Monat: Oktober 2016

Der Herr der sieben Meere – 1940

Ein Filmklassiker auf dem Prüfstand
THE SEA HAWK
USA 1940
Mit Errol Flynn, Brenda Marshall, Flora Robson, Claude Rains, Henry Daniell, Alan Hale u.a.
Drehbuch: Howard Koch und Seton I. Miller
Regie: Michael Curtiz
Studio: Warner Bros.
Dauer 122 min
Der Film gelangte erst nach dem 2. Weltkrieg in die deutschen Kinos: 1948 hatte er seine deutschsprachige Premiere, unter dem Titel Der Herr der sieben Meere.

Vorspann:
Die titelgebenden „Sea Hawks“ sind Piratenschiffe, die inofiziell im Dienst der Königin von England stehen und die Expansionpläne des spanischen Königs durch Schwächung seiner Seemacht stören sollen. Der Film zeigt die Abenteuer des „Sea Hawks“ Thorpe (Flynn), der im Auftrag der Königin in Panama einen spanischen Goldtransport überfallen soll, dort aber dank einer Intrige am englischen Hof mit seiner Besatzung  in spanische Gefangenschaft gerät…

Der Film:
Errol Flynn und Michael Curtiz hatten elf erfolgreiche Filme zusammen gedreht, u.a. Captain Blood (dt.: Unter Piratenflagge, USA 1235), The Adventures of Robin Hood (dt.: Robin Hood, König der Vagabunden; USA 1938) – ein Dream-Team, müsste man meinen. Doch weit gefehlt, die beiden kamen nicht aus miteinander (es gibt böse Zungen, die behaupten, mit Michael Curtiz sei niemand ausgekommen).
Curtiz war ein detailbesessener Pedant, der zudem als arrogant verschrien war, Flynn dagegen ein Luftibus, der sich nicht gross um Drehpläne und Dialogzeilen kümmerte. Wo denn genau der Erfolg der Flynn-Curtiz-Filme liegt, ist schwer zu eruieren. Im Falle von The Sea Hawk trägt Flynn meines Erachtens nicht viel zum Gelingen bei; es ist Curtiz Regieleistung, für die ich mich begeistern kann.

Und das war’s auch schon. Die anderen Komponenten lassen mich eher kalt. Der Film hat einen grandiosen Look, es wurden keine Kosten gescheut, ausstattungstechnisch so richtig zu klotzen (u.a. wurden zwei historische Schiffe in Originalgrösse nachgebaut), und Curtiz setzt das alles so pittoresk und wirkungsvoll wie möglich in Szene – der Schauwert ist enorm. Wenn hunderte von Piraten sich an einem wahren Gewirr von Seilen zur spanischen Fregatte hinüberschwingen, dann ergibt das ein unvergessliches Bild.
Doch der Schauwert erschöpft sich, wenn die Figuren eindimensional bleiben, die Story nicht mehr als eine Aneinanderreihung von Clichées ist und die Handlung Meilen im Voraus vorhersehbar ist. Und das ist in The Sea Hawk leider der Fall. Kein Mensch versteht, weshalb eine ganze Schiffsladung voll Seebären diesem Captain Thorpe, der übrigens stets bestens rasiert ist und von dessen tadelloser Frisur nie auch nur ein Häärchen absteht, weshalb sie diesem Jungchen vor Loyalität blind in all seinen Unternehmungen folgen. Hier wird deutlich, dass heutige Kinogänger ganz andere Ansprüche an eine filmische Erzählung stellen als damals; die Psychologie muss stimmen. Das tut sie hier hinten und vorne nicht,weshalb The Sea Hawk bei allem Unterhaltungs- und Schauwert gehörig verstaubt wirkt.

Es gibt einiges zu bemängeln an diesem Film: Brenda Marshalls Rolle etwa (sie ist komplett überflüssig, man spürt, dass fürs Publikum noch eine Frau und eine Liebesgeschichte ‚reingepackt werden musste); oder Brenda Marshalls mangelnde Schauspielkunst. Auch Claude Rains‘ Rolle ist nicht klar: Weshalb wird eine relativ unwichtige Figur, die im letzten Drittel plötzlich aus dem Film verschwindet mit einem derart hochkarätigen Schauspieler besetzt und weshalb wird dieser mit einer lächerlichen Maske auch noch fast unkenntlich gemacht? Erich Wolfgang Korngolds Musik zählt zwar zu seinen besten „scores“ und wurde auch für einen Oscar nominiert, nervt aber mit repetitivem Hurra-Gedönse.
Es gibt aber auch Einiges positiv hervorzuheben: Flora Robson als Queen Elizabeth brilliert und dominiert den Film schauspielerisch, ebenso Henry Daniell als ränkeschmiedender, dandyhafter Lord Wolfingham. Zudem ist der Film historisch gesehen von Interesse, weil er zu den ersten US-Kriegspropagandafilmen gehörte (das expansive Spanien ist unschwer als „Synonym“ für Nazi-Deutschland zu erkennen).
Für mich vermögen die Vorzüge die Schwächen des Films allerdings nicht aufzuwiegen. Ich ordne The Sea Hawk deshalb der Kategorie „verstaubter Klassiker“ zu. In seiner Zeit war er unglaublich erfolgreich und beliebt, doch der Lauf der Jahrzehnte hat es nicht gut mit ihm gemeint.

