Monat: Februar 2018

Open Range – Weites Land (2003)

USA 2003
Mit Robert Duvall, Kevin Costner, Annette Bening, Michael Jeter, Diego Luna, Abraham Benrubi, Michael Gambon u.a.
Drehbuch: Craig Storper nach einem Roman von Lauran Paine
Regie: Kevin Costner

Open Range, die bislang letzte Regiearbeit des Schauspielers Kevin Costner – steht im Schatten von dessen ungleich populärererm Erstling Dances With Wolfes (dt.: Der mit dem Wolf tanzt). Dass es sich dabei um einen ganz hervorragenden Film handelt, ist im noch immer anhaltenden Hype um Dances With Wolfes untergegangen. Open Range ist ein toll gespielter und inszenierter Film, dem ein starkes Drehbuch zugrunde liegt.

Vier Männer treiben Vieh über die weite Prärie – tagelang ist weit und breit keine andere Menschenseele zu sehen. Boss Spearman ist der Anführer (Duvall), ihm angeschlossen haben sich vor langer Zeit Charley Waite (Kostner) und der gut mütige Riese Mose (Benrubi), seit kurzer Zeit ist auch noch der junge Hispano Buttons (Luna) als eine Art Lehrling mit dabei. Nichts trübt die Einheit der Männer mit der Natur – bis Mose eines Tages nach Proviant ins nächste Kaff geschickt wird und nicht mehr zurückkehrt.
Nun nimmt ein unvorhersehbares Unheil seinen Lauf. Um den Viehtreibern, die ihre Tiere auf dem Weideland des Grossgrundbesitzers Baxter (Gambon) kostenlos grasen lassen, eine Lektion zu erteilen, wurde Mose von Baxters Männern übel zugerichtet und ins Gefängnis geworfen. „Free-grazers“ seien in Harmonville nicht erwünscht, lassen Baxter und der ihm hörige Sheriff verlauten, als Boss und Charley dort nach Mose suchen. Dass Baxter und „sein“ Sheriff damit gegen das Gesetzt verstossen (das „free-grazing“ war damals per Dekret erlaubt), kümmert sie nicht, denn sie wissen sich dank einer bezahlten Schlägertruppe als die Stärkeren.
Das lässt der aufrechte Boss Spearman nicht gelten. Er beharrt auf seinem guten Recht. Da weiss er allerdings noch nichts von der Scharfschützen-Vergangenheit seines Partners Charley…

Open Range beginnt als Pastorale. In wunderschönen, ausschweifenden Landschaftsaufnahmen wird das friedliche Eins-Sein der wortkargen vier Männer mit der Natur zelebriert. Der Einbruch der Zivilisation in dieses Idyll markiert der Besuch in Harmonsville, der allerdings nicht nur negativ gezeichnet wird. Schon bald wird klar, dass Baxter und sein Sheriff die Stadt und seine Bewohner wohl im Griff haben, dass ihre Popularität bei der Bevölkerung allerdings nahezu bei Null liegt. Wegen des Schlägertrupps getraut sich nur (noch) niemand, aufzumucken. Und die Naturburschen finden nicht nur Übles vor in der Zivilisation…
Baxter, ein räudiger Bursche, der vor nichts zurückschreckt, versucht die Männer im Grasland mit allen Mitteln einzuschüchtern und zum Abzug zu bewegen. Je üblere Mittel er zu diesem Zweck einsetzt, desto trotziger wird Boss Spearman. Die Spannung baut sich langsam auf, bis sie sich in einer Gewaltexplosion entlädt.

Open Range ist, wie viele Westernklassiker, eine Parabel. Es geht um die Gewalt, die weitere Gewalt gebiert, ein Prozess, dem sich auch der geläuterte Gunman Charley nicht entziehen kann. Noch einmal muss er zur Pistole greifen, die Umstände treiben ihn unausweichlich dazu, zu töten. Die Gewalt bricht wie das vorhergehende Gewitter über Harmonville herein. Danach, als alles vorbei ist, ist der Weg frei für die Läuterung. Das klingt nicht nur abgedroschen, es ist auch abgedroschen – Ähnliches hat man im Westernkino schon dutzendfach gesehen, am besten wohl in John Fords My Darling Clementine (dt.: Faustrecht der Prärie, USA 1946), am dessen Struktur sich die Handlung von Open Range stark anlehnt.

