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Captain Fantastic – Einmal Wildnis und zurück (2016)

Mangels Zeit – oder besser: dank Schulschluss-Stress – gibt’s diese Woche nur einen kurzen Beitrag. Das passt, weil diesmal kein wirklich grandioser Film in meiner Auswahl mit dabei war…
Beim letzten Eintrag hätte ich am liebsten alle drei Filme zum „Film der Woche“ nominiert, dieses Mal ist das Gegenteil der Fall: Keiner der drei Streifen, die ich mir für die letzte Woche vorgenommen hatte, genügen dem hohen Standard, den ein „Film der Woche“ erfüllen muss (mindestens acht Wertungs-Punkte). Einer davon ist allerdings doch aussergewöhnlich genug, um ihn hier vorzustellen und ihn trotz des massivem Lobs, das ihm allenthalben zuteil wird, kontrovers zu diskutieren.

FILM DER WOCHE

(dt.: Capatain Fantastic – Einmal Wildnis und zurück)
USA 2016
Mit Viggo Mortensen, George MacKay, Nicholas Hamilton, Frank Langella, Kathryn Hahn u.a.
Buch und Regie: Matt Ross
Musik: Alex Somers

Zunächst taucht die Kamera tief ein in die endlosen, verlassenen Wälder des Staates Washington. Hier sagen sich Hirsch und Wildschwein gute Nacht. Kein Mensch… aber was ist das? Ein paar Augen beobachten einen jungen Hirsch. Hinter einem Busch entdeckt der Zuschauer eine dreckverschmierte, kauernde Gestalt, die sich im nächsten Moment auf das Tier stürzt. Gleichzeitig brechen weitere dreckstarrende Gestalten aus dem Unterholz. Ein Clan von Wilden? Ureinwohner? Nein, es ist die Cash-Familie; genauer: Vater Ben (Mortensen) und seine sechs Kinder. Die Mutter ist in der Zivilisation, im Krankenhaus.

Die Eltern Cash, allen voran Ben, sind Anarchisten, Aussteiger, die der Zivilisation den Rücken gekehrt haben und in den Wäldern in unerbittlicher konsequenz ein einfaches Leben mit der Natur durchziehen. Alle ihre sechs Kinder sind so aufgewachsen. Mit Jagen, Zimmern, Überlebenstraining, „home schooling“, im Einklang mit der Natur, abgeschieden und isoliert von der Zivilisation.
Was geschieht, so hat sich Regisseur und Drehbuchautor Matt Ross gefragt, was geschieht, wenn diese Kinder plötzlich mit der Zivilisation konfrontiert werden? Was macht das mit ihnen?
Zu diesem Zweck lässt er die Mutter im fernen Krankenhaus sterben.
Nun müssen die verbleibenden Cashs ‚raus aus dem Wald. Die letzten Dinge regeln. Eine Beerdigung steht an. Der Schwiegervater gibt Ben die Schuld am Tod seiner Tochter. Es wird schwierig.

Im Grunde eine hoch interessante Ausgangslage. Daraus könnte man was machen.
Die erste Hälfte von Captain Fantastic überzeugt und packt denn auch. Das Leben im Wald ist in seiner Ambivalenz hervorragend herausgearbeitet. Das erste Eintauchen in die moderne Welt ebenfalls. Die Sequenz, in der die Cash-Family bei Bens Schwester und deren Mann und Kindern zu Gast sind, ist die stärkste des ganzen Films, der eigentliche Kern der Sache. Da entlarvt der Autor unsere moderne Welt in der Gegenüberstellung der beiden entgegengesetzten Lebensentwürfe als hoffnungslos verweichlicht, verwässert und verdämlicht. Um gleich in der nächsten Szene die Problematik und die Schädlichkeit von Bens dogmatischem Idealismus aufzuzeigen.
Hätte der Film da aufgehört oder genauso weitergemacht, er wäre wohl ein Meisterwerk. Diese kurze Sequenz lässt einen nicht mehr los, sie lässt einen grübeln – und das ist das Verdienst von Captain Fantastic.
Doch leider geht er anders weiter.