Nachspann:
-Der Film, der von Warner Home Video auch im deutschsprachigen Raum auf DVD veröffentlicht wurde, ist inzwischen vergriffen, ist aber gebraucht noch immer erhältlich, u.a. hier.

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Film-Schnipsel

Kurzrezensionen:

Ein vergessener Film:

Paradise for Three (dt.: Drei Männer im Paradies; Edward Buzzell, USA 1938) Mit Robert Young, Frank Morgan, Reginald Owen, Mary Astor, Florence Rice, Edna May Oliver, Herman Bing, Sig Ruman u.a.
1934 veröffentlichte Erich Kästner seinen Roman Drei Männer im Schnee. Dann kamen die Nazis und Kästner fiel in Ungnade. Es dauerte 21 Jahre, bis der Roman in Deutschland verfilmt wurde. Wohl die Wenigsten wissen, dass bereits 1936 zwei Verfilmungen entstanden – eine in der Tschechoslovakei und eine in Schweden! Zwei Jahre darauf zog auch Hollywood nach: Mit Robert Young, Frank Morgan und Reginald Owen als die „drei Männer“ und einigen Änderungen kam Kästners Roman 1938 unter dem Titel Paradise for Three in die US-Kinos. Der Autor hatte mit dem Drehbuch offenbar nichts zu tun, das übernahmen die Herren Dalton Trumbo (der die ursprüngliche Fassung schrieb, aber nicht in den Credits erwähnt wurde), Harry Ruskin und George Oppenheimer (die Trumbos ursprüngliches Drehbuch „verbesserten“).
Im Grossen und Ganzen blieb Kästners nette Geschichte erhalten, samt der Original-Namen der Hauptfiguren (der Film spielt in Oesterreich). Das Ganze ist leicht in Richtung Slapstick hin verschoben, zudem ist der Fokus viel weniger scharf als im Roman: Wo es Kästner um die Absurdität der Standesunterschiede geht, verbleibt der US-Film im Unverbindlich-Amüsanten stecken (welches ja im Buch auch vorhanden ist). Wunderbar gespielt und mit witzigen Dialogspitzen garniert, ist Paradise for Three eine durchwegs angenehme Film-Unterhaltung.

Star Trek: Der Film – 1979

Ein Klassiker auf dem Prüfstand
STAR TREK : THE MOTION PICTURE

USA 1979
Mit William Shatner, Leonard Nimoy, DeForest Kelley, Persis Khambatta, Stephen Collins, James Doohan, Nichelle Nichols, George Takei, Walter Koenig u.a.
Drehbuch: Harold Livingston nach einer Geschichte von Alan Dean Foster
Regie: Robert Wise
Studio: Paramount
Dauer: 128 min
Der Film kam 1980 auch in die deutschsprachigen Kinos, unter dem Titel Star Trek: Der Film; in der DDR lief er mit sechs Jahren Verspätung

Vorspann:
Star Trek – The Motion Picture entstand mitten im SciFi-Hype, den George Lucas‘ erster Star Wars– Film in den Siebzigerjahren ausgelöst hatte. Das Raumschiff Enterprise startete damals, zehn Jahre nach der TV-Serie mit deutlich höherem Budget im Kino zu neuen Ufern.
Inhalt: Ein rieiges Gebilde fliegt auf die Erde zu. Nachdem es ein Klingonenschiff angegriffen hat, ist klar, dass es sich um ein Raumschiff handeln muss. Doch jegliche Kommunikationversuche schlagen fehl. Auf der Erde wird beschlossen, das gerade runumerneuerte Raumschiff „Enterprise“ zu entsenden, um das Riesending aufzuhalten. Kommander Kirk, inzwischen zum Schreibtischhengst mutiert, setzt durch, dass er die Mission leitet. Und so bricht das Raumschiff Enterprise erstmals im Kino in die „unendlichen Weiten“ des Weltraums auf…

Der Film:
Der erste Star Trek-Kinofilm sorgt noch heute, 37 Jahre nach seiner Entstehung, für Kontroversen. Ein Grossteil der Hardcore-Fans bezeichnet ihn als missraten, langweilig, untypisch, unausgereift oder einfach nur schlecht.
Es gibt aber auch andere Stimme; sie stammen meist nicht aus den Reihen der „Trekkies“, die den Film schätzen. Und sie haben Recht!

