Monat: Juni 2016

Movie-Magazin 5: Blockade in London – 1949

PASSPORT TO PIMLICO
Grossbritannien 1949
Mit Stanley Holloway, Margareth Rutherford, Hermione Baddeley, Raymond Huntley, Barbara Murray, Paul Dupuis, Basil Radford, Naunton Wayne u.a.
Drehbuch: T.E.B. Clarke
Regie: Henry Cornelius
Dauer: 85 min
Der Film lief 1952 auch in deutschen Kinos, unter dem Titel Blockade in London. Der TV-Titel (1969) hiess Pass nach Pimlico.

Vorspann:
Nachkriegszeit in London: Viele Strassen und Plätze des Arbeiterquartiers Pimlico sind noch immer von zerbombten Hausruinen gesäumt. Demnächst soll eine in einem Krater „schlafende“ Bombe zur Detonation gebracht werden, weil der von ihr belegte Platz mit modernen Bürogebäuden „verschönert“ werden soll. Doch das Ding expoldiert wegen einiger spielender Kinder zu früh – und legt einen Schatz frei. Eine zur Rate gezogene Historikerin (Rutherford) belegt zweifelsfrei, dass es bei dem Schatz um den Besitz des burgundischen Herzogs Karls des Kühnen handelt. Doch noch wichtiger als der Schatz ist ein Freibrief, in welchem der damalige englische Herrscher Karl dem Kühnen das Gebiet des heutigen Londoner Stadtteils Pimlico nicht nur abtritt, sondern dieses zudem als von Britannien unabhängiges burgundisches Gebiet deklariert.
Die Sachlage will es, dass Pimlico mit dem Auftauchen des besagten Briefes aus dem britischen Hoheitsgebiet herausfällt, und dessen Bewohner per sofort als Ausländer gelten.
Die schlitzohrigen „Neu-Ausländer“ finden schnell Wege, die Situation zu ihren Gunsten auszunutzen – zuerst mal mit verlängerten Pub-Öffnungszeiten. Und dann reagiert auch das „Ausland“ – sprich: der Rest Londons – auf die rechtsfreie Zone Pimlico, in welcher sie eine Gelegenheit sehen, die kriegsbedingten Rationierungen und Restriktionen der Regierung zu umgehen. Letztere kommt ins Schwitzen und ergreift Massnahmen, die von den schlauen „Burgundern“ jeweils im Nu wieder unterlaufen werden – und als dann auch noch ein rechtmässiger Nachkomme Karls des Kühnen auftaucht, verschärft dies die Situation zusätzlich…

Der Film:
Es gibt wohl keinen anderen Filmklassiker, der das aktuelle Geschehen in Grossbritannien derart inronisch spiegelt wie diese wundervolle Farce aus dem Jahr 1949. Im Unterschied zu „Brexit“ treten die Briten hier aus Britannien aus, das ja auch aus einem Zusammenschluss mehrerer Staaten besteht. Tatsächlich weist der 1931 gegründete Commonwealth durchaus Ähnlichkeiten mit der EU auf, und der Film wirkt in groben Zügen wie eine Parodie dessen, was die Tage geschieht. Im Detail betrachtet unterscheidet sich „Brexit“ dann doch erheblich von „Pimlico“, und deshalb belassen wir es mit dem Aufzeigen der witzigen Parallele zum Heute. Sie weist allerdings auf die Zeitlosigkeit dieses Werks hin, das trotz seines hohen Alters weder in thematischer noch in dramaturgischer Hinsicht Staub angesetzt hat.

Henry Cornelius‘ erste Regiearbeit ist wahrscheinlich etwas vom Besten, was die legendären britischen Ealing-Filmstudios je verlassen hat. Der Film ist unglaublich: Keine tote Minute, alles scheint in ständiger Bewegung, Akteure, Statisten, Kamera, Requisiten. Die Frames sind voll mit pulsierendem Leben, sind vollgestopft mit Menschen, mit Gesichtern. Ebenso die Handlung – nie würde man glauben, dass nur 85 Minuten vergangen sind, wenn man bei den Schlusstiteln angekommen ist. So viel steckt da thematisch drin, die Handlung nimmt immer wieder neue Wendungen, so schnell, dass man gar nicht dazu kommt, sie vorauszuahnen. Alles ist Tempo, die Handlung, die Bewegungen der Akteuere – meist rennen sie – die Sprache, die Filmmusik (Georges Auric). In seiner umfassenden Beinah-Hysterie ähnelt Passage To Pimlico den atemlosen Komödien Preston Sturges‘.

Das Drehbuch von T.E.B. Clarke ist ein kleines Meisterwerk. Clarke war ein „Ealing-Regular“, der in der Glanzzeit des Studios regelmässig wunderbare Komödien hervorbrachte. Man kennt heute nur noch die Namen der Regisseure, die eng mit dem Begriff „Ealing-Komödie“ verknüpft sind – Alexander MacKendrick, Charles Crichton, Robert Hamer – dabei waren sie gar nicht die Hauptverantwortlichen für das britische Komödienwunder, das bis gegen Ende der Fünfzigerjahre anhielt. Die Regisseure waren im Grunde austauschbar. Ich will ihre Fähigkeiten keineswegs kleinreden, denn auch in der Wahl der Regisseure setzte das Studio auf die fähigsten Leute. Doch was hat Alexander MacKendrick ausser Ladykillers gedeht? Was Robert Hamer ausser Kind Hearts and Coronets (dt.: Adel verpflichtet)? Da muss man doch eine Weile überlegen. Sie waren hervorragende Handwerker – hervorragend, aber austauschbar. Im Gegensatz zu den Autoren.