Die Kontroverse wird aufgeweicht. Es wird relativiert, verwedelt. „Es ist doch nicht so schlecht, was Ben den Seinen da zumutet“. „Aber unsere Welt hat ja eigentlich auch ihr Gutes…“ „Jedem das seine….“.
Der Tod der Mutter – ein Selbstmord – wird dem Vater angelastet. Doch man erfährt viel zu wenig über sie und auch über ihn, als dass man dies festmachen und als Kritik am harten Aussteigerdasein werten könnte. Am Ende hängt alles irgendwie in der Luft. Hat den Regisseur der Mut verlassen – oder hat das Studio interveniert?
Schade, schade…
Die Thematik des Film klingt hochinteressant – leider ist die Umsetzung enttäuschend oberflächlich.

Die Regie: 8 / 10 – Solide; bisweilen sensibel und behutsam, insgesamt aber doch recht konventionell
Das Drehbuch: 7 / 10 –
Leider hält Matt Ross die Ambivalenz seiner Story nicht durch und verwässert ab der zweiten Filmhälte, was er an anregenden Konflikten angerissen hat
Die Schauspieler: 7 / 10 –
Ebenfalls solide; Kinderdarsteller in dieser Häufung empfinde ich allerdings immer als etwas heikel
Die Filmmusik: 8 / 10 –
Solide, dezent, bisweilen etwas blass
Gesamtnote: 7,5 / 10

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Kurzkritiken

IN THE HEATH OF THE NIGHT
(dt. In der Hitze der Nacht)
USA 1967
Mit Sidney Poitier, Rod Steiger, Warren Oates, Lee Grant u.a.
Drehbuch: Stirling Silliphant nach einer Vorlage von John Ball
Regie: Norman Jewison
Musik: Quincy Jones
Nach Rat mal, wer zu Essen kommt der zweite 1967 gedrehte „Rassismus-Film“ mit Sidney Poitier. Komischerweise bin ich von beiden ziemlich enttäuscht. Beide gelten als Meisterwerke, beide sind aber heute derart überholt, dass ihre Schwächen deutlich zutage treten. In Jewisons Film ist es die Inszenierung; sie ist zwar durchaus solide, aber für einen Film mit diesem Ruf ist sie doch ziemlich gesichts- und einfallslos, „gewöhnlich“ halt. Die gelegentlichen Highlights stehen im Drehbuch.
Natürlich war der Film damals in der Behandlung der Rassenthematik mutig und ein Durchbruch, ebenso für die Schwarzenbewegung. Doch gemessen an der heutigen cinematografischen Behandlung derelben Thematik wirkt er eher wie ein Museumsstück. Und wie bereits gesagt, ohne die rosa Meisterwerk-Brille werden die Schwächen sichtbar. Auch im Drehbuch, welches den Mordfall nur zum Vorwand nimmt, einen Rassenkonflikt im amerikanischen Hinterland durchzuspielen. Die schrittweise Auflösung der Missetat ist ziemlich banal und entbehrt jeglicher Spannung. Die beiden Hauptdarsteller überzeugen, doch immer wieder und wie so oft bei diesem Regisseur geschieht es, dass die Akteure sich nicht ganz im Griff haben (oder besser: er sie). Einige der Nebendarsteller neigen zum Over-Acting, allen voran Rod Steiger, und das nervt mit zunehmender Filmdauer.
Ein wichtiger Film, durchaus – jedenfalls für Amerika – aber nicht unbedingt ein grosser Film.
Die Regie: 7 / 10 –
Das Drehbuch: 7 / 10 –
Die Schauspieler: 7 / 10 –
Die Filmmusik: 9 / 10 –
Gesamtnote: 7,5 / 10

