Monat: Juli 2017

The Circle (2017)

FILM DER WOCHE:

USA 2017
Mit Emma Watson, Tom Hanks, Karen Gillan, Patton Oswalt, John Boyega, Ellar Coltrane, Bill Paxton, Glenne Headly u.a.
Drehbuch: James Ponsoldt und Dave Eggers nach dem Roman von Dave Eggers
Regie: James Ponsoldt
Musik: Danny Elfman
Der Kinostart des Films im deutschsprachigen Raum ist für September geplant.

„Beauty and the Beast“ zum zweiten. Diesmal bekommt es Emma Watson mit einem „Beast“ ganz anderer Art zu tun: Mit dem „Circle“, einem Google nachempfundenen Internet-Konzern, der sich mit rasender Geschwindigkeit weltweit ausbreitet und sich in den Privatleben der Menschen einnistet. Dave Eggers („Ein Hologramm für den König“) schrieb den gleichnamigen Roman, eine erschreckende Science-Fiction-Vision unserer nahen Zukunft, nun wurde er verfilmt.

Mae (Watson) wird von ihrer Freundin Annie (Gillan) in den Konzern eingeführt und kann bald ihren langweiligen Job in einer Versicherung gegen die aufregende Vorstellung eintauschen, Teil des „Circle“ zu sein. Mae arbeitet im dortigen Call-Center, wo sie im Akkord Kundenanfragen beantworten muss und dafür bewertet wird. Mit sanftem Druck wird sie dazu gepusht, ein möglichst hohes Ranking zu erzielen. Nach anfänglichen Schwierigkeiten gelingt es ihr. Sie steigt auf.

Die Durchschnittsbewertung bei Filmseiten wie imdb.com erstaunt: The Circle ist um einiges besser, als die tiefe Punktezahl erwarten lässt. Es handelt sich hier um Science-Fiction, wie man sie heute kaum mehr kennt: Angesiedelt in einer unserer Zeit derart nahen Zukunft, dass äusserlich keinerlei Veränderungen sicht bar sind. Die Welt sieht aus, wie die unsere. Was da gezeigt wird, passiert jetzt. Die Auswirkungen könnte man morgen spüren. Oder übermorgen. Das ist die Botschaft von Ponsoldts Film.
Vielleicht kommt er so schlecht an, weil das Kinopublikum heute Science-Fiction mit Action, krachendem Soundtrack und geifernden Aliens assoziiert? Dabei impliziert der Begriff „Science“ eigentlich eher Besonnenheit, Ernsthaftigkeit. The Circle gibt dem Genrebegriff seine ursprüngliche Ernsthaftigkeit zurück, ohne freilich allzu wissenschaftlich zu werden.

Wissenschaftlich, oder zumindest fast wissenschaftlich mutet höchstens die Genauigkeit an, mit der Eggers und Ponsoldt die Mechanismen aufzeigen, die Konzerne wie Google immer mächtiger werden lassen. Einerseits ist da die Dummheit / Gedankenlosigkeit / der Herdentrieb der User – und da haben wir einen weiteren möglichen Grund für die Ablehnung des Films: Er hält uns den Spiegel vor – andereseits sind es subtile, perfide psychologische Personalführungs- und Verkaufs-Tricks, welche die Leute dahin bringen, wo sie sie hinhaben wollen. Beides geht eine Symbiose ein, beides bedingt sich gegenseitig, und das bringt der Film meisterhaft auf den Punkt. Jemand hat geschrieben, The Circle sei eigentlich ein Horrorfilm. Das hat was! Der Horror ist diese Symbiose – und die Tatsache, dass sie bereits geschehen ist: Die Konzerne haben sich in unseren Gehirnen eingenistet.

Sehr schön wird das ersichtlich in der Figur der Mae, eine nette, ambitionierte junge Frau mit leicht angeschlagenem Selbstbewusstsein. Sie beginnt ganz unten und ist stolz, Teil der Gemeinschaft sein zu dürfen, die sich in einem ringförmigen, campusartigen Firmensitz permanent selbst feiert, in zahlrreichen kostenlosen Aktivitäten endloses Vergnügen findet und darob die Aussenwelt kaum mehr wahrnimmt. Dieser Stolz treibt Mae dazu, immer besser werden zu wollen, sie nimmt die Firmenphilosophie in sich auf und am Ende ist sie es, die ohne jede böse Absicht, den Circle um ein weiteres „tool“ bereichert, jenes, das ihren Ex-Freund das Leben kosten wird. Mae denkt je länger je mehr genauso, wie die Firma dies möchte, nämlich in deren Gedankenmustern.

