Monat: Januar 2014

Die Sintflut und der erste Weltkrieg

NOAH’S ARK
(dt.: Das Drama der Sintflut)
USA 1928
Mit George O’Brien, Dolores Costello, Noah Beery, Paul McAllister, Guinn „Big Boy“ Williams, u.a.
Drehbuch: Darryl F. Zanuck und Anthony Coldeway
Regie: Michael Curtiz

Das Herziehen über einen Film, den man so gar nicht mag, über den man sich so richtig geärgert hat, kann etwas Befreiendes haben. Aber auch etwas Beleidigendes.
Leider konnte – wollte? – ich nicht verhindern, dass in diesem Text Ersteres ständig in Zweites übergeht. Ich habe mich über Noah’s Ark zwar nicht gerade geärgert, fand den Film aber über weite Strecken richtiggehend lächerlich.

Es handelt sich bei diesem Teil-Tonfilm um religiösen Schwulst übelster Sorte – neben Noah’s Ark sieht selbst Cecil B. DeMilles King of Kings aus wie ein nüchternes Biopic. Da werden dramatisch Hände verworfen, Augen und Arme gen Himmel verdreht; Noahs Heiligkeit lässt sich schon von weitem an der Länge seines Rauschebarts erkennen. Seine Söhne laufen im Leopardenfell herum, als wären sie gerade einem Hollywood-Streifen über die Steinzeit entsprungen. Auch die Bösen sind mit dem Zeigefinger böse, die Guten sind so gut, dass man zum Filmbeginn eine Warnung für Diabetiker einblenden müsste.

Zum dick aufgetragenen Pathos kommt eine Geschichte, die wirr und unmotiviert durch die Weltgeschichte springt, bei der Arche anfängt, im ersten Weltkrieg landet und in einer spektakulären letzten halben Stunde schliesslich zur Sintflut schreitet, die wirkt, als gälte es, DeMille als alten Langweiler dastehen zu lassen.

Die Moral, auf die Noah’s Ark hinauswill, lautet ungefähr: Zu Noahs Zeit sandte der Herr in seinem Zorn die Flut – uns schickte er den ersten Weltkrieg.
Tatsächlich stellt das von Darryl F. Zanuck mit-verbr… äh, -verfasste Drehbuch allen heiligen Ernstes diesen Bezug her. Sämtliche Personen, die uns im ersten, dem WW1-Teil begegnen, treten danach in biblischen Kostümen im zweiten Teil erneut auf: Die Bösen als Böse, die Guten als Gute.
Und genauso konfus und willkürlich wie die Handlung wirkt der Einsatz des Tons. Was als Stummfilm beginnt, wird sporadisch mit Dialogsequenzen von jeweils zehn Minuten unterbrochen. Wobei „unterbrochen“ durchaus treffend ist, denn immer wenn gesprochen wird, tritt die Handlung an Ort, die Kamera erstarrt und der Flachsinn tritt schmerzlich zutage. Aus zeitlicher Distanz wird deutlich, dass da einfach um des Tones Willen geredet wird. Was aus heutiger Sicht wirkt wie eine Demonstration der Vorzüge des Stummfilms galt damals als Sensation – ungeachtet des (fehlenden) Inhalts.

Noah’s Ark mag für Filminteressierte durchaus von historischem Wert sein; darüberhinaus bekommt er von mir einen Spitzenplatz in der „Liste der schlechtesten Filme, die ich je gesehen habe“. Kaum zu glauben, dass er mit George O’Brien besetzt ist, der auch im „besten Film, den ich je gesehen habe“, nämlich in Murnaus Sunrise die Hauptrolle innehatte – ein Jahr vor Entstehung dieses Machwerks.
Und ebenso kaum zu glauben, dass hier der spätere Regisseur von Casablanca am Werk war.
3/10

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Robert Redford, nackt – C.D. Chandors „All Is Lost“

In All Is Lost spielt nur Robert Redford mit – und geht an die Grenzen des Lebendigen. Der Film läuft zur Zeit in den Kinos.

