Monat: Juli 2012

Ein Stummfilm von 1983

LE BAL
(Frankreich 1983)
Mit dem Théâtre du Campagnol
Regie: Ettore Scola

Die Stummfilmzeit war 1929, zumindest im Kino der westlichen Hemisphäre, unwiederbringlich vorbei.
Doch alle paar Jahre gelangt ein „moderner“ Stummfilm in die Kinos und macht von sich reden. Dieses Jahr war es The Artist.  Ein weiteres bekanntes Beispiel ist Mel Brooks‘ Silent Movie von 1976.
1983 drehte Ettore Scola (Una giornata perticolareLa famiglia) einen weiteren Stummfilm, an den sich heute nur noch wenige erinnern: Le bal. Der Film erregte damals immerhin soviel Aufsehen, dass er sogar in die Schweizer Kinos kam.

Von den drei oben erwähnten „neuen Stummfilmen“ weiss Le bal am deutlichsten zu überzeugen, vielleicht gerade deshalb, weil er den Stummfilm nicht, wie die beiden anderen Beispiele, thematisiert, sondern weil er, unprätentiös und ohne dies gross hervorzuheben, einfach einer ist.

Genauer Beobachter menschlicher Schwächen und Verhaltensweisen: Der Regisseur Ettore Scola

Entstanden ist er dank eines Bühnenspektakels des französischen Théatre du Campagnol, einer pantomimischen Revue zum Thema Gesellschaftstanz. Le bal feierte auf französischen Bühnen grosse Erfolge, und einen der Besucher, den Regisseur Ettore Scola, begeisterte unter anderem das filmische Potential des Stoffes. Mit der Vorstellung einer getanzten Hommage an die Geschichte des Kinos setzte er sich mit dem Leiter der Theatertruppe, Jean-Claude Penchenat, zusammen. Was dabei, unter Mitwirkung der Drehbuchautoren Ruggero Maccari und Furio Scarpelli und herauskam ist aber mehr als eine Würdigung der Filmgeschichte: Le bal – der Film entwirft ein Panorama der menschlichen Schwächen und Grösse vor dem Hintergrund fünf vorbeiziehender Jahrzehnte.

Dabei wird die Stummfilmkomponente nie extra hervorgehoben oder betont, wie das etwa bei The Artist auf eher unangenehme, weil pentrante Art der Fall ist. Le bal ist ein Stummfilm, weil sein Ursprung in der Pantomime liegt. Und obwohl das Thema Stummfilm nie erwähnt wird, wird es in dem Film doch gespiegelt: Einerseits wird ersichtlich, dass der Ursprung dieser Kunstform in der uralten Bühnenform der Pantomime liegt, die unabhängig von jeglicher filmischen Entwicklung noch heute existiert, andererseits erkennt der Betrachter, dass eine Übertragung dieser Bühnenform ins Filmische heute noch immer möglich ist – unter der Voraussetzung eines aufgeschlossenen Publikum natürlich. Der riesige Erfolg von The Artist bewies jüngst auf eindrückliche Weise, dass ein solches durchaus vorhanden ist.

Le bal beginnt einem Ballsaal im Heute des Jahres 1983 – die Kamera wird den Saal bis zum Filmende nicht verlassen. Die Einheit des Ortes ist durch die Bühnenvorlage gegeben, der Film hält sich an die Vorgabe. Die Zeiten und die Figuren ändern, der Saal (und dessen Oberkellner, der zum festen Inventar zu gehören scheint) bildet die Konstante, an der die Brandung des Lebens und der Schicksale sich bricht. Das Interieur des Saals wird vom Zeitenlauf immer wieder verändert und lässt auf diese Weise – zusammen mit der Mode und der Musik – die Dekade erkennen. Zwischentitel gibt es keine, auch keine Ankündigungen wie „Paris 1936“.

