Charles Laughton

Die Thronfolgerin- Young Bess, 1953

gabelingeber gräbt diese Woche einen sehenswerten, aber vergessenen Hollywood-Ausflug ins britische Königreich aus. Neben den üblichen „Filmschnipseln“ gibt es einen Gedankensplitter zum Thema „Kinokultur anderswo“. Viel Spass bei der Lektüre!

YOUNG BESS
USA 1953
Mit Jean Simmons, Stewart Granger, Deborah Kerr, Charles Laughton, Kay Walsh, Guy Rolfe u.a.
Drehbuch: Jan Lustig und Arthur Wimperis nach dem gleichnamigen Roman von Margaret Irwin
Regie: George Sidney
Der Film lief 1954 auch im deutschsprachigen Raum in den Kinos – unter dem Titel Die Thronfolgerin.

1953 blickte die Welt nach England – genauer: ins englische Königshaus. Damals wurde Elisabeth II zur Queen gekrönt – ein Ereignis, das schon Jahre voraus hohe Wellen warf. Hollywood sprang dankbar auf den „Royalty-Zug“ auf und verfilmte das Leben der jungen Queen Elisabeth I, Tocher Heinrichs des Achten und Anna Boleyn. Young Bess deckt die Zeitspanne von ihrer Geburt bis zum Moment ihrer Krönung ab.

Young Bess ist also ganz ein Kind seiner Zeit; heute gehört er zu den vergessenen Filmen MGM-Studios. Und trotzdem vermag er, 64 Jahre nach seiner Entstehung, noch immer zu packen und zu faszinieren.
Obwohl ihm keine besondere filmhistorische Bedeutung zukommt und er keine Botschaft transportiert, vermag er glänzend zu unterhalten. Sein Grundthema – die Liebe eines Mannes für zwei Frauen – gehört zudem seit der Erfindung des Kinos bis heute zu den Dauerbrennern der Traumfabrik.

Young Bess versammelt die damalige „Crème de la crème“ der britischen Schauspielergilde: Jean Simmons, Deborah Kerr und Charles Laughton führen ein Ensemble an, das bis in die hinterste Nebenrolle mit hervorragenden englischen Mimen besetzt ist. Stewart Granger ist der einzige, dem man das Attribut „gross“ absprechen könnte. Der gebürtige Brite hält mit dem Rest der Truppe allerdings überraschend gut mit! Der Mann war gar nicht so schlecht, wie ihm immer nachgesagt wird!
Der einzige Nicht-Brite im Film ist der damals elfjährige Rex Thompson, der den Part des kindlichen König Edward inne hat; der Kleine stellt den Rest der Crew fast in den Schatten: Sein britischer Akzent wirkt nicht nur täuschend echt, er schafft es sogar, seiner Sprachfärbung jene pompöse Umständlichkeit zu verleihen, die man vom einem Mitglied des Königshauses erwartet. Ich vermute, Charles Laughton hat ihm Schauspiel-Tipps gegeben, denn der Kleine agiert bisweilen wie eine Miniausgabe des großen Briten (der im Film dessen Vater spielt).
Jean Simmons ist schlichtweg brillant in der Titelrolle. Sie spielt den Part mit solcher Lebendigkeit, dass die Leinwand, bzw., der Bildschirm schier in Flammen steht. In ihrer großen Szene mit Laughton, wo sie sich dem König-Vater widersetzt, sprengen die beiden Vollblut-Mimen fast die Leinwand.

