Monat: November 2010

Blogtitel -Änderung

Immer mal wieder habe ich hier in der letzten Zeit laut darüber nachgedacht, auch Tonfilme in meinem Stummfilmblog zuzulassen. Denn ich gucke ja nicht nur Stummfilme. Mein Interesse am Tonfilm hat sogar wieder zugenommen, seit ich im Zuge meiner Bloggerei einige sehr interessant Filmblogs entdeckt habe.

Tja, und was nun? Jezt habe ich mir einen reinen Stummfilmblog eingebrockt, würde aber gerne auch Tonfilme vorstellen. Also Titel ändern?
Nach einiger Überlegung bin ich zum Schluss gelangt, dass dies wohl die beste Lösung, die am wenigsten zeitraubende sei.

„Hauptsache Stummfilm“ heisst der Blog jetzt; er soll dem Stummfilm treu bleiben, zur Hauptsache Stummfilme vorstellen, sich aber auch dem Tonfilm öffnen. Wie ich das praktizieren werde, kann ich nocht nicht genau sagen. Kürzere Texte für den Tonfilm, längere für den Stummfilm, vielleicht. Mal sehen. Bestimmt werde ich etwas herumexperimentieren und hoffen, die werte Leserschaft damit nicht allzusehr zu irritieren.

Die Stummfilm-Ikone

THE PILGRIM
(dt.: Der Pilger)
USA 1923
Darsteller: Charlie Chaplin, Sydney Chaplin, Edna Purviance, Mack Swain, u.a.
Regie: Charles Chaplin
Dauer: 40 min

Zunächst etwas Grundsätzliches zu Chaplin:
Von den sogenannten grossen Stummfilmkomödianten (Chaplin, Keaton, Lloyd, Laurel & Hardy) mag ich ihn am wenigsten. Deshalb kommt er erst jetzt in diesem Blog vor.
Wieso denn das? werden nun einige verstört aufkreischen. Ist Chaplin denn nicht der Stummfilmkomiker schlechthin, eine Ikone dieser Filmgattung gar? Ihn darf man doch nicht anzweifeln!

Warum denn nicht? Weshalb ist er das geworden, was er heute ist: eine Ikone? Wenn ich mir seine Filme anschaue, denke ich jedes Mal: An ihnen kann’s nicht liegen, die halten einem Vergleich mit jenen von Keaton und Co. in verschiedener Hinsicht nicht stand.

Nehmen wir The Pilgrim als Beispiel. Kein besonders bekannter Film, ich weiss, aber einer, der unter den Chaplin-Gläubigen den Ruf einer Offenbarung geniesst.
In dem Film ist kein wirklich guter oder gut aufgebauter Gag zu finden. Keine ausgeklügelten Sequenzen wie bei Lloyd, keine Feinheiten wie bei Keaton.
Dafür: Ein ungezogenes Kind, das die Erwachsenen unablässig ins Gesicht boxt. Ha-ha. Ein Hut wird anstelle eines Puddings serviert und angeschnitten Gähn. Ein falscher Pfarrer, der sich nach der Predigt wie ein Schauspieler verbeugt.
Im Grunde lauter einfach gestrickte Szenen, welche aber die Lacher des breiten Publikums auf Sicher haben, weil jedermann sie ohne grosses Nachdenken versteht. „Auf den kleinsten gemeinsamen Nenner gebracht“ nennt man das.
Dann gibt es im Pilgrim jene pantomimische Erzählung der Geschichte von David und Goliath. Letztere ist berühmt – aber weshalb? Sie ist weder komisch noch originell noch besonders gut gelungen.

Es gibt durchaus andere, berühmtere Chaplin-Filme, über deren Evangeliums-Status ich mich ebenfalls wundere: Über City Lights mit seinem unsäglichen Pathos zum Beispiel. Oder über Modern Times, der nach einem starken Beginn nur noch Belanglosigkeiten aneinanderreiht.

