Richard Brooks

Mädchen ohne Mitgift – The Catered Affair, 1956

Heute sinniert gabelingeber über das Schreiben von Film-Tipps: Bringt das überhaupt was? Zudem stellt er erstmals Filme vor, deren Sichtung er abgebrochen hat. Im Hauptbeitrag wird wieder ein vergessener Hollywood-Film aus der Versenkung geholt (diesmal einer von Richard Brooks), und zwei weitere US-Filme werden kurz vorgestellt.

THE CATERED AFFAIR
USA 1956
Mit Bette Davis, Ernest Borgnine, Debbie Reynolds, Barry Fitzgerald, Rod Taylor u.a.
Drehbuch: Gore Vidal nach einem Teleplay von Paddy Chayevsky
Regie: Richard Brooks

Wenn sich eine Film-Familie aus Bette Davis (Mutter), Ernest Borgnine (Vater), Debbie Reynolds (Tochter) und Barry Fitzgerald (Onkel) zusammensetzt – dann schaut man sogar gern zu, wenn der Film schlecht ist.
Nun, Richard Brooks The Catered Affair ist alles andere als schlecht ist! Und das macht die Sache so richtig interessant. The Catered Affair gehört zwar dank seines damaligen Misserfolgs zu den heute vergessenen Werken dieses ansonsten gefeierten Regisseurs, doch die Sichtung lohnt sich – und eine Neubewertung ist fällig.

Die Geschichte spielt im Arbeitermilieu New Yorks, wo Vater Tom Hurley (Borgnine) als Taxifahrer seine Familie mehr schlecht als recht durchbringt. Ende Monat ist die Haushaltskasse leer, aber Tom legt immer wieder etwas beiseite – bald hat er genug beisammen, um das eigene Taxi zu kaufen und mit seinem alten Kumpel zusammen ein eigenes Unternehmen zu gründen.
Da platzt Töchterchen Jane (Reynolds) mit der Nachricht ihrer geplanten Hochzeit ins Haus. Nur klein soll diese sein, im engsten Familienkreis, zehn Minuten höchstens soll sie dauern, und dann soll’s mit Ehemann Ralph (Taylor) ab in die Flitterwochen gehen.
Die Hochzeit wächst sich im Hause Hurley aber zum Politikum aus. Onkel Jack (Fitzgerald) ist beleidigt, weil er nicht zum „engsten Familienkreis“ gezählt wird, obwohl er schon seit 12 Jahren bei den Hurleys wohnt. Und für Mutter Aggie (Davis) kommt sowieso keine kleine Hochzeit infrage; aus Schuldgefühlen ihrer Tochter gegenüber modelliert sie das geplante Fest mit eiserner Fuchtel nach und nach zum kostspieligen 200-Gäste-Anlass um. Vater Tom sieht seinen Traum vom Taxi entschwinden.

Alle meinen es gut in dem Film. Aber alte Geschichten, Stolz und Enttäuschungen schaukeln die bevorstehende Hochzeit zur drohenden Katastrophe hoch. Bis der verständnisvollen Tochter der Kragen platzt. „Alles geht schief!“, brüllt sie ihre Eltern an. „Meine beste Freundin hat mich verlassen, Onkel Jack ist ausgezogen, und ihr beide streitet nur noch miteinander. Und alles wegen dieser verdammten Hochzeit!“

Am Ende kommt alles gut, aber bis dahin brechen alte Konflikte auf, alte Schuld zollt ihren Tribut, der Standesunterschied zwischen den reichen Eltern des Bräutigams und den Hurleys lastet – man kriegt als Zuschauer einen guten Einblick in den Alltag von Amerikas „working poor“ der 50er-Jahre.

The Catering Affair pulsiert vor Leben. Das Milieu und die Charaktere sind scharf gezeichnet, Charakterstudien fast allesamt, in denen Schauspieler zeigen können, was sie drauf haben. Es ist eine wahre Freude, der hier versammelten Truppe zuzusehen. Bette Davis als verbitterte, Arbeiterfrau brennt sich mit ihrem abgehärmten Ausdruck und ihrer Reibeisenstimme unauslöschlich ins Gedächtnis ein. Ihre schauspielerischen Zwischentöne, mit denen sie immer wieder kurz hinter die raue Fassade dieser Frau blicken lässt, machen ihre Aggie zur glaubwürdigen Figur. Borgnine, der während der Dreharbeiten den Oscar für die Titelrolle in Marty erhielt, erbringt hier eine ähnlich denkwürdige Leistung wie im preisgekrönten Vorgängerfilm. Und Debbie Reynolds, bis dahin Musical-Darling und fröhlicher Springinsfeld, überrascht in einer ernsten Rolle und einer soliden Leistung, die ihr nicht mal Regisseur Brooks zugetraut hatte: Er wollte die Reynolds eigentlich nicht im Team haben, aber weil er Bette Davis‘ Mitwirkung beim Produzenten durchdrückte, musste er bei Debbie Reynolds nachgeben. Er hatte es offenbar nicht bereut.

Schade, dass man den Film heute praktisch nicht mehr sieht. Er steht in einer Linie mit den berühmten Sozialdramen, die in den USA der späten Fünfzigerjahre in Mode kamen und die ein ganz anderes Amerika zeigten als die gloriosen Eskapismus-Orgien der Vierziger.
In der Reihe „Warner Archive Collection“ ist er als „DVD on demand“ (DVD-R) in den USA erschienen (Kaufmöglichkeit siehe unten).

