Woody Allen

Movie-Magazin 2: Der letzte Gangster – 1937

THE LAST GANGSTER
USA 1937
Mit Edward G. Robinson, Rose Stradner, Lionel Stander, James Stewart, John Carradine, Douglas Scott, Sidney Blackmer, Grant Mitchell u.a.
Drehbuch: John Lee Mahin nach einem Skript von William A. Wellman und Robert Carson
Regie: Edward Ludwig
Studio: MGM
Dauer: 81 min
Der Film lief nie in deutschen Kinos. 1988 wurde er erstmals im deutschen Fernsehen ausgestrahlt, unter dem Titel Der letzte Gangster.

Vorspann:
Gangsterboss Joe Krozac (Robinson) hat eine gefügige Frau aus seiner alten Heimat geheiratet (Stradner). Sie spricht kaum Englisch, stellt keine Fragen und – schenkt ihm einen Sohn. Kurz vor dessen Geburt wird Joe wegen Steuerbetrugs eingebuchtet. In der Zwischenzeit erfährt seine Gattin von einem Zeitungsredaktor, mit wem sie sich da eingelassen hat. Als Joe zehn Jahre später frei gelassen wird, lebt seine Frau mit einem anderen Mann zusammen, dem Reporter Paul North (Stewart). Joes Sohn nennt diesen „Vater“. Als Joe sich auf die Suche nach Joe Junior macht, erlebt er eine böse Überraschung nach der anderen…

Der Film:
Weshalb der Film The Last Gangster heisst, bleibt auch nach der Visionierung ein Rätsel. In keiner Szene wird auf den Endgültigkeitsanspruch, den der Filmtitel erhebt, Bezug genommen, aus dem Zusammenhang ergibt sich keinerlei Erklärung. War das vielleicht ein „Inside Joke“, der darauf Bezug nimmt, dass Edward G. Robinson schon derart oft den Gangster gegeben hatte, dass er es inzwischen satt hatte, und dies „sein letzter Gangster“ hätte werden sollen? Direkt nach The Last Gangster schlüpfte er zwar noch zwei Mal in die sattsam bekannte Rolle, die er zuvor praktisch ununterbrochen verkörpert hatte; allerdings handelte es sich bei diesen zwei Filmen um Komödien, der Gangster wurde zur Witzfigur. Im übernächsten Film war er dann als Rechtsprofessor zu sehen. Und von da an war’s erst mal aus mit Gangsterrollen – Robinson mochte den Gangster höchstens noch in Komödien geben. Aber auch dies blieb die Ausnahme.
Erst John Houston brachte ihn 1948 nochmals dazu, die alte, beim Publikum beliebte Rolle zu übernehmen, im Klassiker Key Largo (1948). Joe Krozac war also in gewissem Sinne tatsächlich Robinsons letzter ernstzunehmender Gangster – jedenfalls für die nächsten elf Jahre.

Der Grundkonflikt des Films (Gangster versus bürgerliche Familie) klingt interessant, ist es aber nicht. Dazu wird er viel zu oberflächlich und unglaubwürdig abgewickelt. Die „Guten“ – Krozacs Gattin, deren neuer Freund und der Sohn – bleiben blass und eindimensional. Der Kontrast zwischen Robinsons hartgesottenem Gangster und Stewarts gewissenhaftem „Pfadfinder“ funktioniert nicht wirklich, nicht zuletzt, weil die Rolle des guten Zeitungsmannes völlig unterentwickelt bleibt und Stewart im Ganzen insgesamt etwa sieben Minuten im Film zu sehen ist. Die Szenen zwischen ihm und Krozacs Gattin wirken, als sei da einiges der Schere zum Opfer gefallen. Mit Robinson hat Stewart gerade mal eine gemeinsame Szene, und in dieser seht er nur passiv herum. Es sollte die einzige gemeinsame Filmszene der beiden Superstars bleiben.
Tatsächlich entstand The Last Gangster zu einer Zeit, wo niemand so recht etwas mit James Stewart anzufangen wusste. Er probierte verschiedene Rollentypen aus, darunter auch jenen des singenden Lovers. Hier hat er nicht einen denkwürdigen Auftritt, wirkt linkisch und deplatziert und muss zudem auch noch einen Lippenbärtchen tragen. Rose Stradner überzeugt ebenfalls nicht. Sie kriegt zwar mehr Filmzeit, aber ihre Ausstrahlung ist blass und ihre schauspielerische Fähigkeit offensichtlich begrenzt. Auch sie hinterlässt keinen Eindruck, ebensowenig wie der junge Douglas Scott als Joe Junior.