Weshalb also ist Chaplin so berühmt, während andere grosse Komödianten wie Buster Keaton, Harold Lloyd und Charley Chase mit den Jahren in Vergessenheit gerieten?
In seinen Anfangsjahren hatte Chaplin mit seinen ziemlich grobschlächtigen Komödien den Nerv des damaligen Publikums genaustens getroffen. Er wurde damit zu einem der ersten Megastars der Filmgeschichte (ein Umstand, den er unter anderem auch dem kaufmännischen Geschick seines Bruders Sydney zu verdanken hatte). Den Star-Status wusste der clevere Showman Chaplin immer weiter zu nähren und zu kultivieren. Er verkehrte mit der Intelligenzija seiner Zeit und passte sich deren Gesinnung an, diese lobten den äusserst charmanten Komiker im Gegenzug öffentlich in den Himmel und interpretierten alles Mögliche in seine Filme hinein. So jedenfalls beschreibt es sein Biograf David Robinson in seinen lesenswerten Buch Chaplin: Sein Leben, seine Kunst.

Genialität kann ich seinen Filmen nicht entdecken. Gut ausgedachte Gags durchaus ab und zu, aber nichts, was nicht so oder ähnlich (oder sogar besser) auch in den Filmen seiner zeitgenössischen Kollegen zu finden wäre. Dafür viel Selbstmitleid, Pathos und Selbstinszenierung. Und das mag ich nicht.

Natürlich, ich verallgemeinere. The Circus gefällt mir, auch The Great Dictator; aber das überstapazierte Attribut genial mag ich keinem von seinen Filmen anhängen.

Aber zurück zum Pilgrim:
Eine gefällige kleine Komödie, in der unser Tramp mal wieder den tragischen, vom Schicksal gebeutelten Helden gibt, den viele Kinogänger so gern bemitleiden. Gefällig, aber im Vergleich mit den besten Filmen seiner weniger berühmten Kollegen unbedeutend.
Der geflohene Sträfling Charlie klaut einem badenden Priester die Soutane und taucht in einem kleinen Nest nahe der mexikanischen Grenze unter. Er wohnt bei einer Dame des Dorfes und deren hübschen Tochter, in die er sich verliebt und deren Erspartes er gegen einen üblen Berufskollegen verteidigt.  Am Schluss wird er erkannt und im Niemandsland zwischen Mexiko und den Vereinigten Staaten ausgesetzt.

Zum Schluss noch eine böse Notitz am Rande: Charlies Halbbruder Sydney spielt in diesem Film drei kleinere Rollen. Eine davon ist die eines spiessbürgerlichen Tea-time-Gastes im Haus von Charlies Wirtin. Er stiehlt seinen weltberühmten Bruder glatt die Schau. Sydney Chaplin ist das einzige wirklich komische Element dieses Films. Wie er den aggressionsgehemmten Softie spielt, der plötzlich aus der Haut fährt, ist grosse Klasse und wirklich lustig. Leider hängte er die Schauspielerei zugunsten der Buchhaltung seines Bruders an den Nagel.
6/10


Die DVD: Sehr gute Bildqualität; der Film wurde restauriert. Der Film ist Teil der Charlie Chaplin Revue, eine Kompilation, welche der Meister selbst 1971 herausgebracht hatte. Des weiteren sind enthalten: A Dog’s Life (1918) und Shoulder Arms (1918).

Musikbegleitung: Die bekannte, von Chaplin selbst für The Pilgrim komponierte Filmmusik.

Regionalcode 2

Verfügbarkeit:
Im deutschsprachigen Raum ist der Film erhältlich, auf der Kinowelt-DVD Charlie Chaplin: Frühe Meisterwerke 1.