8 / 10

 => Die oben erwähnte DVD der Warner Archive Collection kann hier gekauft werden (Link führt zu meinem eBay-Angebot).

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Filmschnipsel:

(500) DAYS OF SUMMER
USA 2009
Mit Zooey Deschanel, Joseph Gordon-Levitt, Geoffrey Arend u.a.
Drehbuch: Scott Neustader und Michael H. Weber
Regie: Marc Webb
Eine Liebesgeschichte? Naja – auf sowas steh‘ ich nicht besonders, aber dieser Film erreicht bei imdb.com immerhin eine Wertung von über 7. Kann man sich ja mal ansehen.
„Dies ist keine Liebesgeschichte!“, stellt der Off-Erzähler gleich zu Beginn des Films klar. Was dann folgt – ist der klassische Beginn einer Liebesgeschichte. Am Ende wird der Off-Erzähler Recht behalten.
Klingt verwirrend? Es wird noch besser: (500) Days of Summer hüpft wild zwischen den 500 im Titel besagten Tagen hin und her. Kaum haben sich Tom und Summer kennengelernt, wird zum Tag vorgespult, an dem ihre Beziehung in eine schwere Krise gerät. Um sogleich wieder zurückzuhüpfen.
Diese Erzählweise ist erfrischend anders – und längst nicht so chaotisch, wie es klingt, denn ein roter Faden ist immer da. Die Erzählweise entspricht dem sprunghaften Wesen der Titelheldin Summer, die von Zooey Deschanel („New Girl“) pefekt verkörpert wird.
Vieles an dem Film ist unkonventionell, obwohl er eine absolut konventionelle Geschichte erzählt (Boy meets Girl). Der Humor ist permanent schräg und man kommt aus dem Grinsen kaum heraus, die Hauptcharaktere sind so sympathisch gezeichnet und werden so gut gespielt, dass man sie gerne ein Stück auf ihrem Weg begleitet.
Insgesamt ein toll geschriebener, höchst unterhaltsamer, anregender Liebesfilm, (der gar kein Liebesfilm ist!), der immer wieder mit kreativen Ideen verblüfft. Letztlich ist er zwar recht belanglos, aber er unterhält hervorragend. Kann man sich gut und gern mal ansehen – hier in der englisch gesprochenen Originalversion (Stream).
7 / 10

THE NICE GUYS
USA 2016
Mit Russell Crowe, Ryan Gosling, Angourie Rice, Matt Bomer, Kim Basinger, u.a.
Drehbuch: Shane Black und Anthony Bagarozzi
Regie: Shane Black
NATÜRLICH – ich betone es gleich zu Beginn: The Nice Guys bringt nichts Neues. Aber erstens tun das die allerwenigsten Filme, und zweitens will er das gar nicht. Er will unterhalten – und das tut er auf hohem Niveau! Das hat seinen Wert, auch wenn nichts „Neues“ dabei ist. Im Thai-Restaurant schmeckt einem das Essen ja auch nicht nur, wenn der Koch „was Neues“ erfunden hat.
The Nice Guys blendet zurück in die 7oer-Jahre und erzählt die Geschichte eines Falls, ist also einerseits ein Krimi. Eine Darstellerin aus einem propagandistischen Pornofilm wird plötzlich von wütenden Killern gejagt – warum?
Im Mittelpunkt der Ermittlungen stehen zwei Privatdetektive (Crowe und Gosling), der eine gescheitert und ohne Lizenz, der andere ein versoffener Möchtegern. Die beiden bringen starke Elemente der Komödie in den Film, die Figurenkonstellation ist nicht ohne (komischen) Zündstoff. Das Drehbuch verwickelt als zusätzliche Würze noch die minderjährige Tochter des Möchtegern-Ermittlers in die Krimi-Handlung mit ein – und fertig ist ein Cocktail, der von A bis Z bei der Stange hält und einfach Spass macht.
Crowe spielt seine Rolle mit unglaublicher Präzision; bislang hielt ich von diesem Schauspieler nicht viel (aufgrund seiner Leistung in Les Miserables), ich hatte praktisch alle Filme von ihm ausgelassen. Hier ist er eine Bombe. Er erzählt zwischen den Zeilen, die Geschichte seiner Figur schwingt in seinem Spiel mit, ohne dass viele Worte darüber verloren werden. Das ist auch ein Verdienst des Drehbuchs, aber Crowe setzt das optimal um. Neben ihm glänzen Ryan Gosling als grossmäuliger Tollpatsch und die niedliche Angourie Rice als dessen Tochter. Matt Bomer (bekannt aus der Serie White Collar) überrascht mit einem Auftritt, der komplett gegen seinen Serien-Charakter gebürstet ist.
Und Shane Black, der Regisseur? Ein alter Hase im Filmbusiness. Von ihm stammt das Drehbuch zum ersten Lethal Weapon-Streifen und zum dritten Iron Man-Sequel. Der Mann kann sowohl Komödie als auch Action. Schreibender- und Inszenierenderweise. Anschauen und geniessen: Hier in der US-Originalfassung und hier in der deutsch synchronisierten Fassung (Stream).
8 / 10

Abgebrochenene Filmsichtungen:


RED RIVER
USA 1948
Mit John Wayne, Montgomery Clift, Walter Brennan,
Drehbuch: Borden Chase
Regie: Howard Hawks
Ein bedeutender Western, bedeutend dank der Tatsache, dass erstmals in einem Film eine echte Rinderstampede inszeniert wurde. Sie wurde von in den Boden eingelassenen Kameras gefilmt, die mit Panzerglas abgedeckt waren. Zudem wurde hier erstmals in einem US-Film eine Handkamera eingesetzt.
Die Stampede ist eindrücklich. Trotzdem hat mich der Film kalt gelassen. Ich habe nach einer Stunde aufgegeben, nachdem ich einfach nicht ‚reinkam. John Wayne spielt ein selbstgerechtes Arsch; ich hatte erwartet, dass er sich im Verlauf der Handlung zum üblen, despotischen Rinderbaron entwickeln wird, so ist die Rolle angelegt, aber nein: Etwa in der Mitte des Films wird unterstrichen, dass er eigentlich ein guter Kerl ist. Passt einfach nicht!
Der Film zieht sich wie Kaugummi, und obwohl ich ihm als Howard Hawks-Fan alle Chancen gegeben hatte, strich ich nach 60 Minuten die Fahnen. Das Drehbuch ist alles andere als pointiert und verliert sich in schier uferlosen Episoden, deren Zweck man nicht wirklich erkennt. Und John Wayne spielt schlecht, furchtbar; meine Güte, war das ein mieser Schauspieler!
Nee, das ist einer jener „bedeutenden Filme“ auf deren „Genuss“ ich verzichten kann. Ansehen im Stream in der US-Originalfassung: Hier.
(Keine Wertung – abgebrochen)

GHOST IN THE SHELL
USA 2017
Mit Scarlett Johansson, Pilou Asbaek, Takeshi Kitano, Juliette Binoche u.a.
Drehbuch: Jamie Moss, William Wheeler und Ehren Krueger
Regie: Rupert Sanders

Ich war im Kino… und bin in der Pause gegangen.
Zuerst muss ich anmerken, dass ich Anime-Vorlage nicht kenne.
Ich fand den Film eigentlich sehr gut inszeniert, der Look ist gewaltig, das Drehbuch, naja, schlecht fand ich es nicht, aber auch nicht besonders gut. Man merkt schon, dass da gerafft und gestaucht werden musste.
Die Schauspieler hatten angesichts der geballten Ladung an CGI und Action keinerlei Chance, irgendwas zu zeigen ausser Gehetztheit und Drohgebärden.
Was mir absolut nicht gefallen hat, mich sogar richtiggehend abgestossen hat, war der „Cyberpunk-Effekt“. Ich konnte deshalb schon die Bücher von William Gibson und Co. nicht lesen – diese Koppelung von Mensch und Maschine, die das bionische Prinzip praktisch umdreht und den Menschen nach dem Vorbild von Maschinen optimiert, das behagt mir irgendwie nicht. Und Bilder von verkabelten Wesen sind für mich schlimmer als irgendeine Splatter-Szene.
Fragt mich nicht, weshalb…
(Keine Wertung – abgebrochen)

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Gedankensplitter

Schreiben über Film
Seit Jahren führe ich diesen Blog, seit Jahren hege ich Zweifel daran, ob das Schreriben über Film dem Medium überhaupt gerecht wird. Immer wieder legte ich längere Pausen ein, weil ich von der Sache einfach nicht überzeugt war. Film ist Bild, Ton, Schauspiel, Bewegung, Musik und, und, und…
Text hingegen ist… einfach Text.
Mein Bedürfnis war immer, auf gute Filme aufmerksam zu machen, andere zum Sehen zu animieren. Doch die Blogsphäre ist derart voll mit Filmseiten, dass ein einzelner Text in der Menge schlichtweg verloren geht.
Am liebsten würde ich den jeweils besprochenen Film auf meinem Blog zugänglich machen. Damit man die Anregung, die der Text hoffentlich bietet, gleich ins Seh-Erlebnis umsetzen kann.
Seit Jahren suche ich nach einer Möglichkeit. Bei drei der hier besprochenen Filme habe ich mal versuchsweise Links  zu Steamingseiten eingefügt. Schauen wir mal, was passiert…

Die Katze auf dem heissen Blechdach – 1958

Wie bereits angekündigt, habe ich das Konzept meines Filmblogs erneut geändert; ich gehe damit auf das Nutzerverhalten meiner LeserInnen ein und lasse mangels Interesse den Blick in Nachbarblogs und die Rubrik „Augenfutter“ weg. Zudem gibt es nur noch eine grosse Filmbesprechung pro Mal – im Wechsel immer ein Klassiker und ein kaum bekannter älterer Film, den zu entdecken sich lohnen täte. Mit diesen Änderungen wird auch die Bezeichnung „Movie-Magazin“ hinfällig – ein Schritt zurück also, zum leicht angepassten alten Konzept.
Zudem habe ich mir die Frage gestellt, was ich mit meinen Filmtexten eigentlich erreichen will. Die Leute belehren? (Wer will denn schon belehrt werden?) Meine Sicht der Dinge darlegen? (Wen interessiert die schon?) Im Grunde geht es mir darum, Lust auf Filme zu wecken, zum Schauen zu animieren, den Wert auch älterer Filme aufzuzeigen und zu anzuregen, sich damit zu befassen. Diese Erkenntnis hat natürlich auch Auswirkungen auf mein Schreiben. Man wundere sich also nicht, wenn meine Texte ab sofort weniger klugscheisserisch daherkommen. (Falls sie es doch tun, kann ich möglicherweise einfach nicht anders!) Wer hier liest, soll Anregungen erhalten, keine filmhistorischen Abhandlungen und Hintergrundberichte. Schliesslich bin ich kein Filmspezialist, nur ein interessierter Laie.