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Die letzten Worte des Mannes kommen im Film zuerst. Danach wird kaum mehr gesprochen. Wir werden Zeugen seines Schiffbruchs, der sich inmitten der unendlichen, leeren Weiten des indischen schen Ozeans und aus heiterem Himmel ereignet und müssen zusehen, wie seine Lage immer hoffnungs- und aussichtsloser wird.

Wer der Mann ist, woher er kommt, wohin er wollte, das lässt der Film klugerweise offen. Wir können es nur ahnen. Es spielt aber eigentlich keine Rolle, denn je länger der Film dauert, desto mehr büsst dieser Mann von seinem Selbst ein – er wird zum Symbol, zum Stellvertreter. Wir wissen, nur, dass er alt ist.
„Our Man“ heisst die Figur im Abspann – „Man“ bedeutet im Englischen bekanntlich auch „der Mensch“.
Was „Our Man“ in den rund 100 Filmminuten da erlebt, ist der sukkzessive Verlust jeglicher Sicherheit, jeglicher Zivilisation. Nach der Havarie tuckert er allein auf dem unendlichen Ozean, ein wütender Sturm zerstört seine Jacht. Bevor sie von den Fluten verschluckt wird, kann er noch einige Lebensmittel und Habseligkeiten herausholen, dann zieht er sich damit auf die aufblasbare „Rettungsinsel“ zurück. Nun ist er steuerlos, jeglicher Kontrolle über sein Schicksal und damit jeglicher Individualität beraubt.

Als die Jacht  – sie heisst „Virginia Jean“, der Name ein Echo aus dem früheren Leben „unseres Mannes“ – als die „Virginia Jean“ sinkt, geht mit ihr das letzte Stücklein Zivilisation unter, mit dem der Film „unseren Mann“ noch verband. Auf der „Rettungsinsel“ ist er nackt, aufs blosse Dasein zurückgeworfen, der Natur in all ihrer blinden Brutalität schutzlos ausgeliefert. Wenige der geretteten Gegenstände, Errungenschaften menschlichen Zivilisation, nützen ihm noch etwas: Ein leerer Kannister. Ein Becher. Mit ihnen verrichtet er Dinge, welche die Menschen früherer Zivilisationen schon taten: Eingedrungenes Wasser aus der „Insel“ schöpfen; kondensiertes Wasser zum Trinken sammeln. Das Astrolabium, mit dem er mit eiserner Beharrlichkeit seine Position bestimmt, stammt aus der Zeit der frühen Seefahrer. Die Position, die er dann auf der Seekarte einträgt, ist Sinnbild für ihn selbst: Er ist ein einsames Kreuzchen im Nichts und Nirgendwo des Indischen Ozeans geworden.

All Is Lost regt zum Nachdenken an: über die menschliche Zivilisation, über das Sein als solches und den Verlust desselben. Was sind wir, wenn wir nichts mehr haben als das Leben? Und das auch noch zu verlieren drohen? Wer sind wir dann?
Die Wahl des Hauptdarstellers erscheint als absolut zwingend: Robert Redford, der Superstar, der seinen Bekanntheitsgrad über Jahrzehnte halten konnte, wird zum menschlichen Nichts reduziert. Das verfehlt seine Wirkung nicht und bringt die Aussage des Films in schockierender Deutlichkeit und ganz nebenbei zum Ausdruck. Bei keinem anderen Schauspieler hätte dies derart gut funktioniert wie bei Redford. Ihn – ausgerechnet ihn – derart hilflos zu sehen, tut fast physisch weh. Der Schluss des unglaublich dichten und packend inszenierten Films kann als aufgesetztes Happy-End interpretiert werden, aber auch als Transzendenz der Hauptfigur. Der Mensch stirbt. Seine Persönlichkeit löst sich auf. Am Schluss wird er erlöst. Heimgeholt?

