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Mädchen ohne Mitgift – The Catered Affair, 1956

Heute sinniert gabelingeber über das Schreiben von Film-Tipps: Bringt das überhaupt was? Zudem stellt er erstmals Filme vor, deren Sichtung er abgebrochen hat. Im Hauptbeitrag wird wieder ein vergessener Hollywood-Film aus der Versenkung geholt (diesmal einer von Richard Brooks), und zwei weitere US-Filme werden kurz vorgestellt.

THE CATERED AFFAIR
USA 1956
Mit Bette Davis, Ernest Borgnine, Debbie Reynolds, Barry Fitzgerald, Rod Taylor u.a.
Drehbuch: Gore Vidal nach einem Teleplay von Paddy Chayevsky
Regie: Richard Brooks

Wenn sich eine Film-Familie aus Bette Davis (Mutter), Ernest Borgnine (Vater), Debbie Reynolds (Tochter) und Barry Fitzgerald (Onkel) zusammensetzt – dann schaut man sogar gern zu, wenn der Film schlecht ist.
Nun, Richard Brooks The Catered Affair ist alles andere als schlecht ist! Und das macht die Sache so richtig interessant. The Catered Affair gehört zwar dank seines damaligen Misserfolgs zu den heute vergessenen Werken dieses ansonsten gefeierten Regisseurs, doch die Sichtung lohnt sich – und eine Neubewertung ist fällig.

Die Geschichte spielt im Arbeitermilieu New Yorks, wo Vater Tom Hurley (Borgnine) als Taxifahrer seine Familie mehr schlecht als recht durchbringt. Ende Monat ist die Haushaltskasse leer, aber Tom legt immer wieder etwas beiseite – bald hat er genug beisammen, um das eigene Taxi zu kaufen und mit seinem alten Kumpel zusammen ein eigenes Unternehmen zu gründen.
Da platzt Töchterchen Jane (Reynolds) mit der Nachricht ihrer geplanten Hochzeit ins Haus. Nur klein soll diese sein, im engsten Familienkreis, zehn Minuten höchstens soll sie dauern, und dann soll’s mit Ehemann Ralph (Taylor) ab in die Flitterwochen gehen.
Die Hochzeit wächst sich im Hause Hurley aber zum Politikum aus. Onkel Jack (Fitzgerald) ist beleidigt, weil er nicht zum „engsten Familienkreis“ gezählt wird, obwohl er schon seit 12 Jahren bei den Hurleys wohnt. Und für Mutter Aggie (Davis) kommt sowieso keine kleine Hochzeit infrage; aus Schuldgefühlen ihrer Tochter gegenüber modelliert sie das geplante Fest mit eiserner Fuchtel nach und nach zum kostspieligen 200-Gäste-Anlass um. Vater Tom sieht seinen Traum vom Taxi entschwinden.

Alle meinen es gut in dem Film. Aber alte Geschichten, Stolz und Enttäuschungen schaukeln die bevorstehende Hochzeit zur drohenden Katastrophe hoch. Bis der verständnisvollen Tochter der Kragen platzt. „Alles geht schief!“, brüllt sie ihre Eltern an. „Meine beste Freundin hat mich verlassen, Onkel Jack ist ausgezogen, und ihr beide streitet nur noch miteinander. Und alles wegen dieser verdammten Hochzeit!“

Am Ende kommt alles gut, aber bis dahin brechen alte Konflikte auf, alte Schuld zollt ihren Tribut, der Standesunterschied zwischen den reichen Eltern des Bräutigams und den Hurleys lastet – man kriegt als Zuschauer einen guten Einblick in den Alltag von Amerikas „working poor“ der 50er-Jahre.

The Catering Affair pulsiert vor Leben. Das Milieu und die Charaktere sind scharf gezeichnet, Charakterstudien fast allesamt, in denen Schauspieler zeigen können, was sie drauf haben. Es ist eine wahre Freude, der hier versammelten Truppe zuzusehen. Bette Davis als verbitterte, Arbeiterfrau brennt sich mit ihrem abgehärmten Ausdruck und ihrer Reibeisenstimme unauslöschlich ins Gedächtnis ein. Ihre schauspielerischen Zwischentöne, mit denen sie immer wieder kurz hinter die raue Fassade dieser Frau blicken lässt, machen ihre Aggie zur glaubwürdigen Figur. Borgnine, der während der Dreharbeiten den Oscar für die Titelrolle in Marty erhielt, erbringt hier eine ähnlich denkwürdige Leistung wie im preisgekrönten Vorgängerfilm. Und Debbie Reynolds, bis dahin Musical-Darling und fröhlicher Springinsfeld, überrascht in einer ernsten Rolle und einer soliden Leistung, die ihr nicht mal Regisseur Brooks zugetraut hatte: Er wollte die Reynolds eigentlich nicht im Team haben, aber weil er Bette Davis‘ Mitwirkung beim Produzenten durchdrückte, musste er bei Debbie Reynolds nachgeben. Er hatte es offenbar nicht bereut.