HEUTE: EIN KLASSIKER
CAT ON A HOT TIN ROOF
USA 1958
Mit Paul Newman, Elisabeth Taylor, Burl Ives, Jack Carson, Judith Anderson u.a.
Drehbuch: Richard Brooks und James Poe nach dem gleichnamigen Bühnenstück von Tennessee Williams
Regie: Richard Brooks
Studio: MGM
Dauer: 108 min
Der Film kam 1959 auch in die deutschen Kinos – unter dem Titel Die Katze auf dem heissen Blechdach. In der DDR wurde er erst 1977 erstmals gezeigt – im Fernsehen.

Vorspann:
In einer Villa irgendwo im Süden der USA treffen sich die Mitglieder der Familie Pullitt, um den Geburtstag des Patriarchen „Big Daddy“ zu feiern. Dieser kehrt gerade strahlend von einer grösseren Untersuchung seines Gesundheitszustandes zurück: Doch kein Krebs, sagt der Doktor. Derweil die Gattin und Kinderschar des älteren Pullitt-Spross Gooper lärmend eine wahre Bühnenshow zu Ehren des Geburtstagskindes einstudieren, umschleichen sich Brick, der zweite Sohn „Big Daddys“ und seine kinderlose Gattin Maggie „the Cat“. Sie versucht ihren kalten, inaktiven und wegen eines in Suff praktizierten Beinbruchs an Krücken gebundenen Gatten zu verführen, doch der will nichts von ihr wissen; er verabscheut sie, ohne sie über den Grund zu informieren. Bricks Ekel – den er auch den anderen Familienmitgliedern gegenüber hegt – wird gespiegelt von der Abneigung, die „Big Daddys“ seiner ganzen Bande entgegenbringt.
Das Fest beginnt; Goopers Angehörige überspannen den Bogen bezüglich Einschleimen, die Emotionen kochen hoch, es kommt zu einer ersten Aussprache zwischen Maggie und Brick – und als „Big Daddy“, der „Übervater“ endlich erfährt, was längst alle wissen, nämlich dass ihn sein Arzt belogen hat und er nur noch kurze Zeit zu leben hat, da gibt es kein Halten mehr: Schonungslos gehen die Protagonisten aufeinander los, tobend, brüllend, weinend, trotzen sie sich Geständnisse ab. Die ganzen verdrängten Emotionen brechen hervor, das Kartenhaus der heilen Familie, gebaut aus Lügen und Verachtung, bricht zusammen. Die Katharsis ermöglicht einen neuen Anfang.

Der Film:
Wie William Wylers Film The Little Foxes, den ich letzte Woche besprochen hatte, handelt auch dieses Kinowerk von einer desolaten Südstaatenfamilie und beruht auf einem Theaterstück. Im Gegensatz zu Lillian Hellman, der Autorin von The Little Foxes, ist Tennessee Williams noch heute ein fester Begriff; er war einer der grössten und einflussreichsten Dramatiker Amerikas. Im letzwöchig besprochenen Film strich ich Hellmans Theatervorlage als schwächsten Beitrag zum Ganzen heraus. Bei Cat on A Hot Tin Roof ist das Gegenteil der Fall. Das Stück ist derart stark, dass wohl auch weniger talentierte Leute einen guten Film hätten daraus machen können!
Hier war aber mit Richard Brooks einer der talentiertesten und eigenwilligsten Regisseure des damaligen Hollywood am Werk – er schrieb (zusammen mit James Poe) auch die Adaption des Stücks, welche grosse Dialogstrecken intakt liess und vornehmlich filmspezifisch örtliche Anpassungen vornahm – mit Ausnahmen, auf die ich noch zu sprechen komme und die sich nicht zum Vorteil des Ganzen auswirkten.

Auch die Schauspielerinnen und Schauspieler sind ausnahmslos erste Sahne. Wenn ich also behaupte, das Stück sei der stärkste Beitrag zum Ganzen, muss ich fairerweise anfügen „ganz dicht gefolgt von der Besetzung, der Regie und dem ganzen Rest“.

Brooks‘ Film erhielt sieben Oscar-Nominationen – unter anderem für Paul Newman, Liz Taylor und Burl Ives, zwei für Richard Brooks (Regie und Drehbuchadaption), William Daniels (Kamera) und einen in der Sparte „bester Film“. Er gewann keinen einzigen – aber das will ja nichts heissen (der grosse Gewinner der damaligen Oscar-Night war Vincente Minellis Musical Gigi). Immerhin wurde der Film in die Top Ten-Liste 1958 des „National Board of Reviews“ aufgenommen; zudem ist das Stück dekoriert worden – mit dem Pulitzer-Preis.
Punkto Publikumsgunst schnitt die Filmversion von Cat on A Hot Tin Roof hervorragend ab, wohl auch dank dem Umstand, dass Williams‘ skandalumwittertes Stück noch relativ frisch war – die Premiere lag nur drei Jahre zurück – und nun war man auf die filmische Umsetzung neugierig. Paul Newman wurde damit zum Star, Liz Tylor konnte ihre Popularität festigen, und Richard Brooks etablierte sich nach Blackboard Jungle (dt.: Die Saat der Gewalt, 1955) mit diesem Film endgültig als ernst zu nehmende kreative Kraft im US-Filmbusiness.

