Richard Brooks

Die gefürchteten Vier (1966)

USA 1966
Mit Lee Marvin, Burt Lancaster, Robert Ryan, Woody Strode, Jack Palance, Claudia Cardinale u.a.
Drehbuch: Richard Brooks nach einem Roman von Frank O’Rourke
Regie: Richard Brooks
Dauer: 117 min

Die europäischen Kritiker wieder!
Während man diesen Film im Ursprungsland als gelungener Abenteuer-Western feiert, musste bei uns wieder mal eine tiefere Bedeutung hineininterpretiert werden: Irgendeiner Kritiker-Fantasie entsprang, wohl vom damaligen linken Zeitgeist eingegeben, die Idee, The Professionals sei eine „bissige Parabel“ auf den Vietnamkrieg. Und weil das so gut und kritisch klingt, wurde diese Sicht eifrig nachgebetet; sie wird hierzulande auch heute noch bemüht.

The Professionals kann mit Recht als thematischer Vorreiter von Sam Peckinpah’s Wild Bunch angesehen werden, doch so politisch motiviert ist er nicht.
Wir es hier mit einem recht gut geschriebenen, höchst unterhaltsamen Spätwestern zu tun, in dem die Grenzen zwischen Gut und Böse ein wenig verschwimmen – mit mehr nicht. The Professionals ist nichts weiter als ein – hervorragend ausgeführtes – testosterongesättigtes Unterhaltungsspektakel, ein Männerfilm mit all den bekannten, bisweilen lächerlichen Übertreibungen und Überhöhungen des späten Westerns, eine weniger gross dimensionierte Neufassung der „glorreichen Sieben (man könnte den Film mit dem schweizerischen Komiker Peach Weber „die vier glorreichen Sieben“ nennen). Vier Männer sind es nämlich, die für einen wahnsinnig gefährlichen Job gegen eine wahnsinnig gefährliche Mexikanerbande angeheuert werden. Der „Obermexikaner“ wird diesmal nicht von einem Schauspieler jüdischer Abstammung gespielt (in den „glorreichen Sieben“ war das Eli Wallach) sondern von einem Sohn ukrainischer Eltern – Jack Palance.

Genau wie in Sturges‘ Western sind die vier Angeheuerten hier Spezialisten, jeder ein Meister seines Fachs, stoisch, cool und praktisch unbesiegbar. Genauso eindimensional sind leider auch ihre Charaktere, Stereotypen allesamt – auf dieser Seite bewegt sich also praktisch nichts. Als Entschädigung dafür gibt es Action satt, und wem das genügt, der kommt in Richard Brooks‘ Film auf seine Kosten. Wem es nicht genügt, für den hält der Film immerhin ein paar hübsche Wendungen bereit, die dafür sorgen, dass man das Interesse nicht ganz verliert. Plus die guten schauspielerischen Leistungen von Lee Marvin, Burt Lancaster und Robert Ryan. Wem das noch immer nicht genügt, der kann sich ja mit Subkontext-Fantasien über den Vietnamkrieg behelfen.

In den USA wurde The Professionals zum Kassenschlager, der Richard Brooks nach einer Reihe von Flops wieder zurück in die obere Liga der Hollywood-Regisseure beförderte.

Zum Schluss doch noch eine kurze Inhaltsaangabe: Die vier „Professionals“ (Lee Marvin, Burt Lancaster, Woody Strode und Robert Ryan) werden von einem reichen Industriellen (Ralph Bellamy) angeheuert, dessen entführte Gattin (Claudia Cardinale) aus den Händen einer Bande mexikanischer Revolutionärs-Rabauken zu befreien. Zwei der „gefürchteten Vier“ (wieder so ein doofer deutscher Verleihtitel!) kämpften damals mit dem Rebellen-Anführer Raza (Jack Palance) zusammen für die mexikanische Sache und wissen also, wie dieser tickt. Das Abenteuer beginnt mit dem Ritt ins „Feindesland“, wo das Spezialisten-Quartett sich unter zahlreichen Gefahren erst einmal in die Nähe des Rebellen-Nests begeben muss. Der Weg zurück mit der „Befreiten“ gestaltet sich dank wütender Verfolgung durch Raza und seine Getreuen dann ebenso gefahrenreich.