Schade, dass man den Film heute praktisch nicht mehr sieht. Er steht in einer Linie mit den berühmten Sozialdramen, die in den USA der späten Fünfzigerjahre in Mode kamen und die ein ganz anderes Amerika zeigten als die gloriosen Eskapismus-Orgien der Vierziger.
In der Reihe „Warner Archive Collection“ ist er als „DVD on demand“ (DVD-R) in den USA erschienen.

8 / 10

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Filmschnipsel:

(500) DAYS OF SUMMER
USA 2009
Mit Zooey Deschanel, Joseph Gordon-Levitt, Geoffrey Arend u.a.
Drehbuch: Scott Neustader und Michael H. Weber
Regie: Marc Webb
Eine Liebesgeschichte? Naja – auf sowas steh‘ ich nicht besonders, aber dieser Film erreicht bei imdb.com immerhin eine Wertung von über 7. Kann man sich ja mal ansehen.
„Dies ist keine Liebesgeschichte!“, stellt der Off-Erzähler gleich zu Beginn des Films klar. Was dann folgt – ist der klassische Beginn einer Liebesgeschichte. Am Ende wird der Off-Erzähler Recht behalten.
Klingt verwirrend? Es wird noch besser: (500) Days of Summer hüpft wild zwischen den 500 im Titel besagten Tagen hin und her. Kaum haben sich Tom und Summer kennengelernt, wird zum Tag vorgespult, an dem ihre Beziehung in eine schwere Krise gerät. Um sogleich wieder zurückzuhüpfen.
Diese Erzählweise ist erfrischend anders – und längst nicht so chaotisch, wie es klingt, denn ein roter Faden ist immer da. Die Erzählweise entspricht dem sprunghaften Wesen der Titelheldin Summer, die von Zooey Deschanel („New Girl“) pefekt verkörpert wird.
Vieles an dem Film ist unkonventionell, obwohl er eine absolut konventionelle Geschichte erzählt (Boy meets Girl). Der Humor ist permanent schräg und man kommt aus dem Grinsen kaum heraus, die Hauptcharaktere sind so sympathisch gezeichnet und werden so gut gespielt, dass man sie gerne ein Stück auf ihrem Weg begleitet.
Insgesamt ein toll geschriebener, höchst unterhaltsamer, anregender Liebesfilm, (der gar kein Liebesfilm ist!), der immer wieder mit kreativen Ideen verblüfft. Letztlich ist er zwar recht belanglos, aber er unterhält hervorragend. Kann man sich gut und gern mal ansehen – hier in der englisch gesprochenen Originalversion (Stream).
7 / 10

THE NICE GUYS
USA 2016
Mit Russell Crowe, Ryan Gosling, Angourie Rice, Matt Bomer, Kim Basinger, u.a.
Drehbuch: Shane Black und Anthony Bagarozzi
Regie: Shane Black
NATÜRLICH – ich betone es gleich zu Beginn: The Nice Guys bringt nichts Neues. Aber erstens tun das die allerwenigsten Filme, und zweitens will er das gar nicht. Er will unterhalten – und das tut er auf hohem Niveau! Das hat seinen Wert, auch wenn nichts „Neues“ dabei ist. Im Thai-Restaurant schmeckt einem das Essen ja auch nicht nur, wenn der Koch „was Neues“ erfunden hat.
The Nice Guys blendet zurück in die 7oer-Jahre und erzählt die Geschichte eines Falls, ist also einerseits ein Krimi. Eine Darstellerin aus einem propagandistischen Pornofilm wird plötzlich von wütenden Killern gejagt – warum?
Im Mittelpunkt der Ermittlungen stehen zwei Privatdetektive (Crowe und Gosling), der eine gescheitert und ohne Lizenz, der andere ein versoffener Möchtegern. Die beiden bringen starke Elemente der Komödie in den Film, die Figurenkonstellation ist nicht ohne (komischen) Zündstoff. Das Drehbuch verwickelt als zusätzliche Würze noch die minderjährige Tochter des Möchtegern-Ermittlers in die Krimi-Handlung mit ein – und fertig ist ein Cocktail, der von A bis Z bei der Stange hält und einfach Spass macht.
Crowe spielt seine Rolle mit unglaublicher Präzision; bislang hielt ich von diesem Schauspieler nicht viel (aufgrund seiner Leistung in Les Miserables), ich hatte praktisch alle Filme von ihm ausgelassen. Hier ist er eine Bombe. Er erzählt zwischen den Zeilen, die Geschichte seiner Figur schwingt in seinem Spiel mit, ohne dass viele Worte darüber verloren werden. Das ist auch ein Verdienst des Drehbuchs, aber Crowe setzt das optimal um. Neben ihm glänzen Ryan Gosling als grossmäuliger Tollpatsch und die niedliche Angourie Rice als dessen Tochter. Matt Bomer (bekannt aus der Serie White Collar) überrascht mit einem Auftritt, der komplett gegen seinen Serien-Charakter gebürstet ist.
Und Shane Black, der Regisseur? Ein alter Hase im Filmbusiness. Von ihm stammt das Drehbuch zum ersten Lethal Weapon-Streifen und zum dritten Iron Man-Sequel. Der Mann kann sowohl Komödie als auch Action. Schreibender- und Inszenierenderweise. Anschauen und geniessen: Hier in der US-Originalfassung und hier in der deutsch synchronisierten Fassung (Stream).
8 / 10

