Monat: Februar 2014

Ein Wunderwerk um Schein und Sein – Woody Allens „The Purple Rose Of Cairo“

Mit The Purple Rose of Cairo hat Woody Allen Anfang der Achzigerjahre eine wunderschöne Liebeserklärung ans Kino gemacht – in gewohnt verrückter Manier. Ein Film, der noch heute zum Träumen und Nachdenken anregt.

Purple Rose„Ich will mein Geld zurück“, schimpft eine entrüstete Kinobesucherin, „der Film ging letzte Woche ganz anders!“
Eine typische Woody-Allen-Dialogzeile, absurd und witzig zugleich. Sie ergibt sich im Lauf des Films aus dessen verrückter Grundidee: Eine Filmfigur verlässt die Leinwand und tritt in die Realität über.
Woody Allen bastelt daraus eine wunderbar luftige, tief berührende Hommage an den Zauber und die Heilkraft des Kinos. Dabei schöpft er die Grundidee aus, ohne damit auch nur einen Moment zu ermüden. Erstaunlich, was ihm da alles einfällt: Nachdem der Archäologe Tom Baxter die Leinwand verlassen hat, kann der „on screen“ verbleibende Rest der Filmfiguren nicht mehr weitermachen und beginnt zu streiten; der entsprungene Archäologe reflektiert die reale Welt beständig durch die Augen der Kunstfigur, was zu absurden Dialogen von bisweilen philosophischer Tiefe führt; als er die reale Cecilia, in welche er sich verliebt hat, auf die Leinwand und ins Filmgeschehen hineinzieht, kann der Film zwar weitergehen, aber die zusätzliche Person führt zu einer gänzlich anderen Handlung; der Schauspieler Gil Shepherd, der im Film den Archäologen gibt, wird vom verunsicherten Filmproduzenten an den Ort des Geschehens geschickt und findet sich plötzlich in der Situation, mit seinem anderen „Selbst“ verhandeln zu müssen.
Inmitten der Aufregung bewegt sich Cecilia wie eine Schlafwandlerin, die nicht mehr weiss, wie ihr geschieht, weil ihre Film-Träume plötzlich real geworden sind. Aber was ist schon real?

Mit traumwandlerischer Sicherheit erforscht Woody Allen in diesem Meisterwerk den schmalen Grat zwischen Schein und Sein, zwischen Alltagsflucht und Fiktion.
Wir schreiben die Dreissigerjahre – Depressionszeit. Cecilia flüchtet aus ihrem tristen Alltag mit ihrem arbeitslosen, rüpelhaften Ehemann in die bessere Welt des Kinos. Tom Baxter flüchtet aus der trüben, sich endlos wiederholenden Routine seines einen Films in die vielfältige Wunderwelt der Realität.
Im Kino – wo sonst? – treffen die beiden Flüchtlinge aufeinander, verlieben sich – und lösen damit einen Wirbel aus, der unterhaltsamer ist als jeder Film.

The Purple Rose of Cairo ist wunderbar vielschichtig und jede Schicht vermag zu begeistern. Da ist einmal die Rekonstruktion der Dreissigerjahre, die Allen und seinen Ausstattern Stuart Wurtel und Edward Pisoni verblüffend direkt und überzeugend gerät – ebenso die Rekonstruktion eines (fiktiven) Films aus den Dreissigerjahren mit all seinen Manierismen und Gepflogenheiten (The Purple Rose of Cairo ist nichts anderes als der Titel dieses Films, aus dem Baxter ausbüxt – ein doppelter Filmtitel also).
Eine weitere Schicht oder Thematik dieses Wunderwerks heisst Film im Film. Diese Thematik melkt Allen auf nahezu erschöpfende Weise (siehe oben).
Und dann gibt es noch eine versteckte Thematik, die den Film zur Wundertüte macht für Leute, die gerne analysieren, nämlich die Thematik der Dopplung, welche das Spiel mit Realität und Film beinhaltet. Der Dualismus Realität und Fiktion wird vielfach gespiegelt in immer neuen Dopplungen: Da ist einmal der doppelte Titel, der sowohl Allens Werk aus dem Jahr 1985 ziert, aber gleichzeitig auch den fiktiven Film, der darin zu sehen ist. Es gibt zwei Flüchtlinge in dem Film, jeder flüchtet in die „Realität“ des jeweils anderen. Und zu guter Letzt erscheint auch noch Jeff Daniels doppelt, einmal als Schauspieler Gil Shepherd, welcher die von ihm verkörperten Figur Tom Baxter dazu bringen soll, zurück in den Film zu gehen.