Dem Drehbuch wird zwar Geschichtsverfälschung vorgeworfen, doch sind Kritiker fast einhellig der Meinung, dass Jan Lustig und Arthur Wimperis derart gute Arbeit abgeliefert haben, dass man dies verzeihen könne. Ihre Dramatisierung des historischen Stoffes geht erzählerisch geschickt vor und reichert die Geschichte mit interessanten Nebenfiguren und geschickt eingeflochtenen Episoden zu einem schlüssigen Ganzen. Und Regie-Allrounder George Sydney („Sow Boat“, „Kiss Me, Kate“) bringt das alles mit sicherer Hand und Sinn für räumliche Wirkung zum Leben. Young Bess ist die beste Regieleistung, die ich von ihm bisher gesehen habe. Unterstützt wird er vom damals bei MGM omnipräsenten Cederic Gibbons, der für die grandiosen Bauten zuständig war und von Walter Plunkett, der die herrlichen Kostüme entworfen hat.

Das Ganze ist, in herrlichstem Technicolor, heute noch so lebendig wie damals, als Royalty Trumpf war.
In der Reihe „Warner Archive Collection“ ist Young Bess als „DVD on demand“ (DVD-R) in den USA erschienen (Kaufmöglichkeit siehe unten).

9 von 10

=> Die oben erwähnte DVD der Warner Archive Collection kann hier gekauft werden (Link führt zu meinem eBay-Angebot). Verkauft!

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Filmschnipsel:


SHAUN, DAS SCHAF – DER FILM
(OT: Shaun the Sheep Movie)
GB 2015
Drehbuch und Regie: Mark Burton und Richard Starzak
Eigentlich wollte ich in diesen Film nur mal kurz ‘reingucken. Aus Nostalgie, denn früher fand ich die Aardman-Filme («Wallace & Gromit») ganz toll. Ich erwartete nichts, denn Shaun, das Schaf ist doch eine Kinderserie, oder?
Der Film hatte mich im Nu erobert. Ich blieb hängen. Und nicht nur das: Nach und nach kamen weitere Familienmitglieder (mein erwachsener Sohn und meine Frau) herein – und verliessen den Filmraum bis zum Schluss nicht mehr.
Ein glänzender Animationsfilm! Dass Aardman in der Zeit der überbordenden, alles verschlingenden Computeranimation noch immer abendfüllende Plastilin-Filme macht, wusste ich gar nicht. Auf jeden Fall setzen sie hier ein brilliantes Gegengewicht. Shaun das Schaf – Der Film lebt von dem, was Aardmans Filme immer ausgemacht hat: Von unglaublich skurrilen, schrägen Einfällen, typisch britischem Understatement und liebevoller Handarbeit. Und von wegen «Kinderfilm»!
Die Schafe rund um Shaun langweilen sich, der Bauer langweilt sich, sogar die Spinne im Dachgebälk langweilt sich: Täglich der gleiche öde Trott. Die Schafe beschliessen, daraus auszubrechen und sich mal im Haus des Farmers eine Auszeit zu gönnen. Zu diesem Zweck wollen sie den «Herr und Meister» ausser Hauses locken. Diese Aktion aber geht schief und löst eine unglaubliche Verkettung von Unglücksfällen aus, an deren Ende alle in der Grossstadt landen, der Bauer sein Gedächtnis verliert und die Schafe vor einem rabiaten Tierfänger flüchten müssen.
Der verrückte Plot ist mit so vielen brillianten Einfällen und Gags aufgepeppt, dass es ein Fest ist. Unterhaltung vom Besten (obwohl kein Wort gesprochen wird)! Sehr zu empfehlen!
9 / 10