Die Namen der Autoren hingegen waren und sind ausserhalb Englands höchstens einigen „Film-Buffs“ bekannt. Dabei haben viele von ihnen fortgesetzt wahre Juwelen von Drehbüchern produziert. William Rose, der Autor von Ladykillers etwa schrieb auch It’s A Mad, Mad, Mad, Mad World (dt: Eine total, total verrückte Welt) oder Guess who’s Coming to Dinner (dt.: Rat‘ mal, wer zum Essen kommt). Und auch T.E.B. Clarke hat eine ganze Reihe legendäre Ealing-Erfolge „auf dem Gewissen“ (s.unten). Sie waren es, welche „Ealing“ für seine Komödien berühmt gemacht hatten. Nicht MacKendrick, nicht Crichton und nicht Hamer. Ohne diese grandiosen Autoren wäre das Studio eines unter anderen geblieben.

Natürlich, Filme wie Passport to Pimlico waren letztlich Ensembleleistungen. Weniger fähige Regisseure hätten weniger aus den Steil-Vorlagen herausgeholt. Weniger talentierte Akteure und Aktricen hätten die Pointen nicht derart messerscharf auf den Punkt gebracht. Wie Henry Cornelius etwa die Massenszenen inszeniert und dem Geschehen damit zusätzliche Dynamik und zusätzliche Komik verleiht, das ist ein Glücksfall. Oder auch nicht – ein Grossteil des Erfolgs ist wahrscheinlich Michael Balcon, dem Produzenten zu verdanken, der das richtige Gespür dafür hatte, genau die richtigen Leute für seine Projekte zu wählen.

So war „Ealing“ u.a. bekannt dafür, die Rollen ihrer Filme mit den bestmöglichen Schauspielern zu besetzen. Das führte auch in Passport to Pimlico zu einem ausgewogenen Ensemblestück, in dem keiner einziger abfällt und jede kleine Nebenrolle dank perfekter Besetzung glänzt. Stanley Holloway als bauernschlauer Gemischtwarenhändler, Hermione Baddeley als vulgäre Modeverkäuferin, Basil Radford und Naunton Wayne als verzweifelnde Regierungsbeamte – sie sind nur die bekannten Namen. Die anderen sind genauso glänzend. Und Margareth Rutherford als pathetisch aufspielende Historikerin zeigt, dass sie mehr drauf hatte als Miss Marple.

Die Idee zum Film kam T.E.B. Clarke, als er einen Artikel über die niederländische Prinzessin Juliana in der Zeitung las, welche im kanadischen Exil einen Sohn gebar. Weil die Tradition oder das Gesetz vorschreibt, Thronfolger seien auf niederländischem Grund und Boden zu gebären, musste der Geburtssaal in niederländisches Territorium verwandelt werden. Die Struktur des Films nahm 1948 Gestalt an – die Ereignisse um die Blockade Berlins durch die Sowjetunion gaben Clarke nicht nur den politischen Rahmen, innerhalb dessen sein Schelmenstück vom Stapel laufen konnte, sondern auch Aktualität und Realitätsbezug, die er beide kräftig persifliert. Sogar eine Miniform der Berliner Luftbrücke baute er augenzwinkernd in den Film mit ein.

Passport to Pimlico ist eine Art britischer Trümmerfilm – aber lustig. Weil teils „on location“ gedreht wurde, bildet der Film die Realität eines zerbombten Nachkriegs-Londons ab. Der Wiederaufbau geht schleppend voran, der Markt wird durch die allseits verhassten „Ration-Books“ bestimmt. Die Frustration der Bevölkerung über die auch nach dem Krieg nicht enden wollenden Einschränkungen ist greifbar. Passport to Pimlico ist bei aller Komik auch ein Zeitbild. Dass er bis heute erfrischend aktuell geblieben ist, liegt an Clarkes fabelhaften Drehbuch, das dauerhafte, ernsthafte menschliche und politische Grundthemen wie die Macht der Obrigkeit und den Widerstand dagegen in einer Weise behandelt, die durch ihre genaue und exemplarische Darstellung Modellcharakter aufweist. Der Film könnte noch heute als politisches Lehrstück in Schulen gezeigt werden. Mit Staatskunde dieser Art würde sich garantiert kein Student langweilen!
Passport to Pimlico ist einer jener Filme, den man unbedingt mal sehen sollte!

Abspann:
T.E.B. Clarke schrieb in der Blütezeit der sog. „Ealing-Comedy“ zahlreiche Drehbücher zu mehreren herausragenden Farcen (die bekanntesten davon sind The Titfield Thunderbolt, The Lavender Hill Mob, Barnacle Bill). Clarke war dafür bekannt, für seine Geschichten minuziös zu recherchieren: Was er zu Papier brachte, hatte bei aller Verschrobenheit und Absudität Hand und Fuss und war in der Realität fest verankert. Nicht zuletzt deshalb hat auch Passport to Pimlico bis heute nichts an Aktualität und Frische eingebüsst.
Henry Cornelius war Südafrikaner und ein cinéastischer Tausendsassa. 1931 reiste er nach Berlin, um bei Max Reinhardt zu studieren. Nachdem die Nazis die Macht übernommen hatten, floh er nach Paris, wo er erstmals mit dem Film in Kontakt kam. Nach England gelangte Cornelius 1935, wo er Schnittassistent bei René Clair (für dessen Film The Ghost Goes West, 1936) und Cutter bei Alexander und Zoltan Korda wurde. Zurück in Südafrika arbeitete er an Dokumentarfilmen, um danach wieder nach London überzusiedeln, wo er erst Produktionsassistent  und dann Produktionsleiter bei Ealing wurde. Drehbücher verfasste er ebenfalls. Passport to Pimlico war sein erstes Werk als Regisseur – weitere viereinhalb folgten, denn Cornelius verstarb mitten in den Dreharbeiten zu Law and Disorder (dt.: Herzlich Willkommen im Kittchen, 1958), der von Charles Crichton fertiggestellt wurde. Seine bekanntesten Filme sind Passport to Pimlico und Genevieve (dt.: Die feurige Isabella, 1953).
Stanley Holloway ist vielen Filmfreunden hierzuland in erster Linie als Alfred Doolittle aus George Cukors My Fair Lady (1964) bekannt – seine bis heute erfolgreichste Rolle. Holloway, der ursprünglich Sänger werden wollte, spielte den Doolittle zuvor bereits in der amerikanischen und in der britischen Bühnenproduktion des Musicals; der Song „Wiv A Little Bit O‘ Luck“ wurde zu seinem Markenzeichen. Holloways zweiterfolgreichste Rolle war jene des Butlers Higgins in der US-TV-Serie Our Man Higgins. Liebhaber des britischen Films kennen ihn aus scheinbar zahllosen Filmen, der in Grossbritannien äusserst beliebte Schauspieler wurde immer wieder in Haupt- oder Nebenrollen besetzt. Die Nebenrollen des Bahnangestellten in David Leans Brief Encounter und die des des Totengräbers in Laurence Oliviers Hamlet machten Holloway erstmals einem grossen Publikum bekannt, es folgten Rollen in Meilensteinen wie The Lavender Hill Mob, The Titfield Thunderbolt, und auch in hierzulande weniger bekannten, in England aber geschätzten und geliebten Filmen.