The Professionals kam im Dezember 1966 in die deutschsprachigen Kinos – unter dem reisserischen, unpassenden Titel „Die gefürchteten Vier“. Die Musik stammt aus der Feder des Franzosen Maurice Jarre – ein Jahr nach dem Grosserfolg seiner Filmmusik-Schnulze zu „Doktor Schiwago“ stellte Jarre seine Vielseitigkeit hier mit einer völlig konträren musikalischen Untermalung unter Beweis.

Die Regie: 8 / 10 
Das Drehbuch: 7 / 10 
Die Schauspieler: 9 / 10 
Gesamtnote: 8 / 10

Verfügbarkeit:
The Professionals ist im deutschsprachigen Raum auf DVD und auf Blu-ray leider vergriffen; in beiden Formaten ist er aber noch antiquarisch greifbar (deutsche Synchro / englische Originalfassung mit deutschen UT).
Im Stream ist er bei amazon prime (nur Deutsch) und maxdome (Deutsche und Englisch ohne Untertitel) zu finden.

 

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Mädchen ohne Mitgift – The Catered Affair, 1956

Heute sinniert gabelingeber über das Schreiben von Film-Tipps: Bringt das überhaupt was? Zudem stellt er erstmals Filme vor, deren Sichtung er abgebrochen hat. Im Hauptbeitrag wird wieder ein vergessener Hollywood-Film aus der Versenkung geholt (diesmal einer von Richard Brooks), und zwei weitere US-Filme werden kurz vorgestellt.

THE CATERED AFFAIR
USA 1956
Mit Bette Davis, Ernest Borgnine, Debbie Reynolds, Barry Fitzgerald, Rod Taylor u.a.
Drehbuch: Gore Vidal nach einem Teleplay von Paddy Chayevsky
Regie: Richard Brooks

Wenn sich eine Film-Familie aus Bette Davis (Mutter), Ernest Borgnine (Vater), Debbie Reynolds (Tochter) und Barry Fitzgerald (Onkel) zusammensetzt – dann schaut man sogar gern zu, wenn der Film schlecht ist.
Nun, Richard Brooks The Catered Affair ist alles andere als schlecht ist! Und das macht die Sache so richtig interessant. The Catered Affair gehört zwar dank seines damaligen Misserfolgs zu den heute vergessenen Werken dieses ansonsten gefeierten Regisseurs, doch die Sichtung lohnt sich – und eine Neubewertung ist fällig.

Die Geschichte spielt im Arbeitermilieu New Yorks, wo Vater Tom Hurley (Borgnine) als Taxifahrer seine Familie mehr schlecht als recht durchbringt. Ende Monat ist die Haushaltskasse leer, aber Tom legt immer wieder etwas beiseite – bald hat er genug beisammen, um das eigene Taxi zu kaufen und mit seinem alten Kumpel zusammen ein eigenes Unternehmen zu gründen.
Da platzt Töchterchen Jane (Reynolds) mit der Nachricht ihrer geplanten Hochzeit ins Haus. Nur klein soll diese sein, im engsten Familienkreis, zehn Minuten höchstens soll sie dauern, und dann soll’s mit Ehemann Ralph (Taylor) ab in die Flitterwochen gehen.
Die Hochzeit wächst sich im Hause Hurley aber zum Politikum aus. Onkel Jack (Fitzgerald) ist beleidigt, weil er nicht zum „engsten Familienkreis“ gezählt wird, obwohl er schon seit 12 Jahren bei den Hurleys wohnt. Und für Mutter Aggie (Davis) kommt sowieso keine kleine Hochzeit infrage; aus Schuldgefühlen ihrer Tochter gegenüber modelliert sie das geplante Fest mit eiserner Fuchtel nach und nach zum kostspieligen 200-Gäste-Anlass um. Vater Tom sieht seinen Traum vom Taxi entschwinden.

