Monat: März 2011

Aktion „Zeit für DÖS“

„DÖS“ hat nichts mit „sanftem Wegdämmern“ zu tun, obwohl dös…äh, böse Zungen verallgemeinernd behaupten, dies sei eine Begleiterscheinung des Kinos aus der angesprochenen Weltgegend – die drei Buchstaben sind eine Abkürzung für „Deutschland, Oesterreich und Schweiz“.
Gemeint sind Filme jener Provenienz, „Zeit für DOES“ ist eine blogübergreifende Initiative des intergalaktischen Affenmannes von Intergalaktische Filmreisen, die den deutsch(sprachig)en Film ins Zentrum des allgemeinen Bewusstseins rücken soll und Vorurteile wie das oben genannte ausräumen möchte.

Eine sehr gute Idee, wie ich finde, eine, die mir zudem gerade gut in den Kram passt, denn denselben Vorsatz hatte ich mir – unabhängig von der Initiative – auch genommen: Den DOES-Film besser kennenzulernen. Ich hatte nämlich festgestellt, dass ich diesen über die Jahre aufgrund von alten Vorurteilen und überkommenen Vorlieben sträflich vernachlässigt hatte.
Diese Vernachlässigung ist auch ein Grund, weshalb ich Apemans Forderung nach einleitenden Worten zum Thema „Ich und der DÖS-Film“ nur halbwegs Folge leisten kann, denn ich kenne mich nur im deutschen Stummfilm einigermassen aus. Und da wurde ja bekanntlich Grosses und Bleibendes geleistet, wurden Techniken und Stilformen entwickelt, die bis ins Hollywood von heute nachwirken. Das Gros der Tonfilme allerdings ist mir entweder unbekannt oder die Sichtung liegt schon so weit zurück, dass davon nur noch blasse, unzuverlässige Erinnerungen übrig sind.

Die Aktion wird also für mich primär zur Entdeckungsreise und ich möchte die Leserschaft daran teilhaben lassen im Gedanken, dass man sich von einen „Reisebericht“ inspirieren lassen kann. So möchte ich meine Aktionsbeiträge im Sine meines Blogmottos verfassen: Sie sollen Freude und Interesse an guten DÖS-Filmen wecken. Und damit niemandem der Mund wässrig gemacht wird mit etwas, das nicht konkret greifbar ist, werde ich mich auf Filme konzentrieren, die auf DVD erhältlich sind.

Ja, und zu meinen zehn Lieblingsfilmen aus dem DÖS-Raum… da muss ich aus oben genannten Gründen passen: Ich kriege nur fünf zusammen.
Ich möchte hier nicht Filme aufführen, die ich vor vielen Jahren gesehen, und die ich heute, in gereiftem Alter (räusper!) möglicherweise ganz anders bewerten würde. Bei den fünf unten Aufgeführten handelt es sich um Werke, die ich entweder erst kürzlich gesehen habe, oder die ich schon sehr oft gesehen habe, und die dem Zahn der Zeit bislang erfolgreich Stand gehalten haben. Angeführt wird die Liste – natürlich – von Stummfilmen.

1. Sunrise, 1927 (von Murnau in den USA gedreht, ich weiss; doch der Film wurde von A bis Z in Deutschland konzipiert; zudem mein liebster Lieblingsfilm aller Zeiten)

2. Faust – eine deutsche Volkssage, 1926 (nochmals Murnau – er ist halt einfach der Grösste!)

3. M- Eine Stadt sucht einen Mörder (Fritz Lang, 1931)

4. Frau im Mond (Fritz Lang, 1929)

5. Die Austernprinzessin (Ernst Lubitsch, 1920)

Mein erster Beitrag zur Aktion folgt demnächst – ein Tonfilm-Seitensprung, der sich mit der Bewältigung der Nazi-Vergangenheit befasst…

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René Clair verfilmt Theater

UN CHAPEAU DE PAILLE D’ITALIE
(Frankreich, 1927)
Mit Albert Préjean, Olga Tschechowa, Geymond Vital, Jim Gérald u.a.
Regie: René Clair
Dauer: 107 min

Nach Entr’acte und Paris qui dort folgt hier nun die dritte Besprechung eines Film des französischen Regisseurs René Clair. Obwohl ich in dieser kleinen Reihe chronologisch vorgehe, weist sie zwangsläufig Lücken auf, da längst nicht alle Werke Clairs verfügbar sind, weder auf DVD noch auf VHS.

Handelte es sich bei den beiden zuvor besprochenen Werken um Kurzfilme, so kommt mit Un chapeau de paille d’italie hier erstmals ein Langfilm aus Clairs Frühwerk zur Sprache – nicht sein erster notabene: Zuvor drehte er noch La fantôme du Moulin Rouge, Le voyage imaginaire und La proie du vent, die alle (noch?) nicht verfügbar sind und die Clairs Weg weg von der Avantgarde dokumentieren. Aber was nicht ist, kann vielleicht noch werden: Die DVD zu Un Chapeau de paille… ist auch erst seit kurzen auf dem Markt.

