Monat: Dezember 2011

Tonfilm-Seitensprung: Noch ein Weihnachtsfilm

REMEMBER THE NIGHT
(Dt.: Die unvergessliche Weihnachtsnacht)
USA 1940
Mit Fred MacMurray, Barabara Stanwyck, Beulah Bondi, Sterling Holloway,
Regie: Mitchell Leisen
Dauer: 92 min.

Staatsanwalt John Sargent soll am Weihnachtsabend Lee Leander, eine kleine Ladendiebin ins Gefängnis bringen. Kurze Sache, denkt er, doch ihr Verteidiger ist ein ehemaliger Schmierenkomödiant, der mit seinen endlosen Monologen den Prozess immer mehr in die Länge zieht. Durch einen geschickten Schachzug erreicht Sargent eine Vertagung des Falls bis zum dritten Januar. So kann er rechtzeitig zur Weihnachtsfeier im Haus seiner Mutter nach Indiana abreisen. Vorher sorgt er noch dafür, dass die Ladendiebin über die Feiertage freikommt.
Irrtümlicherweise wird sie aber in seinem Apartement abgeladen.

Was darauf folgt, lässt sich an wie ein Aufguss von Frank Capras It Happened One Night: Das ungleiche Paar bricht zu einer gemeinsamen, pannenreichen Reise auf. Weil Lee unglaublicherweise aus einem der Nachbardörfer stammt, fährt John einen Umweg, damit sie ihre Familie besuchen kann. Und da sie dort nicht willkommen ist, nimmt er sie mit zu seiner. Und dort erlebt sie zum ersten Mal Liebe und familiäre Zuneigung.

Klingt nach Schnulze? Das Drehbuch stammt aber von Preston Sturges!
Regie führt allerdings Mitchell Leisen, und der hat an Sturges‘ Buch heraumgebastelt. Wegen seiner Kürzungen und Umschreibungen soll Sturges nicht glücklich mit dem Film gewesen sein (wieder einer, der mit Leisens Arbeit nicht glücklich war – siehe auch hier).
Sein nachfolgendes Drehbuch verkaufte Sturges für einen Dollar – unter der Bedingung, dass er es selbst inzenieren dürfe. Heraus kam dabei The Great McGinty, dem er in schneller Folge weitere grandiose, auf eigenen Drehbüchern basierende Regiearbeiten hinterherrreichte: Christmas in July, The Philadelphia Story, Sullivan’s Travels, Hail the Conquering Hero oder The Lady Eve, dessen Hauptrolle er auch mit Barbara Stanwyck besetzte; er hatte sie bei den Dreharbeiten zu Remember the Night kennengelernt und ihr versprochen, eine Rolle für sie zu schreiben.

Remember the Night weiss durchaus zu unterhalten – die Dialoge sind spritzig, es gibt einige äusserst schräge Begebenheiten, die Sturges‘ Handschrift verraten, die Schauspieler sind bis in die hintereste Nebenrolle hervorragend besetzt, die Charaktere sind stimmig bis skurril – und trotzdem fehlt „das gewisse Etwas“. Zu routiniert wirkt das Ganze (Regisseur Leisen hatte auch diesen Film Tage vor dem eingeplanten Zeitbudget fertig im Kasten ohne finanziell überzogen zu haben – dafür war er in Hollywood bekannt und beliebt), zu uninspiriert und glatt werden die einzelnen Sequenzen abgewickelt. Wer Sturges‘ eigene Regiearbeiten kennt, wird von diesem  Film enttäuscht sein. Für alle, die sie nicht kennen ist Remember the Night ein angenehmer, leicht schnulziger Unterhaltungsfilm aus der Glanzzeit Hollywoods, mit allen Ingredienzien, die eine Komödie jener Zeit auszeichnet: Schräge Figuren, verrückte Situationen, eine herzerwärmende Liebesgeschichte und eine liebevolle Zeichnung von Amerikas „kleinen Leuten“. Auch der stereotype unterbelichtete Schwarze fehlt nicht, der durch die Filme jener Zeit geistert und der heute vom US-TV oder aus DVD-Editionen schamhaft herausgeschnitten wird. Hier wird er von Fred Toons gespielt, dessen Name in den End-Credits unterschlagen und durch den Nickname „Snowflakes“ ersetzt wird. Ein Stück Zeitgeschichte, das in der kürzlich erschienen deutschen Ausgabe dieses Films intakt geblieben ist.