Zuerst betreten die Frauen den Saal, eine nach der anderen. In stummem Defilee, zu Discomusik präsentieren sie sich allein durch ihre Schritte, ihre Gesten und ihre Mimik als scharf umrissene Charaktere. Vom ersten Auftritt an ist bereits eine Choreografie wirksam. Die Art, wie die Damen sich bewegen, den Raum einnehmen, einander umkreisen verrät  das tänzerische Element, bevor getanzt wird. Hauptakteur ist dabei die Kamera – und sie wird es den Rest des Films über bleiben. Ihre sanft kreisenden, schwebenden Bewegungen evozieren den Tanz, bevor er begonnen hat.
Dann haben die Herren der Schöpfung ihren Auftritt – im Gegensatz zu den Damen als Gruppe. Was sich daraus entwickelt ist eine pointierte Studie menschlichen Balz- und Gruppenverhaltens, die mit einer weit ausholenden Rückblende in einen Reigen musikalisch-tänzerischer Reminszenzen an ein halbes Jahrhundert mündet.

Die Rückblende spielte bereits in vielen von Scolas Vorgängerfilmen eine Rolle (z. Bsp. C’eravamo tanto amati 1974, oder La nuit de Varennes 1982), und auch in den folgenden Werken wie Maccheroni, La famiglia und Splendor wird sie als entscheidendes Erzählmittel benutzt. „Der Lauf der Zeit“ interessierte Scola, er durchzieht sein Werk als roter Faden, um ihn herum hat er einige wunderbare Filme geschaffen .

Auch die bereits erwähnte „Einheit des Ortes“ gehört mit zu Scolas Markenzeichen, ebenso wie die stets als solche erkennbaren Kulissen, welche die Künstlichkeit des Mediums Film dem Betrachter stets vergegenwärtigen.

Für Le bal arbeitete Scola erstmals mit Laiendarstellern zusammen; einige der Leute vom Théâtre du Campagnol traten danach in keinem weiteren Film mehr auf, während mindestens zwei von ihnen, Marc Berman und Jean-François Perrier mit Le bal für den Film entdeckt wurden und bis heute als Nebendarsteller in Film und Fernsehen arbeiten.
Ihr pantomimisches Spiel kommt den Karikaturen sehr nahe, welche der junge Scola nach Abschluss eines Jurastudiums für satirische Zeitschriften wie Marc‘ Aurelio anfertigte. Der Hang zur Karikatur ist in den meisten seiner Filme erkennbar, lustvoller und expliziter als hier lebt er ihn wahrscheinlich in keinem anderen Werk aus. Dabei veränderte er die Figuren der Bühnenvorlage – allesamt bereits als Karikaturen angelegt – nur wenig, wies die Schauspieler an, ihr Spiel um ein Leichtes mehr zu übertreiben, noch gebeugter zu gehen, noch verkrampfter, noch lässiger. Daraus resultiert ein trotz fremder Vorgabe „echter Scola“ und man kann es als Glücksfall sehen, dass Jean-Claude Penchenat während der Dreharbeiten Grösse zeigte und den Filmemacher gewähren liess, auch wenn er mit dessen Vorschlägen nicht immer einverstanden war.

Le bal spiegelt die sorglosen Dreissigerjahre, die kriegsgebeutelten Vierzigerjahre, die von Amerikanismen beherrschten Fünfzigerjahre, die 68er-Zeit und als Klammer das (damalige) Heute. Als „Sprungbrett“ ins nächste Jahrzehnt dienen Bilder an den Wänden. Scola löst das folgendermassen: Eine Szene gefriert zum Standbild, die zurückzoomende Kamera enthüllt dieses als an der Wand hängende Fotografie, die den Ballsaal im nächsten Jahrzehnt schmückt, in welches der Film nun eintaucht. Eine so gestaltete Überleitung hatte ich bislang – und seither – noch in keinem anderen Film gesehen.