Was macht denn nun die Qualität des Stücks aus, was die Qualität der filmischen Umsetzung?
Zunächst zum Stück / Drehbuch: Williams baut eine desolate, auf Lügen basierende Familienkonstellation auf, die mittels prägnanter, treffsicherer Dialogen offengelegt, durchgekaut und schliesslich mittels mehrerer Eklats aufgelöst wird. Das Stück ist hervorragend durchdacht und solide konstruiert, und es bietet Schauspielern die Gelegenheit, zu zeigen, was sie können – fast jede Figur hat eine grosse Szene.
Der Film stellt die Dysfunktionalität der Familie von Beginn weg klar, noch bevor ein Wort gesprochen wurde, und zwar mittels der dissonaten, von Schwägerin Mae angeführten  Kinderband, die sich marschierend zum rechten Bildrand bewegt. Die Misstöne sind präsent, bevor überhaupt alle Familienmitglieder erschienen sind. Während Mae mit der Band aus dem Bild marschiert, fährt Maggie in der genau entgegengesetzten Richtung ins Bild hinein. Die beiden Gegenbewegungen weisen auf den innerfamiliäre Konflikt hin.
Es liessen sich noch viele ähnliche inszenatorische Feinheiten anführen, sie kommentieren, nehmen Späteres vorweg, unterstreichen Gesprochenes auf der Bildebene. In dieser Verfilmung stimmt praktisch alles, vom dezenten Einsatz der Musik über die Ausstattung und Kostüme bis zur Wahl der Schauspieler.
Es gibt nur eine Irritation, eine kleine Unstimmigkeit, die auf einer Auslassung basiert. Die Drehbuchautoren waren gezwungen, die Anspielungen an Bricks Homosexualität aus dem Skript zu verbannen. Und da fehlt nun ein wichtiger Part in Bricks und Maggies Aufarbeitung der Geschichte Skippers, des grossen Abwesenden und dessen Selbstmordes, der die Beziehung der beiden derart beherrscht. Wie Brick von seinem damals besten Freund und seiner Beziehung zu ihm erzählt, taucht der Gedanke an Homosexualität zwar auf, aber man reagiert als heutiger Zuschauer eher verunsichert, weil man sich fragt, ob dieses Thema in den USA der späten Fünfzigerjahre wirklich im Bereich des Möglichen lag. Auf der Bühne ja, aber nicht bei MGM. Möglicherweise erkannte das damalige Publikum die Anspielungen viel klarer als wir, die wir in diesem Bereich bereits Abstumpfungserscheinungen aufweisen.

Was macht den Film denn nun zum Klassiker? Sicher seine durchwegs hohe Qualität in allen Bereichen und die Zeitlosigkeit seines Themas, das menschliche Zusammenleben und die Spuren, welches dies im Einzelnen hinterlässt, und wie diese wiederum auf das Gefüge einwirken. Die dramaturgische Form des „gegenseitigen Auskotzens“, deren sich Tennessee Williams bediente, hat bis heute keinen Staub angesetzt. Die Idee, dass nur durch schonungslosen Dialog und offenlegen eigener Emotionen die Wahrheiten ans Licht kommen und so alles wieder an den rechten Platz gerückt werden kann, kommt aus der Psychologie, und Tennessee Williams hat dafür die ideale dramaturgische Form gefunden. Seine Stücke wirken wie Muster-Sitzungen beim Psychiater; Cat on A Hot Tin Roof jedenfalls ist bis heute ein Vorbild dafür, wie mit konstruktiv Konflikten umgegangen werden kann. Die fantastische Verfilmung von Richard Brooks führt uns Heutigen das über die Jahrzehnte hinweg eindrücklich vor Augen.

Abspann:
Der Film wurde ein beachtlicher Publikumserfolg, was Richard Brooks Karriere sehr förderlich war. Es gibt ihn im deutschsprachigen Raum schon länger auf DVD – am letzten Donnerstag ist er auch auf Blu-ray erschienen (Warner Home Video).

Vorschau:
Was haben eigentlich Norman Panama und Melvin Frank ausser dem zeitlosen Hit The Court Jester (dt.: Der Hofnarr, USA 1955) sonst noch für Filme gedreht? Die meisten davon sind heute vergessen; im nächsten Beitrag stelle ich einen vor: Callaway Went Thataway (dt.: Der Cowboy, den es zweimal gab; USA 1951)

 

Movie-Magazin 8: Hexenkessel (1950) & Leoparden küsst man nicht (1938)

CRISIS
USA 1950
Mit Cary Grant, José Ferrer, Gilbert Roland, Paula Raymond, Signe Hasso, Leon Ames, Ramon Novarro, u.a.
Drehbuch: Richard Brooks nach einer Story von Georg Tabori
Regie: Richard Brooks
Dauer: 96 min
Der Film kam erst 1955 unter dem Titel Hexenkessel in die deutschen Kinos

Vorspann:
Irgendwo in Südamerika: Der amerikanische Arzt Eugene Ferguson (Grant) und seine Gattin (Raymond) landen auf ihrer Urlaubsreise im Staat des Tyrannen Farrago (Ferrer). Im Volk kocht der Zorn, das Militär ist omnipräsent, die Atmosphäre kocht und steht kurz vor der Explosion. Bei der Ausreise werden die Fergusons von Militärs aufgehalten und in den Palst des Diktators verschleppt. Raul Farrago ist krank, tödlich krank und er braucht sofort ärztliche Hilfe. Da er sich nicht mehr hinaus traut, soll der entführte Arzt die notwendige Hirnoperation im Palast durchführen. Ferguson gerät zusätzlich unter Druck der Rebellen, die ihm nahelegen, einen „Kunstfehler“ zu begehen.
Zwischen dem Diktator und dem Arzt entspinnt sich ein hintersinniger Schlagabtausch zu den Themen Demokratie und Diktatur.
Als die Rebellen Fergusons Frau entführen und mit dem Tod bedrohen, um den Arzt für ihre Zwecke zu „motivieren“, verwischen die bis dahin schon unklaren Grenzen zwischen „Gut“ und „Böse“ vollends.