HIDDEN FIGURES

Mit Taraji P. Henson, Octavia Spencer, Janelle Monáe, Kevin Costner, Jim Parsons, Kirsten Dunst u.a.
Drehbuch: Allison Schroeder und Theodore Melfi
Regie: Theodore Melfi
Filme «Nach einer wahren Begebenheit» sind seltsamerweise oft unglaubwürdig. Weil die Tatsachen oft gestaucht und verkürzt werden, damit sie in die normale Kinolänge passen. Das ist auch hier der Fall. Die vier genialen «coloured Ladies», die zwar der NASA die Raumfahrt ermöglichten, deren Namen aber nie an die Oeffentlichkeit gelangten, werden von diesem Film zu Papiertigern gemacht. Hidden Figures wirkt wie eine filmische Pflichtübung, zu der niemand wirklich Lust hatte – ausser vielleicht die drei hervorragenden Hauptdarstellerinnen. Ohne ihr spürbares Engagement würde das Publikum in Langeweile versinken.
Weder ist beim Drehbuch irgendeine Inspiriertheit auszumachen, noch fällt Theodore Melfis Regie (St. Vincent) durch besonderes Inszenierungstalent auf.
Der Film zieht sich betulich bis zäh dahin, was daran liegt, dass die Heldinnen vom Drehbuch nicht mit genügend Fleisch ausgestattet wurden.
6 / 10

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Gedankensplitter

Kino anderswo
Für schweizerische Filmfreaks gilt Deutschland nach wie vor als cinematografisches Entwicklungsland: Dort kommen die Filme nur in der deutschen Synchronfassung in die Kinos. Ein barabarischer Zustand! Wenn die deutschen Kollegen dann gar anfangen, die Synchronfassungen nach ihrer Güte zu bewerten und sie zu verteidigen, wird’s für die Schweizer vollends unverständlich. (Am Rand sei bemerkt, dass die Kinos, welche untertitelte Originalfassungen spielen, in der Schweiz inzwischen immer weniger werden.)
Handkehrum reagieren deutsche Kinofreunde fassungslos, wenn ihnen in der Schweiz mitten in einer dramaturgisch sensibeln Stelle des Films das Pausensignet aufs Cineastenauge gedrückt wird und darauf eine Eisverkäuferin mit Bauchladen den Saal betritt. Die Schweizer müssen grad‘ was sagen von wegen Barbarei!

Andere Länder, andere Sitten. Endlos sind die Streitgespräche über die Ethik der Filmsynchronisation oder der Pausenunterbrechung. Wer damit gross geworden ist, stösst sich lustigerweise weniger an einem „no-go“ als die anderen. Fazit: Man gewöhnt sich an jede Unsitte, man muss nur früh genug damit anfangen!

Natürlich gibt es immer auch noch krassere Beispiele, anhand deren man das eigene Weltbild wieder einigermassen geraderücken kann. In Honkong zum Besispiel werden die Filme jeweils mit drei Sets Untertiteln gezeigt: Mandarin, Kantonesisch und Englisch. Die chinesischen Schriftzeichen verdecken die Hälfte des Filmbildes. (Jedenfalls war das noch zur Zeit der britischen Regierung so; heute sind die englischen Untertitel ja möglicherweise verschwunden…)
Und im Fernsehen wird ein Film dauernd von irgendwelchen barbarischen Marktschreiern unterbrochen.
Seien wir also froh um unsere Kinokultur und geniessen sie – solange man sie uns noch geniessen lässt!

 

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Das Gespenst von Canterville – Jules Dassin

THE CANTERVILLE GHOST
USA 1944
Mit Charles Laughton, Robert Young, Margaret O’Brien, William Gargan, Rags Ragland, Frank Faylen u.a.
Drehbuch: Edwin Blum
Regie: Jules Dassin
Der Film kam im deutschsprachigen Raum nicht in die Kinos. Unter dem Titel Das Gespenst von Canterville war er 1973 erstmals im deutschen Fernsehen zu sehen.
Dauer: 95 min

Vorspann
Sir Simon de Canterville spukt seit Jahrhunderten als Geist durch das Schloss seiner Ahnen. Er ist mit einem Fluch belegt, der nur aufgelöst werden kann, wenn ein Blutsverwandter durch eine mutige Tat die Feigheit überwindet, die dem Geschlecht der Cantervilles eigen ist.
Als ein Trupp amerikanischer Soldaten im Schloss einquartiert wird, bietet sich für Sir Simon die Möglichkeit der Erlösung, denn einer der Soldaten ist – ohne es zu ahnen – ein Canterville. Mit Hilfe der kleinen Lady Jessica wird der Ahnungslose von Sir Simons Geist auf seine Aufgabe vorbereitet…

