Monat: Dezember 2016

Florence Foster Jenkins – 2016

Ein aktueller Film:
FLORENCE FOSTER JENKINS

GB 2016
Mit Meryl Streep, Hugh Grant, Simon Helberg, Rebecca Ferguson, u.a.
Drehbuch: Nicholas Martin
Regie: Stephen Frears
Studio: Qwerty Films, Pathé Pictures International, BBC Films
Dauer: 111 min

Inhalt: Florence Foster Jenkins, eine reiche Musikliebhaberin, wurde im Amerika der Vierzigerjahre kurzzeitig bekannt als die „weltschlechteste Sängerin“. Sie mietete 1944 die renommierte Carnegie Hall in New York, um ein Konzert zu geben. Danach realisierte sie aufgrund der Kritiken, dass sie gar nicht singen kann. Stephen Frears‘ neuer Film erzählt die Vorgeschichte, welche zu diesem denkwürdigen und bis heute legendären Konzert führte.

Der Film:
Eigentlich ist es ein Wunder, dass die Filmwelt – immer auf der Suche nach verwertbarem Kinomaterial – bislang noch nicht auf Florence Foster Jenkins gestossen ist. Nun haben sich ihrer gleich zwei Filmteams angenommen, ein französisches (Marguerite; Xavier Giannoli, 2015) und ein englisches. Das englische Team hat aus Foster Jenkins‘ letzten Lebensjahren einen durchaus sehenswerten Film gefertigt, der sich voll und ganz auf die schauspielerischen Qualitäten seiner drei Hauptdarsteller stützt, ja, diese zu dessen eigentlichem Traggerüst macht. Florence Foster Jenkins lebt voll und ganz von Meryl Streep, Hugh Grant, Simon Helberg – und Stephen Frears‘ eleganter, funktionaler (jedoch recht gesichtsloser) Inszenierung.
Das Drehbuch allein vermag den Film nicht zur Gänze zu tragen. Es ist zwar handwerklich durchaus gekonnt verfasst, die Handlung ist dramaturgisch geschickt aufgebaut, mit Sinn sowohl für Komik als auch für feine Zwischentöne, die Figuren sind scharf gezeichnet – doch es bleibt oberflächlich und ziellos. Man weiss bis zuletzt nicht, was Florence Foster Jenkins eigentlich sein will: Eine Reflexion über die Kraft der Musik? Eine Glorifizierung der Mittelmässigkeit? Eine Geschichte über die Kraft der Liebe? Oder über die Macht des Geldes? Besagte Themen liegen alle etwas gar weit auseinander, trotzdem werden sie alle mehr oder weniger deutlich angeschnitten. Wirklich in die Tiefe verfolgt wird allerdings keines.
Also ist der Film „nur“ eine Biografie?
Gegen Letzteres spricht der Umstand, dass der Film sich viele Freiheiten in der Nacherzählung nimmt und dass er in einem der Realität bewusst leicht entrückten Stil inszeniert ist. Somit sind wir bei der Frage:

Lohnt sich der Film?
Wer sich ganz auf die schauspielerischen Leistungen konzentrieren und sich daran erfreuen kann, ja, wer starke Schauspielerleistungen höher gewichtet als filmisches Handwerk, der wird an Frears neuem Film seine Freude haben. Wer vom Kino mehr erwartet als schön gestaltete Oberflächlichkeit, kann sich Florence Foster Jenkins getrost schenken.

Wo finde ich ihn?
Florence Foster Jenkins läuft zur Zeit in den Kinos. Unbedingt empfohlen sei, sich wo möglich die englischsprachige Originalfassung anzusehen, da die Sprache einen grossen Teil der grandiosen schauspielerischen Leitungen ausmacht.
Später wird der Film auf DVD und Blu-ray erhältlich sein.

 

Joy of Living – 1938

Ein vergessener Film
JOY OF LIVING

USA 1938
Mit Irene Dunne, Douglas Fairbanks Jr., Guy Kibbee, Alice Brady, Lucille Ball, Eric Blore, Warren Hymer, Billy Gilbert u.a.
Drehbuch: Gene Towne, C. Graham Baker und Allan Scott nach einer Story von Dorothy & Herbert Fields
Regie: Tay Garnett
Studio: RKO
Dauer: 90 min
Der Film war im deutschsprachigen Raum nicht zu sehen.