Es gibt in diesem Film keinen Bösewicht; oder, anders ausgedrückt: Niemand in diesem Film ist explizit böse. Es gibt zwei „Bösewichte“, beide sind aber eigentlich unglaublich nett und grosszügig. Tom Hanks und Patton Oswalt spielen sie hervorragend. Firmenboss Eamon Bailey (Hanks), ein hemdsärmlicher, kumpelhafter Typ, nimmt Mae unter seine Fittiche und formt sie nach seinem Gusto. Und sein Kompagnon Stenton (Oswalt) unterstützt ihn aus dem Hintergrund. Bailey und Stenton sind zudem die einzigen älteren Leute im „Circle“. Alle anderen, die Mitarbeiter sind jung. Bailey und Stenton sind die gerissenen Manipulatoren im Hintergrund. Dabei sind sie so nett, dass sich alle mit ihnen verbünden. Es ist nicht mal sicher, ob sie selber wissen, was sie mit ihrer Firma eigentlich anrichten.
Und da sind wir bei einem weiteren möglichen Rezeptions-Problem: In The Circle verschwimmen die Fronten. Das einfache Gut-Böse-Schema ist aufgehoben. Deshalb ist er nicht einfach zu konsumieren und erfordert einiges an gedanklicher Arbeit.

Romanautor Dave Eggers hat selbst am Drehbuch mitgewirkt – zum Glück. Als Film ist The Circle schlüssiger als das Buch. Episoden, die im Buch viel (auch überflüssigen) Raum einnehmen, sind hier aufs Wesentliche verknappt. Dass dabei nichts fehlt, ist das grosse Verdienst des Drehbuches. Als Film fährt das Gezeigte noch stärker ein als beim Lesen. Die gestylte, oberflächliche Party-Umgebung des „Circle“ gibt einiges an visuellem Schauwert her, und ich ertappte mich mehrmals dabei, dass ich dachte: „Genauso hatte ich mir das beim Lesen vorgestellt!“

Doch dann: Der Schluss!
Da weicht der Film plötzlich stark vom Buch ab; im Roman wird Mae selbst zum „Biest“, zum Monster. Für mich verliert der Roman dort stark an Glaubwürdigkeit. Es gelingt Eggers nicht, seine Identifikationsfigur glaubhaft in ihren eigenen „bösen Zwilling“ umzubiegen.
Der Film lässt den Figuren ihre Persönlichkeiten. Das ist stimmiger, doch es schwächt das Ende ab. Die Sequenz, in der Mae am Ende vor den versammelten „Circlern“ das Steuer herumreisst, ist zwar absolut schlüssig und gelungen; was dem aber folgt, die nimmt der Hauptkritik des Films – Totalverlust der Privatsphäre – ihren Schwung, weil Ponsoldt nun plötzlich die Vorteile der „neuen Öffentlichkeit“ fokussiert (jedenfalls bekommt man diesen Eindruck): Dubiose Firmen können so nicht mehr betrügen.

Am Ende sieht man eine mosaikartig sich auflösende „schöne neue Welt“, die sich aus tausenden von beobachteten Individuen zusammensetzt. Dieser Schluss bleibt auf den ersten Blick rätselhaft. Allerdings sollte man genau überlegen, was Ponsoldt da sagen will. Das Bild von einer glücklichen, im Meer dümpelnden und von drei um sie herumschwirrenden Drohnen beobachteten Mae entpuppt sich als „Fernsehbild“, es wird immer kleiner, daneben und darüber reihen sich weitere Fernsehbilder von Menschen, Plätzen und Räumen, die immer kleiner und immer mehr werden, bis Mae nicht mehr zu erkennen ist. Das Individuum verschwindet, löst sich quasi auf im Meer der Informationen.
The Circle macht trotz einiger Abstriche deutlich – und lässt keinen Zweifel darüber – wo die Gefahren der Zukunft liegen. Der nächsten Zukunft.

