King Vidor

Ironische Hollywood-Selbstbespiegelung

SHOW PEOPLE
(dt.: Es tut sich was in Hollywood)
USA 1928
Mit Marion Davies, William Haines, Dell Henderson, Harry Gribbon, Sidney Bracey, Polly Moran, Chares Chaplin u.a.
Buch: Agnes Christine Johnston Und Laurence Stallings
Regie: King Vidor

Der „vergessene Film der Woche“ stammt diesmal aus der Stummfilmzeit und war seinerzeit äusserst erfolgreich – er schaffte sogar den Sprung über den grossen Teich: In Deutschland lief er 1930 unter dem kuriosen Titel Es tut sich was in Hollywood.
Show People ist eine jener ironischen Innenansichten, mit denen sich Hollywood bis heute in regelmässigen Abständen selbst feiert / geisselt / belächelt. Und weil dies ein Marion Davies-Film ist, steht das Lächeln, oder besser: das Lachen hier deutlich im Zentrum. Davies, heute praktisch vergessen, war zu Stummfilmzeiten ein gefeierter Komödien-Star – ein vollkommen berechtigter Status, wie dieser köstliche Film beweist!

Die junge Peggy Pepper aus Georgia (Davies) will unbedingt zum Film. In einer kleinen Neberolle beweist sie darart viel komödiantisches Talent, dass sie sofort für die Slapstick-Komödie entdeckt wird. Zusammen mit ihrem Förderer, dem Komiker Billy Boone (William Haines) dreht sie äusserst erfolgreiche „Klamotten“. Doch sie fühlt sich zu Höherem berufen. Sie schaft den Aufstieg ins dramatische Fach und wird zum gefeierten Hollywood-Star, während ihr Billy in den „Niederungen“ der Komödie zurückbleibt. Billy bewahrt sie zu guter Letzt vor dem Unglück des Selbstverlustes aus Karrieregründen.

Diese einfache und altbackene Geschichte wird in Show People mit derart viel Witz und Verve präsentiert, dass der Film noch heute frisch wirkt und ein echtes Sehvergnügen ist! Die Davies ist schlichtweg phänomenal, die Nebendarsteller sind hervorragend gewählt und es gibt Einfälle, die sind unbezahlbar. Etwa der Cameo-Auftritt Charles Chaplins, der sich ein Autogramm von Peggy holen will, von dieser aber wie ein lästiger Nobody behandelt wird. Oder jene Szene, in welcher sich der Film plötzlich selbst in den Schwanz beisst: Peggy, die sich in ihrem neuen Studio umsieht, entdeckt am Set eine Schauspielerin, die ihr irgendwie bekannt vorkommt. Es ist niemand anderes als – Marion Davies.
Auch King Vidor tritt in Show People auf (als King Vidor), und Peggys und Billys Slapstick-Film läuft im Beiprogramm des King Vidor-Films Bardelys the Magnificent. Es wimmelt von Querverweisen und ironischen Spitzen, und ständig latscht wieder ein Filmstern von damals vor die Kamera.
So ganz nebenbei ist Show People auch eine Hommage an Mack Sennetts wilde Slapstick-Welt, die damals bereits der Vergangenheit angehörte.

Also wieder eine echte Entdeckung aus der Warner Archive Collection, die zeigt, dass vergessenen Filme – auch wenn sie keine Meisterwerke sind – ganz schön viel Spass machen können!

Show People wurde von der WAC übrigens mit der dazugehörigen Originalmusikuntermalung, die damals auf Platten mit dem Film in die Kinos mitgeliefert worden war, veröffentlicht.
8/10

La Bohème – ein Stummfilm

LA BOHEME
USA 1926
Darsteller: John Gilbert, Lillian Gish, Renée Adorée, Edward Everett Horton, George Hassell, Roy D’Arcy, Karl Dane
Regie: King Vidor
Dauer: 93 min

Wer kennt heute noch den Namen Henri Murger? Die Wenigsten. Dabei hat er 1851 eine Bombe gezündet, deren Auswirkungen bis ins Heute spürbar sind. Gemeint ist sein Roman Les scènes de la vie de bohème. Auch wenn der Titel im ersten Moment nicht geläufig klingt, sobald man ihn auf  La Bohème verkürzt, macht es bei den meisten „klick“.
Genau: Die Oper! Doch für sie kann Murger eigentlich nur indirekt etwas; sie wurde nach seinem Tode geschrieben, von Luigi Illica und Giuseppe Giacose (Libretto) und Giacomo Puccini (Musik); Murgers Geschichte diente den Librettisten als Vorlage.