Der Film:
Crisis sieht nicht aus wie ein typischer MGM-Film vom Anfang der 50er-Jahre: Keine saubergeleckten, frisch gestrichenen Kulissen, kein Glamour, keine üppige Filmmusik. Statt dessen: Schmutz, Düsterkeit, Gewalt, Undurchsichtigkeit. Auch thematisch unterscheidet sich Crisis von der üblichen MGM-Kost.
Es gibt ihn natürlich schon, den „good guy“, den man im US-Kino bis heute liebt und braucht. Dr. Eugene Ferguson steht stoisch wie ein Fels im zwielichtigen, nicht einfach zu durchschauenden Streit zwischen dem Herrscher und seinem Volk, hält sich streng an den hypokratischen Eid und tut, was er tun muss. Erlaubt sich als Einziger im respressiven Angst-Klima Respektlosigkeiten, weil er weiss, dass er unabdingbar ist. Ferguson ist die einzige Hoffnung, die Farrago noch hat. Und damit erscheint er dem Volk suspekt. Was er tut, kann ihn in Gefahr bringen: Gelingt die Operation, hat er den Mob gegen sich, gelingt sie nicht, zieht er sich den Unmut von Farragos Getreuen und dessen Gattin zu.
Wie kommt er da bloss wieder heil ‚raus? Auch darüber schweigt sich Richard Brooks‘ Erstling am Ende aus – auch das ist MGM-untypisch.

Brooks‘ Filme sind für ihren Bruch mit Hollywood bekannt – ein Wunder, dass der konservative Gigant MGM den jungen Wilden so lange portierte (13 Filme lang). In Crisis ist davon schon einiges sichtbar. Wahrscheinlich gehört er deshalb zu den vergessenen Filmen: Der Zeit war er voraus, er irritierte Kritiker und Publikum – und aus heutiger Sicht fällt er im Vergleich zu anderen Werken dieses Regisseurs ab, weil er zu wenig „Brooks-typisch“ ist.
Nimmt man ihn aber für sich, ohne ihn im Kontext anderer Filme dieses Regisseurs zu sehen und entsprechend zu werten – dann hat man einen Film, welcher dem Lauf der Zeit stand gehalten hat und der politische und gesellschaftliche Themen auf höchst spannende Weise in die Tiefe auslotet.

Es gibt im Grunde zwei Arten, einen Film zu bewerten. a.) Im Kontext seiner Zeit und seiner Macher: Hier bewertet man ein Werk mit Blick auf das Gesamtschaffen eines bestimmten Künstlers – ich nenne das mal die „elitäre Sichtweise“. b.) Man vergleicht ein Werk mit dem Gros der anderen vergleichbaren Werke aus jener Zeit oder aus allen Zeiten, betrachtet es somit als eigenständiges Werk – das könnte man als „populäre Sichtweise“ bezeichnen. Der Nachteil oder die Eingeschränktheit der „elitären Sichtweise“ liegt auf der Hand: Es ist, als würde man das heute servierte Dinner von Chefkoch A nicht geniessen, weil es dem sonst so hohen Standard seiner Küche nicht ganz gerecht wird. Dass es aber im Vergleich zum Essen sämtlicher anderer Restaurants der Stadt noch immer ein absoluter Hochgenuss ist, wird unterschlagen; man bringt sich somit um eine Gaumenfreude.
Nun kann das mit dem Bewerten von Filmen natürlich jeder halten, wie er will. Die „elitäre Sichtweise“ soll m.E. der „Elite“ vorbehalten sein – Filmwissenschaftlern und -historikern. Und den „Möchtegern-Spezialisten“, wenn sie sich öffentlich nicht zu sehr damit aufspielen und den Lesern auf die Nerven fallen. Ich für meinen Teil ziehe die „populäre Sichtweise“ vor, da ich erstens einen Film gerne geniesse und mir, zweitens, nicht anmasse, ein Filmspezialist zu sein. Wer meint, diese Sichtweise belächeln zu müssen, der soll bitte diesen Blog verlassen.

Crisis hat durchaus saftiges Fleisch am Knochen, das zudem erstaunlich frisch geblieben ist. Da wären einmal die verschiedenen moralischen Dilemmas, mit denen die Hauptfigur konfrontiert wird. Als junger Arzt schwor sich Ferguson, unter allen Umständen zu helfen, Leben zu retten. Das war seine Hauptmotivation. Nun wird er entführt und sieht sich in Farragos Palast vor die Aufgabe gestellt, das Leben eines Tyrannen retten zu müssen, den das Volk lieber tot sehen würde. Natürlich gibt Ferguson sein Bestes, versucht, den Menschen hinter der Maske zu sehen. Doch dann kommt er in Kontakt mit Widerständlern und wird in Versuchung geführt. Ferguson bleibt standhaft, er hält sich an die ethischen Grundprinzipien.
Und genau darum geht dem Film es im Grunde: Die ethische Haltung. Ferguson ist der Einzige, der in dem Hexenkessel ethisch handelt. Alle anderen haben sich entweder eine eigene kleine Privatethik zusammenfantasiert – Farrago und sein Hofstaat etwa – oder sie richten ihr Handeln nach der Ethik des Marktes – so der Vertreter einer amerikanischen Ölfirma, die sich mit dem Diktator gut stellt. Und die Aufständischen? Ihr Handeln folgt überhaupt keiner Ethik. Der Schluss des Films zeigt, dass hier der nackte Macht- und Zerstörungshunger herrscht.