Der Film
„Nach einer Kuzgeschichte von Oscar Wilde“ ist im Vorspann des Films zu lesen. Nun, Wilde würde sich vermutlich im Grab umdrehen, könnte er sehen, was Hollywood aus seinem Werk gemacht hat. Deshalb sei Wilde-Verehrern empfohlen, einen grossen Bogen darum zu machen. Die Leute um den MGM-Produzenten Arthur Field nahmen Wildes Vorlage als Aufhänger für einen Kriegs-Propagandafilm.

Doch gemach: Schlimm ist Dassins Canterville Ghost wohl nur für die oben erwähnte Wilde-Fangemeinde; allenfalls auch für Literaturdozenten und -puristen. Der Rest der Menschheit kann sich an dem Spass erfreuen, den die Macher beim Dreh offensichtlich hatten. Wer es mit der Buchstabentreue nicht allzu genau nimmt, kriegt einen Film serviert, der mit grandiosen schauspielerischen Leistungen, herrlichen Dialogpointen und komödiantischen Kabinettstückchen das Herz erfeut. Obwohl hier alles (Un-)Mögliche durcheinandergemixt wird – Geisterstory, Familiengeschichte, Kriegspropaganda, ja sogar eine Musical-Einlage musste mit ‚rein – wirkt das Endergebnis wie aus einem Guss. Weshalb, das ist auf Anhieb nicht so einfach zu beantworten.

Einerseits hängt es wohl damit zusammen, dass die Chemie zwischen den drei Hauptdarstellern stimmte. Vor allem der damalige Kinderstar Margaret O’Brien und der britische Starmime Charles Laughton sollen sich glänzend verstanden haben. Laughton war offenbar richtiggehend bezaubert von der kleinen Dame. Ihr gemeinsamen Szenen bestätigen dies: Sie haben etwas erfrischend Persönliches.
Zudem zieht sich eine Grundstimmung von Lebenslust und -freude durch den ganzen Film und macht ihn, der bedrückenden Thematik der Originalvorlage zum Trotz, zum heiteren Ausflug Hollywoods nach „Merry Old England“.

Statt wie in Wildes Vorlage einer amerikanischen Familie, zieht in der Kino-Version ein Trupp US-Soldaten ins „Canterville Castle“ ein. Der Film, der eine Woche vor dem D-Day in die Kinos kam, sollte die Britisch-Amerikanische Partnerschaft untermauern. Die Plünderung eines Literaturklassikers zu diesem Zweck kann man durchaus schröcklich finden. Man kann es auch dabei bewenden lassen, sich über die Unverfrorenheit der Amis zu amüsieren.
Laughton, der mit Oscar Wildes Wortkunst quasi „per Du“ war, erachtete dieses Projekt immerhin als „endlich mal wieder eine interessante Arbeit“. Er steckte viel persönlichen Effort hinein, und sorgte dafür, dass der ursprüngliche Regisseur, Norman Z. McLeod, dem er den richtigen Zugang zum Stoff absprach, durch einen „fähigeren Mann“ ersetzt wurde. Laughton beriet den Jung-Regisseur Jules Dassin, der bis dahin erst fünf Filme gedreht hatte, im Bestreben, das Beste aus dem Film herauszuholen. Laughtons Engagement könnte ein weiterer Grund dafür sein, weshalb The Canterville Ghost so einheitlich wirkt.

Das Trio Laughton – O’Brien – Young trägt den ganzen Film, einige hervorragende Nebendarsteller unterstützen sie optimal. Die Sensation des Films ist die kleine Margaret O’Brien, welche Laughton die Stange hält und den Rest der Crew glatt an die Wand spielt. Ihre Lady Jessica de Canterville ist das Herz und die Seele des Films.

