Monat: Februar 2011

Filmmusik und ihre Wirkung

THE GENERAL
(dt.: Der General)
USA 1926
Mit Buster Keaton, Marion Mack, Jim Farley, Charles Henry Smith, u.a.
Regie: Buster Keaton und Clyde Bruckman
Dauer: 75 min

Über diesen Film wurde schon sehr viel geschrieben, er wurde oft analysiert und durchleuchtet. Zudem dürfte er zu den heute bekanntesten Stummfilmen zählen, und auch Leuten geläufig sein, die sich nicht ständig mit Stummfilmen beschäftigen: Wenn ein kommunales Kino Stummfilme zeigt, ist The General meist dabei, zusammen mit einem Chaplin-Klassiker; wenn ein Programmkino oder das Fernsehen Buster Keaton gedenkt, wird The General gezeigt.
Trotzdem: Der Film ist wirklich verdammt gut!

Soll ich nun, so fragte ich mich ob der Fülle der bereits vorhandenen Materialien und des Bekanntheitsgrad des Filmes, soll ich dem nun einfach eine weitere Besprechung hinzufügen?
Das Motto meines Blogs vor Augen, das da heisst, „einer vergangenen Kunstform wieder zu mehr Beachtung zu verhelfen“ und Lust zu machen auf wenig bekannte Filme, verneinte ich und beschloss, den Film zum Anlass zu nehmen, etwas weiter auszuholen.
Die von Kino International kürzlich herausgebrachte DVD zu Keatons Meisterwerk animierte mich, anhand des General über die Stummfilm-Begleitmusik und ihre Wirkung zu sinnieren. Die DVD enthält nämlich drei verschiedene Musikbegleitungen zur Auswahl, alle recht inspirierend: Die altehrwürdige Komposition für Kino-Orgel von Lee Erwin,  die bekannte Orchesterkomposition von Carl Davis und eine Musik für Kammerorchester von Robert Israel.

Zunächst hatte ich mir den Film stumm angeschaut (ich besitze eine integrale Super8-Fassung ohne Tonspur). Wochen später dann führte ich mir den Film mit Robert Israels Musik zu Gemüte. (Die Orgelfassung kannte ich bereits von einer anderen Super8-Fassung). Das Ergebnis ist erstaunlich!
In der stummen Fassung fällt in erster Linie die fast maschinenhafte Struktur des Films auf. Die Handlung läuft ab wie ein Uhrwerk, man hat das Gefühl die einzelnen Handlungselemente greifen wie Zahnrädchen ineinander und treiben das Geschehen voran.
Dieser „Effekt“ wird in der Musikfassung „übertönt“ oder tritt zumindest etwas in den Hintergrund. Nun bemerkt man plötzlich, wie unglaublich spannend der Handlungsaufbau des Films eigentlich ist. Interessanterweise stellte sich dieser Effekt vor allem bei Robert Israels Begleitung ein.

Israel scheint ein hervorragendes Gespür für „den grossen Bogen“ zu haben, denn er schafft es mittels seiner Musik, die weit gespannten Spannungsbögen des Films erlebbar zu machen, indem er mit unterschiedlichen Themen zusammenfasst, was zusammengehört. The General zerfällt so nicht mehr so sehr in einzelne Episoden, wie das beim stummen Betrachten oder mit einer weniger geglückten Musikbegleitung der Fall ist, sondern er wird als grosses Ganzes sichtbar (oder müsste man hier „hörbar“ schreiben?). Und somit wird die wahre Grösse und die Vielschichtigkeit dieses Films deutlich, es wird klar, wieviel Spannung Keaton da eigentlich erzeugt.

Das bedeutet, dass nicht zuletzt die Musikbegleitung entscheidend ist, wie ein Stummfilm „ankommt“. Je sorgfältiger sie auf den Film zugeschnitten ist, desto besser.
Ich hatte schon immer eine Abneigung gegen „improvisierte Filmmusik“ im Sinne von: „Es sind bei der Filmvorführung drei experimentelle Musiker anwesend, die den Film untermalen.“ Da habe ich schon einiges erlebt – am schlimmsten war eine Musikbegleitung zu genau diesem Film, drei Saxophonisten, die „moderne Musik“ dazu verlauten liessen – wobei „moderne Musik“ offensichtlich als Synonym für „fehlendes Talent“ und „fehlende Sensibilität“ verwendt wurde. Das kakophonische Gefurze, das ich noch immer im Ohr habe, hat den Film wohl niemendem besonders nahe gebracht.

Jede Stummfilm-Musikbegleitung setzt andere Akzente. Wie stark die sein können, das wurde mir mit dieser absolut empfehlenswerten DVD erst so richtig bewusst. So erachte ich es weiterhin als gerechtfertigt, wenn ich in meinen Beiträgen zu jedem besprochenen Film weiterhin ein paar Worte über die Begleitmusik verliere.
Pointiert könnte man sagen, eine gelungene Begleitmusik vermag einen guten Stummfilm besser zum Leuchten zu bringen als eine aufwändige digitale Restauration.
10/10


Die DVD: Die Bildschärfe ist hervorragend, der Film wurde in HD von einer 35mm-Kopie des originalen Kameranegativs gemastert. Besser geht’s nicht im Stummfilm!