Und trotzdem weiss The Last Gangster in weiten Teilen zu überzeugen und zu begeistern.
Die Sequenzen, und sie sind in deutlicher Überzahl, welche sich mit Krozac und seinem Umfeld befassen, sind absolut packend und eindringlich. Sämtliche Gangster-Darsteller, allen voran Robinson, liefern fesselde, präzise Charakterstudien ab. Zudem ist bei der Schilderung ihres Millieus eine gewisse Authentizität spürbar, die fasziniert. Vor allem die langen Sequenzen im Veruteilten-Transport und im Gefängnis sind von einer für MGM eher untypischen Härte. Die Automatisierung des Hochsicherheitsknastes, welche die Wärter zu knopfdrückenden Statisten und stummen Bildschirm-Beobachtern reduziert, ist hervorragend herausgearbeitet. Art Director Cedric Gibbons kriegt hier mal was anderes zu tun als herrschaftliche Innenräume auszustatten und beweist mit Anleihen vom expressionistischen Film eindrücklich, dass er auch andere Genres beherrscht. In jenen Sequenzen glänzt der Film mit einer delirierenden Bildsprache, die mehr als ein Mal an Fritz Lang erinnert.

Und dann ist da natürlich noch Edward G. Robinson! The Last Gangster ist sein Film. Es ist unglaublich, wie er mit der Rolle des kulturlosen, brutalen Egomanen verschmilzt. Wenn man ihn in einer seiner Gangsterrollen sieht, glaubt man kaum, was für ein kultivierter, höflicher und gebildeter Mensch er privat gewesen sein muss. Und doch scheint das irgendwie durch, jedenfalls schafft er es, dem Kotzbrocken menschliche Züge zu verleihen. Weiss der Teufel, wie er das macht, doch man empfindet gegen Schluss Mitleid mit dem Kerl.
Wenn Robinson im Bild ist, beherrscht er die Leinwand; seine Leinwandpräsenz ist derart bezwingend, dass (fast) alle anderen Darsteller neben ihm verblassen.

Zwei Leute können Robinson punkto Präsenz die Stange halten: Lionel Stander und John Carradine, beide in Gangsterrollen. Stander gibt hier einen äusserst zwieliechtigen Charakter, was mich positiv überraschte, kenne ich diesen Schauspieler doch ausschliesslich aus Komödien. Und bei Carradine läuft’s einem kalt den Rücken herunter – was bei ihm nicht verwundert. Der kann vom Mörder bis zum Pfarrer alles spielen!

Robinson, Stander, Carradine, eine packende Darstellung des Gangster- und Gefängnismillieus und ein völlig unvorhersehbarer Handlungsverlauf machen The Last Gangster zur lohnenden Entdeckung. Und auch der Regisseur darf gelobt werden, so vergessen er heute ist. Es dürfte interessant sein, sich weitere Werke Edward Ludwigs anzusehen und zu schauen, ob sich der gute Eindruck bestätigt. Mehr zu ihm im

