Ernst Lubitsch

Lubitsch live in Berlin

Lang ist’s seit meinem letzten Blog-Eintrag her. Pausen müssen sein, der selige Whoknows hatte sie mir immer wieder empfohlen.
Nun nehme ich den Faden wieder auf, in der Hoffnung (nicht im Versprechen), dranzubleiben. Vielleicht finden ja einige meiner einst regelmässigen Leser wieder zu meinem Blog zurück – was mich sehr freuen würde – und vielleicht entdeckt ihn der eine oder andere Neuankömmling mit dem Neustart.
Zuerst muss ich allerdings ein bischen aufräumen. Ich musste feststellen, dass in meiner Pause Bilder aus meinen Artikeln verschwunden sind. Die wollen neu draufgeladen sein, eine öde Arbeit, die wohl ihre Zeit dauern wird.
Die nächsten Artikel werden sich zur Hauptsache mit Filmen der amerikanischen Warner Archive Collection (kurz WAC) befassen. Die WAC, das sind Filme, die vergessen oder verschwunden sind, die es nie auf DVD gegeben hat, oder die wieder aus dem Katalog verschwunden sind – mein Steckenpferd zur Zeit. Das wird sich auch hier bemerkbar machen. Das bedeutet aber weniger Stummfilme in nächster Zeit.

Anfangen möchte ich meine Blog-Wiedereröffnung aber trotzdem mit einem Stummfilm, mit einem kurzen Bericht über ein Werk, das ich im Juli „life“ gesehen hatte: mit Ernst Lubitschs

CARMEN
Deutschland 1918
Mit Pola Negri, Harry Liedtke, Leopold von Lebedur, Grete Dierks, u.a.
Drehbuch: Norbert Falk und Hanns Kräly
Bauten: Karl Machus und Kurt Richter
Kamera: Alexander Hubert
Regie: Ernst Lubitsch

Titel

Obwohl Carmen in der Lubisch-DVD-Box fehlt, kann er innerhalb meiner kleinen Lubitsch-Reihe trotzdem zur Sprache kommen: Ein glücklicher Zufall wollte es, dass ich just zur Vorführung des Films in Berlin weilte, wo er im legendären Kino Babylon gezeigt wurde. Das Kino, eingefleischte Stummfilmfans wissen es, besitzt eine echte Kino-Orgel aus Stummfilmtagen, die zur Projektion tonloser Preziosen regelmässig zum Einsatz kommt. Am Register sass an diesem Dienstag Anna Vavilkina.

Weshalb Carmen in der Lubitsch-Box fehlt, ist nicht klar. Ich vermute einerseits den relativ schlechten Zustand – im Vergleich zu den anderen Werken machen sich trotz Restauration deutliche, grobe Bildsprünge und fehlende Szenen-Enden bemerkbar. Andererseits muss ich festhalten, dass Lubitsch und sein Co-Autor Hanns Kräly deutlich bessere Filme gedreht haben! Carmen fällt qualitativ gegen sämtliche in der Lubitsch-Box enthaltenen Stummfilme ab.
Aus heutiger Sicht wirkt das Werk realtiv unoriginell und leicht überkandidelt. Das dick aufgetragene spanische „Flair“, die bis zur Karikatur folklorisierten Kostüme und die „leidenschaftliche“ Spielweise der Akteure, all das wirkt auf einen heutigen Zuschauer allzu plump. Und doch gebührt dem Film Respekt. Woher etwa hatten Lubitsch und sein Produzent Paul Davidson die immer wieder durchs Bild defilierenden Komparsenheere? Der erste Weltkrieg war gerade vorbei, Männer waren in Deutschland Mangelware. Und woher kam das Geld für die wirkungsvollen Kulissen?

Carmen war ein Film, der die Massen damals begeisterte; Lubitsch bot mit seinen exotischen Filmspektakeln willkommene Ablenkung in Elend und Not (siehe auch Sumurun, Die Augen der Mumie Ma oder Anna Boleyn) und brachte einen Hauch von Hollywood in deutsche Lande.
Carmen wirkt auf mich heute wie eine Fingerübung für diese Werke.