Die Regie: 8 / 10
Das Drehbuch: 10 / 10
Die Schauspieler: 10 / 10
Die Filmmusik: 8 / 10
Gesamtnote: 9 / 10

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Kurzkritiken

LOST HIGHWAY
USA 1997
Mit Bill Pullman, Patricia Arquette, Balthazar Getty, Robert Loggia, Gary Busey u.a.
Drehbuch: David Lynch und Barry Gifford
Regie: David Lynch
Musik: Angelo Badalamenti
Inszenatorisch ist dies ganz klar der stärkste Film der drei diese Woche besprochenen – ein unverwechselbarer „Lynch“. Leider fällt der Inhalt dagegen derart ab, dass ein krasses Gefälle entsteht. Was Lynch uns da auftischt, ist zwar vom ersten Moment an packend, doch leider auch komplett selbstzweckhaft. Ich kann in Lost Highway inhaltlich nichts entdecken, womit ich etwas anfangen könnte. Die Zeitebenen sind derart verschachtelt, dass eine schlüssige „Entschachtelung“ gar nicht möglich ist. Die Figuren machen Wandlungen durch – auch äusserliche – die nicht nachzuvollziehen sind. Und die Handlung irrlichtert auf etwas zu, von dem man ein schlüssiges Ende erhofft, das aber nie eintritt. Am Ende beisst sich die Katze in den Schwanz – nur: welche Katze? Und welcher Schwanz?
Lost Highway war Lynchs nächster Langfilm nach Fire Walk With Me, der den vorläufigen Abschluss (eigentlich Vorlauf) der Twin Peaks-Serie bildete. Auch hier geht es wieder um „das Böse“, das auf unheimliche Art und Weise Gestalt annimmt und die Gesetze der Logik und der Natur ausser Kraft setzt. Allerdings führt das alles zu nichts. Der Film ist künstlerisch zwar höchst eigenwillig, originell und anspruchsvoll, doch er ist auch kryptisch und letztlich leer.
Fred, ein Saxophonspieler (Pullman) bekommt Videotapes zugespielt, die nachts in seiner Wohnung aufgenommen worden sind – während er und seine Freundin (Arquette) schliefen. Die Polizei wird eingeschaltet, die Lage spitzt sich zu, der Saxophonist scheint verrückt zu sein, und schliesslich wird er verhaftet, weil er seine Freundin umgebracht hat. Im Gefängnis mutiert er plötzlich zu einer anderen Person, dem Mechaniker Pete (Getty), eine ganz andere Geschichte beginnt. Doch immer wieder scheinen Echos der ursprünglichen Handlung auf, bis die beiden Stränge zusammenkommen. Das managt Lynch meisterhaft und spannend – doch er dreht sich mit seinen immer gleichen Obsessionen im Kreis.
Die Regie: 10 / 10
Das Drehbuch: 5 / 10
Die Schauspieler: 8 / 10
Die Filmmusik: 10 / 10
Gesamtnote: 8,5 / 10

SILVER RIVER
(dt.: Der Herr der Silberminen)
USA 1948
Mit Errol Flynn, Ann Sheridan, Thomas Mitchell,
Drehbuch: Stephen Longstreet und Harriet Frank Jr. nach einem Roman von Stephen Longstreet
Regie: Raoul Walsh
Musik: Max Steiner
Der vergessene Film der Woche
1951 kam dieses heute vergessene Western-Drama auch im deutschsprachigen Raum in die Kinos. Errol Flynn war halt ein Kassenmagnet. Möglicherweise fiel der Film dann gerade wegen ihm durch, respektive wegen der Rolle, die er darin verkörpert. Diese unterscheidet sich erheblich von jener des strahlenden Helden, auf die Flynn bis dahin abonniert war und in der das Publikum ihn sehen wollte. In Silver River tritt er als selbstherrlicher Spieler auf, der ins Minen-Geschäft einsteigt und damit ein Vermögen macht – nicht zuletzt, indem er seinen Compagnon mit einer Finte in den Tod schickt. Als er dessen Witwe heiratet (sein heimliches Ziel), hat er den Tiefpunkt in der Publikumsgunst erreicht. Trotzdem wird ihm am Ende – praktisch in letzter Minute – eine Läuterung auf den Leib geschrieben, welche die Zuschauer in ein Happyend entlässt, die aber komplett unglaubwürdig wirkt.
Silver River ist das Psychogramm eines Egomanen, und als solches funktioniert er die meiste Zeit hervorragend. Und: Flynn überzeugt als zwieliechtiger Charakter schauspielerisch auf ganzer Länge! Trotz erheblicher Probleme am Set (Flynn und sein Co-Star Ann Sheridan guckten zum Leidwesen des Regisseurs regelmässig zu tief in die Flasche) ist Silver River schauspielerisch überraschend packend. Auch Drehbuch und Regie tragen einiges dazu bei, dass der Film packt und überzeugt. Leider erlaubt sich das Drehbuch einige grobe Schnitzer – das Filmende ist einer davon. Es wirkt wie ein erzwungener Alternativschluss. Ob der von Beginn weg so vorgesehen war und wie das eventuelle ursprüngliche Filmende ausgesehen hat, bleibt ein Rätsel.
Die Regie: 8 / 10
Das Drehbuch: 7 / 10
Die Schauspieler: 10 / 10
Die Filmmusik: 7 / 10
Gesamtnote: 8 / 10

