Der Schatz der Sierra Madre – John Huston

THE TREASURE OF THE SIERRA MADRE
USA 1948
Mit Humphrey Bogart, Walter Huston, Tim Holt, Bruce Bennet, Alfonso Bedoya, Barton MacLane, u.a.
Regie und Drehbuch: John Huston
Deutschsprachige Kinopremiere 1949 unter dem Titel Der Schatz der Sierra Madre
Dauer: 128 min
Im deutschsprachigen Raum auf Blu-ray verfügbar

Vorspann:
Inhalt: Zwei mittellose Amerikaner, Dobbs und Curtin, hangeln sich im mexikanischen Tampico von einem Gelegenheitsjob zum nächsten, als sie in einem Nachtasyl auf den alten Goldgräber Howard treffen, der von einem Goldvorkommen in den Bergen der Sierra Madre weiss. Trotz Howards Bedenken und Warnungen planen sie, zu dritt dort nach Gold zu suchen und dann ein neues Leben anzufangen. Nach etlichen Strapazen und Entbehrungen werden sie fündig, bekommen es aber mit mexikanischen Banditen, einem rivalisierenden Goldsucher und vor allem mit der Charakterschwäche Dobbs‘ zu tun. Dieser entwickelt mit der Zeit paranoide Züge und misstraut seinen Kumpanen zunehmend, was schliesslich zu einem bösen Ende führt…

Der Film:
John Huston hat 47 Filme gedreht. Sein vierter, The Treasure of the Sierra Madre, ist bis heute sein bekanntestes und, wie viele meinen, sein bestes Werk geblieben. Es hat in all den Jahren nichts von seiner Wirkung eingebüsst und wirkt heute so frisch und aktuell wie vor 66 Jahren. Sowohl Humphrey Bogart als auch Walter Huston liefern hier die besten Leistungen ihrer Karrieren ab, und der Regisseur wurde dafür mit zwei Oscars ausgezeichnet.

Das Drehbuch
Dem Film liegt B. Travens gleichnamiger Roman zugrunde. Der mysteriöse Autor, der zurückgezogen lebte und dessen wahre Identität bis heute nicht geklärt ist, hatte Kontakt zu Huston und gab, zumindest brieflich, Anregungen fürs Drehbuch und für die Verfilmung. Das Drehbuch verfasste Huston innerhalb von zwei Monaten selbst. Trotz der kurzen Entstehungszeit gibt es wohl wenige Drehbücher, deren Konstruktion derart funktional und klar sind wie dieses. Da ist kein Satz zuviel, keine Einstellung überflüssig, jede Episode ist in der richtigen Länge am richtigen Platz, sodass später darauf aufgebaut werden kann. Wenn zum Beispiel der von Walter Huston gespielte Goldgräber die Unscheinbarkeit von naturbelassenem Gold aufzeigt, dann ist dies einerseits interessant und wissenswert, andererseits ist die Sequenz essentiell für die Glaubwürdigkeit der „Schlusspointe“.
Das Drehbuch – und auch der fertige Film – ist von einer Perfektion, der auch eine gewisse Kälte innewohnt. Es scheint auf den ersten Blick simpel: Sein Aufbau ist geradlinig und folgt nüchtern und konventionell der vorgegebenen Abfolge von Ereignissen. Doch für damalige Verhältnisse birgt es Unerhörtes: Im Zentrum der Geschichte steht ein Mann, dem nach und nach seine Contenance, ja die Menschlichkeit abhanden kommt, der sich zum verkommenen Schuft mausert statt zum strahlenden Helden. Zudem gibt es keine einzige auch nur halbwegs wichtige weibliche Rolle in der Geschichte. Dafür seitenweise Dialoge in mexikanischem Spanisch, die nicht übersetzt werden.

Die Regie
The Treasure of the Sierra Madre
hat, nicht nur dank der mexikanischen Dialoge, einen authentischen „Look“, der einem Hollywood-erprobten Filmfan auch heute noch ins Auge springt. Es gibt zwar durchaus die damals gängigen Rückprojektionen – ein kleiner Teil des Films wurde im Warner-Studio gedreht – doch der Rest des Films atmet echte, exotische Abenteuer- und Goldgräber-Atmosphäre. Die Crew flog nach den Studioaufnahmen für mehrere Wochen nach Mexico, um vor Ort zu weiterzudrehen – ein damals teurer und schwer berechenbarer „Spass“. Studioboss Jack Warner war jedenfalls nicht sehr begeistert, nicht zuletzt weil er so kaum mehr Kontrolle über seine Truppe hatte. „Filming on location“ gab es in Hollywood zwar durchaus vor John Huston, doch die Tatsache, dass in Treasure of the Sierra Madre auch lokale Akteure in Nebenrollen eingesetzt wurden, verlieh dieser Produktion eine vorher nicht gekannte Authentizität.
Und das ist denn wohl auch Hustons Markenzeichen. Nicht ausgeklügelte Kamerawinkel oder -fahrten, keine aussergewöhnliche Cinématorafie machen seinen Stil aus, sondern eine geradlinige, authentische Erzählweise.