The Canterville Ghost ist kein Meisterwerk, aber er gehört zu den Filmen, die man positiv in Erinnerung behält und die man, wie einen alten Bekannten, gerne immer wiedersieht.

Abspann
Charles Laughton war zuvor in The Man from Down Under (1943) zu sehen, einem unter der Regie von Robert Z. Leonard entstandenen Film, der im deutschsprachigen Raum bislang nie gezeigt wurde. Nach The Canterville Ghost spielte Laughton 1944 die Titelrolle in Robert Siodmaks Film-Noir The Suspect (dt.: Unter Verdacht) auf der Leinwand.
Robert Young war im Jahr vor Canterville im hierzulande nicht bekannten Musical Sweet Rosie O’Grady an der Seite von Betty Grable und Adolphe Menjou zu sehen (Regie Irving Cummings), nach Canterville in John Cromwells bei uns ebenfalls nie gezeigtem Drama The Enchanted Cottage (1945, mit Dorothy McGuire und Herbert Marshall).
Margaret O’Brien, die noch heute vor der Kamera steht, trat im Jahr zuvor in Robert Stevensons Bronté-Verfilmung Jane Eyre an der Seite von Joan Fontaine und Orson Welles als Adele auf. Im selben Jahr wie The Canterville Ghost war sie als „Tootie“ in Vincente Minellis Musical Meet Me in St.Louis zu sehen – jene Rolle, die sie unsterblich machte!
– Der in den USA geborene, später nach Europa emigrierte Jules Dassin ist heute vor allem für seinen französischen Film Rififi bekannt. The Canterville Ghost war sein fünfter Spielfilm – rückblickend eher untypisch für den Regisseur, der von der Filmkrititk für seine Beiträge zum film noir geschätzt wurde und wird. Doch zu jener Zeit drehte er noch vornehmlich Komödien – ein Jahr zuvor den hierzuland unbekannten Young Ideas mit Herbert Marshall und Mary Astor, zwei Jahre danach A Letter for Evie mit Marsha Hunt und John Carroll; auch diese beiden Filme waren hierzulande bislang nie zu sehen.
Edwin Blum, der Drehbuchautor, gehört zu den vielen vergessenen Autoren Hollywoods. Der bekannteste Film aus seiner Feder ist Billy Wilders Stalag 17, dessen Drehbuch er mit Wilder zusammen geschrieben hatte. Vor Canterville entstand nach einem Drehbuch Blums die heute komplett vergessene Komödie Henry Aldrich Gets Glamour unter der Regie von Hugh Bennett. Ebenso gründlich vergessen ist der auf Canterville folgende Film Man Alive, eine Komödie von 1945 mit Pat O’Brien und Adolphe Mejou (Regie: Ray Enright).

Im deutschsprachigen Raum ist The Canterville Ghost nicht auf Blu-ray oder DVD verfügbar. Auch auf VHS ist er hierzulande nie erschienen. In den USA ist er als „DVD on demand“ verfügbar; er ist dort innerhalb der Reihe Warner Archive Collection erschienen.

 

 

Tonfilm-Seitensprung: Ein Butler wird Mensch

RUGGLES OF RED GAP
(dt.: Ein Butler in Amerika)
USA 1935
Mit Charles Laughton, Charlie Ruggles, Mary Boland, ZaSu Pitts, Roland Young, Lucien Littlefield u.a.
Regie: Leo McCarey
Dauer: 85 min

Ein heute sträflich vernachlässigter Komödien-Klassiker, der durchaus als Vorläufer von Frank Capras vier Jahre später entstandene Werke um Mr Deeds, Mr Smith oder John Doe gelten kann und der einen ganz ähnlichen Geist von utopischem Sozialhumanismus atmet, ist Leo McCareys 1935 entstandener Ruggles of Red Gap. Im europäischen Raum war er bislang nur auf einer DVD der französischen BAC-Films greifbar (er erschien in deren Reihe Hollywood Comédie); nun hat die englische Firma Eureka den Film in sein exklusives Masters of Cinema-Programm (MoC) aufgenommen – eine Ehre, die ihm zweifellos gebührt!