KID MILLIONS
USA 1934
Mit Eddie Cantor, Ethel Merman, Ann Sothern, Warren Hymer, George Murphy, Berton Churchill, the Nicholas Brothers u.a.
Drehbuch: Arthur Sheekman, Nat Perrin und Nunally Johnson
Regie: Roy Del Ruth
Musik: Alfred Newman
Der vergessene Film der Woche:
Eddie Cantor war ein bekannter Musicalstar am Broadway, später beim Radio, der in den 30er-Jahren den Sprung auf die Leinwand wagte, dort für kurze Zeit Erfolg hatte und sich dann wieder auf die Bühne konzentrierte. Im deutschsprachigen Raum wurde er nie bekannt.
Kid Millions gehörte zu seinen erfolgreichsten Filmen – heute wirkt er angestaubt und vor allem albern. Auf nervige Art.
Es geht um den Erben eines verstorbenen Ägyptologen, der von einer ganzen Aramada von Erbschleichern ins Land der Könige begleitet wird. Der Film stammt aus einer Zeit, wo die Musicalnummern die Handlung zum Stillstand brachten. Das kann funktionieren, wenn diese Nummern überzeugen. In Kid Millions ist dies leider nicht der Fall: Die Musiksequenzen sind schlecht gemachte, krude Möchtegern-Busby-Berkeley-Kopien.
Da der Film eine Farce ist, bleiben die Gags, die mehrheitlich im Verbalen angelegt sind. Die einen zünden, die anderen nicht – je nachdem, von welchem der drei Autoren sie stammen.
Insgesamt ist Kid Millions furchtbar albern; manchmal erwächst dieser Albernheit ein Highlight wie etwa die Scheichstochter, welche den Hauptprotagonisten in breitestem Brooklyn-Slang umgarnt. Mehr als leidlich unterhaltsam ist der Film aber nicht.
Die Regie: 6 / 10
Das Drehbuch: 5 / 10
Die Schauspieler: 7 / 10
Die Filmmusik: 7 / 10
Gesamtnote: 6 / 10

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Vorschau

Die folgenden drei Filme werden im nächsten Blog-Beitrag vorgestellt. Einer davon wird zum „Film der Woche“ gekürt…

On the Double (dt.: Unternehmen Pappkamerad / General Pfeifendeckel; USA 1961)

La nuit americaine (dt.: Die amerikanische Nacht; Frankreich 1973)

The Boxtrolls (dt.: Die Boxtrolls; USA 2014)

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Mädchen ohne Mitgift – The Catered Affair, 1956

Heute sinniert gabelingeber über das Schreiben von Film-Tipps: Bringt das überhaupt was? Zudem stellt er erstmals Filme vor, deren Sichtung er abgebrochen hat. Im Hauptbeitrag wird wieder ein vergessener Hollywood-Film aus der Versenkung geholt (diesmal einer von Richard Brooks), und zwei weitere US-Filme werden kurz vorgestellt.

THE CATERED AFFAIR
USA 1956
Mit Bette Davis, Ernest Borgnine, Debbie Reynolds, Barry Fitzgerald, Rod Taylor u.a.
Drehbuch: Gore Vidal nach einem Teleplay von Paddy Chayevsky
Regie: Richard Brooks

Wenn sich eine Film-Familie aus Bette Davis (Mutter), Ernest Borgnine (Vater), Debbie Reynolds (Tochter) und Barry Fitzgerald (Onkel) zusammensetzt – dann schaut man sogar gern zu, wenn der Film schlecht ist.
Nun, Richard Brooks The Catered Affair ist alles andere als schlecht ist! Und das macht die Sache so richtig interessant. The Catered Affair gehört zwar dank seines damaligen Misserfolgs zu den heute vergessenen Werken dieses ansonsten gefeierten Regisseurs, doch die Sichtung lohnt sich – und eine Neubewertung ist fällig.