Abgebrochenene Filmsichtungen:


RED RIVER
USA 1948
Mit John Wayne, Montgomery Clift, Walter Brennan,
Drehbuch: Borden Chase
Regie: Howard Hawks
Ein bedeutender Western, bedeutend dank der Tatsache, dass erstmals in einem Film eine echte Rinderstampede inszeniert wurde. Sie wurde von in den Boden eingelassenen Kameras gefilmt, die mit Panzerglas abgedeckt waren. Zudem wurde hier erstmals in einem US-Film eine Handkamera eingesetzt.
Die Stampede ist eindrücklich. Trotzdem hat mich der Film kalt gelassen. Ich habe nach einer Stunde aufgegeben, nachdem ich einfach nicht ‚reinkam. John Wayne spielt ein selbstgerechtes Arsch; ich hatte erwartet, dass er sich im Verlauf der Handlung zum üblen, despotischen Rinderbaron entwickeln wird, so ist die Rolle angelegt, aber nein: Etwa in der Mitte des Films wird unterstrichen, dass er eigentlich ein guter Kerl ist. Passt einfach nicht!
Der Film zieht sich wie Kaugummi, und obwohl ich ihm als Howard Hawks-Fan alle Chancen gegeben hatte, strich ich nach 60 Minuten die Fahnen. Das Drehbuch ist alles andere als pointiert und verliert sich in schier uferlosen Episoden, deren Zweck man nicht wirklich erkennt. Und John Wayne spielt schlecht, furchtbar; meine Güte, war das ein mieser Schauspieler!
Nee, das ist einer jener „bedeutenden Filme“ auf deren „Genuss“ ich verzichten kann. Ansehen im Stream in der US-Originalfassung: Hier.
(Keine Wertung – abgebrochen)

GHOST IN THE SHELL
USA 2017
Mit Scarlett Johansson, Pilou Asbaek, Takeshi Kitano, Juliette Binoche u.a.
Drehbuch: Jamie Moss, William Wheeler und Ehren Krueger
Regie: Rupert Sanders

Ich war im Kino… und bin in der Pause gegangen.
Zuerst muss ich anmerken, dass ich Anime-Vorlage nicht kenne.
Ich fand den Film eigentlich sehr gut inszeniert, der Look ist gewaltig, das Drehbuch, naja, schlecht fand ich es nicht, aber auch nicht besonders gut. Man merkt schon, dass da gerafft und gestaucht werden musste.
Die Schauspieler hatten angesichts der geballten Ladung an CGI und Action keinerlei Chance, irgendwas zu zeigen ausser Gehetztheit und Drohgebärden.
Was mir absolut nicht gefallen hat, mich sogar richtiggehend abgestossen hat, war der „Cyberpunk-Effekt“. Ich konnte deshalb schon die Bücher von William Gibson und Co. nicht lesen – diese Koppelung von Mensch und Maschine, die das bionische Prinzip praktisch umdreht und den Menschen nach dem Vorbild von Maschinen optimiert, das behagt mir irgendwie nicht. Und Bilder von verkabelten Wesen sind für mich schlimmer als irgendeine Splatter-Szene.
Fragt mich nicht, weshalb…
(Keine Wertung – abgebrochen)

