Monat: Januar 2018

Ich werde dich wiedersehen (1944)

USA 1944
Mit Ginger Rogers, Joseph Cotten, Shirley Temple, Spring Byington, Tom Tully u.a.
Drehbuch: Marion Parsonnet nach einem Hörspiel von Charles Martin
Regie: William Dieterle

„Ein körperlich und seelisch versehrter amerikanischer Kriegsheimkehrer findet Genesung durch Kontakt und Liebe zu einer verurteilten Totschlägerin, die über Weihnachten aus dem Gefängnis beurlaubt ist. Ein sympathisches Drama mit optimistischer Perspektive, das die Emotionen und das Lebensgefühl der Nachkriegszeit in den USA widerspiegelt.“
-Lexikon des internationalen Films-

„This is a pressing recommendation that as many of you see it as can.“ „He [Joseph Cotten] plays the shell-shocked veteran with supreme restraint and with a calm and determined independence that beautifully reveals his pain and pride.“
-Bosley Crowther, New York Times-

„This Selznick project originated in a radio play (by Charles Martin), and it may have sounded like a good movie idea. But oh, my!“
-Pauline Kael-

Pauline Kael, von 1968 bis 1991 eine wegen ihrer Spitzzüngigkeit gefürchtete amerikanische Filmkritikerin, kommt zum Schluss, dass I’ll Be seeing You „verdammt nahe an unertäglich heranreicht. Nach der Sichtung dieses vergessenen Films kann ich mich über ihr Urteil – das sie übrigens ohne jegliche Argumente fällt – nur wundern. Da halte ich mich lieber an Bosley Crowther oder das renommierte Lexikon des internationalen Films (s. oben). I’ll Be seeing You ist ein bittersüsses Melodrama, das Douglas Sirks möglicherweise gefallen hätte. Einige Passagen mögen dem heutigen Betrachter zwar als „kitschig“ ins Auge stechen, doch die ernsthafte und packende Behandlung der Hauptthematik lässt mich darüber hinwegsehen. I’ll Be Seeing You war einer der ersten US-Filme, die das Thema „posttraumatische Belastungsstörung“ im Zusammenhang mit dem Krieg an die Öffentlichkeit brachte – in einer Zeit, in welcher Krieg im Kino zu Durchhaltezwecken gemeinhin positiv besetzt wurde. Man darf dem von David O. Selznick produzierten Streifen durchaus einen gewissen Pionierstatus zugestehen.

Etwas „Unerträgliches“ konnte ich darin beim besten Willen nicht ausmachen; ausser vielleicht – allerdings in moderatem Rahmen – in Shirley Temples Spiel. Doch dazu später.
Ginger Rogers und Joseph Cotten machen ihre Sache hervorragend – vor allem Rogers überzeugt und überrascht: Sie spielt bewusst gegen den romantisierenden Ton des Films an und macht das Ganze überhaupt erst  – sorry, Pauline – erträglich! Sie gibt die desillusionnierte Verurteilte, in deren Leben plötzlich die Hoffnung aufkeimt, derart bodenständig und robust, dass man ihr die Gefängnisinsassin abnimmt. Cotten gibt den Gegenpart sanft, beherrscht, doch tief drin verstört, stumm gegen seine Dämonen ankämpfend. Auch ihm nimmt man das ab. Mit der Glaubwürdigkeit der beiden Hauptakteure hat der Film gewonnen, alles andere ist – erfreuliches – Zugemüse: Die subtile Regie Dieterles (man sehe sich nur die wunderbare Anfangszene am Bahnhof an, in der er die beiden Hauptfiguren als „zwei Seiten einer Medallie“ einführt); das effiziente, schnörkellose Drehbuch; die sympathischen Nebendarsteller.

Nur eben: Shirley Temple, der einstige Kinderstar. Ihr mangelndes schauspielerisches Talent sorgte auch während der Dreharbeiten für Kopfzerbrechen. Zu ihren Gunsten muss gesagt werden, dass sie eine der schauspielerisch schwierigsten Stellen des ganzen Films zu bewältigen hatte. Und das ohne richtige Schauspielausbildung!
Zur Zeit von I’ll Be seeing You versuchte die Temple gerade verzweifelt, ihre Popularität in erwachsenen Rollen zu erhalten. In einer der letzten Szenen von Dieterles Film entdeckt sie, dass ihretwegen die Beziehung der beiden Hauptprotagonisten zerbrochen ist. Sie ist bestürzt, entsetzt und untröstlich. Das bekam Miss Temple beim Dreh einfach nicht hin, und Selznick war mit der Szene nicht zufrieden. Also holte er, nachdem der Film schon im Kasten war, George Cukor, der die fragliche Szene nachträglich nochmals mit ihr drehen sollte. Das wurde zum Schockmoment ihrer Karriere: Cuckor geriet nach mehreren fehlegeschlagenen Versuchen ausser sich, brüllte sie an, machte sie richtiggehend fertig. Erreicht hatte er nur wenig: Shirley Temples „grosse Szene“ fällt leider noch immer ab.