Die Geschichte spielt im Arbeitermilieu New Yorks, wo Vater Tom Hurley (Borgnine) als Taxifahrer seine Familie mehr schlecht als recht durchbringt. Ende Monat ist die Haushaltskasse leer, aber Tom legt immer wieder etwas beiseite – bald hat er genug beisammen, um das eigene Taxi zu kaufen und mit seinem alten Kumpel zusammen ein eigenes Unternehmen zu gründen.
Da platzt Töchterchen Jane (Reynolds) mit der Nachricht ihrer geplanten Hochzeit ins Haus. Nur klein soll diese sein, im engsten Familienkreis, zehn Minuten höchstens soll sie dauern, und dann soll’s mit Ehemann Ralph (Taylor) ab in die Flitterwochen gehen.
Die Hochzeit wächst sich im Hause Hurley aber zum Politikum aus. Onkel Jack (Fitzgerald) ist beleidigt, weil er nicht zum „engsten Familienkreis“ gezählt wird, obwohl er schon seit 12 Jahren bei den Hurleys wohnt. Und für Mutter Aggie (Davis) kommt sowieso keine kleine Hochzeit infrage; aus Schuldgefühlen ihrer Tochter gegenüber modelliert sie das geplante Fest mit eiserner Fuchtel nach und nach zum kostspieligen 200-Gäste-Anlass um. Vater Tom sieht seinen Traum vom Taxi entschwinden.

Alle meinen es gut in dem Film. Aber alte Geschichten, Stolz und Enttäuschungen schaukeln die bevorstehende Hochzeit zur drohenden Katastrophe hoch. Bis der verständnisvollen Tochter der Kragen platzt. „Alles geht schief!“, brüllt sie ihre Eltern an. „Meine beste Freundin hat mich verlassen, Onkel Jack ist ausgezogen, und ihr beide streitet nur noch miteinander. Und alles wegen dieser verdammten Hochzeit!“

Am Ende kommt alles gut, aber bis dahin brechen alte Konflikte auf, alte Schuld zollt ihren Tribut, der Standesunterschied zwischen den reichen Eltern des Bräutigams und den Hurleys lastet – man kriegt als Zuschauer einen guten Einblick in den Alltag von Amerikas „working poor“ der 50er-Jahre.

The Catering Affair pulsiert vor Leben. Das Milieu und die Charaktere sind scharf gezeichnet, Charakterstudien fast allesamt, in denen Schauspieler zeigen können, was sie drauf haben. Es ist eine wahre Freude, der hier versammelten Truppe zuzusehen. Bette Davis als verbitterte, Arbeiterfrau brennt sich mit ihrem abgehärmten Ausdruck und ihrer Reibeisenstimme unauslöschlich ins Gedächtnis ein. Ihre schauspielerischen Zwischentöne, mit denen sie immer wieder kurz hinter die raue Fassade dieser Frau blicken lässt, machen ihre Aggie zur glaubwürdigen Figur. Borgnine, der während der Dreharbeiten den Oscar für die Titelrolle in Marty erhielt, erbringt hier eine ähnlich denkwürdige Leistung wie im preisgekrönten Vorgängerfilm. Und Debbie Reynolds, bis dahin Musical-Darling und fröhlicher Springinsfeld, überrascht in einer ernsten Rolle und einer soliden Leistung, die ihr nicht mal Regisseur Brooks zugetraut hatte: Er wollte die Reynolds eigentlich nicht im Team haben, aber weil er Bette Davis‘ Mitwirkung beim Produzenten durchdrückte, musste er bei Debbie Reynolds nachgeben. Er hatte es offenbar nicht bereut.

Schade, dass man den Film heute praktisch nicht mehr sieht. Er steht in einer Linie mit den berühmten Sozialdramen, die in den USA der späten Fünfzigerjahre in Mode kamen und die ein ganz anderes Amerika zeigten als die gloriosen Eskapismus-Orgien der Vierziger.
In der Reihe „Warner Archive Collection“ ist er als „DVD on demand“ (DVD-R) in den USA erschienen (Kaufmöglichkeit siehe unten).