Passport to Pimlico fristet neben anderen bekannten Ealing-Komödien wie Ladykillers oder The Lavender Hill Mob (dt.: Einmal Millionär sein) hierzulande eher ein Schattendasein. Zu Unrecht! Der Film verdient dringendst eine deutsche DVD- oder Blu-ray-Veröffentlichung! Hierzulande ist/war er je weder auf DVD, Blu-ray noch auf VHS erhältlich.
In den England erschien er kürzlich restauriert auf DVD und Blu-ray. Bestellbar zu geringen Versandkosten sind beide hier.

Rezeption:
Der Film gehört zu den bekanntesten und beliebtesten Filmen in England.
Der Plot von Passport to Pimlico stand Pate für die schwedische Radiosendung Mosebacke Monarki, die von 1958 – 1983 erfolgreich lief. Und auch der 1969 entstandene Westdeutsche Fernsehfilm Die Dubrow-Krise von Eberhard Itzenplitz liess sich vom britischen Klasiker inspirieren: Dort schliesst sich eine ostdeutsche Kleinstadt Westdeutschland an.

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Film-Schnipsel

Kurzrezensionen – diese Woche gesehene zeitgenössische Filme:

Philomena (Stephen Frears, GB 2013) Mit Judi Dench, Steve Coogan u.a.
Martin, ein geschasster Polit-TV-Journalist soll eine Home Story über eine alte Dame schreiben, die auf der Suche nach ihrem verlorenen Sohn ist. Nach anfänglichem Widerwillen beginnt ihn Philomena und ihre Geschichte zu interessieren, und er willigt ein, sie auf ihrer Suche zu begleiten.
Als junge Frau wuchs Philomena bei streng gläubigen Nonnen auf; ein Techtelmechtel auf der Kirmes führte zu einer Schwangerschaft – und zu einem Sohn namens Anthony. Die Nonnen gaben ihn zur Adoption frei und so wurde Anthony eines Tages abgeholt – und ward nicht mehr gesehen.
Bei einem Besuch in ihrer alten Wirkungsstätte stellt Martin fest, dass die Nonnen etwas zu verbergen versuchen – und nun gibt es für ihn kein Halten mehr. Mit Philomena im Schlepptau reist Martin nach einigen Recherchen nach Amerika…
„Nach einer wahren Geschichte“ steht im Vorspann zu lesen. Das ist oft kein gutes Zeichen, doch diesmal ist aus einer wahren Geschichte ein packender, brisanter und berührender Film geworden. Steve Coogan hat mit Hilfe von Jeff Pope aus dem Tatsachenbericht ein hervorragendes Drehbuch destilliert, das keinen Moment papieren wirkt und den Wahrheitsanspruch nie über Gebühr strapaziert. Regisseur Stephen Frears hat es einerseits schlüssig und stringent, andererseits künstlerisch ansprechend umgesetzt – die grobkörnigen Rückblenden sind eine Reminiszenz an die „kitchen sink“-Dramen des englischen Kinos, mit denen Frears seine Karriere begann. Und die Schauspieler sind allesamt erste Sahne, perfekt gewählt und überzeugend. Ein empfehlenswerter, reichhaltiger Film mit emotionaler und (kirchen-)politischer Sprengkraft.

Augenfutter:
Anatole Litvaks famoses, vergessenes Cold-War-Drama The Journey (1959) lohnt einen Blick. Hier geht es zu meinem Artikel darüber – und unten kann er angeschaut werden (engl. Originalfassung ohne Untertitel):

Vorschau:
Im Zentrum der kommenden Ausgabe steht der atemberaubende „Film Noir“ Woman on the Run (dt.: Einer weiss zuviel, USA 1950) von Norman Foster. In den Hauptrollen: Ann Sheridan und Dennis O’Keefe. Es geht um eine Frau, die mit Hilfe eines Reporters nach ihrem vermissten Mann sucht. Dieser ist scheinbar spurlos verschwunden, nachdem er einen Mord unter Gangstern beobachtet hat und von der Polizei als Zeuge benötigt wird.