Die Musikbegleitung kann angwählt werden. Es stehen drei Begleitungen zur Verfügung: Die Fassung für Kino-Orgel von Lee Erwin, die bekannte Orchesterfassung von Carl Davis und eine neue Begleitmusik für Kammerorchester von Robert Israel.

Extras: Eine Einleitung von Gloria Swanson und eine von Orson Welles; Amateur-Filmaufnahmen, die während der Dreharbeiten von The General gemacht wurden; A Video Tour of the Authentic General (Doku); A Tour of the Filming Locations (Doku)

Reginalcode: 1

Verfügbarkeit:
USA: Der Film wird von Kino International angeboten. Man bekommt ihn direkt bei Kino, oder bei amazon.com (dort gibt’s den Film ab und zu gebraucht für weniger Geld).
Für Preisvergleiche, evtl. preisgünstigere Angebote und andere Fragen im Zusammenhang mit DVD-Bestellungen aus dem Ausland siehe auch die Tipps zur DVD-Bestellung im Ausland.
Deutschsprachiger Raum:
Der Film ist bei uns in mehreren anderen Versionen verfügbar.

*******************************************************************

Advertisements

Tonfilm-Seitensprung: Fritz Lang dreht jetzt in Hollywood

Fritz Lang ist vor allem für sein Stummfilmschaffen und für den frühen Tonfilm M – eine Stadt sucht einen Mörder bekannt – kurz: für seine in Deutschland gedrehten Filme.
In deren Schatten standen und stehen immer noch die Filme, die er nach seiner Emigration in den USA gemacht hat. Ich zumindest, so wurde mir plötzlich bewusst, kenne die wenigsten davon. Das soll sich nun ändern; ich habe mir vorgenommen, das gesamte amerikanische Werk Langs zu sichten und zu besprechen. Soweit ich feststellen konnte, ist es vollständig auf DVD greifbar – das Meiste davon tatsächlich in Deutschland.
Ich versuche, bei meiner in unregelmässigen Abständen voranschreitenden Erkundungstour chronologisch vorzugehen und beginne mit dem ersten Film, den Fritz Lang drehte, als er nach der „Zwischenstation“ in Frankreich in den USA Fuss zu fassen suchte. (Seinen einzigen französischen Film Liliom werde ich noch aufzutreiben versuchen).

FURY
(dt.: Blinde Wut)
USA 1935
Mit Spencer Tracy, Sylvia Sidney, Bruce Cabot, Walter Brennan, u.a.
Regie: Fritz Lang
Dauer: 85 min

Fritz Langs erster amerikanischer Film (von 1935) gehört, obwohl heute fast vergessen, zu den stärksten und eindrücklichsten Werken seiner langen Regiekarriere. Vordergründig thematisiert er das in den USA damals noch immer grassierende Übel der Lynchjustiz: Ein unbescholtener Mann (Spencer Tracy) wird aufgrund einer Übereinstimmung im Täterprofil (Vorliebe für gesalzene Erdnüsse) für einen gesuchten Kindsentführer gehalten und in einer amerikanischen Kleinstadt zwecks späterer Untersuchung über Nacht inhaftiert. Im Nu verbreitet sich unter den Kleinstädtern das Gerücht, der wahre Verbrecher sei gefasst worden. Bis zum Abend hat sich unter der Leitung eines zwieliechtigen Windbeutels ein Mob gebildet, der randalierend zum Gefängnis marschiert. Der Widerstand des Sheriffs stachelt die Meute zusätzlich auf, das Gefängnis wird in Brand gesteckt und schliesslich in die Luft gejagt.

Lang, der hier auch für das Drehbuch verantwortlich zeichnet, führt hier exemplarisch und absolut glaubhaft vor, wie es zu dem Ausbruch kommen konnte, indem er die Zuschauer durch sämtliche Stadien der Eskalation führt, vom harmlosen Versprecher des Hilfssheriffs (Walter Brennan) über den volksfest-ähnlichen Marsch zum Gefängnis bis zum Verschmelzen der Individuen zum zähnebleckenden Mob im Akt der Gewalt. Spätestens da wird klar, dass Lang, der zwei Jahre zuvor aus Deutschland flüchtete, Geschehnisse verarbeitet, welche die Weimarer Republik seit Ende des ersten Weltkrieges beutelten, und welche durch die Machtübernahme der Nazis noch an Aktualität gewannen.

Gelungen ist ihm dabei ein in allen Teilen stimmiger, atmospährisch dichter Film, der von der ersten Minute an eine unglaubliche Sogwirkung ausübt, und der bis heute nichts an Aktualität eingebüsst hat. Fury fokussiert mit kühlem, fast forscherhaftem Blick zwei miteinander verknüpfte, ebenso rätselhafte wie erschreckende menschliche Ur-Phänomene, jenes der scheinbar bedingungslosen Gewaltbereitschaft,  und jenes des ebenso bedingungslosen Mitläufertums. Lang gibt dem Mob ein Gesicht, in dem er einige der darin aufgehenden Individuen bewusst aus der Masse  hervorhebt und ihre Reaktionen studiert. Keiner von ihnen – bis auf den „Anführer“ vielleicht – wäre auf sich allein gestellt zu jener grausamen Tat fähig gewesen. Fury rückt „die Masse“ als Katalysator für Impulse, die das Individuum wohl verspürt, aber unterdrücken kann, ins Zentrum und gibt damit zu denken.