Defilee der Männer: Anfangssequenz aus „Le bal“

1936: Auch Pépé le Moko gibt sich die Ehre

Das besetzte Frankreich: Der Tanz mit dem Kollarborateur

Le bal ist im deutschsprachigen Raum leider (noch?) nicht auf DVD erhältlich. Die zur Rezension beigezogene DVD stammt aus Frankreich, von TF1 Video. Die DVD enthält zusätzlich zum Film ein ausführliches Interview mit Jean-Claude Penchenat und Ettore Scola und einen TV-Film über die Bühnenproduktion von Le bal.
Eine lohnende Anschaffung – nicht nur für Stummfilmfreunde!

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Super8-Filmrezension: SCHOOL’S OUT

Im Komödienbereich sind die Filme aus Hal Roachs Studio im Heimkinobereich besonders gut vertreten. Das hängt damit zusammen, dass die amerikanische Firma Blackhawk Films die Rechte an Hal Roachs Archiv besass und dieses somit nach Herzenslust verwerten konnte. Blackhawk brachte damit vergessene Akteure wie Charley Chase (siehe vorhergehenden Artikel in diesem Blog) oder Comedy-Teams wie Thelma Todd/Zasu Pitts resp. Thema Todd/Patsy Kelly oder die Taxi Boys (bestehend aus Clyde Cook und Frankling Pangborn) wieder zu Bewusstsein.
Die kleinen Strolche hingegen, eine der erfolgreichsten und und die langlebigste aller Roach-Serien ist auch hierzulande noch heute bekannt. Vor rund einem Jahr erschienen im deutschsprachigen Raum mehrere DVDs mit sämtlichen Kurzfilmen der berühmten Kinderbande.

Eine von drei DVDs, die im deutschspachigen Raum erschienen sind

Blackhawk Films brachte meines Wissens die meisten, wenn nicht sogar alle Filme der bunten Kindertruppe auf Super8 heraus, einige davon in grosser Auflage, andere in eher kleiner. Ein eher gesuchter Film ist der 1930 erschienene Streifen School’s Out, der hier kurz vorgestellt werden soll.

Der vermeintliche Liebhaber

Verbaler Schlagabtausch auf dem Schulweg: Miss Crabtree (June Marlowe) holt die kleinen Strolche ab

School’s Out ist eine Art Fortsetzung des Films Teacher’s Pet aus demselben Jahr. Im Mittelpunkt steht auch hier die neue Lehrerin der „Strolche“, Miss Crabtree (June Marlowe), welche von den Knirpsen regelrecht vergöttert wird. Der Film beginnt mit dem Besuch von Miss Crabtrees Bruder (Creighton Hale), der von den „Strolchen“ für den Liebhaber ihrer Lehrerin gehalten wird.
Ein guter Teil von School’s Out handelt von den komischen Bemühungen der Kinder, den vermeintlichen Liebhaber zu vergraulen (man will die Lehrerin schliesslich behalten!). Doch wie in den frühen Tonfilmepisoden dieser Reihe üblich, wird der rote Faden immer wieder mit anderen komischen Sequenzen unterbrochen. Diese Art der Dramaturgie mag in anderen Filmen frustrierend sein, hier stört sie kaum, weil sich aus dem Hauptthema fast keine Handlung ergibt. So „dümpelt“ der Film von einer Thematik zur nächsten, zeigt einige Schulwegepisoden, ein bisschen Schulzimmeralltag und etwas Pausenplatzromantik, bevor dann das eingangs angerissene Hauptthema wieder aufgegriffen und zu Ende gebracht wird. Dies alles wird hier – einmal mehr – mit soviel Witz, Charme und Kleinstadtromantik vorgeführt, dass man sich von diesem Filmchen glänzend unterhalten fühlt.

Roach liess die Crew der Stummfilm-Strolche zu Beginn der Tonfilmzeit auswechseln, die bekannten Gesichter wie jenes des pummeligen Joe Cobb oder des sommersprossigen Mickey Daniels sind in School’s Out nicht mehr zu finden. Obwohl hier eine „Zwischengeneration“ von Strolchen am Werk ist, die im Tonfilm zum Einsatz kam, bevor die bekannte Strolche-Tonfilmgeneration um Spanky und Alfalfa sich formiert hatte, kommt man nicht umhin, das grosse schauspiereische Können der Knirpse zu bewundern.