Obwohl der Film in der Erläuterung klingt, als sei er kalkuliert und berechnet, wirkt er genau gegenteilig: Er ist bezaubernd und berührend. Und das ist das Wunderbare daran. The Purple Rose Of Cairo ist nicht nur eine der schönsten Liebeserklärungen an das Kino, die das Kino je hervorgebracht hat – er ist Kino in Reinkultur.
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Weitere Filmempfehlungen (sämtliche Filme sind auf DVD erhältlich, sofern nicht anders vermerkt):

To Rome With Love (2012) Nach Husbands and Wives (1992) ging es mit Woody Allen bergab. Ich schaute mir zwar noch an, was er nach seiner Trennung von Mia Farrow gedreht hatte – aber nach dem verwirrenden Deconstructing Harry (1997) verabschiedete ich mich von ihm: Ich ging in keinen seiner Filme mehr. Bis vor ein paar Tagen, als ich mit To Rome With Love doch wieder einen Versuch wagte. Und – welche Freude: Der gute, alte Woody ist wieder da (wie lange schon?)! Die liebevolle Figurenzeichnung, die ich in den letzten noch visionierten Filmen so schmerzlich vermisst hatte, die verqueren Ideen, die wunderbaren Dialoge – alles wieder da, in alter Frische! To Rome
Allens Rom-Porträt ist ein köstliches Geschichten-Quartett um einem Architekten (Alec Baldwin), der in den Gassen der ewigen Stadt ein jüngeres alter ego trifft und dadurch in seine Vergangeheit eintaucht; um ein junges Paar aus der Provinz, das von der Stadt auseinandergerissen, in haarsträubende Liebeswirren gestürzt und neu wieder zusammengefügt wird,; um einen Bestattungsunternehmer, der unter der Dusche zum Weltklassetenor wird (gespielt wird er vom italienischen Tenor Fabio Armiliato) und um den kleinen Büroangestellten Leopoldo Pisanello (Roberto Benigni), der über Nacht zum gefeierten Medienstar wird. Wie in seinen Meisterwerken (s. oben) lässt Allen hier Absurdes alltäglich erscheinen und die Liebe zu seinen Figuren spürbar werden. Und nun, das habe ich mir fest vorgenommen, wird nachgeholt, was ich aus Allens Werk zwischen 1998 und 2011 verpasst habe! Und Altes wiedergeschaut. Schliesslich gehörte der Kerl mal zu meinen Lieblingsregisseuren!
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The Ghost Writer  (Der Ghostwriter – 2010) Roman Polanski spannt mit Erfolgsautor Robert Harris zusammen und verfilmt dessen Bestseller The Ghost – das Drehbuch schrieben Harris und Polanski zusammen. Da haben sich zwei vom gleichen Schlag gefunden, entsprechend hoch sind die Erwartungen an den Film.
ghost writerSie wurden, zumindest bei mir, enttäuscht. Die Handlung um den Ghostwriter des britischen Ex-Premiers, der im Zug seiner Arbeit in dessen Vergangenheit auf gefährliche Verstrickungen mit der CIA stöss, windet sich zäh dahin, vieles bleibt nebulös, und die Auflösung erfolgt buchstäblich in letzer Filmminute. Bis dahin bläst Polanski die Sache mit düster dräuenden Bildern, schleichenden Kamerafahrten und drohend orgelnder Filmmusik dämonisch auf. „Da ist etwas Böses“, suggerieren die Bilder permanent. „Ja, dann rückt doch endlich mal damit ‚raus!“, ist der geduldgeprüfte Zuschauer nach drei Vierteln des Films auszurufen geneigt. Als die Katze dann endlich aus dem Sack ist – ist das Interesse an der Sache bereits verflogen. Toll inszeniert und bebildert ist das Ganze, keine Frage, aber seltsam blutleer. Weder die Hauptfigur noch irgend eine der Nebenfiguren vermögen das Interesse des Zuschauers zu wecken.
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Me And Orson Welles (Ich & Orson Welles – 2008) Richard Linklater, bekannt für seine „Before…“-Trilogie, unternimmt hier einen Trip in die Dreissigerjahre und unterlegt diesen mit alten Jazz-Aufnahmen. Man fühlt sich auf der Bild- und Tonebene immer wieder an Woody Allens Meisterwerk The Purple Rose Of Cairo (s.o.) erinnert. Doch Me And Orson Welles vermag trotz interessanter Thematik, einem hervorragenden Schauspielerensemble und einem tollen Drehbuch nicht wirklich zu überzeugen, denn es gibt einen ganz erheblichen Störfaktor: Zac Efron! Er passt weder in seine Rolle noch ins Ensemble noch in die Dreissigerjahre. Mit anderen Worten: Er wirkt in diesem Film wie ein Fremdkörper. Und das ist fatal, denn er hat die Hauptrolle inne. Selten habe ich einen Film gesehen, dessen guter Eindruck von einer Person derart getrübt wurde! Me and Orson Welles
Der Film basiert auf Orson Welles legendärer Bühneninszenierung von Shakespeares Julius Cäsar und behandelt das Thema Genie, Despotismus, künstlerische Eigenständigkeit und Mittelmässigkeit auf spannende und anregende Weise. Teenie-Star Efron wurde wohl vor allem deshalb engagiert, weil die Produzenten einen Flop befürchteten – obwohl er schauspielerisch keinem seiner mitwirkenden Kollegen das Wasser auch nur annähernd reichen kann. Schade – der Film ist immer hin noch gut, anregend, schön anzusehen. Aber er könnte mehr sein!
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Les Misérables (2012) Autsch! Tom Hoopers Musical-Verfilmung schmerzt. Daran ist der Regisseur Schuld. Schon in The King’s Speech (2010) hat mich seine Regieführung partiell genervt, hier macht er mich rasend! Unmotivierte Kamerafahrten (ständig rast die Kamera gen Himmel), abrupte, zum Teil völlig unmotivierte Schnitte und mangelnde Schauspielerführung sind das eine. Was aber noch viel schwerer wiegt, sind schnittlos abgefilmte Gesangszenen, welche in einigen Fällen zur Peinlichkeit geraten. Miserables HooperAnne Hathaway zum Beispiel liefert hier zwar die beste Leistung ihrer bisherigen Karriere und offenbart eine hervorragende Singstimme – doch der Regisseur versaut ihr die Szene, indem er sie ohne Schnitt durch den Song (I Dreamed A Dream) hindurchpeitscht, eine Szene, die einem Schauspieler emotional das Letzte abverlangt und das auch noch singend. Hathaway hält sich tapfer, hält die Anstrengung (die Schauspieler mussten ohne Playback vor der Kamera tatsächlich singen) aber sichtlich nicht durch – was allerdings kein Wunder ist! Was für eine Niete von Regisseur! Er schafft es, die Schwächen der einzelnen Darsteller gnadenlos offenzulegen – am deutlichsten tritt dies bei Russell Crowe zutage, der weder singen noch spielen kann. Ich wundere mich über die vielen positiven Reaktionen, die Les Misérables erhalten hat. Der Film ist nur laut, kitsch- und emotionsüberfrachtet, grob und in seiner undifferenzierten Masslosigkeit völlig überkandidelt. Bäh!
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Wer war Frank Woodruff?