Alle meinen es gut in dem Film. Aber alte Geschichten, Stolz und Enttäuschungen schaukeln die bevorstehende Hochzeit zur drohenden Katastrophe hoch. Bis der verständnisvollen Tochter der Kragen platzt. „Alles geht schief!“, brüllt sie ihre Eltern an. „Meine beste Freundin hat mich verlassen, Onkel Jack ist ausgezogen, und ihr beide streitet nur noch miteinander. Und alles wegen dieser verdammten Hochzeit!“

Am Ende kommt alles gut, aber bis dahin brechen alte Konflikte auf, alte Schuld zollt ihren Tribut, der Standesunterschied zwischen den reichen Eltern des Bräutigams und den Hurleys lastet – man kriegt als Zuschauer einen guten Einblick in den Alltag von Amerikas „working poor“ der 50er-Jahre.

The Catering Affair pulsiert vor Leben. Das Milieu und die Charaktere sind scharf gezeichnet, Charakterstudien fast allesamt, in denen Schauspieler zeigen können, was sie drauf haben. Es ist eine wahre Freude, der hier versammelten Truppe zuzusehen. Bette Davis als verbitterte, Arbeiterfrau brennt sich mit ihrem abgehärmten Ausdruck und ihrer Reibeisenstimme unauslöschlich ins Gedächtnis ein. Ihre schauspielerischen Zwischentöne, mit denen sie immer wieder kurz hinter die raue Fassade dieser Frau blicken lässt, machen ihre Aggie zur glaubwürdigen Figur. Borgnine, der während der Dreharbeiten den Oscar für die Titelrolle in Marty erhielt, erbringt hier eine ähnlich denkwürdige Leistung wie im preisgekrönten Vorgängerfilm. Und Debbie Reynolds, bis dahin Musical-Darling und fröhlicher Springinsfeld, überrascht in einer ernsten Rolle und einer soliden Leistung, die ihr nicht mal Regisseur Brooks zugetraut hatte: Er wollte die Reynolds eigentlich nicht im Team haben, aber weil er Bette Davis‘ Mitwirkung beim Produzenten durchdrückte, musste er bei Debbie Reynolds nachgeben. Er hatte es offenbar nicht bereut.

Schade, dass man den Film heute praktisch nicht mehr sieht. Er steht in einer Linie mit den berühmten Sozialdramen, die in den USA der späten Fünfzigerjahre in Mode kamen und die ein ganz anderes Amerika zeigten als die gloriosen Eskapismus-Orgien der Vierziger.
In der Reihe „Warner Archive Collection“ ist er als „DVD on demand“ (DVD-R) in den USA erschienen (Kaufmöglichkeit siehe unten).

8 / 10

 => Die oben erwähnte DVD der Warner Archive Collection kann hier gekauft werden (Link führt zu meinem eBay-Angebot).

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Filmschnipsel:

(500) DAYS OF SUMMER
USA 2009
Mit Zooey Deschanel, Joseph Gordon-Levitt, Geoffrey Arend u.a.
Drehbuch: Scott Neustader und Michael H. Weber
Regie: Marc Webb
Eine Liebesgeschichte? Naja – auf sowas steh‘ ich nicht besonders, aber dieser Film erreicht bei imdb.com immerhin eine Wertung von über 7. Kann man sich ja mal ansehen.
„Dies ist keine Liebesgeschichte!“, stellt der Off-Erzähler gleich zu Beginn des Films klar. Was dann folgt – ist der klassische Beginn einer Liebesgeschichte. Am Ende wird der Off-Erzähler Recht behalten.
Klingt verwirrend? Es wird noch besser: (500) Days of Summer hüpft wild zwischen den 500 im Titel besagten Tagen hin und her. Kaum haben sich Tom und Summer kennengelernt, wird zum Tag vorgespult, an dem ihre Beziehung in eine schwere Krise gerät. Um sogleich wieder zurückzuhüpfen.
Diese Erzählweise ist erfrischend anders – und längst nicht so chaotisch, wie es klingt, denn ein roter Faden ist immer da. Die Erzählweise entspricht dem sprunghaften Wesen der Titelheldin Summer, die von Zooey Deschanel („New Girl“) pefekt verkörpert wird.
Vieles an dem Film ist unkonventionell, obwohl er eine absolut konventionelle Geschichte erzählt (Boy meets Girl). Der Humor ist permanent schräg und man kommt aus dem Grinsen kaum heraus, die Hauptcharaktere sind so sympathisch gezeichnet und werden so gut gespielt, dass man sie gerne ein Stück auf ihrem Weg begleitet.
Insgesamt ein toll geschriebener, höchst unterhaltsamer, anregender Liebesfilm, (der gar kein Liebesfilm ist!), der immer wieder mit kreativen Ideen verblüfft. Letztlich ist er zwar recht belanglos, aber er unterhält hervorragend. Kann man sich gut und gern mal ansehen – hier in der englisch gesprochenen Originalversion (Stream).
7 / 10

THE NICE GUYS
USA 2016
Mit Russell Crowe, Ryan Gosling, Angourie Rice, Matt Bomer, Kim Basinger, u.a.
Drehbuch: Shane Black und Anthony Bagarozzi
Regie: Shane Black
NATÜRLICH – ich betone es gleich zu Beginn: The Nice Guys bringt nichts Neues. Aber erstens tun das die allerwenigsten Filme, und zweitens will er das gar nicht. Er will unterhalten – und das tut er auf hohem Niveau! Das hat seinen Wert, auch wenn nichts „Neues“ dabei ist. Im Thai-Restaurant schmeckt einem das Essen ja auch nicht nur, wenn der Koch „was Neues“ erfunden hat.
The Nice Guys blendet zurück in die 7oer-Jahre und erzählt die Geschichte eines Falls, ist also einerseits ein Krimi. Eine Darstellerin aus einem propagandistischen Pornofilm wird plötzlich von wütenden Killern gejagt – warum?
Im Mittelpunkt der Ermittlungen stehen zwei Privatdetektive (Crowe und Gosling), der eine gescheitert und ohne Lizenz, der andere ein versoffener Möchtegern. Die beiden bringen starke Elemente der Komödie in den Film, die Figurenkonstellation ist nicht ohne (komischen) Zündstoff. Das Drehbuch verwickelt als zusätzliche Würze noch die minderjährige Tochter des Möchtegern-Ermittlers in die Krimi-Handlung mit ein – und fertig ist ein Cocktail, der von A bis Z bei der Stange hält und einfach Spass macht.
Crowe spielt seine Rolle mit unglaublicher Präzision; bislang hielt ich von diesem Schauspieler nicht viel (aufgrund seiner Leistung in Les Miserables), ich hatte praktisch alle Filme von ihm ausgelassen. Hier ist er eine Bombe. Er erzählt zwischen den Zeilen, die Geschichte seiner Figur schwingt in seinem Spiel mit, ohne dass viele Worte darüber verloren werden. Das ist auch ein Verdienst des Drehbuchs, aber Crowe setzt das optimal um. Neben ihm glänzen Ryan Gosling als grossmäuliger Tollpatsch und die niedliche Angourie Rice als dessen Tochter. Matt Bomer (bekannt aus der Serie White Collar) überrascht mit einem Auftritt, der komplett gegen seinen Serien-Charakter gebürstet ist.
Und Shane Black, der Regisseur? Ein alter Hase im Filmbusiness. Von ihm stammt das Drehbuch zum ersten Lethal Weapon-Streifen und zum dritten Iron Man-Sequel. Der Mann kann sowohl Komödie als auch Action. Schreibender- und Inszenierenderweise. Anschauen und geniessen: Hier in der US-Originalfassung und hier in der deutsch synchronisierten Fassung (Stream).
8 / 10