8 / 10

 => Die oben erwähnte DVD der Warner Archive Collection kann hier gekauft werden (Link führt zu meinem eBay-Angebot).

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Filmschnipsel:

(500) DAYS OF SUMMER
USA 2009
Mit Zooey Deschanel, Joseph Gordon-Levitt, Geoffrey Arend u.a.
Drehbuch: Scott Neustader und Michael H. Weber
Regie: Marc Webb
Eine Liebesgeschichte? Naja – auf sowas steh‘ ich nicht besonders, aber dieser Film erreicht bei imdb.com immerhin eine Wertung von über 7. Kann man sich ja mal ansehen.
„Dies ist keine Liebesgeschichte!“, stellt der Off-Erzähler gleich zu Beginn des Films klar. Was dann folgt – ist der klassische Beginn einer Liebesgeschichte. Am Ende wird der Off-Erzähler Recht behalten.
Klingt verwirrend? Es wird noch besser: (500) Days of Summer hüpft wild zwischen den 500 im Titel besagten Tagen hin und her. Kaum haben sich Tom und Summer kennengelernt, wird zum Tag vorgespult, an dem ihre Beziehung in eine schwere Krise gerät. Um sogleich wieder zurückzuhüpfen.
Diese Erzählweise ist erfrischend anders – und längst nicht so chaotisch, wie es klingt, denn ein roter Faden ist immer da. Die Erzählweise entspricht dem sprunghaften Wesen der Titelheldin Summer, die von Zooey Deschanel („New Girl“) pefekt verkörpert wird.
Vieles an dem Film ist unkonventionell, obwohl er eine absolut konventionelle Geschichte erzählt (Boy meets Girl). Der Humor ist permanent schräg und man kommt aus dem Grinsen kaum heraus, die Hauptcharaktere sind so sympathisch gezeichnet und werden so gut gespielt, dass man sie gerne ein Stück auf ihrem Weg begleitet.
Insgesamt ein toll geschriebener, höchst unterhaltsamer, anregender Liebesfilm, (der gar kein Liebesfilm ist!), der immer wieder mit kreativen Ideen verblüfft. Letztlich ist er zwar recht belanglos, aber er unterhält hervorragend. Kann man sich gut und gern mal ansehen – hier in der englisch gesprochenen Originalversion (Stream).
7 / 10

THE NICE GUYS
USA 2016
Mit Russell Crowe, Ryan Gosling, Angourie Rice, Matt Bomer, Kim Basinger, u.a.
Drehbuch: Shane Black und Anthony Bagarozzi
Regie: Shane Black
NATÜRLICH – ich betone es gleich zu Beginn: The Nice Guys bringt nichts Neues. Aber erstens tun das die allerwenigsten Filme, und zweitens will er das gar nicht. Er will unterhalten – und das tut er auf hohem Niveau! Das hat seinen Wert, auch wenn nichts „Neues“ dabei ist. Im Thai-Restaurant schmeckt einem das Essen ja auch nicht nur, wenn der Koch „was Neues“ erfunden hat.
The Nice Guys blendet zurück in die 7oer-Jahre und erzählt die Geschichte eines Falls, ist also einerseits ein Krimi. Eine Darstellerin aus einem propagandistischen Pornofilm wird plötzlich von wütenden Killern gejagt – warum?
Im Mittelpunkt der Ermittlungen stehen zwei Privatdetektive (Crowe und Gosling), der eine gescheitert und ohne Lizenz, der andere ein versoffener Möchtegern. Die beiden bringen starke Elemente der Komödie in den Film, die Figurenkonstellation ist nicht ohne (komischen) Zündstoff. Das Drehbuch verwickelt als zusätzliche Würze noch die minderjährige Tochter des Möchtegern-Ermittlers in die Krimi-Handlung mit ein – und fertig ist ein Cocktail, der von A bis Z bei der Stange hält und einfach Spass macht.
Crowe spielt seine Rolle mit unglaublicher Präzision; bislang hielt ich von diesem Schauspieler nicht viel (aufgrund seiner Leistung in Les Miserables), ich hatte praktisch alle Filme von ihm ausgelassen. Hier ist er eine Bombe. Er erzählt zwischen den Zeilen, die Geschichte seiner Figur schwingt in seinem Spiel mit, ohne dass viele Worte darüber verloren werden. Das ist auch ein Verdienst des Drehbuchs, aber Crowe setzt das optimal um. Neben ihm glänzen Ryan Gosling als grossmäuliger Tollpatsch und die niedliche Angourie Rice als dessen Tochter. Matt Bomer (bekannt aus der Serie White Collar) überrascht mit einem Auftritt, der komplett gegen seinen Serien-Charakter gebürstet ist.
Und Shane Black, der Regisseur? Ein alter Hase im Filmbusiness. Von ihm stammt das Drehbuch zum ersten Lethal Weapon-Streifen und zum dritten Iron Man-Sequel. Der Mann kann sowohl Komödie als auch Action. Schreibender- und Inszenierenderweise. Anschauen und geniessen: Hier in der US-Originalfassung und hier in der deutsch synchronisierten Fassung (Stream).
8 / 10