Damals, als der Film in die Kinos kam, war ich, 16-jährig, schlichtweg überwältigt. Die Special Effects liessen mich staunen, und mit der Art und Weise, wie hier der „sense of wonder“ zelebriert wurde, der zu jeder guten Science-Fiction einfach dazugehört, hinterliess der Film bei mir einen ähnlich starken Eindruck wie Spielbergs Close Encounters of the Third Kind (dt.: Unheimliche Begegnung der dritten Art) zwei Jahre davor.
Trotzdem verblasste der Film in meiner Erinnerung wieder. Die vielen schlechten bis miserablen Kritiken, die mir über die Jahre hinweg immer wieder begegneten, hielten mich von einer Neusichtung ab. Ich hatte mich in dem Film wohl getäuscht, dachte ich – als unreifer 16-jähriger sieht man die Dinge halt anders. Die folgenden Star Trek-Kinofilme waren für mich allesamt Enttäuschungen, und so verblasste der erste unter dem Eindruck der folgenden zur Bedeutungslosigkeit.
Vor ein paar Tagen schaute ich ihn mir dann endlich doch wieder an. Und siehe da: Das Staunen war noch da!

Star Trek: The Motion Picture gehört nicht zuletzt deshalb zu den erfreulichsten Film-Entdeckungen der letzten Wochen, weil ich dadurch zu meiner Ueberraschung feststellte, dass dieses Gefühl, welches ich in Science-Fiction-Romanen immer wieder suchte – oftmals vergeblich – dass dieser „sense of wonder“, dass es „da draussen“ Dinge gibt, die grösser sind als wir, von diesem Film her stammt.
Völlig überrascht war ich von der Wirkung, die der Film noch immer hat. Trotz unserer Gewöhnung an perfekteste Computeranimations-Spezialeffekte und rasante Schnittechnik beeindruckt Star Trek 1 noch immer. Ich sage das nicht aus einem Nostalgiegefühl heraus, da bin ich durchaus in der Lage, zu abstrahieren; ich war vor der Visionierung eher auf einen Verriss eingestellt. Zudem war mein 18-jähriger Sohn, der mit Computeranimation „aufgewachsen“ ist, ebenso beeindruckt.

Natürlich hat der Film Schwächen, die offensichtlichsten liegen im Drehbuch. Harold Livingston hatte gerade mal drei Kinofilme geschrieben, darunter Star Trek 1; die anderen beiden waren The Street is my Beat (Irwin Berwick, USA 1966) – er wurde offenbar nie veröffentlich – und The Hell With Heroes (dt.: Die mit den Wölfen heulen, Joseph Sargent, USA 1966). All seine anderen Drehbücher verfasste Livingston für TV-Serien wie Mission: Impossible oder Mannix. Und tatsächlich wirkt Star Trek: The Motion Picture stellenweise wie eine aufgeblähte TV-Episode.
Offenbar stritten sich Livingston und Star Trek-Erfinder Gene Roddenberry immer wieder über Neufassungen und Änderungen, und Livingston lief mehr als einmal vom Set davon (um jedes Mal wieder zurückzukehren). Für den nachfolgenden Star Trek-Film wurde Roddenberry zum Berater heruntergestuft, so sehr scheint er die Paramount-Verantwortlichen genervt zu haben.
Die Streitigkeiten am Set mögen Schuld daran sein, dass Einzelheiten nicht zusammenpassen. Zu Beginn des Films erläutert Kirk dem widerwilligen „Pille“ in aller Dringlichkeit, wie sehr er ihn für diese Mission brauche. Während des ganzen Rests des Films sieht man McCoy allerdings nur untätig herumstehen und Maulaffen feil halten. Sogar in der Krankenstation überlässt er die Arbeit den Assistentsärzten. Auch andere Charaktere haben kaum etwas zu tun im Film: Chekov, Sulu, Uhura – sie sind im Grunde nur um der „guten alten Zeiten“ Willen im Film.
Und wenn wir schon von den Schwächen reden: Die Dialoge sind auch nicht gerade glänzend! Der wunde Punkt von Star Trek 1 ist ganz klar und deutlich das Drehbuch.