Abspann:
Edward Ludwig war gebürtiger Russe. Seine ersten Filme zeichnete er mit Edward I. Luddy, zu Beginn der Tonfilmzeit nannte er sich dann Edward Ludwig. Dabei war sein richtiger Name Isidor Litwack (Dank an Manfred Pollak für diesen Hinweis). Obwohl er über 100 Filme gedreht hat – darunter viele kurze Stummfilmkomödien – ist er heute praktisch vergessen. Sein Tonfilmwerk umfasst vor allem Abenteuerfilme, B-Western und ein paar Komödien. Ausgehend von dem hier besprochenen Film scheint Ludwig trotz oft wenig anspruchsvollen Stoffen Wert auf handwerklich gute Arbeit gelegt zu haben. Sein bekanntestes Werk ist der Kriegsfilm The Fighting Seabees mit John Wayne (dt.: Alarm im Pazifik, 1944). 1940 drehte er eine frühe Version der Swiss Family Robinson (dt.: Insel der Verlorenen) mit Thomas Mitchell, Freddie Bartholomew und Tim Holt. In der Stummfilmzeit arbeitete Ludwig zunächst als Drehbuchautor.
Vor The Last Gangster fertigte Ludwig das Crime-Drama Her Husband Lies mit Ricardo Cortez und Gail Patrick (ebenfalls 1937) und danach die romantische Komödie That Certain Age (1938) mit Deanna Durbin und Melvyn Douglas. Beide Filme waren hierzuland nie zu sehen.
Rose Stradner war eine oesterreichische Schauspielerin, die von Louis B. Mayer auf einer Talentsuch-Tournee durch Europa entdeckt wurde. Sie arbeitete mit Max Reinhard am Theater und war zwischen 1933 bis 1936 in zehn deutschen Kinofilmen zu sehen; ihr Leinwanddebüt hatte sie in Gerhard Lamprechts Komödie Ein gewisser Herr Gran (1933), in dem sie neben Hans Albers und Albert Bassermann gleich die weibliche Hauptrolle spielte. The Last Gangster war ihr erster Film in Hollywood, darauf war sie in zwei weiteren zu sehen, und danach drehte sie dem Film den Rücken zu. Eine hässliche Scheidungsgeschichte von ihrem ersten Mann, dem Regisseur Karlheinz Martin (er drehte 1920 den einzigen echten expressionistischen Stummfilm Von Morgens bis Mitternacht – siehe unter „Augenfutter“), absorbierte ihre ganze Aufmerksamkeit. Zwei Jahre später ehelichte sie den Autor, Regisseur und Produzenten Joseph L. Mankiewicz und kümmerte sich fortan um die Familie – ohne darin Erfüllung zu finden. Möglicherweise war es die notorische Untreue ihres Gatten und ihre Unzufriedenheit mit der Mutterrolle, welche sie erst in den Alkoholismus, in tiefe Depression und schliesslich in den mentalen Zusammenbruch führte. 1958 beendete Rose Stradner ihr Leben mit einer Überdosis Schlaftabletten.
John Lee Mahin war ein gefragter Drehbuchautor; er schrieb über die Jahrzehnte Drehbücher zu einer ganzen Reihe hervorragender Filme, u.a. arbeitete er an Scarface (1932), und schrieb Drehbücher für Victor Flemings Captains Courageous (dt.: Manuel, 1937) und Dr. Jekyll and Mr. Hyde (1941), Henry Hathaways Down to the Sea in Ships (dt.: Seemannslos, 1949), Georg Sidneys Show Boat (1951), Mervyn LeRoys Quo Vadis (1951) und John Fords Mogambo (1953).
William A. Wellman war eigentlich Regisseur (The Ox-Bow Incident – dt.: Ritt zum Ox-Bow, 1943). Doch zur Zeit von The Last Gangster überwarf er sich mit MGMs Boss Louis B. Mayer. Wellman sagte Mayer nach einem Streit ins Gesicht, was er von ihm hielt und wurde danach von diesem kalt gestellt. Er wurde zwar bezahlt, hatte aber nichts zu tun. So fing er an, Skripts für Filme zu verfassen – The Last Gangster war eines davon. Noch im selben Jahr drehte er allerdings schon wieder: Sein Nothing Sacred (dt.: Denen ist nichts heilig) kam 14 Tage nach The Last Gangster in die Kinos – Produzent war David O. Selznick!

The Last Ganster ist eine vergessene, in grossen Teilen gelungene Gangstergeschichte der etwas anderen Art, ein Film, der eine deutsche DVD- oder Blu-ray-Veröffentlichung durchaus verdient hätte. Hierzulande ist/war er weder auf DVD, Blu-ray noch auf VHS erhältlich.
In den USA erschien er auf einer DVD der umfangreichen Warner Archive Collection, mit sehr gutem Bildtransfer. Bestellbar zu geringen Versandkosten ist sie hier.

Rezeption:
Der Film kam beim Publikum offenbar gut an und schrieb grüne Zahlen; Edward G.Robinson als Gangster – das war damals ein Publikumsmagnet.

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Film-Schnipsel

Kurzrezensionen – diese Woche gesehene zeitgenössische Filme:
A Girl Like Her

(Amy S. Weber, USA 2015) Mit Lexi Ainsworth, Hunter King, Jimmy Bennett u.a.
Ein als mit den Mitteln Dokumentarfilms inszenierter Horrorfilm – das kennt man seit The Blair Which Project (USA 1999). Es gibt aber auch alltäglichen Horror – zum Beispiel jenen, den ein Mobbingopfer durchlebt. Es ist also nur logisch, wenn auch solch alltäglicher Horror mit der Wackelkamera gefilmt und so mit dokumentarischem „Glaubwürdigkeitsanspruch“ versehen wird. A Girl Like Her ist ein solcher Versuch. Die Filmemacherin Amy S. Weber (Annabelle & Bear, 2010) demonstriert den alltäglichen Horror des Mobbings mit den Mitteln des Dokumentarfilms. Das ergibt durchaus Sinn, weil auf diese Weise Dinge gezeigt werden können, die im echten Doku nicht möglich wären. Dinge, die unter die Haut gehen. Zum Beispiel die Attacken der Aggressoren, oder die unmittelbaren Reaktionen der Umwelt. Im Film unternimmt das Opfer, die Highschool-Absolventin Jessica (Ainsworth) einen Selbstmordversuch und fällt darauf ins Koma. Das gibt den Rahmen von Webers Werk. Während Jessicas Angehörigen um ihr Leben bangen, wird ihre Geschichte aufgerollt. Dabei rückt die Intiantin des Mobbing, eine ehemalige Mitschülerin Jessicas, immer stärker ins Zentrum. Die Doku-Form hat zwar einige Schwächen (zwischendurch hapert es mit der Glaubwürdigkeit), aber auch ganz starke Vorzüge. Das Geschehen wirkt derart unmittelbar, dass es die Zuschauer mit voller emotionaler Wucht trifft und sie richtiggehend durchschüttelt. A Girl Like Her zwingt geradezu zum Nachdenken.
 A Girl Like Her ist ein zeitgenössischer vergessener Film, ein hervorragendes, wichtiges Werk, das im Blockbuster-Gedröhne und im Film-Überangebot völlig unterging. Es wäre sehr wünschenswert, wenn es einen deutschen Verleiher oder zumindest einen DVD-Anbieter finden würde!