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Vorschau

Die folgenden drei Filme werden im nächsten Blog-Beitrag vorgestellt. Einer davon wird zum „Film der Woche“ gekürt…

The Wild Bunch (dt.: The Wild Bunch – Sie kannten kein Gesetz; USA 1969)

Whip It (dt.: Roller Girl – Manchmal ist die schiefe Bahn der richtige Weg; USA 2009)

Die amerikanische Nacht (1973)

FILM DER WOCHE

LA NUIT AMÉRICAINE
Frankreich 1973
Mit Jacqueline Bisset, Jean-Pierre Léaud, François Truffaut, Jean-Pierre Aumont, Valentina Cortese, Natalie Baye u.a.
Drehbuch: François Truffaut, Jean-Louis Richard, Suzanne Schiffman
Regie: François Truffaut
Musik: Georges Delerue
Der Film lief bei uns 1973 unter dem Titel Die amerikanische Nacht
Die deutsche DVD des Films ist leider vergriffen. Er kann hierzulande auch nicht gestreamt werden. Es gibt aber eine französische DVD mit deutschem Ton – sie kann hier bestellt werden.

Mit Truffaut konnte ich schon immer ungleich mehr anfangen als mit Godard. Beide stehen für den Beginn der „Nouvelle Vague“, Truffaut entfernte sich bald von deren Dogmatismus, Godard beharrte darauf und macht bis heute Filme, die keiner versteht. Über Truffauts La nuit américaine haben sich die beiden einstigen Compagnons endgültig zerstritten. Godard warf Truffaut „Unehrlichkeit“ vor, weil er sich von ihrer Grundidee, Film und Leben müsse „eine Einheit“ bilden, entfernte. Bis zu Truffauts Tod elf Jahre später, sprachen die beiden nicht mehr miteinander.

Was hatte sich Godard nur gedacht? La nuit américaine behandelt gerade das Thema Film und Leben, auf beinahe erschöpfende Art und Weise. Ein Film wird gedreht; drumherum pulsiert das Leben. Die Art, wie La nuit américaine gemacht ist, lässt das eine immer wieder ins andere übergehen – denn das gezeigte „wahre Leben“ ist ja auch wieder „nur“ ein von einem Regisseur inszenierter Film.
Truffaut schafft auf fast magische Weise das Kunststück, dieses „Leben hinter der Kamera“ und dessen Protagonisten „echt“ erscheinen zu lassen. Man glaubt, was man sieht – nicht nur, weil Truffaut den Regisseur selbst verkörpert (ein gerissener Schachzug!). Mit spürbar tiefer Menschenliebe und -kenntnis kreieren er und sein Drehbuchteam Figuren, die mittels kleiner, genauer Skizzenstriche „wahr“ werden, scharf beobachtet und genau wiederspiegelt. Truffauts Kunst ist nicht das untrennbare Verquicken von echtem Leben und Film, wie Godard dies predigte (er liess oft Streitereien die er mit seiner Frau hatte, am Tag drauf wortgetreu von seinen Schauspielern nachspielen), sondern das liebevolle Beobachten, das er mit künstlerischen Mitteln überzeugend wiederzugeben vermochte.