Die Schauspieler
Humphrey Bogart und Hustons Vater Walter laufen in diesem Film zu Höchstform auf, letzterer erhielt für seine Darstellung des alten Goldgräbers einen Oscar. Auch Tim Holt und sämtliche Nebendarsteller sind hervorragend. Einer davon ist John Huston selbst, der in einer kleinen Rolle den reichen Americano gibt, der vom völlig abgebrannten Humphrey Bogart drei Mal um Almosen angebettelt wird. Bei der dritten Spende sagt er: „Das ist aber das letzte Mal! Nun musst Du lernen, ohne meine Hilfe auf eigenen Beinen zu stehen“. Wenn man weiss, dass Hustons Film The Maltese Falcon Bogart zum Star gemacht hat, dann versteht man den Satz als einen dieser kleinen Insiderwitze, welche Huston gerne und immer wieder in seine Filme eingebaut hatte. Ein anderer: Nicht nur des Regisseurs eigener Vater spielt in Trasure mit, auch Tim Holts Vater Jack – ebenfalls ein Schauspieler-Veteran – gab Huston eine kleine Rolle am Anfang des Films, wo dieser als Gast an der Bar sitzt, und Bogarts und Holts Gespräch über ihre geplante Goldsuche kommentiert.

Psychologische Studie
Die zentrale Figur in Treasure ist zweifellos der von Bogey verkörperte Fred C. Dobbs, ein schwacher, psychisch labiler und unberechenbarer Charakter, der angesichts des Goldfundes immer mehr von seiner Menschlichkeit, die er zu Beginn durchaus besitzt, abgibt. In den letzten Einstellung ist er mehr Tier als Mensch. Wie Bogart diesen äusserst schwierigen und heiklen Part des Zerfalls spielt, ist schlichtweg grossartig! Er ist erschreckend glaubwürdig – und man fühlt Mitleid mit ihm. Psychologisch ist die Figur hervorragend gezeichnet, doch Bogart füllt sie derart mit Fleisch und Leben, dass man mitunter Gänsehaut kriegt. Sämtliche anderen Figuren sind Echos dieses bemitleidens- und hassenswerten Frank C. Dobbs: Tim Holt stellt eine Art Zwillingsfigur dar, die aber genügend Charakterstärke besitzt um moralisch integer zu bleiben. Auch Walter Hustons Figur Howard spiegelt Dobbs; der Film lässt durchblicken, dass er in jüngeren Jahren dasselbe durchgemacht hatte wie Dobbs, aber gestärkt und weiser daraus hervorgegangen ist. Dobbs hingegen wird das Unternehmen das Leben kosten.

Autorenfilm
Es lässt sich darüber streiten, ob The Treasure of the Sierra Madre ein Schauspielerfilm oder ein Autorenfilm ist. Bedes trifft zu, und in beiden Sparten leistet er Beachtliches. Huston trotzte Jack Warner mehrere Zugeständnisse ab, den Film so zu drehen, wie er sich das vostellte. Am Ende war Warner begeistert. Er rief nach der Visionierung aus, eben den besten Film gesehen zu haben, den sein Studio bislang produziert hätte. Das Autorenkino, so lässt sich der Schluss ziehen, war im rigiden Studiosystem Hollywoods durchaus möglich – wenn ein Regisseur mutig und durchsetzungskräftig genug war, sich zu behaupten. Huston setzte sich zum Teil arglos einfach über Warners Befehle hinweg; dieser war ja weit weg im fernen Hollywood und konnte mit der Crew in Mexiko nur indirekt kommunizieren.

Zuordnungs-Dilemma
Trotz Warners Begeisterung war The Trasure of the Sierra Madre ein Flop. Bogarts Rolle enttäuschte seine Fans, die ihn als hartgesottenen, coolen Typen (The Maltese Falcon, The Big Sleep, Casablanca) sehen wollten. Und dann stellte sich der Film als schwierig zu vermarkten heraus, da er sich keinem Genre eindeutig zuordnen lässt. Es gibt nicht mal eine Liebesgeschichte, Frauen kommen bis auf zwei kurze Ausnahmen nicht einmal vor. Bei der Oscar-Verleihung räumte Trasure zwar ab (bester Film, bestes Drehbuch, bester männlicher Nebendarsteller), sein Ruhm wuchs aber erst über die Jahre. Heute gilt er als Musterbeispiel des Abenteuerfilms. Ich sehe ihn allerdings viel eher als Musterbeispiel psychologischer Figurenzeichnung im Film. Denn obwohl immer wieder auf die erzieherisch-moralische Komponente des Films hingewiesen wird („Gold/Reichtum verdirbt den Charakter“) gilt diese eigentlich nur in Hinsicht auf Bogarts Figur. Die anderen Figuren zeigen, wie ein gefestigter Charakter auf Reichtum durchaus ganz anders reagieren kann. Huston ging es in seinem Film in erster Linie darum, seine Adaption von Travens Roman möglichst komsequent nach seinen Vorstellungen umzusetzen und gute Arbeit abzuliefern; eine, die nicht langweilt, zum Nachdenken anregt und beim Drehen Spass macht! Die Moral ist Beigemüse.

Abspann:
Humphrey Bogart konnte nach diesem Film noch in neunzehn Filmen mitspielen. Bogeys nächster Film hiess Key Largo und wurde ebenfalls von John Huston gedreht – im selben Jahr wie Treasure.
Walter Huston war nach Trasure noch drei weiteren Filmen zu sehen; er verstarb 1950 im Alter von 67 Jahren. Nach Trasure spielte er – ebenfalls im selben Jahr – im Mickey Rooney – Judy Garland- Musical Summer Holiday mit.
Tim Holt trat in vielen B-Western auf und wurde nie richtig bekannt. In Orson Welles Magnificent Ambersons, John Fords My Darling Clementine und Treasure spielte er seine wichtigsten Rollen.

 

 

Advertisements

Ein Kommentar

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s