The Man From U.N.C.L.E.
(dt.: Codename U.N.C.L.E., Guy Ritchie, USA 2015) Mit Henry Cavill, Armie Hammer, Alicia Vikander, Hugh Grant u.a.
Dieses Remake der gleichnamigen TV-Serie aus den Sixties ist eine kurzweilige, herrlich unterkühlte Agentenfilm-Parodie, mit einer gut aufgelegten Darsteller-Equipe, wunderbaren Dialogen und inszenatorischer Raffinesse. Das ganze ermüdet allerdings auf Dauer etwas, weil die witzigen Querelen zwischen dem russischen und dem amerikanischen Spion gegen Ende zugunsten eines actionreichen Showdowns in den Hintergrund treten müssen.

Magic in the Moonlight
(Woody Allen, USA 2014) Mit Colin Firth, Emma Stone, Simon McBurney, Marcia Gay Harden u.a.
In den Achzigerjahren war ich ein grosser Woody-Allen-Fan; damals entstanden seine besten Werke (Zelig, The Purple Rose of Cairo); dann ging’s – mit Ausnahmen – mit seinem Werk bergab. Als Fan gebe ich dem Mann immer mal wieder eine Chance, und zuerst dachte ich, mit Magic in the Moonlight hätte Allen zu alter Frische zurückgefunden. Doch gegen Ende kam die Ernüchterung: Das neckische Spiel um Sinn und Sinnlosigkeit des Lebens glänzt zwar mit tollen, herausfordernden Dialogen, ist aber derart nachlässig und lustlos inszeniert, dass man das Gefühl bekommt, Allen schreibe zwar gerne Drehbücher, sei aber an deren Umsetzung nicht mehr wirklich interessiert.

Augenfutter:
Von morgens bis mitternachts
(Karlheinz Martin, Deutschland 1922) Mit Ernst Deutsch, Erna Morena, Roma Bahn, u.a.
Hier geht es zu meinem Artikel zu dem einzigen wirklich expressionistischen deutschen Stummfilm. Und unten kann er in voller Länge angeschaut werden.

 

Der klassische Film diese Woche – Blick in andere Film-Blogs:
– Zwei gänzlich unterschiedliche Klassiker deutscher Produktion stellt Schlombie auf Schlombies Filmbesprechungen vor: Der Hexer (Carl Lamac, 1932) und …und noch nicht sechzehn (Peter Baumgartner, 1967).
– Und noch ein deutscher Film-Oldie: Freddy und die Melodie der Nacht (Wolfgang Schleif, 1960), besprochen auf dem Blog Grün ist die Heide.

Vorschau:
In der nächsten Ausgabe steht auch mal wieder ein Klassiker des französischen Kinos im Zentrum, René Clairs La beauté du diable (dt.: Der Pakt mit dem Teufel, 1950), eine komödiantische Faust-Variation, in der die beiden Gross-Mimen Michel Simon und Gérard Philippe ein regelrechtes Schauspiel-Feuerwerk abbrennen: Simon verkörpert sowohl den alten Faust als auch Mefistofeles, der sich zugleich als der alte Faust ausgibt. Und Philippe spielt den jung gewordenen Faust – und den Teufel.