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Movie-Magazin 4: Die Nacht begann am Morgen – 1950

 

MORNING DEPARTURE
Grossbritannien 1950
Mit John Mills, Richard Attenborough, Nigel Patrick, James Hayter, Bernard Lee u.a.
Drehbuch: W.E. Fairchild nach dem gleichnamigen Theaterstück von Kenneth Woollard
Regie: Roy Ward Baker
Dauer: 98 min
Der Film lief 1952 auch in den deutschen Kinos, unter dem Titel Die Nacht begann am Morgen

Vorspann:
Das britische U-Boot „Trojan“ läuft während eines Routinemanövers auf eine seit dem zweiten Weltkrieg unentdeckt im Meer dümpelnde Miene auf und sinkt. Grosse Teile des Schiffs sind beschädigt, ein Teil der Mannschaft ist tot. Ueberlebt hat eine Gruppe von elf Männern im relativ unbeschädigten Mittelteil des Tauchbootes; acht können sich durch die Ausstiegsluken retten. Für drei reichen aber die zum Ausstieg notwendigen Geräte nicht. Sie müssen auf dem Meeresgrund bleiben und während einiger banger Tage auf Rettung hoffen – während der Sauerstoffvorrat langsam zur Neige geht.

Der Film:
Dem Film liegt ein Theaterstück zu Grunde, das merkt man. Verfasst hatte es Kenneth Woollard, ein obskurer Autor, über den rein gar nichts in Erfahrung zu bringen ist, ausser dass er dieses Stück verfasst hat. Ansonsten scheint er nichts oder nichts von Belang geschrieben zu haben. Morning Departure muss allerdings äusserst erfolgreich gewesen sein, denn es wurde vor seiner cinèmatografischen Umsetzung bereits zwei Mal, 1946 und 1948 fürs britische Fernsehen aufbereitet, als „Live TV-Play“. Danach gleich nochmals (1956). Und auch auch die Holländer machten daraus Fernsehspiel, 1959 unter dem Titel: S 14 vermist.

Für den US-Markt wurde der Filmtitel geändert

So verdammt gut, dass es gleich fünf Verfilmungen rechtfertigen würde, ist das Stück aber beileibe nicht. Es gab schon vorher thematisch und dramaturgisch ganz ähnlich geartete Filme; Morning Departure weiss der bekannten Thematik keinerlei Neuerungen oder Variationen beizufügen. Zudem bleibt die Vorlage stets an der Oberfläche, sowohl bezüglich der Figurenzeichnung als auch der Thematik. Die hoffnungslose Ausgangslage schafft ja weiss Gott Raum für tiefschürfende „letzte Fragen“, aber nein, es geht fast ausschliesslich darum, „die Haltung“ zu bewahren. Auch dramaturgisch hat das Stück nicht viel zu bieten. Dass der Autor heute nicht mehr bekannt ist, wundert mich deshalb wenig.
Auch Drehbuchautor W.E. Fairchild, dessen Identität offenbar ebenso unklar zu sein scheint wie jene Woollards, schafft es nicht, die Schwächen der Vorlage genügend zu kaschieren. Dem Film war allerdings ein beachtlicher Kassenerfolg beschieden.

Roy Ward Baker

Das Stück ist das eine, die Verfilmung etwas ganz anderes. Sie ist der Beweis, dass auch mittelmässige Vorlagen einen packenden Film ergeben können, wenn nur die richtigen Leute mit „im Boot“ sitzen. Natürlich ist Morning Departure weit davon entfernt, ein Meisterwerk zu sein; angestaubt und etwas hölzern wirkt er trotz allem, aber das geht m. E. allein auf das Konto der Vorlage. Regisseur Roy Ward Baker (in den Credits als „Roy Baker“ aufgeführt) setzt auf dem beengtem Raum ein visuell abwechslungsreiches und ansprechendes Kammerspiel um, das seine Theaterherkunft zwar nicht leugnen kann, aber immerhin mit schauspielerischen Bestleistungen glänzt. Darauf legt er sein Hauptaugenmerk, und zum Glück hatte er eine Crew zur Hand, die das Möglichste herausholte – auch in den kleinen Nebenrollen.

Den undankbarsten Part hat John Mills: Er gibt den Commander, stets korrekt, aufrecht, steif – und dadurch langweilig. Er darf sich kaum eine Regung erlauben, stellt sich ganz und gar in den Dienst der Sache und hält durch seine ruhige Art die Mannschaft auch in schwerer Zeit zusammen. Interessanter ist da die Rolle des jungen Heizers Snipe, den Richard Attenborough verkörpert. Als das U-Boot auf Grund läuft, droht Snipe durchzudrehen – der Vorfall bringt seine latent vorhandene Klaustrophobie zum Ausbruch, die er allerdings (auf Befehl des Commanders) niederzuringen im Stande ist. James Hayter gibt den gutmütigen Gefreiten Higgins, ein Prolo mit dem Herz am rechten Fleck, die komische Figur des Films, die mit ihren Sprüchen immer wieder für Entspannung sorgt. Und Nigel Patrick überzeugt als abgebrühter Lieutnant Manson, dessen sich zunehmend verschlechternder Gesundheitszustand dem Ganzen zusätzliche Dramatik verleiht. Attenborough, Hayter und Patrick füllen ihre Charaktere durch ihr packendes Spiel so mit Leben, dass das Interesse der Zusachauer permanent lebendig bleibt und man den Film trotz seiner Schwächen als positive Erfahrung bezeichnen kann.
Und irgendwo huscht mal ein junger Mann namens Maurice Joseph Micklewhite durchs Bild, der später als „Michael Caine“ zu Weltruhm gelangen sollte. In Morning Departure hatte er seinen ersten Auftritt in einem langen Spielfilm.