La nuit américaine ist die Chronik eines Filmdrehs. Für den Regisseur Ferrand (Truffaut) ist Film Leben. Als ordnende Hand im aufbrandenden kreativen Chaos des menschlichen Miteinanders am Set bleibt er stets distanziert, beobachtet und ermöglicht Begegnungen, Interaktionen, Beziehungen und nutzt diese bisweilen für seinen Film (ein Seitenhieb auf Kollege Godard?). Aus Amerika wird ein Star erwartet, Julie Baker (Bisset), die nach einem Zusammenbruch erstmals wieder filmt. Ebenfalls mit am Set: Zwei ehemals zerstrittene Altstars (Aumont und Cortese), eine resolute Assistentin (Baye), ein narzistischer Jungschauspieler (Léaud) und eine ganze Armada von Gesichtern und Typen, die, messerscharf getroffen, jeder für sich unvergesslich bleibt.

Truffaut inszeniert das kreative Chaos lustvoll mit den Mitteln der amerikanischen Screwball-Comedy. Alle reden schnell, durcheinander, aufgeregt, ständig platzt wieder einer mit einer katastrophalen Neuigkeit herein, die alles verändert; es gibt das Spiel mit den verwechselten Türen, den gewechselten Partnern und Identitäten; die hysterischen Ausbrüche fehlen ebensowenig wie die übertieben gezeichneten Nebenfiguren. Alles geht schnell und brüsk. Unvermittelt wird dann der Film wieder ernst. Und immer wieder sind wir wieder mitten im Dreh zu „Je vous présente Pamela“, wo Truffaut augenzwinkernd Tricks aus dem Filmbusiness verrät.

Ein unglaublich reicher, liebevoll gemachter Film im Film (im Film), der erstaunlich authentisch wirkt und die Zuschauenden von Anfang bis Ende gefangen nimmt

Die Regie: 10 / 10 – Mit unglaublich leichter Hand inszeniert, unprätentiös, bescheiden, und dabei derart eindringlich, dass man gewisse Figuren und sequenzen nicht mehr vergisst.
Das Drehbuch: 10 / 10 – Mit viel Liebe zum Detail und scharfer Beobachtung ebenso leichthändig und unprätentiös wie die regie; Truffaut halt. Wunderbar liebenswürdig und doch entlarvend!
Die Schauspieler: 10 / 10 – Perfekt ausgesucht und punktgenau auf ihre Rollen passend, perfekt besetzt auch in den kleinen Nebenrollen.
Die Filmmusik: 10 / 10 – Von Georges Delerue – für mich einer der besten Filmkomponisten aller Zeiten!
Gesamtnote: 10 / 10

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Kurzkritiken

THE BOXTROLLS
(dt.: Die Boxtrolls)
USA 2014
Mit den Stimmen von Ben Kingsley, Elle Fanning, Isaac Hempstead White, Nick Frost, Jared Harris, u.a.
Drehbuch: Irena Brignull und Adam Pava
Regie: Graham Annable und Anthony Stacci
Musik: Dario Marianelli und Eric Idle
Seltsam, wie manche gleichwertigen Filme zu unterschiedlichen Erfolgen führen. Während computeranimierte Familienfilme wie Inside Out oder Despicable Me 1-3 jedes Kind kennt, zucken die Leute beim Titel Boxtrolls mit den Schultern. Obwohl dieser problemlos an die anderen Streifen heranreicht! Liegt es daran, dass es sich um einen „Claymation“-Film handelt? Wohl kaum: Die Figuren und Settings sind so sophisticated und perfekt in Szene gesetzt wie man es sich nur wünschen kann. Die Geschichte ist kindgerecht… nur der Humor ist bisweilen ziemlich „erwachsen“.
Es geht um die „Boxtrolls“, kleine seltsame, in Schachteln lebende Wesen, die ihr Heinzelmännchendasein im Untergrund der Stadt Cheesebridge fristen. Sie werden von Archibald Snatcher, einem fiesen Emporkömmling zwecks Mehrung seines Status als üble Monster verteufelt und gnadenlos gejagt. Ein von den Boxtrolls angeblich entführtes Baby dient Snatcher als Aufhänger für seine Schauergeschichten, mit denen er ganz Cheesebridge in Angst versetzt. Als besagtes Baby eines Tages wieder auftaucht und Snachter Lügen staft, beschliesst dieser rasch die Boxtroll-Endlösung…
Ein atemberaubend gut gemachter, köstlich unterhaltender Animationsfilm, dessen Visionierung man unbedingt nachholen sollte, falls man ihn noch nicht kennt. Und zwar in der Originalsprache. Ben Kingsley als Archibald Snatcher ist ein Spektakel für sich, aber auch die Nebenfiguren sind grandios konzipiert, allen voran Snatchers drei Gehilfen, von denen zwei permanent philosophisch über Gut und Böse argumentieren (Nick Frost und Richard Ayoade), während der dritte, ein sadistischer Irrer (Tracy Morgan), kichernd die Drecksarbeit verrichtet. Und das alles in schönstem Cockney-English!
Ein absolut ausgefallener Animationsfilm, der vom Look bis zur Musik erstklassige Unterhaltung bietet.
Der kann auf Amazon Video gestreamt werden. Die DVD/ Blu-ray gibt es hier.
Die Regie: 9 / 10
Das Drehbuch: 8 / 10
Die Schauspieler: 10 / 10
Die Filmmusik: 10 / 10
Gesamtnote: 9 / 10