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Gedankensplitter

Schreiben über Film
Seit Jahren führe ich diesen Blog, seit Jahren hege ich Zweifel daran, ob das Schreriben über Film dem Medium überhaupt gerecht wird. Immer wieder legte ich längere Pausen ein, weil ich von der Sache einfach nicht überzeugt war. Film ist Bild, Ton, Schauspiel, Bewegung, Musik und, und, und…
Text hingegen ist… einfach Text.
Mein Bedürfnis war immer, auf gute Filme aufmerksam zu machen, andere zum Sehen zu animieren. Doch die Blogsphäre ist derart voll mit Filmseiten, dass ein einzelner Text in der Menge schlichtweg verloren geht.
Am liebsten würde ich den jeweils besprochenen Film auf meinem Blog zugänglich machen. Damit man die Anregung, die der Text hoffentlich bietet, gleich ins Seh-Erlebnis umsetzen kann.
Seit Jahren suche ich nach einer Möglichkeit. Bei drei der hier besprochenen Filme habe ich mal versuchsweise Links  zu Steamingseiten eingefügt. Schauen wir mal, was passiert…

Das Geheimnis der Frau in weiss – The Woman in White, 1948

Diese Woche gräbt gabelingeber eine vergessene Literaturverfilmung aus, bespricht das Science-Fiction-Drama Passengers, gibt seine Sicht auf Maggie Smith als The Lady in the Van zum besten – und macht sich in einer neuen Kolumne Gedanken über Cineasten und den sogenannt „bedeutenden Film“.

DAS GEHEIMNIS DER FRAU IN WEISS
(OT: The Woman in White)
USA 1948
Mit Eleanor Parker, Alexis Smith, Sydney Greenstreet, Gig Young, Agnes Moorehead, John Emery u.a.
Drehbuch: Stephen Morehouse Avery nach dem Roman von Wilkie Collins
Regie: Peter Godfrey
Studio: Warner
Der Film war im deutschsprachigen Raum unter dem Titel Das Geheimnis der Frau in Weiss im Fernsehen zu sehen.

Wilkie Collins 1860 entstandener Roman «The Woman in White» gilt als eine der ersten richtigen Detektivgeschichten. Seine komplexe Erzählstruktur erschwert eine Verfilmung in normaler Spielfilmlänge allerdings erheblich. Der nicht mehr bekannte Drehbuchautor Stephen Moorehouse Avery nahm deshalb für die hier besprochene Kinoadaption viele Änderungen vor, um die Handlung in knapp zwei Stunden Spielzeit unterbringen zu können – Änderungen, welche die Fans der Romanvorlage nicht goutieren wollten. The Woman in White fiel durch und ist heute fast völlig vergessen.

Der vom Briten Peter Godrey inszenierte Film gilt als zweitklassige Romanadaption. Zu Unrecht! Natürlich leiten die bereits erwähnten Änderungen die Geschichte gegen Ende in gänzlich andere Bahnen, viele Facetten des Romans, ja ganze Handlungsstränge fallen unter den (Schneide-)Tisch. Trotzdem halte ich The Woman in White für ein insgesamt gelungenes Werk. Drehbuchautor Avery macht das beste aus der Not, kürzen zu müssen: Er rettet den Grundton und die bisweilen unerträgliche Spannung von Collins Roman in den Film hinüber, und indem er die Intrige der beiden Bösewichte etwas entwirrt und vereinfacht, vermeidet er einen der Spannung abträglichen übermässigen Erklärungsaufwand. Zudem schafft er es im Verein mit dem Regisseur und dem Schauspielensemble, Collins’ scharf gezeichnete Figuren fast eins zu eins auf die Leinwand zu bringen. Ein weiteres grosses Verdienst des Drehbuchs und der Regie ist zudem ein dramaturgisch schlüssiges, dichtes Erzählgarn, welches die Zuseher keinen Moment loslässt. Und das trotz der Tatsache, dass die Dramaturgie praktisch auf den Kopf gestellt wurde und vorneweg verraten wird, was das Buch der Spannung wegen bis zuletzt verschweigt!
Unter dem Strich ist eher ein Film „nach Wilkie Collins“ herausgekommen, als eine buchstabentreue Adaption; ein Film, den man durchaus als Lehrstück einer Literaturverfilmung bezeichnen kann.

Als Schwachpunkt empfinde ich eigentlich nur gerade die Besetzung Gig Youngs in der Rolle des Malers Hartright, des eigentlichen «Detektivs» des Romans. Er ist zu blass und fällt in einer prominenten Rolle gegenüber dem Rest des Ensembles ab. Grandios sind dagegen – einmal mehr – Eleanor Powell («Caged!») in der Doppelrolle der «Frau in Weiss» und Sydney Greenstreet als Intrigant von geradezu monströser Abscheulichkeit. Aber auch der Rest der Truppe kann sich sehen lassen.