PLAY GIRL
USA 1941
Mit Kay Francis, Milderd Coles, Margaret Hamilton, James Ellison, Nigel Bruce, u.a.
Drehbuch: Jerome Cady
Regie: Frank Woodruff

Meine bisherige Erfahrung mit der Warner Archive Collection zeigt, dass es wahre Perlen unter den vergessenen Filmen Hollywoods gibt. Einige davon sind durchaus beachtlich, wie der folgende Beitrag zeigt.
Das führt zwangsläufig zur Frage: Was führt dazu, dass der eine Film zu Ruhm und Ehren kommt und der andere nicht? An der Qualität liegt es auch, aber längst nicht immer.

Vergleichen wir zum Beispiel My Man Godfrey von Gregory LaCava und Play Girl von Frank Woodruff.
Frank wer? Und da sind wir bereits bei einem entscheidenden Punkt.
Greogory LaCavas Filme waren zwar auch lange Zeit vergessen, doch irgendwann (wahrscheinlich in den späten Siebzigerjahren) wurden er und sein Werk wiederentdeckt. Warum? Wahrscheinlich weil es von ihm mehrere wirklich gelungene Filme gibt. Es folgten Retrospektiven im Fernsehen und in Programmkinos, My Man Godfrey, sein wohl bestes Werk wurde zumindest unter Filmkennern bekannt.