Regisseur Chandor inszeniert fast zur Gänze mit der Handkamera – eine bei diesem Thema fast logische Wahl, die dem Drama zusätzliche Intimität verleiht. Fast noch wichtiger als die Bilder sind in diesem Film die Geräusche. All Is Lost ist kein Stummfilm, sondern eine Art Geräuschfilm. Ferner Donner, das Heulen des Windes, das Flattern der Segel, das Akustische ist als Mit-Akteur ständig präsent und steigert die Spannung, trägt zur Glaubhaftigkeit bei. Als „unser Mann“ ins halb schon gesunkene Boot steigt, um überlebenswichtige Dinge herauszuholen, steigert das Ächzen und Jaulen Schiffes die Spannung ins Unerträgliche. Wir verstehen ohne Worte: eine falsche Bewegung, und das Gleichgewicht wäre dahin und das Schiff würde ganz absacken.
All Is Lost ist in vielem anders als andere Filme. Sehr anders. Und das ist gut so.
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Weitere Filmempfehlungen (sämtliche Filme sind auf DVD erhältlich, sofern nicht anders vermerkt):

Take Shelter (Ein Sturm zieht auf – 2011) – Und gleich nochmals „Sturm“: Der Bauarbeiter Curtis LaForge wird von unheimlichen, quälenden Alpträumen heimgesucht, in denen ein verheerender Sturm die Existenz seiner kleinen Familie bedroht. Die Aengste treten auch tagsüber auf, er beginnt mit dem Bau eines Schutzbunkers im eigenen Garten. Schon bald steht die zentrale Frage im Kino-Raum: Wird Curtis langsam wahnsinnig oder hat er Visionen? Take Shelter
Seine Umwelt hat die Frage relativ rasch beantwortet, denn als Freund, Arbeitskollege und Familienvater benimmt sich Curtis immer merkwürdiger. Regisseur Jeff Nichols ist mit Take Shelter ein intensives, absolut fesselndes Psychogramm eines Querschlägers gelungen, das seine grosse Intensität und Spannung bis zuletzt durchzieht. Nicht zuletzt ist dies das Verdienst des hierzulande kaum bekannten Schauspielers Michael Shannon, der diesen Zerrissenen mit fast beängstigender Präsenz und bewundernswertem Engagement gibt. Erst zuletzt begreift man, worum es dem Film eigentlich geht: Nicht um die Frage, ob Curtis spinnt oder nicht – sondern um die Kraft der Liebe. Grossartig!
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On The Beach (Das letzte Ufer – 1959) – Ein weiterer unglaublich intensiver Film! Obwohl er längst nicht perfekt ist und einige Schwächen hat, ist On the Beach einer dieser aussergewöhnlichen Filme, die einen auch über das Film-Ende hinaus nicht mehr loslassen. Er gehört zu jenen Werken, die zu Beginn des kalten Krieges die Gefahren der atomaren Aufrüstung aufzeigen wollten.  Er tut dies auf ganz andere Art als der bekannte Dr. Seltsam von Stanley Kubrick – mit leiser Melancholie und verhaltener Trauer wird da von der Menschhheit Abschied genommen. oN THE bEACH
Der Atomkrieg ist vorbei – die Menschheit liegt im Sterben. Das Leben auf der Erde wird vom atomaren Fallout langsam ausgelöscht. Die radioaktive Wolke treibt auf Australien zu, das zur letzten Bastion der Menschheit geworden ist. Der Film zeigt nun die letzten Tage aus der Sicht von drei Protagonisten: Des U-Boot-Kapitäns Towers (Gregory Peck), der sich auf Tauchstation befand, als “es” geschah, des jungen Leutants Holmes (Anthony Perkins), und seiner Familie und des Professors Osborne (Fred Astaire), der sich durch seine Forschung an der Katastrophe mitschuldig gemacht hat. Regisseur Stanley Kramer zeigt in On the Beach keine abschreckenden Horror-Bilder von zugrunde gehenden Menschen – sondern vollkommen entvölkerte Städte. Das Bild vom menschenleeren San Francisco gehört für mich zu den eindringlichsten Momenten der Filmgeschichte.
Das Thema war zu jener Zeit gewagt –  und On the Beach hat bis heute nichts an Aktualität eingebüsst.