Abgebrochenene Filmsichtungen:


RED RIVER
USA 1948
Mit John Wayne, Montgomery Clift, Walter Brennan,
Drehbuch: Borden Chase
Regie: Howard Hawks
Ein bedeutender Western, bedeutend dank der Tatsache, dass erstmals in einem Film eine echte Rinderstampede inszeniert wurde. Sie wurde von in den Boden eingelassenen Kameras gefilmt, die mit Panzerglas abgedeckt waren. Zudem wurde hier erstmals in einem US-Film eine Handkamera eingesetzt.
Die Stampede ist eindrücklich. Trotzdem hat mich der Film kalt gelassen. Ich habe nach einer Stunde aufgegeben, nachdem ich einfach nicht ‚reinkam. John Wayne spielt ein selbstgerechtes Arsch; ich hatte erwartet, dass er sich im Verlauf der Handlung zum üblen, despotischen Rinderbaron entwickeln wird, so ist die Rolle angelegt, aber nein: Etwa in der Mitte des Films wird unterstrichen, dass er eigentlich ein guter Kerl ist. Passt einfach nicht!
Der Film zieht sich wie Kaugummi, und obwohl ich ihm als Howard Hawks-Fan alle Chancen gegeben hatte, strich ich nach 60 Minuten die Fahnen. Das Drehbuch ist alles andere als pointiert und verliert sich in schier uferlosen Episoden, deren Zweck man nicht wirklich erkennt. Und John Wayne spielt schlecht, furchtbar; meine Güte, war das ein mieser Schauspieler!
Nee, das ist einer jener „bedeutenden Filme“ auf deren „Genuss“ ich verzichten kann. Ansehen im Stream in der US-Originalfassung: Hier.
(Keine Wertung – abgebrochen)

GHOST IN THE SHELL
USA 2017
Mit Scarlett Johansson, Pilou Asbaek, Takeshi Kitano, Juliette Binoche u.a.
Drehbuch: Jamie Moss, William Wheeler und Ehren Krueger
Regie: Rupert Sanders

Ich war im Kino… und bin in der Pause gegangen.
Zuerst muss ich anmerken, dass ich Anime-Vorlage nicht kenne.
Ich fand den Film eigentlich sehr gut inszeniert, der Look ist gewaltig, das Drehbuch, naja, schlecht fand ich es nicht, aber auch nicht besonders gut. Man merkt schon, dass da gerafft und gestaucht werden musste.
Die Schauspieler hatten angesichts der geballten Ladung an CGI und Action keinerlei Chance, irgendwas zu zeigen ausser Gehetztheit und Drohgebärden.
Was mir absolut nicht gefallen hat, mich sogar richtiggehend abgestossen hat, war der „Cyberpunk-Effekt“. Ich konnte deshalb schon die Bücher von William Gibson und Co. nicht lesen – diese Koppelung von Mensch und Maschine, die das bionische Prinzip praktisch umdreht und den Menschen nach dem Vorbild von Maschinen optimiert, das behagt mir irgendwie nicht. Und Bilder von verkabelten Wesen sind für mich schlimmer als irgendeine Splatter-Szene.
Fragt mich nicht, weshalb…
(Keine Wertung – abgebrochen)

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Gedankensplitter

Schreiben über Film
Seit Jahren führe ich diesen Blog, seit Jahren hege ich Zweifel daran, ob das Schreriben über Film dem Medium überhaupt gerecht wird. Immer wieder legte ich längere Pausen ein, weil ich von der Sache einfach nicht überzeugt war. Film ist Bild, Ton, Schauspiel, Bewegung, Musik und, und, und…
Text hingegen ist… einfach Text.
Mein Bedürfnis war immer, auf gute Filme aufmerksam zu machen, andere zum Sehen zu animieren. Doch die Blogsphäre ist derart voll mit Filmseiten, dass ein einzelner Text in der Menge schlichtweg verloren geht.
Am liebsten würde ich den jeweils besprochenen Film auf meinem Blog zugänglich machen. Damit man die Anregung, die der Text hoffentlich bietet, gleich ins Seh-Erlebnis umsetzen kann.
Seit Jahren suche ich nach einer Möglichkeit. Bei drei der hier besprochenen Filme habe ich mal versuchsweise Links  zu Steamingseiten eingefügt. Schauen wir mal, was passiert…