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Eine Sommernachts-Sexkomödie

A MIDSUMMERNIGHT’S SEX COMEDY
(dt.: Eine Sommernachts-Sexkomödie)
USA 1982
Regie, Drehbuch und Hauptrolle: Woody Allen
Dasteller: Woody Allen, Mary Steenburgen, Mia Farrow, José Ferrer, Julie Haggerty, Tony Roberts
Deutschsprachige Kinoauswertung: 1982 unter dem Titel Eine Sommernachts-Sexkomödie
Dauer: 88 min
Bewertung: * * * * *

INHALT:
Drei Paare im ausgehenden 19. Jahrhundert auf Urlaub in freier Natur. Der Erfinder Andrew und seine Frau Adrian, die gerade in einer sexuellen Krise stecken, laden einen befreundeten ältlichen Professor und dessen zukünftige junge Frau und Andrews Freund Maxwell in ihr Landhaus ein. Womanizer Maxwell – er ist Arzt – schleppt noch die sexy Praxishilfe Dulcy mit – und fertig ist der Mix: Unter dem Einfluss vollmondbeschiener Sommernächte geraten die Pärchen auseinander, durcheinander, jede(r) guckt ein bisschen über den Gartenzaun des anderen, man möchte gern fremd gehen, tut es zum Teil auch – und das alles ist ein bischen verklemmt und verschämt.
Dabei wird vor allem über Sex geredet – witzig, intelligent und sarkastisch.

REGIE:
A Midsummernight’s Sex Comedy war einer der ersten Ausflüge des „Stadtneurotikers“ in die freie Natur. Er fängt sie mit wunderschönen Bildsequenzen ein, die er mit Orchestermusik von Felix Mendelssohn unterlegt. Doch als wäre es ihm bei der Natur-Inszenierung nicht ganz wohl, beginnt er mittendrin, sich darüber lustig zu machen, indem er plötzlich nur noch Bilder von niedlichen Waldtieren aufeinanderfolgen lässt. Es folgen weitere solcher mit Mendelssohn unterlegter Natur-Sequenzen, welche die Funktion von Zwischenakten übernehmen und die unsere Protagonisten in die Natur einbetten – meist auf komödiantische Weise. Sie sind als Parodien auf Renoir-Idyllen gestaltet. Das Stichwort „Zwischenaktmusik“ weist auf die Bühnenhaftigkeit des Films hin. Dialoge stehen klar im Zentrum des Films, der tatsächlich wirkt wie eine Theaterverfilmung. Doch Allen bricht das Theaterhafte mit hübschen visuellen Ideen immer wieder auf, so, dass das statisch-bühnenhaftige nie zuviel Gewicht bekommt.

DREHBUCH:
Woody Allen konzipiert den Film als Romantik-Idylle: Eine kleine Gesellschaft begibt sich in die Natur und erliegt ihrem Zauber. Das magisch-animistsche ergreift Besitz von den Menschen und transformiert sie. Diese romantische Idee untergräbt Allen schalkhaft, indem er die Protagonisten über nichts anderes als Sex reden lässt. Die Natur transformiert die Menschen – insbesondere die Männer – insofern, indem sie das Tier in ihnen herauslockt.
Das setzt Allen in bisweilen witzig-ironischen Dialogen um, die nie plump oder peinlich wirken. Die Protagonisten sind, wie es sich für eine solche „Versuchsanordnung“ gehört, Prototypen: Ein pompöser Professor, ein sexbesessener Arzt, ein ungeschickter Erfinder, eine (vermeintlich) dümmliche Krankenschwester, eine frustrierte Ehefrau, eine Frau von Welt. Die Frauenrollen sind eher blass und bleiben daher etwas hinter den scharf gezeichneten Männern zurück.

DIE SCHAUSPIELER/INNEN:
Gut. Nicht grossartig, aber gut. Gefällig.
Allen ist und bleibt ein Kasper – in jeder Rolle immer gleich. Definitiv kein Schauspieler. Der Rest der Crew: Passabel. Mia Farrow überrascht in einer eher erdigen Rolle (obwohl sie im Film Ariel heisst – noch so ein querer Scherz!), sie wurde dafür allerdings für den „Razzie“ als schlechteste Schauspielerin des Jahres nominiert. José Ferrer überzeugt als professoraler Wichtigtuer. Julie Hagerty, Mary Steenburgen und Tony Roberts verblassen daneben.
Im Casting liegt der Schwachpunkt des Films. Der einzige.

DEKOR & KOSTÜME:
Man fand ein wunderschönes altes Haus in den Pocantico Hills, in der Nähe New Yorks, inmitten von Wäldern und Auen. Der Drehort wurde auf „Wende zum 20. Jahrhundert“ von Speed Hopkins und Carol Joffe zurechtgemacht, was einige sehr schöne Totalen ergibt. Die Kostüme (Santo Loquasto) sind schön, aber unspektakulär – genau passend zum Ton des Films und zur gezeigten Gesellschaft.

FAZIT:
Ein amüsantes Nichts, das sich im Grunde selbst genügt, dabei aber sehr gut und auf hohem Niveau unterhält.