Auch wenn die Fans an den Kostümen herummäkeln oder daran, dass der originale Charm der TV-Serie (will heissen: Plastikfelsen, Plüschmonster und im Hintergrund auf Leinwand gepinselte bizzarre Landschaften) nicht in den Film hinübergerettet wurde, ernstzunehmende Kritikpunkte sind das nicht. Auch nicht die Klage, Robert Wise hätte vor dem Film nie etwas mit Star Trek zu tun gehabt und sei deshalb ein „Aussenseiter“ gewesen.
Die bereits erwähnten Schwachpunkte mögen die einen stören, für mich werden sie von den Vorzügen des Films aufgewogen. Oder anders gesagt: Sie wiegen nicht derart schwer, dass sie den Film ruinieren. Geschweige denn reichen sie aus, als ihn als „völlig missraten“ zu bezeichnen. Was das Vergnügen allenfalls auch noch trüben könnte, ist die Tatsache, dass die Special Effects zu Beginn des Film deutlich weniger überzeugend ausgefallen sind als jene, die danach kommen. (Eine Tatsache die daher rührt, dass das erste FX-Team gefeuert wurde und danach Douglas Trumbull und seine Crew übernahmen).

Der Film ist eine einzige „Elegie im Weltraum“. Sie beginnt gar mit einer rund dreiminütigen Ouverture vor schwarzer Leinwand. Für Action-Freaks ist dies bereits die erste Zumuntung. Nichts geschieht – nicht einmal Anfangstitel – und man muss stillsitzen und zuhören! Der nächste „Tiefschlag“ für die Action-Nerds: Eine unendlich lange Shuttle-Fahrt rund um die im Dock schwebende, gerade generalüberholte „Enterprise“. Wenn später im Film etwas geschieht, dann sind das zunächst einmal zwischenmenschliche Auseinandersetzung (zwischen dem alten und dem neuen Kommander oder zwischen Kirk und „Pille“). Mit anderen Worten: Wer geil auf Krach, Geballer und fliegende Trümmer ist, sollte diesen Film besser meiden. Genau in diese Kerbe wollten die Star Trek-Macher nicht hauen, sie wollten intelligentere Science-Fiction im Stil von 2001, Unheimliche Begegnung und ähnlichen Werken – eine Science-Fiction-Unterart notabene, die es im heutigen phantstischen Kino praktisch nicht mehr gibt. Kein Wunder also, dass viele den Film in den falschen Hals kriegten.
Wer die „ruhigere“ Gangart vorzieht und das Hirn im Kino nicht a priori ausschaltet, der wird von Star Trek 1 belohnt.
Das fremde Schiff, als welches Kirk und Spock die „Wolke“ interpretieren, nimmt plötzlich Kontakt auf; mittlerweile befindet sich die „Enterprise“ mitten drin in dem Riesengebilde. Es stellt sich als „V’ger“ vor und will zur Erde – seinen Schöpfer suchen. Nun ist die Verblüffung an Bord gross und das Rätselraten beginnt: „V’ger“ bezeichnet die irdischen Lebensformen als „nutzlos“, weil es ihre Beschaffenheit nicht versteht, behauptet aber, von der Erde zu kommen.

Die Themen, Konflikte und Diskurse werden auf interessante Weise abgehandelt; das bleibt zwar immer an der Oberfläche, ist aber dank geschickter Dramaturgie nie langweilig. Was aber wirklich packt und nicht mehr loslässt, ist der Einsatz der Special Effects rum um den gigantischen „V’ger“ und derern dramaturgischer Einbau ins Ganze. Im Moment, wo die Enterprise in „V’ger“ eindringt, verlangsamt der Film das Tempo und man kriegt das gewaltige Ausmass dieses „Dings“ mit, vor dem die anfangs riesige „Enterprise“ zu einem Staubkorn  zusammenschrumpft. Die „Enterprise“ reist in minutenlangen Einstellungen durch „V’gers“ Inneres ohne irgendwo anzukommen; immer neue „Landschaften“ tun sich auf, die so fremdartig und rätselhaft sind wie nichts, was man bisher auf der Leinwand gesehen hat. Diese Sequenz haute mich damals um, sie hatte mich auch dieses Mal wieder umgehauen. Trumbull und sein Team haben hier Grosses geleistet – möglicherweise ist dies ihr Bravourstück.
Diese Sequenzen vermitteln deutlicher und eindringlicher als all die im Film verlorenen Worte die eigentliche Botschaft des ersten Star Trek-Films: Wird sind nicht allein. Und wir sind nicht die Krone der Schöpfung. Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde…

Der Film wurde trotz der Protesten der „Trekkies“ ein Erfolg, der eine Fortführung der TV-Serie im Kino ermöglichte. Leider wurde Star Trek auf Drängen der Fans fürs Kino redimensioniert – der nächste Film spielte wieder zwischen Plastikfelsen, der „sense of wonder“ war dahin. Angeblich gehörte der nicht zur „Enterprise“.
Der Mensch ein Gewohnheitstier. Damit haben die Star Trek-Fans die These des ersten Kinofilms bewiesen: Der Mensch ist nicht perfekt.
Star Trek: The Motion Picture gehört zu den ganz wenigen kontemplativen Space Operas – und ist ein rarer Wurf.