Der Film wäre übrigens kurz vor seinem Start fast zurückgezogen worden: Kurz vor der geplanten Premiere ereignete sich ein reales U-Boot-Unglück mit tragischem Verlauf. Die „HMS Truculent“ sank nach einer Kollision mit einem schwedischen Öltanker, 64 Menschen kamen dabei ums Leben. Nach einigem Hin und Her wurde beschlossen, Morning Departure trotzdem in die Kinos zu bringen, mit einem Hinweis auf die reale Tragödie im Vorspann und dem Zusatz, der Film sei ein „Tribut an die Offiziere und Männer ihrer Majestät U-Boote und an die königliche Marine, deren Teil sie sind.“

Abspann:
Roy Ward Baker ist heute noch vor allem für den grossartigen Titanic-Film A Night To Remember (dt.: Die letzte Nacht der Titanic; GB 1958) bekannt. Sein erstes Engagement als Regisseur hatte er Eric Ambler zu verdanken, der nicht nur Romane schrieb, sondern damals auch Filmproduzent war. Baker drehte auch vier Filme in Amerika, doch seine Titanic-Verfilmung blieb das einzige Werk, das bis heute zum Kanon der grossen Filmklassiker zählt.
Richard Attenborough – oder besser Lord Richard Attenborough – begann 1942 mit der Filmschauspielerei; 1969 wechselte er hinter die Kamera und drehte so denkwürdige Filme wie Oh! What A Lovely War (1969), Gandhi (1982) und Cry Freedom (1987).
John Mills war der englische Schauspieler überhaupt. Naja, neben Ralph Richardson, Michael Redgrave und John Gielgud und ein paar anderen vielleicht. Mills spielte – gefühlt – in jedem zweiten britischen Film mit. Über ihn vielleicht zu späterer Gelegenheit mehr.

Morning Departure ist zwar heute nicht mehr sehr bekannt, trotzdem erschien er in Deutschland auf DVD, gemäss einem amazon-User allerdings offenbar in einer billig gemachten Veröffentlichung. Sie ist inzwischen vergriffen. Die britische Ausgabe kann hier zu vernüftigen Versandkosten bestellt werden.

Rezeption:
Dem Film war in Grossbritannien ein beachtlicher Kassenerfolg beschieden. Offenbar kam er auch und besonders in Amerika gut an (dort wurde sein Titel reisserisch in Operation Disaster geändert) – jedenfalls erhielt Roy Ward Baker darauf ein Angebot, in den USA zu drehen.

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Film-Schnipsel

Kurzrezensionen – diese Woche gesehene Klassiker:

Operation Petticoat (dt: Unternehmen Petticoat; Blake Edwards, USA 1959) Mit Cary Grant, Tony Curtis, Joan O’Brien u.a.
Der zweite U-Boot-Film diese Woche war zwar amüsanter als der im Hauptteil beschriebene, aber so grandios wie sein Ruf fand ich ihn denn doch nicht. Die Abenteuer eines abgetakelten U-Boots und dessen seltsamer Crew dümpelt etwas allzu seicht durch den Pazifischen Ozean und zieht sich allzusehr in die Länge. Eine Kürzung um 30 Minuten hätte ihm gut getan. Cary Grant war zur Zeit des Drehs in seinen Manierismen erstarrt – man hat das Gefühl, er zeigte in jedem Film der späten 50er-Jahre immer dieselben paar Gesichtsregungen – was dem Film zusätzlich Drive wegnimmt. Es gibt ein paar nette Highlight wie das rosarote U-Boot und damit hat sich’s.

Ten North Frederick (dt.: Ein Mann in den besten Jahren; Philip Dunne, USA 1958) Mit Gary Cooper, Diane Varsi, Suzy Parker, Geraldine Fitzgerald u.a.
Gary Cooper drehte zwischen Billy Wilders Love in the Afternoon und John Sturges‘ Man of the West 1958 diesen Film, der heute kaum mehr bekannt ist. Das Familiendrama Ten North Frederick zeigt Cooper als einen aufrechten Gouverneursanwärter, dem eine familieninterne Angelegenheit zum Verhängnis wird und an dem er zerbricht. Schauspielerisch fällt der Film ziemlich flach: Gary Cooper ist komplett fehl besetzt – dem immer aufrechten „Jolly Good Fellow“ nimmt man den an der Skrupellosigkeit seiner Umwelt verzweifelnden alten Mann einfach nicht ab, und mit dem Abgleiten in den Alkoholismus ist Cooper mimisch schlichtweg überfordert. Aber auch das Gros der Nebendarsteller überzeugt schauspielerisch nicht. Das Drehbuch ist noch das Beste an dem Film, obwohl es einige Glaubwürdigkeitslücken aufweist. Es stammt aus der Feder Philip Dunnes, der auch (höchst konventionell) Regie führt.

Calling the Tune (Reginald Denham & Thorold Dickinson, GB 1936) Mit Adele Dixon, Sally Gray, Sam Livesey, Donald Wolfit u.a.
Dieser gründlich vergessene britische Film um die Entstehung der Schallplatte stellt zwei konkurrenzierende Schallplattenhersteller und deren Sprösslinge ins Zentrum. Die Handlung schleppt, die Dekors variieren bis zum dramatischen Höhepunkt wenig und die Darstellerinnen sind von unterschiedlicher Güte. Das Ende ist deutlich von Hitchcock inspiriert und bringt einige visuelle Glanzlichter, die der Film bis dahin fast vollständig vermissen liess. Vin historischem Interesse sind die immer wieder eingeschobenen Auftritte britischer Musik- und Schauspielergrössen, die beim Aufnehmen von Schallplatten zu sehen sind.

