Georg Wilhelm Pabst

Der Film, der ohne Freud entstand

GEHEIMNISSE EINER SEELE
Deutschland 1925
Regie: G.W. Pabst
Mit Werner Krauss, Ruth Weyher, Pavel Pavlov, Jack Trevor u.a.
Dauer: 75 min

Ein deutscher Stummfilm, restauriert von der deutschen Transit Film und vom Filmmuseum München  – und doch ist Geheimnisse einer Seele in Deutschland nicht auf DVD erhältlich. In den USA und in Spanien hingegen ist die Restaurierung aus Deutschland auf Silberscheibe erschienen. Man mag sich über diese Tatsache wundern – oder ärgern – wirklich erklärbar ist sie nicht, zumal nicht nur mit diesem Film so verfahren wurde: Eine ganze Reihe deutscher Stummfilme, die in Deutschland nicht auf Silberling zu haben sind, bekomt man im Ausland auf DVD. Immerhin! (Mehr zum Thema siehe auch hier.)
Abstriche muss der auf Vollständigkeit bedachte Stummfilmfreund allerdings bei den Ausgaben aus den USA machen, denn die originalen Zwischentitel werden dort gemeinhin durch englische ersetzt. Offenbar hat man sich in der Branche darauf geeinigt, dass untertitelte ausländische Zwischentitel dem Geschäft nicht zuträglich sind.

Zum Film: Geheimnisse einer Seele ist eine populäre Veranschaulichung von Sigmund Freuds damals noch junger Psychoanalyse. Hans Neumann, Leiter der UFA-Unterabteilung Kulturfilm stiess auf der Suche nach modernen Sujets auf diese Thematik; nach historischen Projekten wie I.N.R.I. und Raskolnikov befand er wohl, die Kulturfilm müsse sich ein etwas zeitgenössicheres Image zulegen. Und da die Psychoanalyse gerade in aller Munde war, bot sie sich für seine Zwecke geradezu an.
Neumann fragte bei Professor Freud um Mitarbeit an. Dieser wollte jedoch von der Filmwelt nichts wissen; kurz zuvor erhielt er das für ihn merkwürdige Angebot, als Berater bei einer Serie von amerikanischen Liebesfilmen mitzuwirken, das er entrüstet ablehnte.
Zwei Psychiater aus Freuds engstem Kreis konnten schliesslich für Geheimnisse einer Seele gewonnen werden; ihre Furcht, weniger Berufene könnten sich des Filmprojekts bemächtigen und die Psychoanayse in Misskredit bringen führte zu ihrer Zusage, für die Drehbuchentwicklung und die Dreharbeiten als Berater zur Seite zu stehen.
Freud selbst war weiterhin nicht zur Mitarbeit zu bewegen. Er distanzierte sich im Zug der Filmarbeiten wegen interner Unstimmigkeiten von den beiden Beratern. Die Medien verkündeten indessen, der Meister selbst arbeite am Projekt; aus den USA tönte es, er führe selbst Regie.
Schliesslich drohten Kontroversen um den Film gar, den inneren Kreis der Freud-Anhänger zu spalten.

Als heutiger Betrachter wundert man sich etwas über den Rummel, den Geheimnisse einer Seele damals in Psychologenkreisen damals offenbar auslöste. Der Film bietet praktisch keine Angriffsfläche. Es handelt sich um eine relativ glatte, völlig kritiklose Dramaturgie der freudschen Traumdeutung.
Damit kein Missverständnis entsteht: Der Film vermag durchaus zu faszinieren, und das auf mehreren Ebenen; doch als Zeitdokument bezüglich Freuds Theorie ist er doch etwas zu vage und unverbindlich um von grossem Nutzen zu sein.