Tonfilm-Seitensprung: Sunset Boulevard (1950)

SUNSTET BOULEVARD
Billy Wilder, USA 1950

1950: Die Stummfilmära lag gerade mal zwanzig Jahre zurück, die meisten Leute konnten sich noch an die Zeit und ihre Stars erinnern.
Einer davon, Gloria Swanson, feierte in Sunset Boulevard glanzvoll sein Comeback – in ihrer Rolle der Norma Desmond wurde sie so bekannt wie kaum je vorher. Dies war allerdings die Ausnahme – den allermeisten anderen Stummfilmgrössen ging es wie Norma Desmond in diesem Film: Sie verschwanden trotz ihrer verzweifelten Anstrengungen, sich im Tonfilm zu halten, langsam im Treibsand des Vergessen. Ihren verzweifelten Comeback-Versuchen setzt Sunset Boulevard ein Denkmal.

Norma Desmond lebt allein mit ihrem Butler Max (Erich von Stroheim) in ihrer riesigen, im Stil der Zwanzigerjahre eingerichteten Villa. Der Zufall und ein Paar Gläubiger lassen den Drehbuchautor Joe Gillis (William Holden) auf ihrem Anwesen Zuflucht suchen – eine schicksalshafte Fügung, denn Gillis ist genau der Mann, den Norma braucht: Sie steckt mit ihrem eigenen Drehbuch fest. Da sie ihr Comeback mit einem ägyptischen Historienfilm plant, drängt sie Gillis zum Bleiben – nur für ein paar Tage – zwecks Revision ihres Werks. Joe bleibt wider Willen; zunächst ist er von der schrulligen Alten und ihrem Museum fasziniert, und als Versteck vor seinen Gläubigern kommt ihm die alte Villa gerade recht.
Norma aber wird immer fordernder – sie will Joe nicht mehr gehen lassen, klammert sich an ihn wie an einen letzten, rettenden Strohhalm. Und dieser begibt sich aus Widerwillen gegenüber sich und seiner Arbeit immer tiefer in das gegenseitige Abhängigkeitsverhältnis, das ihm schliesslich zum Verhängnis werden soll..

Sunset Boulevard ist ein Zeitbild. Es zeigt die Filmindustrie von 1950 schonungslos und ungeschminkt: Die Stars von einst sind zu Komparsen verkommen oder zu traurigen Schatten ihrer selbst, wie der Stummfilmregisseur Erich von Stroheim, der hier als Butler auftritt. Butler Max war früher einer der drei grössten Stummfilmregisseure der Welt – von Stroheim spielt sich also im Grunde selbst. Neben ihm sind weitere Stummfilmstars in traurigen kleinen Nebenrollen zu sehen, Buster Keaton etwa, oder Cecil B. DeMilles Jesus-Darsteller H.B. Warner. Die Industrie verschlingt ihre Kinder, so kann die Aussage des Films auf den Punkt gebracht werden.

Auch den Joe Gillis, der sich lieber von der reichen Norma Desmond aushalten lässt statt sich einen Tag länger seiner frustrierenden und fruchtlosen Tätigkeit im Studio zu widmen, holt dieses Schicksal am Ende ein – oder besser: Bereits am Anfang, denn die Geschichte wird als einzige grosse Rückblende erzählt. Gillis, der Narrator, liegt zu Beginn tot in einem Swimming Pool.

Billy Wilder und Charles Brackett (Drehbuch) – beide waren selbst bereits im Stummfilm tätig – haben diese Bestandaufnahme, in der die Stars von einst der Industrie den Spiegel vorhalten, in bittere Dialoge und schmerzliche Bilder verpackt. Doch da wird nicht nur gequatscht, die Bildsprache ist hoch entwickelt, vieles geht hier ohne Worte.

Ein toller Film, von dem man aber nicht behaupten kann, er hätte heute noch Gültigkeit; zu sehr haben sich die Strukturen in der Traumfabrik geändert.  Als Fenster in die Zeit und ins Filmgeschäft von vor 60 Jahren vemag Sunset Boulevard allerdings noch heute zu begeistern.
8/10

Verfügbarkeit:
Deutschsprachiger Raum: Sunset Boulevard war in einer sehr empfehlenswerten DVD-Ausgabe mit ausgezeichnetem Bildtransfer, Audiokommentar und einigen Extras in Deutschland erschienen, ist aber inzwischen vergriffen. Er kann bei amazon aber noch von privaten Anbietern bestellt werden.