Dies gesagt, stellt sich sofort die Frage, weshalb Regisseur Peter Godfrey und Autor Avery heute nicht mehr bekannt sind. Unter Godfreys rund zwanzig Filmen finde ich keinen einzigen bekannten Titel. Stephen Moorehouse Averys Filmografie zählt 17 Filme – bekannt ist auch davon heute keiner mehr. Vielleicht waren ihre Filme alle mässig erfolgreich (was ja noch längst nicht gleichbedeutend ist mit «schlecht», wie ich hier Woche für Woche zu zeigen versuche). Avery jedenfalls verstarb kurz nach der Premiere des Filmes im Alter von 55 Jahren – vielleicht wäre seine Zeit noch gekommen.

8 / 10

The Woman in White ist in der Reihe Warner Archive Collection erschienen und bei amazon.co.uk zu relativ günstigen Versandkosten zu beziehen.

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Filmschnipsel:

PASSENGERS
USA 2016
Mit Chris Pratt, Jennifer Lawrence, Michael Sheen, Laurence Fishburne u.a.
Drehbuch: Jon Spaihts
Regie: Morten Tyldum
Kein Gravity, kein 2001 – die einen Kritiker monieren in ihren Rezensionen, was Passengers alles nicht ist. Die anderen mokieren sich darüber, wo Passengers überall abgekupfert habe: Bei 2001, bei Gravity
Manchmal entsteht der Eindruck, die Kritiker hätten sich gegen gewisse Filme zusammengeschlossen. Dann nämlich, wenn ihnen jeder Vorwand zupasskommt, dagegen zu schießen. Die oben aufgeführten Argumente könnten auch für „Passengers“ ins Feld geführt werden, das erste im Sinne von: „Passengers ist etwas ganz Eigenständiges“, im zweiten Fall im Sinne von: “Passengers verbeugt sich vor den großen Vorbildern“.
Lange wollte ich mir Passengers gar nicht ansehen, die durchs Band negativen Kritiken nahmen mir die Lust. Nun habe ich’s doch getan und komme zu ganz anderen Schlüssen als die Rezensenten.
Der neue Film des Schweden Morten Tyldum (The Imitation Game) ist fürs „Ottonormalpublikum“ wahrscheinlich zu schwierig einzuordnen: Man erwartet dank der werbung Action satt und kriegt – was man gar nicht wollte – ethisches Dilemma plus menschliches Drama. Sowas ist nie gut. Dass allerdings auch viele Kritiker bei getäuschter Erwartung mit Negativreflexen reagieren, erstaunt doch einigermaßen.
Passengers ist zunächst einmal großartiges Erzählkino. Da wird ein menschliches Drama in pointierten Episoden und fein ausgedachten Details ausgebreitet, in aller Ruhe, und die Spannungskadenz wird permanent und schlüssig gesteigert – bis zum großen Knall gegen Ende (der ja angeblich überhaupt nicht in den Film passt und eine Konzession ans Actionpublikum darstellt). „Schlechtes Drehbuch“ habe ich in mehreren Rezensionen gelesen, „oberflächliches Abhandeln von moralischen Fragen“ in anderen. Beides ist falsch. Das Drehbuch ist ausgereift, in sich absolut stimmig und gehört zu den besten, die ein großes US-Studio in letzter Zeit auf die Leinwand gebracht hat. Es meistert jede heikle Klippe, so dass man sich mit dem guten Gefühl zurücklehnen kann: Der Erzähler versteht sein Metier, wird schon nichts schiefgehen. Und genauso ist es.
Und was das „oberflächliche Abhandeln der moralischen Fragen“ angeht: Der Film verzichtet darauf, sie mit dem pädagogisch-moralischen Zeigefinger aufzufahren. Das macht den Umgang mit ihnen aber keineswegs oberflächlich. Sie werden in einer Form dargeboten, die einen unweigerlich tief ins Grübeln bringt darüber, wie man selbst in der Situation gehandelt hätte und hätte handeln sollen.
Am besten betrachtet man Passengers ohne ein Resumee gelesen zu haben. Deshalb sei hier nur das Nötigste verraten: Auf dem interstellaren Flug eines riesigen Raumschiffs geht etwas schief. Von den im Kälteschlaf dahindämmernden Passagieren wacht mitten im 120 Jahre dauernden Flug einer auf – Fehlfunktion der Kälteschlaf-Kapsel. Nach nur 30 Jahren. Noch 90 Jahre Flug stehen bevor.
Zurück in die Schlafkapsel ist unmöglich. Der Passagier ist dazu verdammt, in der künstlichen Welt des riesigen Raumgleiters allein seine Tage zu fristen – bis zu seinem Ende. Er versucht alles, seiner Situation zu entkommen – vergebens. Sein einziger Ansprechpartner ist ein Roboter-Barmann (ein geradezu genialer Einfall!). Es kommt immer wieder zu seltsamen technischen Zwischenfällen, und dem Zuschauer dämmert, dass das Schiff schwer beschädigt sein muss. In der Zwischenzeit fasst unser Passagier einen folgenschweren, ethisch schwer bedenklichen Entschluss…
Ich sage nur noch soviel: Gebt dem Film eine Chance. Es nicht der typische Sci-Fi-Film, darauf sollte man gefasst sein. Aber wer sich darauf einlässt, erlebt ein glänzend und mit viel Witz und Fantasie erzähltes, toll gespieltes, hervorragend inszeniertes, zutiefst menschliches Drama, eingebettet in ein grandioses Production Design.
10 / 10