Pabsts Film überzeugt vollständig mit seinen Traumsequenzen und den Erinnerungsrückblenden. Da gelingen den Filmemachern unvergessliche, an den Expressionismus angelehnte Bilder von grosser suggestiver Kraft. Durch sie ist diser Film noch heute bekannt, sie werden oft zitiert und reproduziert. Das Aus-den-Boden-Wachsen einer italienischen Kleinstadt samt Turm, der sich phallisch aus der Erde in die Höhe schraubt ist eine Sequenz, wie sie in dieser Kühnheit ausserhalb der engen Welt des Animationsfilms nur im Stummfilm möglich war. Die Nachtmahre der von Werner Krauss gespielten Hauptfigur wird man dank ihrer eigenwilligen Konzeption kaum je vergessen. Hier verlässt der Film denn auch das ständig spürbare enge Korsett, das ihm der Legitimationswahn der Freud-Anhänger aufoktroyiert hatte.

Trotzdem ist auch jener Teil des Films, der in der Realität spielt, durchaus sehenswert – dank Pabsts Regie. Er lässt die Schauspieler nüchtern und zurückhaltend agieren und erzeugt gerade dadurch eine ständig präsente unterschwellige Spannung. Er bildet damit einen scharfen Kontrast zur expressionistisch angehauchten Traumsequenz; der Expressionismus dient dort unter anderem dazu, die Sequenzen, die in der Realität spielen durch den Kontrast glaubhafter, realistischer wirken zu lassen.
Und die effektvolle Lichtregie hilft mit, den Streifen über jeden Durchschnitt zu erheben und ihn zu einem eindringlichen Erlebnis zu machen.

Mit den höchst interessanten und ausführlichen Produktionsnotitzen, mit denen Kino International die DVD ausgestattet hat, wird der Film sehr gut ergänzt. Gerade diese Ergänzung bettet den Film in seinen historischen Kontext und erhebt ihn dadurch doch noch zum interessanten Zeitdokument.

8/10

Die DVD stammt von Kino International. Der Film wurde vom sorgfältig restauriert – mit sehr schönem Resultat. Die originalen deutschen Zwischentitel wurden allerdings durch englische ersetzt – für Puristen sicherlich ein Minus.
Die qualitativ wohl gleichwertige Ausgabe des spanischen Anbieters Divisa schafft da Abhilfe. Sie scheint in jeder anderen Hinsicht (Lizenzgeber, Musikbegleitung usw.) mit der hier besprochenen DVD identisch zu sein.

Die Begleitmusik stammt von Ekkehard Wölk (Klavier) und begleitet das Geschehen angemessen.

Regionalcode 0

Verfügbarkeit
USA: Die Film hier erwähnte DVD stammt aus dem Stummfilm-Sortiment von Kino International und kann auch dort bezogen werden. amazon.com bietet den Film ebenfalls an.
Europa: Divisa in Spanien bietet den Film ebenfalls an – mit den originalen deutschen Untertiteln. Hier gibt’s ihn günstig zu kaufen.
Für Preisvergleiche, evtl. preisgünstigere Angebote und andere Fragen im Zusammenhang mit DVD-Bestellungen aus dem Ausland siehe auch die Tipps zur DVD-Bestellung im Ausland.

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DIE WEISSE HÖLLE VOM PIZ PALÜ (1929)

Deutschland 1929
Regie: Dr.Arnold Fanck und Georg Wilhelm Pabst
Mit Leni Riefenstahl, Gustav Diessl, Ernst Petersen, Ernst Udet u.a.
Dauer: 133 min

Hinter diesem seltsam reisserischen Titel verbirgt sich ein unausgeglichener Film, der zwischen echter Grösse und zähflüssigem Pathos laviert. Und – einer der grossen deutschen Stummfilmklassiker.

Die respektlose Eingangszeile meines Textes offenbart schon, dass ich trotz des Prädikats Meisterwerk, mit dem dieser Film gemeinhin bedacht wird, keinen Respekt zeige und nicht in Ehrfurcht zu erstarren gedenke. Das pflege ich allgemein nicht zu tun.
Jedenfalls nicht, weil mehrere Cinéasten gesagt haben, wie gross und grandios dieser Film ist.
Damit keine falschen Erwartungen aufkommen: Ich will den Ruhm dieses Werks hier nicht niederreissen. Das Werk hat Grösse, zweifellos. Nur halt nicht von A bis Z. Um es auf den Punkt zu bringen: Kürzungen hätten nicht geschadet.