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Penelope (2006) – Ein böse Hexe belegte die Familie Wilhern vor Jahrhunderten mit einem Fluch: Die erste Tochter, die in eine Wilhern-Familie geboren wird, soll das Aussehen eines Schweins haben. Die nächsten paar hundert Jahre kommen nur Jungs zur Welt. Als dann Penelope (Christina Ricci) das Licht der Welt erblickt, befinden wir uns im Heute und an den Fluch kann sich keiner der Familie mehr erinnern.Penelope
Mark Palanskys Film führt auf höchst amüsante und verspielte Weise die Selbstfindung eines menschlichen Schweins vor. Gleichzeitig wird wie bei einer Versuchsanordnung die mannigfaltige Reaktion einer Gesellschaft aufgezeigt, welche die Norm zum Götzen erhoben hat. Erkenntnis: Die einzig Normale ist die scheinbar abnorme Schweinefrau.
Dem Film liegt ein sehr schönes Drehbuch zugrunde, welches von einer krampfhaft auf Originalität getrimmten Regie fast überrollt wird.
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L’illusionniste (2010) – Ein altes Drehbuch von Jacques Tati, das lange Zeit (seit 1956, um genau zu sein) in der Schublade vor sich hin dämmerte, liegt Sylvain Chomets Zeichentrickfilm zugrunde. Tati hatte es seinerzeit für sich und seine Tochter Sophie konzipiert, aber nie verwirklicht. Dass es 2010 doch noch das Licht der Leinwand erblickte, ist nicht zuletzt Tatis Tochter zu verdanken, die es an den Animationsfilmer Chomet weiterreichte. Im Mittelpunkt steht der glücklose Bühnenzauberer Tatischeff – eine gelungene Karikatur Jacques Tatis – der von Ort zu Ort zieht, um sich über die Runden zu bringen. L'illusionnisteIn Schottland trifft er auf ein Mädchen, dass er fortan unter seine Fittiche nimmt und sie wie eine Tochter ins Herz schliesst.
L’illusionniste versucht auf allen Ebenen, „Tati“ zu sein; leider gelingt ihm das nicht. Ein Tati-Film ohne Jacques Tati ist daraus geworden, der einem schmerzlich vor Augen führt, was bleibt, wenn man von Tatis Ideen den Genius ihres Erfinders subtrahiert: gähnende Langeweile. Die ist in Chomets Film zwar wunderschön bebildert und meisterhaft animiert. Aber dadurch wird sie nicht interessanter. L’illusionniste bleibt seltsam leer – und langweilig.
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Rise Of The Planet Of The Apes (Planet of the Apes: Prevolution – 2011) – Dieses „Prequel“ zum Science-Fiction-Klassiker Planet Of The Apes (1968) wurde von der Kritik hoch gelobt, als es vor zwei Jahren in den Kinos lief. Ich fragte mich nach der Visionierung letzte Woche bloss, weshalb. Die Handlung ist dünn, zum Teil läppisch, weil gewaltsam auf die Ereignisse im Originalfilm hin zurechtgebogen. Planet of Apes Prevolution
In Rupert Wyatts Streifen wird – m.E. wenig glaubhaft – erklärt, wie es dazu kam, dass die Erde in ferner Zukunft von intelligenten Affen regiert wird. Schuld ist das Alzheimer-Serum eines genialen jungen Wissenschaftlers, welches an Versuchs-Affen ausprobiert wird. Daraus erwächst ein äusserst intelligentes Affenjunges, das zunächst lieb und herzig ist, das aber der kalten Profitsucht der Menschen zum Opfer fällt, sich wehrt und einen Affenaufstand anzettelt. Leider verfängt die Zivilisationskritik nicht, weil sie immer bloss Staffage bleibt und allzu deutlich dem Zweck dient, die Handlung in Richtung des Klassikers von 1968 zu treiben. Zudem stellt sich der Film mit zunehmender Dauer immer mehr in den Dienst von CGI-Effekten, was seine Kälte und den Eindruck von Kalkül noch verstärkt.
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Der Sprung in die Leinwand – Buster Keatons „Sherlock, Jr“