Frank Woodruff hingegen – nun, der Mann drehte geade mal zehn Filme, alle innerhalb von vier Jahren (1940 bis 1944). Nach einer Pause von sieben Jahren drehte er für zwei Jahre Fernsehfilme. Und dann verliert sich seine Spur. Er starb 1983. Über sein Leben nach dem Film ist nichts bekannt.

Wer kommt nun auf die Idee, die Filme eines derartigen „Nobodys“ genauer unter die Lupe zu nehmen?
Wahrscheinlich hat Woodruf neben Play Girl nichts wirklich Nennenswertes mehr produziert. Dieser Film aber kann sich sehen lassen!

Was ich damit sagen will: Es gibt versteckte Filmperlen. Mehr als ich gedacht hätte.
Ich habe inzwischen, durch läppisches Würfeln, unter neun zufällig gewählten Warner Archive-DVDs bereits fünf solche entdeckt. Vergessene Filme, die einen höheren Bekanntheitsgrad in der Filmwelt verdient hätten.

Ich will hier nicht den unverrückbaren Ruf der bekannten Filmklassiker in Frage stellen. Nur deren Ausschliesslichkeitscharakter. Es gibt gute bis sehr gute Filme neben den bekannten, ausgetretenen Klassiker-Pfaden.
Meist handelt es sich ja bei den Klassikern um Werke, in denen hinlänglich bekannte Schauspielerinnen und Schauspieler auftreten und die von bekannten/berühmten Regisseuren gedreht wurden. Mir kommt auf Anhieb kein einziges akkreditiertes Meisterwerk in den Sinn, das nicht mit grossen Namen glänzt.
Logischerweise haben es Filme schwerer, die bei ihrem Erscheinen an der Kinokasse floppten, da sie darauf in der Versenkung verschwanden. Die Gründe für einen Flop, da werden mir die meisten zustimmen, haben oft nichts oder nur wenig mit der Qualität eines Werks zu tun. Unbekannte / unangesagte  HauptdarstellerInnen und ein No-Name-Regisseur – das reicht manchmal schon, um einen Film an der Kinokasse zu versenken. Damals wie heute.

Ein schönes Beispiel, welches diese These zu unterstützen scheint, ist der 1957 gedrehte Episodenfilm The Rising of the Moon. Regie führte zwar kein geringerer als John Ford – doch die Besetzung war damals komplett unbekannt. Ford drehte den Film in Irland mit einem in Dublin ansässigen Theaterensemble. Als hätte man den Flop geahnt, baute die Produktionsleitung flugs und notdürftig Tyrone Power in den Film ein. Power musste nett lächeln und zu jeder Episode einen einleitenden Text sprechen. Doch vergebens – der wunderbare Film verschwand kurz nach der Uraufführung.
Damals wie heute zogen Schauspiel-Stars beim Publikum stärker als Regie-Stars.

Ich will nun nicht behaupten, „da draussen“ wimmle es von verkannten Meisterwerken. Ich spreche hier von „Perlen“ – nicht von Juwelen. Aber immerhin – solche gibt’s, offenbar mehr als man denkt. Sie zu entdecken macht mir gerade grossen Spass.

Womit wir (endlich) beim aktuellen Film sind: Play Girl. Dessen Hauptdarstellerin, Kay Francis, zu Beginn der Tonfilmära ein Star, war zur Zeit der Dreharbeiten längst in der Gunst der Studios und des Publikums gefallen. Tief gefallen. In den frühen Vierzigerjahren laborierte sie verzweifelt an einem Comeback, was ihr allerdings nicht gelang. Play Girl gehört zu besagten Comeback-Versuchen. Unnötig zu sagen, dass der Film ein Flop wurde (!).

An ihrer Seite agieren (mir) so unbekannte Grössen wie Mildred Coles und James Ellison an prominenter Stelle. Bekannte Gesichter sind Margaret Hamilton (die Hexe aus The Wizard of Oz) und Nigel Bruce (Basil Rathbones Watson).
Hamilton und Bruce sind köstlich, der Rest der Besetzung liefert gute bis sehr gute schauspielerische Leistungen ab.