Das Erstaunliche an diesem Film ist nun, dass man die Abgedroschenheit kaum bemerkt; es fällt einfach nicht ins Gewicht. Drehbuch, Regie und Schauspieler wiegen die Abgedroschenheit der Geschichte mit lebendigem, mitreissendem Erzählen auf. Die beiden Hauptfiguren wachsen einem richtiggehend ans Herz, hinter ihren rauhen Schalen blickt immer wieder Verletzlichkeit, Unsicherheit, Zuneigung hervor, ganz kurz jeweils nur, aber dafür umso wirkungsvoller. Die Schauspieler setzen das subtil um – Kevin Costner war nie so gut wie in diesem Film! – und die Regie – ebenfalls Costner – fängt dies mit sorgfältig und durchdacht aufgebauten Bildfolgen, aussergewöhnlichen inszenatorischen Einfällen und viel Detailliebe ein. Die Oberflächlichkeit der Geschichte spielt schliesslich angesichts der Tiefe der Charaktere keine Rolle mehr. Sie tritt in den Hintergrund, und so wird Open Range mehr und mehr und ganz stark zum Porträt zweier einsamer Männer und deren Freundschaft.

Wie Duvall und Costner das spielen, ist beinah hypnotisch. Sie verschmelzen mit ihren Figuren und schaffen eine Nähe, die in einigen Sequenzen zu rühren vermag – etwa in jener, in der sie sich angesichts des nahenden Todes gegenseitig ihre richtigen Namen verraten. In diesem und anderen Momenten vermischt sich Komik mit Tragik, Charley und Boss erscheinen zutiefst menschlich. Das macht diesen Film aus, damit ragt er aus dem Gros der Kinofilme heraus. Denn was hier passiert, ist wahre Kinokunst: Fast ohne Worte, mit Bildern, Gesten und Blicken Wesentliches auszusagen, das über den Inhalt hinausgeht. Manchmal ist ein Film grösser als die Geschichte, die er zu erzählen hat.

Es ist ein Jammer, dass Kevin Costner nach diesem Werk nie mehr Regie geführt hat. Er ist ein überraschend fähiger, feinsinniger Regisseur! Ebenso schade auch, dass Open Range Craig Storpers bislang einziges Kinodrehbuch geblieben ist.

Die Regie: 9 / 10 
Das Drehbuch:  9 / 10 
Die Schauspieler: 10 / 10 
Gesamtnote: 9 / 10

Verfügbarkeit: Open Range gibt es im deutschsprachigen Raum auf DVD und auf Blu-ray (deutsche Synchro und englische Originalfassung mit dt. Untertiteln). Gestreamt werden kann er zudem bei amazon prime video, maxdome, iTunes, Google Play, Videobuster und Rakuten TV. Leider ist er überall nur in der deutschen Synchro abrufbar
Streaming in der Schweiz: amazon prime video und iTunes.
Leider ist der Film im Stream überall nur in der deutschen Synchro abrufbar die ich als missraten bezeichnen muss. Zudem passt Deutsch einfach nicht in die Prärie – man sollte die Cowboys in ihrem US-Slang reden hören, damit die Authentizität gewährleistet ist, welche die Macher mit viel Sorgfalt zu evozieren versuchten. Deshalb empfehle ich die DVD/Blu-ray!