Momentan bin ich auf der Suche nach einer anderen Form für diesen Blog. Auf Stummfilme mag ich mich im Moment nicht konzentrieren – zu sehr haben sich meine Film-Interessen geöffnet.
So laboriere ich nun ein wenig mit Formen und Formaten für diesen Blog herum – und hoffe, die Geduld der werten Leserschaft damit nicht allzusehr zu strapazieren.Den Stummfilm behalte ich im Titel, auch wenn’s nicht mehr ganz passt, schliesslich wird man am Titel wiedererkannt.
Ich beginne heute mal etwas Neues: In (hoffentlich) regelmässigen Abständen rezensiere ich hier Filme, die ich in dieser Zeit gesehen habe. Dabei will einen besonders wertvollen, guten oder sonst irgendwie spannenden Film jeweils hervorheben und etwas ausführlicher beschreiben, die anderen in Kurzform abhandeln. Gedacht ist das Ganze als Anregung, als Seh-Empfehlung für Kinofreunde.

Der Sprung in die Leinwand
Im Stummfilm Sherlock, Jr träumt Buster Keaton sein Leben in Ordnung und kreiert eine berückende und bis heute unübertroffene Hommage an das Kino.

Viele sehen Sherlock, Jr als Buster Keatons besten und persönlichsten Film. Es geht darin um Sein und Schein und wie das Kino und der Film unser Leben beeinflusst – und das Leben das Kino!
Keaton reflektiert darin seine Rolle als Autor-Regisseur so selbstverständlich, unverkrampft und gewitzt, dass man die Meta-Ebene des Films kaum bemerkt.

Keaton spielt darin seine übliche Loser-Figur, die hier als Operateur eines kleinen Vorstadtkinos arbeitet. Man wähnt sich zunächst in einer „typischen Komödie jener Zeit“: Es gibt eine ausgedehnte, recht konventionelle Exposition, die Keaton benötigt, um seine Figuren – sein Mädchen, ihre Familie und den betrügerischen Nebenbuhler – einzuführen. Doch dann beginnt Sherlock, Jr plötzlich, die wildesten Kapriolen zu schlagen – bezeichnenderweise genau dann, als Filmvorführer Buster im Kino den Projektor einschaltet.

Buster, der dank eines Tricks des Nebenbuhlers vom Vater seines Mädchens als Dieb bezichtigt und für immer des Hauses verwiesen wird, schläft am Arbeitsplatz ein und träumt sich in eine bessere Welt: In den Film, den er gerade vorführt. Dieser Film spielt in der noblen Gesellschaft, und die Protagonisten verwandeln sich in die soeben eingeführten Personen aus Busters Leben. Buster selbst ist im Film ein grosser Detektiv, der dem betrügerischen Dieb/Nebenbuhler das Handwerk legt und zuletzt die Gunst des Mädchens gewinnt.

Der Traum-im-Film ist gleichzeitig der Film im Film. Der Traum „Film“ wird zunächst einfach mal wörtlich genommen: Der Traum ist der Film, der Film der Traum. Und weil dem so ist, wird er für den Zuschauer real – so lange, bis Buster erwachend in seine Realität zurückkehrt – die natürlich auch nur ein Film ist.
Der Regisseur als Träumer, der sich die Realität mit Hilfe des Mediums Film so zurechtschustert, wie er sie gerne hätte. Diese Deutung lässt nicht zuletzt der Umstand zu, dass der Regisseur/Autor in der Realität ein und derselbe ist wie der Träumer im Film, nämlich Buster Keaton. Sherlock, Jr beisst sich in den Schwanz – und wenn Keaton ganz zuletzt alles nochmals umdreht und seinen Held vom gerade laufenden Film zu einer Liebesszene inspirieren lässt, der Film also die Realiät „inszeniert“, dann sind nicht nur alle möglichen Variationen zum Thema Realität und Film ausgeschöpft, dann wird auch die Aussage des Werks deutlich: Film ist Traum – und der Traum ist Lehrmeister für ein besseres Leben. Ergo…