Nachspann:
-Leonard Nimoy wollte nach diesem Film nichts mehr von Star Trek wissen. In den folgenden Kinofilmen spielte er nicht nur mit, er führte in zweien davon auch Regie.
-Robert Wise dreht danach noch zwei weitere Filme – nach einer Pause von zehn Jahren. Er verstarb 2005.
Star Trek: Der Film ist bei uns auf DVD und Blu-ray erschienen.

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Film-Schnipsel

Kurzrezensionen:

Zwei vergessene Filme:

The Sisters (dt.: Drei Schwestern aus Montana;USA 1938) Regie: Anatole Litvak; mit Bette Davis, Errol Flynn, Anita Louise, Jane Bryan, u.a.
Es war die erste Zusammenarbeit zwischen Bette Davis und Errol Flynn und Regisseur Litvaks vierter Film in Amerika: Die Literaturverfilmung Three Sisters. Er lebt einerseits vom perfekten und harmonischen Zusammenspiel der gesamten Schauspieltruppe in den gross angelegten Sequenzen des Films, andererseits vom Zusammenspiel seiner beiden Hauptdarsteller in seinen kammerspielartigen Teilen.
Die drei Töchter eines Apothekers (Henry Travers in einer untypisch grummeligen Rolle) kommen unter die Haube. Louise (Davis), die Älteste heiratet zuerst. Für ihre grosse Liebe Frank (Flynn) bricht sie die Verlobung mit dem soliden Tom Knivel, der darauf Louises jüngste Schwester (Bryan) heiratet. Die mittlere Schwester (Louise) geht eine Verbindung mit dem viel älteren Lebemann Sam Johnson (Alan Hale) ein. Alle drei erleben in ihren Ehen Enttäuschung und Tragödien. Und doch bleiben sie stark und lassen sich nicht unterkriegen.
Das klingt alles arg clicheehaft und wenig interessant. Doch der Film hat seine Vorzüge. Einer davon ist das Drehbuch (Milton Krims), das die Untiefen der Soap Opera geschickt umschifft und das Interesse des Zuschauers mittels prägnanten Sequenzen und Dialogen aufrecht erhält. Ein weiterer Vorzug sind die ausnahmslos sehr guten Schauspielerleistungen. Und last but not least die Regie, welche die Massensequenzen schwungvoll und lebendig führt, in den kammerspielartigen Szenen hingegen viel Feingefühl und Sinn für Zwischentöne zeigt.
Es gibt in diesem Film allerdings eine Sequenz, die wie ein Fremdkörper aus allem heraussticht – im negativen Sinn. Es ist die Darstellung des berühmten Erdbebens in San Francisco. Für den Handlungsverlauf ist es realtiv unwichtig, man hätte es ohne Verlust weglassen können. Die Sequenz dauert aber, gemessen an ihrer geringen Funktionalität, viel zu lang, zudem ist sie miserabel umgesetzt – auch für die damalige Zeit. Der Fremdkörper wirft den Film aus seiner fragilen Balance und schadt leider dem Gesamteindruck.
Ein vergessener Film, der teilweise zu Recht vergessen wurde.

The Secret Garden (dt. Der geheime Garten; Fred M. Wilcox, USA 1949) Regie: Fred M. Wilcox; mit Margaret O’Brien, Dean Stockwell, Herbert Marshall, Gladys Cooper, Elsa Lancaster, Reginald Owen u.a.
Fred M.Wilcox ist bekannt als Regisseur des Science-Fiction-Klassikers Forbidden Planet (dt.: Alarm im Weltall, USA 1956) und der ersten drei Lassie-Filme (1943 – 1948). Dazwischen verfilmte er, weil er offenbar gut mit Kindern konnte, Frances Hodgson Burnetts Kinderbuchklassiker The Secret Garden. Es war die zweite Filmversion, die erste entstand unter der Regie des nach Hollywood ausgewanderten oesterreichischen Adeligen Gustav von Seyffertitz (bekannt als Gerichtspsychiater Dr. von Haller in Frank Capras Mr Deeds Goes to Town (1935). Die Version von Wilcox überzeugt vor allem mit hervorragenden schauspierischen Leistungen. Die Leinwandadaption schwankt etwas unentschlossen zwischen gothischem Horror und Gartenlaubenromantik. Was den Film schliesslich abwertet sind einmal mehr die unsäglichen MGM-Bonbofarben-Kulissen, die am Ende, als der Schwarzweissfilm plötzlich bunt wird, den geheimen Garten als Plastikblumen-Kunstprodukt ins Lächerliche ziehen. Schade!