Kay Francis spielt Grace Herbert, einen verblühter „Gold Digger“, eine jener Frauen, die davon leben, reiche ältere Männer zu umgarnen um ihnen das Geld aus der Tasche zu ziehen. Wir lernen sie kennen, als sie gerade vom Vater ihres neusten „Opfers“ zum Teufel gejagt wird. Nicht nur ihre „Profession“ umreisst der gelungene Filmbeginn in eingen kurzen Szenen klar, sondern auch die Tatsache, dass ihre Zeit vorbei ist.
Ihre Arbeitsweise lernen wir indirekt kennen – Grace nimmt nämlich eine junge Dame „in Ausbildung“, die fortan an ihrer Stelle den Männern das Geld aus der Tasche ziehen soll, und führt diese quasi vor laufender Kamera in die Geheimnisse und Gepflogenheiten ihrer Profession ein. In diesen „Instruktions-Sequenzen“ finden sich die vergnüglichsten Dialogstellen des Films („She said ‚good bye‘ to more men than other women say ‚hello‘ to!“).

Die „Neue“, Ellen Daley mit Namen und gespielt von Mildred Coles macht ihre Sache perfekt; anfängliche Skrupel werden von ihrer Mentorin mit dem Argument beseitigt, die anvisierten Männer hätten Geld wie Heu und wüssten sonst nicht wohin damit. Aus ihrem Munde klingt es, als würden sie die Männer retten – vor der tödlichen Langeweile des Reichseins und vor dem Gefühl, nutzlos geworden zu sein.
Alles läuft nach Plan und wie am Schnürchen, bis ein junger Farmer auftaucht, welcher der jungen Ellen gehörig den Kopf verdreht. Doch zum Glück ist auch er reich. Wäre doch gelacht, wenn wir den nicht auch ausnehmen könnten – denkt Grace…

Man verstehe mich nicht falsch: Play Girl ist ein Film, der in keiner Sparte so richtig hell strahlt und funkelt. Die Regie ist bisweilen glänzend, die meiste Zeit über aber einfach solide; der Plot ist sehr gut aufgebaut, bisweilen subversiv, aber nichts, das die Zeiten überdauert; die Akteure und Aktricen überzeugen, die einen mehr, die anderen weniger. Am stärksten ist das Drehbuch: dramaturgisch hervorragend, in den Dialogen gelingen ein paar Glanzmomente, die Figuren sind glaubhaft und bleiben haften.
Diese vier „Komponenten“ ergänzen sich perfekt und ergeben einen Gesamteindruck, der besser ist als die einzelnen Leistungen.

Play Girl wirkt streckenweise wie einer dieser elegant-gewitzten Frauenfilme von George Cukor – nicht nur was Ausstattung und Kostüme betrifft. Und mindestens eine Sequenz erinnert deutlich an Preston Sturges und dessen mit handfestem Slapstick durchsetzte Romanzen. Regisseur Woodruff liefert mit Play Girl eine eine nicht ganz originelle, aber doch absolut stilsichere Arbeit, die zu den bekannten und beliebten Komödien jener Zeit aufzuschliessen vermag und die dem Betrachter ein permanentes Lächeln aufs Gesicht zaubert. Ein Film also, der ein Revival verdient hätte.
Mich hat er jedenfalls neugierig auf die anderen neun Filme seines Regisseurs gemacht!
8/10

Staunen ohne Ende – Jacques Tatis „Playtime“

Mit Playtime hat sich Jacques Tati einen Platz im Olymp der grossen Regisseure gesichert – allerdings zu einem hohen Preis!

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Grosse Filme haben ein Geheimnis. Die meisten lassen, wenn man sich näher mit ihnen befasst, mehr oder weniger leicht dahinter blicken. Andere bleiben ein Rätsel.
Diese Filme behalten etwas Geheimnisvolles, eine Aura von Grösse und Unerreichbarkeit umgibt sie wie die rätselhaften Bauwerke der Antike. Man kann nur hingehen und staunen. Murnaus Sunrise ist ein solcher Film. Ebenso Jacques Tatis Playtime.

Das Rätsel, das Playtime aufgibt lautet: Weshalb funktioniert dieser Film?
Es gibt darin keine Hauptfigur, keine Handlung, die Figuren agieren die meiste Zeit in einer kalten, aseptischen Umgebung, bleiben wie diese anonym – und trotzdem bleiben wir über zwei Stunden gebannt sitzen und staunen.
Und genau da packt uns Tati: Er lässt uns staunend und zuschauend wieder zu Kindern werden. Aber dazu später mehr.

