Monat: Juni 2015

The Descendants – Familie und andere Angelegenheiten – Alexander Payne

THE DESCENDANTS
USA 2011
Mit George Clooney, Shailene Woodley, Amara Miller, Robert Forster, Beau Bridges, Judy Greer, Matthew Lillard u.a.
Drehbuch: Alexander Payne, Nat Faxon und Jim Rash nach dem Roman von Kaui Hart Hemmings
Regie: Alexander Payne
Deutschsprachige Erstaufführung 2011 unter dem sperrigen und unpassend gutgelaunten Titel The Descendants – Familie und andere Angelegenheiten
Dauer: 115 min
Im deutschspachigen Raum auf DVD und Blu-ray verfügbar

Vorspann:
Letzte Woche hatte ich in den höchsten Tönen von einem Film als einem „unverzichtbaren Lieblingsfilm“ geschwärmt. Nun ist es schon wieder soweit!
Ich schiebe die Schuld dem Zufall in die Schuhe, aber vielleicht hat das ja auch mit einer im fortschreitendem Alter zunehmenden Treffsicherheit in der Auswahl zu tun…
Wie dem auch sei, zuerst zum Inhalt: Matt Kings Frau Elisabeth liegt im Koma: Bootsunfall. Der auf Hawaii lebende Anwalt, Nachkomme einer eingeborenen Königstochter und eines englischen Arztes sieht seine schöne Welt in Brüche gehen. Er schart seine beiden Töchter um sich und versucht, die Situation so gut es geht zu meistern. Nachdem ihm der Arzt eröffnet hat, dass für seine Frau keine Hoffnung mehr bestünde und sie aufgrund ihrer Patientenverfügung bald von den lebenserhaltenden Maschinen abgekoppelt werde, erfährt er, dass sie einen Liebhaber hatte. Da beginnt er eine fieberhafte Suche nach dem Unbekannten. Die Suche wird für ihn und seine Töchter zugleich eine Reise in die Vergangenheit der Familie…

Der Film:
Ein US-Film – und keine Action! Kein Mord! Keine Kalauer! Nur ein Mann, der angesichts des nahen Todes seiner Frau sein Leben in den Griff zu kriegen versucht. Das wird zudem ohne die sattsam bekannten Wendungen, Versatzstücke und Sprüche umgesetzt – und zwar meisterhaft! Mit Bildern, die nachwirken, mit Schauspielern, die über sich selbst hinauswachsen.

Ich gebe es zu: The Descendants ist mein erster Film von Alexander Payne. Manchmal kann man im Nachhinein kaum glauben, dass man die Filme bestimmter Regisseure bislang ausgelassen hatte. In Paynes Fall war eine Kritik schuld, die ich über Paynes neusten Film, Nebraska, gelesen hatte. Der Rezensent meinte, wie in allen seinen Filmen würde der Regisseur wieder der lästerlichen Neigung nachgeben, seine Charaktere lächerlich zu machen. Da ich sowas nicht ausstehen kann, mied ich Payne bislang. Nach der Sichtung von The Descendants frage ich mich nun ernsthaft, ob Kritiker manchmal nicht wissen, worüber sie schreiben. Oder Filme und Regisseure verwechseln. Payne liebt seine Figuren, davon zeugt zumindest dieser Film.

Ein sentimentaler Schmonzes also? Als gäbe es keine Alternative!
Payne legt einen unglaublichen Film hin, nicht nur für hollywood’sche Verhältnisse! Er ist bewundernswert fein austariert, eine Tragödie, aber permanent schwebt die Idee der Komödie mit, allerdings ohne dass der Film je auf die komische Seite kippt. Immer wieder kommt eine Ahnung davon auf, jedesmal verblasst sie wieder. The Descendants wäre ohne dieses „Schweben“ fast nicht auszuhalten. Der Film ist schmerzhaft. Er zeigt einen Sterbeprozess. Schonungslos. Nicht nur den von Matts Frau, auch jenen von Matts Familie. Von Matt selbst. Das ist mit soviel Feingefühl, Takt und Zartheit inszeniert, dass es zu Tränen rührt – obwohl sich Payne und seine Leute keinerlei Sentimentalitäten erlauben. Der Film atmet eine tiefe, empfundene Menschlichkeit, seine humanistische Grundhaltung be-rührt zutiefst.
Von wegen „Figuren lächerlich machen“!