 

Verlorene Frauen – 1950

Ein vergessener Film
CAGED
USA 1950
Mit Eleanor Parker, Agnes Moorehead, Hope Emerson, Lee Patrick, Betty Garde, Ellen Corby,  u.a.
Drehbuch: Virginia Kellogg nach ihrer eigenen, zusammen mit Bernard C. Schoenfeld verfassten Story „Women without Men“
Regie: John Cromwell
Studio: Warner Bros.
Dauer: 96 min
Der Film kam 1951 auch in die deutschsprachigen Kinos, unter dem Titel Verlorene Frauen (der Alternativtitel Frauengefängnis stammt möglicherweise von der TV-Auststrahlung – oder umgekehrt; die Sachlage scheint nicht wirklich eruierbar).

Vorspann:
Marie Allen (Parker), eine 19-jährige, unbescholtene Frau, wird wegen Mithilfe an einem Verbrechen ins Frauengefängnis eingeliefert. Ihr Mann hatte bei einem bewaffneten Überfall 40 Dollar gestohlen, während sie im Auto sass und auf ihn wartete. Die düstere, hoffnungs- und schonungslose Gefängniswelt mit ihren tierisch dahinvegetierenden Insassen schockiert sie zutiefst. Obwohl die Gefängnisleiterin (Moorehead) eine freundliche, warmherzige Frau ist, kann sie sich nicht gegen die monströse Wärterin Harper (Emerson) durchsetzen, welche die Gefangenen ausbeutet und quält. Für Marie wird das Gefängnis zur Hölle, die ihre Menschlichkeit zu zerstören droht.

Der Film:
Das Warner-Studio war in den Dreissigerjahren für seine schonungslos realistischen Filme bekannt, die Funktionsweisen eklatanter sozialer Fehlentwicklungen wie etwa das organisierte Verbrechen aufzeigten. Mervyn LeRoys I am A Fugitive from A Chain Gang (dt.: Jagd auf James A.) nahm sich bereits 1932 den Misständen in amerikanischen Gefängnissen an und bewirkte Reformen in einigen Staaten. Caged sollte fast 20 Jahre danach dasselbe für die Frauengefängnisse tun. Produzent Jerry Wald setzte die ehemalige Reporterin Virginia Kellogg auf die Sache an. Kelloggs hervorragend recherierte Stories ergaben in der Vergangenheit schon mehrmals Stoff für starke Filme, zuletzt für den James Cagney-Klassiker White Heath (dt.: Maschinenpistolen / Sprung in den Tod, Raoul Walsh, USA 1949).
Angeleitet von Wald begann Kellogg mit ihren Recherchen, besuchte Frauengefängnisse, redete mit Insassen, studierte den Gefängnis-Slang und liess sich sogar für kurze Zeit selbst einsperren. Daraus wuchs eine Story, welche Grundlage für das Drehbuch wurde und schliesslich wurde zeitgleich mit dem Filmstart ein Zeitschriftartikel der Autorin veröffentlicht, in welchem sie zusätzlich auf die inhumanen Zustände in den Frauengefängnissen hinwies. Kelloggs Drehbuch wurde 1951 für den Oscar (Kategorie „Story and Screenplay“) nominiert, verlor aber gegen Billy Wilders Sunset Boulevard.

Schaut man sich Caged heute an, drängt sich sogleich der Vergleich mit der Netflix-Serie Orange is the New Black auf, welche fast dieselbe Ausgangslage hat. Obwohl in Caged die damals in den Gefängnissen durchaus aktuellen Themen Homosexualität und Drogen wegen der Zensurbestimmungen ausgeblendet werden mussten, verblüfft der Film mit der seiner Schonungslosikgkeit. Er nimmt sich der Gefängnis-Thematik in der für dieses Studio typisch zupackenden, manchmal schockierenden, aber nie voyeuristischen Manier an – obwohl ihm damals gerade letzteres vorgeworfen wurde. Dass Caged auch nach 66 Jahren noch praktisch nichts von seiner Wirkung eingebüsst hat und neben Orange is the New Black bestehen kann, spricht für seinen Wahrheitsgehalt. Viele der Zu- und Missstände, die in Cromwells Film auftauchen, erscheinen in leicht veränderter Form auch in der erfolgreichen Netflix-Serie.