THE LADY IN THE VAN
GB 2015
Mit Maggie Smith, Alex Jennings, Jim Broadbent u.a.
Drehbuch: Alan Bennet
Regie: Nicholas Hytner
Maggie, Maggie, Maggie!
Maggie Smith-Fans kommen hier voll auf ihre Kosten! Dame Maggie spielt eine heruntergekommene Pennerin, die sich mit ihrem kaputten Autobus in einem feinen Quartier Londons auf der Strasse einnistet – in der Nachbarschaft des Autors Alan Bennett. Auf den Erlebnissen des echten Bennett – ein in England bekannter Theaterautor – beruht der Film, er selbst schrieb das Drehbuch und wird von Schauspieler Alex Jennings gleich doppelt verkörpert: Als sein Schriftsteller-Ich und sein Alltags-Ich streitet Bennett öfters mit sich selbst. Die „Lady im Autobus“ kürt Bennett zu ihrem persönlichen Vertrauten und lässt ihn zwischen Verantwortungsgefühl und Indifferenz hin und her schwanken.
Mir wurde die ganzen 100 Minuten über nicht klar, was dieser Film eigentlich will. Er bleibt seltsam distanziert, über die Hauptfiguren erfährt man zu wenig, um sich involvieren zu lassen. Im Endeffekt dreht sich der Film mehr um den Nabel seines Autors als um die titelgebende Lady: Bennetts Lavieren zwischen Hilfsbereitschaft und dem Drang, sich Probleme vom Hals zu halten, steht im Zentrum – und lässt einen doch recht kalt.
Lustigerweise scheint dem Autor dies selbst bewusst zu sein: Einmal lässt er zwei seiner Protagonisten , zwei Nachbarn, sich über eines seiner Theaterstücke unterhalten: „Ich bin nicht schlau geworden daraus“, sagt der eine, worauf seine Gattin meint: „Das Stück dreht sich eigentlich nur um ihn. Wie immer.“
Dank Dame Maggie ist The Lady in the Van trotzdem sehenswert. Sie trägt den Film mit ihrem grandiosen Portrait eines heruntergekommenen Schlachtrosses, einer am Leben und am Glauben irr gewordenen ehemaligen Nonne, die ihre Umwelt terrorisiert und die feine Nachbarschaft aufmischt.
7 / 10