George Clooney ist auf den ersten Blick nicht die einleuchtende Wahl für den gebeutelten Matt. Den Hollywood-Beau kennt man als smarten Soft-Macho. Als Matt ist er zerzaust, vom Schicksal geprügelt, mit tiefen Ringen unter den Dackelblick-Augen. Unentschlossen, zaudernd. Feige. Um am Schluss doch über sich hinauszuwachsen. Er lernt. Und wächst am Leid. Ein unscheinbarer Held des Lebens. Ich habe Clooney noch nie so gut spielen sehen wie hier!

Und auch alle Nebendarsteller sind erstklassig; kaum eine(r) ist bekannt, alle sind sie perfekt besetzt, unvergesslich. Payne und sein Mit-Produzent Jim Taylor hatten viel Zeit und Liebe für das Casting investiert – es hat sich gelohnt: The Descendants ist ein Ensemblefilm geworden, in welchem alles zueinander passt.

Das Leben der sterbenden Elisabeth fügt sich im Verlauf des Films zusammen wie ein Mosaik, ohne Rückblenden; Steinchen für Steinchen tritt ihr Portrait deutlicher zutage, zuletzt glaubt man, sie gekannt zu haben. Dies, obwohl man sie ausschliesslich im Koma liegend zu sehen bekommt. Matts Leben, und auch das seiner Tochter Alexandra, fügt sich ebenfalls Steinchen für Steinchen zusammen – in die Zukunft, zu etwas Neuem. So wird vor der ehrfurchtgebietenden Kulisse Hawaiis durchexerziert, was das ist, das Leben. Oder was es sein könnte. Oder sollte.
Selten habe ich das derart grossartig ausgeführt und so tief ausgelotet gesehen wie in diesem Film.

Payne findet immer wieder Bilder, die verblüffen. Da wird nicht einfach abgefilmt; er sucht Bilder;Bilder, die etwas aussagen, das Geschehen kommentieren oder konterkarieren. Das ergibt immer wieder Überraschungen.
Als Beispiel sei die verblüffende Überblendung gegen Ende des Films erwähnt, wo Matt vor seine versammelten Cousins tritt, um ihnen seine unpopuläre Entscheidung zum geplanten Landverkauf mitzuteilen. Matts Hinterkopf bildet das Zentrum der Bildkomposition, links und rechts davon, im Hintergrund, sind die Männer in gespannter Erwartungshaltung zu sehen. Das Bild ist geschickt so komponiert, dass man Matts Angst körperlich spürt. Und dann überblendet Payne einfach. Bevor die Situation aufgelöst ist. Wir erfahren nicht, wie Matts Nachricht aufgenommen wird. „Unwichtig“, scheint Payne zu sagen. Matts Hinterkopf bleibt während der Überblendung unverändert in der Bildmitte, die Cousins um ihn verblassen, Elisabeths Krankenzimmer erscheint an deren Stelle mit Matts beiden Töchter drin. Seine Familie. Jetzt drückt das Bild etwas gänzlich anderes aus. Matt bleibt das Zentrum. Die Überblendung bringt ohne Worte Matts inneren Wandel zum Ausdruck, macht deutlich, dass Matt realisiert hat, wo er die ganzen Jahre eigentlich hingehört hätte. Brilliant!
Ein Beispiel, es gäbe dutzende.

Mit diesem Film ist mir klar geworden, dass Alexander Payne zu den grossen Filmemachern unserer Zeit gehört. Falls seine anderen Filme halten, was The Descendants verspricht. Sollte es sich hier nur um eine Ausnahme handeln, dann gebührt zumindest The Descendants Eingang in die Filmgeschichte. Er ist ein Meisterwerk!
Doch an eine Ausnahme glaube ich, ehrlich gesagt, nicht. Talentiert ist man nicht nur zwischendurch.