ON THE DOUBLE
(dt.: Unternehmen Pappkamerad /General Pfeifendeckel)
USA 1961
Mit Danny Kaye, Dana Wynter, Wilfrid Hyde-White, Diana Dors, Margaret Rutherford u.a.
Drehbuch: Jack Rose und Melville Shavelson
Regie: Melville Shavelson
Musik: Leith Stevens
Der vergessene Film der Woche.
Ein weiterer Film, den man getrost wieder vergessen kann (nach Kid Millions von letzter Woche). Gut, On the Double ist unterhaltsam, entbehrt aber jeglicher Substanz. Der Doppelgänger eines englischen Generals, ein harmloser amerikanischer Soldat, wird für eine geheime Mission rekrutiert. Verwicklungen und Chaos folgen… man kennt das aus anderen Filmen. Was On the Double diesen voraus hat, ist der Schauspieler und Komiker Danny Kaye. Seine Kunst rettet das flache Filmchen und macht es Sequenzweise höchst vergnüglich. Der völlig untypische Kurzauftritt von Margareth Rutherford gehört ebenfalls zu den Highlights dieses Streifens.
Die Handlung wartet weder mit originellen Wendungen noch mit witzigen Dialogen auf; der Film wurde Danny Kaye auf den Leib geschneidert und vertraut ganz auf dessen enormes Talent. Fast ein bischen billig, würde ich sagen („Junge, wir brauchen uns nicht anstrengen, Danny wird das Kind schon schaukeln!“). Das tut er auch – der Film ruht zur Gänze auf seinen Schultern. Mit einem weniger begnadeten Akteur wäre der Film wohl nur schwer auszuhalten.
Die Regie: 7 / 10
Das Drehbuch: 5 / 10
Die Schauspieler: 9 / 10
Die Filmmusik: 7 / 10
Gesamtnote: 7 / 10

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Vorschau

Die folgenden drei Filme werden im nächsten Blog-Beitrag vorgestellt. Einer davon wird zum „Film der Woche“ gekürt…

Silver River (dt.: Der Herr der Silberminen; USA 1948)

Lost Highway (USA 1997)

The Circle (USA 2017)

Captain Fantastic – Einmal Wildnis und zurück (2016)

Mangels Zeit – oder besser: dank Schulschluss-Stress – gibt’s diese Woche nur einen kurzen Beitrag. Das passt, weil diesmal kein wirklich grandioser Film in meiner Auswahl mit dabei war…
Beim letzten Eintrag hätte ich am liebsten alle drei Filme zum „Film der Woche“ nominiert, dieses Mal ist das Gegenteil der Fall: Keiner der drei Streifen, die ich mir für die letzte Woche vorgenommen hatte, genügen dem hohen Standard, den ein „Film der Woche“ erfüllen muss (mindestens acht Wertungs-Punkte). Einer davon ist allerdings doch aussergewöhnlich genug, um ihn hier vorzustellen und ihn trotz des massivem Lobs, das ihm allenthalben zuteil wird, kontrovers zu diskutieren.

FILM DER WOCHE

(dt.: Capatain Fantastic – Einmal Wildnis und zurück)
USA 2016
Mit Viggo Mortensen, George MacKay, Nicholas Hamilton, Frank Langella, Kathryn Hahn u.a.
Buch und Regie: Matt Ross
Musik: Alex Somers

Zunächst taucht die Kamera tief ein in die endlosen, verlassenen Wälder des Staates Washington. Hier sagen sich Hirsch und Wildschwein gute Nacht. Kein Mensch… aber was ist das? Ein paar Augen beobachten einen jungen Hirsch. Hinter einem Busch entdeckt der Zuschauer eine dreckverschmierte, kauernde Gestalt, die sich im nächsten Moment auf das Tier stürzt. Gleichzeitig brechen weitere dreckstarrende Gestalten aus dem Unterholz. Ein Clan von Wilden? Ureinwohner? Nein, es ist die Cash-Familie; genauer: Vater Ben (Mortensen) und seine sechs Kinder. Die Mutter ist in der Zivilisation, im Krankenhaus.

