Versteckte Filmperlen auf DVD

Versteckte Filmperlen: Phoebe im Wunderland

PHOEBE IN WONDERLAND
USA 2008
Mit Elle Fanning, Felicity Huffman, Patricia Clarkson, Bill Pullman, Campbell Scott, u.a.
Drehbuch und Regie: Daniel Barnz
Der Film lief im deutschsprachigen Raum nicht in den Kinos – DVD Premiere 2012 unter dem Titel Phoebe im Wunderland
Dauer: 96 min
Im deutschsprachigen Raum ist der Film auf DVD und Blu-ray verfügbar

Vorspann:
Inhalt: Ohne zu spoilern etwas über den Inhalt diesen Films zu erzählen, ist äusserst schwierig. Meine Inhaltsagabe bleibt also diesmal rudimentär.
Es geht um ein kleines Mädchen, Phoebe, das plötzlich immer schwieriger wird, und an deren seltsamem Verhalten seine Umwelt – vor allem ihre Familie – zu verzweifeln droht. Phoebe legt rätselhafte, zwanghafte Verhaltensweisen an den Tag und droht in den institutionalisierten Therapie-Mühlen zerrieben zu werden. Unsensible Lehrpersonen und ein opportunistischer Schulleiter verstärken das Elend. Auf der anderen Seite steht eine zwar distanzierte, dem Verhalten des Kindes gegenüber aber positiv eingestellte Theaterpädagogin. Im Theaterfreifach, wo „Alice in Wonderland“ geprobt wird, tritt Phoebes seltsames Verhalten denn auch in den Hintergrund….

Der Film:
Ich kenne viele „Erstlingsfilme“, kaum bekannte Werke, die schlichtweg grossartig sind. Jedes Mal merke ich mir den Namen des Regisseurs – und höre und sehe danach meist entweder nie wieder etwas von ihm – oder nur noch Mittelmässiges. Warum?
Erstlingsfilme kommen oft nach langen Reifungsprozessen und endlosen Fundraising-Bittgängen zustande. Die Macher haben Zeit, ausserhalb von Erfolgserwartungen, Terminzwängen und Studiopolitik an Details zu feilen und sehr gründlich zu arbeiten; oft können die Vorhaben genauso umgesetzt werden, wie sie ursprünglich gedacht waren, da kein mitsprache-phobisch veranlagtes Grossstudio beteiligt ist.
Daniel Barnz ist so ein Fall. Phoebe in Wonderland war sein Erstlingsfilm – er wurde an diversen amerikanischen Filmfestivals gefeiert. Danach drehte Barnz drei weitere Filme (sein bekanntester war Beastly), von denen dem Vernehmen nach keiner mehr die Qualität und Intensität von Phoebe erreichte.
Genau kann man die Gründe dafür natürlich auf die Schnelle nicht eruieren, doch ich bin überzeugt, dass der Faktor Zeit eine grosse Rolle spielte: Zwischen der Niederschrift des Drehbuchs zu Phoebe in Wonderland und dessen Verfilmung lagen zehn Jahre. Danach kamen die Filme des inzwischen bekannten Barnz (im Schnitt) im Zweijahrestakt in die Kinos. Die Zwänge des Marktes hatten eingesetzt.

Phoebe in Wonderland fand trotz Kritikerlob und Erfolgen an einschlägigen Festivals (u.a. am renommierten Sundance-Festival) nur mit Müh‘ und Not einen Verleiher und gelangte nur in Teilen der USA auf die Leinwand. Im Rest der Welt gar nicht. Fürs grosse Publikum ist er zu „anders“, zu tiefgründig, und das Studiopublikum liess sich von der Schublade „Familienfilm“ abschrecken, in welche der Film zu Unrecht gesteckt wurde. So ist Phoebe eine echte Trouvaille, ein filmisches Bijou, das kaum jemand kennt und das ans Licht muss.

Die Inhaltsangabe klingt wie schon erwähnt, gefährlich nach einer kitschigen US-Familienkiste. Barnz umschifft die Kitsch-Klippen mit einer fürs US-Kino verblüffend realistischen, ehrlichen Problemanalyse einer mit einem „schwierigen“ Kind belasteten Familie. Phoebe in Wonderland lotet auf höchst sensible Art schwierige Themen aus wie den schmalen Grat zwischen Normalität und Wahnsinn, er untersucht das Phänomen „Kindheit“ und den hilflosen Versuch der Erwachsenen, dieses zu verstehen. Lewis Carrolls Alice in Wonderland eigent sich für diese Zwecke hervorragend, und so korrespondiert Phoebes langsames Abgleiten in die Verrücktheit mit dem bedrohlichen Irrsinn, den Alice im Buch erlebt. Und ja, es gibt sie auch in diesem Film, die unvermeidlichen Sequenzen, in denen die Welt der Fantasie in die Realität der Protagonisten einbricht; die Ver-rückungen ins Fantastische werden allerdings mit Mass eingesetzt und mit wohltuend einfachen Mitteln überzeugend umgesetzt: Beleuchtung, Kostüme, Kulissen. Keine CGI-Effekte und überzeichneten Sepcial-Effects. Das hätte das Budget nicht erlaubt. Manchmal ist Geldnot ein Segen!