Ich weiss nicht, ob man heute mit Sicherheit sagen kann, was den oben zitierten „Bomben-Effekt“ ausmacht. Jedenfalls wirkt Murgers Text nach und inspirierte namhafte Künstler (zuletzt den finnischen Filmemacher Aki Kaurismäki) zu eigenen Interpretationen oder zu mehr oder minder deutlichen Kopien. Er gilt heute als Auslöser der europäischen Bohème-Literatur.

Murger beschrieb in Les scènes de la vie de bohème das Leben der „Bohémiens“, einer Gruppe von Künstlern, die der damals als provokant geltenden Lebensführung der Bohème anhing, und sich so vom Bürgertum abwendete und dem Individualisums in der Lebensführung huldigte. Murger, der selbst in der einschlägigen Szene lebte, schildert das Milieu in heiter-friedvollen Farben, als eine Art „Idylle der finanziellen Armut und des geistigen Reichtums“.
Vielleicht ist es dieser Ton, diese elysische Heiterkeit, welche Les scènes de la vie de bohème und sein Milieu bis heute so populär macht?

Wie dem auch sei, auch die Zahl der Verfilmungen zeugt von der ungebrochenen Popularität des Stoffes – imdb.com listet deren 23 (inkl. TV-Fassungen), die neuste stammt von 2009.
Bei den meisten handelt es um Verfilmungen der Oper. Aber nicht bei allen: Ganze fünf davon sind Stummfilme! Da steht notgedrungen die Romanvorlage  im Zentrum.

An dieser Stelle soll – nach langer Vorrede endlich – die Stummfilmversion von 1926 thematisiert werden.
Sie ist seit kurzem auf DVD erhältlich. Zum Glück: King Vidors Verfilmung des Murger-Stoffes ist eine echte Entdeckung, ein Stummfilm, den zu sehen sich lohnt. Seltsamerweise nimmt dessen Titel auf Puccinis Oper Bezug, obwohl es sich klar um eine Verfilmung des Buches handelt; offenbar war die Oper zu jener Zeit so populär, dass man sich von einem Bezug zu ihr mehr Publikum erhoffte.

Die Handlung dürfte bekannt sein, sie spielt im Milieu der Pariser Bohème und beleuchtet dort das Schicksal einer Handvoll brotloser Künstler, in deren Mittelpunkt der angehende Dramatiker Rodolphe (John Gilbert) steht, der sich in die Näherin Mimi (Lillian Gish) verliebt – eine Liebesgeschichte, die, wie man vielleicht weiss, mit dem Tuberkolosetod der Heldin tragisch endet.

Das Drehbuch des Franzosen Fred De Gressac weist keine tote Stelle auf, und King Vidors Regie setzt die Vorlage elegant in herrliche Bilder von lyrischem Charme um. Die Schauspielertruppe ist hervorragend, allen voran die filigran-zerbrechliche Lillian Gish. Ihr emotionsgeladenes Spiel geht zu Herzen, statt auf die Nerven. Will sagen: Nur wenige Schauspiereinnen jener Zeit konnten so dick auftragen und trotzdem derart wahrhaftig und „echt“ bleiben. Man nimmt ihr alles ab, die Trauer, die Freude und das Leiden – vor allem das. Es ist, als zeige sich hier das Leid an sich auf der Leinwand. Wie sie das ohne penetrantes Pathos meistert, ist mir ein Rätsel. Vielleicht hat es mit ihrem kindlichen Charme zu tun, der in jedem ihrer Filme aufscheint. Ihr Spiel ist wie das eines Kindes: offen und ehrlich. Und damit ist sie wohl die Idealbesetzung für diese Rolle.

Allerdings soll sich der damalige Superstar Lillian Gish keineswegs kindlich und charmant verhalten haben: Sie war derart berühmt und begehrt, dass sie sich die Regisseure und Co-Stars für ihre Filme selbst aussuchen konnte. Damit ging offenbar auch eine gewisse Arroganz einher. Am Set von La Bohème soll sie sich jedenfalls nicht besonders zimperlich verhalten haben; zu John Gilbert, der damals am Beginn seines Starruhmes stand, muss sie ziemlich grob gewesen sein. Sie konnte es sich erlauben, war die zerbrechlich wirkende kleine Frau doch der erste Superstar der US-Filmgeschichte.