Bewegte Bilder
Der Trailer – sagt leider nicht sehr viel über den Film aus…

Advertisements

Die Frauen (1939)

USA 1939
Mit Norma Shearer, Rosalind Russell, Joan Crawford, Mary Boland, Joan Fontaine, Paulette Goddard, Marjorie Main u.a.
Drehbuch: Jane Murfin und Anita Loos nach dem Bühnenstück von Clare Boothe Luce
Regie: George Cukor

The Women heisst der Hollywood-Filmklassiker aus dem Jahr 1939, der bis in die hinterste Nebenrolle (130 an der Zahl) nur mit Frauen besetzt war (offenbar waren sogar die mitspielenden Tiere alles Weibchen).
Heute ist The Women praktisch vergessen, damals war er in aller Munde – nicht nur, weil sich die Klatschpresse darüber beklagte, dass sie über keinerlei Romanzen am Set berichten konnte. Hinter der Kamera stand ein Regisseur, der in Hollywood als „the ladies‘ director“ bekannt: George Cukor (Gaslight, My Fair Lady).

The Women dreht sich praktisch nur um eines – um Männer. Vor allem um Stephen Haines, den untreuen Gatten der Filmheldin Mary Haines (Shearer). Wie die Geier stürzen sich Marys High-Society-„Freundinnen“ auf die Seitensprung-Geschichte, welche im besten Beauty-Salon der Stadt herumerzählt wird. Schadenfreude und Sensationsgier sind schier grenzenlos, als bekannt wird, dass Stephen mit einer „Gewöhnlichen“, mit einer Parfümverkäuferin angebandelt hat. Die noble Damenwelt delektiert sich richtiggehend an Marys Schicksal, das unabwendbar scheint und schliesslich zur Scheidung führt.
Es gibt – soviel sei verraten – ein Happy End; das läuft zwar der Logik und der Absicht des Vorangegangenen etwas zuwider und ist der damaligen Heile-Welt-Studiopolitik geschuldet, doch es ist so übertrieben und schlau inszeniert, dass es trotzdem ins ironische Gesamtbild passt.

Zugrunde liegt dem Film ein damals populäres Bühnenstück. Drehbuchautorin Jane Murfin, die schon zu Zeiten des Stummfilms für die bewegten Bilder schrieb, hatte das Stück ziemlich wortgetreu für den Film adaptiert. Der damals noch relativ neue „Hayes-Code“ verlangte jedoch, dass sämtliche in den USA hergestellten Filme auf „Antössigkeiten“ überprüft und diese im Voraus eliminiert wurden – andernfalls wäre die Zensurbehörde eingeschritten. Unzählige Dialogstellen in Murfins Drehbuch wurden als „zu gewagt“ gekennzeichnet und zurückgewiesen. Also wurde mit Anita Loos eine weitere Drehbuch-Veteranin engagiert, welche die riskanten Stellen glätten musste – während der laufenden Dreharbeiten. Loos fand einige gewitzte Möglichkeiten, die Anzüglichkeiten zu verstecken – so kommt etwa das Wort „Bitch“ in der Originalfassung mehrmals in eleganter, salonfähiger Umschreibung vor.

Wie die meisten Cukor-Filme besticht auch The Women durch betörende Eleganz, die von der Inszenierung über die Kulissen bis zu den Kostümen das Motto des Film zu bilden scheint – wären da nicht die perfiden Dialoge und der bittere Inhalt, die dem äusseren Schein diametral entgegenstehen. Da wird geheuchelt und gelogen, dass sich die Balken biegen, gewütet und getobt, gekrischen, geflennt und sogar geprügelt, dass es eine Lust ist. Das Stück ist ein gefundenes Fressen für Schauspielerinnen, und man merkt den Beteiligten den Spass an, den sie beim Dreh offenbar hatten.
Die Besetzung ist praktisch perfekt, jede Rolle hat ihre ideale Darstellerin. Rosalind Russell, die sich hier als Vollblutkomödiantin entpuppt, stiehlt als sensationslüstern-hyperaktive Bohnenstange zwar allen anderen die Show, doch die sind alle derart gut, dass ihre Darstellungen neben Russells Glanzleistung haften bleiben.