Die Darstellertruppe ist wunderbar, alle Akteure sind maximal gut besetzt – eine Freude, ihnen beim Verkörpern der vielschichtigen Charaktere zuzuschauen. Schlichtweg sprachlos macht aber die kleine Elle Fanning, welche die schwierige Rolle der Haupfigur innehat. Unbegreiflich, wie ein kleines Mädchen – sie war damals 10 – eine derart reife Leistung hinbekommt, wie sie abrupte emotionale Wechsel – von fröhlich Verspieltheit zu kompletter Zerrüttung innert Sekunden – derart glaubhaft spielt, dass man eine Gänsehaut bekommt, den Tränen nahe steht oder beides. Ich sehe mir ja wirklich viele Filme an: Ich kann mich nicht erinnern, wie lange es her ist, dass mich eine schauspielerische Leistung derart umgehauen hat wie jene der Elle Fanning in diesem Film. Kinderstars wirken oft prätentiös – Elle Fanning spielt mit einer Natürlichkeit und Selbstverständlichkeit, dass man ihr die Phoebe und ihre Macken vollständig abnimmt. Auch Jodie Foster war von Elles Leistung überwältigt: “I was blown away by that performance — blown away. She should have been nominated for an Oscar.“ Mich würde brennend interessieren, wie Barnz mit dem Mädchen gearbeitet hat! Leider ist gerade darüber nichts zu finden.

Phoebe bringt mit ihrem langsamen Abgleiten in eine rätselhafte Verrücktheit die Institutionen Familie, Schule und Psychiatrie an ihre Grenzen. Der Schluss des Films beinhaltet eine Auf-Lösung, die man bei oberflächlicher Betrachtung für ein Happy End halten könnte. Für die oben genannten Institutionen mag es vielleicht ein glücklicher Ausgang sein. Aber für Phoebe? Das muss bezweifelt werden.
Mit dieser Doppeldeutigkeit ist der Film zu Ende. Im Kopf geht er – wie alle wirklich guten Filme – noch lange weiter.

Nachspann:
Ein Glücksfall für alle Freunde filigraner (aber nicht abgehobener) Filmkunst, dass dieser vom Publikum und den Verleihern übersehene Film bei uns überhaupt veröffentlicht wurde. Die „Best Entertainment AG“ brachte das Werk hierzulande auf DVD und auf Blu-ray heraus, leider ohne jegliche Extras, dafür mit hervorragender Bildqualität (ich habe die Blu-ray getestet), zudem ist sowohl eine deutsche Synchron- als auch die amerikanische Originalfassung vorhanden; auch Untertitel fehlen nicht, die Übersetzung ist akkurat und stimmig.

Bisherige hier vorgestellte, bei uns auf DVD / Blu-ray erhältliche versteckte Filmperlen:
Zwei in einem Stiefel
-Phoebe im Wunderland

 

Versteckte Filmperlen: Zwei in einem Stiefel

Ab sofort gibt es hier eine neue Sparte: „Versteckte Filmperlen“. Sie soll auf wenig bis gar nicht bekannte Filme hinweisen, die im deutschsprachigen Raum auf DVD oder Blu-ray greifbar sind, dort aber eher ein Nischendasein fristen. Also nicht die n-te Besprechung von Casablanca, Singin‘ in the Rain oder Rio Bravo ist hier zu finden, sondern Werke, von denen der eine oder andere Filmfreund nicht mal ahnt, dass sie bei uns auf Scheibe erhältlich sind. Den Anfang macht eine wunderbare comedia all‘ italiana.

IL FEDERALE
Italien 1961
Mit Ugo Tognazzi, Georges Wilson, Stefania Sandrelli, u.a.
Drehbuch: Castellano & Pippolo (Franco Castellano & Giuseppe Moccia), Luciano Salce
Regie: Luciano Salce
Deutschsprachige Kino-Erstaufführung 1962 unter dem Titel Zwei in einem Steifel
Dauer: 87 min
Im deutschspachigen Raum auf DVD verfügbar

Manchmal staunt man: Plötzlich taucht ein alter italienischer Film aus den frühen Sechzigerjahren auf dem deutschsprachigen DVD-Markt auf, dessen Regisseur nicht mal eingefleischten Cinéasten bekannt sein dürfte und dessen bekanntester Schauspieler, Ugo Tognazzi, gerade mal bei der älteren Generation unter den Filmfreunden Assoziationen weckt. Weshalb zum Teufel ausgerechnet dieser Film bei uns auf DVD veröffentlicht wird, bleibt ein Rätsel. Aber eigentlich ist der Grund egal, denn hier handelt es sich um einen Glücksfall!

