Personen

Harry Langdon – der „vierte Clown“?

LONG PANTS
USA 1927
Mit Harry Langdon, Priscilla Bonner, Alma Bennett u.a.
Regie: Frank Capra
Dauer: 58 min

Chaplin gilt als der erste, Keaton ist „der zweite“ , Harold Lloyd „der dritte“ – aber wer ist „the fourth clown“, von dem manchmal die Rede ist? Dieses Prädikat weisen einige Slapstickfans und Filmspezialisten dem US-Komiker Harry Langdon zu, der heute fast nur noch spezialisierten (Stumm-)Filmfreunden und Filmhistorikern bekannt ist. Von seinen Anhängern wird er gern in einem Atemzug mit den „grossen drei“ genannt, doch seine Anwärterschaft auf diese „Position“ ist umstritten.

Sicher ist: Der Filmruhm Harry Langdons war nur von sehr kurzer Dauer; für ein, zwei Jahre befand er sich punkto Popularität gleichauf mit Chaplin, Keaton und Lloyd, nach nur drei erfolgreichen Langfilmen sank sein Stern rapide. Sein Abstieg verlief von einigen erfolglosen stummen Langfilmen in Eigenregie über Rollen in kurzen Tonfilmkomödien bis zu Arbeit als Gagschreiber für andere Komödianten.

Der bühnenverrückte Harry Langdon fing in Vaudeville-Shows an, wo er zusammen mit seiner Frau zum ersten Mal und für längere Zeit Starruhm erreichte. Im Zenit seiner Berühmtheit beschloss er, zum Film zu gehen. Verhandlungen mit Hal Roach scheiterten, bei Sol Lesser drehte er vor dem Bankrott von dessen Firma drei Filme und wurde 1923 schliesslich von Mack Sennett übernommen, der ihm die künstlerische Freiheit gab, seinen Stil zu entwickeln, und ein eigenes Filmteam aufzubauen. Er begann mit Kurzkomödien, scharte ein Grüppchen von vertrauten Mitarbeitern um sich, gewann an Popularität und wagte schliesslich den Sprung in die Langfilmproduktion.
Langdons Markenzeichen war sein „Baby Face“, das perfekt mit der absurden kindlichen Unschuld und Scheu seiner Filmfigur korrespondierte.

Darf man nun Langdon mit Chaplin, Keaton und Lloyd auf eine Stufe stellen, nur weil er drei Filme lang genauso erfolgreich wie sie war?
Natürlich ist Popularität kein verlässlicher Gradmesser für Qualität. Es gibt aber durchaus signifikante Unterschiede zwischen seinen Werken und jenen seiner bekannteren Kollegen, welche einen schlüssigeren Vergleich ermöglichen: Anders als Chaplin, Keaton und Lloyd prägte Langdon seine Figur und seine Geschichten nicht alleine. Während die anderen drei ganz stark als Autoren ihrer Filme fungierten, war Langdon auf seine „Entourage“ angewiesen, die hauptsächlich aus dem Autor Arthur Ripley und dem Regisseur/Autor Frank Capra bestand. Sie halfen seine Leinwandpersönlichkeit entwickeln und wussten auch damit umzugehen.
Als Langdon selbst das Heft in die Hand nahm (sprich: die Regie führte), liess die Qualität und damit auch die Popularität seiner Filme rapide nach, der Abstieg erfolgte von diesem Moment weg langsam aber stetig; Langdon war ein hervorragender Komödiant und Schauspieler, zum Autor taugte er leider weniger.

Schaut man sich seine besten Filme heute an, stellt man eine weitere deutliche Diskrepanz zu den Werken Chaplins, Keatons und Lloyds fest, die ihm allerdings nicht in allen Fällen zum Nachteil gereicht: Statt schnelle Gags zelebrierte er die Kunst der Verlangsamung. Da gibt es immer wieder lange Momente, wo die Handlung ganz allmählich zum vollständigen Stillstand kommt, bis zuletzt nur noch Harrys Verwunderung übergross im Raum steht. Es gibt Einstellungen, da sieht man Langdon minutenlang nur von hinten – völlig bewegungslos. So etwas filmisch umzusetzen ist äusserst schwierig, es bedarf eines talentierten Regisseurs, den Landgon in Frank Capra gefunden hatte. In Long Pants etwa erzielen die oben beschriebenen Einstellungen eine maximale komische Wirkung, weil Capra genau wusste, wie er inszenatorisch damit umgehen musste, um dieses Resultat zu erreichen. In anderen, weniger gelungenen Langdon-Filmen wirkte diese Verlangsamung bloss irritierend oder ermüdend.