DIE DEUTSCHE DVD:
Die DVD von MGM ist leider nicht das Gelbe vom Ei. Das Positive zuerst: Der Film ist in seiner englischen Originalfassung betrachtbar sowie in deutscher, französischer, italienischer und spanischer Synchro. Freundlicherweise gibt es diesmal auch deutsche Untertitel (für Hörgeschädigte) – anders als in einigen anderen alten Woody Allen-Filmen dieses Herausgebers, wo man ohne deutsche Untertitel auskommen muss.
Die Bildqualität lässt zu wünschen übrig: Das Bild ist leicht schwummerig und nicht wirklich scharf.
Und an Extras magelt es ebenfalls: Nur gerade der Trailer zum Film ist vorhanden.
Schade! Der Film hätte eine liebevollere Edition verdient!

VORHER-NACHHER:
Woody Allen drehte vor diesem Film Stardust Memories (1980), danach folgte sein Meisterwerk Zelig (1983).
Mia Farrows „Film davor“ war die Liebesschnulze Hurricane, entstanden 1979 unter der Regie von Jan Troell. In dem Film nach A Midsummernight’s Sex Comedy war sie nur zu hören, sie lieh ihre Stimme dem Last Unicorn  im 1982 entstandenen gleichnamigen Zeichentrickfilm von Jules Bass und Arthur Rankin Jr. (dt: Das letzte Einhorn). A Midsummernight’s Sex Comedy war Mia Farrows erster Film mit ihrem späteren Partner Woody Allen – der erste von insgesamt dreizehn.
José Ferrer war vor diesem Film in einer kleinen Rolle im 1981 gedrehten Horrorfilm Bloody Birthday (dt.: Angst) von Ed Hunt zu sehen. Danach trat er, ebenfalls 1982, in einer Hauptrolle in einem weiteren Horror-Streifen auf: Blood Tide (dt.: Das Monster aus der Tiefe) von Richard Jeffries. Ferrers berühmtesten Rollen waren Cyrano De Bergerac im gleichnamigen Film von Michael Gordon (1950) und Toulouse Lautrec in John Hustons Moulin Rouge (1952). José Ferrer führte in sieben Filmen selbst Regie.

 

Ein Wunderwerk um Schein und Sein – Woody Allens „The Purple Rose Of Cairo“

Mit The Purple Rose of Cairo hat Woody Allen Anfang der Achzigerjahre eine wunderschöne Liebeserklärung ans Kino gemacht – in gewohnt verrückter Manier. Ein Film, der noch heute zum Träumen und Nachdenken anregt.

Purple Rose„Ich will mein Geld zurück“, schimpft eine entrüstete Kinobesucherin, „der Film ging letzte Woche ganz anders!“
Eine typische Woody-Allen-Dialogzeile, absurd und witzig zugleich. Sie ergibt sich im Lauf des Films aus dessen verrückter Grundidee: Eine Filmfigur verlässt die Leinwand und tritt in die Realität über.
Woody Allen bastelt daraus eine wunderbar luftige, tief berührende Hommage an den Zauber und die Heilkraft des Kinos. Dabei schöpft er die Grundidee aus, ohne damit auch nur einen Moment zu ermüden. Erstaunlich, was ihm da alles einfällt: Nachdem der Archäologe Tom Baxter die Leinwand verlassen hat, kann der „on screen“ verbleibende Rest der Filmfiguren nicht mehr weitermachen und beginnt zu streiten; der entsprungene Archäologe reflektiert die reale Welt beständig durch die Augen der Kunstfigur, was zu absurden Dialogen von bisweilen philosophischer Tiefe führt; als er die reale Cecilia, in welche er sich verliebt hat, auf die Leinwand und ins Filmgeschehen hineinzieht, kann der Film zwar weitergehen, aber die zusätzliche Person führt zu einer gänzlich anderen Handlung; der Schauspieler Gil Shepherd, der im Film den Archäologen gibt, wird vom verunsicherten Filmproduzenten an den Ort des Geschehens geschickt und findet sich plötzlich in der Situation, mit seinem anderen „Selbst“ verhandeln zu müssen.
Inmitten der Aufregung bewegt sich Cecilia wie eine Schlafwandlerin, die nicht mehr weiss, wie ihr geschieht, weil ihre Film-Träume plötzlich real geworden sind. Aber was ist schon real?