Die Katze auf dem heissen Blechdach – 1958

Wie bereits angekündigt, habe ich das Konzept meines Filmblogs erneut geändert; ich gehe damit auf das Nutzerverhalten meiner LeserInnen ein und lasse mangels Interesse den Blick in Nachbarblogs und die Rubrik „Augenfutter“ weg. Zudem gibt es nur noch eine grosse Filmbesprechung pro Mal – im Wechsel immer ein Klassiker und ein kaum bekannter älterer Film, den zu entdecken sich lohnen täte. Mit diesen Änderungen wird auch die Bezeichnung „Movie-Magazin“ hinfällig – ein Schritt zurück also, zum leicht angepassten alten Konzept.
Zudem habe ich mir die Frage gestellt, was ich mit meinen Filmtexten eigentlich erreichen will. Die Leute belehren? (Wer will denn schon belehrt werden?) Meine Sicht der Dinge darlegen? (Wen interessiert die schon?) Im Grunde geht es mir darum, Lust auf Filme zu wecken, zum Schauen zu animieren, den Wert auch älterer Filme aufzuzeigen und zu anzuregen, sich damit zu befassen. Diese Erkenntnis hat natürlich auch Auswirkungen auf mein Schreiben. Man wundere sich also nicht, wenn meine Texte ab sofort weniger klugscheisserisch daherkommen. (Falls sie es doch tun, kann ich möglicherweise einfach nicht anders!) Wer hier liest, soll Anregungen erhalten, keine filmhistorischen Abhandlungen und Hintergrundberichte. Schliesslich bin ich kein Filmspezialist, nur ein interessierter Laie.

HEUTE: EIN KLASSIKER
CAT ON A HOT TIN ROOF
USA 1958
Mit Paul Newman, Elisabeth Taylor, Burl Ives, Jack Carson, Judith Anderson u.a.
Drehbuch: Richard Brooks und James Poe nach dem gleichnamigen Bühnenstück von Tennessee Williams
Regie: Richard Brooks
Studio: MGM
Dauer: 108 min
Der Film kam 1959 auch in die deutschen Kinos – unter dem Titel Die Katze auf dem heissen Blechdach. In der DDR wurde er erst 1977 erstmals gezeigt – im Fernsehen.

Vorspann:
In einer Villa irgendwo im Süden der USA treffen sich die Mitglieder der Familie Pullitt, um den Geburtstag des Patriarchen „Big Daddy“ zu feiern. Dieser kehrt gerade strahlend von einer grösseren Untersuchung seines Gesundheitszustandes zurück: Doch kein Krebs, sagt der Doktor. Derweil die Gattin und Kinderschar des älteren Pullitt-Spross Gooper lärmend eine wahre Bühnenshow zu Ehren des Geburtstagskindes einstudieren, umschleichen sich Brick, der zweite Sohn „Big Daddys“ und seine kinderlose Gattin Maggie „the Cat“. Sie versucht ihren kalten, inaktiven und wegen eines in Suff praktizierten Beinbruchs an Krücken gebundenen Gatten zu verführen, doch der will nichts von ihr wissen; er verabscheut sie, ohne sie über den Grund zu informieren. Bricks Ekel – den er auch den anderen Familienmitgliedern gegenüber hegt – wird gespiegelt von der Abneigung, die „Big Daddys“ seiner ganzen Bande entgegenbringt.
Das Fest beginnt; Goopers Angehörige überspannen den Bogen bezüglich Einschleimen, die Emotionen kochen hoch, es kommt zu einer ersten Aussprache zwischen Maggie und Brick – und als „Big Daddy“, der „Übervater“ endlich erfährt, was längst alle wissen, nämlich dass ihn sein Arzt belogen hat und er nur noch kurze Zeit zu leben hat, da gibt es kein Halten mehr: Schonungslos gehen die Protagonisten aufeinander los, tobend, brüllend, weinend, trotzen sie sich Geständnisse ab. Die ganzen verdrängten Emotionen brechen hervor, das Kartenhaus der heilen Familie, gebaut aus Lügen und Verachtung, bricht zusammen. Die Katharsis ermöglicht einen neuen Anfang.