Die Zensurbehörden gerieten 1950 richtiggehend in Aufruhr wegen dem Film. Jerry Wald und sein Stab benötigten unendliche Geduld und viel Verhandlungsgeschick, um den Streifen trotz des damals gerade aufkeimenden McCarthyismus durchzukriegen. Wenn man weiss, dass sogar der Anblick einer Toilette auf Betreiben des Zensurverantwortlichen aus dem Film wieder herausgeschnitten werden musste, dann grenzt es an ein Wunder, was alles drin geblieben ist! Caged ist eine schonungslose, bittere und offene Anklage gegen das amerikanische Gefängniswesen, gegen die darin involvierten korrupten Politiker und die damit verbundene menschenverachtende Bürokratie. Die sadistische, von Hope Emerson mit furchterregende vulgärer Grandezza gespielte Wärterin ist keine Übertreibung, im Gegenteil! Gemäss Aussagen der Drehbuchautorin waren solche Figuren in den Gefängnissen keine Ausnahmeerscheinungen. Für den Film musste sie deren Attitüde und Machenschaften sogar deutlich abmildern. Auch der kräftezehrende Kampf der Gefängnisleiterin (Agnes Moorehead) gegen doppelzüngige Gouverneure um Reformen und Gelder wird nicht beschönigt. Ob all das damals etwas bewirkt hatte, ist fraglich. Schaut man sich Orange is the new Black an, der genau dieselben Missstände erneut aufs Tapet bringt, tendiert man dazu die Frage zu verneinen. Tatsache ist, dass kritische Filme wie Caged kurz darauf von der Leinwand verschwanden: Die Zeit von Senator McCarthy war angebrochen. Obwohl Cromwells Film ein grosser Publikumserfolg war, scheint er wenig ausgelöst zu haben. Oder das Rad wurde später wieder zurückgedreht.

Caged ist einer jener Filme, in denen alles stimmt – vom Drehbuch über die Regie bis zu den Leistungen der Nebendarsteller. Man spürt hier deutlich das Engagement des Produzenten, dem der Film ein grosses Anliegen war, der mit seinem Engagement stets präsent war und dafür sorgte, dass alles zusammenpasste. Regisseur John Cromwell – im Jahr darauf von McCarthy mit einem Berufsverbot belegt – liefete hier seine wohl beste Arbeit ab. Alle Gefangenen liefern als „hard boiled broads“ schauspielerische Bestleistungen ab; Agnes Moorehead ist gegen ihren Typus besetzt und glänzt als menschenfreundliche Direktorin; Hope Emerson als sadistische Wärterin ist wohl die Idealbesetzung für diese Rolle; Eleanor Parker jedoch stellt alle in den Schatten. Ihre Leistung raubt einem schlichtweg den Atem. Wie sie die Wandlung vom seelenvollen, verschüchterten Mädchen zum abgestumpften, desillusionierten Geschöpf meistert, ist schon fast unglaublich. Auch wenn diese im Film etwas plötzlich vollzogen wird, man glaubt fast nicht, dieselbe Person vor sich zu haben, derart schauspielerisch perfekt ist ihre Wandlung. Genau diese Wandlung beinhaltet den Stossrichtung der Kritik in Caged: Frauen werden vom unmenschlichen Gefängnissalltag abgestumpft und durch ein korruptes Bewährungssystem kriminell – auch wenn sie es vor ihrer Einlieferung gar nicht waren. Dieses Fazit geht unter die Haut und bildet den desillusionierenden Schlusspunkt des Films.
Zwei der Darstellerinnen wurden für den Oscar nominiert: Hope Emerson und Eleanor Parker; beide gingen leer aus. Emerson verlor ihn an Josephine Hull in Harvey (dt.: Mein Freund Harvey) und Parker an Judy Holliday in Born Yesterday (dt.: Die ist nicht von gestern). Parkers Leistung wurde dafür in Venedig honoriert, wo sie als beste Darstellerin ausgezeichnet wurde.

John Cromwell macht bei seiner Inszenierung deutliche Anleihen beim deutschen Expressionismus – verquere Kamerawinkel, lange Schatten und harte Schwarzweiss-Kontraste sind Stilmittel, um eine Atmosphäre der Angst und der permanenten Bedrohung zu evozieren. Cromwell gehört zu den US-Regisseuren, die zumindest mir nicht unbedingt geläufig waren. Dabei hat er doch eine ganze Reihe hochgelobter Filme zu verantworten, u.a. Of Human Bondage (1934) mit Bette Davis und Leslie Howard, oder Anna and the King of Siam (1946) mit Irene Dunn und Rex Harrison, die aber alle bei uns keine grosse Bekanntheit erlangten. Dass er in in den Siebzigerjahren in zwei Filmen Robert Altmans  (3 Women und  A Wedding) als Schauspieler mitwirkte, wissen wohl auch nur wenige.
Caged gilt als Cromwells bester Film – und das ist leicht möglich: Das Werk gehört zu den Filmen, die man einmal sieht und nie wieder vergisst.