Neben ihrer Schaupielkunst hat John Gilbert im Film einen schweren Stand. Auch er ist brilliant, aber er stemmt seine Rolle sichtlich, er muss sich für ihre Glaubhaftigkeit sichtlich anstrengen – während bei Gish alles in natürlichem Fluss zu sein scheint. Ein paar Mal rutscht Gilbert ab ins Pathos, das bei ihm für meinen Geschmack gerade noch erträglich bleibt.
Auch der Rest der Truppe ist hervorragend. Unter ihnen: ein noch sehr junger, in seinen Manierismen aber bereits unverkennbarer Edward Everett Horton.

Zudem haben Ausstatter und Kulissenbauer hervorragende Arbeit geleistet: Alt-Paris, wie es da im Film erscheint, besitzt jenen romantisch verklärten Zauber, jenen verwinkelten Charme, den man mit der Bohème in Verbindung bringt.

Tragisches Detail am Rand: Die französische Schauspielerin Renée Adorée, die Darstellerin der Musette, welche der toten Mimi am Schluss die Augen schliesst, starb nur sieben Jahre nach Beendigung der Dreharbeiten – an Tuberkolose – während die Gish, die Dutzende von Filmtode starb, über 90 Jahre alt wurde.

Fazit: La Bohème ist ein atmosphärisch sehr dichter, mitreissender, bisweilen ergreifender Film, der aber immer wieder durch komödiantische Tupfer aufgehellt wird. Eine lohnende Entdeckung!
Michael

Die DVD: Die Bildqualität ist sehr gut, das Bild ist recht scharf und klar, mit zumeist sehr guten Kontrasten.

Die Musikbegleitung ist leider anonym. Dabei ist nicht klar, ob die Erwähnung des Komponisten vom Hersteller einfach vergessen wurde.  Es handelt sich um eine moderne Einspielung mit Klavier und Cello. Sie ist schlichtweg hervorragend und verleiht besonders den heiteren Stellen des Films eine zusätzliche Dimension von Schwerelosigkeit und Zartheit. Wunderbar: Genau so wünsche ich mir eine Stummfilmbegleitung!

Reginalcode: 0

Bestellung : Der Film stammt aus dem DVD-R Sortiment von Warner Archive Classics. Eine der wenigen Möglichkeiten, ihn nach Europa zu bestellen bietet Turner Classics . Es lohnt sich auch, mal bei DeepDiscount reinzuschauen; im Moment ist er dort nicht erhältlich, da ich ihn aber erst vor Kurzem dort gekauft hatte, wird er wohl nur temporär aus dem Sortiment genommen worden sein.
Für Preisvergleiche, evtl. preisgünstigere Angebote und andere Fragen im Zusammenhang mit DVD-Bestellungen aus dem Ausland siehe auch die Tipps zur DVD-Bestellung im Ausland.

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THE PATSY (1928)

USA 1928
Mit Marion Davies, Marie Dressler, Dell Henderson u.a.
Regie: King Vidor
Dauer: 77 min

Wenn ich jetzt gleich den Inhalt dieses Films preisgebe, wird die geneigte Leserschaft wahrscheinlich denken, dass The Patsy einen Kauf gar nicht lohnt. Zu dürftig klingt die Story, zu bekannt, zu unoriginell. Das stimmt. Und trotzdem möchte ich den Kauf jedem Stummfilm- oder Komödienfreund wärmstens ans Herz legen.

Aber zunächst zum Inhalt: Pat (Marion Davies) ist das Aschenputtel der Familie Harrington. Obwohl sie die leibliche Tochter von Ma (Marie Dressler) und Pa Harrington (Dell Henderson) ist, wird sie von ihrer Mutter und der “bösen” Schwester (Jane Winton) herumgeschubst, gedemütigt und ausgenutzt. Nur der gutmütig-duckmäuserische Pa hält zu ihr, wenn auch eher im Verborgenen.

Dummerweise hat sich Pat in den Schatz ihrer Schwester verguckt, den sympathischen aber etwas einfachen Tony Anderson (Orville Cladwell). Kurz gesagt dreht sich der Film darum, ob und wie Pat Tony am Schluss kriegt.