Playtime spielt sich innert ca. zwölf Stunden in einem modernen Stadtteil von Paris ab. Dieser Stadtteil, von der Filmcrew liebevoll Tativille genannt und entstanden als komplettes Studioset, nimmt La Défense vorweg, dieses einst ultramoderne, künstlich aus dem Boden gestampfte Pariser Büroviertel, dessen erstes Gebäude etwa zeitgleich mit Tatis Film entstand.
Monsieur Hulot verirrt sich auf dem Weg zu einem Vorstellungsgespräch in den riesigen, verschachtelten Bürokomplexen und in den gläsernen Labyrinthen der modernen Bürokratie. Doch Hulot ist dieses Mal nur eine von vielen Figuren, die in den Strassenschluchten, Korridoren, Glasfluchten immer wieder auftauchen und dann wieder von ihnen verschluckt werden. Jede von ihnen wird in eine oder mehrere kleine Geschichten verwickelt, bevor sie einer anderen Figur und einer anderen Geschichte Platz macht.
So entsteht ein buntes und im Verlauf des Films immer bunter werdendes Mosaik, dessen Farbtupfer vor dem Grau der Architektur die Menschen und ihre Bezeihungen untereinander sind.
Durch Tativille geistern neben Monsiur Hulot und einigen Hulot-Doubles eine amerikanische Reisegruppe, ein deutscher Anbieter geräuschloser Türen, Monsieur Hulots zukünftiger Arbeitgeber, Barbara, eine Touristin und mehrere von Hulots alten Freunden aus vergangenen Armee-Zeiten.

Der zweite Teil des Films spielt in einem soeben neu eröffenten Nobelrestaurant, in welchem sich fast alle Figuren wieder treffen und einige neue hinzukommen. Während die Handwerker letzte Hand ans Interieur anlegen, treffen die ersten Gäste ein. Es werden immer mehr, der Grundton ändert sich fast unmerklich langsam von gedämpft zu laut und hektisch, bis die kühle Noblesse des Etablissements zuletzt in einem bunten, fröhlichen Chaos buchstäblich untergeht.

Im Verzicht auf Handlung und Identifikationsfiguren liegt wohl der Schlüssel zum Misserfolg dieses Films. Er floppte an der Kinokasse, was Tati in den Ruin trieb. Die Entstehungskosten und die Einspielergebnisse divergierten derart, dass Tati danach bankrott war. Sein nächster (und letzter) Film, Trafic war ein Billgfilm im Vergleich zu seinen Vorgängern.
Noch heute steht Playtime im Schatten von Tatis ungleich populäreren Werken wie Mon Oncle oder Les vacances de Monsieur Hulot – sogar im Ansehen von erklärten Tati-Fans.
Was dabei geflissentlich übersehen wird: Playtime ist filmhandwerklich Tatis Meisterwerk – und nicht nur das: Er ist ein Lehrstück für Kinematografie, Bildsprache, Cadrage, Bildkomposition, schlicht für das Filmhandwerk an sich!

Vielleicht ist er vor allem für Leute spannend, welche sich für die Aspekte des Filmemachens interessieren und für andere weniger? Damit wären wir wieder beim Eingangs erwähnten Rätsel, das Playtime umgibt.
Ist Playtime grossartig, weil er handwerklich derart perfekt, originell und wegweisend gemacht ist? Oder ist es doch das permanente Staunen, das er auslöst – nicht nur über Cadragen und Einstellungen, sondern auch über Einfälle, Episoden, Gags? Jede neue Einstellung bringt einen neuen Gag, keiner davon ist billig, die meisten sind völlig unvorhersehbar, einige erfasst man bei einer ersten Visionierung gar nicht.

Playtime ist eine cinèmatografische Wundertüte, ein Füllhorn der Ideen und der Kreativität, über das man sich in staunender Bewunderung freuen kann wie ein Kind. Und da liegt – vielleicht – sein Gehemnis. Aber das lässt sich nur vermuten. Playtime vereint künstlerischen Ausdruck und niveauvolle Unterhaltung so gekonnt und mit solcher Leichtigkeit, wie das nur wenige Filme fertigbringen.
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Weitere Filmempfehlungen (sämtliche Filme sind auf DVD erhältlich, sofern nicht anders vermerkt):