Das ändert aber nichts daran, dass I’ll Be Seeing You bis heute sehenswert geblieben ist; das Melodram ist zeitlos, das Thema (zwei gesellschaftliche Randfiguren finden zueinander) ebenfalls, und die schauspielerischen Leistungen der beiden Hauptdarsteller überzeugen immer noch.

Die Regie: 9 / 10
Das Drehbuch:  7 / 10
Die Schauspieler: 9 / 10
Gesamtnote: 8 / 10

Verfügbarkeit: I’ll be seeing you ist im deutschsprachigen Raum aktuell nicht verfügbar, weder auf DVD, Blu-ray noch im Stream.
In den USA ist der Film in restaurierter Fassung und mit einem filmhistorischen Audiokommentar versehen bei Kino Lorber auf DVD und Blu-ray erschienen (Regionalcode 0).

Bewegte Bilder
Via youtube kann der ganze Film in der englischsprachigen Originalfassung und in ansehnlicher Bildqualität angeschaut werden.

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Der eiskalte Engel (1967)

Frankreich 1967
Mit Alain Delon, François Périer, Nathalie Delon, Cathy Rosier u.a.
Drehbuch und Regie: Jean-Pierre Melville

Ein in Regie und Darstellung perfekt gestalteter Gangsterfilm, der sich bewußt nicht an der Wirklichkeit orientiert. Kino von hohem ästhetischem Reiz.
-Lexikon des internationalen Films-

„In filmisch vollkommener, leicht romantisierender Weise wird die Geschichte eines einsamen Killers gezeigt (…). Der Film setzt beim Betrachter die Fähigkeit und den Willen voraus, das Sinnbildhafte des Geschehens zu erkennen und zu begreifen, Filmwelt und Realität zu unterscheiden. Für diesen Zuschauerkreis zu empfehlen.“
-Evangelischer Filmbeobachter-

Ein von Kritikern und Filmfans gleichermassen gefeierter Film – das weckt meinen Widerspruchsgeist. Wie oft summen die Einzelstimmen im Lobpreisungs-Chor für solche im Kollektiv heilig gesprochenen Kunstwerke lediglich die Melodie der anderen mit? Melvilles berühmter Gangsterfilm Le samourai schaute ich deshalb mit genauso kritischem Auge wie andere Meisterwerke der Kinokunst.
Ich gebe zu, mit einem grossen Vorrat an Skepsis an diesen Film herangegangen zu sein. Ein Gangster als Filmheld? Das war mir schon immer suspekt. Es erscheint mit falsch, als Zuschauer mit einer zutiefst amoralischen Figur mitfühlen zu „müssen“. Doch der Samourai belehrte mich eines Besseren!

Das eingangs zitierte Lexikon des internationalen Films hat Recht mit seiner Festestellung, Melvilles Film sei von hohem ästhetischem Reiz. Das ist aber nur eine seiner Qualitäten, die offensichtlichste. Die andere liegt in Melvilles Kunst begründet, ohne Worte Bände zu sprechen, mit dem Bild, dem Schnitt, der Gegenüberstellung Dinge sichtbar und spürbar zu machen, die nie explizit ausgedrückt werden. Das Zitat, das den Film eröffnet („Es gibt keine größere Einsamkeit als die eines Samurai, außer vielleicht die eines Tigers im Dschungel.“), wird in seiner Doppeldeutigkeit ausgelotet: Jef Costello, der titelgebende „Samurai“ (Delon), der Tiger, ist kein stolzer einsamer Jäger, sondern das, was der Tiger damals war und heute noch ist: ein Gejagter.
Nach einem Auftragsmord wird Costello, der Gejagte mit einem Jäger konfrontiert: Kommissar (Périer) ist eine Figur, die alles spiegelt, was Costello ist. Erscheint Costello zumeist allein im Bild, ist der Kommissar permanent von Unmengen Leuten (seinen umtriebigen Untergebenen) umgeben. Beide gehören, das macht ihre schäbige Umgebung deutlich, durch die sie sich bewegen, nicht dem Établissement an – im Gegensatz zum Opfer und dem Auftraggeber des Mordes (was wieder ausschliesslich in der Ausstattung sichtbar wird).