Die Eltern Cash, allen voran Ben, sind Anarchisten, Aussteiger, die der Zivilisation den Rücken gekehrt haben und in den Wäldern in unerbittlicher konsequenz ein einfaches Leben mit der Natur durchziehen. Alle ihre sechs Kinder sind so aufgewachsen. Mit Jagen, Zimmern, Überlebenstraining, „home schooling“, im Einklang mit der Natur, abgeschieden und isoliert von der Zivilisation.
Was geschieht, so hat sich Regisseur und Drehbuchautor Matt Ross gefragt, was geschieht, wenn diese Kinder plötzlich mit der Zivilisation konfrontiert werden? Was macht das mit ihnen?
Zu diesem Zweck lässt er die Mutter im fernen Krankenhaus sterben.
Nun müssen die verbleibenden Cashs ‚raus aus dem Wald. Die letzten Dinge regeln. Eine Beerdigung steht an. Der Schwiegervater gibt Ben die Schuld am Tod seiner Tochter. Es wird schwierig.

Im Grunde eine hoch interessante Ausgangslage. Daraus könnte man was machen.
Die erste Hälfte von Captain Fantastic überzeugt und packt denn auch. Das Leben im Wald ist in seiner Ambivalenz hervorragend herausgearbeitet. Das erste Eintauchen in die moderne Welt ebenfalls. Die Sequenz, in der die Cash-Family bei Bens Schwester und deren Mann und Kindern zu Gast sind, ist die stärkste des ganzen Films, der eigentliche Kern der Sache. Da entlarvt der Autor unsere moderne Welt in der Gegenüberstellung der beiden entgegengesetzten Lebensentwürfe als hoffnungslos verweichlicht, verwässert und verdämlicht. Um gleich in der nächsten Szene die Problematik und die Schädlichkeit von Bens dogmatischem Idealismus aufzuzeigen.
Hätte der Film da aufgehört oder genauso weitergemacht, er wäre wohl ein Meisterwerk. Diese kurze Sequenz lässt einen nicht mehr los, sie lässt einen grübeln – und das ist das Verdienst von Captain Fantastic.
Doch leider geht er anders weiter.

Die Kontroverse wird aufgeweicht. Es wird relativiert, verwedelt. „Es ist doch nicht so schlecht, was Ben den Seinen da zumutet“. „Aber unsere Welt hat ja eigentlich auch ihr Gutes…“ „Jedem das seine….“.
Der Tod der Mutter – ein Selbstmord – wird dem Vater angelastet. Doch man erfährt viel zu wenig über sie und auch über ihn, als dass man dies festmachen und als Kritik am harten Aussteigerdasein werten könnte. Am Ende hängt alles irgendwie in der Luft. Hat den Regisseur der Mut verlassen – oder hat das Studio interveniert?
Schade, schade…
Die Thematik des Film klingt hochinteressant – leider ist die Umsetzung enttäuschend oberflächlich.

Die Regie: 8 / 10 – Solide; bisweilen sensibel und behutsam, insgesamt aber doch recht konventionell
Das Drehbuch: 7 / 10 –
Leider hält Matt Ross die Ambivalenz seiner Story nicht durch und verwässert ab der zweiten Filmhälte, was er an anregenden Konflikten angerissen hat
Die Schauspieler: 7 / 10 –
Ebenfalls solide; Kinderdarsteller in dieser Häufung empfinde ich allerdings immer als etwas heikel
Die Filmmusik: 8 / 10 –
Solide, dezent, bisweilen etwas blass
Gesamtnote: 7,5 / 10