Abspann:
Was die Leute am wenigsten mögen: Als dumm bezeichnet zu werden. Alle anderen Beleidigungen lösen in der Regel weniger Empörung und Protest (oder Schlimmeres) aus. Aber nenne jemanden „dumm“ – und gleich ist die Hölle los. Liegt das daran, dass „Dummheit“ sich in vielen Fällen nicht beweisen lässt? Oder weil das Attribut als solches so unscharf ist?
Eine Arbeitskollegin machte mich kürzlich mit dem Begriff „emotionale Dummheit“ bekannt. Auch gescheite, wortgewandte Leute können auf emotionaler Ebene dumm sein.
„Dumm“ ist ein unpräziser Begriff. „Emotional dumm“ ist schon besser. Aber auch so darf man niemanden ungestraft titulieren. Warum reagieren die meisten Leute derart stark darauf? Hat die Bauernregel recht, die besagt: Je deutlicher man ins Schwarze trifft, desto stärker die Reaktion?
Was soll dieser Exkurs überhaupt hier? Als ich im Netz Rezensionen zu The Descendants las, rieb ich mir bei nicht wenigen ungläubig die Augen. Nun frage ich mich ernsthaft, ob man Leute aufgrund derer Texte der emotionalen Dummheit bezichtigen kann/ darf/ soll…
Fragen über Fragen. Und ich finde keine Antworten; für solch hochstehende Fragen reichen meine kognitiven Fähigkeiten offensichtlich nicht aus…

Forgotten Films: Stars in my Crown

STARS IN MY CROWN
USA 1950
Mit Joel McCrea, Dean Stockwell, James Mitchell, Ellen Drew, Amanda Blake, Alan Hale, Juano Hernandez, Ed Begley, Lewis Stone, u.a.
Regie: Jacques Tourneur
Drehbuch: Margareth Fitts nach einem Roman von Joe David Brown
Der Film war im deutschsprachigen Raum nie zu sehen.
Dauer: 89 min

Vorspann:
Inhalt: Der Film dreht sich um die Leute des Städtchens Walsburg. Im Zentrum stehen Reverend Josiah Gray, der in Walsburg die Sache der Religion vertritt, und der junge Arzt Daniel Harris, ein Mann der Wissenschaft. Die beiden Kontrahenten sind sich zunächst nicht grün, besonders der Doktor kann und will die „irrationale“ Weltsicht des hemdsärmligen Priesters nicht verstehen. Die Ereignisse werden von einem Erzähler aus dem Off kommentiert, dem inzwischen erwachsenen Adoptivsohn der Pastorenfamilie. Die Geschehnisse werden aus der Sicht des Kindes erzählt, gefiltert durch die Erfahrung des inzwischen Erwachsenen.

Der Film:
Den Regisseur Jacques Tourneur kennen Filmfreunde vor allem dank seiner Horrofilme (Cat People, I Wakled With A Zombie, The Comedy of Terrors). Der Film hingegen, der ihm selbst der liebste war, ist heute praktisch unbekannt, obwohl er damals doch ganz gute Einspielergebnisse erzielte: Stars in my Crown. Der Filmtitel stammt von einem Kirchenlied, dem Lieblingslied des streitbaren Reverend aus dem Film. Ein religiöses Werk des Horror-Spezialisten?

Stars in my Crown ist in erster Linie ein Film über eine Gemeinschaft. Religion spielt eine sekundäre Rolle, allerdings eine wichtige. Es sind vor allem die ethischen Aspekte der Religion, die der Film betont uns sie als essentiell für das funktionierende Zusammenleben in der Gemeinschaft herausarbeitet. „Die Gemeinschaft“ wird dabei nie verniedlicht, die in ihr waltenden negativen Kräfte „Dummheit“, „Engstirnigkeit“ und „Eigennutz“ und damit verbundene Erscheinungen werden keineswegs ausgeblendet.

Als ordnende Kraft im Dorf waltet Reverend Gray. Joel McCrea spielt ihn, und damit fällt ihm die schwierigste Rolle in diesem Ensemblestück zu. Leider fehlt ihm dazu das schauspielerische Format. Weil jedoch das Drehbuch clever genug ist, den Fokus nicht ausschliesslich auf ihn zu richten, sondern einerseits diesen gleichgewichtig auf andere Protagonisten verteilt und dem Reverend andererseits einen höchst interessant gezeichneten Widersacher  zur Seite stellt, fällt McCreas schauspielerische Limitiertheit hier nicht allzu schwer ins Gewicht.