Zur Super8-Ausgabe:
Eine historische Besonderheit dieses Films sind sicherlich die „gesprochenen Anfangstitel“, die Hal Roach am Anfang der Tonfilmzeit einigen seiner Filmen voranstellte: Zwei junge Mädchen stehen vor einem Bühnenhintergrund und informieren das Publikum über Mitwirkende, Regisseur, Kameramann usw. Dieser Anfang ist in der vorliegenden Super8-Ausgabe enthalten, grösstenteils zumindest, denn der Titel des Films wurde wie üblich – leider – durch einen modernen Blackhawk-Titel ersetzt (siehe darunter).

Der von Blackhawk gekappte Original-Filmtitel.
Die Kamera schwenkt in der Folge auf die beiden Mädchen, die dann die „Credits“ herunterleidern.

Der deutlich schmucklosere Ersatz-Filmtitel von Blackhawk

Darüber hinaus ist diese Ausgabe von School’s Out fast vorbehaltlos zu empfehlen. Die Bildqualität ist – verglichen mit dem Grossteil der Roach-Filme von Blackhawk – wirklich sehr gut! Das Bild ist scharf und klar, nicht zuletzt dank guter Kontraste. Der Ton, bei Blackhawk eigentlich fast immer das grösste Plus, ist auch hier klar und deutlich – erstaunlich für einen derart alten Film. Da ist wirklich jedes Wort gut verständlich – für einen fremdsprachigen Film eine wichtige Voraussetzung!
Es lohnt sich also durchaus, nach einer Kopie dieses Films Ausschau zu halten – auch wenn er nicht oft in den Listen der Händler oder bei eBay auftaucht. Die Geduld und der eventuelle finanzielle Mehraufwand lohnen sich in diesem Fall, und wenn man eine gut erhaltene Kopie erwischt, kann diese leicht zum Schmuckstück in der eigenen Super8-Sammlung werden.

Bewertungsspiegel School’s Out
Lieferbar auf                                        Super8, s/w, Magnetton; 16mm, s/w, Lichtton
Bildformat                                            1:1,33
Filmmaterial                                        Kodak-Eastman Azetat (s/w)
Bildqualität                                           gut
Bildschärfe                                            sehr gut
Bildstand                                               gut
Ton (Mono)                                          gut
Laufz (24 B / Sek)                               ca. 20 min
Anbieter                                                Blackhawk Films

Info:
Originaltitel:
School’s Out. Herstellungsland/-jahr: USA 1930. Laufzeit: ca. 20 Minuten. Regie: Robert F. McGowan. Kamera: Art Lloyd. Schnitt: Richard Currier. Musik: Leroy Shield. Produktion: Hal Roach
Darsteller: Die kleinen Strolche (Jackie Cooper, Allen „Farina“ Hoskins, Mary Ann Jackson, Norman „Chubby“ Chaney, Bobby „Wheezer“ Hutchins, Matthew „Stymie“ Beard, u.a.), June Marlowe, Creighton Hale u.a.

Die hölzerne Hochzeit: Charley Chase auf Super8

Was hier folgt, ist eine erweiterte und überarbeitete Fassung zweier Charley Chase-Artikel dieses Blogs, vom Juni und vom Dezember 2010. Der Text enthält Informationen über diesen vergessenen Filmkomödianten und über die Super8-Ausgabe seines Stummfilms His Wooden Wedding.

CHARLEY CHASE
– eine Wiederentdeckung auf Super8

Chaplin, Keaton, Lloyd – das sind unbestritten die „grossen drei“ der Stummfilmkomödie. Doch immer wieder ist von einem “vierten Clown” die Rede. Bei einigen Stummfilmenthusiasten gilt Harry Langdon als Anwärter auf diesen Titel. Für andere (u.a. den Autor dieser Zeilen) ist es Charley Chase. Aber… wer war Charley Chase?