Jane Eyre (2011) Ein Film wie eine Bombe: Charlotte Brontës Roman als absolut eigenständiges Filmwerk, mit betörend komponierten und ausgeleuchteten Bildern! Mit seiner düsteren Stimmung und der permanent bedrohlichen Atmosphäre ist er meilenweit von den zahlreichen bekannten, populistischeren Verfilmungen Brontës oder ihrer Zeitgenossin Jane Austen entfernt. Jane EyreDass dies derart fabelhaft fesselnd funktioniert verdankt der Film einem grandiosen Team um Regisseur Cary Fukunaga: Beleuchter und Austatter zaubern eine ganz eigentümliche Stimmung und die schauspielerischen Leistungen sämtlicher Beteiligten sind schlichtweg atemberaubend – allen voran Mia Wasikowska, die sich als Jane ins Gedächtnis der Zuschauer regelrecht einbrennt. Weitere Glanzleistungen vollbringen Michael Fassbender und Judi Dench. Ein Must!
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The Circus (Der Zirkus – 1928) Obwohl Chaplin sonst nicht ganz mein Fall ist, mit The Circus hat er einen grossartigen Stummfilm geschaffen. Ich halte dies für sein bestes Werk, obwohl es etwas im Schatten seiner bekannteren Titel steht. The Circus2 The Circus beleuchtet das Leben einer Zirkustruppe, die um ihre Existenz kämpft – bis Charlie der Tramp zu ihnen stösst und mit seiner tollpatschigen Art zum Star-Clown avanciert und dem Unternehmen wieder zum Erfolg verhilft. Er verliebt sich sogar in die Tochter des cholerischen Direktors – doch diese hat ihr Herz an einen anderen verloren. Grandiose Einfälle und eine schöne Geschichte verbinden sich hier zu einem unvergesslichen Ganzen. Typisch Chaplin eben – und hier gänzlich ohne Selbstmitleid und die sonst bei ihm übliche Larmoyanz.
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Fame (Fame – Der Weg zum Ruhm – 1980) Fame2Ein Wiedersehen mit den Kino-Favoriten meiner Jugendzeit ist immer wieder spannend. Wie wirken sie aus dem grossen zeitlichen Abstand? Haben sie dem „Zahn der Zeit“ standgehalten?
Alan Parkers Fame hat! Der grösste Teil des Films wirkt nach wie vor frisch und aufregend. Die Geschichte einer Schauspiel-, Tanz- und Musikschule mitten in New York hat kaum von ihrer Faszination verloren, die der Film vor allem aus dem Umstand generiert, dass er stellenweise dokumentarisch wirkt. Nur da, wo er eine handvoll Studenten und Studentinnen ins Zentrum stellt, treten stellenweise die Schwächen des etwas plakativen Drehbuchs zutage – dies vor allem in den Dialogen.
Der Rest ist aber pure Kinofreude: Parkers Inszenierung ist schlicht fabelhaft. Sie wirkt noch immer lebendig, frisch und spontan.
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Ne le dis à personne
(Kein Sterbenswort – 2006) – Alexandre (François Cluzet) ist Kinderarzt. Vor acht Jahren wurde seine geliebte Frau Margot, die er von Kindsbeinen an kennt, praktisch vor seinen Augen entführt, später wurde sie ermordet aufgefunden. Und nun, acht Jahre später, wird der Fall wieder aufgerollt. Am Ort der Entführung, einem idyllischen See, hat die Polizei die verbuddelten Leichen zweier Männer gefunden. Der eine hatte einen Schlüssel in der Tasche. Der Schlüssel führte zu einem Schliessfach. Dort drin befanden sich – Alexandres Gewehr und Fotos von seiner Frau. Je mehr die Polizei bohrt, desto mehr fällt der Verdacht auf den Arzt. Kein SterbenswortPlötzlich steht er als Mörder hoch im Kurs. Und plötzlich werden Bekannte aus Alex‘ Umkreis ermordet aufgefunden.
Guillaume Canet hat nach einem Roman des US-Thrillerautors Harlan Coben einen starbesetzten, spannenden Film gemacht, der seine Spannung aus dem Umstand bezieht, dass sowohl der Zuschauer als auch der Held lange Zeit im Dunkeln tappen und nicht wissen, was eigentlich gespielt wird. Dass die Wahrheit am Ende viel komplizierter ist, als es zunächst schien, ist eine Thriller-Binsenweisheit, die hier zwar spannend, aber nicht immer logisch und cinéastisch etwas anspruchslos umgesetzt wird.
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