückzuführen. Vor allem bei Zoom-Aufnahmen sind Unschärfen zu beobachten. Das Bild ist frei von Laufstreifen oder Schmutzpartikeln. Nicht zuletzt dank der makellosen Bildqualität erhält man den Eindruck, direkt und ungefiltert in eine andere Epoche zu blicken.

Die Filmmusik ist eine Klavierimprovisation und stammt von Jean-François Zygel. Mich hat sie mit zunehmender Filmdauer genervt. Irgendwann hatte ich genug von dem zwar atmosphärischen aber fast durchgängig hektischen Geklimper. Eine Melodie oder ein Leitmotiv hier und da hätte nicht geschadet… Aber das ist wahrscheinlich ein ungerechtes Verdikt: Fast drei Stunden lang passend zu einem Filmgeschehen drauflosimprovisieren zu müssen, ist wohl kein Honigschlecken. Fragt sich, wer diese Idee gehabt hat…

Die Extras sind interessant und reichlich vorhanden, zumal diese Ausgabe zwei DVD-Scheiben beinhaltet: Angefangen vom 80-seitigen Booklet mit interessanten Aufätzen rund um den Film, über das „Making of“ Autour de l’Argent aus dem Jahr 1928 von Jean Dréville (eines der ersten seiner Art), Screentest für den Film, Dokumentaraufnahmen mit Brigitte Helm, bis zur 54-minütigen Dokumentation Marcel L’Herbier: Poète de l’art silencieux von 2007.

Regionalcode: 2

Bestellung: Bestellen kann man den Film im Moment (7.01.2010) am günstigsten hier. Für weitere Preisvergleiche und andere Fragen im Zusammenhang mit Auslandbestellungen siehe auch die Tipps zur DVD-Bestellung im Ausland.