Fazit: Kein It’s a Wonderful Life, kein Film, der lange haften bleibt. Eine nette Ablenkung und Entspannung vom Weihnachtsrummel.
Mehr nicht.
7/10

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Tonfilm-Seitensprung: Ein Weihnachtsoratorium

Nachdem schon nebenan bei Whoknows Best ein Weihnachts-Kontrastprogramm zelebriert wurde, weihnachtet es nun auch bei mir. In Ermangelung eines geeigneten Stummfilms stimme ich mit einem weiteren Tonfilm-Seitensprung auf das Fest der Liebe ein.
Ich hatte als Weihnachtsbeitrag zwar den Laurel & Hardy-Stummfilm Big Business (ja, der mit den Weihnachtsbäumen) in Betracht gezogen, die Idee jedoch wieder verworfen. Dieser Streifen ist bereits so oft besprochen, gezeigt, gesehen worden, dass seine Erwähnung an Weihnachten schon ein Gemeinplatz ist.
Deshalb now for something completely different:

NOT THE MESSIAH
(HE’S A VERY NAUGHTY BOY)
GB 2009
Mit Eric Idle, Shannon Mercer, Rosalind Plowright, William Ferguson, Christopher Purves u.a.
Regie: Aubrey Powell
Dauer: 90 min

Monty Python’s Flying Circus, das waren Graham Chapman, John Cleese, Eric Idle, Michael Palin, Terry Jones und Terry Gilliam. 1969 bis 1974 lief ihre gleichnamige Fernsehserie, bis 1983 drehte die Gruppe dann noch drei Filme, zwischendurch und danach gingen sie eigene Weg, als Regisseure (Gilliam und Jones), als Autoren von Dreh- und anderen Büchern (Cleese, Chapman, Idle, Palin), als Schauspieler (alle fünf). Nach Chapmans frühem Tod (1989) trennte man sich – doch Monty Python, war nicht tot. Er ist es noch immer nicht.

In unregelmässigen Abständen trifft die alte Truppe zusammen und haut auf den Putz. Gerade ist es wieder soweit, Graham Chapmans Buch A Liar’s Autobiography soll verfilmt werden, als Animationsfilm, die Pythons treffen sich vor dem Mikrophon (John Cleese’s Partizpation ist noch unsicher – alter Eigenbrötler!), jeder soll mehere Sprechrollen übernehmen.

Das letzte Python-Happening fand im Jahre 2009 statt, hiess Not the Messiah und war ein Oratorium.
Ein Oratorium?! Ja, richtig gelesen. Eric Idle hatte es geschrieben, es wurde in der Royal Albert Hall mit dem BBC Symphony Orchesta, dem BBC Chorus und vier Gesangssolisten aufgeführt. Idle nahm sich den Python-Film The Life of Brian vor und verarbeitete die Handlung zu einem Oratorium in Stil und Umfang von Händels Messiah. Musikalisch und kompositorisch zur Seite stand ihm der Komponist John Du Prez, von dem auch die Filmmusik zu The Meaning of Life stammt. Und somit hat gabelingeber auch dieses Jahr wieder eine Weihnachts-DVD zu besprechen, denn natürlich nimmt die Geburt des Messias Brian einen grossen Teil des Werkes ein.

Das Leben des Brian bildet aber nur das erzählerische Gerüst und bietet einige Aufhänger für die zentrale Sache dieser Aufführung – eine Reihe hinreissender Musiknummern, die sich in ihrer Gesamtheit zu einer erfrischend frechen Parodie auf den Musiktheaterbetrieb und dessen Stilrichtungen vereinen.
Vom barocken Oratorium über den Gospel und den englischen Folksong bis zum Musical werden Musikstile und Libretti auf wunderbare, oftmals zwerchfellerschütternde Weise durch den Kakao gezogen. Es ist deutlich, dass Monty Python und Brian nur als Kassenmagnete mit auf dem Programm stehen; Idle und Du Prez hätten ihre Oratoriums-Verballhornung problemlos und ohne Verluste auch ohne Erwähnung der beiden klingenden Namen schreiben können.

Not the Messiah wurde bereits 2007 in Australien uraufgeführt. Für die – einmalige – Aufführung in London im Jahre 2009 übernahmen sämtliche Pythons – ausser John Cleese (alter Eigenbrötler!) – kurze, im Originalscript nicht vorgesehene Gastauftritte. Diese wirken allerdings so notdürftig angeklebt, dass sie der gelungenen Produktion keinerlei zusätzliche Qualitäten beizufügen vermögen, es sei denn, man nimmt den Wiedererkennungseffekt als Qualitätsmerkmal. Dem Vergnügen tun sie allerdings auch keinen Abbruch.