Der Film:
Wie William Wylers Film The Little Foxes, den ich letzte Woche besprochen hatte, handelt auch dieses Kinowerk von einer desolaten Südstaatenfamilie und beruht auf einem Theaterstück. Im Gegensatz zu Lillian Hellman, der Autorin von The Little Foxes, ist Tennessee Williams noch heute ein fester Begriff; er war einer der grössten und einflussreichsten Dramatiker Amerikas. Im letzwöchig besprochenen Film strich ich Hellmans Theatervorlage als schwächsten Beitrag zum Ganzen heraus. Bei Cat on A Hot Tin Roof ist das Gegenteil der Fall. Das Stück ist derart stark, dass wohl auch weniger talentierte Leute einen guten Film hätten daraus machen können!
Hier war aber mit Richard Brooks einer der talentiertesten und eigenwilligsten Regisseure des damaligen Hollywood am Werk – er schrieb (zusammen mit James Poe) auch die Adaption des Stücks, welche grosse Dialogstrecken intakt liess und vornehmlich filmspezifisch örtliche Anpassungen vornahm – mit Ausnahmen, auf die ich noch zu sprechen komme und die sich nicht zum Vorteil des Ganzen auswirkten.

Auch die Schauspielerinnen und Schauspieler sind ausnahmslos erste Sahne. Wenn ich also behaupte, das Stück sei der stärkste Beitrag zum Ganzen, muss ich fairerweise anfügen „ganz dicht gefolgt von der Besetzung, der Regie und dem ganzen Rest“.

Brooks‘ Film erhielt sieben Oscar-Nominationen – unter anderem für Paul Newman, Liz Taylor und Burl Ives, zwei für Richard Brooks (Regie und Drehbuchadaption), William Daniels (Kamera) und einen in der Sparte „bester Film“. Er gewann keinen einzigen – aber das will ja nichts heissen (der grosse Gewinner der damaligen Oscar-Night war Vincente Minellis Musical Gigi). Immerhin wurde der Film in die Top Ten-Liste 1958 des „National Board of Reviews“ aufgenommen; zudem ist das Stück dekoriert worden – mit dem Pulitzer-Preis.
Punkto Publikumsgunst schnitt die Filmversion von Cat on A Hot Tin Roof hervorragend ab, wohl auch dank dem Umstand, dass Williams‘ skandalumwittertes Stück noch relativ frisch war – die Premiere lag nur drei Jahre zurück – und nun war man auf die filmische Umsetzung neugierig. Paul Newman wurde damit zum Star, Liz Tylor konnte ihre Popularität festigen, und Richard Brooks etablierte sich nach Blackboard Jungle (dt.: Die Saat der Gewalt, 1955) mit diesem Film endgültig als ernst zu nehmende kreative Kraft im US-Filmbusiness.