Mit Ernst Lubitsch im Morgenland

SUMURUN
Deutschland 1920
Mit Pola Negri, Ernst Lubitsch, Paul Wegener, Aud Egede Nissen, Harry Liedtke, u.a.
Regie: Ernst Lubitsch
Dauer: 108 min

Irgendwo im fernen Morgenlande: Eine Truppe Gaukler ist auf dem Weg in die nächste Stadt. Die schöne Tänzerin Yannaia (Pola Negri) sticht dem Sklavenhändler Achmed sofort ins Auge: Die wäre was für das Harem des alten Scheich (Paul Wegener). Leider ist der bucklige Yeggar, der Anführer der Gauklertruppe (Ernst Lubitsch), unsterblich in seine Tänzerin verliebt – und nicht nur er: Sie verdreht jedem den Kopf – ausser dem Tuchhändler Nur-Al Din (Harry Liedtke). Dieser verzehrt sich nach der schönen Sumurun, die wiederum in des Scheichs Harem von ihm träumt.

Soweit die Ausgangslage dieser komplizierten Handlung, die auf einer von Friedrich Freska geschriebenen und damals von Max Reinhardt auf der Bühne inszenierten Pantomime beruht.
Ernst Lubitsch im Morgenland? In seinen Anfängen versuchte der Meister der luftigen Beziehungskomödie sich in verschiedenen Genres, somit auch im damals äusserst populären exotischen Abenteuer- und Märchenfilm (siehe auch Die Augen der Mumie Ra oder Das Weib des Pharao).
Und siehe: Auch in diesem Genre leistete er für die damalige Zeit Beispielhaftes. Das führt Sumurun dem Betrachter eindrücklich vor Augen.

In prächtiger, aufwändiger und sicherlich kostspieliger Kulisse tummeln sich in gewissen Szenen Hundertschaften von Komparsen. Lubitsch weiss sowohl mit der Masse wirkungsvoll umzugehen als auch mit dem Set und seinen Versatzstücken die grösstmögliche Wirkung zu erzielen.
Sein Inszenierungsstil hat schon zu diesem frühen Zeitpunkt eine hohe Meisterschaft erreicht. Ohne je den grossen Bogen der im Grunde tragischen Geschichte aus dem Auge zu verlieren, und mit erstaunlich sicherem Gefühl für die innere Balance der Geschichte, webt er immer wieder kleine, humoristische Vignetten in die Erzählung ein, die den Film auflockern und ihm seine Richtung geben. Die im Grunde ernst gemeinte Geschichte wird so zum prallen und augenzwinkernden Schaustück aus 1001 Nacht, das dem Publikum gibt, wonach es verlangt.

Lubitsch, der Regisseur übernimmt im Film sinnigerweise die Rolle des Gauklerkönigs, ein buckliger Bettler, der im Unterhaltungsbusiness die Fäden zieht. Er spielt hier mit seiner eigenen Rolle im Filmgeschäft, manche sagen sogar, mit der Rolle der Juden im Unterhaltungsbusiness, denn  die von ihm verkörperte Figur lässt sich durch ihre äusseren Insignien durchaus dieser Ethnie zuordnen. Ihm dabei zuzuschauen, ist eines der Hauptvergnügen dieses mit Vergnügen nicht gerade geizenden Werks. Das Spiel ist zwar ins groteske übertrieben, doch das ist in diesem Film Programm: Er verleugnet bei aller filmtechnischen Raffinesse die Herkunft der Pantomimen-Vorlage nicht. Ohne viele Zwischentitel wird die Geschichte hier mit frenetischen Gebärden, exaltierten Grimassen und grotesken Verrenkungen herübergebracht. Und weil es Teil des Konzepts ist, nervt es kaum, zumal mit dem alten Scheich und dem Tuchhändler fast erratische Gegengewichte gesetzt sind: Wegener und Liedtke verziehen im ganzen Film fast keine Miene, ihre äusseren Bewegungen sind aufs Minimum beschränkt, während ihre stets gespannte Körperhaltung das innere Brodeln der Emotionen verrät.

Sumurun gemahnt nicht nur wegen der von Lubitsch verkörperten Figur des tragischen jüdischen „Attraktionenhändlers“ an Shakespeare. Es gibt im Film eine äuffällige Häufung an Dopplungen, wie man sie auch in den Stücken des grossen englischen Barden findet: Zwei Liebespaare (hier ein glückliches und ein unglückliches), zwei Scheiche (der junge und der alte), zwei Geschäftstreibende (der Tuchhändler und der bucklige Schausteller), jeder von ihnen hat zwei Diener oder Angestellte, und der Schar Haremsdamen mit ihrer klar charakterisierten komischen Anführerin steht spiegelbildlich eine Schar Eununchen mit einem ebenso komischen Anführer gegenüber.
Ob Lubitsch wirklich Shakespeare huldigen wollte oder ob die genannten Parallelen zufällig in jene Richtung weisen, bleibt ungewiss.