Dass die Meta-Ebene gleichzeitig eine wilde Parodie auf das Detektiv-Genre ist, zeugt von Keatons traumwandlerischem Sinn für den Umgang mit dem Medium und dessen Wirkung.
Sämtliche Ingredienzien des Detektivfilms sind in überhöhter Form präsent – von der fiesen Intrige über den fiesen Gaunergehilfen bis zur Damsel in Distress. Der Detektiv ist allen anderen derart turmhoch überlegen, dass seine Taten schon an Magie grenzen, und es gibt Verfolgungsjagden, die in ihrem rasanten Wahnwitz kaum mehr übertroffen werden können. Der Ritt Keatons auf dem Lenker eines Motorrades hat jedenfalls Filmgeschichte geschrieben.
Zudem gibt es Sequenzen, die eine unbändige, fast kindliche Experimentierlust mit dem Medium bezeugen. Der Sprung des Helden in die Leinwand ist berühmt, der Keaton zu einem verrückten Spiel mit dem Filmschnitt motiviert: Die Handlungen des in die Leinwand gehüpften Helden werden in einer wunderbar surrealen, tricktechnisch ausgetüftelten Sequenz dauernd durch abrupte und völig unmotivierte Filmschnitte gestört.

Das Kino als Traum-Fabrik – Buster Keaton widmet sich diesem Thema mit parodistischem Ansatz und traumwandlerischer Metaphorik. Sherlock, Jr ist dabei wohl jener Film Keatons, der das heute inflationär gebrauchte Attribut genial verdient. Denn was er da inszenierte war zu jener Zeit beispiellos – nachfolgende Generationen von Filmemachern orientierten sich an Keaton, wenn sie den Film im Film, das wilde Durcheinanderpurzeln verschiedener Realitäts – und Irrealitätsebenen thematisierten. Natürlich gab Keaton in Interviews später stets zu Protokoll, es sei ihm nur darum gegangen, die Leute zum Lachen zu bringen. Und wenn dem so wäre: Auch dies ist ihm mit Sherlock, Jr aufs Trefflichste gelungen!
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Weitere Filmempfehlungen (sämtliche Filme sind auf DVD erhältlich, sofern nicht anders vermerkt):