Der Darsteller des Widersachers, der wenig bekannte, aber grossartige James Mitchell, legt seinen Doktor als gebrochene Figur an, als steifen Mann der Wissenschaft, der seine Unsicherheit hinter arrogantem Gehabe versteckt. Er passt so gar nicht in die hemdsärmelige Welt Walburgs. Denn auch der Pastor ist kein „Heiliger“; das Drehbuch macht klar, dass er früher als Soldat im Civil War gekämpft hat, seinen besten Freund, den rauhbeinigen Farmer Jed kennt er aus jener Zeit. Und mit Bibelsprüchen hat er wenig am Hut; viel lieber sorgt er handfest für Ordnung.

In der idyllischen Dorfgemeinschaft darf natürlich die junge Lehrerin nicht fehlen, ebensowenig der alte Afroamerikaner, der hier auf den ulkigen Namen „Uncle Famous“ hört – und auf der Negativ-Seite der fiese Minenbesitzer. Letzterer setzt Uncle Famous übel zu, weil er ihm sein Land nicht abtreten will – weder billig noch sonstwie. Nach einigen erfolglosen Strafaktionen gegen den Schwarzen rückt gegen Ende des Films der vom Minen-Boss orchestrierte Ku-Klux-Clan an. Dem Reverend ist klar, wer von seinen „Schäfchen“ da unter den weissen Kappen steckt, und er rückt aus, um Uncle Famous vor der Lynchjustiz zu bewahren. Breitbeinig tritt er vor die unheimlich vermummte, mordlüsterne Gesellschaft, und man spürt, dass nun der entscheidende Moment des Films gekommen ist: Die Qualität der folgenden Sequenz wird darüber entscheiden, wie der bis dahin überraschend erfrischende und spannende Film in Erinnerung bleiben wird – als guter Film mit flachem Ende oder als rundum gelungene positive Überraschung. Man kennt solche entscheidenden Momente; leider fallen sie oft zu Ungunsten des Werks aus.

Doch was hier folgt, hätte eigentlich Eingang in die Filmgeschichte gefunden haben sollen. Die handwerklich wie konzeptionell meisterhafte Sequenz bringt den Film auf den Punkt und verleiht ihm genau die Tiefe, die ihm bislang noch gefehlt hat. Sie rundet ihn ab zu einem unvergesslichen, ehrlichen Werk über das Leben in einer kleinen Gemeinschaft und dessen Gesichter. Stars in my Crown ist einer jener Filme, nach deren Sichtung man sich verwundert fragt, weshalb the hell  dieses hervorragende Werk nur in Vergessenheit geraten konnte.

Stars in my Crown hat – man hat es längst gemerkt – einen hohen Stellenwert in meiner Film-Werteskala. Es ist ein aussergewöhnliches Werk, nicht nur, weil es sich in kein Genre richtig einordnen lässt. Wir haben es hier mit einer Art positiven Utopie zu tun, und schon dieser Umstand wird Viele naserümpfend zurückzucken lassen. Obwohl man dem Film eine gewisse – allerdings durchwegs bodenständige, ehrliche – Naivität nicht absprechen kann, kippt er – mit einer Ausnahme – nie ins Süsslich-Abgehobene, sondern bleibt in seinem Verhaftetsein im Positiven realistisch und nüchtern. Man kann sich vorstellen, dass eine Gemeinschaft wie jene in Walsburg zu ihrer Zeit tatsächlich so funktionieren konnte, wie sie dies im Film tut. Akzeptiert man dies, so ist der Blick frei auf die handwerklich hohen Qualitäten dieses keinen Films.

Das Buch und die Leinwandadaption stammt vom selben Joe David Brown, dem wir auch Paper Moon zu verdanken haben. Ein ganz ähnlich kauzig-unterkühlter Unterton durchzieht auch diesen Film, die Figuren sind interessant gezeichnet, mit kleinen Ecken und Kanten, und ihre Beziehungen entwickeln sich nie in vorhersehbaren Bahnen. Kommt dazu, dass man geradezu greifbar Jacques Tourneurs Liebe zu diesem Stoff spürt – und das erhebt den Film über das Konfektionswaren-Niveau hinaus. Tourneur soll ja richtiggehend darum gekämpft haben, den Film machen zu dürfen, offenbar wäre er sogar dazu bereit gewesen, auf eine Gage zu verzichten, hätte MGM-Boss Edgar J. Mannix einen anderen Regisseur engagiert.