Ruggles of Red Gap ist zuerst einmal ein Roman-Serial, das der Autor Harry Leon Wilson 1914 für die Saturday Evening Post verfasst hatte. Als es ein Jahr später in Buchform erschien, wurde das Werk sofort zum Bestseller. Noch im selben Jahr entstand am Broadway eine mässig erfolgreiche Musical-Version, eine Verfilmung folgte drei Jahre später (mit Taylor Holmes als Ruggles).
1923 drehte Regisseur James Cruze eine Neufassung mit Edward Everett Horton und Ernest Torrence in den Hauptrollen (ein Stummfilm mit Traumbesetzung, der auf meine Wunschliste kommt).

Komödienerprobter Regisseur: Leo McCarey

Leo McCarey zeichnete für Inszenierung des Tonfilmremakes verantwortlich. Sein grosses Talent als Komödienregisseur konnte McCarey in Hal Roachs Lot of Fun, zusammen mit Komödianten wie Charley Chase und Stan Laurel & Oliver Hardy zur Perfektion ausbilden. Vor der Kamera sorgten zudem komödiantische Vollprofis für den Erfolg von Ruggles of Red Gap, und den beiden Autoren Walter DeLeon und Harlan Thompson gelang eine schlichtweg grossartige Adaption von Wilsons Roman. So wurde Ruggles of Red Gap zur absolut „runden Sache“, die zumindest in ihren komödiantischen Elementen noch heute frisch und unwiderstehlich komisch wirkt.

Der treue Butler Ruggles erfährt eines Morgens von seinem verkaterten „Master“, dem Earl of Burnstead (Roland Young), dass dieser ihn beim Poker an ein amerikanische Ehepaar verloren habe. „Poker, Sir?“ fragt der Butler, der sein Entsetzen und seine Abscheu nur mühsam verbergen kann. „America – a country of slavery,“ ist sein nächster gequälter Gedanke.
Dass er ausgerechnet im „Sklavenland“, in einem abgelegen Kaff des wilden Westens notabene, lernt auf eigenen Beinen zu stehen, ist eine Ironie, deren patriotistischer Hintergrund auf heutige Zuschauer eher schal wirkt. Die USA , das „Land of the Free“, wo Butler zu selbstbestimmten Menschen werden – diese zentrale Botschaft könnte geschichtsbewusste Kinogänger stören. Doch sie ist – mit Ausnahme einer kurzen Sequenz – recht unaufdringlich verpackt und wird mit derart viel Charme und inszenatorischem wie schauspielerischem Talent überbracht, dass man sich eigentlich nicht beklagen kann.
Man spürt den Stolz der Macher auf ihr Land (und erinnert sich dadurch an so manchen US-Film, der einem dadurch vergällt wurde), er ist sogar zentrales Element des Films, doch der Patriotismus wirkt aus heutiger Sicht angestaubt, man kann ihn nicht mehr ernst nehmen. Wir haben es hier mit einem Paradox zu tun: Mit einem heute noch frisch und frech wirkenden Film, dessen Grundaussage Staub angesetzt hat.

Es erübrigt sich, darüber zu diskuteren, ob Regisseur McCarey im Grunde seines Herzens ein Reaktionär war oder nicht. Es spielt – zumindest für diesen Film keine Rolle, da er durch seine herrlichen Dialoge, die exakt getimte Komödiendramaturgie und durch ein durchs Band grandioses Schauspielerteam glänzt, sosehr, dass die eigentliche Aussage aus zeitlicher Distanz zur Nebensache wird. Der Film macht Spass, weil jede Minute durchscheint, was für einen Heidenspass die Beteiligten dabei hatten. Und der reaktionäre Part hält sich dabei so dezent im Hintergrund, dass er weniger aufmerksamen Kinogängern glatt entgehen kann.