Für den hier besprochenen Film griff Clair auf ein Theaterstück zurück, das er allerdings kräftig bearbeitete. Die Vorlage stammt von Eugène Labiche, einem bekannten Autor von Schwänken und Possen, einige davon Genreklassiker, die zum Teil noch heute regelmässig aufgeführt werden.
Clair übernahm Labiches Handlungsverlauf und das Personal, transferierte aber die Komik der im Stück reichlich enthaltenen Dialoge in die Handlung der Figuren. Es gibt im Film nur etwas an die dreissig knapp gehaltene Zwischentitel, der Rest wird auf bisweilen höchst originelle Art gestisch und mimisch abgehandelt – in einigen wirklich wunderbaren Szenen, in denen ohne übertriebene Gestik komplexe Sachverhalte pantomimisch erzählt werden.

Der Film folgt der Hochzeit von Citoyen Fadinard (Albert Préjean), die wegen einer einzigen falschen Bewegung des Bräutigams beinahe scheitert und auf jeden Fall zur grotesken Posse verkommt.
Hätte der auf dem Kutscherbock sitzende Fadinard auf dem Weg zur Hochzeit die Peitsche nicht so grossartig geschwungen, wäre sie nicht an einem Ast hängengeblieben und ihm nicht aus der Hand gerissen worden; er hätte nicht absteigen und sie suchen müssen, sein Pferd wäre nicht indessen zu einem nahen Gebüsch gelaufen und hätte den darin hängenden Strohhut nicht angeknabbert.

Aus dem Gebüsch taucht nun plötzlich ein Kerl in Husarenuniform auf – und eine feine Dame – ein fesches Paar beim Schäferstündchen. Der Husar kriegt angesichts des angefressenen Huts die Krise und verlangt von Fadinard Ersatz. Als dieser kopfschüttelnd seinen Weg fortsetzt, folgt ihm das Pärchen, dringt in seine Wohnung ein, die der Mann auseinanderzunehmen droht, wenn nicht bis Mittag für Hut-Ersatz gesorgt worden sei.
Dreist nistet sich der Husar in Fadinards Wohnung ein, die Hochzeitsgesellschaft wundert sich indes, dass es nicht vorwärts geht.

Fadinard bemüht sich zwar nach Kräften, die Störenfriede zu ignorieren und mit der Hochzeit fortzufahren, doch das gelingt ihm nicht wirklich; verzweifelt schleicht er sich immer wieder aus der Hochzeitsgesellschaft, um einen Ersatzhut aufzutreiben; doch ein identischer scheint unauffindbar – und genau darauf besteht der Husar – weil „seine“ Dame eigentlich verheiratet ist und der lädiete Hut den „Ausrutscher“ verraten ihre Ehre ruinieren könnte.

Clair orchestriert Labiches Stück als einen Reigen schräger Individuen: Die Hochzeitsgesellschaft etwa ist ein wahres Karikaturen-Panoptikum kleinbürgerlicher Figuren. Hier gelingen Clair einige grossartige Sequenzen voll schwereloser Komik, die nicht nur die einzelnen Figuren näher charakterisieren, sondern sich auch liebevoll über sie und ihr weltmännisches Gehabe lustig macht. Mit für den Stummfilm ungewöhnlichem „underacting“ werden die Pointen eher nebenbei platziert, wodurch ein wiederholtes Anschauen des Films an zusätzlichem Reiz gewinnt.
Obwohl Un chapeau de paille d’italie vor allem Komödie ist und gekonnt mit den Ingredienzien dieses Genres spielt, gibt es auch einige kurze „Rückbesinnungen“ an Clairs Anfänge in der Avantgarde: Etwa Fadinards Horrorvisionen, die ihn während einer wundervoll tänzerisch geschnittenen Ballsequenz mit der Vorstellung von der vollständigen Destruktion seiner Wohnung quälen, erinnern stark an Entr’acte und die dort enthaltenen Stop-Motion-Sequenzen: Fadinards Möbel bewegen sich selbständig aus der Wohnung, wo sie von einer Horde befrackter Herren, die sich in doppelter Filmgeschwindigkeit bewegen, auseinandergenommen und weggetragen werden. Oder die Szene, in der sich die Hochzeitsgäste begrüssen (Küsschen links, Küsschen rechts), die von oben gefilmt wurde und durch den ungewohnten Blickwinkel eine wunderbar komisch-absurde Note erhält.