Von Python-Fans wurde moniert, Not the Messiah sei nicht Monty Python pur, oder, auf der anderen Seite der Skala, Eric Idle beute seine vergangenen Erfolge mit der Python-Truppe aus. Beides greift zu kurz. Das erste Argument wird vom Zusatz „nach Monty Python“ ebenso entkräftet wie vom hohen Qualitätsgrad des Bühnenspektakels: Sowohl Idles Texte als auch Du Prez‘ Kompostionen sind erstklassig, da braucht’s gar kein Monty Python!  Das zweite Argument sticht eher: An zwei, drei Stellen leuchtet das Stichwort „Ausbeutung“ mit störender Deutlichkeit wie ein Warnsignal auf und überblendet den Spass kurzzeitig, doch angesichts der Brillianz der Konzeption und der Darbietung verpufft diese kleine Störung rasch zu Nichts.

Idles Texte sind ein Genuss (wer die englische Sprache versteht, ist trotz deutscher Untertitelung im Vorteil), die Musik besteht aus lauter Ohrwürmern und besitzt trotzdem Substanz und kompositorische Klasse. Nur schon, wie Idle verschiedene Python-Klassiker wie den Lumberjack Song oder die nudge-nudge-Nummer ins Geschehen einschmuggelt, zeugt von grosser Raffinesse. Die python’sche Respektlosigkeit hat sich Idle ebenso bewahrt wie den Hang zum intellektuellen Blödsinn. So ist das Lied „We Love Sheep“ eine deutliche Anspielung an „All we like Sheep“ aus Händels Original-Messias, die nur bemerkt, wer das Vorbild kennt. Ansonsten ist Python vor allem dank der Anwesenheit seiner Mitglieder präsent; der „typische Python-Humor“ tritt in den Hintergrund zugunsten einer umwerfenden musikalischen Parodie, die auch Klassikfans und Python-Abstinenzler anzusprechen vermag.
Und Menschen, die auf der Suche nach dem Alternativ-Weihnachtsprogramm sind. Lasst klingen, Leute. „Hail to the Shoe!“
Und fröhliche Weihnacht – natürlich!
8/10 (Die Wertung bezieht sich für einmal nicht auf filmische Qualitäten, sondern auf musikalische)

http://www.amazon.de/gp/product/B0039ISDDG/ref=s9_simh_gw_p74_d0_g74_i1?pf_rd_m=A3JWKAKR8XB7XF&pf_rd_s=center-2&pf_rd_r=00T5T0AJCD2D3C5MXX6R&pf_rd_t=101&pf_rd_p=463375173&pf_rd_i=301128

Neue Blogger-Aktion

AKTION BLOGÜR (blogübergreifendes Rezensieren)
Das ist der Titel einer blogübergreifenden Rezensier-Aktion, auf die ich eines Morgens während eines Speziergangs durch mein Hirn stiess – keine Ahnung, wie die dorthin gelangt ist.
Die Idee hinter BlogüR ist (wahrscheinlich), unsere zahlreichen Filmblogs untereinander ein bisserl mehr zu verbinden, das gegenseitige Kommentieren zu intensivieren. Ob das klappt, muss sich erst zeigen, und dafür muss ein Anfang gemacht werden.

Die Idee:
Zwei Blogger (oder mehr, was die Sache allerdings schwefälliger machen dürfte), zwei Blogger also schreiben über denselben Film je eine Rezension, legen ihre Sicht der Dinge dar und stellen diese dann am selben Tag ins Netz. Auf ihrem Blog. Mit Link zum jeweils anderen.
Dann darf diskutiert werden (via Kommentarfunktion) – nicht nur von den beiden, sondern von allen.

Der Ablauf:
-Blogger A schlägt Blogger B (und/oder weiteren Bloggern) einen Film vor, den beide rezensieren sollen. Blogger A stellt eine Deadline zur Diskussion; zu diesem Datum sollten beide Rezensionen ins Netzt gestellt werden.
-Blogger B akzeptiert; falls er nicht will, (weil ihn der Film nicht interessiert, er keine Zeit hat o.Ä) fragt A weiter.
-Blogger A schaut sich den Film an. Dann schickt er Blogger B den Film per Post zu (ohne Hülle dürfte ein DVD-Versand auch zwischen der Schweiz und Deutschland nicht allzu teuer werden).
-Blogger B guckt den Film, dann schickt er ihn A zurück.
-Zum ausgemachten Zeitpunkt erscheinen beide Rezensionen.
-Alle freuen sich, weil es endlich wieder was zu lesen gibt.
-Die Diskussion beginnt (vielleicht).

Nun seid Ihr gefragt, liebe Mit-Blogger (gibt es eigentlich keine Mit-Bloggerinnen?): Wer macht mit, wer hat Lust? Ich bin gespannt, ob ich damit jemanden ansprechen und zum Mitmachen bewegen kann…