Ja wer ist er denn, so etwas zu behaupten, höre ich da die Gralshüter der Filmkunst sich empören.
Ja, wer bin ich denn? Ich sehe mich als Zuschauer, als Rezipient dieses Films; für solche wie mich wurde der Film gemacht – nicht für die Film-Museumswärter. Und als bescheidener Zuschauer finde ich Piz Palü bisweilen – vor allem im letzten Viertel – etwas sehr zäh, langfädig und künstlich aufgeblasen. Das darf gesagt werden.

Ich bin, was Filme betrifft, ein durchaus geduldiger Mensch, den man mit tollen Bildern lange bei der Stange halten kann. Aber wenn der endlose Blick auf den wolkenverhangenen Berg zum x-ten Mal die Handlung unterbricht, werde ich ungeduldig. Ebenso, wenn das damalige Flieger-Ass Ernst Udet die Handlung aufhält, indem er mit dem x-ten Looping seine Flugkünste unter Beweis stellt. Was damals möglicherweise neu und aufregend war, wirkt heute überflüssig und schwer erträglich. Einige der Zwischentexte in diesem Film kommen zudem etwas gar gestelzt daher und erscheinen in ihrem Pomp aus heutiger Sicht lächerlich („Der Berg tobt“).

So. Und nun zum Positiven.
Der Film hat grossartige Momente, zweifellos! Bis auf die letzten vierzig Minuten war ich fasziniert, gefesselt und begeistert. Die Szenenfolge des Aufstiegs zum Palü ist vom Schnitt und Rhythmus her hervorragend. Und die Bilder der nächtlichen Suchaktion der fackelbewehrten Dorfbewohner gehören zu den eindrücklichsten, die ich je in einem Film gesehen habe. Der Abstieg in die Gletscherspalte und die Bergung der toten Alpinisten ist absolut einmalig und unvergleichlich; er erscheint wie ein Abstieg in die Hölle und brennt sich wohl jedem Zuschauer, jeder Zuschauerin unauslöschlich in Gedächtnis ein. Da zeigt der Film zweifellos Grösse, deswegen sollte man ihn gesehen haben.
Wie gesagt, Kürzungen hätten dem Film, so finde ich, gut getan. Es exsistiert eine gekürzte Fassung von 80 Minuten, die für den amerikanischen Markt hergestellt wurde. Offenbar wurde dort vor allem ein Grossteil der zahlreichen Landschaftsaufnahmen herausgeschnitten.

Und hier noch einige Hintergrund-Angaben für Interessierte:
-Der Regisseur Dr. Arnold Fanck hat das Genre des Bergfilms entscheidend geprägt. Er entdeckte sowohl Leni Riefenstahl als auch Luis Trenker, die beide später eigene Filme realisierten und während der Nazi-Herrschaft unrühmliche Rollen spielten. Fanck dreht seine Filme zur Hauptsache im Freien, dies in einer Zeit, in welcher die meisten anderen Regisseure im Studio filmten.
-Das Dr. in Dr. Rudolf Fanck stammt von seiner Promotion in Geologie (1915 in Zürich).
-Der berühmte Regisseur G.W. Pabst (Lulu) fungierte hier als Co-Regisseur und war vor allem für die (wenigen) Innenaufnahmen und die Schauspielerführung zuständig. Dass die grossartige Sequenz der nächtlichen Rettungsaktion auch von ihm stammt, kann aufgrund einer Aussage des Kameramanns Sepp Allgeier zwar angenommen werden, es geht aber nicht klar daraus hervor.

Die DVD: Der Film wurde 1997 aufwändig restauriert und in seiner Urfassung wiederhergestellt. Diese Version findet sich auf der vorliegenden DVD von Arthaus, zusammen mit der Orchestermusik, welcher der australische Komponist Ashley Irwin für die Wiederaufführung 1997 geschrieben hatte. Die Bildqualität der DVD ist sehr gut; das Bild ist klar und scharf mit hervorragender Tiefenschärfe. Irwins Begleitmusik ist zwar pompös, passt aber hervorragend zum Film. Eine weitere begeisternde Stummfilmmusik! Die DVD kann hier erworben werden, derzeit für gerade mal 10 Euro!