Der Name ist heute nur noch ganz wenigen deutschsprachigen Filmfreunden geläufig. In Erinnerung dürfte er aber all jenen sein, die den Laurel & Hardy-Langfilm Sons of the Desert (dt.: Die Wüstensöhne) kennen. Dort hat unser Mann einen unvergesslichen Auftritt als Ollies Schwager, der mit seiner grossen Klappe und seiner kindsköpfigen Art die Besucher des Wüstensöhne-Kongresses nervt.

Unvergessen: Als Ollies Schwager im Laurel & Hardy-Film „Sons of the Desert“ ist Chase auch heutigen Kinogängern noch in Erinnerung.

Mit diesem denkwürdigen Auftritt stahl Chase sogar Stan und Ollie kurzzeitig die Show – und das, obwohl er sonst nicht auf den dort verkörperten Rollentyp spezialisiert war.
Älteren Semestern ist Chase zudem vielleicht aus der Serie „Väter der Klamotte“ bekannt, welche nicht wenige Episoden aus Chases Tonfilmschaffen ins deutsche Fernsehen brachte.
Super8 oder genauer: die ehemalige US-Schmalfilmfirma Blachawk Films, hilft beim Erinnern oder Neu-Kennenlernen.

Chase – der mit richtigem Namen Charles Parrott hiess – begann wie viele seiner berühmten Kollegen, in wandernden Vaudeville Shows und landete schliesslich in Mack Sennetts Studio, wo er als komischer Nebendarsteller verpflichtet wurde. So taucht er in kürzeren oder längeren Rollen immer wieder in den von Sennett produzierten frühen Kurzfilmen Charlie Chaplins oder Fatty Arbuckles auf. Sein Interesse am Filmhandwerk führte dazu, dass Sennett ihn auch als Regisseur einzusetzen begann – ein „Nebenjob“, den er bis an sein Lebensende weiterverfolgen sollte. Er verliess Sennett und arbeitete als Regisseur an verschiedenen Stummfilmkomödien des Chaplin-Imitators Billy West. Als Regisseur lernte Chase schliesslich Oliver Hardy kennen, mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft verband.

Das Schicksal führte ihn – ebenfalls zunächst als Regisseur – in Hal Roachs Studio, wo er mehrere Einakter mit dem schnauzbärtigen Snub Pollard inszenierte und schliesslich zu Roachs Hauptregisseur avancierte, der die gesamte Filmproduktion des Studios kontrollierte.

Als nun Harold Lloyd, damals schon einer der grössten Stummfilmstars, Hal Roach im Jahr 1923 verliess und ein eigenes Filmstudio gründete, suchte Roach nach einem Ersatz. Er überredete Charles Parrott, in die Lücke zu springen und holte ihn somit zurück vor die Kamera. Er willigte ein, änderte seinen Namen in Charley Chase und drehte eine Reihe von Einaktern, die derart populär waren, dass Roach schon bald Chase-Filme in doppelter Länge anfertigen liess.

Ab Mitte der 20er Jahre avancierte Charley Chase zum unbestrittenen Starkomiker bei Hal Roach und schuf, zusammen mit seinem Stamm-Regisseur Leo McCarey, feine Film-Miniaturen, Komödien der Irrungen, die aufgrund ihres hohen gestalterischen Niveaus zum Besten zählen, was die Kurzfilmproduktion in der Stummfilmzeit hervorbrachte. Chase selber hatte hohen gestalterischen Anteil an seinen Werken, was zu einem unverwechselbaren Chase-Stil führte.
Genau wie die “grossen drei” war er massgeblich an der Produktion, der Regie, dem Look und dem Inhalt seiner Komödien beteiligt, und kann somit als “auteur” bezeichnet werden. Produzent Hal Roach liess seinen Leuten ja bekantlich weitgehend freie Hand, was sich bei den talentierteren von ihnen (zu denen auch Stan Laurel zählte) positiv auf die Filme auswirkte.