“Cinderella-Geschichte”; “hässliches Entlein kriegt ihren Taumprinzen” – das kennen wir zur Genüge aus unzähligen anderen Stumm- und Tonfilmen. Es handelt sich um ein cinéastisches Grundgerüst, aus dem sich von einem talentierten Drehbuchautor mittels guter Nebenhandlungen oder starker Figuren durchaus etwas machen liesse.

Nicht so bei The Patsy! Die spärliche Nebenhandlung (ein reicher Schnösel verführt Pats Schwester) ist alles andere als originell und die Hauptfiguren sind allesamt Stereotypen: die leicht hyperaktive Pat, die Matronenhafte Mutter, der tollpatschig-gutmütige Vater, die zickige Schwester – das haben wir doch alles schon -zig Mal gesehen.

Aber – und das ist nun der springende Punkt – haben wir das jemals in dieser Qualität gesehen?

Selten!
Marion Davies ist geradezu der Prototyp des ungeschickten, unglücklich schmachtenden “hässlichen Entleins”, genauso wie Marie Dressler die Verkörperung des cinéastischen Schlachtrosses in Reinkultur ist. Und Dell Henderson hält als dritter im Bund den anderen beiden mühelos die Stange.

Doch es ist nicht nur dieses gloriose Trio, die diesen Film allen Unwahrscheinlichkeiten zum Trotz weit über den Durchschnitt hinaushebt, die Art, wie dieses Trio in Szene gesetzt wird, trägt ebensoviel dazu bei.
Regisseur King Vidor wusste genau, wie er mit den Akteuren umgehen musste, damit jeder von ihnen die maximale Wirkung erzielt. Es gibt Sequenzen, die an sich vollkommen unlustig sind, die unter Vidors Hand aber zu veritablen Kabinettstückchen geraten. Etwa jene Szene, wo Familie Harrington in einen Festsaal eintritt. Sie ist derart geschickt choreografiert, dass man sich an ihrer unglaublichen Komik erfreuen kann, obwohl rein gar nichts passiert. Zudem sagt die Szene vieles über die einelnen Familienmitglieder und alles über die Funktionsweise des Familienverbandes aus.

Und genau da liegt die Schönheit der stummen Filmform: Ohne Dialoge, ohne Zwischentitel sprechen hier die Bilder Bände. Wenn ein fähiger Regisseur wie King Vidor am Werk ist, dann wird der Stummfilm zur Kunstform des beredten Bildes.

Es gibt unbezahlbare Sequenzen in diesem Film, jeder der Haupakteure hat mehrere davon. Marion Davies etwa, wenn sie ihren Liebsten anschmachtet. Wie sie das tut, muss man gesehen haben, es ist von unbeschreiblicher Komik. Ebenso Davies parodistische Verkörperung der Stummfilmdiven Mae Murray, Lilian Gish und Pola Negri. Oder Marie Dresslers Quengelattacken, mit der sie ihre Tochter unter Druck zu setzen pflegt. Und Dell Hendersons Wutausbruch am Schluss gehört überhaupt zum den schönsten Momenten des ganzen Films. Dass Henderson nicht bekannter ist, gehört für mich nach der Visionierung dieses Films zu den ungelösten Rätseln der Filmgeschichte.

Und die Moral von der Geschicht’? The Patsy gehört ins Regal jedes Stummfilmbegeisterten.
Michael

Die DVD: Die Bildqualität ist hervorragend, das Bild ist scharf und klar, mit sehr guten Kontrasten.

Die Musikbegleitung stammt von Vivek Maddala und ist zunächst etwas gewöhnungsbedürftig, da sie hörbar nicht aus der Epoche des Films stammt. Hat man sich allerdings eingehört, stellt man fest, dass sie das Geschehen ausgezeichnet charakterisiert, unterstützt und untermalt. Maddala ist ein Komponist, von dem ich gerne mehr Filmmusik hören möchte!

Reginalcode: 0

Bestellung : Der Film stammt aus dem DVD-R Sortiment von Warner Archive Classics. Eine der wenigen und im Moment preisgünstigsten Möglichkeiten, ihn nach Europa zu bestellen bietet Turner Classics (6. März 2010). Es lohnt sich auch, bei DeepDiscount reinzuschauen; je nach Angebot ist er dort günstiger.
Für Preisvergleiche, evtl. preisgünstigere Angebote und andere Fragen im Zusammenhang mit DVD-Bestellungen aus dem Ausland siehe auch die Tipps zur DVD-Bestellung im Ausland.

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