Inhalt: Margaret Garrett (Dunne), Tochter eines einstmals angeblich erfolgreichen Schauspieler-Ehepaares (Brady & Kibbee), hat sich den Erfolg am Broadway hart erarbeitet, doch ihre Familie pocht in melodramatischer Übertreibung auf ihren Anteil am Erfolg der Tochter („Worauf wir nicht alles verzichtet haben!!“). Margarets Einnahmen fliessen direkt in die Familienkasse und versickern dort auf mirakulöse Weise, was zur Folge hat, dass die erfolgreiche Tochter noch härter arbeiten muss – alles, damit die diversen anspruchsvollen Familienmitglieder ihren Lebensstandard aufrecht erhalten können.
Einer von Margarets Fans, der reiche Dan Webster (Fairbanks Jr.) durchschaut die familiäre Heuchelei und versucht, Margaret diesbezüglich die Augen zu öffenen und ihr die Lebensfreude zurückzugeben…

Der Film:
Joy of Living, eine recht gut funktionierende Mischung aus Screwball-Komödie und Musical, war der letzte Film, in dem Irene Dunne (Die schreckliche Wahrheit, Anna und der König von Siam) als Sängerin besetzt war. Nach dem finanziellen Misserfolg des Films, der mehr auf einer desaströsen Massierung von Studiokosten basierte als auf mangelndem Kassenerfolg, und nachdem Songwriter Jerome Kern seine anfängliche Begeisterung für Frau Dunne abgelegt hatte, wechselte sie ins Sprechrollen-Fach (mit gelegentlichen kurzen Gesangseinlagen). In Tay Garnetts Film überzeugt sie denn auch viel eher dank ihrer schauspielerischen und komödiantischen Fähigkeiten als durch ihr Singen (das aber durchaus passabel ist!).
Im Team mit Douglas Fairbanks Jr. ist sie eine Bombe! Dank dem Charisma und dem Können der beiden wird aus einem leicht überdurchschnittlichen Drehbuch ein prickelnder, durchwegs erinnerungswürdiger Film. Natürlich liegt es nicht nur an den beiden Stars, doch sie tragen das Ganze mit einer Leichtigkeit, welche das Zuschauen zum Vergnügen macht. Unterstützt werden sie von einer Truppe hervorragender Nebendarsteller; in Joy of Living wurden auch kleine Nebenrolle mit Komödianten ersten Ranges besetzt: Billy Gilbert etwa hat einen denkwürdigen Auftritt als deutschstämmiger Biergartenwirt, Franklin Pangborn macht aus seiner stummen Rolle als Radiodirigent ein kleines Kabinettstückchen und der „ewige Diener“ Eric Blore segelt im Hause Garrett immer wieder mit indignierter Miene durchs Bild.
Seine prickelnde Leichtigkeit verdankt Joy of Living zudem Tay Garnetts eleganter Regie; The Postman Always Rings Twice zum Trotz (dt.: Wenn der Postmann zweimal klingelt, USA 1946) : Man merkt, dass der Mann eigentlich im Komödiengenre zu Hause ist (er schrieb früher Drehbücher zu zahlreichen excellenten Stummfilmkomödien). Es gibt zahllose wirkungsvolle kleine Einfälle, die auf sein Konto gehen, und die sich in der Summe zu einem beschwingten, eleganten komödiantischen Erzählfluss verdichten, der die Schwächen des Drehbuchs (holpriger Aufbau, etwas beliebige Episodenhaftigkeit, schwache Dialoge) fast permanent zu übertünchen vermögen.

Lohnt sich der Film?
Nach allem, was ich oben geschrieben habe: Ja, entgegen den spärlichen Rezensionen, die man im Netz findet und die Joy of Living fast einhellig Langweiligkeit vorwerfen. Diese konnte ich beim schlechtesten Willen nicht finden. Nirgends!
Joy of Living eignet sich für Leute mit einem Faible für die komödiantische Leichtigkeit des frühen Hollywood.

Wo finde ich ihn?
Im deutschsprachigen Raum nirgends! Er kam bei uns weder ins Kino, noch lief er im Fernsehen, und auch auf DVD ist er nicht erschienen. Der Film ist so vergessen, dass nicht mal Irene Dunne sich daran erinnern konnte (sie hatte ihn nach der Fertigstellung auch nie angesehen).
Joy of Living ist in der Reihe Warner Archive Collection in den USA als „video on demand“ auf DVD-R (RC0) erschienen. Er kann hier für relativ wenig Versandkosten bestellt werden.