Abgebrochenene Filmsichtungen:


RED RIVER
USA 1948
Mit John Wayne, Montgomery Clift, Walter Brennan,
Drehbuch: Borden Chase
Regie: Howard Hawks
Ein bedeutender Western, bedeutend dank der Tatsache, dass erstmals in einem Film eine echte Rinderstampede inszeniert wurde. Sie wurde von in den Boden eingelassenen Kameras gefilmt, die mit Panzerglas abgedeckt waren. Zudem wurde hier erstmals in einem US-Film eine Handkamera eingesetzt.
Die Stampede ist eindrücklich. Trotzdem hat mich der Film kalt gelassen. Ich habe nach einer Stunde aufgegeben, nachdem ich einfach nicht ‚reinkam. John Wayne spielt ein selbstgerechtes Arsch; ich hatte erwartet, dass er sich im Verlauf der Handlung zum üblen, despotischen Rinderbaron entwickeln wird, so ist die Rolle angelegt, aber nein: Etwa in der Mitte des Films wird unterstrichen, dass er eigentlich ein guter Kerl ist. Passt einfach nicht!
Der Film zieht sich wie Kaugummi, und obwohl ich ihm als Howard Hawks-Fan alle Chancen gegeben hatte, strich ich nach 60 Minuten die Fahnen. Das Drehbuch ist alles andere als pointiert und verliert sich in schier uferlosen Episoden, deren Zweck man nicht wirklich erkennt. Und John Wayne spielt schlecht, furchtbar; meine Güte, war das ein mieser Schauspieler!
Nee, das ist einer jener „bedeutenden Filme“ auf deren „Genuss“ ich verzichten kann. Ansehen im Stream in der US-Originalfassung: Hier.
(Keine Wertung – abgebrochen)

GHOST IN THE SHELL
USA 2017
Mit Scarlett Johansson, Pilou Asbaek, Takeshi Kitano, Juliette Binoche u.a.
Drehbuch: Jamie Moss, William Wheeler und Ehren Krueger
Regie: Rupert Sanders