Cary Grant studiert Brooks‘ Gips

Einer der grossen Vorzüge des Films ist es, dass er die Sichtweisen auf seine Figuren immer wieder in Frage stellt. Der Diktator – ein Monstrum? Vielleicht, aber sicher können wir dessen nicht sein. Er sagt Dinge, die klingen wie Lügen, geben aber doch zu denken und lassen einen nicht los: Ist der vom Volk als Märtyrer gefeierte tote Revolutionär wirklich vom Militär ermordet worden? Farragos Erklärung klingt verdammt plausibel und weist in eine gänzlich andere Richtung. Und der Rebellenführer Gonzales – ist er ein „Guter“ oder ein Aufrührer?
Einzig Ferguson bleibt, was er von Anfang an ist, ein Muster an Integrität, allerdings spürt man in jeder Sekunde, wie er darum ringt. Cary Grant spielt das grandios – obwohl er äusserlich ruhig bleibt und aussieht, als hätte man ihn in Stein gemeisselt, macht er durch wenige Gesichtsmuskelzuckungen deutlich, was für ein Konflikt in ihm lodert.

Grant hatte sich mächtig ins Zeug gelegt für diesen Film. Er bereitete sich auf diese Rolle vor wie auf keine andere, indem er Ärzte und Krankenschwestern interviewte und Operationsabläufe genau studierte. Daneben unterstützte er auch Richard Brooks, der am Set einen schweren Stand hatte – einige der älteren MGM-Stabmitglieder akzeptierten den Neuling nicht. Kameramann Ray June etwa soll Brooks wie einen Schuljungen abgekanzelt haben, und Set Decorator Cedric Gibbons verstrickte ihn in endlose Diskussionen, weil er alles besser zu wissen glaubte. Als ein Kamerawagen Brooks fast den Fuss zerquetschte, scheute dieser sich, zum Arzt zu gehen, weil er befürchtete, MGMs notorisch straffe Zeitpläne würden sein Ausfallen nicht zulassen und man würde ihn ersetzen. Grant schickte ihn mit den Worten zum Arzt, dass sich das Studio in diesem Falle auch gleich einen Ersatzhauptdarsteller suchen könne.

Neben Grant brillieren aber auch sämtliche anderen Darstellerinnen und Darsteller – oder fallen wenigstens nicht negativ auf. Paula Raymond hat als Grants Partnerin nicht viel zu tun, auch Leon Ames als Vertreter der Ölfirma nicht. Die grösste Beachtung gebührt neben Cary Grant dem Puertoricaner José Ferrer (der nicht mit dem fünf Jahre jüngeren Mel Ferrer verwandt ist). Ferrer und Grant bilden zwei charakterliche Gegenpole, deren gemeinsame Szenen vor Spannung und unterschwelligem Ressentiment regelrecht knistern. Als Dr. Ferguson die vorgesehene Operation anhand eines Kunststoff-Kopfes demonstriert, fragt ihn Farrago hinterher: „Und, Doktor – ging die Operation gut?“ Und Ferguson: „Bestens. Sie sind gestorben.“

Abspann:
Der Film fiel an den Kinokassen durch, einerseits, weil er neu und für das damalige Kinopublikum aussergewöhnlich komplex war, andererseits, weil die Presseabteilung, die der Sache offensichtlich nicht traute, alles noch mit einer irreführenden Werbekampagne verschlimmerte. Die Plakate verkündeten „Carefree Cary Grant on a gay holiday“ (s.o.).
Hierzulande kam er zwar in die Kinos, doch auf DVD oder VHS ist er bei uns nie erschienen. Dabei hätte der Film verdient, aus der Versenkung geholt zu werden.
In den USA kann ist er als „DVD on demand“ innerhalb der verdienstvollen Reihe „Warner Archive Collection“ in – na ja, diesmal nur leidlich guter Bildqualität zu bekommen. (Bestellbar zu geringen Versandkosten ist er hier.)

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Film-Schnipsel

Filmklassiker auf dem Prüfstand:

Bringin Up Baby (dt.: Leoparden küsst man nicht; Howard Hawks, USA 1938) Mit Cary Grant, Katharine Hepburn, Charlie Ruggles, u.a.
„Die Screwball-Komödie schlechthin“, so wird Bringing Up Baby einstimmig genannt. Da kann doch was nicht stimmen…?! Da schreiben die Kritiker doch mal wieder voneinander ab?!
25 Jahre nach der Erstsichtung schaue ich mir diesen Klassiker zum zweiten Mal an und komme zum Schluss, dass Bringing Up Baby die Screwball-Komödie schlechthin ist! Vorsichtshalber schicke ich hinterher, dass ich natürlich nicht sämtliche Screwball-Komödien kenne, ich kann die Behauptung also nicht wirklich nachprüfen. Und ich bin mir sicher, dass es den allermeisten, welche dem Film diesen ehrenvollen Stempel verpassen, gleich geht.
Trotzdem: Der Film entspricht genau der Definition einer Screwball-Komödie. Aber wurde diese nicht vielleicht anhand dieses Films verfasst? Hier gerät man ins Grübeln… Man kennt das ja: Irgendein „Cahiers-du-Cinèma“-Schlaukopf hat den Film in Fünfzigerjahren gesehen, für gut befunden und sogleich eine wortreiche Filmtheorie darüber verfasst, und seither redet man nur noch von diesem Film, wenn man „Screwball“ meint.
Uns kann das egal sein. Die Fünfzigerjahre sind längst passé und wir schauen uns die Filme mit anderer Sichtweise, unter geänderten Voraussetzungen an. Und da lässt sich feststellen, dass Bringing Up Baby zu den lustigsten Filmen gehört, die ich kenne (und ich kenne viele lustige Filme!). Der „Screwball“ wird hier von Katharine Hepburn verkörpert – und wie! Bislang mochte ich diese Aktrice nicht besonders – für ihre Rolle in diesem Film liebe ich sie! Ihre hyperaktiv-exzentrische Susan gehört zu den unvergesslichen Kinofiguren. Cary Grant zieht zwar alle Register, hat aber gegen diesen kopflosen Wirbelwind kaum Chancen. Die Hepburn ist der Film.
Sie spielt eine Millionärstochter, welche dem verhuschten Paläontologen Huxley permanent in die Quere kommt und dabei ein Unglück nach dem anderen verursacht. Was Huxley auch tut (eigentlich will er nur sein Brontosaurus-Skelett fertig stellen), Susan taucht aus dem Nichts auf, und schon sieht der Professor aus wie durch den Schredder gezogen.
Bringing Up Baby ist ein typischer „Props-Film“: Irgendwelche Gegenstände (eng. props) spielen eine ganz wichtige Rolle, verschwinden aber ständig oder werden verwechselt und halten damit die Handlung am Laufen, die Charaktere beschäftigt. Hier ist es ein Saurierknochen.
Zudem gibt es eine ganze Reihe verschrobener Charaktere, die mit ihren Reaktionen auf den Wahnwitz des Geschehens zusätzlich für Erheiterung sorgen.
Howard Hawks inszeniert Dudely Nichols‘ irrwitziges Drehbuch mit grösstmöglichem Gespür für komödiantisches Timing: Jede Pointe sitzt und entfaltet durch minuziöse Vorbereitung ihre Wirkung maximal. Und immer ist die Kamera am genau richtigen Platz, um diese Wirkung auch optisch wirkungsvoll einzufangen.
Ein Schatz von einem Film! Wer den noch nicht kennt: Unbedingt endlich ansehen!

Kurzrezensionen – diese Woche gesehene zeitgenössische Filme:

Hello, my Name is Doris
(Michael Showalter, USA 2015) Mit Sally Field, Max Greenbaum, Tyne Daly, Peter Gallagher, u.a.
Ein Film, der leider nicht bei uns zu sehen war. Das sollte sich noch ändern, denn Sally Field ist eine Bombe! Sie spielt die alte Jungfer Doris, die jahrzehntelang bei ihrer kranken Mutter gelebt hat und nach deren Tod plötzlich schutzlos im Leben steht. Und sich in den jungen neuen Bürokollegen verliebt. Lässt Harold & Maude grüssen? Nein, der Film geht ganz andere Wege. Und mitten drin Sally Field, der die Rolle der ältlichen Schrulle auf den Leib geschrieben ist. Michael Showalter (The Baxter) schrieb und inszenierte diese quer in der Landschaft stehende Geschichte mit viel Sinn für Witz und Schalk und führt die verschupfte Doris wunderbar behutsam durch alle Stationen des Erwachens. Und Sally Fields (Norma Rae, Smoky and the Bandit) ist so knuddelig und verschroben, wie man sie noch nie gesehen hat. Eine echte Entdeckung!


Elvis & Nixon
(Liza Johnson, USA 2016) Mit Michael Shannon, Alex Pettyfer, Kevin Spacey, Colin Hanks, u.a.
Gerade wird Elvis & Nixon hierzulande (in der Schweiz) von der Kritik hochgejubelt. Der Spielfilm, der eine fiktionalisierte Vorgeschichte um das reale Zusammentreffen zwischen dem „King“ und dem damals (1970) mächtigsten Mann der Welt bastelt, ist zwar durchwegs amüsant, läuft aber im Grunde ins Leere. Die Erkenntnis, dass „jene ganz oben“ einsam und allein sind, ist nicht gerade neu. Die Regie hinterlässt keinen bleibenden Eindruck und das Spiel der beiden Hauptdarsteller, Shannon und Spacey überzeugt nicht vollends. Dafür wartet das Drehbuch mit einigen schönen Episoden und Wendungen auf.
Ein unterhaltsamer Film, der in den USA wahrscheinlich auf mehr Interesse und Echo stösst als bei uns.

Vorschau:
Das nächste Film-Magazin stellt einen hierzulande nie gezeigten, zu Unrecht vergessenen meisterhaften Film Noir von Anthony Mann vor: Side Street aus dem Jahr 1949. Darin gerät ein unbescholtener Briefbote (Farley Granger) durch einen Diebstahl in eine Erpressergeschichte und wird schliesslich sowohl von Gangstern als auch der Polizei quer durch New York gejagt.
Der „Filmklassiker auf dem Prüfstand“ wird Gérard Ourys La grande vadrouille (dt.: Die grosse Sause, 1966) sein.