Die Handlung von Long Pants ist vor allem deshalb schnell erzählt, weil sie eigentlich nur rudimentär vorhanden ist: Der eben erst erwachsen gewordene Harry erhält sein erstes Paar langer Hosen (die Long Pants des Titels) und fortan steht sein Leben Kopf, denn kurz darauf legt die Gansterbraut Bebe Blair (Alma Bennett) einen Zwischenstop in Harrys Wohnort ein, worauf sich Harry unsterblich in sie verliebt. Eine Briefverwechslung lässt Harry glauben, sie warte im Gefängnis auf ihn, und so lässt er seine eigene Hochzeit platzen und rennt Bebe nach. Er stellt aber bald fest, dass sie eine hartgesottene Gangsterbraut und somit nichts für ihn ist und kehrt reuemütig zu seiner Verlobten zurück.

Dieser Handlungsrahmen ist gespickt mit schwarzem Humor oder abwegig-grotesken Situationen, was beides zu Harrys Engelsgesicht in krassem Widerspruch steht. Daraus ergibt sich ein dissonanter Unterton, der den Film zu etwas Besonderem macht.
Die Sequenz etwa, in der Harry seine Verlobte in den Wald führt, um sie zu erschiessen (!), weil er lieber die Gangsterbraut heiraten will, bezieht ihre ganze umwerfende Wirkung aus oben beschriebenem Widerspruch. Zudem inszeniert Capra den Wald als riesenhafte Kulisse, in welcher die beiden Menschen winzig klein erscheinen und antizipiert so das klägliche Scheitern von Harrys haarsträubendem Vorhaben.
Eine weitere „seltsame“ Sequenz zeigt Harry, wie er ein wütendes Krokodil in einer Holzkiste im Glauben durch die Stadt schleppt, dort stecke seine Angebetete drin.

Mit solch boshaft-schwarzhumorigen Passagen und mit dem beunruhigenden kindhaft-anarchischen Verhalten seiner verletzlich wirkenden Hauptfigur setzt sich Long Pants deutlich von den Filmen seiner berühmteren Kollegen Keaton und Lloyd ab und setzt einen Kontrapunkt zu deren eher optimistischen Weltsicht. Das mag das Publikum jener Zeit eine Weile fasziniert haben, vor allem, wenn das es so gut verpackt daherkam wie in Long Pants. Ich habe aber Langdon-Filme gesehen, die auf mich nur irritierend wirkten – doch davon mehr in einer späteren Filmbesprechung.

Langdon und Capra funktionierten bestens zusammen, Long Pants ist ein schönes Beispiel dafür, es gibt noch zwei andere, The Strong Man (Capra im Regiestuhl, 1926) und der nur teilweise geglückte Tramp, Tramp, Tramp (wo Capra als Autor zeichnete, Regie führte Harry Edwards, 1926). Danach lösten sie die Zusammenarbeit auf, Langdon soll Capra ‚rausgeworfen haben, um selbst Regie zu führen.
Capra wurde ein bis heute gefeierter Regie-Star (ich sage nur Arsen und Spitzenhäubchen), während Langdon in der Vergessenheit verschwand.
7/10

Die DVD: Die Bildschärfe ist ganz gut, der Kontrast vermochte mich nicht zur Gänze zu befriedigen. Das Bild – es ist durchgehend in gelb viragiert- scheint mir etwas matt. Ich vermute, die DVD wurde von einem Videoband gemastert.

Die Musikbegleitung stammt von Donald Sosin; diese Klavierbegleitung trifft den Ton des Films perfekt und bringt die einzelnen Sequenzen hervorragend zur Entfaltung!

Extras: Zwei weitere Langfilme aus Harry Langdons Glanzzeit: Tramp, Tramp, Tramp und The Strong Man.

Reginalcode: 0

Verfügbarkeit:
Deutschsprachiger Raum: Nicht verfügbar.
USA: Der Film wird von Kino on Video angeboten. Man bekommt ihn direkt bei Kino, oder bei amazon.com (dort gibt’s den Film ab und zu gebraucht für weniger Geld..
Für Preisvergleiche, evtl. preisgünstigere Angebote und andere Fragen im Zusammenhang mit DVD-Bestellungen aus dem Ausland siehe auch die Tipps zur DVD-Bestellung im Ausland.

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Der „Lubitsch-Touch“ – was ist das eigentlich

Um die Woche thematisch abzurunden, möchte ich nochmals auf Ernst Lubitsch zurückkommen – und auf den im Artikel zum „Stummfilm der Woche“ erwähnten „Lubitsch-Touch“.