Clair transferierte Labiches 1851 geschriebenes Bühnenstück ans Ende des 19. Jahrhunderts, mit der erklären Absicht, der Anfangszeit des Films zu gedenken. Der Regisseur hegte eine grosse Liebe zu den ersten Gehversuchen des Kinos, zu den kruden Filmchen der Gründerzeit, und so drehte er Un chapeau de paille… wenn nicht im Stil so doch im Dekor des Fin du siècle. Unnötig, zu sagen, dass dies dem Werk einen zusätzlichen Reiz verleiht, denn der Ausstatter, kein geringerer als Lazare Meerson (der u.a. auch Clairs Tonfilm-Frühwerke Sous les toits de Paris und Le million und Marcel L’Herbiers L’argent ausgestattet hatte), leistete hier Beachtliches.
8/10

Die DVD: Die Bildschärfe und der Kontrast sind sehr gut.

Die Musikbegleitung von Rodney Sauer, eingespielt vom Mont‘ Alto Orchestra ist wunderbar leicht und schwerelos und passt damit hervorragend zu diesem Film.

Extras: Claires kurzer Stummfilm La Tour (1928); Ferdinand Zeccas kurzer Stummfilm Noce en Goguette (1907); Booklet mit zwei Essays zum Film; das komplette Stück Labiches als DVD-Rom Extra (in englischer Sprache).

Reginalcode: 0

Verfügbarkeit:
USA: Der Film wird von Flicker Alley angeboten. Man bekommt ihn bei amazon(dort gibt’s den Film ab und zu gebraucht für weniger Geld).
Deutschsprachiger Raum: Nicht erhältlich.
Für Preisvergleiche, evtl. preisgünstigere Angebote und andere Fragen im Zusammenhang mit DVD-Bestellungen aus dem Ausland siehe auch die Tipps zur DVD-Bestellung im Ausland.

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Ein Fehlschlag von Charley Chase

BROMO AND JULIET
USA 1926
Mit Charley Chase, William Orlamond, Oliver Hardy, Corliss Palmer u.a.
Regie: Leo McCarey

Auch der von mir verehrte, heute weitgehend vergessene Stummfilmkomödiant Charley Chase hat, entgegen meiner bisher verfassten Lobeshymnen, nicht nur Glorioses produziert. Die unlängst visionierte Komödie Bromo and Juliet gehört definitiv nicht zu seinen besten Arbeiten, obwohl das Projekt durchaus ganz hervorragend hätte herauskommen können. Doch leider steht Chase in diesem Film sich selbst im Weg.

Die Geschichte hört sich vielversprechend an: Charleys Verlobte kriegt ihn herum, an ihrer Seite in einer Laienproduktion den Romeo zu spielen. Vor der Aufführung jedoch betrinkt sich Charleys Schwiegervater, der im Stück ebenfalls eine kleine Rolle inne hat, und fängt an, Dummheiten zu machen. Charley hat seine liebe Mühe, den Alten davon abzuhalten und ihn zum Theater zu verfrachten. Ein wütender Taxifahrer, dem der Schwiegervater Geld schuldet, verfolgt die beiden, es kommt zu Missverständnissen und Zwischenfällen, aus denen Charley selbst nicht mehr nüchtern hervorgeht. Mit dem Taxifahrer und einem Polizisten auf den Fersen kommen die beiden Suffköppe im Theater an und ruinieren in der Folge die ganze Aufführung.

Die Gags sind teilweise sehr schön, die Geschichte hat Tempo – aber Chase übertreibt hier derart unangenehm, dass er das Vergnügen unterläuft und zu nichte macht. Sein ständiges applausheischendes In-Die-Kamera-Gucken nervt mit der Zeit gehörig. Diese Tendenz hatte Chase, und in seinen schwächeren Filmen wurde es vom Regisseur nicht unterbunden.
Dass er ganz anders konnte, beweisen herausragende Werke wie Movie Night oder Limousine Love.

Bromo and Juliet gehört definitiv nicht dazu. Umso seltsamer, dass er in praktisch jeder Chase-Komplation auftaucht…
6,5/10

Die DVD: Die Bildschärfe ist gut, der Kontrast ebenfalls.

Die Musikbegleitung stammt von Neil Brand und passt sich ganz gut dem Geschehen an.

Extras: Vier weitere Filme mit Charley Chase; ein Kurzfilm mit Charleys Bruder, James Parrott; eine kurze Chase-Biografie von Eric Lange.

Reginalcode: 0

Verfügbarkeit:
Deutschsprachiger Raum: Nicht verfügbar.
USA: Der Film findet sich auf der Kompilation Charley Chase Collection 2 und wird von Kino on Video angeboten. Man bekommt die DVD direkt bei Kino, oder bei amazon.com (dort gibt’s die Scheibe ab und zu gebraucht für weniger Geld.
Für Preisvergleiche, evtl. preisgünstigere Angebote und andere Fragen im Zusammenhang mit DVD-Bestellungen aus dem Ausland siehe auch die Tipps zur DVD-Bestellung im Ausland.

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