Kurzrezensionen – diese Woche gesehene zeitgenössische Filme:

Absolutely Anything (dt.: Zufällig allmächtig, Terry Jones, GB 2015) Mit Simon Pegg, Kate Beckinsale, Rob Riggle u.a.
Filme über Erdenbürger, die plötzlich Superkräfte besitzen gibt es inzwischen nicht wenige. Ich muss zugeben, dass ich bislang keinen einzigen davon gesehen habe. Ausser Absolutely Anything des Monty Python-Mitglieds Terry Jones. Jones, der praktisch für alle Kinofilme der Pythons im Regiestuhl sass, schrieb hierfür auch das Drehbuch. Und das merkt man: Absolutely Anything unterscheidet sich! Die Gags sind wirklich lustig. Vollkommen abgedreht und wunderbar kreativ. Nichts von der Stange. Kein Witz wird acht Mal wiederholt, damit ihn auch der hinterste Doofkopp kapiert.
Simon Pegg ist köstlich als Lehrer Neil, der von einer Gruppe Ausserirdischer per Zufallsprinzip auserkoren wird, Zauberkräfte zu besitzen: Alles was er sich wünscht, geht in Erfüllung. Wendet er seine Kräfte für Gutes an, wird die Erde verschont, tut er nur Böses, soll sie von den Aliens vernichtet werden. Und was macht Neil mit seiner Gabe? Eigentlich nur Blödsinn.
Das hat herrlich subversive Kraft und unterscheidet Absolutely Anything wohltuend von ähnlich gearteten, aber ungleich plumperen amerikanischen Kindsköpfigkeiten.
Robin Williams ist hier in seiner allerletzten Filmrolle zu hören: Er spricht Neils Hund, dem dieser natürlich die menschliche Sprache herbeigewünscht hat.

Augenfutter:
Der oben beschriebene Film, Morning Departure, kann hier in voller Länge und in Originalsprache (ohne Untertitel) betrachtet werden. Bei youtube ist er unter seinem US-Verleihtitel Operation Disaster gelistet.

Vorschau:
Ein weiterer Klassiker des britischen Films kommt in der nächsten Ausgabe aufs Tapet: Die grandiose Komödie Passport To Pimlico (dt.: Barrikade in London / Pass nach Pimlico) von Henry Cornelius aus dem Jahr 1949. Darin spaltet sich ein Stadtteil Londons vom Rest Grossbritanniens ab – mit unglaublichen Folgen.

Movie-Magazin 3: Pakt mit dem Teufel – 1950

LA BEAUTÉ DU DIABLE
Frankreich 1950

Mit Michel Simon, Gérard Philipe, Nicole Besnard, Simone Valère, Raymond Cordy u.a.
Drehbuch: René Clair und Armand Salacrou
Regie: René Clair
Dauer: 91 min

Der Film lief 1950 auch in den deutschen Kinos. Es existieren zwei alternative deutsche Titel: Die Schönheit des Teufels und Pakt mit dem Teufel.

 

Vorspann:
Die Faszination der Faust-Legende beschäftigte Filmemacher über alle Dekaden. Aus Frankreich kommt die Version von René Clair, über dessen Werk hier im Blog schon mehrfach beleuchtet wurde.
Der alte Magister Henri Faust (Simon) wird von Mephisto (Philipe) besucht und wieder ins Jünglingsalter zurückversetzt. Clairs Fassung wartet mit einem besonderen Twist auf: Sobald Faust oder Mephisto jung sind, werden beide Figuren von Gérard Philippe gespielt. Im Alter leiht ihnen Michel Simon das Gesicht.

Der Film:
René Clair folgt in groben Zügen der Faust-Sage. Allerdings verlegt er die Handlung nach Frankreich, in ein nicht näher bestimmtes Zeitalter, in dem Fürsten, Prinzessinnen, Zigeuner und Alchemisten in die Geschicke der Menschen eingriffen. Er baut eine Wendung ein, gemäss jener Faust von Mephisto die Jugend gratis und franko geliefert bekommt, zusammen mit Liebesglück und Reichtum, welche er ihm allerdings kurz darauf wieder wegnimmt, um deren Rückgabe an die Bedingung der „Seelenspende“ zu knüpfen. Diese soll bei Clair nach Fausts Tod vorgenommen werden.

Diese Wendung weist das Problem hin, das der Film hat: Es fehlt ihm eine geradlinige, schlüssige Narration. Immer wieder werden „Umleitungen“ in die Erzählung eingebaut, die an sich unnötig sind und die Zuschauer auf Fährten locken, die schon bald wieder verlassen werden oder die sich als unwichtig erweisen. Der Eindruck von Verzettelung und der Verwirrung wird noch verstärkt durch den befremdenden (oder respektvoller ausgedrückt: originellen) Einsatz bekannter filmischer Mittel, etwa der Überblendung. Clair überblendet immer wieder zu Szenen, die ein paar Sekunden dauern, dann wird zurück-überblendet zum Ausgangspunkt. Wieso? Für einen derart kurzen Exkurs wäre doch ein schneller Schwenk angebracht gewesen. Ein filmerfahrenes Publikum erwartet auf eine Überblendung den Beginn eines neuen „Aktes“. Schwenks werden von Clair auch eingesetzt, zum Überbrücken grosser Zeitsprünge, wo sie ebenfalls deplatziert wirken, da sie üblicherweise für schnelle Ortswechsel eingesetzt werden.
So unterläuft Clair nicht nur mit der Narration, sondern auch mit der Wahl der filmischen Mittel ständig die Erwartungen und Sehgewohnheiten der Zuschauer und entzieht ihnen ständig den Boden unter den Füssen. Absichtlich? In allen Filmen René Clairs (die amerikanischen ausgenommen) fällt der scheinbar deplatzierte Einsatz filmischer Mittel auf, in einigen das Fehlen eines narrativen Zentrums. Hat das mit seinen Anfängen als Avantgarde-Filmer in der Stummfilmzeit zu tun (eine Haltung, die er nie ganz aufgeben mochte)? Oder handelt es sich um Unvermögen?