Der Film ist für mich eine jener angenehmen Überraschungen, die man gerade deshalb lieb gewinnt, weil sie einen so unvorbereitet beglücken; und weil er einen ähnlich naiven, warmherzigen Charme besitzt wie die besten Filme Frank Capras, von ihm eine ähnlich Magie ausgeht – und in ihm ebensoviel Wahrheit über das Leben, die Sehnsüchte und Hoffnungen der Menschen liegt – gehört Stars in my Crown ab sofort zum Kanon meiner „unverzichtbaren Lieblingsfilme“. Auch wenn er weit davon entfernt ist, ein Meisterwerk zu sein.

Abspann:
Joel McCrea war ein Star und ist heute vor allem für seine Mitwirkung in Western oder als Titelheld von Hitchcocks Foreign Correspondent oder Preston Sturges‘ Sullivan’s Travels bekannt. Vor Stars in my Crown war er im Western The Outriders von Roy Rowland zu sehen, danach im Western Saddle Tramp von Hugo Fregonese. Alle drei Filme entstanden 1950.
James Mitchell spielte im Vorjahr in Anthony Manns Film noir Border Incident, nach Stars in my Crown war er in Norman Taurogs The Toast of New Orleans an der Seite von Mario Lanza und David Niven zu sehen.
Dean Stockwell hatte als Kinderstar angefangen und ist heute noch ein gefragter Mann in Hollywood. Seine bekannteste Rolle ist wohl jene des Ben in David Lynchs Blue Velvet.
Jacques Tourneur drehte natürlich nicht nur Horrorstreifen, er war in fast allen Genres zu Hause; vor Stars in my Crown entstand unter seiner Regie das Baseball-Drama Easy Living (1949), danach unternahm er mit The Flame and the Arrow (1950) einen Ausflug ins Mittelalter.

 

 

Versteckte Filmperlen: Zwei in einem Stiefel

Ab sofort gibt es hier eine neue Sparte: „Versteckte Filmperlen“. Sie soll auf wenig bis gar nicht bekannte Filme hinweisen, die im deutschsprachigen Raum auf DVD oder Blu-ray greifbar sind, dort aber eher ein Nischendasein fristen. Also nicht die n-te Besprechung von Casablanca, Singin‘ in the Rain oder Rio Bravo ist hier zu finden, sondern Werke, von denen der eine oder andere Filmfreund nicht mal ahnt, dass sie bei uns auf Scheibe erhältlich sind. Den Anfang macht eine wunderbare comedia all‘ italiana.

IL FEDERALE
Italien 1961
Mit Ugo Tognazzi, Georges Wilson, Stefania Sandrelli, u.a.
Drehbuch: Castellano & Pippolo (Franco Castellano & Giuseppe Moccia), Luciano Salce
Regie: Luciano Salce
Deutschsprachige Kino-Erstaufführung 1962 unter dem Titel Zwei in einem Steifel
Dauer: 87 min
Im deutschspachigen Raum auf DVD verfügbar

Manchmal staunt man: Plötzlich taucht ein alter italienischer Film aus den frühen Sechzigerjahren auf dem deutschsprachigen DVD-Markt auf, dessen Regisseur nicht mal eingefleischten Cinéasten bekannt sein dürfte und dessen bekanntester Schauspieler, Ugo Tognazzi, gerade mal bei der älteren Generation unter den Filmfreunden Assoziationen weckt. Weshalb zum Teufel ausgerechnet dieser Film bei uns auf DVD veröffentlicht wird, bleibt ein Rätsel. Aber eigentlich ist der Grund egal, denn hier handelt es sich um einen Glücksfall!

Il Federale, wie der Film im italienischen Original heisst – und in Italien ist der Film absolut nicht vergessen – spielt 1944, während weite Teile Italiens noch von den Wehrmacht besetzt waren. Innerhalb des Irrsinns, den die Nazis anrichten, enspinnt sich eine kleine menschliche Komödie um zwei völlig gegensätzliche Individuen, einen Humanisten und einen Faschisten, die eine Reise zusammen antreten, die quer durch ein vom Krieg malträtiertes Land und tief ins innere der italienischen Seele führt.