Was macht denn nun die Qualität des Stücks aus, was die Qualität der filmischen Umsetzung?
Zunächst zum Stück / Drehbuch: Williams baut eine desolate, auf Lügen basierende Familienkonstellation auf, die mittels prägnanter, treffsicherer Dialogen offengelegt, durchgekaut und schliesslich mittels mehrerer Eklats aufgelöst wird. Das Stück ist hervorragend durchdacht und solide konstruiert, und es bietet Schauspielern die Gelegenheit, zu zeigen, was sie können – fast jede Figur hat eine grosse Szene.
Der Film stellt die Dysfunktionalität der Familie von Beginn weg klar, noch bevor ein Wort gesprochen wurde, und zwar mittels der dissonaten, von Schwägerin Mae angeführten  Kinderband, die sich marschierend zum rechten Bildrand bewegt. Die Misstöne sind präsent, bevor überhaupt alle Familienmitglieder erschienen sind. Während Mae mit der Band aus dem Bild marschiert, fährt Maggie in der genau entgegengesetzten Richtung ins Bild hinein. Die beiden Gegenbewegungen weisen auf den innerfamiliäre Konflikt hin.
Es liessen sich noch viele ähnliche inszenatorische Feinheiten anführen, sie kommentieren, nehmen Späteres vorweg, unterstreichen Gesprochenes auf der Bildebene. In dieser Verfilmung stimmt praktisch alles, vom dezenten Einsatz der Musik über die Ausstattung und Kostüme bis zur Wahl der Schauspieler.
Es gibt nur eine Irritation, eine kleine Unstimmigkeit, die auf einer Auslassung basiert. Die Drehbuchautoren waren gezwungen, die Anspielungen an Bricks Homosexualität aus dem Skript zu verbannen. Und da fehlt nun ein wichtiger Part in Bricks und Maggies Aufarbeitung der Geschichte Skippers, des grossen Abwesenden und dessen Selbstmordes, der die Beziehung der beiden derart beherrscht. Wie Brick von seinem damals besten Freund und seiner Beziehung zu ihm erzählt, taucht der Gedanke an Homosexualität zwar auf, aber man reagiert als heutiger Zuschauer eher verunsichert, weil man sich fragt, ob dieses Thema in den USA der späten Fünfzigerjahre wirklich im Bereich des Möglichen lag. Auf der Bühne ja, aber nicht bei MGM. Möglicherweise erkannte das damalige Publikum die Anspielungen viel klarer als wir, die wir in diesem Bereich bereits Abstumpfungserscheinungen aufweisen.

Was macht den Film denn nun zum Klassiker? Sicher seine durchwegs hohe Qualität in allen Bereichen und die Zeitlosigkeit seines Themas, das menschliche Zusammenleben und die Spuren, welches dies im Einzelnen hinterlässt, und wie diese wiederum auf das Gefüge einwirken. Die dramaturgische Form des „gegenseitigen Auskotzens“, deren sich Tennessee Williams bediente, hat bis heute keinen Staub angesetzt. Die Idee, dass nur durch schonungslosen Dialog und offenlegen eigener Emotionen die Wahrheiten ans Licht kommen und so alles wieder an den rechten Platz gerückt werden kann, kommt aus der Psychologie, und Tennessee Williams hat dafür die ideale dramaturgische Form gefunden. Seine Stücke wirken wie Muster-Sitzungen beim Psychiater; Cat on A Hot Tin Roof jedenfalls ist bis heute ein Vorbild dafür, wie mit konstruktiv Konflikten umgegangen werden kann. Die fantastische Verfilmung von Richard Brooks führt uns Heutigen das über die Jahrzehnte hinweg eindrücklich vor Augen.

Abspann:
Der Film wurde ein beachtlicher Publikumserfolg, was Richard Brooks Karriere sehr förderlich war. Es gibt ihn im deutschsprachigen Raum schon länger auf DVD – am letzten Donnerstag ist er auch auf Blu-ray erschienen (Warner Home Video).

Vorschau:
Was haben eigentlich Norman Panama und Melvin Frank ausser dem zeitlosen Hit The Court Jester (dt.: Der Hofnarr, USA 1955) sonst noch für Filme gedreht? Die meisten davon sind heute vergessen; im nächsten Beitrag stelle ich einen vor: Callaway Went Thataway (dt.: Der Cowboy, den es zweimal gab; USA 1951)