Der Rest des Films erscheint sonst recht konventionell: Die Dekors, der Einsatz der Musik, das Personal. Der Humor. Drei Dinge machen die oben genannten Irritationen wett: Clairs bezaubernder, verspielter Charme, mit dem er alle seine Geschichten erzählt, sein untrüglicher Sinn für die richtige Portion Humor am richtigen Ort. Und die beiden Hauptdarsteller, denen der Regisseur hier eine Spielwiese bietet, auf welcher er sie zu Höchstform auflaufen lässt.
Michel Simon und Gérard Philipe waren damals die Stars des französischen Kinos – und auch des Theaters. Beide kamen sie von der Bühne und kehrten auch immer wieder dorthin zurück. La beauté du diable trägt dem durch seinen vom klassischen Theater inspirierten Ton Rechnung, indem er gerade den jungen Faust mit leicht pathetischem Tonfall sprechen lässt. Solche kleine ironische Spitzen durchziehen den ganzen Film und geben ihm sein Gesicht. Das ist typisch Clair – so unterschiedlich seine Filme über die verschiedenen Schaffensperioden auch sein mögen, dieser charakteristische heiter-ironische, manchmal leicht frivole Grundton in Bild und Dialog zieht sich unverwechselbar als sein Markenzeichen durch sein gesamtes Werk. Trotz einiger ernsten Sequenzen von Tod und Verderben, welche an atomare Verwüstung erinnern und die Folgen von wissenschaftlichem Grössenwahn illustrieren, bleibt der Grundton von La beauté du diable heiter und luftig.

Und wenn die geschliffenen Dialoge, die witzigen Kapriolen von zwei so grossartigen Theaterlöwen wie Michel Simon und Gérard Philipe gesprochen und ausgeführt werden, dann ist das ein Fest. Während der Visionierung dieses Films kommt man aus dem Grinsen und Staunen kaum heraus. Der Film amüsiert und unterhält von Anfang bis Schluss. La beauté du diable ist schön, solang er währt. Hinterher reibt man sich die Augen und fragt sich: Worum ging’s jetzt da genau? Ich konnte die Handlung seltsamerweise kaum mehr im Detail rekapitulieren.
Das hat stark mit dem bereits erwähnten Umstand zu tun, dass dem Film ein narratives Zentrum fehlt. Immer, wenn sich in La beauté du diable ein Thema herausgeschält hat (der Handel mit der Seele, das Herstellen von Gold und dessen Folgen, die Wissenschaft als Verursacherin von Tod und Zerstörung, das gegeneinander Ausspielen von Reichtum und Armut), hüpft er in eine unerwartete Richtung davon oder geht zum nächsten Thema über. Ein solch ausufernd assoziatives Erzählen verhindert nicht nur Tiefgang, es strapaziert bisweilen auch die Geduld der Zuschauenden.

Michel Simon und Gérard Philipe verstanden sich offenbar nicht besonders gut – Simon blickte auf den jüngeren Kollegen herunter. „Gérard Philipe? Ein Schauspieler? Gestatten Sie, dass ich lache!“, gab er in einem Interview von sich. Philipe sei vor der Kamera doch nur damit beschäftigt, sein Profil ins rechte Licht zu rücken. Da sprach wohl der Neid aus dem viel älteren Kollegen, denn beobachtet man Philipe im Zusammenspiel mit Simon, dann fällt auf, dass dieser erstens sehr wohl grosses schauspielerisches Talent besass und zweitens, dass sein Spiel um einiges bescheidener ausfiel als Simons. Von wegen Eitelkeit: Philipe stellte sich ganz in den Dienst der Inszenierung, während Simon offenbar immer wieder daraus ausbrach und sein eigenes Ding durchzog. Michel Simon macht, entgegen den Absichten des Regisseurs, aus Mephisto eine saftige komödiantische Nummer. So saftig war es von Clair wohl nicht geplant – aber wer widerspricht schon Michel Simon?! Zum Glück hat er ihn gewähren lassen, Simon ist das Herzstück des Films und seine Schmiere bekommt dem Film gut, da er ihm eine gewisse Richtung gibt.

Die „mise en scène“ ist Clair pur. Die bereits erwähnte alles durchziehende Heiterkeit trägt unverkennbar seine Handschrift – Simons entfesselter Mephisto passt da gut hinein. Auch die vielen Effekte und Kameratricks gehörten seit seinem ersten Werk, dem Stummfilm Entr’Acte (siehe unter „Augenfutter“) zu Clairs Markenzeichen. Die Sequenz, in welcher Mephisto dem jungen Faust in einem Salonspiegel die Zukunft zeigt, gehört dabei zu den ausgeklügeltsten Tricksequenzen des Films, vielleicht des französischen Kinos jener Tage überhaupt.

Abspann:
René Clair filmte ab den Fünfzigerjahren immer weniger. Sein folgender Film, Les belles du nuit (dt.: Die Schönen der Nacht, 1952) wieder mit Gérard Philippe in der Hauptrolle, gilt als sein letztes bedeutendes Werk. Bis 1966 stellte er noch vier weitere Filme fertig, wirkte an zwei Episodenfilmen mit und inszenierte eine Folge der TV-Serie Les fables de Lafontaine, dann zog er sich aus dem Filmgeschäft zurück, schrieb und inszenierte Opern und Theaterstücke. 1960 wurde er als erster Filmemacher in die Académie Française gewählt.
Gérard Philipe wurde leider nicht alt, im Jahr 1959 bricht sein Filmschaffen ab. Er hat heute den Stempel des „Schönlings“, weil er in Filmen oft in solchen Rollen besetzt worden war. Dabei trat er im Theater in Stücken von durchaus ernst zu nehmenden zeitgenössischen Autoren wie Albert Camus und Jean Giraudoux, aber auch mit einem klassischen Répertoire auf. Auf der Bühne führte Philipe immer wieder auch selbst Regie. Durch sein anti-amerikanisches Engagement, das sich vor allem auf den kulturellen Bereich bezog, kam er in den „Genuss“ eines Empfangs in der DDR, denn dort wurde sein politischen Engagement ausdrücklich begrüsst und gelobt. Philipe hätte ein Angebot der DEFA nach eigener Aussage nicht ausgeschlossen.
1959 erlag Philipe im Alter von nur 37 Jahren einem Krebsleiden.
Michel Simon war ein Schweizer, der es in Frankreich als Schauspieler zum kaum überbietbarem Ruf brachte. Obwohl er eine Abneigung gegen das Kino hatte und Dreharbeiten hasste, trat er in vielen bekannten Filmen der meisten grossen französischen Regisseure von 1928 bis Anfang der Siebzigerjahre auf. La beauté du diable entstand noch vor seiner Gesichtslähmung, die er sich kurz danach dank der Verwendung eines aggressiven Schminkmittels zuzog. Nach La beauté du diable drehte Simon mit Sacha Guitry den hier im Blog bereits besprochenen La poison (1951).