Primo Arcovazzi (Tognazzi), ein einfach gestrickter, aber im Grunde herzensguter Soldat Mussolinis, soll den geflüchteten Professor Bonafé, vorgesehenes Mitglied der künftigen (hoffentlich) demokratischen Regierung in Gewahrsam nehmen und ihn von den Abruzzen ins faschistische Zentrum nach Rom verfrachten. Als Belohnung soll er zum Provinzsekretär (Federale) befördert werden. Ein Motorrad mit Seitenwagen dient als Transportmittel – jedenfalls zu Beginn. Der schlaue Professor büxt aber immer wieder aus oder hält den armen Primo sonstwie auf Trab, jedenfalls wird die Reise zur ausgewachsenen Odysee, auf der die beiden ungleichen Gefährten die Nöte und Schutzmechanismen einer vom Wahnsinn des Krieges gebeutelten Bevölkerung kennenlernen. Das ergibt Momente von schönstem filmischem Aberwitz, aber auch leise, berührende Episoden, die allerdings nie ins Pathos abgleiten.

Regisseur Salce setzt das wunderbar kauzige und untergründig witzige Drehbuch genau richtig um: Mit trockenem Understatement und sicherem Gespür für die Figuren. Bonafé und Arcovazzi sind zwei unvergessliche, komplett gegensätzliche Figuren, die sich auf dem Weg nach Rom annähern und sich gegenseitig respektieren lernen. Die beiden werden von Tognazzi und Wilson grandios verkörpert, wobei sich Wilsons stoischer Lakonismus komplementär vom hyperaktiven Machismo Tognazzis abhebt.

Luciano Salce, ein heute völlig vergessener Regisseur, hat insgesamt 36 Filme gedreht und wirkte als Schauspieler in Filmen seiner Kollegen mit. Il federale lässt den Schluss zu, dass er ein guter Handwerker war, der ein gutes Drehbuch adäquat umsetzen und seine Schauspieler zu Bestleistungen animieren konnte. Bekannt ist der 1989 verstorbene Salce – zumindest in Italien – heute noch für seine beiden Fantozzi-Verfilmungen mit Paolo Vilaggio in der Titelrolle.
Der bekannteste Name, der in den Credits auftaucht, ist jener Ennio Morricones. Er schrieb die vollschräge und höchst vergnügliche Filmmusik zu Il Federale. Damals war Morricone der Filmwelt noch völlig unbekannt. Die Musik zu diesem Film war die erste, für die sein Name in den Credits erschien. Zuvor komponierte er noch – ohne im Vorspann genannt zu werden – die Musik zum 1959 erschienen Film Morte di un amico von Franco Rossi. Danach kamen – bis heute – 526 weitere Scores. Der Mann ist heute 87!
Übrigens weckt Il federale Assoziationen zu Martin Brests Midnight Run. Beide Filme haben praktisch dieselbe Ausgangslage; ersetzt man „die Nazis“ im einem Film mit „der Mafia“ im anderen, wird es augenfällig. Hat Hollywood sich da einmal mehr bei der commedia all‘ italiana bedient?

Erstaunlich, dass so ein alter, kaum mehr bekannter italienischer Film überhaupt den Weg auf den deutschsprachigen DVD-Markt findet. In der Serie „Kriegsfilm-Klassiker“ veröffentlichte die MIG Filmgroup diese Perle in einer Edition, die zwar ohne Extras daherkommt, dafür aber sonst vorbildlich ist: Die Bildqualität ist hervorragend, es gibt sowohl eine deutsche Synchron- als auch die italienische Originalfassung, die Untertitel sind zuschaltbar (wahlweise weiss oder gelb), die Übersetzung ist akkurat und stimmig.
Und der Film ist hervorragend! Eine commedia all‘ italiana, deren skurriler, schlitzohriger Witz eine wahre Freude ist! Zwei in einem Stiefel ist ein DVD-Glücksfall für Freunde und Sammler von Filmklassikern. Mein Tipp: Zugreifen – solange die DVD noch erhältlich ist!