Ich war im Kino… und bin in der Pause gegangen.
Zuerst muss ich anmerken, dass ich Anime-Vorlage nicht kenne.
Ich fand den Film eigentlich sehr gut inszeniert, der Look ist gewaltig, das Drehbuch, naja, schlecht fand ich es nicht, aber auch nicht besonders gut. Man merkt schon, dass da gerafft und gestaucht werden musste.
Die Schauspieler hatten angesichts der geballten Ladung an CGI und Action keinerlei Chance, irgendwas zu zeigen ausser Gehetztheit und Drohgebärden.
Was mir absolut nicht gefallen hat, mich sogar richtiggehend abgestossen hat, war der „Cyberpunk-Effekt“. Ich konnte deshalb schon die Bücher von William Gibson und Co. nicht lesen – diese Koppelung von Mensch und Maschine, die das bionische Prinzip praktisch umdreht und den Menschen nach dem Vorbild von Maschinen optimiert, das behagt mir irgendwie nicht. Und Bilder von verkabelten Wesen sind für mich schlimmer als irgendeine Splatter-Szene.
Fragt mich nicht, weshalb…
(Keine Wertung – abgebrochen)

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Gedankensplitter

Schreiben über Film
Seit Jahren führe ich diesen Blog, seit Jahren hege ich Zweifel daran, ob das Schreriben über Film dem Medium überhaupt gerecht wird. Immer wieder legte ich längere Pausen ein, weil ich von der Sache einfach nicht überzeugt war. Film ist Bild, Ton, Schauspiel, Bewegung, Musik und, und, und…
Text hingegen ist… einfach Text.
Mein Bedürfnis war immer, auf gute Filme aufmerksam zu machen, andere zum Sehen zu animieren. Doch die Blogsphäre ist derart voll mit Filmseiten, dass ein einzelner Text in der Menge schlichtweg verloren geht.
Am liebsten würde ich den jeweils besprochenen Film auf meinem Blog zugänglich machen. Damit man die Anregung, die der Text hoffentlich bietet, gleich ins Seh-Erlebnis umsetzen kann.
Seit Jahren suche ich nach einer Möglichkeit. Bei drei der hier besprochenen Filme habe ich mal versuchsweise Links  zu Steamingseiten eingefügt. Schauen wir mal, was passiert…

Das China-Syndrom (1979) u.a.

In der Schweiz ist der Download von Filmen aus dem Internet erlaubt (Torrents etc.). Die folgenden Filme habe ich in sehr guter bis hervorragender Bild- und Tonqualität vorgefunden und mir zu Gemüte führen können:

DAS CHINA-SYNDROM (Blu-ray)
(OT: The China Syndrome)
USA 1979
Mit Jane Fonda, Jack Lemmon, Michael Douglas, Scott Brady u.a.
Drehbuch: Mike Gray, T.S. Cook und James Bridges
Regie: James Bridges
Dauer 122 min
Drei Wochen vor dem schweren Atomunfall im US-Kernkraftwerk «Three Miles Island» im Jahr 1979 kam dieser Film in die Kinos. Viele Filmexperten rätseln, ob der Film ohne den realen Vorfall ebenso erfolgreich gewesen wäre.
Er wäre, so wage ich zu behaupten. Denn The China Syndrome bietet Nervenkitzel, einen reissfesten Spannungsaufbau, packende Charakterstudien und eine grossartige schauspielerische Leistung von Jack Lemmon. Dass der Film nebenbei die Gefahr aufzeigt, welche die Nutzung von Atomkraft gepaart mit der „Störungsanfälligkeit“ des menschlichen Handelns darstellt, ist ein willkommener Nebeneffekt. Und diese Botschaft wurde durch den Unfall im Kraftwerk von «Three Miles Island» zur prophetischen Warnung.
Michael Douglas spielt den politischen Hitzkopf, der er damals wohl war: In seiner groben Schwarz-Weiss-Zeichnung (hier die guten, wahrheitsliebenden Medienleute, dort die bösen Kraftwerkbetreiber) schiesst der von ihm produzierte Film über sein Ziel hinaus und verkommt zeitweilig zum weltbildkonform zurechtkonstruierten Propagandafilm für linke Atomkraft-Aktivisten. Den Unfall einfach zu zeigen, wäre völlig ausreichend und genügend abschreckend gewesen. Stattdessen wird die Atomlobby dämonisiert und als zynisch und menschenverachtend dargestellt. Natürlich: Für solcherart agierende Gremien gab und gibt es genügend Beispiele. Es gibt aber auch die anderen.
Immerhin hat der Film so seine Bösewichte, was gegen Ende des Films erheblich zum Spannungsaufbau beiträgt.
Viel spannender aber, auf einer anderen Ebene, sind die Wandlungen, welche zwei der Hauptcharaktere im Verlauf der Handlung durchmachen – Jacks Lemmons Kraftwerkleiter und Janes Fondas Reporterin. Beide spielen ihr «Erwachen» mit grossem Engagement und Können, Jack Lemmon liefert damit eine seiner allerbesten Leistungen ab!
The China Syndrome ist übrigens der einzige Film des Regisseurs James Bridges geblieben, der heute noch bekannt ist. Die anderen sieben Filme, die er inszeniert (und zum Teil auch geschrieben) hat, sind heute in Vergessenheit geraten.
Diesen sollte man schon mal gesehen haben!