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Kurzkritiken

IN THE HEATH OF THE NIGHT
(dt. In der Hitze der Nacht)
USA 1967
Mit Sidney Poitier, Rod Steiger, Warren Oates, Lee Grant u.a.
Drehbuch: Stirling Silliphant nach einer Vorlage von John Ball
Regie: Norman Jewison
Musik: Quincy Jones
Nach Rat mal, wer zu Essen kommt der zweite 1967 gedrehte „Rassismus-Film“ mit Sidney Poitier. Komischerweise bin ich von beiden ziemlich enttäuscht. Beide gelten als Meisterwerke, beide sind aber heute derart überholt, dass ihre Schwächen deutlich zutage treten. In Jewisons Film ist es die Inszenierung; sie ist zwar durchaus solide, aber für einen Film mit diesem Ruf ist sie doch ziemlich gesichts- und einfallslos, „gewöhnlich“ halt. Die gelegentlichen Highlights stehen im Drehbuch.
Natürlich war der Film damals in der Behandlung der Rassenthematik mutig und ein Durchbruch, ebenso für die Schwarzenbewegung. Doch gemessen an der heutigen cinematografischen Behandlung derelben Thematik wirkt er eher wie ein Museumsstück. Und wie bereits gesagt, ohne die rosa Meisterwerk-Brille werden die Schwächen sichtbar. Auch im Drehbuch, welches den Mordfall nur zum Vorwand nimmt, einen Rassenkonflikt im amerikanischen Hinterland durchzuspielen. Die schrittweise Auflösung der Missetat ist ziemlich banal und entbehrt jeglicher Spannung. Die beiden Hauptdarsteller überzeugen, doch immer wieder und wie so oft bei diesem Regisseur geschieht es, dass die Akteure sich nicht ganz im Griff haben (oder besser: er sie). Einige der Nebendarsteller neigen zum Over-Acting, allen voran Rod Steiger, und das nervt mit zunehmender Filmdauer.
Ein wichtiger Film, durchaus – jedenfalls für Amerika – aber nicht unbedingt ein grosser Film.
Die Regie: 7 / 10 –
Das Drehbuch: 7 / 10 –
Die Schauspieler: 7 / 10 –
Die Filmmusik: 9 / 10 –
Gesamtnote: 7,5 / 10

KID MILLIONS
USA 1934
Mit Eddie Cantor, Ethel Merman, Ann Sothern, Warren Hymer, George Murphy, Berton Churchill, the Nicholas Brothers u.a.
Drehbuch: Arthur Sheekman, Nat Perrin und Nunally Johnson
Regie: Roy Del Ruth
Musik: Alfred Newman
Der vergessene Film der Woche:
Eddie Cantor war ein bekannter Musicalstar am Broadway, später beim Radio, der in den 30er-Jahren den Sprung auf die Leinwand wagte, dort für kurze Zeit Erfolg hatte und sich dann wieder auf die Bühne konzentrierte. Im deutschsprachigen Raum wurde er nie bekannt.
Kid Millions gehörte zu seinen erfolgreichsten Filmen – heute wirkt er angestaubt und vor allem albern. Auf nervige Art.
Es geht um den Erben eines verstorbenen Ägyptologen, der von einer ganzen Aramada von Erbschleichern ins Land der Könige begleitet wird. Der Film stammt aus einer Zeit, wo die Musicalnummern die Handlung zum Stillstand brachten. Das kann funktionieren, wenn diese Nummern überzeugen. In Kid Millions ist dies leider nicht der Fall: Die Musiksequenzen sind schlecht gemachte, krude Möchtegern-Busby-Berkeley-Kopien.
Da der Film eine Farce ist, bleiben die Gags, die mehrheitlich im Verbalen angelegt sind. Die einen zünden, die anderen nicht – je nachdem, von welchem der drei Autoren sie stammen.
Insgesamt ist Kid Millions furchtbar albern; manchmal erwächst dieser Albernheit ein Highlight wie etwa die Scheichstochter, welche den Hauptprotagonisten in breitestem Brooklyn-Slang umgarnt. Mehr als leidlich unterhaltsam ist der Film aber nicht.
Die Regie: 6 / 10
Das Drehbuch: 5 / 10
Die Schauspieler: 7 / 10
Die Filmmusik: 7 / 10
Gesamtnote: 6 / 10

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Vorschau

Die folgenden drei Filme werden im nächsten Blog-Beitrag vorgestellt. Einer davon wird zum „Film der Woche“ gekürt…

On the Double (dt.: Unternehmen Pappkamerad / General Pfeifendeckel; USA 1961)

La nuit americaine (dt.: Die amerikanische Nacht; Frankreich 1973)

The Boxtrolls (dt.: Die Boxtrolls; USA 2014)