Judgement Day At Nuremberg (Das Urteil von Nürnberg – 1961) – Wenn man den Film heute sieht – aus einer Distanz von 53 Jahren – dann staunt man, wie differenziert hier die Verhältnisse dargestellt werden. “Die Deutschen”, im damaligen US-Kino generell die Bösewichte, werden hier nicht einfach als Monster hingestellt. Die Frage nach der Schuld “der Deutschen” an den Gräueln des dritten Reiches wird hier überraschend differenziert abgehandelt. Damit war der Film dem damaligen Zeitgeist weit voraus, und so man sich für dessen Thematik interessiert, ist er auch heute noch aktuell. 
Darüberhinaus ist Judgement Day At Nuremberg einer der besten und spannendsten Gerichtsfilme aller Zeiten, einige der grössten Stars von damals haben darin die beste Leistung ihrer gesamten Laufbahn hingelegt (Spencer Tracy etwa sagte, nach diesem Film könne er sich getrost in den Ruhestand begeben).
Obwohl er drei Stunden dauert, langweilt Judgement Day At Nuremberg keinen Moment. Die Thematik wird derart interessant aufbereitet und die Darstellerinnen und Darsteller geben derart packende Vorstellungen, dass man gebannt sitzenbleibt.
Regisseur Stanley Kramer zählt zu den wenigen US-Regisseuren, die brisante und ethische Themen gegen den Zeitgeist mutig aufgriffen und sie filmisch packend aufzubereiten wussten. (DVD vergriffen, aber noch gebraucht erhältlich)
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Up In The Air (2009) – Ryan Bingham (George Clooney) entlässt Leute. Er arbeitet für eine Firma, deren Mitarbeiter dafür trainiert sind, anstelle der Firmenverantwortlichen Entlassungsgespräche zu führen. Bingham ist ein gefragter Mann und führt ein “ungebundenes” Leben: Er fliegt von Staat zu Staat, lebt in Hotels und hält Vorträge über das Abwerfen von “Lebens-Ballast”. Mit zunehmender Filmdauer wird deutlich: Der Mann, der von Berufs wegen Leute “entwurzelt”, ist selbst ein “Entwurzelter”.
Als er eine junge Assistentin zur Seite gestellt bekommt, beginnt sein Leben langsam aber sicher eine neue Wendung zu nehmen…
Der Film, eine Tragikomödie, hat die Ent-Menschlichung eines Systems – des Kapitalismus – zum Thema und spielt in Zeiten der globalen Wirtschaftskrise. Ryan hat sich angepasst, um in diesem System und in dieser Zeit überleben zu können. Aber zu welchem Preis?
Es gibt in diesem Film eine Figur die noch isolierter, noch ferner von allem Zwischenmenschlichen scheint, nämlich Binghams junge Assistentin Nathalie – die “nachrückende Generation” in diesem immer schneller sich drehenden Karussell von Innovation und Verbesserung. Ihre Kontakte sind im Film optisch nicht präsent – sie finden ausschliesslich in Handygesprächen und durch SMS-Botschaften statt. So macht etwa ihr Freund per SMS mit ihr Schluss.
Der Film bringt seine Kritik unaufdringlich und ohne Moralpredigten an. Es braucht sensible Aufmerksamkeit, um die “Botschaft” mitzubekommen. Up In The Air ist ein zu Beginn oberflächlich wirkender Film, der mit zunehmender Filmdauer tief blicken lässt.
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The Party (Der Partyschreck – 1968)- Die bekanntesten Filme, die Blake Edwards und Peter Sellers zusammen gemacht hatten, gehörten zur Pink Panther-Serie, wo Sellers als tollpatschiger Inspecteur Clouzot auftrat.
The Party entstand acht Jahre nach dem zweiten Pink Panther-Film und spielt qualitativ in einer ganz anderen Liga! Obwohl der Film zahllose köstliche Slapstick-Einlagen bietet, wirkte er auf das damalige Publikum wie ein Experimentalfilm. Tatsächlich fällt die Parallele mit Jacques Tatis ein Jahr zuvor entstandenem Meisterwerk Playtime ins Auge. Hier wie dort gibt es keine eigentliche Handlung, kaum Dialog und der Hauptfigur passiert ein Missgeschick nach dem anderen.
Hrundi V. Bakshi (Sellers), ein gefeuerter indischer Film-Komparse wird versehentlich zur Party eines wichtigen Hollywood-Produzenten eingeladen, die er mit seiner unbeholfenen Art sukkszessive ruiniert. Am Schluss bricht die pure Anarchie aus, was Regisseur Edwards für zahlreiche Laurel & Hardy-Zitate nutzt.
Ein unglaublich komischer Film, dessen komisches timing bewundernswert ist.
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Frozen (Die Eiskönigin – 2012) – Nachdem der letzte von Disney im konventionellen (sprich: handgezeichneten) Stil produzierte Trickfilm Küss den Frosch an der Kinokasse floppte, setzt der traditionsreiche Konzern auf CGI. Zeichentrickfilme will offenbar keiner mehr sehen. Das ist zwar schade, kann sich aber durchaus wieder ändern. Frozen, nach Rapunzel der nächste CGI-Streich von Walt Disneys Erben, kann sich jedenfalls durchaus sehen lassen. Er weiss vor allem durch schöne Bilder zu bezaubern. Und die computergenerierten Menschenfiguren überzeugen – nach langen, mehr oder weniger fehlgeschlagenen Versuchen anderer Filmstudios. Zudem wartet der Film mit einer spannenden Handlung und erstaunlich vielschichtigen Hauptfiguren auf. Der Rest ist Hollywood-Konvention, was aber dank dem gut durchdachten und schön konzipierten Rest nicht so negativ ins Gewicht fällt. (z.Zt. im Kino)
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