Charles Laughton hebt an zentraler Stelle zu einer Amerika-Hymne an und liefert damit die oben erwähnte kurze Sequenz pentranten Patriotismus‘. Laughton rezitiert Abraham Lincolns  „Gettysburg Adress“, eine Grussbotschaft, welche Lincoln anlässlich der Errichtung eines Soldatenfriehofs in Gettysburg im Jahre 1863, mitten im Getöse des amerikanischen Bürgerkriegs an die vom Krieg gebeutelte Bevölkerung richtete. Die Sequenz stört nicht allzusehr, das sie, wie eigentlich fast alles in diesem Film, ironisch gebrochen wird: Keiner der im Saloon anwesenden Amerikaner kann sich an den Inhalt von Lincolns Rede erinnern; der englische Butler jedoch weiss sie auswendig.
Bezeichnenderweise liebten die Amis Laughton dafür, und er musste Lincolns Rede Zeit seines Lebens immer wieder zum besten geben, im Fernsehen, im Radio und auf Schallplatte. Im Film sieht das folgendermassen aus (Übersetzung siehe unten):

Vor 87 Jahren gründeten unsere Väter auf diesem Kontinent eine neue Nation, in Freiheit gezeugt und dem Grundsatz geweiht, dass alle Menschen gleich geschaffen sind. Nun stehen wir in einem großen Bürgerkrieg, um zu erproben, ob diese oder jede andere so gezeugte und solchen Grundsätzen geweihte Nation dauerhaft bestehen kann. Wir haben uns auf einem großen Schlachtfeld dieses Krieges versammelt. Wir sind gekommen, einen Teil dieses Feldes jenen als letzte Ruhestätte zu weihen, die hier ihr Leben gaben, damit diese Nation leben möge. Es ist nur recht und billig, dass wir dies tun. Doch in einem höheren Sinne können wir diesen Boden nicht weihen – können wir ihn nicht segnen – können wir ihn nicht heiligen. Die tapferen Männer, Lebende wie Tote, die hier kämpften, haben ihn weit mehr geweiht, als dass unsere schwachen Kräfte dem etwas hinzufügen oder etwas davon wegnehmen könnten. Die Welt wird wenig Notiz davon nehmen, noch sich lange an das erinnern, was wir hier sagen, aber sie kann niemals vergessen, was jene hier taten. Es ist vielmehr an uns, den Lebenden, dem großen Werk geweiht zu werden, das diejenigen, die hier kämpften, so weit und so edelmütig vorangebracht haben. Es ist vielmehr an uns, geweiht zu werden der großen Aufgabe, die noch vor uns liegt – auf dass uns die edlen Toten mit wachsender Hingabe erfüllen für die Sache, der sie das höchste Maß an Hingabe erwiesen haben – auf dass wir hier einen heiligen Eid schwören, dass diese Toten nicht vergebens gefallen sein mögen – auf dass diese Nation, unter Gott, eine Wiedergeburt der Freiheit erleben – und auf dass die Regierung des Volkes, durch das Volk und für das Volk, nicht von der Erde verschwinden möge.

Also: Wer je auf diesen Film stösst – unbedingt ansehen! Der grandiose Charles Laughton ist ein Grund, sich irgendeinen einen mittelmässigen Film anzuschauen. Hier wird er von einer Truppe nahezu gleichwertiger Akteure sekundiert und von einem Regisseur in Szene gesetzt, der die Komödie von der Pike auf gelernt hat. Ruggles of Red Gap ist in erster Linie eine herrliche Komödie und als solche sollte er genossen werden. Über den „Sinn“ dahinter kann man heute getrost hinwegsehen. Darüber zu brüten führt jedenfalls nicht allzu weit.