Mit traumwandlerischer Sicherheit erforscht Woody Allen in diesem Meisterwerk den schmalen Grat zwischen Schein und Sein, zwischen Alltagsflucht und Fiktion.
Wir schreiben die Dreissigerjahre – Depressionszeit. Cecilia flüchtet aus ihrem tristen Alltag mit ihrem arbeitslosen, rüpelhaften Ehemann in die bessere Welt des Kinos. Tom Baxter flüchtet aus der trüben, sich endlos wiederholenden Routine seines einen Films in die vielfältige Wunderwelt der Realität.
Im Kino – wo sonst? – treffen die beiden Flüchtlinge aufeinander, verlieben sich – und lösen damit einen Wirbel aus, der unterhaltsamer ist als jeder Film.

The Purple Rose of Cairo ist wunderbar vielschichtig und jede Schicht vermag zu begeistern. Da ist einmal die Rekonstruktion der Dreissigerjahre, die Allen und seinen Ausstattern Stuart Wurtel und Edward Pisoni verblüffend direkt und überzeugend gerät – ebenso die Rekonstruktion eines (fiktiven) Films aus den Dreissigerjahren mit all seinen Manierismen und Gepflogenheiten (The Purple Rose of Cairo ist nichts anderes als der Titel dieses Films, aus dem Baxter ausbüxt – ein doppelter Filmtitel also).
Eine weitere Schicht oder Thematik dieses Wunderwerks heisst Film im Film. Diese Thematik melkt Allen auf nahezu erschöpfende Weise (siehe oben).
Und dann gibt es noch eine versteckte Thematik, die den Film zur Wundertüte macht für Leute, die gerne analysieren, nämlich die Thematik der Dopplung, welche das Spiel mit Realität und Film beinhaltet. Der Dualismus Realität und Fiktion wird vielfach gespiegelt in immer neuen Dopplungen: Da ist einmal der doppelte Titel, der sowohl Allens Werk aus dem Jahr 1985 ziert, aber gleichzeitig auch den fiktiven Film, der darin zu sehen ist. Es gibt zwei Flüchtlinge in dem Film, jeder flüchtet in die „Realität“ des jeweils anderen. Und zu guter Letzt erscheint auch noch Jeff Daniels doppelt, einmal als Schauspieler Gil Shepherd, welcher die von ihm verkörperten Figur Tom Baxter dazu bringen soll, zurück in den Film zu gehen.

Obwohl der Film in der Erläuterung klingt, als sei er kalkuliert und berechnet, wirkt er genau gegenteilig: Er ist bezaubernd und berührend. Und das ist das Wunderbare daran. The Purple Rose Of Cairo ist nicht nur eine der schönsten Liebeserklärungen an das Kino, die das Kino je hervorgebracht hat – er ist Kino in Reinkultur.
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Weitere Filmempfehlungen (sämtliche Filme sind auf DVD erhältlich, sofern nicht anders vermerkt):