Werbung für Kinobetreiber aus Charleys erfolgreicher Stummfilm-Zeit

Als Regisseur Leo McCarey zu Beginn der Tonfilmzeit von der „Chase-Abteilung“ abgezogen und dem immens an Popularität zulegenden Duo Laurel & Hardy zugeteilt wurde, drehte Chase mit anderen Regisseuren weiter: Mit Warren Doane, James W. Horne und mit seinem Bruder James Parrott. Parrott und Horne, die beide auch zahlreiche Laurel & Hardy-Tonfilme inszeniert hatten, konnten weniger gut mit Chases spezifischer Art von Humor umgehen, welcher der „sophisticated Comedy“ Hollywoods näher stand als dem ausgelassenen Slapstick Laurel & Hardys, und so fielen Chases erste Tonfilme qualitativ deutlich hinter seine Stummfilme zurück.
Erst als Chase begann, seine Filme selbst zu inszenieren (unter seinem richtigen Namen, Charles Parrott), ging es zumindest qualitativ wieder deutlich aufwärts.

Doch dann kam der Abstieg. Er zog sich über vier Jahre hin und endete mit dem Tod des Komikers.
1937 entliess Roach Chase nach einem missglückten Langfilmprojekt (mehr davon in einem späteren Artikel). Er kam darauf bei Columbia unter, wo er weitere Kurzkomödien drehte und bei einigen der besten Filmen mit den „Three Stooges“ Regie führte, wieder als Charles Parrott.
1940 starb er, wie sein Bruder ein Jahr zuvor und wie sein Vater, an Herzversagen. Er wurde 46 Jahre alt.

Heute sind Charley Chase und seine Filme praktisch vergessen. Es gibt einiges Weniges von ihm in den USA auf DVD, ausschliesslich Stummfilme. Sein gesamtes Tonfilmschaffen bleibt heute weiterhin im Dunkeln.

Doch es gab die Firma Blackhawk, und die hatte Zugang zu Hal Roachs Archiv. In den Sechziger- und Siebzigerjahren brachte sie eine stattliche Anzahl von Chase-Zweiaktern (Ton- und Stummfilme) für den Heimkinomarkt in den Verkauf und holte so den vergessenen „vierten Clown“ zumindest in Amerika wieder ins Bewusstsein der Filmfreunde zurück. Wer Chases Filme heute studieren will, kommt also um die Schmalfilme der Firma Blackhawk nicht herum.

Die Braut mit dem Holzbein

Chases besten Komödien sind kleine Kurzfilm-Juwelen, die es mit den Werken seiner bekannteren Kollegen von anno dazumal locker aufnehmen können. Zu seinen besten stummen Werken gehört unbestreitbar His Wooden Wedding, ein Kurzfilm, aus dessen Inhalt man problemlos einen Abendfüller machen könnte.

Die folgende Rezension bezieht sich auf die von Blackhawk Films Ende der 70er-Jahre herausgegebene Super8-Version des Films, der in einer stummen und einer mit Begleitmusik unterlegten Fassung erhältlich war und mit etwas Glück im Internet gebraucht erworben werden kann. Die stumme Fassung taucht immer mal wieder bei eBay auf, während die Tonversion äusserst schwer zu finden ist. Mehr dazu am Schluss. Wenden wir uns zunächst dem Inhalt zu:

Charley heiratet Katherine – eine High-Society-Hochzeit, wie sie im Buche steht – wäre da nicht Charleys “Freund”, der dem Publikum ziemlich bald als eifersüchtiger ehemaliger Nebenbuhler vorgestellt wird.
Dieser Freund macht Charley kurz vor dem Betreten des Traualtars glauben, die Braut hätte ein Holzbein. Ein paar Handgriffe und ein dummer Zufall überzeugen Charley vom Wahrheitsgehalt dieses Hinweises – in heller Panik sucht er das Weite. Der Nebenbuhler will noch mehr; unter dem Vorwand, das Familienerbstück zu Charley zurückzubringen, luchst er Katherine den Ring mit dem wertvollen Diamanten ab, den Charley seiner Angebeteten einst geschenkt hatte.
Im Bemühen, den Ring einzustecken, wird er vom inzwischen sturzbetrunkenen Charley überrascht und kann das Schmuckstück gerade noch in der Hutkrempe verstecken – allerdings erwischt er dabei Charleys Hut. Charley hat eine Seereise gebucht, um über sein Leid hinwegzukommen, schnappt sich seinen Hut und schlingert in Richtung Hafen – im Schlepptau: der Nebenbuhler.

Mittlerweile hat der Vater der Baut den fatalen Holzbein-Irrtum aufgedeckt und hastet Charley mit Katherine hinterher.
Von da an läuft die Geschichte auf zwei Schienen weiter: Die eine zeigt das Hasch-mich-Spiel um den im Hut versteckten Ring, die andere die Verfolgung Charleys durch die Braut und ihren Vater.

Es klingt unglaublich, aber trotz der scheinbar voll beladenen Handlungsebene finden Chase und Regisseur McCarey immer noch Zeit, eine Vielzahl wunderbarer Kabinettstückchen einzubauen, charmante Szenen, die das Charisma dieses und vieler anderer Chase-Filme ausmachen. Hier ist es u.a. eine Sequenz, in welcher Charley enteckt, dass über Bord geschmissene Hüte vom Fahrtwind wie ein Bumerang zurückgeblasen werden. Dabei wird nicht nur das komische Potential dieser Idee ausgeschöpft, sie stellt am Schluss den Bezug zur Haupthandlung wieder her, denn natürlich fliegt neben der Mütze des Kapitäns auch der Zylinder mit dem Ring über Bord, was für weitere Verwicklungen sorgt, in welche die damals bekannte Komödiantin Gale Henry als liebeshungrige alte Jungfer eingebunden wird.

His Wooden Wedding ist, wie die meisten Filme Chases keine reine Slapstick-Komödie, sondern kann als früher Verteter der Screwball-Comedy bezeichnet werden. Sie spielt im Upper-Class-Milieu, und der Ursprung der Komik ist ein im Grunde normaler Zeitgenosse, der plötzlich vor unvorhersehbare und absurde Widrigkeiten gestellt wird, die er meistern muss. Und nicht nur in diesem Film wird dabei von einer vollkommen absurden Voraussetzung ausgegangen. Welcher Bräutigem entdeckt erst am Tag der Hochzeit, dass seine Braut ein Holzbein hat? Die Kunst des Charley Chase besteht unter anderem darin, dem Publikum solche Unglaubwürdigkeiten zu verkaufen, indem nonchalant und mit komischem Understatement darüber hinweggegangen wird (ein herrlich zweideutiger Zwischentitel lautet etwa: „Stop! I’ve been engaged to a girl with a wooden leg – I must break it off!“ – „Halt! Mein Gelübde gilt einem Mädchen mit Holzbein. Ich muss es brechen!“). Die Zufälle, die dem Nebenbuhler zu Hilfe kommen, Charley von der Existenz des Holzbeins zu überzeugen, sind genauso implausibel wie die Ausgangslage, doch die Handlung schreitet in solchem Tempo voran, dass dies erst bei einer zweiten Sichtung – wenn überhaupt – auffällt. Chases Komödien folgen eigenen Gesetzen, die ein Erzählen in grossen Sprüngen erlauben und somit genügend Platz schaffen für komödiantische Kabinettstückchen und zahlreiche Gags. Im Laufe seiner Karriere führte Chase die Struktur der narrativen Verkürzung zur Vollendung, eine Kunst, die seinen Filmen ein ganz eigenes Flair verleiht, zumal sie mit soviel Charme und Schalk betrieben wird, dass man die zahlreichen Unglaubwürdigkeiten gerne als gegeben hinnimmt.