Was das eigentlich ist, dieser immer wieder zitierte „Lubitsch-Touch“, weiss im Grunde niemand so genau, der Begriff ist nicht abschliessend definiert.
Offenbar wurde er ursprünglich zu Reklamezwecken von den Werbefritzen eines Filmstudios erfunden, um den Leuten den neusten Lubitsch-Streifen unter einer griffigen Formel schmackhaft zu machen. So profan ist die Entstehung einer Legende manchmal.

Definitionsversuche finden sich zu Hauf, nur decken sie sich nicht alle. Die einen orten den „Lubitsch-Touch“ im „subtilen, soufflégleichen Gemisch aus anzüglichem Humor und schlauem visuellem Witz“, die anderen verstehen ihn als „traurigen Unterton während der heitersten Momente eines Films“.

Am schönsten und treffendsten finde ich Billy Wilders Erklärung des „Lubitsch-Touchs“, nicht zuletzt, weil er keine Definition dafür bietet, sondern ihn anhand eines (selbst erfundenen) Beispiels erklärt. Damit trifft er – nach meinem Empfinden – den Nagel genau auf den Kopf.
Viel Spass!

Charley Chase

Es ist an der Zeit, meinen Lieblingsstummfilmkomödianten näher bekannt zu machen.

Charley Chase (1893 – 1940) ist einer der wichtigsten (und wie ich finde, der originellste!) “forgotten Clowns” der Filmgeschichte. Ähnlich wie Harold Lloyd verzichtete Chase auf äußere komische Insignien, wie sie Keaton (Stoneface) oder Chaplin (Tramp-Outfit) als wiedererkennbare Markenzeichen verwendet hatten.

Die von Chase etablierte Figur des smarten, wohlsituierten Normalbürgers ist in erster Linie an der Aufrechterhaltung der äußeren Ordnung interessiert. Aus dem Aufeinanderprallen dieses Bestrebens mit den Unwägbarkeiten der Welt beziehen seine Filme ihre Komik. In diesen Widerspruch verstrickt sich Chases Figur im Verlauf seiner Filme oft immer heilloser, meist bis an die Grenzen der Realität und darüber hinaus. Natürlich lässt sich dies von jedem anderen Komiker der Stummfilmzeit sagen; bei Chase entstammten die erwähnten Unwägbarkeiten stets dem komplizierten sozialen Leben eines amerikanischen Mittelstandsbürgers. Seien es die Ehe, Zwangverheiratung, Schönheitsideale, Seitensprünge, das Familienleben – die Themen der Chase-Filme gehörten viel eher in Repertoire der Gesellschaftskomödie als in jenes der Slapstickfilme.

Ab Mitte der 20er Jahre avancierte Charley Chase zum unbestrittenen Starkomiker bei Hal Roach und schuf feine Film-Miniaturen, Komödien der Irrungen, die aufgrund ihres hohen gestalterischen Niveaus zum Besten zählen, was die Kurzfilmproduktion in der Stummfilmzeit hervorbrachte. Chase selber hatte hohen gestalterischen Anteil an seinen Werken, was zu einem unverwechselbaren Chase-Stil führte.
Sein Humor taugt nicht zum enthemmten Schenkelklopfen, es sind eher die zahlreichen Feinheiten und die hohe Qualität seines komödiantischen Timings, die sein Oeuvre m.E. über jene der meisten anderen Komödianten seiner Zeit hinaushebt.

Chase drehte später auch erfolgreich kurze Tonfilmkomödien, in welchen er oft auch seine angenehme Singstimme hören liess und zu denen er selbst komponierte Songs beisteuerte. In nicht wenigen dieser shorts führte er zudem selbst Regie, unter seinem richtigen Namen Charles Parrott.
1940 verstarb Chase viel zu früh an Herzversagen; seine Filme gerieten in Vergessenheit.

Heute ist der Mann hierzulande praktisch unbekannt; durch seinen unvergesslichem Auftritt im Laurel & Hardy-Film Sons of the Desert lebt er zumindest in der Erinnerung jedes Stan & Ollie-Fans fort.
Früher wurden innerhalb der Serie Väter der Klamotte viele Chase-Filme im deutschen Fernsehen gezeigt. Eine jener Väter der Klamotte-Episode mit Chase ist auf youtube zu sehen: Der Baron in der Wanne (Originaltitel: Dog Shy).

Hier der Link:

Teil 1: http://www.youtube.com/watch?v=OkzkFFaW9y0
Teil 2: http://www.youtube.com/watch?v=FQX3Fz-E75c&feature=related

Einige seiner Kurzfilme werde ich über die nächsten Wochen und Monate in diesem Blog näher vorstellen.