Zu erwähnen bleibt die norwegische Schauspielerin Aud Egede Nissen. Wer sie als tragisch umwölktes Gangsterliebchen aus Fritz Langs erstem, zwei Jahre nach Sumurun entstandenem Mabuse-Film kennt – eine Rolle, auf die sie heute fixiert wird, als wäre es ihre einzige gewesen – wird überrascht. Als Anführerin des Harems glänzt sie hier als auffallend talentierte Komödiantin. Es ist eine Lust, ihr beim eifrigen Spinnen der Intrigen gegen den ollen dicken Scheich zuzuschauen. Wie ein gut gelaunter Wirbelwind fegt sie dabei durch die Dekors und stiehlt dabei den meisten anderen Akteuren die Schau.

Fazit: Sumurun ist ein absolut lohnender Film, der weit besser ist als sein Ruf als lediglich filmhistorisch interessantes „Abfallprodukt“ aus Lubitschs Experimentierzeit. Der Film kann sich noch heute mit beträchtlichem Gewinn sehen lassen. In seinen erotischen Sequenzen hat er es auch aus heutiger Sicht faustdick hinter den Ohren. Wenn sexy Pola Negri ihn wie eine liebeshungrige Raubkatze umgarnt, verliert sogar der steife Paul Wegener kurz die Contenance.
8/10

Die hier besprochenene DVD stammt aus der Masters of Cinema-Serie des britischen Labels Eureka. Der Film wurde von Transit Film und der Murnau-Stiftung sehr schön restauriert, die originalen deutschen Zwischentitel wurden belassen.

Die Begleitmusik stammt von einem mir unbekannten (weil in den Credits einfach vergessenen) Pianisten. Sie passt gut und geht angenehm ins Ohr.

Verfügbarkeit:
England
: Der Film stammt aus dem Stummfilm-Sortiment von Masters of Cinema. Er ist Teil des 6-DVD-Sets Lubitsch in Berlin; dieses kann bei amazon.co.uk bezogen werden. Regionalcode 2. Für Preisvergleiche, evtl. preisgünstigere Angebote und andere Fragen im Zusammenhang mit DVD-Bestellungen aus dem Ausland siehe auch die Tipps zur DVD-Bestellung im Ausland.
Deutschsprachiger Raum: Hier ist der Film in identischer Qualität ebenfalls erschienen, im Box-Set Ernst Lubitsch Collection (die praktisch identisch ist mit dem Box-Set aus England). Es ist bei amazon. de zu beziehen.


Ein Beitrag im Rahmen der Aktion Zeit für DÖS.

Lubitschs grosses Kasperltheater

DIE PUPPE
Deutschland 1919
Mit Ossi Oswalda, Hermann Thimig, Victor Janson, Jakob Tiedtke u.a.
Regie: Ernst Lubitsch
Dauer: 64 min

Während kurz nach dem Ende des ersten Weltkrieges Deutschland darniederlag, die Leute hungerten, in einigen Städten das Chaos tobte und gewisse Kreise bereits wieder die Messer wetzten – da holte Ernst Lubitsch, designierter Komödiant und Komödienregisseur ein Puppenhaus und zwei Holzpüppchen aus einer Kiste und stellte sie vor laufender Kamera in eine Spielzeuglandschaft.

Das war der Anfang seines bezaubernden, gegen alle Zeichen der Zeit gebürsteten Märchenfilms Die Puppe, nach einer Operette von A. E. Millner. Lubitsch hielt es mit seinen Filmen meist so: Auf düstere Zeiten reagierte er mit leichtfüssigen Filmen. Das Publikum dankte es ihm, er hatte damit grossen Erfolg. Während berühmte Kollegen wie etwa Fritz Lang die bedrohliche Stimmung der Weimarer Republik in Filmen wie Doktor Mabuse, der Spieler umsetzten und für die Nachwelt konservierten, tat Lubitsch das Gegenteil.