La beauté du diable war trotz seines relativ geringen Bekanntheits- und Popularitätsgrades im deutschsprachigen Raum auf DVD erhältlich (inzwischen ist sie nicht mehr lieferbar, aber noch gebraucht erhältlich), und zwar in sehr guter Qualität, sowohl in der in Originalsprache mit zuwählbaren deutschen Untertiteln als auch in deutscher Synchronisation.

Rezeption:
Der Film wurde von Kritik und Publikum wohlwollend aufgenommen, verschwand aber nach seiner Erstaufführung in der Versenkung. Die Geringschätzung, die Clair und seinen Werken von einigen Exponenten der „nouvelle vague“ ab Ende der 50er-Jahre öffentlich entgegengebracht wurde, blockierte möglicherweise das Interesse an seinem Werk, das plötzlich als „rückständig“ galt, auf längere Zeit.

 

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Film-Schnipsel

Kurzrezensionen – diese Woche gesehene zeitgenössische Filme:
Danny Collins
(Dan Fogelman, USA 2015) Mit Al Pacino, Annette Bening, Bobby Cannavale, Jennifer Garner, Christopher Plummer, u.a.
So langsam komme ich auf den Geschmack, übersehene Filme auch im zeitgenössischen Filmschaffen aufzuspüren. Dass sich auch da Perlen finden, beweist diese wunderbare geschriebene und gespielte erste Regiearbeit des Drehbuchautors Dan Fogelman („Crazy, Stupid, Love“, „Cars“). Bei uns kam der Film nicht in die Kinos, er wird voraussichtlich im August direkt auf DVD und Blu-ray (unter dem Titel „Mr. Collins‘ zweiter Frühling“) lanciert. Was angesichts der Star-Häufung und der Qualität erstaunt.
Danny Collins (Pacino) ist ein verlebter, abgehalfterter ehemaliger Songwriter/Sänger, der seit Jahren kein neues Lied mehr geschrieben hat und sein Leben mit alten Hits anderer Sänger bestreitet. Er säuft, kokst und ist mit einer viel jüngeren Frau liiert, die ihn mit anderen Männern betrügt. So weit, so bekannt. Eines Tages im Jahr 2014 erhält Collins einen Brief, der sein Leben verändert hätte, wäre er damals (1971) tatsächlich bei ihm angekommen. Geschrieben hat ihn John Lennon. Dieser Brief und seine verspätete Zustellung bewirkt, dass Collins entsetzt realisiert, was er aus seinem Leben gemacht hat. Und vor allem: Was hätte sein können. Zum Leidwesen seines Managers (Plummer) sagt er die geplante Abschiedstournee ab, fährt nach New Jersey und checkt dort in ein teures Hotel ein. Trifft neue Leute. Knüpft neue Bande.
Fogelmans Film schält behutsam und mit viel Feingefühl das Portrait eines scheinbar gescheiterten Menschen heraus, der seine wahre Grösse hinter der Maske des Egoismus verbirgt, der selbst kein Bein auf die Erde bekommt, für andere aber zum Fels in der Brandung wird. Danny Collins ist ein grossartiger Film, hervorragend geschrieben und grandios gespielt, eine Achterbahnfahrt der Gefühle, die in keinem Moment billig wirkt. Ein Film, der den Mut hat, Gefühle zuzulassen und der ganz ohne falsche Töne auskommt.

Augenfutter:
Entr’Acte (René Clair, Frankreich 1923) Mit Eric Satie, Francis Picabia, Man Ray, u.a.
Hier geht es zu meinem Artikel über René Clairs 20-minütigem surrealem Erstlingswerk. Und unten kann er in voller Länge angeschaut werden.

Der klassische Film diese Woche – Blick in andere Film-Blogs:
-Den deutschen Horrorfilm Die Schlangengrube und das Pendel (Harald Reinl, 1967) stellt der Blog Schattenlichter vor und entdeckt die charmant-naive Seite dieses Films. Mit Drehort-Special!
-Und noch ein deutscher Grusel: Die toten Augen von London, Alfred Vohrers Erstlingsfilm, eine Edgar-Wallace-Verfilmung von 1961, beleuchtet von Splattertrash.
-Und gleich nochmals Alfred Vohrer und Edgar Wallace: Schlombies Filmbesprechungen stellt den Hund von Blackwood Castle aus dem Jahr 1968 vor.
L’amore in città betrachtet Mario Monicellis Casanova ’70 aus dem Jahr 1965 – eine absurde „commedia all’italiana“, welche die männlichen Reaktionen auf die damals neue weibliche Selbstbestimmung ad absurdum führt.

Vorschau:
Im Zentrum der nächsten Ausgabe steht eine Art Unterwasser-Kammerspiel: Der britische Klassiker Morning Departure (dt.: Die Nacht begann am Morgen, Roy Ward Baker, 1950) berichtet von einer U-Boot-Crew, die nach einem Unfall auf dem Meeresgrund festsitzt und auf Rettung wartet. John Mills, Richard Attenborough und James Hayter glänzen in ihren Rollen.