Nachspann:
-Immer wieder geschieht es, dass in einem dieser alten Filme ein scheinbar bekanntes Gesicht auftaucht, dass man einfach nicht einordnen kann. Mir ging es hier mit der Figur der leicht verrückten Gefangenen Emma Barber so. Sie wurde von Ellen Corby gespielt – welche, 20 Jahre später, als Oma Esther in der Serie Die Waltons ihre Sternstunden hatte.
-Apropos „Gesicht“: Auf der Suche nach dem Regisseur des Film leitete mich Google zu u.a. auch zu Fotos des Gesuchten. Da tauchten Bilder von ihm neben Stars von heute auf. Cromwell müsste aber 1979 gestorben sein. Es stellte sich schnell heraus, dass es sich bei den Bildern um den Schauspieler James Cromwell (u.a. The Artist, American Horror Story, Boardwalk Empire) handelte – den Sohn des Regisseurs. Die Ählichkeit ist geradezu unheimlich!
Caged ist bei uns weder auf DVD, Blu-ray noch auch VHS je erschienen – ein Manko, das dringend zu beseitigen wäre! Er ist in der amerikanischen DVD on demand-Serie Warner Archive Collection herausgekommen (RC0) und kann hier zu günstigen Versandkosten bestellt werden.

 

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Film-Schnipsel

Kurzrezensionen:

Filmklassiker auf dem Prüfstand:
The French Lieutenants Woman
(dt.: Die Geliebte des französischen Leutnants; Karel Reisz; GB 1981) Mit Meryl Streep, Jeremy Irons, Leo McKern u.a.
Die Verfilmung des gleichnamigen, 1969 entstandenen Romans von John Fowles entpuppt sich bei der Zweitsichtung 35 Jahre nach der Kinopremeiere als „mixed bag“, der ebenso gemischte Gefühle hinterlässt. Dem Problem, dass der Roman zwei Enden hat – eines „happy“, das andere nicht – begegnete Harold Pinter, der für das Drehbuch zeichnet, mit dem „Kunstgriff“, eine zweite Ebene einzuführen: Neben der im viktorianischen England spielenden Hauptgeschichte gibt es noch eine Handlung im Heute, welche die Filmcrew und die Schauspieler bei der Arbeit zeigt. Die Darsteller der beiden Hauptfiguren beginnen während dem Dreh eine Affäre, ähnlich jener der Figuren, die sie im Film verkörpern. Natürlich war so eine Liaison früher ungleich schwieriger, wo die Auflösung einer Verlobung einem Skandal gleichkam.
Reisz‘ Film lebt von wünderschön komponierten Tableaus und dem Einbezug der Natur im viktorianischen Teil. Zudem erklärt die hervorragende Leistung der jungen Meryl Streep, weshalb sie nach diesem Film zur begehrtesten Aktrice Hollywoods aufstieg.
Auf der anderen Seite enttäuscht einerseits das Drehbuch, das über eine gähnende inhaltliche Leere nicht hinwegtäuschen kann – Pinter hin oder her – und die Leistung Jeremy Irons. Ich hatte gedacht, der Mann müsse der Streep schauspielerisch mindestens ebenbürtig sein. Dem ist aber nicht so. Er fällt neben ihr stark ab. Sein Spiel wirkt gestelzt und aufgesetzt, vor allem in den leider sehr zahlreichen Nahaufnahmen offenbart sich immer wieder Überforderung mit dem zugegeben schwierigen Part.
Fazit: Schöne Bilder und eine hervorragende Hauptdarstellerin machen noch keinen bleibenden Film. The French Lieutanant’s Woman zählt für mich definitiv nicht zu den bleibenden Klassikern.

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Vorschau:
Star Trek – The Motion Picture (dt: Robert Wise, USA 1979) entstand mitten im SciFi-Hype, den George Lucas‘ erster Star Wars– Film in den Siebzigerjahren ausgelöst hatte. Das Raumschiff Enterprise startete damals, zehn Jahre nach der TV-Serie mit deutlich höherem Budget im Kino zu neuen Ufern. Die Fans waren entsetzt. Noch heute ist der Film umstritten – die einen verdammen ihn, die anderen erachten ihn als gelungen. Ich habe mir das Werk 37 Jahre nachdem ich als Jugendlicher damals im Kino schwer davon beeindruckt war, wieder angesehen. Mein Fazit demnächst auf diesem Blog.