Die Puppe lässt nichts ahnen von der Zeit, in der das Lustspiel entstand. Er ist ihr in allem entrückt: Zeit, Ort, Umgebung, Thematik – nirgends ist der Film in der Realität verhaftet, alles ist Erfindung, Märchen, Theater, Kulisse – Film in seiner ursprünglichsten Form eben. Das ist reizvoll, denn dadurch erhält das Werk etwas Zeitloses.

Wie im expressionistischen Film sind die Kulissen sichtlich gemalt – allerdings nicht mit expressionistischen Zeichen, sondern mit Kinderzeichnungen. Mit dem Expressionismus wollte Lubitsch erklärtermassen nichts zu tun haben. Das Dekor ist das einer Spielzeugstadt, die Kostüme ähneln Puppenkleider, die Frisuren Puppenfrisuren. Der Titel ist durchaus Programm, und obwohl im Film nur eine „echte“ Puppe vorkommt, inszeniert Lubitsch seine Geschichte als grosses Kasperltheater.

Da kommt ein Kasperl vor, in prominenter Rolle – hier heisst er Lancelot – der heiraten soll und sich aus Angst vor den Frauen im Koster versteckt. Der findige Abt gibt ihm die Adresse eines Spielzeugmachers, der lebensechte Puppen herstellt. Er rät Lancelot, eine solche Puppe zu kaufen, sie zum Schein zu heiraten und die üppige Mitgift dem Kloster zu vermachen.
Der Puppenmacher, ein leicht überkandidelter Gepetto-Verschnitt, verkauft ihm ohne es zu merken die eigene Tochter, die sich als Puppe ausgibt.
Die Hochzeit gerät zur Farce, in welcher die Spielzeugmachertochter vor ihrem Bräutigam krampfhaft den Schein wahren muss, während sie die Gäste von ihrer Echtheit überzeugen möchte.
Am Ende hat der Kasper dank der falschen Puppe seine Furcht vor den Frauen verloren und wird mit ihr glücklich.

Der Schluss des Films ist leider verloren; zu gerne wüsste ich, ob Lubitsch in seiner Rolle als göttlicher Regisseur die bunte Puppenwelt, die er am Anfang schuf, zuletzt wieder in die Kiste zurückräumt und die Illusion der künstlichen Welt, die er wie ein Zauberer zu Beginn geweckt hat, damit wieder aufhebt.

Die Puppe ist auch aus der zeitlichen Distanz von 90 Jahren noch herrlich anzusehen! Er kommt so direkt und unverblümt frech daher, dass sich seine unmittelbare Wirkung bis heute erhalten hat.
Es gibt zudem so viele wunderbare Regieeinfälle, dass in keinem Moment Langeweile aufkommt, und die explizit ausgespielte Künstlichkeit in Dekor, Kulissen, Kostümen und Perücken verleiht dem ganzen einen zauberhaften Charme. Lubitsch selbst soll rückblickend bemerkt haben, er halte Die Puppe für einen der einfallsreichsten Filme, die er je gedreht habe.
Die Puppe ist ein durch und durch ehrlicher Film, der sich keinen Moment in der Heuchelei ergeht, Realität abbilden zu wollen. Dabei kreiert er eine ganz eigene, verquere neue Realität und ist ist darin – ganz Film.
9/10

Die hier besprochenene DVD stammt aus der Masters of Cinema-Serie des britischen Labels Eureka. Der Film wurde von Transit Film und der Murnau-Stiftung restauriert, die originalen deutschen Zwischentitel wurden belassen.

Die Begleitmusik stammt von Bernard Wrigley; er spielt sie auf einer Concertina ein – leider ein eher gewöhnungsbedürftiges Erlebnis! Die Musik ist äusserst repetitiv und einfallslos – diesem Film hätte man eine passendere Begleitung gewünscht!

Regionalcode 0

Verfügbarkeit:
England
: Der Film stammt aus dem Stummfilm-Sortiment von Masters of Cinema. Er ist Teil des 6-DVD-Sets Lubitsch in Berlin; dieses kann bei amazon.co.uk bezogen werden. Regionalcode 2. Momentan kann sie hier massiv verbilligt bezogen werden!
Für Preisvergleiche, evtl. preisgünstigere Angebote und andere Fragen im Zusammenhang mit DVD-Bestellungen aus dem Ausland siehe auch die Tipps zur DVD-Bestellung im Ausland.
Deutschsprachiger Raum: Hier ist der Film nicht erhältlich.


Ein Beitrag im Rahmen der Aktion Zeit für DÖS.