To Rome With Love (2012) Nach Husbands and Wives (1992) ging es mit Woody Allen bergab. Ich schaute mir zwar noch an, was er nach seiner Trennung von Mia Farrow gedreht hatte – aber nach dem verwirrenden Deconstructing Harry (1997) verabschiedete ich mich von ihm: Ich ging in keinen seiner Filme mehr. Bis vor ein paar Tagen, als ich mit To Rome With Love doch wieder einen Versuch wagte. Und – welche Freude: Der gute, alte Woody ist wieder da (wie lange schon?)! Die liebevolle Figurenzeichnung, die ich in den letzten noch visionierten Filmen so schmerzlich vermisst hatte, die verqueren Ideen, die wunderbaren Dialoge – alles wieder da, in alter Frische! To Rome
Allens Rom-Porträt ist ein köstliches Geschichten-Quartett um einem Architekten (Alec Baldwin), der in den Gassen der ewigen Stadt ein jüngeres alter ego trifft und dadurch in seine Vergangeheit eintaucht; um ein junges Paar aus der Provinz, das von der Stadt auseinandergerissen, in haarsträubende Liebeswirren gestürzt und neu wieder zusammengefügt wird,; um einen Bestattungsunternehmer, der unter der Dusche zum Weltklassetenor wird (gespielt wird er vom italienischen Tenor Fabio Armiliato) und um den kleinen Büroangestellten Leopoldo Pisanello (Roberto Benigni), der über Nacht zum gefeierten Medienstar wird. Wie in seinen Meisterwerken (s. oben) lässt Allen hier Absurdes alltäglich erscheinen und die Liebe zu seinen Figuren spürbar werden. Und nun, das habe ich mir fest vorgenommen, wird nachgeholt, was ich aus Allens Werk zwischen 1998 und 2011 verpasst habe! Und Altes wiedergeschaut. Schliesslich gehörte der Kerl mal zu meinen Lieblingsregisseuren!
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The Ghost Writer  (Der Ghostwriter – 2010) Roman Polanski spannt mit Erfolgsautor Robert Harris zusammen und verfilmt dessen Bestseller The Ghost – das Drehbuch schrieben Harris und Polanski zusammen. Da haben sich zwei vom gleichen Schlag gefunden, entsprechend hoch sind die Erwartungen an den Film.
ghost writerSie wurden, zumindest bei mir, enttäuscht. Die Handlung um den Ghostwriter des britischen Ex-Premiers, der im Zug seiner Arbeit in dessen Vergangenheit auf gefährliche Verstrickungen mit der CIA stöss, windet sich zäh dahin, vieles bleibt nebulös, und die Auflösung erfolgt buchstäblich in letzer Filmminute. Bis dahin bläst Polanski die Sache mit düster dräuenden Bildern, schleichenden Kamerafahrten und drohend orgelnder Filmmusik dämonisch auf. „Da ist etwas Böses“, suggerieren die Bilder permanent. „Ja, dann rückt doch endlich mal damit ‚raus!“, ist der geduldgeprüfte Zuschauer nach drei Vierteln des Films auszurufen geneigt. Als die Katze dann endlich aus dem Sack ist – ist das Interesse an der Sache bereits verflogen. Toll inszeniert und bebildert ist das Ganze, keine Frage, aber seltsam blutleer. Weder die Hauptfigur noch irgend eine der Nebenfiguren vermögen das Interesse des Zuschauers zu wecken.
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Me And Orson Welles (Ich & Orson Welles – 2008) Richard Linklater, bekannt für seine „Before…“-Trilogie, unternimmt hier einen Trip in die Dreissigerjahre und unterlegt diesen mit alten Jazz-Aufnahmen. Man fühlt sich auf der Bild- und Tonebene immer wieder an Woody Allens Meisterwerk The Purple Rose Of Cairo (s.o.) erinnert. Doch Me And Orson Welles vermag trotz interessanter Thematik, einem hervorragenden Schauspielerensemble und einem tollen Drehbuch nicht wirklich zu überzeugen, denn es gibt einen ganz erheblichen Störfaktor: Zac Efron! Er passt weder in seine Rolle noch ins Ensemble noch in die Dreissigerjahre. Mit anderen Worten: Er wirkt in diesem Film wie ein Fremdkörper. Und das ist fatal, denn er hat die Hauptrolle inne. Selten habe ich einen Film gesehen, dessen guter Eindruck von einer Person derart getrübt wurde! Me and Orson Welles
Der Film basiert auf Orson Welles legendärer Bühneninszenierung von Shakespeares Julius Cäsar und behandelt das Thema Genie, Despotismus, künstlerische Eigenständigkeit und Mittelmässigkeit auf spannende und anregende Weise. Teenie-Star Efron wurde wohl vor allem deshalb engagiert, weil die Produzenten einen Flop befürchteten – obwohl er schauspielerisch keinem seiner mitwirkenden Kollegen das Wasser auch nur annähernd reichen kann. Schade – der Film ist immer hin noch gut, anregend, schön anzusehen. Aber er könnte mehr sein!
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Les Misérables (2012) Autsch! Tom Hoopers Musical-Verfilmung schmerzt. Daran ist der Regisseur Schuld. Schon in The King’s Speech (2010) hat mich seine Regieführung partiell genervt, hier macht er mich rasend! Unmotivierte Kamerafahrten (ständig rast die Kamera gen Himmel), abrupte, zum Teil völlig unmotivierte Schnitte und mangelnde Schauspielerführung sind das eine. Was aber noch viel schwerer wiegt, sind schnittlos abgefilmte Gesangszenen, welche in einigen Fällen zur Peinlichkeit geraten. Miserables HooperAnne Hathaway zum Beispiel liefert hier zwar die beste Leistung ihrer bisherigen Karriere und offenbart eine hervorragende Singstimme – doch der Regisseur versaut ihr die Szene, indem er sie ohne Schnitt durch den Song (I Dreamed A Dream) hindurchpeitscht, eine Szene, die einem Schauspieler emotional das Letzte abverlangt und das auch noch singend. Hathaway hält sich tapfer, hält die Anstrengung (die Schauspieler mussten ohne Playback vor der Kamera tatsächlich singen) aber sichtlich nicht durch – was allerdings kein Wunder ist! Was für eine Niete von Regisseur! Er schafft es, die Schwächen der einzelnen Darsteller gnadenlos offenzulegen – am deutlichsten tritt dies bei Russell Crowe zutage, der weder singen noch spielen kann. Ich wundere mich über die vielen positiven Reaktionen, die Les Misérables erhalten hat. Der Film ist nur laut, kitsch- und emotionsüberfrachtet, grob und in seiner undifferenzierten Masslosigkeit völlig überkandidelt. Bäh!
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