Das Faszinierende an diesem französischen film noir ist die Tatsache, dass Melville über das Bild und die Erzählstruktur das Gezeigte permanent kommentiert. Damit platziert er subtil bittere Gesellschaftskritik, ohne ein einziges Mal den Zeigefinger zu erheben – eine Kritik notabene, die dank der Unterschwelligkeit und der hohen künstlerischen Reife, mit der sie vorgebracht wird, haften bleibt.

Melville übte gerade mit diesem Werk grossen Einfluss auf Regisseure späterer Generationen wie Martin Scorsese, Paul Schrader, Quentin Tarantino und John Woo aus, die sich in einigen ihrer Werke darauf bezogen.

Die Regie: 10 / 10
Das Drehbuch:  10 / 10
Die Schauspieler: 9 / 10
Gesamtnote: 10 / 10

Verfügbarkeit: Der eiskalte Engel ist im deutschsprachigen Raum aktuell nicht verfügbar, weder auf DVD, Blu-ray noch im Stream – eine schmerzliche Lücke! Sie gehört geschlossen!
In den USA ist der Film in restaurierter Fassung und mit vielen interessanten Extras bei der renommierten Criterion Collection erschienen – eben erst in einer verbesserten Neuauflage (Regionalcode 1).

Bewegte Bilder

Table 19 – Liebe ist fehl am Platz (2016)

USA 2016
Mit Anna Kendrick, Lisa Kudrow, June Squibb, Stephen Merchant, Wyatt Russell u.a.
Drehbuch: Jeffrey Blitz nach einer Story von Mark und Jay Duplass und Jeffrey Blitz
Regie: Jeffrey Blitz

Die Ausgangslage dieses amerikanischen Indie-Films klingt vielversprechend. Er setzt jene Hochzeitsgäste ins Zentrum, die man zwar einladen muss, auf deren Absage man aber hofft, weil sie nicht (mehr) so recht dazu gehören. Der Neffe des Brautvaters etwa. Oder die Nanny aus den Kindertagen der Braut.
Der titelgebende Table 19 ist in diesem Film der Tisch, an welchem die „misfits“ während der Hochzeitsfeier platziert werden – eine Art Sammelstelle für Übriggebliebene.

Dass ausgerechnet Eloise McGarry (Kendrick), die erste Freundin der Braut und ursprüngliche Brautjungfer, an diesem Tisch landet, hat damit zu tun, dass ihr Freund kurz vor der Hochzeit mit ihr Schluss gemacht hatte. Per SMS. Ihr Ex-Freund ist der Bruder der Braut. Und Brautführer. Die neue Brautjungfer ist sine neue Freundin.
Jeffrey Blitz‘ Film zeigt die Hochzeit aus der Sicht des titelgebenden Tischs 19, respektive aus der Sicht der an diesem Tisch „gestrandeten“ Gäste. Konsequenterweise bleibt das Brautpaar für den Zuschauer während des ganzen Films praktisch unsichtbar.

An Tisch 19 sitzen ausser Eloise die vergessene Nanny, ein entfernt verwandtes, sich permanent streitendes Ehepaar, ein Pubertierender auf Brautschau und der unterbelichtete Neffe des Brautvaters. Ihre Aussenseiter-Dasein schweisst sie für diesen einen Abend zu einer Gemeinschaft zusammen, sie kommen sich ein bischen näher.

Das klingt nicht neu, kann aber für einen unbeschwerten Filmabend durchaus reizvoll sein, und das ist Table 19 zeitweise auch. Doch leider bleibt der Film in den guten Ansätzen stecken. Er entwickelt sich nicht über glatte Oberflächlichkeiten und Clichées hinaus, die Figuren bleiben skizzenhaft. Schade.
Blitz‘ Film ist gerade richtig zum Entspannen nach einem langen Arbeitstag, er macht durchaus Spass, einige Einfälle zünden und werden wirkungsvoll umgesetzt, die Schauspielerinnen und Schauspieler überzeugen – doch Table 19 bleibt nicht im Gedächtnis hängen. Ein Filmchen, das geht zum einen Auge ‚rein und zum anderen wieder ‚raus geht.

Die Regie: 7 / 10
Das Drehbuch: 6 / 10
Die Schauspieler: 8 / 10
Gesamtnote: 7 / 10

Verfügbarkeit: Table 19 -Liebe ist fehl am Platz gibt es auf DVD und auf Blu-ray. Gestreamt werden kann er zudem bei amazon, iTunes, Maxdome, Google Play, Sky Store, Rakuten TV, Microsoft, Videoland, Sony und Chili.
Wer den Film gerne in der Originalfassung mit (oder ohne) dt. Untertiteln sehen möchte, sollte sich die DVD oder die Blu-ray zulegen. Videoland, Rakuten TV, Sky Store, Maxdome und iTunes bieten den Filme alle auch in der Originalfassung, bei iTunes gibt es dazu auch dt.Untertitel.