Joe überlebt den Anschlag wie durch ein Wunder. Doch nachdem er, halb wahnsinnig vor Todesangst in jener Zelle unentrinnbar der „Bestie Mensch“ ausgeliefert war, ist er nicht mehr derselbe. Er sei tot, sagt er, und nicht einmal mehr seine Verlobte Katherine (Silvia Sidney) kann ihn ins Leben zurückholen. Joe wird von Rachegefühlen zerfressen. Er will seine Henker am Galgen sehen, und so lässt er seine beiden jüngeren Brüder ein Gerichtsverfahren  gegen die Bürger jener Kleinstadt eröffnen, während er selbst im Schatten bleibt und sich tot stellt. Auch Katherine lässt er im Glauben, er weile nicht mehr unter den Lebenden, doch diese kommt dem Geheimnis langsam auf die Spur…

Fritz Lang und sein Co-Autor Bartlett Cormack rollen die Thematik mit all ihren Schattierungen auf und handeln sie in einem hervorragend durchdachten, für jene Zeit erstaunlich nuancierten Plot exemplarisch ab. Wenn der Racheengel am Schluss zur Vernunft gebracht wird und von seinem Plan absieht, dann ist dies ebensowenig hollywoodmärchenhaft wie der ganze Rest des Films, den man wohl zum realistischsten aller bis dahin erschienenen Lang-Werke zählen muss.
Dabei behält er seine in Deutschland entwickelte Handschrift bei, die sich hervorragend in den amerikanischen Film jener Zeit einfügt: Die Charaktere sind nicht nur psychologisch sehr scharf und differenziert gezeichnet, und erstaunlicherweise gleichzeitig oft an der Grenze zur Karikatur, sie sind auch in sich stimmig und werden mit einigen kleinen, skizzenhaften Gesten vollständig charakterisiert. Und auch die originelle Handhabung des Tons lässt den Regisseur deutlich erkennen: Auch hier – wie bereits in M und im Testament des Dr. Mabuse – werden Dialoge über Szenenwechsel hinweg geführt; die Begleitmusik einer Szene entpuppt sich als Radioübetragung…
10/10

Fury erschien im deutschsprachigen Raum auf DVD, ist aber inzwischen „out of print“. Er kann aber bei privaten Anbietern via amazon noch bezogen werden.

Ich habe einen neuen Blog gestartet!

Jetzt hab‘ ich’s doch getan!
Einer plötzlichen Lust und einer noch plötzlicheren Laune folgend, habe ich nun doch einen weiteren Blog gestartet. Er hat auch mit Film zu tun – allerdings mit einer ganz anderen Kategorie als der hier bevorzugten, nämlich mit dem Animationsfilm. Genauer: Mit dem amerikanischen Cartoon, von welchem ich, neben dem Stummfilm und auf einer ganz anderen Ebene, ebenfalls sehr angetan bin.

Der neue Blog funktioniert folgendermassen:
Ich stelle (nach Möglichkeit) jeden Tag einen anderen Cartoon rein (via youtube) – ohne Kommentar, nur zum Angucken und Kommentieren.
Ein „fauler Blog“ also, der nicht viel meiner kostbaren Zeit vom Stummfilmblog abzieht. (Natürlich werde ich es mir nicht verkneifen können, ab und zu ein paar Weisheiten von mir zu geben.)

Es gibt immer eine Wertungsskala, man kann also jeden Cartoon bewerten. Der Hintergedanke (und dazu muss ich nun etwas ausholen): Ich besitze einen Super8-Projektor und habe vor einigen Jahren entdeckt, dass der Schmalfilm gar nicht so tot ist, wie beim Siegeszug von VHS damals behauptet wurde. In England existieren noch Firmen, welche Filme auf Super8 herstellen und vertreiben. Einer der letzten Kinofilme, die auf Super8 erschienen, war die Integralfassung von Peter Weirs Master and Commander – in der integralen Fassung und natürlich fast unbezahlbar.
Da Cartoons bezahlbarer weil kürzer sind und da einer der Super8-Hersteller immer wieder um Tipps für weitere Neueditionen bittet, versuche ich auf meinem Trickfilmblog durch die Filmbewertung u.a. geeignete Trickfilme zu ermitteln, die eine hohe Akzeptanz haben und somit genügend verkaufsfreundlich für eine S8-Edition sind.

Aber das Ganze soll den Interessierten und mir in erster Linie einfach Spass machen.
Falls einer meiner geneigten Leser also auch mal für einen ausgefallenen Cartoon zu haben sein sollte (denn solche gibt’s da auch immer wieder zu bewundern), dann würde ich mich über dessen Besuch natürlich sehr freuen.

Hier geht’s zum Trickfilm-Blog.