Trotz der ernsten Thematik trägt The Women alle Insignien einer Screwball-Komödie: Es kommen Reiche drin vor, die sich „komisch“ verhalten (hier: übertrieben sensationslüstern), Slapstick-Elemente, das Tempo der Inszenierung ist hoch und es gibt „Schnellfeuer-Dialoge“, die sich teilweise überlappen. Man muss sich streckenweise stark konzentrieren, um dem rasenden Geplapper folgen zu können.
Das bedeutet auch, dass der Film sein Thema nicht wirklich vertieft; er nimmt es wohl ernst, indem er durchexerziert, was eine Scheidung für eine Frau bedeuten kann, er thematisiert sogar – für jene Zeit aussergewöhnlich – die Nöte der Scheidungs-Kinder; doch immer wieder verfällt er in einen unverbindlich-amüsierten Tonfall, der Tiefe wohl andeutet, sie aber letztlich ausschliesst.

Trotzdem ist The Women ist ein durchwegs amüsantes Kinostück, das noch heute Spass macht und glänzend unterhält, eines jener Glamour-Vehikel, die später zum Markenzeichen des MGM-Studios wurden.

Militante Feministinnen werden sich vom Film wahrscheinlich beleidigt fühlen und ihn deshalb verbieten wollen, da die Frauen alles Clichéetypen sind und einige davon in wenig vorteilhaftes Licht gerückt werden. Wäre Letzteres nicht der Fall, so wäre der Film allerdings todlangweilig. Zudem waren zu jener Zeit auch die Film-Männer Clicéetypen, und einige wurden lächerlich dargestellt. Das gehörte (und gehört) zum Genre der Komödie.

Die Regie: 10 / 10 
Das Drehbuch:  9 / 10 
Die Schauspielerinnen: 9 / 10 
Gesamtnote: 9 / 10

Verfügbarkeit: The Women gab es im deutschsprachigen Raum auf DVD (deutsche Synchro und englische Originalfassung mit dt. Untertiteln); leider ist diese vergriffen und ist nur noch antiquarisch erhältlich. Gestreamt werden kann der Film aber noch, bei maxdome und iTunes (Deutsch und Englisch ohne Untertitel).
Streaming in der Schweiz: iTunes (Deutsch und Englisch ohne Untertitel).

Bewegte Bilder
Ein kurzer Ausschnitt aus dem letzten Akt des Films, der in einer Herberge für geschiedene Frauen im Scheidungsparadies Reno spielt.

Das Fleischermesser an der Gurgel (1927)

FILM AB

USA 1927
Mit Stan Laurel & Oliver Hardy, James Finlayson, Viola Richard, Noah Young
Drehbuch: Hal Roach
Regie: Fred Guiol

Dies ist der zweite Film, in dem Stan Laurel und Oliver Hardy als das Duo, als das alle Welt sie kennt und liebt auftraten (der Vorgänger, Hats Off, ist leider verschollen; er gilt als der eigentliche „Geburtsmoment“ des bekannten Paares). Obwohl ihre Figuren hier noch „Ferdinand Finkleberry“ (Laurel) und „Sherlock Pinkham“ (Hardy) heissen, sind sonst alle Merkmale Stan und Ollies vorhanden – ebenso die Ingredienzien ihrer Komik. Es ist erstaunlich, wie vollständig die beiden Charaktere bereits in ihrem zweiten „Dick & Doof“-Film entwickelt sind, wie ausgereift die Beziehung untereinander!
Zudem finden sich hier zwei Versatzstücke, auf welche die beiden Komiker später immer wieder zurückgriffen: Das Verwechseln der Hüte und der ausgebrochene Schwerverbrecher, der Rache für seine Verhaftung geschworen hat.
Die hier präsentierte Version hat der Youtuber „Arthur Jefferson“ aus der ZDF-Sendung „Zwei Herren dick und doof“ und der Originalfassung des Films zusammengestellt. Hanns Dieter Hüsch spricht den Text – ein zusätzliches Vergnügen!