8 / 10

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EIN BESONDERER TAG
(OT: Una giornata paricolare)
Italien 1977
Mit Sophia Loren, Marcello Mastroianni, John Vernon u.a.
Drehbuch: Ettore Scola und Ruggero Maccari
Regie: Ettore Scola
Dauer: 106 min
Der Film lief in Deutschland nicht in den Kinos; er wurde erstmals 1979 im Fernsehen gezeigt
Während einer Parade zu Ehren Hitlers in Rom kommen sich zwei Menschen in einer leere Siedlung näher. Es entspinnen sich leise und subtil zwei menschliche Dramen, zwei Menschen entdecken im ¨je anderen ihre verlorenen Träume und Hoffnungen. Gleichzeitig feiert sich der Faschismus auf der Strasse selbst (die restlichen Bewohner der Siedlung nehmen alle an der Parade teil), im Hintergrund ist permanent und in aggressivem Ton die Marschmusik, das tobende Volk und ein auftrumpfender Radiosprecher zu hören.
Dieser harte Gegensatz von zarter menschlicher Annäherung und den tobenden Hintergrundgeräuschen macht nur einen Teil der Faszination dieses Films aus. Die anderen Teile sind eine wunderbar fantasievolle und subtile Regieführung – und die beiden Hauptdarsteller. Regisseur Scola hat die Loren und den Mastroianni komplett gegen ihr Image besetzt: Die glamouröse Loren überzeugt hier als abgehärmte, verbittere Hausfrau, und Latin Lover Mastroianni gibt den homosexuellen Intellektuellen – ebenso überzeugend.
Der einzige Wermutstropfen: Der Film ist für ein italienischen Publikum zugeschnitten und die Aufarbeitungs-Thematik ist inzwischen passé.
Filmbegeisterte sollten sich Una gionata particolare aber unbedingt einmal ansehen – ein Film von seltener schöner Machart!

8 /10

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ONE CHANCE
England 2013
Mit James Corden, Alexandra Roach, Julie Walters, Colm Meany u.a.
Drehbuch: Justin Zackham
Regie: David Frankel
Dauer 98 min
Ein englischer Arbeiter-Junge, der Opernsänger werden will – das klingt verdächtig nach einem Abklatsch von Billy Elliott. Anders als in diesem wird der Junge in One Chance allerdings bald erwachsen, verliebt sich und heiratet. Der Film zeigt die Hoffnungen, Enttäuschungen, Rückschläge und schließlich den Durchbruch, den der junge Hauptprotagonist erfährt, erduldet, erleidet.
All das ist furchtbar beliebig und dramaturgisch so holprig wie ein schrottreifer Minibus auf schlechter Straße. Das Drehbuch und die Regie sind derart schwach und plakativ, da können auch die durchs Band exzellenten Akteure nichts mehr ausrichten.
Motto des Films könnte sein: Feelgood um jeden Preis!

3 / 10