Il Federale, wie der Film im italienischen Original heisst – und in Italien ist der Film absolut nicht vergessen – spielt 1944, während weite Teile Italiens noch von den Wehrmacht besetzt waren. Innerhalb des Irrsinns, den die Nazis anrichten, enspinnt sich eine kleine menschliche Komödie um zwei völlig gegensätzliche Individuen, einen Humanisten und einen Faschisten, die eine Reise zusammen antreten, die quer durch ein vom Krieg malträtiertes Land und tief ins innere der italienischen Seele führt.

Primo Arcovazzi (Tognazzi), ein einfach gestrickter, aber im Grunde herzensguter Soldat Mussolinis, soll den geflüchteten Professor Bonafé, vorgesehenes Mitglied der künftigen (hoffentlich) demokratischen Regierung in Gewahrsam nehmen und ihn von den Abruzzen ins faschistische Zentrum nach Rom verfrachten. Als Belohnung soll er zum Provinzsekretär (Federale) befördert werden. Ein Motorrad mit Seitenwagen dient als Transportmittel – jedenfalls zu Beginn. Der schlaue Professor büxt aber immer wieder aus oder hält den armen Primo sonstwie auf Trab, jedenfalls wird die Reise zur ausgewachsenen Odysee, auf der die beiden ungleichen Gefährten die Nöte und Schutzmechanismen einer vom Wahnsinn des Krieges gebeutelten Bevölkerung kennenlernen. Das ergibt Momente von schönstem filmischem Aberwitz, aber auch leise, berührende Episoden, die allerdings nie ins Pathos abgleiten.

Regisseur Salce setzt das wunderbar kauzige und untergründig witzige Drehbuch genau richtig um: Mit trockenem Understatement und sicherem Gespür für die Figuren. Bonafé und Arcovazzi sind zwei unvergessliche, komplett gegensätzliche Figuren, die sich auf dem Weg nach Rom annähern und sich gegenseitig respektieren lernen. Die beiden werden von Tognazzi und Wilson grandios verkörpert, wobei sich Wilsons stoischer Lakonismus komplementär vom hyperaktiven Machismo Tognazzis abhebt.

Luciano Salce, ein heute völlig vergessener Regisseur, hat insgesamt 36 Filme gedreht und wirkte als Schauspieler in Filmen seiner Kollegen mit. Il federale lässt den Schluss zu, dass er ein guter Handwerker war, der ein gutes Drehbuch adäquat umsetzen und seine Schauspieler zu Bestleistungen animieren konnte. Bekannt ist der 1989 verstorbene Salce – zumindest in Italien – heute noch für seine beiden Fantozzi-Verfilmungen mit Paolo Vilaggio in der Titelrolle.
Der bekannteste Name, der in den Credits auftaucht, ist jener Ennio Morricones. Er schrieb die vollschräge und höchst vergnügliche Filmmusik zu Il Federale. Damals war Morricone der Filmwelt noch völlig unbekannt. Die Musik zu diesem Film war die erste, für die sein Name in den Credits erschien. Zuvor komponierte er noch – ohne im Vorspann genannt zu werden – die Musik zum 1959 erschienen Film Morte di un amico von Franco Rossi. Danach kamen – bis heute – 526 weitere Scores. Der Mann ist heute 87!
Übrigens weckt Il federale Assoziationen zu Martin Brests Midnight Run. Beide Filme haben praktisch dieselbe Ausgangslage; ersetzt man „die Nazis“ im einem Film mit „der Mafia“ im anderen, wird es augenfällig. Hat Hollywood sich da einmal mehr bei der commedia all‘ italiana bedient?

Erstaunlich, dass so ein alter, kaum mehr bekannter italienischer Film überhaupt den Weg auf den deutschsprachigen DVD-Markt findet. In der Serie „Kriegsfilm-Klassiker“ veröffentlichte die MIG Filmgroup diese Perle in einer Edition, die zwar ohne Extras daherkommt, dafür aber sonst vorbildlich ist: Die Bildqualität ist hervorragend, es gibt sowohl eine deutsche Synchron- als auch die italienische Originalfassung, die Untertitel sind zuschaltbar (wahlweise weiss oder gelb), die Übersetzung ist akkurat und stimmig.
Und der Film ist hervorragend! Eine commedia all‘ italiana, deren skurriler, schlitzohriger Witz eine wahre Freude ist! Zwei in einem Stiefel ist ein DVD-Glücksfall für Freunde und Sammler von Filmklassikern. Mein Tipp: Zugreifen – solange die DVD noch erhältlich ist!