Die Super8-Fassung in der typischen Blackhawk-Pappschachtel aus den 70er-Jahren

Die von Blackhawk herausgebrachte Super8-Fassung präsentiert den Film in seiner vollständigen Fassung, komplett mit den originalen Anfangs- und Zwischentiteln, zusätzlich zum typischen Anfangstitel mit Blackhawk-Logo. Eine Textafel mit einem einleitenden historischen Text gehörte bei Blackhawks Stummfilm-Ausgaben dazu, hier beschränkt sich der Text auf eine Tafel.
Die Bildqualität lässt sich als noch gut bezeichnen, sehr gut wäre wohl übertrieben, denn eine wirklich gute Bildschärfe lässt sich auf normale Projektionsdistanz (3,5 m) nicht erreichen, alles bleibt trotz durchweg gutem Kontrast leicht schwummerig. Eine befriedigende Tiefenschärfe fehlt, das Bild wirkt flach, wie das bei praktisch allen von Blackhawks Roach-Ausgaben der Fall ist. (Das hat allerdings mehr mit der häufig zweitrangigen Qualität der im Roach-Filmarchiv befindlichen Kopien zu tun als mit der minderen Kopierqualität des Herausgebers).
Was allerdings am ehesten negativ ins Gewicht fällt, ist die von Blackhawk aufgespielte Begleitmusik. Es handelt sich um Versatzstücke, die in sämtlichen von Blackhawk herausgebrachten Stummfilmvertonungen von Roach-Kurzfilmen auftauchen, kurze extra komponierte Stimmungsstücke, die nach Bedarf aneinandergereiht werden konnten. Im Laurel & Hardy-Klassiker Big Business passten die Stücke hervorragend, hier leider nicht. Zu oft werden hier immer wieder dieselben schwachbrüstigen musikalischen Phrasen wiederholt, Phrase notabene, die bereits beim ersten Auftauchen nerven. Die Wahl der Begleitmusik ist bei Stummfilmen essentiell – sie kann Szenen oder gar einen ganzen Film auf- oder abwerten. Hier tritt zwar nicht gerade der zweite Fall ein, aber von Aufwertung kann leider auch nicht gesprochen werden.
His Wooden Wedding ist ein Film, der seine Wirkung – jedenfalls nach meinem Dafürhalten – in der stummen Fassung besser entfaltet als in der Tonfassung. Es lohnt sich also durchaus, im Internet nach der stummen Version von His Wooden Wedding Ausschau zu halten.

Weitere lohnende Stummfilme mit Charley Chase, die auf Super8 oder 16mm erhältlich sind:
– Movie Night (1929, Blackhawk)
– Crazy Like A Fox (1926, Blackhawk)
– Mighty Like A Moose (1926, EmGee)
– Innocent Husbands (1925, EmGee)

Bewertungsspiegel „His WoodenWedding“
Lieferbar auf                                        Super8, s/w, stumm oder Magnetton; 16mm, s/w, stumm oder Lichtton
Testprojektor                                      Bauer T502
Projektionsabstand                          3,5 m
Betrachtungsabstand                       3 m
Bildformat                                            1:1,33
Filmmaterial                                        Kodak-Eastman Azetat (s/w)
Bildqualität                                           gut
Bildschärfe                                            noch gut
Bildstand                                               gut
Ton (Mono)                                          gut
Laufz (24 B / Sek)                               ca. 20 min
Anbieter                                                Blackhawk Films

Info:
Originaltitel:
His Wooden Wedding. Herstellungsland/-jahr: USA 1925. Laufzeit: ca. 20 Minuten. Regie: Leo McCarey. Kamera: Glen R. Carrier.Schnitt: Richard Currier. Zwischentitel: H. M. Walker. Produktion: Hal Roach
Darsteller: Charley Chase (der Bräutigam), Katherine Grant (die Braut), Gale Henry (Frau auf dem Schiff), Fred De Silva, John Cossar u.a