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Gedankensplitter

Bedeutende Filme
Muss man einen Film wegen seines Status gut finden?
Es gibt zahlreiche „bedeutende“ Filme, mit denen ich nichts anfangen kann. Es gibt welche, die ich ziemlich „daneben“ finde. Und es gibt solche, die mir hervorragend gefallen. Ich könnte jetzt eine Liste mit Beispielen folgen lassen, doch das würde den Rahmen hier sprengen.
Es ist sowieso irrelevant: Begibt man sich auf die Spur der „bedeutenden“ Filme, stösst man eh‘ immer wieder auf dieselben Titel. Es sind zumeist alte Filme, die etwas zu ersten Mal gemacht haben, gezeigt haben, die einen cinématografischen Trend ausgelöst haben, die stilbildend waren. Die Cineasten führen Buch darüber.
Der Filminteressierte, der etwas auf sich hält, will als Cineast gelten; und weil Buchhaltung nicht allen Filmbegeisterten zusagt, beten viele von ihnen, die sich als Cineasten verstehen möchten, die heiligen Listen der Buch führenden Cineasten nach.
Der Filminteressierte (oder Möchtegern-Cineast) tut gut daran, den jeweiligen filmhistorischen Kontext eines Film in Erfahrung zu bringen und um seine Bedeutung zu wissen. Es kann zudem interessant sein, dessen Nachfolger zu sichten, Filme, welche in dessen Fahrwasser entstanden sind, die davon inspiriert wurden. Es ist dies eine historische Sichtweise, und auf diese ist der Cineast fixiert. Der Kontext kann dabei je nach Sichtweise filmhistorischer, kunsthistorischer oder gesellschaftshistorischer Art sein. Aber was ist mit dem Filmfan, der nicht primär historisch interessiert ist? Ist der überhaupt noch ein Cineast?
Manchmal – je länger, je mehr – interessiere ich mich für die handwerkliche Seite der Filme (Regieführung), die erzähltechnische (Drehbuch), die schauspielerische und für die Aussagekraft und Relevanz eines Werks. Weniger – immer weniger – für dessen filmgeschichtliche Seite. Die Filmgeschichte kann nämlich ganz schön anstrengend sein. Anstrengend deshalb, weil man sich – aus Interesse an ihr – Filme ansieht, die man sich sonst nicht ansehen würde. Weil „der Cineast“ sie sehen muss um überhaupt als Cineast zu gelten. Und das will man ja schliesslich.
Mir ist der Zirkus mittlerweile zu mühsam, die Zeit ist mir zu kostbar geworden, um mir Werke anzusehen, die mich in keiner Weise irgendwo berühren. Die erzähltechnische Flops sind, schauspielerisch anspruchslos oder so aufgeblasen kunstgewerblerisch daherkommen, dass man schreien möchte. Sie mir anzusehen, weil sie in der Filmhistorie als „bedeutend“ aufgeführt sind. Also pfeife ich ab sofort auf den Status des Cineasten. Ich kündige!
Ich kann und will einen Film nicht mehr automatisch toll oder auch nur interessant finden, nur weil er filmhistorisch als bedeutend gilt. Dazu muss man sich oft ganz schön verbiegen.
Es gibt Filme, die sind bedeutend ausserhalb von Filmgeschichte. Weil sie besonders gut, besonders herausfordernd, besonders berührend sind. Auch wenn sie in keiner der bekannten Liste vorkommen. Mir egal! Was scheren mich die Listen? Sie haben nichts mit mir zu tun, mit meiner Weltsicht, mit meinem Menschenbild. Es gibt Filme, die da exakt hineinpassen oder es erweitern; sie sind nicht als „bedeutend“ gelistet. Vielleicht gelten sie sogar als „unbedeutend“.
Wenn ich heute einen Film bewerte, dann tue ich dies konsequent aus meiner Sicht und aus meinem Menschenbild heraus. Nicht aus der Beliebigkeit meines Geschmacks heraus, hoffentlich, sondern vom Standpunkt des moralisch und ethisch denkenden und empfindenden Menschen aus. Das ist ein anderer Ansatz als der historische. Ich bilde mir ein, er sei zur Filmbewertung ebenso plausibel und brauchbar wie jener des Cineasten. Die Bewertung erfolgt nach allgemein gültigen gesellschaftsrelevanten Kriterien.
Mit dieser „Befreiung“ fällt mir ein Gewicht von der Seele: Ich habe plötzlich Narrenfreiheit, muss Tarkowski nicht gut finden, darf Godards Werke als aufgeblasenen intelektuellen Quark bezeichnen und Theo Angelopoulos als blasierten Phrasendrescher.

Das China-Syndrom (1979) u.a.

In der Schweiz ist der Download von Filmen aus dem Internet erlaubt (Torrents etc.). Die folgenden Filme habe ich in sehr guter bis hervorragender Bild- und Tonqualität vorgefunden und mir zu Gemüte führen können:

DAS CHINA-SYNDROM (Blu-ray)
(OT: The China Syndrome)
USA 1979
Mit Jane Fonda, Jack Lemmon, Michael Douglas, Scott Brady u.a.
Drehbuch: Mike Gray, T.S. Cook und James Bridges
Regie: James Bridges
Dauer 122 min
Drei Wochen vor dem schweren Atomunfall im US-Kernkraftwerk «Three Miles Island» im Jahr 1979 kam dieser Film in die Kinos. Viele Filmexperten rätseln, ob der Film ohne den realen Vorfall ebenso erfolgreich gewesen wäre.
Er wäre, so wage ich zu behaupten. Denn The China Syndrome bietet Nervenkitzel, einen reissfesten Spannungsaufbau, packende Charakterstudien und eine grossartige schauspielerische Leistung von Jack Lemmon. Dass der Film nebenbei die Gefahr aufzeigt, welche die Nutzung von Atomkraft gepaart mit der „Störungsanfälligkeit“ des menschlichen Handelns darstellt, ist ein willkommener Nebeneffekt. Und diese Botschaft wurde durch den Unfall im Kraftwerk von «Three Miles Island» zur prophetischen Warnung.
Michael Douglas spielt den politischen Hitzkopf, der er damals wohl war: In seiner groben Schwarz-Weiss-Zeichnung (hier die guten, wahrheitsliebenden Medienleute, dort die bösen Kraftwerkbetreiber) schiesst der von ihm produzierte Film über sein Ziel hinaus und verkommt zeitweilig zum weltbildkonform zurechtkonstruierten Propagandafilm für linke Atomkraft-Aktivisten. Den Unfall einfach zu zeigen, wäre völlig ausreichend und genügend abschreckend gewesen. Stattdessen wird die Atomlobby dämonisiert und als zynisch und menschenverachtend dargestellt. Natürlich: Für solcherart agierende Gremien gab und gibt es genügend Beispiele. Es gibt aber auch die anderen.
Immerhin hat der Film so seine Bösewichte, was gegen Ende des Films erheblich zum Spannungsaufbau beiträgt.
Viel spannender aber, auf einer anderen Ebene, sind die Wandlungen, welche zwei der Hauptcharaktere im Verlauf der Handlung durchmachen – Jacks Lemmons Kraftwerkleiter und Janes Fondas Reporterin. Beide spielen ihr «Erwachen» mit grossem Engagement und Können, Jack Lemmon liefert damit eine seiner allerbesten Leistungen ab!
The China Syndrome ist übrigens der einzige Film des Regisseurs James Bridges geblieben, der heute noch bekannt ist. Die anderen sieben Filme, die er inszeniert (und zum Teil auch geschrieben) hat, sind heute in Vergessenheit geraten.
Diesen sollte man schon mal gesehen haben!

8 / 10

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EIN BESONDERER TAG
(OT: Una giornata paricolare)
Italien 1977
Mit Sophia Loren, Marcello Mastroianni, John Vernon u.a.
Drehbuch: Ettore Scola und Ruggero Maccari
Regie: Ettore Scola
Dauer: 106 min
Der Film lief in Deutschland nicht in den Kinos; er wurde erstmals 1979 im Fernsehen gezeigt
Während einer Parade zu Ehren Hitlers in Rom kommen sich zwei Menschen in einer leere Siedlung näher. Es entspinnen sich leise und subtil zwei menschliche Dramen, zwei Menschen entdecken im ¨je anderen ihre verlorenen Träume und Hoffnungen. Gleichzeitig feiert sich der Faschismus auf der Strasse selbst (die restlichen Bewohner der Siedlung nehmen alle an der Parade teil), im Hintergrund ist permanent und in aggressivem Ton die Marschmusik, das tobende Volk und ein auftrumpfender Radiosprecher zu hören.
Dieser harte Gegensatz von zarter menschlicher Annäherung und den tobenden Hintergrundgeräuschen macht nur einen Teil der Faszination dieses Films aus. Die anderen Teile sind eine wunderbar fantasievolle und subtile Regieführung – und die beiden Hauptdarsteller. Regisseur Scola hat die Loren und den Mastroianni komplett gegen ihr Image besetzt: Die glamouröse Loren überzeugt hier als abgehärmte, verbittere Hausfrau, und Latin Lover Mastroianni gibt den homosexuellen Intellektuellen – ebenso überzeugend.
Der einzige Wermutstropfen: Der Film ist für ein italienischen Publikum zugeschnitten und die Aufarbeitungs-Thematik ist inzwischen passé.
Filmbegeisterte sollten sich Una gionata particolare aber unbedingt einmal ansehen – ein Film von seltener schöner Machart!

8 /10

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ONE CHANCE
England 2013
Mit James Corden, Alexandra Roach, Julie Walters, Colm Meany u.a.
Drehbuch: Justin Zackham
Regie: David Frankel
Dauer 98 min
Ein englischer Arbeiter-Junge, der Opernsänger werden will – das klingt verdächtig nach einem Abklatsch von Billy Elliott. Anders als in diesem wird der Junge in One Chance allerdings bald erwachsen, verliebt sich und heiratet. Der Film zeigt die Hoffnungen, Enttäuschungen, Rückschläge und schließlich den Durchbruch, den der junge Hauptprotagonist erfährt, erduldet, erleidet.
All das ist furchtbar beliebig und dramaturgisch so holprig wie ein schrottreifer Minibus auf schlechter Straße. Das Drehbuch und die Regie sind derart schwach und plakativ, da können auch die durchs Band exzellenten Akteure nichts mehr ausrichten.
Motto des Films könnte sein: Feelgood um jeden Preis!

3 / 10